A/N: Hallo alle zusammen! Ein großes Dankeschön an Meldis für den Kommentar, du dürftest eine Antwortmail erhalten haben!! Ich wünsche viel Spaß mit dem zehnten Streich :)
Scar Tissue
10
Unter Tatverdacht
Bist zur falschen Zeit
Am falschen Ort gewesen
Wer glaubt noch an dich?
Der Deckenstrahler, um dessen Birne drei überwinterungswillige Motten flatterten, als ob sie einen Maienreigen zu tanzen beabsichtigten, dessen Choreografie noch nicht ganz ausgefeilt war, warf sein steriles Licht an die kargen und verdreckten Kalksteinwände, die einst von strahlendem Weiß gewesen waren, nun aber nur noch den vergilbten Farbton nikotinverfärbter Fenstergage vorzuweisen hatten. Erins Blick aus blauen Augen ruhte auf der metallenen Tischplatte, die unzählige Narben in Form von Kratzern aus vorangegangenen Verhören davongetragen hatte. Auf der silbrig glänzenden Oberfläche huschten die eifrigen Schatten der kolibrigleich flatternden Motten umher, von oben nach unten, von links nach rechts oder einfach kreuz und quer. Als sie die Hände auf den Tisch legte, klirrten die Kettenglieder, welche die beiden Handschellen um ihre Handgelenke miteinander verbanden, wie Glasmurmeln, die man im Zuge eines Spiels aneinander schlagen ließ. Ihre müden Augen, in denen das grelle Licht unangenehm brannte, wanderten zu ihren Handgelenken, die unter den eisernen Ringen leicht gerötet waren. Die Handschellen lagen nicht zu eng an, aber sie hatte noch nie zuvor welche tragen müssen, was das Gefühl des kalten Metalls um ihre Hände nicht wirklich angenehmer machte. Wie lange sie schon wartete, konnte Erin nicht einschätzen. Ihr Zeitempfinden hatte sich bereits in dem Moment aufgelöst, als sie wie aus einem Alptraum über Gotham Citys Dächern aufgewacht war, nur um gleich darauf das nächste Nachtmahr zu erleben.
Sie schluckte und stellte fest, dass ihr Rachenraum wund war und schmerzte. Wer bei Minusgraden auch mehrere Stunden in Höhen herumkletterte, die naturgegeben nicht für Menschen geschaffen war, musste sich im Anschluss nicht über eine Erkältung wundern. Diese gehörte jedoch im Moment zu Erins kleinsten Sorgen. Sie runzelte die Stirn, als sie ihre Fingerkuppen und anschließend den Saum ihrer Jacke betrachtete. Überall klebten getrocknete kupferfarbene Partikel in kleinen Spritzern und Punkten an ihr, so als wäre sie reichlich ungeschickt mit einer Farbspraydose umgegangen. Nur dass es sich dabei nicht um Farbe handelte. Soviel hatte Erin erfahren, als ein Polizist der forensischen Abteilung Proben genommen hatte. Er hatte sie mit einem weißen Stäbchen abgetupft, das Ähnlichkeit mit Hygieneartikeln zur Beseitigung von Ohrenschmalz besaß, und hatte anschließend eine chemische Lösung darauf träufeln lassen, woraufhin sich die Spitze des Stäbchens rötlich verfärbt hatte. Blut. Sie hatte Blut an ihren Fingern und ihren Ärmeln. Blut, das ihres Wissens nach nicht von ihr stammte. Erin schlug die Augen nieder und kämpfte gegen ihre enorme Erschöpfung an. Sergeant Nicholas hatte sie umgehend ins Gotham City Police Department gebracht, als die Verstärkung gekommen war und ihren Rucksack als Beweismittel konfisziert hatte. Dort hatte man ihre Fingerabdrücke genommen, Fotos geschossen, Proben genommen, ihr Handschellen angelegt und sie dann in dieses Verhörzimmer gesteckt, in dem sie nun schon seit gefühlten Stunden vor sich hinschmorte. Was genau für forensische Analysen durchgeführt wurden, wusste sie nicht. Das Einzige, was sie tun konnte, war warten und nichts war zermürbender als das.
Man hatte ihr ein Glas Wasser hingestellt, mit dem sie den größten Durst hatte stillen können, aber das, was sie am sehnlichsten tun wollte, war schlafen. Schlafen und vielleicht etwas essen, denn auch wenn die vergangenen Stunden nicht gerade mit appetitanregenden Anblicken gesegnet gewesen waren, meldete sich ihr Magen grummelnd und krampfend zu Wort, sodass sich erneute Übelkeit in ihr regte. Neben den Fingern, die in ihrer Tasche gefunden worden waren, hatte auch eine Pistole gelegen. Wie die da hingekommen war, konnte sich Erin einfach nicht erklären. Noch weniger als das jedoch, verstand sie, wie Schmauchspuren auf ihren Daumen und Handrücken gekommen waren, die der forensische Mitarbeiter eindeutig bei ihr nachgewiesen und dokumentiert hatte. Die junge Frau hatte noch nie in ihrem gesamten Leben eine Schusswaffe benutzt, nicht einmal, als sie dem Joker gegenübergestanden hatte.
Verdrießlich schüttelte sie den Kopf. Obwohl sie nicht begriff, wie die Waffe in ihren Rucksack gekommen war oder woher die Blutspritzer stammten, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen, dass sie unschuldig in Gewahrsam genommen worden war, und das machte ihr schreckliche Angst. Noch immer herrschte eine viel zu große Lücke in ihrem Gedächtnis, das schwarze Loch, das sich in ihre Erinnerung gefressen hatte, erstreckte sich von ihrem Weg zur Bushaltestelle bis zu dem Moment, in dem sie gegen einen Stahlträger gelehnt in über fünfzig Meter Höhe zu sich gekommen war. Sie hätte alles Mögliche in diesem Zeitraum tun können und genauso hätte in dieser Spanne alles mit ihr getan werden können. Erin konnte sich aber unmöglich mit einem Filmriss aus der Affäre ziehen, und was für sie persönlich am schlimmsten war: sie konnte sich selbst nicht einmal in der luxuriösen Sicherheit wissen, unschuldig zu sein.
Zittrig atmete sie aus und schüttelte sacht den Kopf, während es irgendwo über ihr leise zischte, als eine der Motten ihren zarten Flügeln zu große Nähe zu der glühenden Lampe zumutete. Erst die Untersuchungsergebnisse würden zeigen, wessen Blut Erin buchstäblich an ihren Händen kleben hatte, und ob es identisch mit den Fingern war, die sie unwissentlich mit sich herumgetragen hatte. Die Kette der Handschellen klimperte nahezu fröhlich, als die ahnungslose Tatverdächtige ihren Ellbogen abstützte und mit der Stirn gegen den Handballen lehnte.
Es waren Kinderfinger gewesen, die da in ihrer Tasche gelegen hatten, daran bestand kein Zweifel. Was, wenn das Blut nun auch von einem Kind stammte? Hatte sie wirklich einem Kind etwas Schreckliches angetan? Es vielleicht sogar umgebracht? Auch Erins linke Hand wanderte zu ihrem Gesicht und verbarg es gänzlich. Sie war den Tränen nahe, völlig mit den Nerven am Ende, wünschte sich so sehr, wenigstens definitiv zu wissen, etwas so Grässliches nicht getan zu haben.
Als die gewichtige Metalltür des Verhörzimmers schwerfällig und in gesanglicher Begleitung leidend quietschender Angeln aufgestoßen wurde, hob sie den Kopf und sah mit einer Mischung aus Erleichterung und Hoffnung, dass es Commissioner Gordon war, der mit einem dunkelroten Schnellhefter in der einen und einem Pappbecher, der dem aufgedruckten grünen Logo von Starbucks zufolge aller Wahrscheinlichkeit nach mit Kaffee gefüllt war, in der anderen Hand den Verhörraum betrat. Ihm folgten zwei uniformierte Beamte, die zwar nicht ganz so kräftig gebaut waren wie Sergeant Nicholas, aber dennoch respektheischende Muskelpakete vorzuweisen hatten, und sich wie zwei Sicherheitskräfte zu beiden Seiten der Tür postierten. „Miss Porter...", begrüßte Gordon sie leise und nickte ihr leicht zu, während seine blaugrauen Augen einen ernsten Ausdruck bargen und auf ihr ruhten. „...ich hatte eigentlich gehofft, sie so schnell nicht wiedersehen zu müssen. Erstrecht nicht unter solchen Umständen." Er seufzte und setzte den Becher ab, nachdem er den Hefter, dessen Plastikrücken über die metallene Tischplatte wischte, abgelegt hatte. Erin schaute hilflos zu ihm auf, sodass sich der Commissioner zu seinen Leuten umwandte und seufzte: „Kommt schon, macht ihre Handschellen los. Oder meint ihr wirklich, sie überwältigt erst mich und dann euch beide, um dann auf spektakuläre Weise zu fliehen?" Die beiden Beamten tauschten Blicke, wie um sich gegenseitig stumm zu fragen, ob ihr Vorgesetzter es ernsthaft in Betracht zog, Erin könnte auf die Idee kommen, sie zu überwältigen, ehe sie es in stillem Einverständnis als ironische Bemerkung einordneten. Der größere der beiden Polizisten trat auf quietschenden Gummisohlen an den Tisch heran und zückte einen kleinen silbernen Schlüssel, mit dem er gleich darauf die Handschellen öffnete und sich dann wieder an seinen ursprünglichen Platz begab. Erin rieb sich die wunden Handgelenke und schaute dann in die leicht trüben und müden Augen des Commissioners, der ihr gegenüber endlich Platz genommen hatte. „Ich habe versucht, einen Dolmetscher für Gebärdensprache aufzutreiben, aber um diese Uhr
zeit habe ich so schnell niemanden erreichen können. Ich denke aber, dass sich jemand für eventuelle spätere Befragungen finden lassen wird. Sind Sie damit einverstanden, dass Sie Ihre Antworten und Ihre Aussage dementsprechend schriftlich zu Papier bringen und diese polizeilich untersucht, analysiert und verwendet werden kann?" Erin zögerte, dann nickte sie. Sie wusste, dass ihr der Commissioner nichts Böses wollte, dass er nicht ihr Feind, sondern darauf ausgerichtet war, die Wahrheit in Erfahrung zu bringen. Er würde fair bleiben und nicht mit falschen Karten spielen, so viel konnte sie mit Bestimmtheit sagen. „Gut", murmelte er, löste die Klammer des Hefters, schlug ihn auf und zog eine Einverständniserklärung daraus hervor, die er der jungen Frau zuschob, „dann unterschreiben Sie das bitte." Er reichte einen silbernen Kugelschreiber nach, den Erin mit Mühe stet zu halten versuchte. Ihre Hand schmerzte von der immensen Belastung des unfreiwilligen Kletterausflugs und den Handschellen, die sie einige Zeit lang getragen hatte. Dem Commissioner entging das Zittern ihrer Finger nicht, worauf er ihr beschwichtigend die Hand auf den linken Ellbogen legte und sagte: „Ganz ruhig. Lassen Sie sich Zeit und lesen Sie erst einmal in Ruhe." Sie begegnete seinem Blick, sah die Güte, die darin lag, und musste sich zusammennehmen, um nicht die Tränen zu zeigen, die in ihr aufwallen wollten. Sie räusperte sich lautlos, überflog die Worte, denen zwar ein Sinn zugewiesen war, auf den sich Erin jedoch kaum konzentrieren konnte, und presste den Daumen enger an den Stift, um ihre Signatur auf die freie Linie zu setzen. Als sie den Stift wieder abgesetzt hatte, drehte sie das Dokument und reichte es wieder Jim Gordon, der es nickend in Empfang nahm und ihr im Gegenzug einen Block zuschob, auf den sie ihre Antworten notieren sollte.
