11. Punta Lanza, Dominikanische Republik

„Red!"

Was ist passiert?

Gerade eben fiel die Britin noch einen scheinbar endlosen, dunklen Abgrund hinunter – wie sie dachte, dem sicheren Tod entgegen. Und jetzt lag sie mit deutlich pochendem Herzschlag auf hartem Boden und spürte nicht einmal einen leichten Schmerz. Sie erinnerte sich an keinen Aufprall. Das letzte, woran sie sich erinnern konnte, war dass sie schrie. Sie hasste Filmrisse. Vorsichtig spannte sie die Muskeln an, streckte ihre Finger, atmete tief durch. Offensichtlich funktionierte die Motorik. Alles schien normal zu sein. Sie lebte.

„Red!"

Lara stutzte. Es gab nur eine einzige Person, die sie so genannt hatte, und diese lebte nicht mehr. Die Stimme, die sie rief, klang so unglaublich real, dass Lara bereits ahnte, was sie erwarten würde: Die Verdinglichung eines weiteren Tores nach Avalon. Ein leiser Seufzer verließ ihre Lippen und ihre Augen öffneten sich zaghaft. Ihr Gefühl hatte sich bewahrheitet, und trotz richtiger Vorahnung überkam sie ein seltsam vertrauter Gefühlscocktail aus Fassungslosigkeit, Trauer, Erleichterung und Schuld, als sie Chase Carver lebensgroß vor sich stehen sah.

Der blonde Mann, den sie entgeistert anstarrte, beobachtete sie mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen. „So leid es mir tut, dein Mittagsschläfchen zu unterbrechen, Red - wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Ich kriege langsam Hunger." Er streckte ihr die Hand entgegen, um ihr hinaufzuhelfen. „Ich habe es nicht gewagt, deinen Rucksack nach Essbarem zu durchwühlen."

Die Archäologin wich reflexartig zurück und sprang auf, um blitzschnell die Desert Ranger auf seine Schulter zu richten. Ein stechender Schmerz durchfuhr plötzlich ihren Kopf.

„Langsam, Red. Brauchst du ein Aspirin?", grinste er.

Gegen ihren Willen hoben sich ihre Mundwinkel. Selten hatte sie eine so überzeugende Fata Morgana gesehen. „Du bewegst dich auf dünnem Eis, Carver", sagte sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Nichts Neues", stimmte er ihr zu, „aber jetzt nimm das Ding da runter." Er deutete auf die Pistole.

Verdammt, Croft! Jetzt führst du schon Selbstgespräche.

Etwas verwirrt schüttelte Lara den Kopf und ließ die Desert Ranger in den Halter gleiten. Sie zwang sich, die Illusion ihres Exfreundes zu ignorieren und ließ ihren Blick den Raum schweifen. Sie befand sich in einem engen Durchgang mit Tonnengewölbe und zahlreichen brennenden Fackeln an den Wänden. Über ihr war das Ende des Tunnels, den sie gerade heruntergefallen zu sein schien. Vorsichtig schritt sie voran.

Der Amerikaner umrundete sie und versperrte ihr breitbeinig den Weg. „Schätzchen, bist du nach allem etwa immer noch sauer auf mich?", fragte er. Seine grünen Augen fesselten sie, ließen sie nicht los. „Immerhin hast du mich in diesem Drecksloch mit dem Haufen südamerikanischer Knochen allein gelassen.", schnurrte er samtweich, „Zugegeben, es war nicht ganz einfach, mit angehaltenem Atem einen Weg da heraus zu finden, aber nicht umsonst bin ich, wer ich bin. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Schon mal gehört, was?", zwinkerte er.

So sehr Lara sich bemühte, sich auf den Tempel zu konzentrieren, ein Urinstinkt ließ sie erwidern. „Chase Carver ist vor acht Jahren in meinen Armen gestorben", fauchte sie bitter, „Ich habe eigenhändig sein Grab ausgeschaufelt. Ich habe ihn beerdigt. Du bist nur eine Illusion, lass mich in Ruhe."

Er schüttelte den Kopf, trat auf sie zu und griff nach ihren Oberarmen. Als seine Hände ihre Haut berührten, erstarrte sie in ihrer Bewegung. Chase stand wahrhaftig vor ihr und hielt sie fest. Sie vernahm den vertrauten Geruch, den sie überall wiedererkannt hätte. War er ein Geist oder war er es nicht?

