Kapitel 11
Sam saß am Lagerfeuer, Sadie und Karen neben ihr, als Arthur, Dutch und Bill energisch auf Kieran Duffy zugingen, den O'Driscoll, den sie in den Bergen als Geisel genommen hatten. Sam hatte ihm mehrmals etwas zu essen oder zu trinken zugesteckt, sie konnte ihn einfach nicht leiden sehen, wenn sie ehrlich war, mochte sie ihn gerne. Sie glaubte nicht daran, dass er wirklich Teil von Colm's Bande war, er hatte ihr erzählt, dass er erst ganz kurz dabei gewesen war und sich eigentlich nur um die Pferde gekümmert hatte.
Sadie stieß sie an und gemeinsam beobachteten sie die Männer, wie sie mit Kieran diskutierten, bevor Bill zu ihnen ans Lagerfeuer kam, eine Zange aus dem Feuer nahm und breit grinsend wieder zurücklief. Sadie warf ihr einen besorgten Blick zu und als Dutch Kieran die Hose nach unten zog und Bill gefährlich nahe mit der glühenden Zange kam, sprang Sam auf und rannte auf die Männer zu.
„Was zum Teufel treibt ihr da?", rief sie laut aus, Sadie lief dicht hinter ihr.
„Was wollt ihr von mir?", schrie Kieran.
„Ich möchte, dass du endlich redest.", antwortete Dutch ihm, ohne die beiden Frauen zu beachten.
„Die Frage ist nur, ob du es jetzt tust, oder erst, wenn deine beiden Freunde ab sind."
Bill ließ die Zange theatralisch zuschnappen und schien einen riesen Spaß an der ganzen Sache zu haben, Arthur stand mit verschränkten Armen neben Sam und sah stumm zu.
„Okay! Okay! Hört zu, ich weiß wo die O'Driscolls sich aufhalten und du hast Recht, er mag dich nicht, genauso wenig wie du ihn, er ist bei der Six Point Cabin.", brachte Kieran raus und schloss ergeben die Augen. Er tat Sam leid. „Ich bring euch hin, ich kann ihn echt nicht leiden. Ehrlich gesagt, mag ihn genauso sehr wie euch, soll keine Beleidung sein."
„Oh, das ist keine. Okay, Partner, warum bringst du nicht ein paar von uns darauf? Jetzt gleich? Ich mach das, Dutch", sagte Arthur, während er ihn losschnitt. „Das wird lustig. Also, los. Sam, du kommst mit mir."
Sam folgte Arthur, Bill und Kieran, während sie auf die Pferde zugingen. „Ich hoffe für dich, dass du uns nicht verarschst, O'Driscoll.", sagte Arthur trocken zu Kieran.
„Ich bin kein O'Driscoll.", gab dieser zurück.
„John… komm hierher. Wir müssen einen kleinen Höflichkeitsbesuch machen."
Der Weg zur Six Point Cabin war nicht besonders lang, Sam sagte nicht viel, sie hörte dem Gezeter der Männer kommentarlos zu. Zu viele Gedanken gingen ihr im Kopf herum, was, wenn sie wirklich den Kopf der O'Driscolls, Colm, dort finden würden? Kieran saß hinter John auf dessen Pferd und als sie endlich ankamen, versuchte Sam sich wieder voll zu konzentrieren.
Leise schlichen sich an den Rand der Lichtung, von der aus sie eine Hütte und einen Lageplatz erkennen konnten.
Arthur schickte John und Bill vor, während er und Sam mit Kieran zurückblieben.
„Pass auf ihn auf.", sagte Arthur, seine blauen Augen blieben einen Moment zu lange an ihren hängen, bevor er sich abwandte und John leise folgte.
Kieran saß neben Sam in Gras und machte keinen Mucks, was wahrscheinlich auch an dem Revolver lag, der direkt in sein Gesicht zielte. Sie beobachtete, wie Bill und John leise einige von Colms Männern erledigten, bevor plötzlich die Hölle losbrach. Überall hallten Schüsse wider und Sam hastete mit Kieran in Deckung.