„Ich dachte mir, den können Sie vielleicht vertragen", sagte er und schob ihr den Pappbecher zu, der sich noch sehr warm anfühlte, „Mit diesem neumodischen Zeug kann ich nichts anfangen, ich bin ein reiner Bohnenkaffeetyp ohne diesen ganzen Schnickschnack, müssen Sie wissen. Aber ich dachte, Sie als junger Mensch kommen da schon eher auf den Geschmack." Erin schaute verwirrt auf den Kaffeebecher und sah dann zu Jim Gordon, der ermutigend nickte: „Nur zu, der ist nicht vergiftet. Und wenn Sie doch Befürchtungen haben sollten, hole ich Mitch aus dem Forensikteam her, der es Ihnen beweist." Sie sah ihm einige Sekunden länger in die Augen, erkannte, dass er sie ein wenig beruhigen und auflockern wollte, und beschloss zu kooperieren. Sie schloss die linke Hand um den Zylinder aus warmer Pappe und zog mit der rechten den dünnen weißen Plastikdeckel ab. Die schwarze Farbe, mit deren Hilfe man Erins Fingerabdruck genommen hatte, färbte leicht auf den Deckel ab und hinterließ einen Teilabdruck. Ihr strömte ein süßliches Aroma von Karamell entgegen, das mit der wohligen Wärme des Getränks eine verführerische Kombination abgab. Für den Bruchteil einer Sekunde brachte der angenehme Duft des Kaffees Erin wirklich dazu, sich ein wenig zu entspannen. Nach den vielen Stunden, die sie in Kälte und Nässe frierend zugebracht hatte, war dieser Becher voll Kaffee die erste wärmende Zuwendung, die ihr zuteil wurde.
Ohne zunächst einen Schluck zu nehmen, legte sie auch die zweite Hand um den Becher, um sich ein wenig aufzuwärmen, und blickte das Oberhaupt der Polizei abwarten an. Gordon führte die rechte Hand an den Mund und räusperte sich, ehe er mit dem Stuhl ein wenig näher an den Tisch heranrückte und den Hefter durchblätterte.
„Sergeant Nicholas hat zu Protokoll gegeben, dass er Sie gegen 2 Uhr achtundvierzig an der Kreuzung Hampton Road, zweiundsechzigste Straße anhielt, weil er es als verdächtig empfunden hat, dass eine junge Frau zu so fortgeschrittener Stunde in so einem Viertel unterwegs ist. Ist es richtig, dass Sie zu angegebener Uhrzeit am betreffenden Ort waren?"
Erin seufzte leise und zuckte die Achseln, ehe sie mit der rechten Hand den Kugelschreiber ergriff und zu Papier brachte: „Ich wusste nicht, wo ich war. Ich hatte absolut keine Orientierung. Zuvor bin ich noch nicht an diesem Ort gewesen. Wenn der Sergeant sagt, dass es dort war, wird es wohl stimmen." Jim Gordon las ihre Antwort gründlich durch und runzelte die Stirn: „Wie meinen Sie das, Sie hatten keine Orientierung? Haben Sie sich verlaufen?" Erin zögerte, dann schüttelte sie den Kopf. „Haben Sie bewusstseinserweiternde Mittel geschluckt? Medikamente, vielleicht Schmerzmittel eingenommen?" Sie befeuchtete ihre Lippen und schrieb auf den Zettel: „Nicht dass ich wüsste." Gordon schien diese Antwort nicht sonderlich zufriedenzustellen, nichtsdestotrotz behielt er seinen ruhigen und umgänglichen Tonfall bei, als er fragte: „Sergeant Nicholas hat außerdem eine Verletzung an Ihrem Oberschenkel ausgemacht. Benötigen Sie ärztliche Versorgung?" Die junge Frau schüttelte nachdrücklich den Kopf, sodass ihr das blonde lange Haar ins Gesicht fiel. Die verheilende Wunde war zwar aufgerissen, aber Erin hatte keine schlimmeren Schmerzen mehr und glaubte zudem nicht, dass eine kompliziertere Behandlung vonnöten gewesen wäre, die über Wundsalbe und Pflaster hinausreichte.
„Gut...andernfalls können Sie sich jederzeit an einen der Beamten hier wenden, wir stellen jederzeit notwendige medizinische Behandlung zur Verfügung", er blätterte weiter in dem Hefter herum, ehe er fortfuhr: „Miss Porter...ich muss Ihnen nicht erst sagen, dass wir Blut an Ihren Händen und Ihrer Kleidung gefunden haben sowie zwei...", der Commissioner machte eine kurze Pause, „menschliche Finger", schloss er stockend. Erins linke Hand schloss sich fester um den Becher, sodass dessen Inhalt, wäre er randvoll befüllt gewesen, auf den Tisch geschwappt wäre. „Können Sie mir sagen, um wessen Blut und wessen Finger es sich handelt?"
Sie zuckte zusammen, als sich abermals die Möglichkeit in ihr aufbaute, dass sie vielleicht ein Kind getötet hatte, und schüttelte dann nur den Kopf ohne Gordon anzusehen. Zu sehr beschämte, verängstigte und schockierte sie der Gedanke, wirklich ein derartiges Verbrechen begangen zu haben. Jim schien ihre Beklommenheit zu spüren und sagte beruhigend: „Nehmen Sie doch erst einmal einen Schluck von Ihrem Kaffee. Er wird sonst noch kalt." Erin wusste, dass das alles Teil eines psychologischen Spiels war, Teil einer Strategie, möglichst diplomatisch an Antworten zu gelangen, die sie aber einfach nicht geben konnte, weil sie sich an nichts erinnerte, abgesehen von der unheilvollen Begegnung mit dem Joker und ihrer waghalsigen Kletteraktion, die ihr das Leben gerettet hatte. Dennoch tat sie wie ihr geheißen und nippte vorsichtig an dem noch sehr heißen Getränk, das sich, kaum dass sie es heruntergeschluckt hatte, mit wohliger Wärme in ihrem Bauch ausbreitete. Der anfänglich süße Karamellgeschmack schlug harmonisch in die leicht bittere Note starken Kaffees um, was Erin wohl mehr gemundet hätte, wenn sie wirklich in der Position gewesen wäre, das Getränk zu genießen.
„Miss Porter, ich möchte Sie bitten, mir ehrlich zu sagen, was sich in der vergangenen Nacht zugetragen hat." Vergangene Nacht? Erin kam es so vor, als dauerte diese Nacht schon seit Ewigkeiten an und würde gar kein Ende mehr nehmen. Dabei war in der Zwischenzeit wahrscheinlich schon ein neuer Morgen angebrochen, den sie, eingesperrt in dieser Parzelle mit nichts als einer Spiegelwand als Imitation eines Fensters, gar nicht wahrgenommen hatte.
Sie atmete tief durch, strich sich fahrig das Haar aus der Stirn und griff nach dem Kugelschreiber, mit dem sie schrieb: „Das ist ja das Problem. Ich würde Ihnen gern erzählen, was geschehen ist, aber ich habe einen völligen Filmriss. Ich kann mich an nichts erinnern", Erin setzte kurz den Stift ab und kniff die Brauen zusammen, ehe sie fortfuhr, „Ich bin aus dem Krankenhaus entlassen worden und war auf dem Weg zum Bus, um nach Le Gardien zu fahren...dann fehlt irgendetwas in meiner Erinnerung. Da ist nur Schwärze, ich weiß nicht, was in der Zwischenzeit passiert ist."
Sie ließ Jim Gordon zunächst lesen. Danach rückte er die Brille auf der Nase zurecht und strich sich nachdenklich über das Kinn. Die Lehne des Plastikstuhls seufzte, als sie Gordons Rücken empfing, weil sich dieser zurücklehnte und Erin eindringlich taxierte. „In der Zwischenzeit bis...? Ab wann können Sie sich wieder erinnern?" Unwillkürlich presste Erin die Lippen aufeinander und versuchte sich an die ersten Dinge zu erinnern, die sie wahrgenommen hatte, nachdem sie wieder zu sich gekommen war. Dann schrieb sie zögerlich und sorgfältig, um nichts zu unterschlagen, was in ihrem Gedächtnis noch intakt war: „Ich bin aufgewacht und hatte schreckliche Kopfschmerzen. Mir war schwindlig und kalt, ein heftiger Wind wehte...ich saß auf einem Stahlträger, über fünfzig Meter über dem Erdboden", Erin stoppte an dieser Stelle, verdrängte nur mit Mühe das flaue Gefühl im Magen, das sich bei der bloßen Erinnerung an den Anblick des unendlich erscheinenden Abgrunds in ihr ausbreitete. Ihr wurde klar, wie knapp sie dem Tod von der Schippe gesprungen, oder besser gesagt, geklettert war. Dann besann sie sich auf ihre derzeitige Lage, die nicht wirklich viel besser war, und schrieb weiter: „Der Joker war da...er hat mich dorthin gebracht, er hat mich da abgesetzt und wirre Dinge gesagt...ich habe nicht verstanden, was er mit einigen Sachen meinte. Er sagte, ich hätte so etwas wie einen Logenplatz für ein Feuerwerk, aber sollte mir nicht zu viel Zeit lassen, es mir anzuschauen."