„Ich bin nicht tot, Red.", versicherte er, als ob er ihre Gedanken gelesen hatte, „Ich war es nie. Und wenn du die Freunde an deinen Hüftchen schön an ihrem Platz lässt, hoffe ich auf einige weitere Jahre." Er deutete grinsend auf ihre Pistolen. „Schätzchen, ich kenne euch Frauen. Ihr werdet schnell emotional und so was, aber dir nehme ich das nicht übel." Ohne Vorwarnung zog er die Britin an sich und presste seine Lippen auf ihre – genau so, wie er es früher oft und gerne in den unpassendsten Situationen getan hatte.

Lara schubste ihn augenblicklich von sich weg und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Wie benommen taumelte Chase zurück und rieb sich die wunde Stelle mit der Hand. „Genau das habe ich vermisst", stöhnte er ironisch. Sie wunderte sich kurz über die Kraft, die sie aufgebracht hatte. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich erheblich erleichtert.

„Du verdammter Mistkerl.", flüsterte sie, „Wie kann das sein? Ich habe dein Skelett aus dem Tempel gezogen."

„Du hast das erstbeste Skelett herausgezogen, Liebes, nicht mich. Wie du siehst, bin ich alles andere als tot. Mal ehrlich, kam es dir denn nie seltsam vor, dass du ziemlich gesund und lebendig durch die Tür gehüpft bist und mein vermeintliches Ich sich in Sekundenschnelle im Gas aufgelöst hatte? Das macht doch keinen Sinn."

„A- aber die Truhe? Du hast sie aus dem Becken geholt."

„Schon, aber die hatte mir das Skelett entrissen, das du dann feierlich verbuddelt hast."

Lara umfasste den Kopf mit beiden Händen. „Nein, das kann nicht sein!", trotzte sie, „Das warst du. Es war deine Leiche. Ich zerrte dich heraus, du warst tot. Ich konnte nichts mehr für dich tun!"

„Red, ich bin wieder hier. Bei dir." Der Blonde legte seinen Kopf zur Seite und hob die Mundwinkel in gutmütiger dumm-gelaufen-Manier.

Lara schaute zur Seite herunter, konnte es nicht begreifen. Es schnürte ihr die Luft ab. „Du hast mich acht Jahre glauben lassen, du seiest tot!", sprach sie langsam.

„Ich brauchte eine Auszeit.", erklärte der Blonde unbehaglich.

„Eine Auszeit?", wiederholte sie und funkelte ihn verächtlich an, „Eine Auszeit! Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie es mir dabei ging? Ich hatte, verdammt noch Mal, dein Leben auf dem Gewissen! Ein Anruf, ein Wort von dir hätte genügt."

Er gestikulierte mit den Händen und wollte erwidern, doch sie schnitt ihm das Wort ab. „Nein, du hast dich nicht geändert, Chase Carver. Du bist das gleiche selbstverliebte, arrogante Schwein, auf das ich damals reingefallen bin! Und ich hasse mich dafür, dass ich dir jemals so viel Bedeutung zugemessen habe."

„Hey, ich kann es nur nochmals wiederholen, Red, es tut mir leid-"

„Genug. Ich will dein Gesülze nicht mehr hören–"

„Ich lag im Koma!", unterbrach er sie hart. Lara verstummte. Nach einem Augenblick durchschnitt er die gespannte Stille, die sich plötzlich eingestellt hatte. „Bist du jetzt zufrieden?"

„Noch eine Lüge?", sprach sie unbeeindruckt, „Du bist erbärmlich."

„Sechs Jahre, Schätzchen. Und dann wache ich in diesem versifften Krankenhaus auf, völlig planlos, ohne Erinnerung an mein Leben, gar nichts. Ich weiß nicht einmal mehr, wer ich bin, wie ich heiße. Um mich herum seltsame Menschen, die eine Sprache sprechen, die ich nicht verstehe, während ich wie stumm und gelähmt nur da liege! Ich sag dir, wie das war: Beschissen! Aber jetzt bin ich wieder da, Red, und das hat lange genug gedauert."

Lara wusste nicht, ob sie das glauben sollte. Wider ihren Willen wurde ihre Stimme ein wenig weicher, besorgter. „Wie ist das passiert?"

„Ich weiß es nicht.", zuckte Chase mit den Schultern, „Muss wohl das Gas aus dem Tempel gewesen sein, jedenfalls glaube ich das. Die Wirkung wird verzögert gewesen sein. Ich weiß nur noch, dass ich mich ins nächste Dorf schleppen konnte. Da brach ich plötzlich zusammen. Das ist alles, woran ich mich erinnern kann." Er atmete tief durch. „Alles, was ich wollte, Red, war dir das alles zu erklären. Deswegen bin ich heute und jetzt hier."

