Kapitel 11
Und es war Harrys leise brüchige Stimme, die die Stille in den Kerkerräumen zaghaft durchbrach.
„Es tut mir leid, Daddy.", und seine Worte waren fast nur ein Flüstern
Doch sie rissen Severus vollkommen unvorbereitet aus seinen Gedanken. Er hatte nicht damit gerechnet, dass das Kind von sich aus gerade überhaupt etwas sagen würde und vor Allem hatte er nicht mit einer Entschuldigung gerechnet.
„Was tut dir leid, Kind?", fragte er deshalb verwundert nach.
„Dass ich so … s … so … sch… schw…schwach bin.", brachte Harry mühsam und durchbrochen von neuen Schluchzern heraus.
Severus verstärkte noch den Druck, mit dem er den kleinen Körper festhielt. Doch er musste zunächst tief durchatmen und einen Moment die Augen schließen.
Es würde Harry nur weiter verängstigen, wenn er seine Wut auf die Dursleys nicht unter Kontrolle brachte.
Was hatten sie nur diesem absolut unschuldigen reinen Kind angetan, das er sich dafür entschuldigte zu weinen.
„Harry, du hast nichts falsch gemacht. Du hast nichts getan, wofür du dich entschuldigen brauchst.", sagte Severus in ruhigem Ton.
Doch Harry schüttelte gegen seinen Hals gelehnt heftig mit dem Kopf und nur ganz undeutlich konnte er zwischen neuen Tränen die Worte: „schwach", „geweint" und „Freak" raus hören.
Severus fuhr sanft mit seinen Finger und, wie er hoffte beruhigend, durch die unordentlichen Locken des Kleinen.
„Harry, du bist kein Freak. Und du bist nicht schwach, nur weil du weinst. Du bist ein außerordentliches starkes Kind, dass kannst du mir glauben. Um die Jahre bei deinen Verwandten zu überleben, musstest du das sein.", erklärte er sanft, „weine ruhig, Kind. Weine so viel du möchtest. Du hast so vieles verloren, was du nie betrauern durftest."
Und zu seinem eigenen Entsetzen musste Severus feststellen, dass seine Stimme nicht mehr so fest war, wie er sie gern hatte, sondern auch brüchiger wurde und in seinen Augen auch Tränen stachen.
Er drückte sanft einen Kuss auf den Kopf des Kindes und flüsterte nun: „Es ist in Ordnung zu weinen."
Und wie, als hätte er die Worte nicht nur zu dem Kind auf seinem Arm, sondern auch zu sich selber gesagt, spürte er, wie auch ihm die Tränen stumm die Wangen hinunterliefen.
Er weinte gemeinsam mit dem Kind um all das, was ihm gewaltsam genommen wurde. Die Liebe seiner Eltern, all die Schmerzen und Furcht, die das Kind bei den Dursleys erlitten hatte.
Als sich der Griff der dürren Arme um seinen Hals lockerte, wusste Severus, dass das Kind bemerkt hatte, dass er mit ihm weinte.
Er hatte die Augen noch geschlossen und versuchte den nicht enden wollenden Strom seiner eigenen Tränen versiegen zu lassen, als er spürte, wie Harry unglaublich langsam und vorsichtig eine Hand ausstreckte, um eine Träne von Severus Gesicht zu wichen.
Zitternd strich ihm die kleine Hand über die Wange und grüne große verwunderte Augen musterten sein Gesicht, als er seine eigenen dunklen dem Kind wieder entgegen richtete.
Voller Staunen betrachtete Harry sein Gesicht, als könne er nicht glauben, was er da sah und umso ungläubiger betrachtete er den Zeigerfinger, mit der er Severus Träne weggewicht hatte und der noch von dieser benetzt wurde.
Dann legte er zögernd und vollkommen verunsichert seine kleine Hand wieder auf Severus Wange und flüsterte noch mit Tränen erstickter Stimme: „Nich weinen. Alles wieder gut. Harry nicht traurig machen."
Das Kind hatte doch tatsächlich die Nerven und wollte ihn, Tränkemeister von Hogwarts, Severus Snape, trösten.
Severus war vollkommen fassungslos. Wie konnte ein Kind, was die letzten Jahre so viel Leid und Grausamkeit ertragen hatte, noch so viel Mietgefühl und Liebe besitzen.
Und diese Fassungslosigkeit musste sich wohl in seiner Miene widergespiegelt haben, denn Harry zog beinah erschrocken seine Hand weg und schlang ihm die Arme wieder um den Hals.
Dann fühlte es sich so an, als würde das Kind seinen Hals umarmen, denn er übte mit seinen dürren Armen kurz Druck aus und flüsterte dann verunsichert in einem flehentlichen Ton: „Daddy, bitte nicht traurig sein. Harry lieb, alles gut. Nicht weinen."