Sie überlas die Worte, die sie geschrieben hatte, und kratzte so viel aus ihren Erinnerungsfetzen zusammen, wie sie rekonstruieren konnte, ehe sie hinzusetzte: „Er sagte, er müsse sich noch um Alex kümmern und dass ich doch nach all dem, was geschehen ist, zusehen sollte, so schnell wie möglich von da oben runterzukommen, weil es nicht nur in meinem Interesse wäre. Ich weiß nicht, was er damit gemeint hat. Er ist verschwunden und ich bin von einem Hochhausgerüst heruntergeklettert."
So simpel und schnell es sich zusammenfassen ließ, so hart und langwierig war es in Wirklichkeit gewesen. Hätte sie die richtigen Worte gefunden, hätte sie den Commissioner wissen lassen, was für Ängste sie durchzustehen gehabt hatte. Aber ihre Gefühle und Empfindungen taten hier nichts zur Sache, Gordon ging auf Fährtenlese und brauchte Fakten, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Vollständigkeit halber fügte sie noch hinzu: „Unten angekommen, bin ich Sergeant Nicholas begegnet. Ich habe gehofft, er könnte mir helfen und wollte mich ihm ausweisen. Als ich den Rucksack öffnete, waren die...", Erin verzog den Mund, nahm den Blick aber nicht von dem Papier, auf dem die Spitze ihres Kugelschreibers verharrte, bis sie sich durchringen konnte, ihre Gedanken in Worte zu kleiden: „Finger da drin. Ich war genauso geschockt wie Sergeant Nicholas. Ebenso bezüglich der Waffe. Ich hab in meinem ganzen Leben noch keine Waffe abgefeuert. Ich hasse diese Dinger." Sie schob den Block zu Gordon zurück, der erst einmal zwei Blätter zurückschlagen musste, um die Fülle der Aussagen komplett zu lesen. Gleich zu Beginn geriet er ins Stocken: „Der Joker??" Seine Hornbrille rutschte ihm um ein Haar von der schmalen Nase, als Erin langsam nickte. Sie nahm nun ohne jedwede Aufforderung einen Schluck von dem süßen Kaffee, um sich auch selbst zu beruhigen. Sie glaubte, sie würde sich niemals an den Anblick des Jokers gewöhnen, mochte sie ihn noch so oft sehen. Er war wie ein lebendig gewordener Alptraum, eine tiefe, innerlich aufwühlende Angst, die hinter jedem Blick in den Spiegel, jedem vorübereilenden Schatten, jeder knarrenden Tür lauerte. Erin musste fast dankbar darüber sein, alles nur reichlich verschwommen wahrgenommen zu haben. „Er hat Sie auf ein Gerüst gebracht?" Jim Gordons raue, aber freundliche Stimme hatte einen ungläubigen Unterton angenommen. Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete er Erin, so als wollte er feststellen, ob sie ihn belog.
Die junge Frau seufzte. Es klang ja auch alles andere als glaubwürdig, wenn man mit Blut besudelt und einer Waffe sowie menschlichen Körperteilen durch die Stadt spazierte und behauptete, einen Blackout erlitten zu haben. Aber so verrückt es sich auch anhörte, Erin berichtete die Wahrheit nach ihrem besten Wissen. „In der Nähe der Kreuzung, in der Sie Sergeant Nicholas aufgelesen hat, gibt es nur ein Bauprojekt von dieser Dimension. Das Clearwater Business Center." Die junge Frau nahm einen noch größeren Schluck von dem Kaffee, den ihr der Commissioner mitgebracht hatte, und zuckte die Achseln. Sie wusste nicht, wo sie gewesen war, kannte sich in diesem Stadtbereich einfach zu schlecht aus. „Sie wollen mir erzählen, dass Sie ganz allein da hinunter geklettert sind", jetzt war die Skepsis deutlich aus seinen Worten herauszuhören. Erin wartete nur noch darauf, dass er obligatorisch die Augenbraue heben würde. Wenn er glaubte, dass sie nach all den durchlittenen Strapazen noch zu Scherzen aufgelegt war, irrte er gewaltig. Sie nickte nachdrücklich und bedachte den Commissioner mit einem ernsten, durchdringenden Blick.
„Dann können Sie ja froh sein, dass er Sie nicht auf dem Wayne Tower abgesetzt hat." Mit so einem bissigen Kommentar hatte Erin nicht gerechnet, und doch erinnerte er sie damit daran, dass dies ein Verhör und kein Kaffeeplausch war. Commissioner Gordon musste bei aller Freundlichkeit dennoch Objektivität wahren. Sie bemühte sich, sich trotz ihrer Erschöpfung Gordons Bemerkungen nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, wenngleich es ihr schwerfiel. Sie war trotz ihrer Höhenangst und der unsäglichen Schmerzen stundenlang über eisglatte Stahlträger geklettert, da war es umso bitterer, wenn ihr jetzt niemand glauben wollte. Was hätte sie tun sollen, um es zu beweisen? Einen Stahlträger von der Baustelle mitgehen lassen?
„Hören Sie, ich bin da hinuntergeklettert und wäre fast abgestürzt. Wie soll ich Ihnen beweisen, dass ich mich an einem wackeligen Stahlgerüst hinunter gehangelt habe?" Gordon las mit seiner naturgegebenen Seelenruhe ihre Worte und verschränkte dann die Finger ineinander, so als würde er beten wollen. Erin hoffte, dass er das Gebet für sie sprechen würde. „Miss Porter, ich will Ihnen nichts Böses, aber ich bin leitender Polizeikommissar von Gotham City. Ich bin verpflichtet, mich anhand von Beweisen zu orientieren und daraus meine Schlüsse zu ziehen. Ihre Aussage mögen Sie ehrlich getroffen haben, aber solange wir keine Hinweise auf den Joker bei Ihnen finden können – sei es ein Haar, Stofffasern oder eine seiner charakteristischen Spielkarten – fürchte ich, dass wir uns nur darauf konzentrieren können, was wir bei Ihnen gefunden haben. Und die Beweislast ist in diesem Falle erdrückend. Sie behaupten, noch nie eine Waffe abgefeuert zu haben, doch wir haben an ihrer Hand und ihrem Arm Schmauchspuren nachgewiesen, die nicht da wären, hätten Sie nie einen Schuss abgefeuert."
Jim Gordon musterte sie ernst, während Erin mit sichtlicher Verzweiflung auf den Zettel schrieb: „Ich habe nie eine Waffe abgefeuert. Nicht wissentlich zumindest. Ich kann mich an nichts erinnern. Tut meine Aussage gar nichts zur Sache, weil ich keinen Augenzeugen vorweisen kann, der mich beobachtet hat?" Der Kaffee war völlig in Vergessenheit geraten und stand nur dekorativ zwischen ihnen auf dem Tisch. „Es ist nur eine Aussage, Miss Porter. Aussagen müssen analysiert und bewiesen werden. Wenn wir alles für bare Münze nehmen würden, was uns Tatverdächtige sagen, gäbe es erschreckend viele Unschuldige in Gotham City und Umgebung."
Erin lief ein kalter Schauer über den Rücken, als er sie als Tatverdächtige bezeichnete. Glaubte er wirklich, dass sie jemanden verletzt oder vielleicht sogar getötet hatte? „Wir müssen die Ergebnisse der forensischen Analyse abwarten, fürchte ich", sein Blick wanderte nachdenklich über das Gesicht der jungen Frau, die ihm wie ein Häufchen Elend gegenüber saß. „Was geschieht jetzt mit mir?", notierte sie zögerlich. Gordon befeuchtete seine Lippen und murmelte: „So leid es mir tut, aber Sie stehen vorläufig unter Arrest und müssen hier bleiben." Sie starrte ihn entsetzt an und spürte, wie sich die Übelkeit wieder in ihr regte. Sie war irgendwie in diese Situation hineingeschlittert und jetzt stand sie möglicherweise unter Mordverdacht? Sie fühlte sich, als wäre sie in den falschen Film geraten. „Kann ich mich umziehen? Bitte?", notierte sie und der Commissioner nickte, als er ihre Worte las: „Müssen Sie sogar. Ihre Kleidung wird ebenfalls untersucht. Ihnen wird in der Zwischenzeit ein Overall gegeben." Erin nickte langsam, starrte mit gedankenverlorenem Blick auf ihre Hände. „Verlieren Sie nicht den Mut, Miss Porter", versuchte ihr Jim Gordon gut zuzureden, „Die Untersuchungen haben gerade erst begonnen."
Sie nickte zögerlich, fand keinen wirklichen Trost in seinen Worten. Ihr Kopf pochte, Erschöpfung legte sich wie ein schweres Gewicht um ihre Schultern, schien sie nach unten zu drücken.
„Sie können sich wirklich an nichts erinnern?", fragte er nach, worauf sie den Kopf schüttelte. „Gedächtnislücken können aus vielen verschiedenen Gründen entstehen. Schock. Ein Schlag. Vielleicht ein traumatisches Erlebnis", er blätterte in seinem Hefter herum, der das Licht der Neonlampe tanzte auf der Plastikfolie, die die Front der Mappe zierte. „Durch Hypnose kann man Teile der fehlenden Erinnerung rekonstruieren, sofern sie nicht durch Rauschmittel verursacht wurde", er beugte sich ein wenig zu ihr vor, „Wären Sie dazu bereit, sich hypnotisieren zu lassen, um möglicherweise herauszufinden, was sich in dem Zeitraum zugetragen hat, an den sie sich nicht mehr erinnern können?" Erin schwirrte jetzt schon der Kopf, auch ohne dass sie in Trance versetzt wurde, der bloße Gedanke daran, wieder hilflos sein zu müssen, wieder nicht zu wissen, was mit ihr geschah, während sie in einen tiefen Schlaf fiel, erfüllte sie mit starkem Unbehagen. Commissioner Gordon schien ihre Unsicherheit zu bemerken und fügte ruhig an: „Natürlich würden wir die Hypnose erst dann durchführen, wenn Sie sich ein wenig erholt haben. Denken Sie darüber nach. Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich auch besser fühlen würden, wenn Sie Gewissheit hätten, was sich wirklich zugetragen hat", der Stuhl scharrte wie die Hufe eines unruhigen Pferdes über den glatten Fußboden, als Gordon ihn zurückschob und aufstand. „Denken Sie in Ruhe darüber nach. Kommen Sie, ich führe Sie zu einem Raum, in dem Sie sich umziehen können. Ich denke, die letzten Stunden waren recht kräftezehrend für Sie. Wir haben beide mehr davon, wenn Sie ein wenig geschlafen haben und Ihre Aussage verfeinern können." Obwohl der Commissioner daran interessiert zu sein schien, das Verhör für heute zu beenden, griff Erin hastig nach dem Block und schrieb nieder: „Das Feuerwerk, von dem der Joker gesprochen hat...ich habe es gesehen. Was ist geschehen?" Gordon verzog ein wenig den Mund, als er ihre Frage las und schüttelte sacht den Kopf: „Ich fürchte, ich kann Ihnen darüber keine Auskunft geben. Der Stand der Ermittlungen und der Umstand, dass Sie selbst unter Tatverdacht stehen, gestatten es mir leider nicht, die gewonnenen Erkenntnisse preiszugeben." Erin presste die Lippen zusammen, nickte dann aber kapitulierend. Zu Hause in Le Gardien hätte sie wahrscheinlich nur den Nachrichtensender anschalten müssen, um mehr darüber zu erfahren. Doch der Status war ihr aberkannt worden.