„Gib mir eine Waffe.", flehte er sie an, während sie von hinten kommende Männer abknallte.
„Bist du verrückt?", gab sie zurück.
„Bitte!"
Sam sah in seine braunen Augen und hob dann ergeben die Hände. „Gut, aber wenn du auf mich schießt, dann töte ich dich.", sagte sie und übergab ihm ihre Zweitwaffe.
Kieran nickte nur und gemeinsam bahnten sie sich einen Weg zur Hütte vor. Sam hörte Arthur und John schreien, sie hob den Blick über ihre Deckung und entdeckte John hinter einem Wagen, Arthur war nicht weit entfernt hinter einem Stein in Deckung gegangen, Bill war ein Stück weiter neben John.
Gemeinsam löschten sie das Camp samt aller seiner Bewohner aus. Der Kampf war hart, aber sie gewannen ohne Probleme.
Nachdem die letzten Schüsse verklungen waren, erhoben sie sich aus ihrer Deckung und trafen sich in der Mitte des Lagers.
„Durchsucht das Camp, ich werde in der Hütte nachsehen.", sagte Arthur zu ihnen. John und Bill machten sich direkt an die Arbeit, doch Sam folgte ihm. Er warf einen Blick über seine Schulter und zog eine Augenbraue spöttisch in die Höhe, sagte aber nichts.
Gemeinsam gingen sie auf die Hütte zu, in dem Moment, in dem Arthur die Tür öffnete, sprang diese ihm entgegen, die Wucht warf ihn auf den Rücken und einer von Colms Männern richtete seine Schrotflinte direkt in sein Gesicht. Sam rutschte das Herz in die Hose und sie griff direkt nach ihrem Revolver, bevor sie jedoch abdrücken konnte, hallte ein Schuss durch das Lager und der Mann fiel vor Arthur auf den Boden. Erschrocken wandte Sam sich um, Kieran stand hinter ihr, die Waffe erhoben.
„Bist du okay?", fragte er Arthur.
„Sicher, Dankeschön.", sagte er und ließ sich zurück auf den Boden sinken.
Sam stieg über ihn und sicherte die Hütte, sie war leer, zum Glück. Es wäre extrem unangenehm geworden, jetzt auf Colm zu treffen. Kopfschüttelnd drehte sie sich um und ging auf Arthur zu, der immer noch auf der Veranda lag.
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. „Steh auf, Cowboy."
Er sah zu ihr hoch, dann ergriff er ihre Hand, stand auf und blickte an ihr vorbei in die Hütte. „Leer?" Sam nickte kommentarlos.
„Er hat uns reingelegt. Komm her!", rief er aus und drehte sich zu Kieran und den anderen um.
„Was?", fragte Kieran ihn, während er auf ihn zulief.
„Du hast uns reingelegt!"
„Nein, hab ich nicht."
„Doch, hast du. Colm O'Driscoll ist nicht hier!", rief Arthur böse aus und richtete seine Waffe auf Kierans Kopf. Sam stand hinter ihnen und beobachtete die Szene skeptisch, sie hatte von Anfang an das Gefühl, dass Colm nicht hier sein würde, er war viel zu schlau um einen einfachen Stallburschen solch wichtige Informationen zu geben, aber sie hielt ihren Mund. Wenn sie vorher etwas gesagt hätte, hätte das nur zu Fragen geführt, die sie nicht beantworten wollte.
„Er war hier. Ich schwöre es!", jammerte Kieran. „Wenn ich euch hätte reinlegen wollen, hätte ich dir dann das Leben gerettet?"
John zog hinter Kieran eine Augenbraue in die Höhe und sah Sam an, sie schüttelte mit dem Kopf.
Bill mischte sich ein und stellte sich zwischen die beiden. „Da hat er Recht, Arthur."
Arthur seufzte, ließ aber die Waffe sinken. „Na gut, verschwinde von hier."
„Eh?"
„Ich werde dich nicht töten."
„Ich habe euch aber nicht verarscht!"
„Verschwinde!"
