Provoziert. Verdammt. Unwiderstehlich.
Kapitel 11
Geben Sie mir einen Grund
Als Hermine den harten Finger ihres Professors spürte, der sich wie ein Messer in ihre Brust zu bohren schien, bereute sie bald, ihn und seine Nähe vermisst zu haben.
„Dieses Abkommen ist hiermit beendet", presste er zwischen seinen dünnen Lippen hervor. „Morgen werde ich dafür Sorge tragen, dass Sie zum Fuchsbau gelangen, wo sie eigentlich hingehört hätten."
„Nein! Alles, nur das nicht!", flehte sie.
Wie sollte sie auch Harry und Ron gegenüber treten, nach allem, was sie erlebt hatte? Und wie sollte sie einer mit allen Wassern gewaschenen Molly Weasley das verschweigen, was geschehen war? Vielleicht, so redete sie sich ein, würde sie es schaffen, sich anderen zu öffnen, wenn etwas mehr Zeit vergangen war. Aber nicht jetzt, so kurz danach...
„Bitte, ich werde niemandem davon erzählen."
„Halten Sie den Mund", zischte er kühl.
Langsam formten sich Tränen in ihren Augen und sie zog betreten die Nase hoch.
„Bitte, Professor. Ich verspreche es!"
Er beugte sich bedrohlich tief über sie und es war ein Wunder, dass sich dabei ihre Gesichter nicht berührten. Lediglich seine unordentlichen Haarsträhnen strichen sanft über ihre Wangen, ohne dass er es zu bemerken schien.
Sie schauderte. Er war so unsagbar wütend, dass sie nicht wusste, wozu er in dieser Stimmung fähig sein mochte.
Noch ehe sie registrierte, was geschah, zogen sich seine Mundwinkel zurück und sie erhaschte aus nächster Nähe einen Blick auf seine Zähne, die eher gelb als weiß wirkten.
Schon schlug ihr sein heißer Atem entgegen. Sie roch schwarzen Kaffee und den Duft seines Körpers, der seit jener verhängnisvollen Nacht an ihr zu haften schien, in der er sie gefunden und an sich gedrückt hatte.
„Ich habe Sie um einen kleinen Gefallen gebeten, Granger", raspelte er rau in ihr Ohr.
Sie öffnete den Mund, um zu protestieren, wusste aber nicht, was sie darauf antworten sollte. Er hatte Recht, wenngleich er ihr nicht konkret verboten hatte, zu lauschen, hätte sie es besser wissen müssen.
„Sie haben mich enttäuscht."
Ihre Augen konnten die Tränen nicht länger zurückhalten, als sie den verletzten Unterton in seiner Stimme hörte. In dicken, warmen Bahnen liefen sie über ihre Wangen und Hermine hatte das Gefühl, ihre Knie würden ebenfalls bald nachgeben.
Langsam ließ er seine Hand sinken.
„Diese Unterhaltung ist hiermit beendet. Er senkte den Blick. „Gehen Sie auf Ihr Zimmer."
„Warten Sie", jammerte sie mit zittriger Stimme, doch er schüttelte nur den Kopf.
„Nein. Ich habe genug von Ihnen."
Schluchzend machte sie kehrt und trottete davon.
Was hatte sie nur angerichtet!
Hermine zuckte verschreckt zusammen, als sie seinen Schrei hörte, der durchs Treppenhaus gellte.
„Granger! Abendessen!"
Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend stand sie vom Bett auf und machte sich reumütig auf den Weg in die Küche.
Er hatte versprochen, sich um sie zu kümmern, was er auch hielt. Anscheinend wagte er es nicht, sie auf ihrem Zimmer hungern zu lassen.
„Sie haben nach mir geschickt?", fragte sie scheu.
Er seufzte angespannt. „Setzen Sie sich und essen Sie. Sie sehen blass aus, Granger."
Wie seltsam es doch war, so etwas ausgerechnet aus seinem Mund zu hören. Ohne etwas zu erwidern, setzte sie sich an den Tisch, obwohl sie überhaupt keinen Appetit verspürte.
Das Abendessen zwischen ihnen verlief eigenartig. Snape begnügte sich damit, die Wand anzustarren und Hermine fühlte sich mit jeder verstrichenen Minute elender.
