Kapitel 10
Draco stand in der Tür zu Harrys Wohnzimmer und sah selbigen am Fenster stehen.
„Harry?"
Harry drehte sich zu ihm herum. „Weißt du, Draco, Kyle ist ein wirklich wichtiger Mensch für mich."
Draco schluckte. Sprachen sie jetzt über das Thema?
„So wichtig wie Ron und Hermine." Harry drehte den Kopf und sah wieder aus dem Fenster. „Und wenn es Teil seines Charakters ist, dass er gerne körperliche Nähe zu anderen Menschen sucht, dann ist das so."
„Warte, was willst du damit sagen?" Draco atmete schneller. Was hatte das zu bedeuten?
„Dass ihm seine Freunde das Wichtigste sind."
Plötzlich war da Kyle. Draco hatte gar nicht gemerkt, dass er auch da war, und bei seinen Worten fühlte er einen Stich. Es war überdeutlich; er zählte nicht zu Harrys Freunden.
Kyle ging auf Harry zu und legte einen Arm um ihn. Augenblicklich wirbelten Dracos Gefühle in ihm durcheinander, so schnell, dass er sie gar nicht alle benennen konnte. Er war wütend, zornig, verwirrt, verletzt. Verletzt?
Es fiel ihm schwer, sein Inneres wieder unter Kontrolle zu bekommen und noch viel schwerer, nicht einfach zu ihnen rüber zu gehen und Kyle ordentlich eine zu verpassen.
„Dass er für seine Freunde da ist." Kyles Arm wanderte tiefer. Und tiefer. „Immer."
Draco wurde schlecht. Die Beiden meinten gerade nicht wirklich das, wonach es aussah?
Diesmal war er sich sicher, diesmal hatte Kyle seine Hand definitiv auf Harrys Hintern gelegt. Und trotzdem hoffte er, dass das nicht wahr wäre. Das passte nicht zu Harry. Bei diesem grauenvollen Anblick spürte er wieder die Wut in sich aufsteigen. Das war nur Kyles Schuld, er hatte einen schlechten Einfluss auf Harry. Vielleicht hielt Harry an Vergangenem fest und fühlte sich nun dazu verpflichtet, aber so durfte ein Freund nicht sein. Zornig hob Draco den Blick. Er würde schon dafür sorgen -
Kyle veränderte sich. Seine Haut war fahlgrau und er wuchs. Sein Körper wurde größer und größer, während sein Kopf klein blieb. Statt seiner blonden Haare hatte er nun eine Glatze und sein hübsches Gesicht hatte sich in ein dümmliches wie das eines Trolls verwandelt. Mittlerweile musste er sich bücken, da er größer war als es die Zimmerhöhe zuließ. Dracos Mund war einen leichten Spalt geöffnet, denn er konnte kaum glauben, was da soeben passiert war. Kyle hatte sich in einen Troll verwandelt.
Noch bevor Draco reagieren konnte, hatte der Troll mit seiner einen Hand Harry geschnappt. Mit der anderen Hand stemmte er gegen das Fenster und brach es auf. Das Glas klirrte herab und der Troll zwängte sich mit seiner gewaltigen Körpermasse hindurch. Draco begriff, dass der Troll mit Harry verschwinden wollte.
„Hey!", rief er und stürzte zur anderen Seite des Raums. „Bleib gefälligst hier!"
Aber der Troll war schon durch die demolierte Hausmauer hindurch, sein Rücken versperrte Draco die Sicht auf Harry. Er konnte nicht sehen, ob Harry sich dagegen wehrte oder ob er vielleicht verletzt war. Draco hetzte zum zerstörten Fenster und kletterte vorsichtig durch das Loch. Schnell blickte er sich suchend um. Der Troll bahnte sich mit Harry bereits seinen Weg durch die Hintergärten der Nachbarschaft. Draco rannte ihnen hinterher.
„Hey, du Missgeburt, bleib stehen! Er gehört -"
Draco schreckte von seinem Bett hoch. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und es dauerte eine Weile, bis er das Klopfen an seiner Tür bemerkte. Schließlich öffnete sie sich.
„Draco?"
Obwohl es in seinem Zimmer dunkel war und er wenig von Kyles Gesicht erkennen konnte, fühlte sich Draco sofort in seinen Traum zurückversetzt.
