Ein zweiter Stein

Kapitel X

Surrey, England

Lara Croft konnte nicht glauben was sie da vor sich sah. Auf dem Ausdruck, den Allister ihr eben gereicht hatte, war deutlich der Stein, den sie in Belize gesehen hatte zu erkennen. Nein, nicht der Stein in Belize. Ein blauer Stein, ein Saphir. Er hatte die gleiche Größe, die gleiche Form und genau den gleichen Stil, den auch das Auge des Kukulcan besessen hatte. Er war eingelassen in ein Wandrelief. Sich räkelnde Gestalten, weiblich. Eine der Gestalten weinte und eben jene Träne war dieser Stein. „Woher hast du denn diesen Ausdruck?!", wollte sie von ihrem Fachmann wissen. Allister gab ihr die Antwort: „Aus einer Internetseite."

Das Internet war nie eine besonders verlässliche Quelle, aber in diesem Fall musste Lara einfach glauben, was sie da sah. Leider war das auch schon alles. Zwar war der Link auf dem Papier gedruckt worden, aber das Foto gab weder Herkunft, noch irgendwelche anderen Details her. Nur das Wandrelief mit den Frauen, nackt natürlich.

Der Stil erinnerte sie stark an die Römer und ihre Statuen von Gottheiten. Aber diese hatten mit Tränen nicht so viel zu tun gehabt. „Was war das für eine Internetseite?", wollte Lara wissen.

„Eine von diesen selbst gebastelten, wo man nur Fotos einfügt und damit das World Wide Web zumüllt. Leider konnte ich die weitere Quelle nicht zurückverfolgen. Ich bin kein Profi darin, dafür bräuchten wir Zip.", er klang einwenig verächtlich, so als wolle er sagen: „Doch dieser treibt sich lieber in der Weltgeschichte herum, als hier zu sein und zu helfen."

Lara konnte es ihm nicht mal verübeln, denn immerhin dachte sie genau das gleiche. Seufzend senkte sie ihren Arm und machte sich auf den Weg nach oben, hinauf in ihr Büro: „Ich werde mich mal damit befassen, Allister. Nimm du dir weiterhin das Auge des Kukulcan vor und sieh zu, dass du etwas über die Funktion dieses Steines, oder dieser Steine, herausfindest."

Er nickte ihr zu und machte sich daran, weiter das Web und einige Fachkreise zu durchforsten. Er hatte Kontakt zu angesehenen Universitäten auf der gesamten Welt und vielleicht konnten sie ihm helfen, diesem Geheimnis auf die Schliche zu gehen. Lara würde jetzt jedenfalls viel zu tun haben. Unterwegs in ihr Büro sondierte sie die Bücherreihen genauer und griff sich Bücher über mythische Kugeln, Steine, Kristalle und ebenso einen Katalog aller bekannten Kristalle dieser Erde.

Dann betrat sie ihr Büro, schob den Stuhl zurück und platzierte dort ihre Mitbringsel. Sie würde heute viel zu tun haben und keine Zeit bekommen sich auszuruhen, anders als Sara, die jetzt wahrscheinlich seelenruhig schlief. Sie hatte es so gut, ihr Ziel war nur Corban Frys, was mit den Steinen genau passierte, war ihr egal. Aber sie ging Lara zu Liebe mit. Das war es, was Lara an ihrer Freundin schätzte. Doch jetzt war nicht die Zeit dafür, denn es ging darum die Identität dieses Steines und dessen Aufenthaltsort zu präsentieren. Es war ein Wandrelief gewesen, eine Fotographie, also musste dieser Jemand schon mal dort gewesen sein. Leider konnten sie alleine die Spur nicht weiter verfolgen, da es allen hier anwesenden an den entsprechenden Fähigkeiten mangelte.

Doch Lara kannte eine Reihe von Wegen, die es ihr ermöglichten, auch ohne Identität von Fotographen die Orte zu finden, an denen entsprechende Bilder geschossen worden waren. Die nächsten zwei Stunden verbrachte sie damit, den Katalog, eine lose zusammengeheftete Kladde, die ihr Vater einst erstellt hatte, durch zu gehen und den Stein zu suchen. Es gab einige Möglichkeiten, einige die vollkommen Abwegig waren, aber keine brachte Lara wirklich weiter.

Dafür gab es einfach zu viele Steine, zu viele Vermerke und zu viel Literatur, die Lara lesen musste. Alleine würde sie es niemals hinbekommen und obwohl Allister sie unten nach Kräften unterstützte, wusste sie das sie so nicht weiter vorankommen würden.

