A/N: Dieses Kapitel beschäftigt sich mit einem philosophischen Thema, das für jüngere Kinder möglicherweise noch etwas schwierig ist. Dies ist ein Grund dafür, warum diese Geschichte als K+ eingestuft wurde und nicht als K.
Vielen Dank an Little Bear und Firebearer für die Rückmeldung zur Rohfassung dieses Kapitels.
Nachdem der Sensei eine Weile mit Jay, aus dessen rotbraunem Haar das Wasser nur so auf den blauen Gi tropfte, gesprochen hatte, suchte er Cole auf und bat ihn, ihm in seinen Raum zu folgen. Der Erdninja war froh darüber, denn so musste er nicht länger mitansehen, wie die Anderen sich an Nyas Wasser erfreuten, während er ausgeschlossen blieb.
Im Zimmer des Sensei war es kühl und dunkel. Seine Einrichtung war spartanisch und traditionell gehalten. Außer einem großen Schrank gab es nur ein niedriges Tischchen, auf dem eine dicke, weiße Wachskerze, umgeben von Räucherstäbchen, stand. Der Sensei zündete die Kerze an, dann bedeutete er Cole, sich im Meditationssitz auf dem Boden niederzulassen, und nahm ihm gegenüber Platz.
Nach einer Weile des Schweigens begann der Meister: "Wenn Misakos Annahmen zutreffen und eure Mission morgen erfolgreich ist, wirst du bald kein Geist mehr sein, Cole. Du wirst dann endlich kein Wasser mehr meiden müssen und brauchst dich nicht ausgeschlossen zu fühlen, wenn deine Ninja-Geschwister schwimmen gehen."
Der Erdninja machte ein freudiges Gesicht. Der Sensei fuhr fort: "Aber das ist nur die eine Seite. Bedenke, dass du auch viele Eigenschaften aufgeben wirst, an die du dich in den letzten Monaten gewöhnt hast. Du wirst nicht mehr durch Wände gehen, nicht mehr schweben oder dich unsichtbar machen können. Du wirst auch nicht mehr in der Lage sein, von etwas Besitz zu ergreifen."
Der alte Spinjitzu-Meister machte eine Pause und strich sich mit den Händen über die beiden Enden seines enorm langen Schnurrbarts. Cole wartete schweigend, bis sein Sensei wieder das Wort ergriff: "Ich möchte, dass du deinen Verstand durch Meditation frei von allen Ablenkungen machst und dann in dein tiefstes Innerstes lauschst, ob du dein Geisterdasein wirklich ein für alle Mal beenden willst. Bist du erst wieder ein sterblicher Mensch, gibt es kein Zurück."
"Natürlich, Sensei!", rief der schwarze Ninja aus. "Natürlich möchte ich wieder ein ganz normaler Mensch sein! Sicher, sich unsichtbar machen ist ganz praktisch, aber ..."
"Triff deine Entscheidung nicht voreilig, Cole, sondern überlege sie dir reiflich. Als du ein Geist wurdest, hattest du keine Wahl, sondern musstest dein Schicksal akzeptieren. Jetzt aber kannst du wählen, was du sein möchtest. Und bedenke, als Mensch bist du wieder anfällig für alles, was einen Sterblichen plagt. Du wirst krank werden, dich verletzen, altern und schließlich irgendwann sterben."
"Aber als Geist werde ich mich auflösen, wenn ich mit Wasser in Berührung komme. Und da die Verfluchte Welt nicht mehr existiert, kann mir niemand sagen, was dann mit mir passiert. Denk an Garmadon, Morro und all die Geister, die wir in Stiix besiegten. Sie sind für immer fort."
"Alle jene wurden in die Verfluchte Welt verbannt. Du hingegen fielst dem Zauber von Sensei Yang zum Opfer. Eigentlich müsstest du bis in alle Ewigkeit als sein Schüler herumspuken. Aber du konntest dem Tempel entfliehen, bevor er dich in Ketten legen und der Schar seiner unglückseligen Zöglinge einverleiben konnte."
Cole schauderte bei dem Gedanken. Der Sensei seufzte auf, bevor er fortfuhr: "Wir wissen nicht, was mit nicht-verfluchten Geistern passiert, wenn sie die Welt der Sterblichen verlassen. Möglicherweise gelangen sie in die Unterwelt und können - wenn überhaupt - nur als Schatten in unserer Welt existieren. Oder aber sie verwandeln sich in Skelette und können als solche zwischen der Unterwelt und der Welt der Sterblichen hin- und herwandern. Oder ihre Seelen gelangen zum selben Ort wie die von dahingeschiedenen Menschen."
