Schmerz der Rose.
„Narzissa!", schreit Fleur zum letzten Mal. „Narzissa, lass mich raus! Lass mich raus! Ich muss deine Schwester finden! Er wird sie töten!"
Aber niemand antwortet ihr, keine Narzissa und auch sonst niemand. Mehr und mehr überkommt Fleur die Vermutung, dass sie allein im Manor ist. Seufzend sinkt sie an die Wand gelehnt zu Boden. Sie weiß noch nicht mal, wie lange sie bewusstlos war.
Als sie nach einer unbequemen Reise mit Muggletransportmitteln am Malfoy Manor ankam, war es wahrscheinlich Glück, dass nur Narzissa und keiner der Todesser, die sich in den letzten Wochen haufenweise im Manor aufgehalten hatten, sie gefunden hat, aber auch Narzissa griff sofort zum Zauberstab und schockte sie.
Fleur weiß nicht mehr, was sie tun soll. Sie hat keinen Zauberstab oder sonst irgendetwas Hilfreiches bei sich. Nur die Kleider, die sie am Leibe trägt. Und die Kette, die Bellatrix ihr geschenkt hat. Aber sie weiß nicht, wie der Anhänger ihr helfen sollte. Und- …
Fleur rappelt sich auf und starrt auf ihre Hand und den Ring, den sie noch immer am Finger trägt. Sein Gewicht ist noch neu, dennoch hat sie nicht an ihn gedacht. Wahrscheinlich funktioniert er auch gar nicht, sie wüsste nicht, was für ein Zauber das vollbringen sollte, was Bellatrix ihm zuschreibt.
Aber dennoch versucht sie es.
Fleur hält ihre Luft an und dreht den Ring einmal um ihren Finger.
Und dreht ihn.
Und dreht ihn.
Das Gefühl ist ein anderes als beim Apparieren. Sie spürt, wie sie im Keller steht, riecht den muffigen Geruch und spürt die Feuchte, aber spürt noch mehr. Spürt überall um sie herum Magie und viele viele Menschen, die sich bekämpfen. Hört Schreie und riecht Blut. Die Wände und Decken um sie herum beben und die Luft ist voller Staub.
Es müssen viele Stunden vergangen sein, in denen Fleur bewusstlos im Keller des Manors gelegen ist. So viel hat sich geändert. Es wird gekämpft und sobald Fleur etwas mehr sehen kann, muss sich sich in Deckung vor scharfen Zaubern begeben.
Sie duckt sich weg und verkriecht sich hinter einem großen Mauerstück, das im Gang liegt. Sie befindet sich im Schloss Hogwarts, in dem eine große Schlacht tobt. Ihr gegenüber liegt Hermione und Fleur huscht zu ihr. Sie ist nicht tot, und versucht wieder ihr Bewusstsein zu erlangen. Fleur entdeckt Bellatrix Zauberstab an ihrer Seite und sieht mit Schrecken, dass er zerbrochen ist.
Hermiones Augenlider flattern. „Fleur?", flüstert sie gebrochen.
„Avada-", beginnt eine Stimme in ihrer Nähe. Reflexartig greift Fleur nach dem größten Zauberstabstück und ruft im Drehen: „Stupor!"
Der Zauberstab tut, wie von ihm verlangt und der Mann, der in einem dunklen Mantel gehüllt ist, bricht zusammen.
Aber der Zauber war zu viel für den zerbrochenen Stab. Mit einer Stichflamme, die die Haut von Fleurs Hand verbrennt, geht er in Flammen auf. Mit einem Aufschrei des Schmerzes lässt Fleur das brennende Bruchstück fallen.
„Fleur!", ruft Hermione und rappelt sich auf. Sie zieht einen anderen Zauberstab hervor. „Sie kämpfen alle! In der Halle! Harry kämpft gegen Voldemort! Du musst dich verstecken, ich hab nur einen! Es ist bald vorbei!"
„Wo ist Bellatrix?", fragt Fleur verzweifelt.
„In der Halle", antwortet Hermione atemlos, „aber sie ist-"
Fleur hört nicht auf sie und rennt aus dem Gang, der sich als neben der großen Halle entpuppt. Viele sind dort und duellieren sich, aber es scheint, dass niemand Fleur bemerkt. Alle achten aus dem Augenwinkel auf Harry, der mit Voldemort duelliert. Alle, außer Fleur. Fleur sieht nur den einsamen Körper, von Schutt und Steinen umgeben.
Bellatrix liegt da, wie in ihrem Traum.
Fleur eilt zwischen roten und grünen Zauber zwischen den Kämpfenden hindurch und als sie neben der Dunklen zu Boden sinkt, ist ihr, als bliebe ihr Herz stehen. Sie dreht Bellatrix um und sieht nur Leere. Der Tod war schon da und hat sich ihre Geliebte geholt.