Was hatte sie nur angerichtet, nach allem, was er für sie getan hatte?
„Bitte, Professor, lassen Sie mich doch erklären …"
Er schnaubte. „Was wollen Sie erklären, Granger? Ich hatte Ihnen befohlen, oben zu verschwinden. Sie haben es nicht getan. Fertig. Genau das ist einer der Gründe, warum Sie nicht hier sein sollten."
„Aber warum haben Sie sie überhaupt reingelassen?"
Er hob seine Braue an. „Ist das nicht offensichtlich? Ich hätte mich verdächtig gemacht, wenn ich es nicht getan hätte. Können Sie das nicht verstehen? Es gehört zu meinem Leben, mit diesen Dingen umzugehen, jedoch nicht zu Ihrem." Er holte Luft. „Vielleicht ist Ihnen entfallen, wer hier wen um Hilfe gebeten hat, Miss Granger."
Sie hörte das Knirschen seiner Zähne und schauderte.
Natürlich würde er sie daran erinnern...
Traurig senkte sie den Kopf. Wieder einmal hatte sie die Ironie des Lebens eingeholt.
Als ob sie das je würde vergessen können. Und er hatte Recht. Sie hatte ihn angefleht, sie während der Ferien nicht zu den Weasleys zu schicken. Und das war nun ihr Dank dafür gewesen: sie hatte ihn belauscht und jedes einzelne Wort zwischen ihm und den beiden Schwestern mitbekommen.
„Bitte schicken Sie mich nicht zurück", flüsterte sie den Tränen nahe.
Er verzog seinen Mund zu einem scheußlichen Grinsen. „Nennen Sie mir einen Grund, warum ich es nicht tun sollte, Granger! Nur einen."
Fieberhaft kaute sie auf ihrer Lippe herum, während sie überlegte. Doch der einzige Grund, der ihr einfiel, war der, dass sie nicht fortgehen wollte.
Als keine Antwort kam, schnaubte er.
Hermine aber begriff immer noch nicht, was genau sich zuvor abgespielt hatte. In ihrem Kopf überschlugen sich die Fragen.
„Warum haben Sie das getan?", platzte es schließlich aus ihr heraus.
„Was getan?", fragte er mit funkelnden Augen.
„Warum haben Sie den Schwur durchgezogen?"
Es dauerte eine Weile, ehe er antwortete. „Ich bin sicher, Sie sind mit meinen Tätigkeiten soweit vertraut, dass Sie mir folgen können. Seien Sie jedoch gewarnt, dass es kein Privileg ist, mehr darüber zu wissen, als nötig. Es ist eine Bürde."
Hermine schluckte schwer, doch er fuhr einfach fort, wie immer mit einem hartem Ausdruck auf dem Gesicht und auch sonst gänzlich ohne Emotionen.
„Es ist meine Aufgabe, das Vertrauen des Dunklen Lords immer wieder aufs Neue zu gewinnen und dieses aufrecht zu erhalten." Er hielt inne und blickte sie eindringlich an. „Draco ist jung, Miss Granger, ebenso wie Sie. Und er steckt in einer misslichen Lage, ebenso wie Sie."
Hermine nickte. Es war sein gutes Recht, sie daran zu erinnern. So oft er wollte.
Unbehelligt fuhr er fort.
„Ist Ihnen in den Sinn gekommen, dass er vielleicht Hilfe brauchen könnte?"
Damit hatte sie nun nicht gerechnet. Draco war nicht gerade jemand, mit dem sie Sympathien geteilt hatte; im Gegenteil. Seine Art, ihr zu zeigen, dass sie nicht mehr als ein wertloses Schlammblut war, hatte sie oft genug verletzt und im Grunde genommen war ihr gleich, was mit ihm geschah.
Snape schien die Sache anders zu sehen und sie fühlte sich einmal mehr darin bestätigt, dass er den blonden Slytherin-Jungen allen anderen Schülern gegenüber bevorzugte.
Vollkommen verblüfft starrte sie ihn an und glaubte, Besorgnis in seinen Augen sehen zu können.
„Was soll das heißen?", fragte sie zaghaft.