Also lehnte sie sich kurz zurück, überschlug die Beine auf der Tischplatte und faltete die Hände in ihrem Nacken. Sie brauchte einen kurzen Moment Ruhe. Gestört wurde sie, als jemand an der unverschlossenen Tür klopfte. Lara öffnete die Augen, wand diese nach links und sah das Winston in der Tür stand. Er trug eine Kanne mit Tee herein und eine neue Tasse. „Schwarzer Tee, der wird Sie sicher munter machen.", meinte der Butler freundlich.

Lara zog ihre Füße vom Tisch und schämte sich einwenig, dass Winston sie so gesehen hatte. Zwar war sie nicht unbedingt eine Persönlichkeit, die sehr viel auf die Meinung anderer Leute legte, aber Winston war für sie nicht einfach irgendjemand. Er war eine Art Vater für sie gewesen und deshalb achtete sie vor ihm auf möglichst höfliche und vor allem Knigge gerechte Umgangsformen.

Dazu gehörten Füße auf dem Tisch nun wirklich nicht. Ihre letzte Teekanne hatte sie bereits geleert, vor etwa einer Stunde und Winston wechselte das Porzellan aus, nickte ihr zum Abschied kurz zu und verschwand wieder durch die Tür. Es war an der Zeit sich wieder der Arbeit zu widmen. Lara betrachtete noch ein mal den Ausdruck den Allister ihr gegeben hatte. Wenn sie nicht alles täuschte, dann war ihr Fachmann so eben auf die Toilette verschwunden, weshalb sie ihn nicht zu Rate ziehen konnte.

Und das für mindestens eine halbe Stunde. Allister ließ sich gerne Zeit. Sie musste also für den Moment alleine klar kommen, doch das war sie vorher ja auch schon andauernd und immer war sie an ein Ziel gekommen. Seufzend fuhr sie mit den Augen die Formen des Frauen nach, langes Haar, ein eleganter Hals, nach vorn gestreckte Hände, so als würden sie nach irgendetwas greifen, oder sich verzweifelt zu irgendetwas hinziehen.

Nur bedingt ließ sich erkennen, dass es sich dabei um eine Art Umhang oder Tuch oder so handeln musste. Lara warf das Foto auf den Bücherstapel und griff sich das Buch, was auf ihrem Stapel an oberster Stelle lag. Es war eine Auflistung verschiedener Steine und ihrer Geschichte. Also ähnlich wie der Katalog, den sie eben durchgeblättert hatte, nur nicht ganz so trocken. Dann begann sie zu blättern. Sie spürte zum ersten Mal etwas wie Unlust in ihre Körper rumoren.

Sie hatte mehr den Drang sich zu bewegen und sich aktiv an irgendwas zu betätigen, sich irgendwie die Beine zu vertreten. Das würde sie jetzt auch tun, das Buch konnte sie ja mitnehmen und zwischen durch einwenig blättern. Lara nahm sich das Foto, legte es als Lesezeichen an die Stelle, wo sie angehalten hatte und verließ die Bibliothek. Allister war, wie vermutet, noch nicht zurück. Lara schritt die langen Flure entlang und trat hinaus in die große Haupthalle. Sie erkannte Winston, wie er mit einer Gießkanne die Blumen wässerte und winkte ihm freundlich zu.

Doch der alte Butler bemerkte sie nicht, sondern war vollkommen in seine Arbeit vertieft. Als sie den Flur betrat, der die meisten Schlafzimmer beinhaltete (Anmerkung: Ich baue hier mehr Räume ein, als in das Croft Manor aus dem Legend Spiel), erreichte sie auch Saras Gästezimmer, was ihre Freundin regelmäßig bezog.

Sie vernahm leises Schnarchen aus dem Zimmer und musste kichern. Sara schlief ihren Jetlag aus, während Lara merkwürdigerweise voller Adrenalin war und noch keinen Elan hatte schlafen zu gehen. In ihrem Schlafzimmer suchte sie in dem begehbaren Kleiderschrank einen schwarzen Bikini raus, zog sich diesen an und nahm aus dem Privatbadezimmer noch ein Handtuch mit, dann führte sie ihr Weg wieder durch halb Croft Manor, während sie den Indoor Pool ansteuerte.