Sie stand unter dringendem Tatverdacht, obwohl noch niemand wusste, was sie verbrochen haben sollte. Und wenn ihr ein orangefarbener Overall zugewiesen werden würde, würde der Alptraum an Form und Farbe gewinnen und real werden. „Mit einem Anruf können Sie sicher nicht viel anfangen...", merkte Jim Gordon an, als sie sich langsam erhob, „Möchten Sie, dass ich jemanden darüber informiere, dass Sie hier sind? Dieses Recht steht Ihnen jedenfalls zu." Sie schnappte sich den Block, notierte eine Nummer darauf und schrieb darunter schlicht und einfach „Morgen". Einerseits brauchte sie selbst ein wenig Schlaf, wenngleich nur eine schmale Pritsche anstelle eines bequemen Bettes auf sie warten würde, andererseits wollte sie niemandem zumuten, zu einer solch unchristlichen Zeit in Aufruhr versetzt zu werden. Erin wollte sich nicht recht eingestehen, dass sie im Grunde auch niemanden sehen wollte. Zu tief saßen die Scham und das Entsetzen darüber, bei der Suche nach Hilfe selbst verhaftet worden zu sein, als dass sie bereit dazu gewesen wäre, sich dem enttäuschten Gesichtsausdruck derer zu stellen, die ihr ans Herz gewachsen waren.
„In Ordnung. Kommen Sie", sagte der Commissioner mit leiser, gedämpfter Stimme, ehe er Erins Oberarm umfasste und sie sacht mit sich zog. Sie ließ es geschehen, wusste sie doch gut genug, dass Widerstand zwecklos war, wenn sie ihre Unschuld beweisen wollte. Das hieß, sofern sie auch wirklich unschuldig war. Das Quietschen und Rattern eines Eisengitters, das aufgeschoben wurde, um sie in Empfang zu nehmen, brannte sich fast schmerzhaft in Erins Gehörgang ein. Wäre er in der Lage gewesen, all das hier zu sehen, hätte der Joker mit Gewissheit ein hämisches Lachen für sie übrig gehabt. Ein Lachen, aber kein Mitleid. Niemals Mitleid.
***
Jim Gordon nippte an dem Pappbecher, nur um kurz darauf angewidert den Mund zu verziehen. Nein, er würde nie ein Freund dieser extravaganten Kaffeevariationen werden. Abgesehen davon, dass der von Erin nicht mehr angerührte Kaffee ausgekühlt war, war er dem Empfinden des Commissioners nach viel zu süß. Mit einem plumpen Klatschen landete der halbvolle Becher in den schwarzen Untiefen eines Müllbehälters, den kein Licht erreichen wollte. Nach dem Verhör mit der jungen Miss Porter hatte er sich auf das Dach des Polizeipräsidiums begeben, um ein wenig frische Luft zu schnappen und natürlich...nun ja...Rücksprache mit einer anderen Behörde zu halten. Gordon wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab und trat unruhig von einem Bein auf das andere, während links von ihm über dem Gotham River eine scharlachrote Sonne über den Horizont kroch, an dem Hochhäuser wie die faulenden Zähne eines Seeungeheuers in den verfärbten Himmel ragten. Einige Meilen weiter westlich stiegen noch immer dünne Rauchschwaden nach oben, die letzten Überreste des Großbrands, der die Stadt gestern Nacht in Atem gehalten hatte. Ein ganzes Wohngebiet mit mehr als ein Dutzend Apartmenthäusern war von einer gewaltigen Feuersbrunst verschlungen worden. Die Explosion hatte halb Gotham aus dem Schlaf gerissen und dafür gesorgt, dass eine weitere Welle der Panik über die Stadt geschwappt war. Nicht ganz unschuldig daran waren die unzähligen Jokerkarten gewesen, die mit dem Ascheregen auf die Trümmer niedergegangen waren und die stolze Signatur des Täters trugen. Die Löscharbeiten hielten noch immer an, Feuerwehrleute versuchten, Überlebende zu bergen, und doch waren es zum bedauerlichen Großteil nur noch verbrannte Leichen, die sie unter den Trümmerteilen fanden. Der Joker hatte nicht nur unschuldige Menschen in den Tod gerissen, er hatte es auch noch feige getan, während seine Opfer geschlafen hatten. Nach dem letzten Stand handelte es sich wohl um bislang 139 Todesopfer, weitere knappe 100 waren mit schwersten Verletzungen in die nächsten Krankenhäuser eingeliefert worden, Tendenz beidseitig steigend.
Seit zwei Uhr war Commissioner Gordon wieder auf den Beinen, nachdem er sage und schreibe zwei Stunden Schlaf abbekommen hatte, bevor er von der Zentrale angerufen worden war. Barbara hatte sich stöhnend auf ihrer Seite des provisorischen Bettes gedreht, in dem sie schlafen mussten, und war wenig begeistert darüber gewesen, dass er einmal mehr nur nach Hause gekommen war, um sich unruhig hin und her zu wälzen. Von seiner Familie hatte Jim Gordon seit den letzten Wochen nur wenig, seit sein Haus in die Luft gesprengt worden war, hatte sich seine rar gesäte Freizeit beinahe in Wohlgefallen aufgelöst. Seine Kinder vermissten ihren Vater, seine Frau vermisste ihren Mann. Am allermeisten wurde jedoch Jim Gordon als der Mensch vermisst, den alle drei zu lieben gelernt hatten. Die jüngsten Ereignisse hatten ihn nervöser und fahriger werden lassen; all seine Gedanken schienen sich nur noch um den wieder aufgetauchten Joker zu drehen und natürlich wirkte sich das negativ auf sein Familienleben aus. Er bekleidete einen hohen Posten, war kein einfacher Detective mehr, der in der Regel nach Hause gehen konnte, wenn er seinen täglichen Dienst absolviert hatte. Barbara hatte gewusst, welche Verantwortung die höher bezahlte Stelle mit sich bringen würde, und doch schien keiner von ihnen darauf vorbereitet gewesen zu sein, wie viel Verzicht auf die sonst als so selbstverständlich erachteten Dinge mit dem besser bezahlten Posten einherging. Und auch wenn es den Anschein haben mochte, dass er nur ein besserer Don Quijote war, der gegen Windmühlen in Gestalt von Gotham Citys ehrlosen Verbrechern kämpfte, wusste der Commissioner, dass es wichtig war, den Glauben an Gerechtigkeit in dieser Stadt aufrecht zu erhalten und für diese einzustehen. Wenn er, einer der wenigen Offiziellen Gothams, die Flinte ins Korn warf und aus eigenem Interesse aufhörte, für das Gute einzutreten, das wie ein kleiner grüner Grashalm in einer Welt aus grauem Beton gedieh und beschützt werden musste, waren alle Opfer umsonst, die für den Glauben und die Hoffnung an die Menschlichkeit gebracht worden waren. Harvey Dents und Rachel Dawes' Tod wie auch Batmans freiwilliger, vorgetäuschter Fall zu einem Mörder und die Aufgabe seines Status als dunkler Ritters, der er wirklich war, wären sinnlos, genau wie die Ideale, die all diese Menschen verkörperten.
Ungeheuer wie der Joker atmeten nur, um diese Hoffnungen zu zerstören. Sie wandelten über diese Welt mit züngelnden Flammen an den Sohlen, die alles in Brand setzten, was sie berührten. Jim Gordon hatte es aufgegeben, die Motive des Jokers nachvollziehen zu wollen. Womöglich gab es da auch nicht viel zu verstehen. Das Chaos konnte man nicht verstehen.
Aus dem Augenwinkel nahm der Commissioner eine hastige Bewegung wahr und als er sich umdrehte, sah er auch schon die hoch gewachsene dunkle Gestalt im Schutze der fahlen Schatten stehen, welche die Dachvorrichtung im wachsenden grauen Morgenlicht auf den steinernen Untergrund warf.
„Sie sind die erste Fledermaus, die bei Tageslicht unterwegs ist", merkte Gordon trocken an und kassierte dafür gleich eine schlagfertige Antwort von einer tiefen, ein wenig unheimlich klingenden Stimme: „Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen." Der Commissioner kam nicht umhin, schief zu grinsen, die Hände in die Hosentaschen zu stecken und so leger dastehend den Sonnenaufgang zu betrachten, während er feststellte: „Na gut, man kann es auch noch als Morgendämmerung ansehen."
Ohne auf diese Bemerkung einzugehen, erklang die sonore, dunkle Stimme des maskierten Mannes hinter ihm: „Sie ist unschuldig, Gordon. Das wissen Sie doch, oder?" Er sah über die linke Schulter zurück und betrachtete den Mann, dessen Gestalt nicht nur aufgrund des dunklen, gepanzerten Kampfanzugs äußerst muskulös und kräftig wirkte. „Sagen Sie mir, was Sie daran glauben lässt." Batman legte den Kopf leicht schief, die dunklen Augen, die sich im spärlichen Licht des jungen Tages farblich kaum von der Maske über seinem Gesicht unterschieden, schienen kurz zu funkeln, ehe er sagte: „Ihre Frau hat selbst gesagt, dass Erin Porter nicht dazu fähig gewesen ist, die Waffe abzufeuern, als sie in Ihrem Haus dem Joker gegenüber stand." Gordon nickte knapp: „Weil sie die Sicherung vergessen hatte." Fast nahtlos entgegnete die menschliche Fledermaus: „Zeugt das Ihrer Meinung nach von ausgeprägter Erfahrung im Gebrauch von Schusswaffen?" Doch auch dafür hatte der Commissioner eine Antwort parat: „Aus Fehlern lernt man." Batman trat einen Schritt nach vorn und somit ins milchige, graurosafarbene Licht, das abgestandener Milch ähnelte, der man blutige Schlieren untergemischt hatte. Das Fledermauszeichen auf seinem Gürtel gab sich Mühe, das fahle Licht zu reflektieren, scheiterte aber an der mangelnden Intensität der Lichtquelle.