„Wie?", Kieran sah Arthur verständnislos an.
Arthur packte Kieran unsanft am Kragen und wirbelte ihn herum. „Ich lass dich gehen. Also los, verzieh dich!"
„Dann kannst du mich auch gleich töten. Da draußen, ohne euch, bin ich so gut wie tot. Colm O'Driscoll wird ausrasten wegen dem, was hier gerade passiert ist.", gab Kieran zurück.
„Und?", sagte Arthur trocken.
„Und, ich bin jetzt einer von euch."
Sam, Bill und John und sahen zu Arthur, dieser seufzte laut. „Ich brauch 'ne Pause. Also dann, gut, aber ich warne dich."
„Oh, ich weiß."
„Gut, dann los, zurück ins Lager."
Sam stand neben Kieran, als die Männer an ihnen vorbei gingen.
„Hast du das Geld?", fragte Kieran Arthur.
Die drei drehten sich wieder zu ihnen um. „Welches Geld?"
„Tja, also eigentlich verstecken sie immer Geld im Kamin.", gab Kieran zurück und wollte sich schon auf den Weg zur Hütte machen, als Arthur ihn aufhielt. „Ich seh' nach, der Rest von euch reitet zurück ins Camp, schnell."
„Siehst du Arthur, ich bin gar nicht so übel.", sagte Kieran fröhlich, während er sich mit John und Bill auf den Weg zu den Pferden machte.
„Hey Bill, sag Dutch, dass Kieran es momentan nicht wert ist getötet zu werden, zumindest noch nicht."
„Geht klar."
Sam folgte Arthur in die Hütte und sie sah sich um. Überall lag Dreck, Geld lag auf dem Tisch, Alkohol und Zigaretten lagen herum. Sie schüttelte sich innerlich.
Arthur beugte sich gerade in den Kamin, als Sam eine schöne Schrotflinte über dem Kamin entdeckte. Sie zog einen kleinen Hocker heran und stellte sich darauf, um nach der Waffe zu greifen. Sie musste dringend gereinigt werden, schien aber noch funktionstüchtig zu sein.
Arthur richtete sich wieder auf und war beinahe auf Augenhöhe mit ihr, da sie immer noch auf dem Hocker stand.
„Kannst du damit überhaupt umgehen?", fragte er sie, während er das Geld einsteckte.
„Wollen wir wetten?"
„Ha, auf keinen Fall, darauf falle ich nicht noch einmal rein."
Sam musste leise lachen, stieg vom Hocker und folgte Arthur nach draußen, wo sie zu ihren Pferden zurückgingen. Bei Dafina angekommen, holte sie Waffenöl aus ihrer Satteltasche und begann damit, die neue Waffe zu pflegen. Arthur setzte sich neben ihr ins Gras und beobachtete sie dabei, die Arme auf den Knien abgestützt.
„Hosea hat mir von einem riesigen Bären in den östlichen Grizzlies erzählt, der Pelz wäre bestimmt ein Vermögen wert, wir könnten uns das Geld teilen.", sagte Arthur nach einiger Zeit zu ihr.
Sie hob den Blick von ihrer neuen Schrotflinte und sah ihn an. „Fragst du mich gerade, ob wir gemeinsam auf die Jagd gehen wollen?"
Er schien sich sichtlich unwohl zu fühlen und Sam musste ein breites Grinsen unterdrücken. „Ja, frage ich. Was du mit dem Wolf gemacht hast, habe ich nicht vergessen. Jemanden wie dich auf der Jagd dabei zu haben, ist glaube ich keine schlechte Idee."
„Ach, es geht dir also nur um meine Fähigkeiten?"
„Ja… Nein… Ich meine, meine Güte, ja und ich hätte dich trotzdem gerne dabei.", gab Arthur leise zu, während er nervös seinen Hut justierte.
Sam musste schmunzeln, senkte den Blick aber wieder auf ihre Waffe. „Gut, wann willst du los?"
„Ich wollte heute Abend losziehen, muss nur noch ein paar Sachen packen."