Sie besaß zwar auch einen Pool, draußen im Hintergarten, aber ein Blick auf ihre Wasserdichte Armbanduhr verriet ihr, dass es kurz nach zehn Uhr Abends war. Also war es draußen kalt und es regnete noch immer, wie sie ab und an vernahm, wenn sie an einem Dachfenster vorbei kam. Der Pool lockte sie schon von weitem, mit seiner ruhigen Wasseroberfläche und dem wohltemperierten Raum. Er war hell ausgeleuchtet und Lara war dankbar für die Bodenheizung, die ihre Füße mit sanfter Wärme erfüllte. Sie legte ihre Mitbringsel auf eine der weißen Liegestühle und dehnte ihre eingeschlafenen Muskeln, bevor sie sich in das kühle Nass begab. Das Wasser fühlte sich gut auf ihrer Haut an und sie schwamm Bahn um Bahn, vergaß vollkommen die Zeit und spürte, wie sie wieder wach wurde. Schwimmen war besser als Kaffee, um sich zu entspannen und wieder fit zu werden. Während sie ab tauchte und ihre Bahn unter der Wasseroberfläche weiter schwamm, spürte sie wie die Schwermut und die Lustlosigkeit von ihr wich und wie ihr Geist sich befreite. Das war ein verdammt gutes Gefühl und sie überlegte schon, was sie mit der neuen Energie nun anfangen sollte. Sie konnte natürlich den Geheimtunnel nutzen und so vom Schwimmbecken zu ihrem Trainingsraum kommen, aber das war ihr jetzt zu stressig.

Sie genoss die Stille, die nur unterbrochen wurde, wenn ihre Arme das Wasser durchstießen. So schwamm sie noch einige Bahnen, bevor sie schließlich inne hielt und lauschte. Irgendwo in Croft Manor schlug eine Standuhr die elf Uhr Marke. Sie hatte die Zeit vollkommen vergessen und es war nun wieder von Nöten, sich der Arbeit zu widmen.

Also zog sie sich am Beckenrand aus dem Wasser und gönnte sich erstmal hinter den Holzschwingtüren eine kurze Dusche, um das Chlor wieder los zu werden. Dann trocknete sie ihren Körper ab, ließ sich auf die Liege fallen und griff sich das Buch. Warum nicht Pflicht mit Freizeit verbinden, wenn sie schon die Chance hatte?

Lara schlug das Buch auf der Seite auf, die sie vorhin noch betrachtet hatte und begann zu lesen. Allister hatte sich wahrscheinlich schon zur Ruhe gelegt. Das tat er immer. Er ging dann schlafen, wenn Lara es auch tat. Zwar besaß er seine eigene Wohnung, aber wahrscheinlich hatte er es sich im Wohnzimmer auf der Couch oder in einem der Gästezimmer bequem gemacht.

Die Lektüre war langweilig. Normalerweise lass sie gerne Bücher über antikes, verborgenes oder wertvolles. Aber der Autor dieses Buches hatte sich wohl das gleiche Ziel gesetzt, wie Berthold Brecht zu seiner Zeit. Bloß keine Spannung, bloß keine interessanten Passagen und möglichst nur Fakten über Zusammensetzung von Edelsteinen und prozentuelle Anteile von verschiedenen Mischungen.

Lara war eine Frau, die vieles ertrug. Sie hatte schon mit langweilen Leuten geredet und war dabei im Geiste eingeschlafen, hatte es aber geschafft körperlich so auszusehen, als interessiere sie das Gerede über die neusten Gartenpflanzen und verschiedene Kreuzungen zwischen Trauerweide und Buchsbaum. Falls das überhaupt möglich war. Dieses Buch aber, war selbst für sie zu langweilig. Sie war kurz davor, es zuzuschlagen, als ihr eine Passage in kursiver Handschrift ins Auge fiel.

Scheinbar hatte irgendwer eine Notiz in das Buch gemacht. Lara hasste solche Menschen, die Bücher behandelten, als seien es Tagebücher, oder als könnte man damit umgehen wie man wollte. Bücher gehörten, so ihre Meinung, gehegt und wenn man irgendwas anmalen wollte, dann sollte man sich die Seiten doch bitte kopieren. Lara erkannte die Handschrift ihres Vaters.

So sprachen sie: Vier sollen es sein, vier Stücke auf ewig getrennt.

Einer im Land des Windgottes, wo das Land im Schatten gedeiht, einer bei den Klängen des Wassers, einer im Fuß der Erde und einer versteckt im Morgenrot.

Lara verstand nicht ganz, was ihr Vater damit ausdrücken wollte. Ihn fragen konnte sie ja leider nicht mehr. Ihr Blick fiel auf das zum Lesezeichen herab gestufte Foto von den sich räkelnden Frauen. Im Land des Windgottes, wo das Land im Schatten gedeiht...Belize!

Die Menschen in Belize hatten einen ähnlichen Wahlspruch, doch an den genauen Wortlaut konnte Lara sich nicht mehr erinnern. Windgott, damit war wohl Kukulcan gemeint und sein kleiner Klunker, der aus dem netten Hund eine reißende Bestie gemacht hatte. Und den sie an Alexia Foster verloren hatte, weil diese ihre beste Freundin in der Mangel hatte.