„Warum glauben Sie, dass sie die Waffe wirklich abgefeuert hat?" Jim Gordon drehte den Kopf zurück, sodass seine Brillengläser das matte Licht abfingen und die blauen Augen verschleierten. „Warum glauben Sie, dass es nicht so ist?" Batman machte Anstalten, etwas zu erwidern, doch Gordon kam ihm zuvor: „Hören Sie, ich möchte auch glauben, dass Erin unschuldig ist. Aber die Beweise sind eindeutig. Sie hat die Waffe abgefeuert, sonst wären die Schmauchspuren nicht dort, wo sie meine Leute gefunden haben. Sie hat Blut an Händen und Kleidung, das nicht zu ihr gehört, und zwei menschliche Finger im Handgepäck mit sich herum getragen. Die Indizien sind eindeutig und erdrückend. Wenn jetzt auch noch ihre Fingerabdrücke auf der Waffe nachgewiesen werden können und wir eine passende Leiche aus dem Gotham River fischen, sieht es nicht gut aus für sie." Batman schüttelte langsam den Kopf: „An der Sache ist etwas faul. Hat sie gestanden?" Gordon ließ den Kopf hängen und seufzte: „Nein. Aber eine recht schwammige Aussage geliefert. Lesen Sie selbst."
Er händigte dem maskierten Rächer, dessen Cape leise im kalten Novemberwind flatterte, das Verhörprotokoll aus und wandte sich dann wieder der Häuserfront zu, die im surrealen Licht des anbrechenden Wintermorgens seltsam gespenstisch und trotz aller Geschäftigkeit auf den Straßen verlassen wirkte. Nach einigen Minuten, die er lesen zugebracht hatte, sagte Batman: „Hört sich nach einem neuen Streich des Jokers an. Warum sonst wäre er vor Ort gewesen, als sie wieder zu sich kam? Wohl kaum zufällig. Er hat da seine Finger im Spiel." Gordon seufzte angespannt: „Das ist mir klar. Aber wir können es nicht beweisen. Es gibt klare Hinweise darauf, dass sie jemanden verletzt oder vielleicht sogar getötet haben könnte. Ihr Filmriss ist in dieser Hinsicht nicht wirklich entlastend."
Mit donnernder Stimme hielt Batman dagegen: „Derartige Hinweise gab es bei Dent mit Sicherheit auch. Und Sie konnten mir seine Morde dennoch problemlos anhängen."
Jim Gordon schüttelte den Kopf, ließ die Arme hängen und warf Batman einen aufgebrachten Blick zu: „Sie wissen, dass ich das heute noch bereue. Ich bin nicht Polizist geworden, um Beweise zu verfälschen oder Ermittlungsergebnisse so zu drehen, bis sie mir besser gefallen." Einen Moment lang sahen sich der Commissioner und Gothams Geächteter nur an. Die Stille, die zwischen ihnen heranwuchs, schwoll zu einem unerträglichen Maß an, bis Gordon sie erneut durchbrach: „Ich weiß nicht, was sich letzte Nacht zugetragen hat, aber finden Sie es nicht auch merkwürdig, dass der Joker plötzlich seine Verbrechen auf andere abzuschieben scheint? Dass er andere die Lorbeeren dafür einheimsen lässt? Das entspricht nicht dem Stil dieses Verrückten. Er genießt es, für seine Taten öffentlich an die Wand gestellt und gehasst zu werden. Weswegen sollte er jemanden wie Erin als Strohmann benutzen?" Batman tat etwas, das Jim Gordon nur einmal zuvor bei ihm gesehen hatte und was ihm Sorgen bereitete. Er schlug die Augen nieder.
„Vielleicht führt er nur vor, was wir mir Dent getan haben. Vielleicht will er aufdecken, was wir so lange zu verbergen versucht haben." Langsam sah er wieder auf, der Ausdruck in seinen Augen beunruhigender als je zuvor: „Er versucht uns mit unseren eigenen Waffen zu schlagen."
Ein hoher, monotoner Piepton lenkte Gordons Blick auf den Pieper an seinem Gürtel. Sein Gesicht wirkte nicht nur wegen des unvorteilhaften Morgenlichts aschfahl und teigig, vielmehr sah man ihm deutlich an, dass ihn Batmans Vermutung deutlich beunruhigte. Er prüfte die Nachricht, die er soeben erhalten hatte und stieß einen Seufzer aus: „Man hat Matthew Dermonts Leiche im Hafen gefunden. Wenn Sie mich fragen...", er schaute auf, nur um sich allein auf dem Dach wiederzufinden, während die Sonne in seinem Rücken gemächlich höher kroch, um ihren Thron zu erklimmen, „...sieht das gar nicht gut aus", endete der Commissioner und ließ die Hand, in der er den Pieper hielt, langsam sinken. Der Joker hatte den Spieß umgedreht. Und wenn Jim Gordon nicht selbst gegen das Gesetz verstoßen wollte, auf das er bei seiner Vereidigung geschworen hatte, würde er eine Unschuldige hinter Gittern bringen müssen. Nachdem er Batman zum Geächteten gemacht hatte, hatte er sich selbst das stille Versprechen gegeben, nie wieder Tatsachen zu verfälschen, diente es auch der Bewahrung einer noch so großen Hoffnung.
Die Sonne überragte mittlerweile den hohen Rathausturm und strahlte Jim Gordon blendend flach entgegen, sodass er kurzzeitig nur eine Korona aus feurigem Rot erkennen konnte und den Blick abwenden musste. Wenn Matthew Dermonts Blut dem entsprach, das Erin Porter über und über auf ihrer Kleidung trug, er erschossen worden war und zu allem Übel auch noch von Projektilen, die aus der Waffe stammten, die Erin mit sich herumgetragen hatte, konnten die Vorzeichen für Erin nicht schlechter stehen. Auch der Commissioner konnte nicht glauben, dass sie zu so einem Verbrechen imstande gewesen sein sollte, und doch tat seine Meinung nichts zur Sache. Wie lautete der Leitspruch seines Forensikteams? Menschen lügen, Beweise nicht. Allerdings, und das wusste Jim Gordon mit ebensolcher Sicherheit, lautete die zentrale Frage nicht, welche Beweise vorhanden waren, sondern wie man sie interpretierte.
***
Der Schatten der Gitterstäbe fiel in gleichmäßigen Wogen auf den Zellenboden, der sich durch erstaunlich harte Konsistenz und der Abstinenz jeglicher Farbe auszeichnete. Zumindest, so befand Erin, während sie auf ihrer Pritsche lag und gedankenverloren hinabstarrte, musste die Bezeichnung für die Unfarbe, in der sich der kalte Boden kleidete, noch erfunden werden. Geschlafen hatte sie nicht sonderlich gut, war eher noch geräderter wieder aufgewacht, als sie sich hingelegt hatte. Sie hatte nicht tief genug geschlafen, um die verworrene Alptraumwelt zu überwinden und wirkliche Erholung für sich zu beanspruchen. Ständig hatte sie sich selbst gesehen, wie sie eine Pistole in den Händen gehalten hatte, die sich so schwer angefühlt hatte, dass es real zu sein schien. Sie hatte den Abzug betätigt und auf eine gesichtslose Gestalt geschossen, gleich mehrere Male. So wie der Fremde von den Schüssen wie unter spastischen Zuckungen zurückgedrängt wurde, trieb Erin der unerwartet heftige Rückstoß der Handwaffe zurück und sie war gefallen, gefallen, gefallen, während die knöchern anmutenden Stockwerke eines unvollendeten Hauses an ihr vorüberrasten so als säße sie in einem außer Kontrolle geratenen Fahrstuhl. Kurz bevor sie aufschlagen konnte, war sie hoch geschreckt und von der unbequemen Liege gefallen, hatte das dünne, grau-weiß gestreifte Bettzeug mit sich gerissen, sodass sie sich vorgekommen war, als wäre sie in Fesseln gelegt worden und nicht länger imstande, sich von diesen zu befreien. Bis die Realität die wirren Phantasmen ihres Unterbewusstseins eingeholt und restlos in ihre dunklen Schlupflöcher zurückgedrängt hatte, waren einige Minuten verstrichen. Zu Erins Beunruhigung waren in diesem Alptraum weitaus mehr Wahrheiten verborgen gewesen als sie sich wünschen konnte. Es war keinesfalls ein abstrakter Wahn gewesen, in dem sie sich befunden hatte, sondern wahrhaft im Bereich des Möglichen. Das war es, was den Alptraum erst so unheimlich und so intensiv hatte erscheinen lassen. Irgendwann, als die aus einer Lichttäuschung geborenen Zebrastreifen auf dem Zellenboden weiter gewandert waren und fast im Zenit zu den Gitterstäben standen, sodass sie gut als Verlängerung derselben hätten durchgehen können, setzte sich Erin auf, sodass die strapazierte Feder ihres Bettes vor Alterschwäche stöhnte. Sie wünschte sich Gewissheit über ihr Tun, wollte wissen, was sich in der Zeit zugetragen hatte, an die sie sich nicht mehr entsinnen konnte. Selbst wenn es bedeutete, dass sie vielleicht eine Mörderin war, war es besser, die Fakten zu wissen, anstatt sich ständig fragen zu müssen, was geschehen war.
Sobald Gordon aufkreuzen würde, würde sie ihm ihr Einverständnis für die Hypnose geben. Erin schlang die Arme um ihren Oberkörper, betrachtete mit Verdruss das leuchtende Orange der Häftlingskleidung, die sie wie ein Büßerhemd tragen musste, und lehnte mit dem Kopf an die Wand. Wieso war all das geschehen? Wirklich nur, weil sie Nachforschungen angestellt hatte? Erin runzelte die Stirn. Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen, schließlich hatte sie keine glorreiche Erkenntnis gewonnen, die den Joker oder Batman oder irgendjemanden sonst hätte gefährlich werden können. Wahrscheinlich war sie für den Joker – Danny – eine interessante Zielscheibe, nicht zuletzt, weil sie seine Identität kannte, weil sie Teile seiner Geschichte miterlebt hatte, in der er sich noch im Besitz eines schlagenden Herzens und einhergehender Empathie gewusst hatte. Wollte er vermeiden, dass sie Gordon gegenüber aus dem Nähkästchen plauderte? Tat es überhaupt etwas zur Sache, wer hinter der Maske aus Narben und Schminke steckte? Sah er womöglich den Mythos um seine identitätslose Existenz gefährdet? Warum hatte er sie dann nicht längst getötet?
