Es waren 116 Meilen von Quantico nach Sparks Glencoe, ein Ort mitten im Nirgendwo südlich von Baltimore. Sie würden zwei Stunden mit dem Auto brauchen, wenn sie gut durchkamen.

Will sah die Straße vor seinen Augen verschwimmen und unterdrückte ein Gähnen. Er hatte in der letzten Nacht nur wenig Schlaf bekommen – ein Umstand, den er normalerweise gewohnt war, aber das Dasein als Beifahrer und das konstant hypnotische Brummen des Motors ließen ihn immer schläfrig werden.

Als sein Handy vibrierte, schreckte er aus seinem Dämmerzustand auf, fummelte in der Jackentasche nach seinem Telefon und warf einen Seitenblick auf Beverly, die am Steuer saß und seinem Blick kurz begegnete, bevor sie wieder auf die Straße sah.

Er wischte mit dem Daumen über das Display und öffnete die Nachricht.

Die Hunde sind versorgt und glücklich. Wenn du möchtest, bleibe ich hier und kümmere mich um dein leibliches Wohl, wenn du nach Hause kommst.

Eine zweideutige Einladung.

Der Vorschlag sandte ein elektrisierendes Prickeln in seinen Schoß, erweckte eingeschlafene Geister wieder zum Leben. Die Erinnerung an Hannibals Mund war noch sehr frisch. Will konnte seine Lippen praktisch immer noch spüren.

Er presste die Oberschenkel zusammen und drehte seine Hüfte etwas zur Seite, legte einen Arm über seinen Schoß. Er glaubte zwar nicht, dass er vor Beverly verbergen konnte, was in seiner Hose vor sich ging, wenn sie einen genaueren Blick riskierte, aber er fühlte sich besser, wenn er tat, was in seiner Macht stand.

„Mit wem schreibst du da?" fragte Beverly.

Ihre Augen wanderten neugierig über Wills Gesicht, als dieser scharf Luft holte und das Handy in seiner Jackentasche verschwinden ließ.

„Niemand", antwortete er automatisch und wurde rot, als ihn das Handy hörbar vibrierend Lügen strafte.

Er dachte darüber nach, die Vibration abzustellen, war diese Funktion doch im Laufe der Jahre lauter als der eigentliche Klingelton geworden.

„Niemand hat dir aber ganz schön viel zu erzählen."

„Wenn du deine Aufmerksamkeit bitte wieder dem Verkehr widmen könntest, wäre ich dir äußerst dankbar", murmelte Will, wohl wissend, dass sie das träge Ablenkungsmanöver durchschauen würde.

Beverly schnaufte , als sie sich in ihrem Sitz nach vorn beugte und ihre Augen durch die Windschutzscheibe richtete.

„Meine Aufmerksamkeit gilt immer voll und ganz dem Verkehr", sagte sie mit zweideutigem Amüsement in der Stimme. „Unterschätze niemals meine Multitaskfähigkeiten, Will."

„Es geht nicht so sehr ums Unterschätzen, als vielmehr ums Überleben", seufzte er, kramte aus seiner Hosentasche ein Döschen Aspirin, schüttete sich einige in die Handfläche und schluckte sie trocken.

„Du wirst nicht locker lassen, oder?"

Sie schüttelte langsam den Kopf, während sich in ihrem Gesicht ein Schmunzeln zu einem Grinsen verwandelte.

„Nope!"

„Na herzlichen Glückwunsch", stöhnte er, legte den Kopf in den Nacken und ließ ihn zur Seite rollen.

„Besser, wir bringen es hinter uns, Will."

„Was willst du wissen?"

„Alles", erwiderte sie eifrig, während sie unruhig in ihrem Sitz hin und her rutschte, das Lenkrad fest umklammernd, wie ein Junge in einem Autoscooter. „Wo habt ihr euch kennengelernt?"

„Arbeit."

„Halt die Klappe!" rief sie. „Das ist nicht dein ernst."

Ich fürchte schon, dachte er und spürte, wie sich die Vorläufer eines hysterischen Lachens glucksend aus seiner Kehle lösen wollten. Stattdessen räusperte er sich.

„Kenne ich die Person?"

„Möglicherweise", erwiderte Will wage.

„Ist es Alana?"

Jetzt lachte Will wirklich und schüttelte den Kopf. Es gab mal eine Zeit, da war der Gedanke gar nicht so abwegig gewesen, wie es ihm jetzt erschien, aber das kam ihm erstaunlich weit weg vor. Nicht nur lange her – weit weg.

„Nein", sagte er schließlich und weil ihm Beverlys Verwirrung leid tat, fügte er hinzu: „Du wirst nicht darauf kommen."

„Und du wirst es mir nicht sagen."

„Stimmt."

Sie seufzte laut und entnervt. Wahrscheinlich hätte sie am liebsten die Hände in die Luft geworfen und sich die Haare gerauft. Will war ihr dankbar, dass sie es nicht tat.