Severus konnte kurzzeitig nichts weiter tun, als Harry in einer festen Umarmung zu halten und um seine Fassung zu ringen.
Das Mitgefühl des Kindes hatte ihn stärker erschüttert, als er zugeben wollte. Es hatte nie jemanden in seinem Leben gegeben, den es wirklich interessiert hatte, ob er weinte, außer Lily.
Und diese Sorge nun in diesem armen misshandeltem Kind wiederzufinden, ironischer Weise Lilys Sohn, berührte sein Herz zu tiefst.
Sicher sorgte sich der Schulleiter gewissermaßen um sein Wohlergehen. Doch er konnte sich nie sicher sein, ob er sich um seinen Kollegen, seinen Freund oder einfach nur um seinen wertvollen Spion sorgte.
Und so war es mit allen den Menschen, die in seinem Leben vor kamen. Nach Lilys Tod hatte er nie wieder jemanden nah genug an sich heran gelassen, dass ihn dessen Verlust noch einmal so verletzten könnte.
Denn er wusste, dass er einen weiteren solchen Verlust nicht ertragen hätte.
Doch die absolut aufrichtige und entwaffnende Liebe eines unschuldigen Kindes war nie Teil seines Lebens gewesen und hatte ihn nun vollkommen entwaffnet. Harry hatte es mit dieser Geste und seinem offenbaren Mitgefühl für eine, ihm doch noch ziemlich unbekannte Person, geschafft, all die Mauern, die Severus jahrelang mühsam um sich herum errichtet hatte, einzureißen.
Einerseits fragte er sich, was das Kind eigentlich aus all seinen schlimmen Erfahrungen bis jetzt gelernt hatte. Offensichtlich nicht viel, so viel Vertrauen in ihn zu zeigen, war ja geradezu töricht.
In ihn, den herzlosen Bastard, wie ihn dreistere Schüler hinter seinem Rücken nannten.
Und andererseits konnte er sich dieser unschuldigen Liebe absolut nicht entziehen. Stand ihr machtlos gegenüber. Und er wusste, würde er jetzt Harrys Vertrauen aus irgendeinem Grund verlieren, irgendeinen Fehler machen, könnte er sich das niemals verzeihen.
Und abermals kochte die Wut auf die Dursleys förmlich in ihm hoch. Harry war offensichtlich ein absolut mitfühlendes und durch und durch gutherziges Kind, was sich förmlich nach Zuneigung verzehrte.
Wie konnte man dieser entwaffnenden Unschuld mit kalter Grausamkeit entgegen treten? Wie konnte man in diese grünen flehenden Augen blicken und ihn hungern lassen, leiden lassen, ihn förmlich quälen.
Als Lucius ihm damals berichtet hatte, wie Draco ihn das erste Mal angelächelt hatte, gesprochen hatte, auf ihn zu gelaufen war, in seine Arme geschlossen werden wollte, hatte er ihn nur belächelt. Festgestellt, wie Lucius hartes Äußeres sich durch die Aufmerksamkeit eines Kindes komplett verwandelt hatte, und dennoch hätte er niemals für möglich gehalten, wie die Liebe eines Kindes wirken würde und das sie ausgerechnet ihm eines Tages mal zu Teil werden würde.
Er hatte es damals alles belächelt und die Frage, ob er denn keinen seiner Schüler ins Herz schließen würde, mit einem ungläubigen Schnauben abgetan.
Und doch hatte er nun nicht einmal einen ganzen Tag durchgehalten, eh er das Kind in seinen Armen unweigerlich in sein Herz geschlossen hatte.
Und er wusste selber, dass ihn dieses Ereignis verändern würde.
Mit Lily war die letzte Person, die ihm jemals ernsthaft etwas bedeutet hatte, vor Jahren gestorben und er hatte sich damals geschworen, sich nie wieder zu erlauben, zu fühlen. Zu lieben und dadurch wieder verletzlich zu werden.
Und doch konnte er nicht abstreiten, dass er das Kind in seinen Armen liebte. So sehr, dass er mit ihm litt, so sehr, dass er alles tun würde, damit dieses Kind wieder Glück erfahren würde.
Und so würde er nicht nur eine Vaterfigur für das Kind sein, die dafür sorgte, dass er gesund war, lernte und älter wurde. Sondern ein richtiger Vater, er würde alles für dieses misshandelte und doch noch so absolut reine Kind geben.
So hatte nicht nur Harry nun einen neuen Vater, der sich nun definitiv bewusst war, dass die Aufgabe, die er zugestimmt hatte, nicht nur ein wenig seiner Aufmerksamkeit fördern würde, sondern all das forderte, was er bereit war zu geben.
Sondern auch Severus hatte etwas dazu gewonnen. Eine Person in seinem Leben, die ihn unwiderruflich lieben würde. Ein Kind, was ihn brauchte und was er ebenso brauchte.