Er hatte schließlich mehr als einmal Gelegenheit dazu gehabt und sich doch immer dafür entschieden, Erin eine Wahl zu lassen. Wie auch in der vergangenen Nacht. Er hatte ihr offen gelassen, wofür sie sich entscheiden würde – entweder auf einem von Gothams Wolkenkratzern zu erfrieren oder von ihm abzustürzen, oder aber zu überleben mit der Konsequenz, unter dringenden Tatverdacht zu fallen. Sie hatte sich – wenn auch unwissentlich – für Letzteres entschieden, obgleich sie noch nicht einmal wusste, welcher Tat sie beschuldigt wurde. Auf wen oder was hatte sie geschossen? Und weshalb konnte sie sich an nichts erinnern?
Mit nachdenklich gerunzelter Stirn starrte Erin auf ihre rechte Handfläche, betrachtete die naturgegebenen Linien darauf und das etwas hellere und leicht erhabene Gewebe der Narbe, die ihre Lebenslinie kreuzte. Sanft fuhr sie den verheilten Schnitt nach, den ihr Danny vor so vielen Jahren zugefügt hatte und den sie sich in so mancher einsamen, kalten Nacht angeschaut hatte, weil er sie an die schlimmste und gleichzeitig schönste Zeit ihres Lebens erinnerte. Langsam legte sie ihre Finger in ihre Handfläche und ballte sie zur Faust, führte diese an ihren Mund und schloss die Augen. Sie sah seine dunkelbraunen, fast schwarz wirkenden Augen vor sich, die früher immer fähig gewesen waren, zu ihr zu sprechen ohne dass er Worte bemühen musste. Niemals hätte er zugelassen, dass ihr etwas zustieß, hatte sich ihretwegen mit den schlimmsten Schlägertypen ihrer Schule angelegt, war für sie da gewesen in einer Zeit, in der Erin sonst völlig auf sich allein gestellt gewesen war. Und jetzt? Jetzt tat er das genaue Gegenteil, schien alles daran zu setzen, ihr wehzutun, sie Stück für Stück zu zerstören. Warum hasste er sie so sehr? Was war ihm zugestoßen, dass er alles verachtete, was dieser Welt Form und Farbe verlieh? Kurz bevor sie damals Grahamsville verlassen hatte, war er es gewesen, der versprochen hatte, dass sie immer Freunde bleiben würden. Natürlich war es das Versprechen eines Kindes gewesen, eines Jungen, der nur wenig älter als Erin gewesen war, und Kinderherzen waren seit jeher wankelmütig.
Langsam öffnete sie wieder die Augen. Das einfallende Sonnenlicht intensivierte die Kühle des Blaus, das sie bargen, verengte ihre Pupille zu einem kleinen schwarzen Punkt. Die junge Frau wollte ihre Vergangenheit nicht loslassen, wollte nicht akzeptieren müssen, dass nichts mehr so zu sein schien, wie es einst gewesen war. Wie gefährlich diese Haltung, dieses Festhalten in Wirklichkeit war, begriff Erin im Moment noch nicht, doch der Joker sollte noch dafür sorgen, dass sie es lernte. Sie hörte Schritte und drehte den Kopf, nur um einen Polizeibeamten in blauer Dienstkleidung zu erspähen, der sich ihrer Zelle näherte. Er war noch recht jung, obgleich sein Gesicht, das wie in Stein gemeißelt zu sein schien, eine recht erwachsene Härte ausstrahlte. Die grün-grauen Augen waren schmal und wirkten durch die dichten, dunklen Wimpern kleiner als sie wirklich waren. Er hatte kurze, dunkelbraune Haare, deren Enden sich leicht lockten. Erins Großvater hatte solche Haare gehabt und sie hatte ihn als kleines Mädchen darum beneidet, obwohl er sich permanent darüber beschwert hatte, dass sie nie an Ort und Stelle verharrten und nicht gerade pflegeleicht waren, wie es ihm sein Beruf als Ackerbauer abverlangt hätte.
„Haben Sie Hunger?", fragte er sie und als sie den Kopf schüttelte, zückte er einen Schlüssel und öffnete das Schloss zu ihrer Zelle. „Dann kommen Sie. Der Commissioner möchte Sie sprechen." Der junge Polizist war zweifelsohne höflich, dennoch wahrte er Distanz zu ihr wie ein Tierpfleger zu einer unbetäubten Raubkatze. „Die hier muss ich Ihnen leider vorläufig anlegen. Ist Vorschrift", fügte er in fast entschuldigendem Unterton hinzu und hielt zu Erins Missfallen Handschellen hoch. Bereitwillig erhob sie sich und streckte die Arme aus, damit er ihr die Fesseln anlegen konnte, die ihr das Gefühl gaben, ein Schwerverbrecher zu sein. Kalt und eng schlossen sie sich um ihre Handgelenke, als der junge Officer, den Erin auf nicht älter als 23 schätzte, sie aus dem Zellentrakt geleitete. Sie musste vorbei an der Gruppenarrestzelle, in der Trunkenbolde ihren Rausch ausschliefen oder Kleinkriminelle darauf warteten, verlegt zu werden. Die Kommentare und Sprüche, die ihr beim Passieren der Zelle an den Kopf geworfen wurden, überhörte Erin geflissentlich, nur der Officer, der leicht versetzt hinter ihr lief, blaffte die Insassen an: „Klappe halten, da drin! Sonst lernt ihr mich kennen!" Diese Drohung stieß natürlich auf taube Ohren und wurde mit höhnischen „Ohhh" – Rufen kommentiert, die den Polizisten zwar wurmten, aber nicht dazu anstachelten, ausfällig zu werden.
„Da entlang", dirigierte er sie durch das Polizeigebäude, in dem hektisches Telefonklingeln niemals zu verstummen schien und im Minutentakt Polizisten in Zivil oder Uniform über die Flure eilten, Akten von einem Zimmer zum anderen trugen oder zu einem Notruf ausrückten. Erin wurde in einen kleinen Raum geleitet, dessen Fensterfassade einen weniger rühmlichen Ausblick auf eine schäbige kleine Seitenstraße bot. Das Ende des Raumes war mit hohen Regalen zugestellt, auf denen sich Aktenordner und Plastikschubfächer stapelten, wenige Meter davor stand ein großer schwerer Tisch, an dem Commissioner Gordon saß. Er war offensichtlich die ganze Zeit über im Präsidium geblieben, zumindest suggerierte das seine unveränderte Garderobe. Neben ihm am Kopf des Tisches saß eine schlanke, fast als dürr zu bezeichnende Frau mittleren Alters, deren kastanienbraunes, in vorteilhaftem Licht leicht rötlich schimmerndes Haar sorgfältig hochgesteckt worden war. Sie trug eine schwarzgeränderte Brille und ein ebenso dunkles Kostüm, das mit roten Nadelstreifen überzogen war. Sie nickte Erin freundlich zu, als sie eintrat und ihrer Handschellen entledigt wurde. Nachdem der Polizist wieder den Raum verlassen hatte und Erin mit dem Commissioner und der Fremden allein gelassen wurde, bedeutete ihr Gordon, sich zu setzen. „Miss Porter, das hier ist Dr. Crichton, Diplompsychologin vom Arkham Asylum. Sie ist hier, um ein Gutachten zu erstellen, falls Sie sich dazu bereit erklären, sich hypnotisieren zu lassen. Sie bekommen außerdem einen Pflichtverteidiger gestellt. Mister Barlow gesellt sich in Kürze zu uns, er steckt wohl noch im Stadtverkehr fest", erklärte der Commissioner die Umstände, die ihren Anwalt aufhielten. Weil ohne juristischen Beistand ein Verhör nicht durchgeführt werden durfte, verbrachte Erin die nächsten Minuten in wachsender Nervosität und mit Nicken oder Kopfschütteln zu, wann immer ihr eine Smalltalkfrage gestellt wurde, sei es, ob sie gut geschlafen hatte oder ob sie sich in der Lage fühlte, sich mit den Untersuchungsergebnissen auseinander zu setzen. Allein die letztere Frage implizierte schon, dass Erin nichts Gutes erwartete.
Als der Anwalt eine Viertelstunde später schließlich in den Raum platzte, war sein fast kahler Kopf schweißbedeckt, die wenigen dünnen Haarsträhnen, die sein Haupt noch zierten, legten sich quer über seine Stirn wie verwesende Algen, die die Brandung eines ungestümen Meeres an den Strand gespült hatte. Sein Kopf hatte eine sehr merkwürdige Form, was nicht zuletzt seinem Kinn zu verdanken war, das nicht besonders ausgebildet war und Ambitionen zeigte, sich bis zu seinem Hals zurückzuziehen. Er roch streng nach billigem Deodorant, das auf verschwitzte Haut aufgetragen worden war und sich mit dem sauren Geruch von Schweiß vermengt hatte, um eine neue Komposition ekelerregender Gerüche zu kreieren.
„Entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Auf Gothams Straßen ist die Hölle los." Die Frage, die sich hier anbot, war, wann auf Gothams Straßen nicht die Hölle los war, doch keiner äußerte etwas Derartiges. Stattdessen warteten alle Beteiligten mehr oder weniger geduldig darauf, dass der Rechtsanwalt seine beigefarbene Aktentasche geöffnet und alle relevanten Dokumente daraus hervorgezogen hatte, ehe er sich zu Erins bedauern direkt neben seiner Mandantin niederließ. Augenblicklich strömte ihr das unangenehme Aroma ihres Pflichtverteidigers in die Nase. Sein Körpergeruch schien noch unentschlossen darüber zu sein, ob er beißender oder stechender Natur war. Commissioner Gordon stellte Mr. Barlow alle Anwesenden namentlich vor, ehe er sich endlich dazu erbarmte, Erin die neuesten Untersuchungsergebnisse mitzuteilen. Die blonde Frau spürte dabei die ganze Zeit über den Blick der Psychologin auf sich ruhen, was sie unter enormen Druck setzte. Irgendwie hatte die Situation Ähnlichkeit damit, an einem Rednerpult vor einer großen Menschenmenge zu stehen, die erwartete, dass man eine mitreißende Rede hielt, wobei man jedoch unfähig war, auch nur den profansten Laut zu artikulieren. Von Erin wurde zwar nicht erwartet, irgendetwas zu sagen, zumal sie dazu sowieso nicht fähig gewesen wäre, aber die neugierigen, erwartungsvollen Blicke der Umsitzenden erweckte in ihr ein ähnliches Gefühl stärkster Nervosität. Commissioner Gordon räusperte sich leise und zog dann eine Mappe hervor, die den forensischen Untersuchungsbericht zu beinhalten schien. „Lassen Sie uns nicht lange um den heißen Brei herumreden", sagte er in geschäftsmäßigem Ton, schlug die Mappe auf und stützte die ineinander gefalteten Hände darauf ab. „Vor wenigen Stunden hat mich die Nachricht ereilt, dass die Leiche von Matthew Dermont im Gotham City Harbor gefunden worden ist."