„Ah, du lebst noch, ich hatte mir schon Sorgen gemacht", sagte Kyle und lächelte ihn an. „Eigentlich wollte ich nur fragen, ob du Hunger hast?"
Noch leicht benommen schüttelte Draco den Kopf.
„Okay, ich seh' schon, ich hab dich wohl mitten aus dem Schlaf gerissen, sorry. Du weißt ja, wo du uns findest."
Kyle schloss die Tür und Draco war wieder im Dunkeln. Er versuchte, den Traum zu verarbeiten und die Erinnerungen in Wirklichkeit und Traum zu unterteilen.
Dass Kyle ziemlich aufdringlich war, das stimmte und auch, dass Harry das nicht so schlimm sah. Dass Kyle sich aber in einen Troll verwandelte, das entsprang seiner Fantasie und war wohl dem geschuldet, was er sich am Abend zuvor hatte anhören müssen.
Kyle hatte recht unterhaltsam von dem Troll erzählt, wegen dem er zur Arbeit gerufen war. Draco hatte allerdings nur mit halbem Ohr zugehört, da er sich die ganze Zeit darüber ärgerte, wie gespannt Potter an Kyles Lippen gehangen hatte. Und das, obwohl Potter nach eigener Aussage unangenehme Erinnerungen mit dem Troll verband. Wenigstens erklärte es, weshalb er von einem Troll geträumt hatte.
Er gehört mir.
Schlagartig fiel ihm ein, was er im Traum hatte rufen wollen. Beschämt von sich selbst ließ er sich zurück ins Bett fallen und vergrub sein Gesicht im Kissen.
Ein unbehagliches Gefühl überkam ihn und er wusste, dass er sich diesmal nicht davor drücken konnte. Zu oft hatte er bewusst und weniger bewusst diesen Teil seiner Gedanken gestreift und wieder verdrängt, als dass er es nach diesem Traum noch länger konnte. Langsam öffnete er das imaginäre Ventil für seine Gedanken.
Er mochte nicht, wie gut sich Harry und Kyle verstanden. Und er mochte nicht, dass Kyle so kontaktfreudig war – und zwar egal, ob er an Harry interessiert war oder nicht. In erster Linie mochte er nicht, dass Kyle überhaupt hier war. Und er konnte es gar nicht erwarten, dass Kyle wieder ging.
Er mochte die weittragende Bedeutung dessen nicht, worüber er sich nun sicher war:
Er mochte Potter. Mochte Harry.
Resigniert vergrub er seinen Kopf nun unter dem Kissen. Warum musste alles, was mit Potter zu tun hatte, so kompliziert sein? Konnten sie nicht eines Tages einfach ganz normale Freunde werden? Oder wenn sie diese merkwürdige Art von Waffenstillstand beibehielten, wäre er auch zufrieden. Aber nein, wo Potter war, war die Hölle nicht weit. Seine eigene, ganz persönliche Hölle.
Und jetzt?
Was sollte er tun? Wie sollte er sich Harry gegenüber verhalten? Wäre es nicht das Beste, wenn er sich so verhielt wie immer? Dann würde Harry auch keinen Verdacht hegen. Und wenn er erst mal wieder daheim war... Ja, aus den Augen, aus dem Sinn.
Nicht ganz glücklich mit seinem Ergebnis wälzte sich Draco in seinem Bett unruhig umher, bis ihn sein Hunger doch nach unten trieb.
Am Fuße der Treppe blieb er kurz stehen. Er dachte an die verbleibende Zeit, in der er sich verstellen müsste und an die vergangene Zeit, in der ihn seine Gedanken und Emotionen bereits psychisch gefordert hatten und es war als müsste er eine innere Wand überwinden. Mit einem Mal fühlte er sich müde und erst Harrys und Kyles Lachen ließen ihn aus seiner Starre erwachen. In der Küche suchte er nach etwas essbarem und zögerte damit das Zusammentreffen noch etwas hinaus.
Schließlich stand er vor der verschlossenen Tür, die zum Wohnzimmer führte. Zu seinem Magengeschwür kamen auch noch Herzrhythmusstörungen. Verdächtigerweise immer dann, wenn es um Potter ging. Jetzt wusste er auch, wieso.