Ihr kam der Verdacht, dass die wenigen Zeilen, die ihr Vater dort geschrieben hatte, möglicherweise eine Art Anleitung waren zu den Steinen. Und wenn es einen zweiten Stein gab, wie sie vermutete, sie aber vier Erklärungen vorfand, dann musste es nur eines bedeuten: Es gab vier Steine!

Die Erkenntnis riss Lara fast vom Hocker. Alexia Foster schien sich der Tatsache schon lange bewusst gewesen zu sein und das wiederum bedeutete, dass sie möglicherweise bereits wusste, wo sie den zweiten Stein zu finden hatte. Jetzt galt es nur noch heraus zu bekommen, welcher der Hinweise dem Stein auf dem Foto zugewiesen war.

Der Stein war blau, ein Saphir. Sie wiederholte die Strophe in ihrem Geiste und dachte nach. Blau, blau, Frauen, Tränen, blau...Wasser!

Wasser!

Das war die Lösung! Das Wasser. „Versteckt bei den Klängen des Wasser.", murmelte sie leise vor sich hin. Ihr Blick durchsuchte den Raum, auf der Suche nach einer Möglichkeit sich etwas zu notieren. Und sie fand tatsächlich etwas. Gut, dass sie überall im Haus gelegentlich einen Block oder Zettel liegen ließ. Lara sprang von ihrer Liege auf und hastete hinüber zu dem kleinen Beistelltisch, auf dem sie normalerweise ihre Cocktails und Tees serviert bekam. Dort ergriff sie den Block und begann damit, sich Notizen zu machen.

Sie erstellte eine Mindmap und fügte ihre Gedanken immer mehr zu einem Bild. Wasser, Klänge, Frauen. Die Frauen griffen nicht nach einem Umhang, oder doch in gewisser Weise schon, aber der Umhang symbolisierte das Wasser. Die Klänge des Wassers. Singendes Wasser?

Lara strich das singende Wasser durch. Das hatte mit den Frauen zu tun und ihren Tränen. Sirenen. Die Sirenen aus der griechischen Mythologie. Sie hatten mit ihren Stimmen die Männer auf den Boten verrückt gemacht und haben diese dann ins Wasser gezogen, um sie zu fressen oder zu ertränken. Sirenen waren das singende Wasser, was sie eben durchgestrichen hatte. Und somit war dann auch klar, wo der nächste Stein zu finden war und zu wem der Umhang aus Wasser gehörte, nach dem die Sirenen sich so verzehrten.

Zu Poseidon, dem Herrn des Meere. Dem Herren über das blaue Element. Lara kam ein Gedanke und sie schrieb das Wort Elemente auf, umkreiste es. Immerhin war das eine mögliche Theorie. Vier Steine, vier Elemente, der Diamant hatte den Wind verkörpert, der Saphir konnte ohne weiteres für das Wasser stehen.

Vor allem wenn er so Sinnbildhaft mit Wasser in Verbindung zu bringen war. Unter dem Stichwort Sirenen fand Lara auch dann endlich den gesuchten Stein. „Die Träne der Sirenen.", murmelte sie, während sie sich die kurze Passage durchlas. Ein Stein der bisher nicht aus seiner Verankerung gelöst werden konnte. Im Tempel des Poseidon auf der Insel Kreta.

Als diese Arbeit getan war, schlug sie das Buch zu, klemmte den Block dazwischen und überlegte, wo sie es gut verstauen konnte, so dass niemand es fand. Sie würde jetzt schlafen gehen, denn so langsam neigte sich die Uhr in Richtung Mitternacht. Und auch sie spürte die Müdigkeit an ihren Knochen nagen.

Schließlich fand sie einen Platz. In der Eingangshalle, in einem kleinen Geheimfach im Kamin. Das war zwar ein Klischee, aber Lara genoss es sich auch manchmal Klischees hinzugeben und außerdem waren diese Klischees so offensichtlich, dass sie wieder die besten Verstecke der Welt waren. Als das erledigt war, betrat sie ihr Schlafzimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett. Ein schneller Griff unter die Matratze, versicherte ihr, das Winston die Pumpgun noch nicht weggeräumt hatte, dann schloss sie die Augen und schlief ein.

Während Lara Croft das Licht in ihrem Schlafzimmer löschte, senkte in einem schwarzen Van ein weißhaariger Mann, ein Albino, sein Nachtsichtgerät und blickte nach links zu dem Fahrer. Ein kurzes Nicken gab beiden zu verstehen, dass es nun so weit war.

Fortsetzung folgt: