Natürlich musste ich meinem Vater trotzdem irgendwann erzählen, was mit Elaine und mir passiert war.
Er war sehr betroffen.
"Können wir Mrs Stuart nicht mal zu uns einladen?", fragte ich leise,"Vielleicht sieht sie, dass wir gar nicht solche Ungetüme sind, wie sie denkt?"
"Wir können es versuchen, Jeanna, aber mache dir bitte nicht zu viele Hoffnungen. Ich weiß ja gar nicht ob sie sich überhaupt darauf einlassen wird."
Hank sah ziemlich ratlos aus.
"Aber nicht heute Abend. Für heute hatten wir bereits genug Aufregung. Ich werde versuchen, sie Morgen zu erreichen, wenn ich im Büro bin"

Mein Vater wollte Mrs Stuart am Sonnabend zu uns einladen- Denn "Freitag Abend", fügte er zwinkernd hinzu,"haben wir nämlich schon etwas vor..."
Verwundert sah ich meinen Vater an."Was denn?"
Leider wollte er so gar nicht, mit dem Geheimnis herausrücken.

Am Freitag war meine Verletzung schon beinahe geheilt.
Die Verkäuferin in dem Schmuckladen hatte recht gehabt.

Mein neuer Körper heilte deutlich besser als früher. Mein Vater fand den Ohrring übrigens ziemlich schick.

Um Acht holten wir Dana ab.
Die stand bereits vor ihrer Haustür und sah an diesem Abend sehr hübsch aus- sie trug ein weinrotes Nicky-Oberteil, das mich wage an eine Couchganitur erinnerte und schwarze Schlaghosen.
Lächelnd stieg sie in unseren Wagen.
"Hallo mein Schatz", sagte Hank und betrachtete sie von allen Seiten, "Gut siehst du aus"
Sie strahlte.
Was war mit Dana heute los? Sie wirkte tatsächlich, wie verzaubert.
"June wollte natürlich mit, aber ich habe ihr erklärt, das dieser Abend nur für große Leute ist.", sie grinste mich an.
Es war schön, dass ich in ihren Augen kein Kind mehr war.
So lächelte ich zurück.
Wir fuhren zu einer von diesen Karaoke Bars in der Stadt.
Erstaunt sah ich meinen Vater an.
"Dein Vater liebt Karaoke!" erklärte Dana, dann sah sie ihn von der Seite an. "Aber singen kann er deswegen noch lange nicht. Naja, zumindest singt er nicht, wie Jeff Montgomery"
„Wage nicht, Jeff und mich zu vergleichen, Liebes -Aber was erwartest du von ihm?" lachte mein Vater fröhlich.
„Hat Jeanna die Montgomerys eigentlich schon kennen gelernt?", fragte Dana und sah Hank von der Seite an.
„Wann denn, Sully, sie musste sich ja erst mal bei den anderen Mutanten im District bekannt machen und sich ein hübsches Loch zulegen..."
„Oh... Ich glaube da hat sie aber was verpasst!". Danas Blick konnte ich absolut nicht deuten.

Hank hatte einen Tisch vorbestellt und wir setzten uns auf eine der Bänke..
Zu meinem Erstaunen, brachte der Kellner uns weiße Brause zum anstoßen.
"Ich darf keinen Alkohol trinken, wegen meinem neuen Medikament", erklärte Dana und sah fragend Hank an.
Er nickte.
"Und da wir „Antialkoholiker" heute in der Überzahl sind und es meine Feier ist, gibt es eben Brause"
"Es ist deine Feier?", fragte ich Dana überrascht.
"Oh ja, ich hatte doch am Mittwoch Geburtstag!"
Verschämt senkte ich den Blick. Ich hatte ihr wohl gründlich den Geburtstag versaut, in dem ich die schöne Ledercouch vollgeblutet hatte.