Als er ins Wohnzimmer trat, wäre er am liebsten wieder umgedreht. Da saßen Harry und Kyle nebeneinander auf der Couch und waren über ein Fotobuch gebeugt. Kyle stützte sich mit einer Hand auf dem Tisch ab, die andere Hand hatte er auf die Rücklehne der Couch hinter Harry gelegt. Fast so, als würde er ihn umarmen. Wie konnte Potter das nicht sehen? Draco suchte nach Zeichen, ob nicht vielleicht wirklich Harry die Nähe zu Kyle suchte.
Der Schwarzhaarige erzählte gerade aufgeregt von einem Erlebnis und blickte von dem Fotobuch hoch in Kyles Gesicht. Seine Augen strahlten. 'Musste wohl eine fabelhafte Story sein, die er da gerade erzählte', dachte Draco verächtlich.
Missmutig ließ er sich für eine ihm ganz untypische Art in den Sessel daneben fallen. Er hätte nicht gedacht, dass er sogar lieber das Wiesel hier gehabt hätte. Dann könnte er in guter alter Tradition mit ihm kämpfen, bis die Fetzen flogen. Oder er aus dem Haus.
„Hey", begrüßte ihn Harry. Draco blickte zu ihnen rüber und stellte fest, dass Harry sich ihm zugewandt hatte. Er hatte ein schiefes Lächeln aufgesetzt, vermutlich dachte er an ihre Auseinandersetzung von gestern. Draco holte Luft und lächelte genauso schief zurück. Sein Herz klopfte ihm wieder bis zum Hals.
Der Blonde hatte sein Buch vor sich und versuchte darin zu lesen. Allerdings warf er immer wieder verstohlen Blicke zu den anderen beiden Männern, weshalb er damit nicht weit kam. Unerwartet blieb er an den blauen Augen Kyles hängen, die zurückstarrten. Verärgert darüber, dass er dabei ertappt wurde, zog er die Augenbrauen zusammen. Kyle hingegen, so schien es, lehnte sich noch näher an Harry und grinste ihn an. Das durfte doch nicht wahr sein! Machte er sich etwa über ihn lustig? Unweigerlich stellte er sich vor wie Kyle zum Troll mutierte und Harry kidnappte. Aufgewühlt ging Draco ohne weiteres aus dem Zimmer. Er brauchte dringend frische Luft.
~D~H~
Tock, tock, tock.
Draco rollte sich auf die andere Seite. Hatte es da gerade geklopft? Nachdem er ein paar Mal um den Block gelaufen war, war er zurück in sein Zimmer gegangen, um Kyle aus dem Weg zu gehen und war offensichtlich eingeschlafen.
„Draco?"
Der Gerufene stöhnte. Es war wie ein Déjà-vu.
„Bist du da?"
Jetzt erst erkannte er, dass es Harry war, der ihn rief.
„Ich wollte eigentlich nur sagen, dass Kyle -"
Draco hatte die Tür aufgerissen, noch bevor Harry seinen Satz beenden konnte. Harry starrte ihn unsicher an, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Der Blonde zog eine Augenbraue hoch.
„Dein Haar", sagte Harry schließlich. „Es steht ab."
Schnell fuhr sich Draco mit einer Hand durch sein Haar. Er merkte wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg, vor allem, als Harry ihn dabei beobachtete.
„Harry, also wirklich. Ich kann nicht glauben, dass du die hier immer noch hast. Du kannst doch zaubern." Kyle hatte unbemerkt die Tür zum Badezimmer geöffnet und hielt in der Hand ein Päckchen aus Karton, das er herumwedelte. Durex konnte Draco lesen. Musste etwas aus der Muggel-Welt sein, denn es sagte ihm nichts. Wie immer, wenn es um Dinge aus der Muggel-Welt gingen, fühlte er sich außen vorgelassen.
„Oder brauchst du die für Muggel?"
Harry hingegen schien das Produkt gut zu kennen, denn mit gerötetem Kopf stapfte er auf Kyle zu und schnappte ihm die Packung aus der Hand.
„Das geht dich gar nichts an", sagte er und öffnete die Tür zu seinem Zimmer, um die Packung ohne weiteres Hinsehens hinein zupfeffern.