„Er steckt in Schwierigkeiten. Akzeptieren Sie das. Mehr müssen Sie nicht darüber erfahren, Sie wissen ohnehin schon zu viel."
Damit war die Unterhaltung beendet.
In der darauffolgenden Nacht wurde sie von einem weiteren Albtraum heimgesucht.
Unruhig wälzte sie sich hin und her und erlebte all das Grauen, dass ihr zugefügt wurde, noch einmal, bis Snape sie bei den Schultern packte und sie aus dem Schlaf riss.
Er saß neben ihr und sah sie an, mit diesen dunklen, glühenden Augen. Hermine konnte ihr Herz schneller schlagen fühlen, doch sie war zu aufgewühlt, um einen klaren Gedanken zu fassen.
„Was tun Sie noch hier?", fragte sie verbittert. „Wollten Sie mich nicht sowieso wieder loshaben?"
Er zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Wie Sie wollen, Granger. Es steht Ihnen jederzeit frei, zu gehen."
Wütend biss sie sich auf die Lippe und drehte den Kopf zur Seite. War es das, was sie wollte?
Nein, definitiv nicht.
„Dachte ich mir", sagte er sarkastisch.
Sie fuhr herum. „Tatsächlich? Woher wollen Sie wissen, was ich will?"
„Ist das nicht offensichtlich? Ich kann Ihnen ansehen, dass Sie Angst haben. Aber ich fürchte, da wird auch kein Zaubertrank helfen. Sie müssen zusehen, da allein raus zu kommen."
Verwirrt sah sie ihn an. „Es war nicht meine Schuld, dass das passiert ist."
Er nickte knapp. „Ich weiß."
Es war schon erstaunlich, dass er so reagierte. Vermutlich hätte er sie unter anderen Umständen einfach hinausgeworfen. Doch noch immer schien ihn das, was auch immer er in seiner Vergangenheit erlebt hatte, davon abzuhalten.
Hermine konnte es fühlen und kaute nachdenklich auf ihrer Lippe herum. „Sie wissen nicht einmal mehr ihren Namen?"
Snape wusste sofort, wovon sie sprach. Abwesend schüttelte er den Kopf.
„Finden Sie das nicht traurig?"
Ohne sie anzusehen fuhr er sich mit den Fingern durch die Haare. „Was würde es ändern, Miss Granger? Es ist zu spät."
Nur zu deutlich konnte sie sehen, dass es ihn bewegte. Er wollte nur nicht daran denken, geschweige denn, darüber reden.
Für eine Weile war es vollkommen ruhig zwischen ihnen und endlich beruhigte sie sich.
„Bitte schicken Sie mich nicht fort."
Es war ein verzweifeltes Flüstern, nicht mehr. Doch auch nicht weniger.
„Ich möchte nicht gehen. Das ist der Grund."
Über diese befreienden Worte erleichtert atmete sie auf. Er hatte sie ohnehin durchschaut. Was für einen Unterschied machte es da noch, ob sie ihm die Wahrheit vorenthielt oder nicht?
Er aber sah sie einfach nur an, die tiefe Falte zwischen seinen Brauen war wieder einmal stark zusammen gezogen. Langsam hob er die Hand und sie konnte sehen, dass sich seine Gedanken überschlugen.
Was ging in ihm vor?
Ihre Lippen bebten, doch sie brachte keinen Ton heraus, wagte es nicht, etwas zu sagen.
Die tiefschwarzen Augen ihres Professors schienen sich ihr einen winzigen Moment lang zu öffnen, dann geschah es.
Wie in Zeitlupe strichen seine Finger sanft über ihre Wange.
Kaum berührte er sie, wurde ihre Kehle ganz trocken.
„Wann werden Sie endlich aufhören, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen, Granger?"
Sie blinzelte verlegen. Seine Stimme, die so ungewohnt sanft war, dazu seine Finger auf ihrer Haut, die sie zärtlich berührten, brachten sie vollkommen durcheinander.
„Bitte", hauchte sie leise.
Seine Hand hielt inne und er schluckte hart. Doch erst einige Sekunden später, als er den Blick senkte, antwortete er.
„Sie sollten jetzt besser versuchen, zu schlafen. Wir werden uns morgen darüber unterhalten."