Der Commissioner und die Psychologin betrachteten Erin eindringlich, als Gordon den Namen des Toten verkündete, nur Mr. Barlow zog es vor, fahrig seine Unterlagen zu ordnen, so als unterhielten sie sich mit dem Polizeichef nur über die Ergebnisse des letzten Baseballspiels der Saison und nicht über einen Mordfall.
Erins Augen weiteten sich mit immer größer werdendem Entsetzen, vor Schock entsagte ihr Unterkiefer jeder Haltung, während der Commissioner fast phlegmatisch die Fotos des Tatorts auf die Tischplatte ablegte und vor Erin ausbreitete, als wären es Impressionen seines letzten Urlaubs und nicht die schrecklichsten Bilder, die Erin je zu Gesicht bekommen hatte. Es war, als hätte man einen ihrer Alpträume auf Fotopapier festgehalten. Sie wagte es nicht, sie zu berühren wie aus Furcht davor, sie könnten dadurch lebendig werden, was sie auf eine andere Art und Weise ja auch waren. Die Bilder zeigten Matthew, wie er auf dem Rücken ausgestreckt dalag, Arme und Beine lagen in willkürlichen Winkeln von seinem Rumpf abgespreizt auf dem bloßen Gestein. Er war mit zwei Schüssen getötet worden. Einer hatte sein Herz zerschlagen wie ein Dartpfeil einen Luftballon, der andere hatte ihn in die Seite getroffen. Das Blut war über seinen gesamten Oberkörper verteilt, die Augen reflektierten gläsern, aber leblos den Blitz der Kamera, starrten in ewigem Horror der Unendlichkeit entgegen. Erin musste den Blick abwenden und atmete keuchend aus. Ihr Herz schien plötzlich doppelt so schnell zu schlagen als normal. Matthew! Das konnte doch nicht wahr sein. Das musste ein Alptraum sein, aus dem sie schlicht und ergreifend nicht erwachen wollte. Ihre Hände wurden kalt und zitterten leicht, ein Kloß formte sich in ihrer Kehle und erschwerte ihr das Schlucken. Erin formte mit dem Mund ein O und rieb sich hektisch über das Kinn, vergaß für den Augenblick, dass keiner der Anwesenden der Gebärdensprache mächtig war. Sie wollte wissen, wer diese Schreckenstat begangen hatte, und allem voran, warum. Hilfesuchend wandte sie sich ihrem Anwalt zu, der mit den Bildern überfordert zu sein schien und noch stärker zu schwitzen begann. Er erinnerte Erin dunkel an ein Schwein, das man über einer eher banalen Feuerstelle drehte und mit Fett übergoss, bis es von allen Seiten glänzte.
„Er ist erschossen worden, wie Sie sehen können", fuhr Jim Gordon leise fort, „Die Frage, wo Sie zwischen 23 und 3 Uhr gewesen sind, erübrigt sich aufgrund Ihrer Gedächtnislücke. Aber dass das Blut auf Ihrer Kleidung und an Ihren Fingern von dem Ermordeten stammt, ist evident. Gleichsam, dass die Kugeln, die Mr. Dermont getötet haben, aus der Waffe stammen, die wir bei Ihnen gefunden haben." Erin verstand nicht auf Anhieb, dann aber traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag in die Magengrube. Ähnlich schmerzhaft krampfte sich daraufhin ihr Herz zusammen. Sie schaute zu Dr. Crichton, die den Kopf leicht schief gelegt hatte und sie durch ihre Brille hindurch musterte wie ein Exponat in einer Ausstellung. Verwirrt wandte sie sich an den Commissioner, der sie ebenfalls ernst über den Rand seiner Brille hinweg ansah und leise sagte: „Sie wissen, was das heißt?"
Erin befeuchtete ihre trockenen, rissigen Lippen, doch erzielte damit nicht den gewünschten Effekt. Ihr Mund fühlte sich weiterhin spröde und rau an, ihr Herz raste nach wie vor mit unnatürlicher Geschwindigkeit in ihrer Brust. Sie wartete darauf, dass ihr Anwalt irgendetwas sagen würde, irgendeinen Weg fand, sie zu entlasten, doch er betrachtete den forensischen Bericht mit sichtlichem Unbehagen. Gordon war es erneut, der die ins Unerträgliche anschwellende Stille durchbrach: „Die Fingerabdrücke der Waffe stimmen mit Ihren zu einhundert Prozent überein, außerdem fehlen dem Magazin genau zwei Projektile", merkte er tonlos an und setzte nach einer kurzen Pause leise hinzu: „Die Beweise lassen keinen anderen Schluss zu, als dass Sie als dringend tatverdächtig eingestuft werden. Alle Indizien sprechen dafür, dass Sie Matthew Dermont erschossen haben." Erin schüttelte heftig den Kopf, gestikulierte übermütig in dem verzweifelten Versuch, die Anschuldigungen zu dementieren, obgleich sie nicht wusste, ob sie damit log. „Bitte beruhigen Sie sich, Miss Porter", sagte der Commissioner leise und legte die Hand auf ihre, um sie an den hektischen Bewegungen zu hindern, die weder er noch sonst irgendjemand im Raum verstehen konnte. „Ich erhebe Einspruch", erwiderte Barlow, der mittlerweile so stark schwitzte, dass selbst durch sein braunes Jackett hindurch Schweißränder sichtbar wurden. „Wir sind hier nicht vor Gericht, Mr. Barlow, Sie müssen sich nicht an derartigen Floskeln vergreifen", erinnerte ihn der Commissioner, woraufhin der Psychologin eine menschliche Gemütsregung anzusehen war. Sie unternahm zumindest den Versuch zu lächeln, wie Erin anhand ihrer sich kurz regender Mundwinkel zu erkennen meinte.
Barlow bemühte sich um Contenance und räusperte sich, ehe er mit unsteter Stimme fortfuhr: „Wenn ich das richtig verstehe, hat meine Mandantin einen Gedächtnisausfall erlitten und kann sich nicht an die Geschehnisse und Taten erinnern, die sie verübt haben soll. Solange also kein psychologisches Gutachten vorliegt, was die Ursachen ihrer...ähm...", er kratzte sich fahrig an der Stirn, „...vorübergehenden Amnesie angeht, kann keine Anklage gegen sie erhoben werden." Jim Gordon nickte geduldig und entgegnete dann: „Wir sind nicht verpflichtet, solch ein Gutachten einzuholen, wenn eindeutige Beweise wie diese vorliegen. Zumeist ist ein Gutachten erst dann entscheidend, wenn über das Strafmaß entschieden wird", berichtigte der Commissioner den Anwalt, der sichtlich peinlich berührt war, „Dennoch werden wir mit der Zustimmung von Miss Porter durch Hypnose versuchen, die fehlenden Teile ihrer Erinnerung wiederherzustellen. Dafür ist Dr. Crichton hier." Erin nickte eifrig, um ihre Zustimmung zu etwas zu erteilen, wonach sie noch gar nicht gefragt worden war. „Hypnose? Wie soll das funktionieren, wenn sie stumm ist?", fragte Mr. Barlow, dessen Kompetenz sich in Erins Augen zunehmend schmälerte. Offenbar schien nicht jeder Pflichtverteidiger sein Handwerk zu verstehen.
„Es gibt eine gesonderte Form der Hypnose, mit deren Hilfe wir den Patienten so stimulieren können, dass er Unterbewusstes wie verlorene Erinnerungen rekapitulieren kann und seine Erkenntnisse niederschreibt", erklärte Dr. Crichton mit unerwartet angenehmer Stimme, „Sie wirkt genau wie die Sprechhypnose und ist ebenso aufschlussreich." Erin hob hilflos die Hände, woraufhin ihr Jim Gordon Zettel und Stift zuschob, die sie dankbar ergriff, um niederzuschreiben: „Werden wir dadurch herausfinden, was in der Zeit passiert ist, an die ich mich nicht mehr erinnern kann?"
Die Psychologin las Erins Frage sehr sorgfältig, fast schon so, als wollte sie ihre Handschrift analysieren. Dann öffnete sie den dunkelrot geschminkten Mund und sagte: „Das kommt ganz darauf an, was der Auslöser der Amnesie ist. Ist es ein Schock gewesen oder ein anderer psychologischer Verdrängungsmechanismus, lässt es sich herausfinden. Wenn jedoch der übermäßige Konsum von Rauschmitteln dazu geführt hat, dass Sie einen Filmriss erlitten haben, ist die verstrichene Zeit keine bewusst erlebte Zeit und daher nicht in Ihrem Unterbewusstsein als Information gespeichert." Erin, die sich wie eine menschliche Festplatte vorkam, nickte langsam. „Wissen Sie, ob sie Drogen zu sich genommen haben? Oder Alkohol? Könnte Ihnen jemand etwas untergemischt haben?", fragte Gordon so kooperativ wie es ihm sein Posten ermöglichte. Erin überlegte angestrengt, was ihr alles andere als leicht fiel, bei dem Gedanken, verantwortlich für Matthews Tod zu sein. Dann schüttelte sie den Kopf und schrieb auf den Zettel: „Nicht, dass ich wüsste." Barlow erweckte den Eindruck, irgendetwas Kluges beisteuern zu wollen, beschränkte sich dann aber auf ein kurzes Naserümpfen. „Wenn Sie einverstanden sind, unterschreiben Sie bitte hier. Bedenken Sie, dass Sie das Gutachten sowohl entlasten als auch belasten könnte."