„Das muss dir doch nicht peinlich sein, Harry", grinste Kyle schelmisch. „Nichts, was wir nicht alle kennen. Oder vielleicht doch?", fügte er mit einem Seitenblick auf Draco hinzu.
Draco starrte zurück. Dass er für seine Freunde da ist. Immer. Das hatte der Kyle aus seinem Traum gesagt und gemeint hatte er sicherlich noch eine Menge mehr. Misstrauisch versuchte er in Kyles Gesicht, seinem Blick, Hinweise darauf zu finden, dass dieser Kyle das genauso sehen könnte. Aber so angestrengt er suchte, da war nichts. Kyles Blick war so offen und ehrlich wie immer, sein Lächeln sympathisch und eher neckend als verhohlener Spott. Erleichtert atmete Draco auf.
„Du weißt ganz genau wie ich das meine", erwiderte Harry und ging an Draco vorbei, die Treppe hinunter. Seine Wangen waren immer noch leicht gerötet.
„Ich mach' doch nur Spaß, Harry. Du kennst mich." Kyle ging lachend mit seiner Reisetasche über der Schulter hinter Harry her.
Zurück blieb Draco, dem erst jetzt bewusst wurde, wie wenig er Harry kannte. Er wusste, wann er schlecht gelaunt war, wann verletzt, wann er mit den Gedanken wo anders war. Dass er ein guter Mensch war, der zuerst an andere dachte. Aber er kannte ihn nicht. Seine Erlebnisse und Erfahrungen mit ihm waren immer davon geprägt, den anderen zu übertrumpfen oder schlimmeres. Zeiten, an die man sich gerne zurückerinnerte oder wo man etwas voneinander erfahren hatte, weil man es bereitwillig erzählt hatte, gab es nicht. Harry und Kyle hingegen teilten etwas miteinander, was er niemals haben würde und gingen ihren eigenen Weg. Ohne sich beirren zu lassen - und ohne Draco.
Vor der Eingangstür beobachtete Draco wie Kyle sich gegen die kalten Temperaturen draußen rüstete. Um sich die Verabschiedungsszene zwischen dem anderen hellhaarigen und dem dunkelhaarigen Mann zu sparen, ergriff er die Initiative.
„Auf Wiedersehen, Kyle", sagte er.
„Auf Wiedersehen, Draco. Ich hab' mich wirklich gefreut, dich kennengelernt zu haben, hatte mir dich ganz anders vorgestellt."
Draco zweifelte keine Sekunde lang, dass Kyle das nicht nur so sagte, sondern wirklich meinte. Ein Lächeln zierte sein Gesicht und ließ die weißen Zähne hervorblitzen. Mit jeder Sekunde, in der er in dieses Gesicht sah, kam ihm sein Gedanke, der echte Kyle könnte wie der Traum-Kyle sein, immer alberner vor. Dennoch brachte er nicht mehr als ein angedeutetes Nicken hervor und ging wieder die Treppe hoch.
Vor Harrys Zimmer blieb er kurz stehen und gab schließlich einem inneren Impuls und seiner Neugierde nach. In dessen Zimmer sah er unter seinem Bett eine Ecke des Kartons hervorlugen. Er ging hin, um es aufzuheben.
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Nun wusste er zwar, wie es sich nannte, aber immer noch nicht, was es war. Neugierig schaute er in die Schachtel hinein und zog eines der vier Verbliebenen heraus. Die lila Verpackung war aus Plastik und rechteckig. Er konnte fühlen, dass etwas Rundes darin steckte.
„Was machst du da?"
Draco zuckte innerlich zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, wie Harry näher gekommen war. Ungeschickt versuchte er die Kondom-Packung hinter seinem Rücken zu verstecken. Sanft plumpsende Geräusche verrieten ihm, dass die anderen Verpackungen dabei aus der Schachtel fielen.
Harry brauchte natürlich nicht lange, um zu erkennen, was Draco so kläglich versteckte.
„Was soll denn das?", sagte er und ging auf ihn zu. Er streckte den Arm aus und Draco wich zurück. Aber Harry wollte nur schnell die heruntergefallenen Packungen aufheben und stopfte sie sich in seine Hosentasche. Fordernd streckte er nun die Hand aus. Es dauerte einen Moment bis Draco verstand, dass Harry das in seiner Hand wollte.