Die Britin war sich noch immer unsicher, wie sie darauf reagieren sollte. Sie schritt langsam an ihm vorbei und bewegte sich auf den angrenzenden Raum zu. „Wie hast du gewusst, dass ich hier bin?", fragte sie.

Chase folgte ihr, hob den Ellenbogen und kratzte sich verlegen am Nacken. „Naja, ich musste einige Datenbanken hacken. Ich wollte den Kontakt zu bekannten Gesichtern vorerst vermeiden."

„Damit du dich noch eine Weile vor denen verstecken kannst, denen du immer noch was schuldest?"

Der Amerikaner seufzte entnervt. „Überlass das Rumgezicke lieber den Professionellen. Du bist eine Lady, Red, daran wird sich nichts ändern. Ich hingegen habe mich geändert."

Lara seufzte tief. „Diskutieren wir das aus, wenn wir hier draußen sind. Ich habe einen Auftrag zu erledigen. Wie bist du überhaupt hier rein gekommen?"

„Genau wie du, schätz ich mal", zuckte er mit den Schultern, „aber nur halb so ästhetisch. Sogar herunterfallen kannst du besser als ich.", grinste er frech und trat einen Schritt auf sie zu. „Erst habe ich gedacht, du warst eine Selbstmordkandidatin, aber dann kam es mir komisch vor, dass du geschrieen hast. Glaub mir, wenn ich nicht gewesen wäre, Red, wäre es schlimm ausgegangen."

„Du hast- ?" Lara stockte.

„Na ja, du bist nicht gerade leichter geworden, weißt du.", lachte er und streckte ihr die Zunge entgegen, „Aber ja, als ich dich aufgefangen habe, warst du schon bewusstlos."

Lara verstummte. Sie konnte sich nicht erklären, wie das passiert sein konnte. Es widersprach allen physikalischen Gesetzen, dass sie einen solchen Sturz überlebt hatte und Chase unter ihrem beschleunigten Gewicht nicht erschlagen wurde.

„Red?", unterbrach der Amerikaner ihre Gedanken, „Hörst du mir zu?"

„Hmm?"

„Ich sagte, ich habe mich hier schon mal umgesehen. Die Statue, die du suchst, ist da drüben. Aber mit südamerikanischen Fallen kennst du dich besser aus als ich. Das solltest du dir ansehen."

Vorsichtig schritten die beiden Abenteurer voran. Der Gang, den sie als nächstes betraten, roch bereits nach Gefahr. Er war beklemmend eng und hatte eine hohe Decke. Dort, wo Lara stand, konnte in die angrenzende Kammer schauen. Auf einem kleinen Sockel ruhte ihre Belohnung, der golden schimmernde Götze der Arawaken in voller Pracht. Die Statuette verzauberte und lockte die Britin, doch ihre allgegenwärtige Vorsicht zwang sie, auf der Stelle stehen zu bleiben.

Reeley wird sich freuen.

„Eiserne Jungfrau.", kommentierte Chase, „Die liegende Variante." Er zeigte nach oben. Ein Bett von langen, spitzen Stacheln ragte gefährlich von der Decke herab und wartete buchstäblich darauf, heruntergelassen zu werden. Der spröde Steinboden war in bemerkenswert regelmäßigen Abständen von kleinen, tiefen Löchern versehen und stellte offenbar das Gegenstück der Dornenplatte dar.

„Sprinten?", schlug Chase vor.

„Nein. Ich traue den Arawaken nicht", sagte Lara und ging einige Schritte hin und her. „Warte!", hielt sie plötzlich an und streckte ihre Handfläche aus, „hier gibt es einen Luftzug. Das muss unser Ausgang sein."

„Was hast du vor?"

„Ich kenne solche Konstruktionen.", erklärte sie, „wenn ich die versteckten Druckplatten betrete, schießen die Stacheln herunter. Löse ich die Falle anders aus, habe ich noch einige Momente, bis der Mechanismus zu arbeiten beginnt. Das ist meine einzige Möglichkeit." Sie griff nach dem Ende ihres Magnethakens.

„Willst du nach dem Ding fischen? Vergiss es, Red, das Seil reicht doch niemals!"