"Oder aber sie lösen sich in nichts auf und sind überhaupt nirgendwo mehr", warf Cole ein.
"Ja, auch diese Möglichkeit besteht. Doch kann gerade dieser Zustand erstrebenswert sein. Wir wissen es nicht. Womöglich ist es alles Andere als angenehm, ewig zu existieren. Hast du eine Vorstellung von Unendlichkeit? Weißt du, wie es ist, alle deine Freunde und Familienmitglieder zu überdauern? Vielleicht sehnst du dich eines Tages danach, einfach nicht mehr zu sein."
Der Meister hielt inne als er bemerkte, dass seine Worte den Horizont seines jungen Schülers überstiegen. Darum kehrte er zum eigentlichen Thema des Gesprächs zurück: "Bedenke bei deiner Entscheidung aber nicht nur die Nachteile, sondern auch die Vorteile des Geisterdaseins. Vielleicht ist es dir bestimmt, deinem Team als Geist mit deinen besonderen Fähigkeiten zu dienen. Ohne deine Geisterkräfte wären die Ninja auf dem Heulenden Berg umgekommen und niemals in das Wolkenkönigreich gelangt. Und wer weiß, welches Potenzial noch in dir schlummert. Vielleicht war Unsichtbarkeit nur die erste von vielen wertvollen Fähigkeiten, die du dir nach und nach erschließen kannst, wenn du ein Geist bleibst."
Bei der Erwähnung des Wolkenkönigreiches lächelte Cole plötzlich. Er erinnerte sich an die Bibliothek der Mönche, die das Schicksal der Menschen Ninjagos aufschrieben.
"Nein, Sensei, ich bin mir sicher, dass es mir niemals bestimmt war, ein Geist zu werden. Fenwick, der Meister des Schreibens, hat höchstpersönlich gesagt, dass mein Geisterdasein nicht vom Schicksal vorgesehen, sondern das Ergebnis von Morros Einmischung war."
"Morro hat sein Schicksal geändert und dadurch das eure. Wer weiß, was jetzt in deiner Schicksalsrolle steht. Ergründe deinen wahren Willen, Cole, bevor du eine Entscheidung triffst."
"Aber Sensei, wir haben doch schon alles besprochen. Wir haben Skylor als siebten Ninja ins Team geholt und einen völlig fremden kleinen Jungen noch dazu. Was würden Skylor und Max denn sagen, wenn ich die Mission plötzlich abbrechen wollte?"
Der weise alte Mann seufzte: "Ich wünschte, ihr hättet nicht so voreilig gehandelt. Misako hätte den Falken nicht ausschicken sollen, ohne sich vorher mit mir zu besprechen. Hätte sie mich informiert, hätte ich dich gleich zur Meditation gebeten. So aber hat Max vor mir erfahren, dass du wieder ein Mensch werden kannst."
Cole blickte seinen Lehrer überrascht an. Darüber hatte er gar nicht nachgedacht. Aber ja, der Sensei hatte Recht. Er hätte zunächst mit ihm über die Sache sprechen müssen. Jetzt war es nicht mehr zu ändern. Der Erdninja begriff, dass Sensei Wu wirklich nur das Beste für ihn und das Team wollte.
"In Ordnung, Sensei", gab Cole schließlich nach. "Ich werde meditieren und mir die Sache noch mal ganz objektiv überlegen. Aber wie immer ich mich entscheiden werde - ich möchte gerne meinen Vater darüber informieren, bevor wir auf Sensei Yins Feld ankommen. Leider ist er derzeit nicht in Ninjago, sondern mit seiner Musikgruppe auf Tournee durch Metallonien."
Der Spinjitzu-Meister in der weiß-goldenen Robe nickte verständnisvoll und sagte: "Nya wird dir nach deiner Meditation bei der transkontinentalen Kommunikation helfen. Jetzt zünde ich dir ein paar Räucherstäbchen an, dann lasse ich dich allein und sorge dafür, dass du nicht gestört wirst. Melde dich bei mir, wenn du fertig bist."
A/N: Der Heulende Berg heißt im Original Wailing Alps.