Erin, die nicht wusste, wie die Beweise gegen sie noch schlechter stehen konnten, unterschrieb ohne zu zögern die Einverständniserklärung. Rau kratzte die Feder des Füllfederhalters über das dicke, kartonierte Papier, als Erin ihre Unterschrift gab. Was blieb ihr auch sonst übrig, um selbst Gewissheit zu erlangen, ob die Anschuldigungen gegen ihre Person berechtigt waren oder doch nur auf Inszenierungen vonseiten des Jokers beruhten? „Gut...dann denke ich, können wir uns in mein Büro begeben, wo die nötige Ruhe herrscht, die für die Prozedur benötigt wird", schlug Commissioner Gordon vor, der ein zustimmendes Nicken vonseiten der Ärztin erntete und auch Barlows Zustimmung fand. Das eher kühl gehaltene Ambiente der kleinen Parzellen und Büros, mit denen die Hauptzentrale aufwartete, schien ihm aufs Gemüt zu schlagen.
Eine Viertelstunde später fand sich Erin im deutlich geräumigeren und auch wärmeren Büro des Commissioners wieder. An der mit Holz vertäfelten Wand ragte das Stadtwappen von Gotham City im Schatten der amerikanischen Flagge, sodass man den Eindruck gewinnen konnte, beim Bürgermeister persönlich vorgeladen zu sein. Erin erinnerte sich noch gut genug daran, wie viel Eindruck die Flagge damals schon auf sie gemacht hatte, als sie als kleines Mädchen zum ersten Mal zum Direktor gerufen worden war. Sie hatte keinen sonderlich ausgeprägten Sinn für Patriotismus, aber der Anblick der Landesfahne hatte ihr immer ein stilles Empfinden für Ehrfurcht und Respekt eingeflößt.
„Machen Sie es sich ruhig bequem", empfahl Jim Gordon und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Erin folgte seiner Handbewegung und setzte sich auf einen der bequemen Polsterstühle, die gegenüber dem monströsen Sekretär platziert waren. Dr. Crichton setzte sich neben sie und zog einen Block mit gelbem Papier daraus hervor. Warum das Papier ausgerechnet gelb gefärbt war, konnte sich die junge Frau, die des Mordes beschuldigt wurde, nicht erklären, nahm es aber als gegeben hin. Barlow, der irgendwo hinter ihr unruhig auf und ab ging, wurde von der freundlichen, aber doch bestimmten Stimme der Psychologin zurechtgewiesen, ebenfalls Platz zu nehmen, um den Hypnosevorgang nicht zu beeinträchtigen. Nachdem er ihrer Aufforderung nachgekommen war, wandte sich die ältere Frau mit den erstaunlich straffen Gesichtszügen wieder Erin zu und riet ihr: „Ich möchte jetzt, dass Sie sich völlig entspannen. Lehnen Sie sich ruhig ein wenig zurück und atmen Sie bewusst tief ein und aus..." Sie sprach absichtlich langsam, um den Prozess der Ruhefindung zu unterstützen. Die blonde Frau schloss ihre Augen und atmete tief durch. Es bedurfte einiger Minuten, doch schließlich verlor ihre Haltung an Anspannung. Die schmalen Schultern sanken locker gegen das Polster der Stuhllehne, sämtliche Muskeln ihres Körpers schienen ein wenig zu erschlaffen.
„Stellen Sie sich einen Ort vor, an dem Sie jetzt gern wären. Vielleicht eine warme Stube mit einem offenen Kamin? Sie sitzen in einem großen, bequemen Ohrensessel und lesen ein gutes Buch, während das warme Feuer leise knistert und Sie wärmt...hören Sie es?", Dr. Crichton machte eine kleine Pause, ehe sie nachfragte, „Fühlen Sie es? Fühlen Sie die Wärme?" Erin hörte die Stimme der Psychologin immer klarer, immer deutlicher, wenn auch nicht so laut. Es war, als würde ihre Stimme in ihrem Kopf erklingen oder aus ihrem Unterbewusstsein zu ihr sprechen. Erin ließ sich auf ihre Führung ein, spürte, wie sie einen Zustand völliger Ruhe erreichte, den sie so noch nie gefühlt hatte. Plötzlich war ihr wirklich, als hörte sie das heimelige Knistern eines warmen Feuers. Ihre Wangen fühlten sich nach und nach wärmer an als der Rest ihres Körpers, so als hielte sie ihr Gesicht nahe an die Flammen, die friedlich in einem Kamin vor sich hinflackerten, um ihr zischend und flüsternd ihre Geschichte zu erzählen. Erin war nicht länger im Büro des Commissioners, konnte sich überhaupt nicht mehr daran erinnern, je dort gewesen zu sein. Wenn sie jetzt auf ihren Schoß hinabsah, sah sie keinen orangefarbenen Overall und ihre Hände, die sich darin falteten, sondern ein aufgeschlagenes Buch, dessen Schrift so sehr vor ihren Augen verschwamm, dass sie es nicht lesen konnte. Vielleicht war es ein Gedichtband, vielleicht auch ein Roman, Erin konnte nicht einmal die Komposition des Textes auf der Seite ausmachen. Aber er war auch nicht von Bedeutung. Leise sprach die angenehme Stimme wieder zu ihr und sagte ihr: „Wenn ich bis zehn gezählt habe, tauchen Sie in Ihr Unterbewusstsein ein. Wenn Sie das Wort ‚heiß' hören, zähle ich bis drei. Auf drei kommen Sie wieder zu uns zurück...eins...zwei..." Erin lauschte, ohne länger zu wissen, wer zu ihr sprach, und doch umhüllte sie ein warmes Gefühl von Vertrautheit, als sie die Stimme vernahm. Als sie das nächste Mal auf ihren Schoß schaute, sah sie darin nicht länger ein Buch liegen, sondern eine aufgeschlagene Seite eines Notizbuchs. Sie war leer bis auf ein paar wenige vorgedruckte Zeilen aus schwachem, unauffälligem Grau. In ihrer rechten Hand lag ein grüner Füllfederhalter, der sich seltsam leicht anfühlte, fast so, als existierte er gar nicht. Bevor Erin stutzen konnte, kam die sanfte Stimme zurück, die sie leitete. „Erin", sprach sie, „Was haben Sie getan, nachdem Sie aus dem Krankenhaus entlassen worden sind?"
Ohne recht zu wissen, warum, schrieb sie ohne zu zögern auf das Papier: „Ich war in der Bibliothek. Lesen." Einige Sekunden herrschte Stille, dann drang erneut die Stimme zu ihr vor: „Was haben Sie gelesen?" Bedächtiger, aber mit der gleichen Bereitwilligkeit antwortete Erin sofort: „Zeitungsartikel. Über Harvey Dent." Die Pause wurde länger, fast schon glaubte sie, ihr Gesprächspartner wäre verschwunden, dann erfolgte die nächste Frage: „Was haben Sie danach gemacht?" Plötzlich saß Erin nicht mehr im warmen, bequemen Sessel, sondern kämpfte sich humpelnd auf einer Krücke voran. Die Wärme war unsäglicher Kälte gewichen. Sie meinte sogar, Schneeflocken um sie herum wirbeln zu sehen. Obwohl sie sich nicht sehen konnte, wusste sie, dass ihre Nase rot war wie auch ihre Wangen. Das Notizbuch hatte sie nach wie vor bei sich, wie sie verblüfft feststellte, und schrieb darin: „Ich bin zur Bushaltestelle gegangen. Ich wollte nach Hause." Obschon sie diese Worte schrieb, meinte sie, in ihrem Kopf eine Stimme zu hören, ihre Stimme, die sie sonst nie vernahm, weil es sie nicht gab. In Erins Vorstellung klang ihre Stimme leise, recht hoch und doch melodisch. Vielleicht wie das zierliche Klimpern eines gläsernen Windspiels, das in einer lauen Brise tanzte.
„Sind Sie mit dem Bus nach Hause gefahren, Erin?", fragte die andere Stimme, die irgendwie weit weg von ihr erklang, nicht mehr so nah zu sein schien wie noch vor einem Moment. „Nein." Ihre Antwort erschreckte sie fast selbst. „Womit dann, Erin? Sind Sie nach Hause gefahren?" Erin musste sich anstrengen, um die Stimme zu verstehen, die raufenden Jugendlichen, die sich unter dem kleinen vergilbten Vordach der Haltestelle ausgebreitet hatten, übertönten sie fast. Genau wie das Hupen, das merkwürdig in ihrem Kopf widerhallte wie der Klang eines fallenden Tropfens in einer Höhle. Woher kam das Hupen? „Sind Sie nach Hause gefahren?", wiederholte die andere Stimme eindringlicher, sodass Erins Blick wieder auf das Notizbuch in ihrer Hand fiel. „Nein. Der rote Pontiac hat mich mitgenommen." Sie sah den Wagen, in dem ein Mann saß. Sie ahnte, dass sie ihn kannte, dass er ihr nichts Böses wollte, dass er ihr Freund war. Dennoch fiel ihr sein Name nicht auf Anhieb ein. Nur langsam und mit wachsender Hemmung schrieb sie „Matthew" auf den Block, wobei das e nur ein verschnörkelter Kringel wurde und das w gänzlich auf dem Papier zerrann. „Matthew? Hat Matthew den Pontiac gefahren? Hat er Sie abgeholt?"
Fast schon energisch hakte die Stimme nach und je mehr sich Erin konzentrieren wollte, um zu sehen, was geschah, wenn sie in den Wagen stieg, desto stärker verschwammen die Konturen um sie herum. Kälte duellierte plötzlich mit Hitze, Schneefall mit bedächtig rieselnden Funken lodernden Kaminfeuers. „Er hat etwas besorgen wollen und wollte mich mitnehmen. Ich stieg ein, aber er fuhr nicht...fuhr nicht...heim", die Kraft schien sie zu verlassen, den Stift in der Hand zu halten und eine gerade Linie zu produzieren. „Er fuhr nicht nach Le Gardien, wie er es Ihnen versprochen hatte?" Die schwimmenden Konturen bäumten sich zu immer größeren Wellen auf, verschleierten ihre Sicht und lösten ein Schwindelgefühl in ihr aus. Ihre letzte Botschaft konnte sie nur noch krakelnd zustande bringen, ehe sie sich von dunklem Nichts umgeben fühlte. Die Worte, die Erin geschrieben hatte, ehe ihr Unterbewusstsein und die darin verborgenen Erinnerungen wie eine Sonnenspiegelung verblassten, lauteten: „Er sagte, dass es ihm leid tut." Das war alles, an das sie sich erinnerte, und das Letzte, was sie von Matthew vernommen hatte. Ein friedlicheres Andenken, als er sich wahrscheinlich verdient hätte.