„Für die Statuette nicht, das stimmt. Aber dafür für die Metallschleife an der Decke!"

Der Blonde sah hinauf und verstand erst nach einigen Augenblicken, was sie meinte. Gut inmitten der Speere versteckt glänzte im Licht seiner Magnesiumfackel eine schimmernde Öse. „Ich merke schon, mein Suchinstinkt ist etwas außer Übung. Na dann auf!"

„Egal, was passiert, Chase, ich möchte, dass du genau hier stehen bleibst." Ohne zurückzublicken und den brummeligen Gesichtsausdruck des Amerikaners kommentieren zu müssen, nahm sie Anlauf, sprang ab und warf den Haken aus, der sich sofort in der Schlaufe festkrallte.

Drei Mal ließ sie sich hin und her schwingen, bis sie nahe genug am Podest war, um nach der Statuette greifen zu können. Mit einer flinken Bewegung umfasste sie noch in der Vorwärtsbewegung sicher den Götzen und ließ sich zu Chase herüberschwingen. Plötzlich sackte die Stacheldecke einen Ruck herunter und senkte sich stetig herab.

Nicht den Boden berühren!

Lara streckte die Beine durch und wollte sich auf den sicheren Boden fallen lassen, doch der Haken, der an ihrem Gürtel festgemacht war, wollte sich unter der einsinkenden Decke nicht lösen.

Noch bevor sie den Mund öffnen und nach ihrem wiedergewonnenen Partner rufen konnte, war dieser schon zur Stelle. Er packte sie sicher am Gürtel, schnitt das Seil des Hakens blitzschnell mit einer Machete durch und zog die Britin aus der gefährlichen Zone.

„Danke, Chase!", atmete sie aus und verfolgte rückblickend, wie ihr geliebter Magnethaken unter dem enormen Gewicht der Stacheldecke gnadenlos plattgedrückt wurde. Sie dankte dem Schicksal, dass sie in diesem Moment hier nicht alleine war. Eine zweistufige kleine Kammer, die in der Decke integriert war und stark an einen offenen Fahrstuhl erinnerte, wurde freigelegt.

„Ladies first.", sagte der Amerikaner in mockierendem britischem Akzent und reichte Lara seine Hand, um ihr hinaufzuhelfen, „bist du dir sicher, dass das unser Ausgang ist?"

„Ziemlich.", entgegnete die Abenteurerin und verstaute das Idol sicher in ihrem Rucksack, „Komm!"

Kaum hatten beide die Plattform betreten, begann der Mechanismus erneut zu beben und hob die Konstruktion wieder an ihren ursprünglichen Ort zurück. Chase entzündete eine weitere Fackel und warf Lara einen lobenden Blick zu, als die Kammer exakt vor einer schmalen, unbearbeiteten Felsritze zum Stehen kam. Vorsichtig quetschten sich die beiden hindurch, um an eine breite Sprossenwand zu stoßen, die unendlich weit hinauf führte. Die Britin lächelte.

„Woran denkst du?", wollte Carver wissen.

„Ich rieche Freiheit."

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Mit einem Lächeln auf den Lippen sah Jeeves Winston durch die Scheiben des blauen Linienbusses, der ihn aus der hektischen Innenstadt Londons in die beschauliche Grafschaft Surrey zurück beförderte. Nachdem er sämtliche Formalitäten des Monats erledigt hatte, hatte er sich im Tate Britain mit einem alten Bekannten getroffen, um mit einem Eis in der Hand den obligatorischen Themse-Spaziergang bis zur Temple Church zu genießen. Er war froh, nicht wie gewöhnlich das Auto genommen zu haben, denn jetzt konnte er in aller Ruhe im warmen Schein der Sonne die grünen Wiesen und kleinen liebevollen Vororthäuschen für sich neu entdecken.

Winston nickte dem Busfahrer zu, als dieser ihn an seiner Station aussteigen ließ und ging die wenigen Hundert Meter zum Croftschen Anwesen zu Fuß.

Er war verwundert, einen Mann vor der Sprechanlage am großen Tor wartend vorzufinden. Dieser drückte die Klingel und wartete vergeblich auf Antwort. Als er Winstons Schritte hörte, wandte er sich um und sah den älteren Herrn hoffnungsvoll an. Der Mann war groß und hatte eine sportliche Statur. Einige mittellange dunkle Strähnen hingen ihm ins Gesicht und verdeckten teilweise seine Brauen. Der Brite konnte sich nicht daran erinnern, ihn zuvor schon einmal gesehen zu haben.