Sie streichelte mich aufmunternd über den Nacken.
"Hey, du konntest ja wohl kaum was dafür, Jeannie- außerdem habe ich gehört, dass du dich ziemlich tapfer geschlagen hast"
„Ich habe mich eigentlich gar nicht geschlagen. Eigentlich nur getreten und mit Dingen -und Leuten geworfen...", antwortete ich vorsichtig und Hank lachte beinahe stolz.
„Wenn das nicht mein Kind ist, dann weiß ich auch nicht mehr..."
Er konnte wirklich nicht toll singen, was aber nicht bedeutete, dass er es nicht zu mindestens tapfer versuchte.
Er sang Dana ein ganz bezauberndes Geburtstagständchen und seine Show war zumindest einmalig. Das erste Mal kam mir in den Sinn, das mein Vater eigentlich gern im Mittelpunkt stand. Er war ein Prima Entertainer.
Dana revangierte sich mit einer ziemlich eigenwilligen Interpretation von Down Town. Auch sie war nicht die Stimmbegabung vor dem Herrn, aber dennoch hatte sie ganz offensichtlich jede Menge Spaß.

"Willst du nicht auch mal? Wir beide haben uns nun auch schon blamiert", lachte sie, als sie wieder zum Tisch kam..
Verwundert sah ich ihn ihre Augen.
Sie sah heute gar nicht mehr aus wie das letzte Einhorn, das in eine Frau verwandelt worden war, sondern wie ein lebendiger, wirklicher Mensch.
Es war wirklich so, als hätte jemand Dana ausgewechselt, denn sie sah heute Abend vollkommen anders aus.
Ich fragte mich, ob es an ihrer Geburtstagsfeier lag oder etwas anderes mit ihr los war. Es war sehr merkwürdig.
Unsicher sah ich Dana an.
"Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch singen kann..." sagte ich vorsichtig.
Früher hatte es ja ziemlich gut funktioniert, aber nun war meine Stimme so dunkel geworden, dass ich nicht sicher war, wie ich mit ihr umzugehen hatte. Für irgendwelchen Blödsinn hatte es gereicht. Aber richtig singen?Auf einer Bühne?
Ich fand schließlich ein Lied was ich singen wollte.
Etwas von Melissa Etheridge zu singen, war gewiss ein guter Plan, immerhin war meine Stimme jetzt ziemlich ähnlich und ich müsste nicht so verdammt hoch singen.
Etwas verlegen nahm ich das Microphon in die Hand.
Ich sah ins Publikum. Wir waren ja nicht die einzigen Gäste. Das Karaokelokal war brechend voll.
„Das Hank, ist für dich...", sagte ich ein bisschen schüchtern.."Breathe"

I played the fool today
I just dream of vanishing into the crowd
Longing for home again
Home, is a feeling I buried in you

I'm alright, I'm alright
It only hurts when I breathe

And I can't ask for things to be still again
No I can't ask if I could walk through the world in your eyes
Longing for home again
Home, is a feeling I buried in you

I'm alright, I'm alright
It only hurts when I breathe
I'm alright, I'm alright
It only hurts when I breathe

My window through which nothing hides
And everything sees
I'm counting the signs and cursing the miles in between
Home

Home, is a feeling I buried in you, that I buried in you

I'm alright, I'm alright
It only hurts when I breathe
I'm alright, I'm alright
It only hurts when I breathe, when I breathe
Yeah, it only hurts when I breathe, when I breathe
Oh,it only hurts when I breathe

Hank war sichtlich gerüht.
Als ich von der Bühne kam, nahm er mein Gesicht zwischen seine Hände streichelte, meine Wangen und sah mich ernst an.
„Das war wunderschön Jeanna", sagte er.
„Ein bisschen passt es ja auch", sagte ich und lächelte.