Tränen laufen Fleur über ihr Gesicht. Sie zieht Bellatrix Leiche aus dem Schussfeld und versteckt sich mit ihr hinter einem der Haustische. Fleur bettet Bellatrix Gesicht in ihren Schoß und wiegt ihn vor und zurück, wie Bellatrix es damals mit ihren Eltern getan hat. Sie ist zu spät. Sie konnte sie nicht rettet. Und nun kann sie niemand mehr retten.
Plötzlich bricht noch lauterer Tumult um sie herum aus und Fleur weiß, dass es vorbei ist. Harry hat den Dunklen Lord besiegt, aber es ist kein Sieg für Fleur. Sie bleibt weiter unbemerkt und ist froh darüber. Sie weiß nicht, wie sie weiter leben soll.
Als Fleurs Glieder zu schmerzen beginnen und ihre Augen schon brennen, greift Fleur zu dem Anhänger, den Bellatrix ihr geschenkt hat und öffnet ihn vorsichtig. Ihr Blut. Blut zu Blut. Der Gedanke, die Kette weiter zu behalten, ist unerträglich für Fleur. Das Blut soll zum Körper zurück kehren.
Langsam tropfen die Blutstropfen auf den toten Körper, vermischen sich mit Fleurs Tränen und Fleur fühlt den größten Schmerz.
Und da geschieht, was nicht erklärbar ist: Aus Schmerz und Liebe wird Leben geboren.
Als sie das Blut mit den Tränen mischt, bildet sich plötzlich eine unerklärbare Macht, die für einen kurzen Moment Fleur von Kopf bis Fuß erfüllt und als sie sich ihrer bewusst wird, ist sie auch schon wieder vergangen.
Bumm.
Bumm.
Langsam aber beständig tut sich etwas in Bellatrix. Ihr Herz schlägt. Ihre Haut färbt sich rosa. Ihre Lider flattern.
Fleur erstarrt und kann nur zusehen, wie Bellatrix' Augen sich öffnen und sie mit einem Ausdruck ansehen, den sie noch nie gesehen hat.
„Du liebst mich", flüstert Bellatrix mit rauer Stimme. „Ich weiß, dass du mich liebst, dabei weiß ich weder, wer du bist, noch, wer ich bin..."
Da kann sich Fleur endlich wieder bewegen und mit einem herzzerreißenden Schluchzen drückt sie Bellatrix an sich und möchte sie nie wieder los lassen.
„Ich dachte, du bist tot. Ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen", flüstert sie neben anderen Zärtlichkeiten.
Aber etwas sieht sie tatsächlich nie wieder: das Biest. Das Biest ist mit dem Zauberer, der es geschaffen hat, untergegangen. Und Fleur weiß, dass ihr das Wunder eine zweite Chance zum Glück geschenkt hat und sie nimmt diese.
Als sich ihr die erste Gelegenheit bietet, packt sie die neue, noch verwirrte Bellatrix bei der Hand und führt sie vom Schlachtfeld und von den alten Geschichten weg. Sie gehen weg von diesem Ort, suchen sich ein kleines Zuhause, in dem sie glücklich und zusammen leben können.
Nach einigen Monaten kommen ein paar Erinnerungen zurück, aber die Person Bellatrix bleibt so, wie sie gewesen wäre, hätte sie Voldemort nie getroffen. Manchmal bekommen Fleur und Bellatrix von Fleurs Eltern oder Bellatrix' Schwester Besuch, aber die meiste Zeit leben die beiden wie Muggle und genießen ihr einfaches Leben, das vom tiefsten Glück von allen geprägt ist: Dem Glück lieben zu können und geliebt zu werden.
„Ich liebe dich", flüstert Bellatrix, als sie aneinander gekuschelt im selbstgebauten Himmelbett liegen. Und Fleur kann nichts anderes tun als lächeln, weil dies alles ist, was sie will.
Diese Geschichte war ein Wichtelgeschenk - alleine wäre ich nie auf dieses Paar gekommen ;) Ich habe sie an so vielen verschiedenen Orten den ganzen Sommer über geschrieben und dadurch hängen auch so viele Erinnerungen an der Geschichte. Kennt ihr das? Nicht, dass ich die Erinnerungen explizit genutzt hätte, aber wenn ich an die Rosen vor Lestrange-Manor denke, erinnere ich mich sofort an die steinernen Rosen in Trier. Durch diese vielen Erinnerungen ist mir die Geschichte so richtig ans Herz gewachsen und ich hoffe sehr, du hattest Spaß beim Lesen!