„Kann ich Ihnen helfen, Mister-", fragte Winston.

„Trent", sagte Kurtis freundlich und streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen, „Kurtis Trent. Aber nennen Sie mich doch Kurtis."

„Jeeves Winston." Erwiderte der alte Mann und schüttelte die Hand des Amerikaners. Mit dem Namen seines Gegenübers konnte er auch nichts anfangen. Dessen müde blaue Augen und der Hauch eines Dreitagebarts zeugten davon, dass der Mann dringend Schlaf brauchte.

„Mr. Winston," begann Kurtis, „Ich muss unbedingt mit Lara sprechen."

Irgendetwas an dieser Erscheinung vermittelte Winston das Gefühl, als handele es sich hierbei tatsächlich um etwas Wichtiges. „Sagen Sie,", hakte er ruhig nach, „was genau führt sie denn zu Miss Croft?"

Kurtis atmete tief durch. „Wir haben vor zwei Jahren in einer Sache in Prag zusammengearbeitet. Ich fürchte, die Sache war nicht komplett abgeschlossen und droht jetzt aufs Neue zu eskalieren. Es ist sehr dringend."

Der Brite hatte sofort verstanden. Vor ihm stand also der Mann, der etwas in seiner Lara verändert hatte. Sie hatte ihn zwar genauestens über die Geschehnisse um den Mord an von Croy und dieser geheimen Sekte informiert, aber sobald er nachhakte, was es mit diesem Amerikaner auf sich hatte, verschloss sie sich und wimmelte ihn ab. Immer wieder sah er die junge Frau die runde Scheibe mit den fünf Löchern durch ihre Hände gleiten – erst häufig und schließlich immer seltener, bis sie diese eines Tages lichtgeschützt verpackte und sie in einem Schrank ihres Trophäenraumes verstaute.

„Es tut mir Leid, Kurtis", entgegnete der alte Herr, „aber Miss Croft ist seit einigen Tagen auf einer Expedition. Es ist wie immer ungewiss, wann sie zurückkehren wird. Möglicherweise in ein paar Tagen, vielleicht aber auch erst in einigen Wochen."

„Sie ist telefonisch doch bestimmt erreichbar?"

„Sie wird nicht gerne während ihrer Abenteuer gestört. Dafür meldet sie sich sehr regelmäßig."

„Ich weiß nicht, wie viel Lara Ihnen über die Vorfälle erzählt hat. Ich wurde von einem genmutierten Wesen schwer verwundet und habe nie das Ende der Geschichte im Strahov erfahren können. Vor einigen Tagen habe ich Indizien dafür bekommen, dass die Cabal zurückschlagen wollen. Mr. Winston, ich bitte Sie - ich muss, so schnell es geht, mit Lara Kontakt aufnehmen."

„Mr. Trent, ich kann nur wiederholen, was ich gesagt habe: Miss Croft meldet sich regelmäßig bei mir, aber ich kann und will ihre Vorsicht nicht gefährden. Ich werde sie von Ihrem Besuch in Kenntnis setzen, sobald sie sicher auf englischem Boden gelandet ist."

Der Amerikaner wollte widersprechen, doch Winston kam ihm zuvor. „Begreifen Sie doch, Kurtis. Miss Croft dachte, sie seien tot. Ich hatte sie nie so aufgewühlt erlebt wie damals, als sie aus Tschechien zurückgekommen ist. Sie können nicht plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen!"

Kurtis seufzte. „Können Sie mich wissen lassen, wann Lara zurück ist?"

„Sicher.", antwortete Winston. Als der junge Mann in seiner Hosentasche nach einem Blatt Papier suchte, um seine Telefonnummer aufzuschreiben, gab das Mobiltelefon des Butlers einen kurzen Ton von sich. Winston prüfte seinen Nachrichteneingang und lächelte.

„Mr. Trent", sagte er freundlich, „Hatten Sie schon Gelegenheit, die hiesigen Pubs kennen zu lernen?"

„Noch nicht", entgegnete Kurtis, leicht durcheinander.

„Dann schauen Sie doch für ein Stündchen ins Royal Oak hinein und kommen Sie anschließend einfach wieder hier her."

„Ist sie gelandet?", fragte der Amerikaner hoffnungsvoll.

„Vor fünfzehn Minuten.", bejahte Winston, „Na gehen Sie schon, Kurtis. Und grüßen Sie bitte Ralph von mir, das ist der Wirt."