„Du machst es mir nicht leicht, deine Freundin zu sein."

Es dauerte fast eine Stunde, bis Will auf Hannibals Nachricht reagierte, aber er konnte nicht behaupten, dass er sich in der Zwischenzeit gelangweilt hätte.

Irgendwo in der Nähe musste sich eine Farm mit einem Schweinestall befinden, anders konnte er sich den Zustand der Hunde nicht erklären.

Mindestens vier von den Tieren waren von oben bis unten mit Schlamm eingeschmiert. Zwei von ihnen schafften es ins Haus, bevor Hannibal es verhindern konnte und ruinierten mit ihren schmutzigen Pfoten den Fußboden.

Er trieb die Hunde mit den letzten Resten seiner selbstgemachten Würstchen wieder nach draußen und sperrte die Tür hinter sich zu. Während sich die Tiere auf das Fleisch stürzten, drehte Hannibal den Gartenschlauch auf.

Er rollte die Ärmel seines Hemdes hoch und prüfte die Wassertemperatur an der Innenseite seines Handgelenkes, bevor er den Strahl auf die Hundemeute richtete. Zunächst stoben sie auseinander, kläffend und schnaufend, kehrten jedoch wie Fliegen immer wieder zu den Würstchen zurück.

„So ist es recht", murmelte Hannibal.

Will hatte ihm gesagt, dass es in Ordnung wäre, die Hunde einfach raus zu lassen, ohne sie zu begleiten. Hannibals Unmut äußerte sich durch ein Zucken im Mundwinkel. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt.

Nachdem der gröbste Dreck beseitigt war, ging es an die Feinarbeit.

Er wischte jedem einzelnen Hund mit einem Lappen die Pfoten ab und rubbelte sie danach mit einem Handtuch trocken, ehe sie wieder das Haus betreten durften. Bei dem einen ging das leichter, bei dem anderen erforderte es mehr Aufwand und Geduld.

Aber für noch ein Stückchen Wurst hatte bisher jeder von ihnen stillgehalten.

Hannibal ließ gerade heißes Wasser für den schmutzigen Fußboden in einen Eimer einlaufen, als sein Handy einen dezenten Signalton von sich gab.

sieht so aus, als würde es heute spät werden

Hannibal wartete geduldig, bis das Handy wieder piepte.

sehr spät

vermutlich nicht vor elf

Hannibal wischte sich die Hände mit einem Küchenhandtuch trocken, bevor er eintippte:

Genügend Zeit also, dir ein vernünftiges Abendessen vorzubereiten.

Er dachte einen Moment nach, fügte dann hinzu:

Und du wirst diese Stärkung brauchen, bevor oder nachdem ich mit dir fertig bin.

Hannibal lächelte und legte das Handy zur Seite.

Er nahm Eimer und Feudel und begann damit, den Boden aufzuwischen. Die Hunde lagen in ihren Körbchen oder auf ihren Decken und beobachteten das Schauspiel interessiert. Als er fertig war, hob er den Finger und sagte zu ihnen:

„Das war das erste und letzte Mal."

Einer der Hunde gähnte zur Antwort.

Bevor Hannibal sich an die Vorbereitungen für das Abendessen machte, warf er einen Blick auf sein Handy. Will hatte geschrieben:

ich werde mich beeilen

„Graham!"

Will zuckte zusammen und ließ das Telefon hinter seinem Rücken verschwinden. Offensichtlich nicht so gelassen und unauffällig, wie er gedacht hatte.

„Erwischt", sagte Beverly grinsend. „Und, trefft ihr euch heute noch?"

„Nein!" rief er. Sie kreuzte die Arme und starrte ihn solange an, bis er den Blick abwandte und es zugab. „Ja."

„Wenn er nicht vorher auf der Couch eingeschlafen ist."

„Na ja, vielleicht schaffen wir es eher zurück, wenn der Verkehr nicht so-"

„Es ist also ein Mann!"

Der Triumph in ihrem Gesicht ließ seine Wangen glühen, ehe er auch nur daran denken konnte, ihre Behauptung glaubwürdig entkräften zu können.

„Das war ein ganz billiger Trick", murmelte er.

Sie zuckte die Schultern. „Du hast mir keine Wahl gelassen."

„Woher wusstest du-"

„Ein Schuss ins Blaue, wirklich", sagte sie. „Außerdem hast du behauptet, ich würde nie darauf kommen."

„Wie könntest du das auf dich sitzen lassen?"

„Exakt, wie könnte ich?" wiederholte sie liebenswürdig und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich freue mich für dich, Will."

Will schnaufte und ging vor. Sie folgte ihm.

„Wahrlich, ich sage dir", sang sie, „noch ehe dieser Tag vorüber geht, werde ich seinen Namen kennen!"