„Also?"
„Ich", begann Draco, „dachte, da ich nicht weiß, was es ist, könnte ich meinen Horizont im Hinblick auf die Muggel-Welt erweitern." Innerlich gratulierte er sich selbst zu dieser gelungenen Aussage. Es war die Wahrheit, aber es hörte sich viel besser an.
Harry schnaufte nur als Antwort. „Wir sollten essen", sagte er und drehte sich herum. Draco quittierte den merkwürdigen Themenwechsel mit einem Grinsen. Er musste unbedingt herausfinden, was das für Dinger waren, die Harry so aus dem Konzept brachten. Amüsiert beobachtete er, wie von Harry unbemerkt eine der lilafarbenen Packungen aus der vollgestopften Tasche fiel.
In der Küche hielt Harry Draco einen Zettel hin. „Du willst doch was über Muggel lernen. Auf dieser Karte stehen alle Gerichte, die dieses Restaurant anbietet. Man sucht sich das Gewünschte aus, ruft an und bestellt. Nach einer Zeit kommt jemand von dem Restaurant und bringt dir dein Essen nach Hause. Nennt man Lieferdienst und kann unter Umständen das Geschenk des Himmels sein."
„Wenn dir das nicht gefällt, ich hab' auch asiatisch, griechisch..." Harry drückte ihm weitere Karten in die Hand. „Such' dir einfach eine Nummer aus. Oder mehrere, wenn du Vorspeise und Hauptgericht willst, oder so."
Während Draco sich auf die Karten vor sich konzentrierte, war ihm nur allzu deutlich bewusst, dass Harry ihn dabei beobachtete, was die Sache nicht leichter machte. Vermutlich wartete er darauf, dass Draco sich sein Essen ausgesucht hatte, um selbst in die Karte zu sehen. Im Grunde war es aber egal, weshalb Harry ihn ansah. Ob es deshalb war, weil Harry darauf wartete, dass er fertig wurde, oder weil er eine Fliege im Gesicht hatte – Draco machte beides nervös. Wenigstens schien es als hätten sie ihren Disput von neulich überwunden oder zumindest beiseitegeschoben. Letztendlich entschied er sich für eine Nummer und schrieb sie auf das Blatt, das Harry auf den Tisch gelegt hatte, ohne wirklich zu wissen, wofür er sich nun entschieden hatte.
Nun war es an Draco, Harry zu beobachten. Der junge Mann mit den fürchterlich zerzausten Haaren hatte den Blick auf die Karte gesenkt, von der Draco glaubte sein Essen ausgewählt zu haben. Er betrachtete die schwarzen, geschwungenen Wimpern, die an jedem anderen lächerlich aussehen würden. Die blitzförmige Narbe lugte unter den schwarzen Haaren hervor. Sie sah nicht hübsch aus, aber sie gehörte zu Harry und machte ihn interessant. Wenn Harry außerhalb des Hauses war, strich er seine Haare immer vor seine Stirn, um die Narbe zu verdecken. Draco fragte sich, wann ihm das bewusst geworden war.
„Ist etwas? Hast du's dir anders überlegt?"
Draco blinzelte. Was hatte gerade Harry gesagt?
„Nein, alles okay."
„Sicher? Solange wir noch nicht bestellt haben, kannst du's noch ändern."
„Nein. Ich war nur gerade in Gedanken." Draco schob die Karten näher zu Harry. Während er darüber nachdachte, wie zum Teufel er es schaffen sollte, sich Harry gegenüber normal zu verhalten, spürte er plötzlich einen Stich in seinem linken Handrücken, der die Hand unkontrolliert aufzucken ließ. Er sah prüfend zu Harry, der scheinbar nichts mitbekam und blickte wieder zu seiner Hand. Der Schmerz ließ schnell nach, aber etwas fühlte sich nicht richtig an. Es war, als wäre etwas unter seiner Haut, ein Fremdkörper. Mit seinen Augen konnte er nichts erkennen und auch, als er mit den Fingern der anderen Hand darüber fuhr konnte er nichts spüren. Beunruhigt fühlte er noch mal mit den Fingern, aber es änderte sich nichts, das Gefühl blieb. Das fremdartige in seiner Hand und das beklemmende in seiner Brust.