Dana schlug die Augen nieder.
"Wolltest du es ihr nicht erzählen..? Ich meine sie sollte doch wissen-"
Hank nickte.
„Setz dich zu mir Jeanna", sagte er und ich hüpfte auf die Bank, so dass er uns beide im Arm hatte.
"Dana bekommt seit gestern ein neues Medikament. Vielleicht- wir hoffen, dass es endlich hilft, Danas Krankheit zu besiegen-"
Er sah Dana an und sie erwiderte seinen Blick.
"Wir wissen aber nicht genau, ob und in welcher Form Nebenwirkungen eintreten werden- oder besser, wir haben nur eine ziemlich wage Ahnung..." seine Stimme klang ziemlich belegt.
"Sicher ist, Dana wird sehr bald Schwierigkeiten bekommen, den Alltag so wie sie ihn kennt, zu bewältigen- deswegen wäre es besser, wenn June und Dana zu uns ziehen..."

„Sagt er...", sagte Dana und sah Hank an.

Er nickte ernst. „Glaub mir du bekommst deinen Spaß..."
"Natürlich", antwortete ich ernst."Ist doch selbstverständlich..."
Mein Herz krampfte sich zusammen und ich merkte wie mir die Tränen kamen.
Ich sah Dana verzweifelt an.
"Ich habe so große Angst...", sagte ich und meine Stimme zitterte, "Ich möchte nicht, dass du auch stirbst..."
Dana sah mir direkt in die Augen.
Sie schüttelte langsam den Kopf.
"Ich habe nicht vor, zu sterben. Nicht wenn das Medikament funktioniert-"
Ich schloss die Augen.
Wirklich beruhigend fand ich es nicht. Meine Mutter hatte auch so etwas gesagt.
"Meine Mom...", begann ich leise.
"Shhh", sagte Dana, "Ich habe einen exellenten Arzt", sie lächelte meinen Vater an.
"Und ich weiß, das ich leben werde. Ich habe noch eine Menge vor."
Sie nahm seine Hand.
Hank sah weniger zuversichtlich aus, was mich ziemlich beunruhigte.
"Ich hoffe es wird alles, was mit dir geschehen wird, wert sein", sagte er leise.
Plötzlich stand er auf und ich ließ ihn durchrutschen.
Er ging zu Toilette.
"Warum ist er so unsicher?", flüsterte ich ängstlich und sah ihm nach.
Dana richtete sich auf und trank einen Schluck.
"Er hat Angst...Ich habe auch Angst- aber ich weiß, dass ich es schaffen werde. Für June und für ihn."
"Ich finde es eigentlich schön, das du zu uns ziehst..Naja ich...werde ja meistens gar nicht da sein-aber trotzdem..."
Sie lächelte.
"Du weißt, das du auch bleiben kannst- es ist dein Zuhause."
"Vielleicht irgendwann mal" antwortete ich."Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich sein werde, wieder bei meinen Freunden zu sein..."
Sie nickte.
"Wenn alles anders gelaufen wäre...wer weiß, vielleicht wäre ich ja auch dort zu Schule gegangen. June wird es sicher gefallen, wenn sie alt genug ist-"
Ich war überrascht von ihrer Offenheit mir gegenüber.
Mein Vater hatte mich ja schließlich eindringlich gebeten, nicht mit ihr über dieses Thema zu sprechen.
Aber heute Abend war sowieso alles anders.

„Du wärst so wie June, oder?"
Sie lächelte verlegen.
Ihre Antwort war sehr zögerlich. „Das Verrückte ist...ich weiß es nicht - aber es ist ziemlich wahrscheinlich, ja."
Hank war wiedergekommen, ohne das ich ihn bemerkt hatte.
Er setzte sich neben Dana und küsste sie sanft.

„Ich glaube, wir werden es wohl noch früh genug erfahren.", sagte er und seufzte.
Ich zog die Augenbrauen in die Höhe.
Wie hatte er das jetzt gemeint?
Dana schloss die Augen:„Sein nicht so negativ, Henry-"
Sie streichelte ihm sanft über das Fell auf seinen großen Händen.
Ihre Finger zitterten, ganz leicht.
"Es ist in Ordnung...solange du bei mir bist", flüsterte sie.
Ich starrte die beiden an.
Was war hier los?
Ich sah meinen Vater forschend an. Er machte, wie Weezie gesagt hatte, sein „Schlechte-Nachrichten- Gesicht"-Er schloss die Augen und öffnete sie langsam