Kapitel 11:
(Huojin, Zuko, Amaya/ Klinik/ Ba Sing Se)
Endlich wieder ein vernünftiger Dienstplan, dachte Huojin fröhlich, als er die Stufen zu Amayas Klinik hinauf stieg. Nicht dass er wirklich glücklich darüber war, ihr diese Neuigkeiten zu bringen, doch wieder auf seiner normalen Schicht zu sein, war für die ganze Familie eine Erleichterung –
Steinhandschuhe, die von den Schatten des frühen Morgens verdunkelt wurden, fielen ihm ins Auge. Ein Dai Li Agent klopfte an Amayas Tür.
Keine Panik!
Ein oft gebrauchter Gedanke, gerade genug, um seine Reaktion auf das Zucken eines ehrlichen Mannes zu beschränken, wenn man die Aufregungen der letzten Tage bedachte.
Bleib ruhig, ermahnte sich Huojin, und nickte dem Erdbändiger mit höflicher Vorsicht zu. Es war ein großer Mann mit scharfen Gesichtszügen, dessen Uniform es schwierig machte sicher zu sein, doch Huojin glaubte, dass er eher einen drahtigen Körperbau hatte. Wenn sie irgendwas wüssten, wäre nicht nur einer da.
Außer der Rest ist einfach nur außer Sicht versteckt...
Er liebte diese Stadt, wirklich. Doch hin und wieder, wenn die Paranoia, die durch das was er war entstand, ihn am Hals packte –
Ich wünschte, es gäbe etwas besseres. Einen Ort wo man frei sein kann.
Lee öffnete die Tür und die vagen Wünsche flohen aus Huojins Kopf. Oh, Agni, das ist nicht gut.
„Können wir helfen?", sagte Lee gleichmäßig.
„Ich bin hier um mit Heilerin Amaya zu sprechen", sagte der Agent förmlich, ohne auch nur angesichts der Narbe zu blinzeln.
„Das macht dann schon zwei", sagte Huojin, fast ebenso formell. „Wir haben einen Bericht über eine potentielle Plage im Hafengebiet. Irgendwas aus Omashu. Wir müssen es finden und es sichern, und zwar schnell."
Der Agent sah unzufrieden aus, war aber willens es zu bestreiten. „Der Patient ist im Palast."
„Ich sage es ihr", erklärte Lee. Und schloss die Tür in ihre Gesichter.
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, dachte Huojin, erstarrt. Doch der Gesichtsausdruck des Dai Li war unbezahlbar.
Eine Minute später öffnete Amaya die Tür. „Mensch oder Tier?", fragte sie den Agenten kurz angebunden.
Der Agent trat von einem Fuß auf den anderen. Schwitze er etwa? Sicher nicht. „Wir wurden aufgefordert, sie so schnell wie möglich zu bringen."
„Ist es schon wieder dieser Bär?"
Unter dem mit Quasten verzierten Hut sah der Mann tatsächlich etwas verlegen aus. „Es ist dem Erdkönig wichtig –"
„Lee, packe deine Tasche zusammen."
„Ich?" Der junge Feuerbändiger wirkte eher dazu bereit sofort zum Hafen hinunter zu rennen. Huojin konnte es ihm nicht übel nehmen.
„Er hat im Moment mehr Erfahrung mit Tieren als mit Menschen", sagte Amaya direkt, als sie Lees Schulter packte und den zögerlichen Jugendlichen wieder in die Klinik bugsierte. „Der Schrank mit den Rollen für Tierbehandlungen. Die dritte Schublade von unten, die Rolle mit dem roten Band." Sie warf dem Agenten einen kurzen Blick zu, als sich Lee zurück zog. „Ich zweifle nicht daran, dass er mit der Situation umgehen kann, bis ich damit fertig bin, die Stadt zu unterstützen."
Der Agent neigte den Kopf. Er richtete sich wieder auf und fuhr hoch, als Lee wieder auftauchte. „Wozu brauchst du einen Feuertopf?"
Die gepackte Tasche in einer Hand haltend, berührte Lee den Riemen, an dem sowohl sein Wasserschlauch als auch sein Feuertopf über die Schulter geschlungen waren. „Tiere verstehen nicht immer, dass man ihnen helfen will. Warmes Wasser erschreckt sie nicht so sehr. Und manchmal braucht man heißes Wasser, um eine Wunde zu reinigen, ehe man versucht sie zu heilen."
Gute Antwort. Huojin versuchte, nicht zu erleichtert auszusehen. Er hätte wissen sollen, dass der Bursche eine Antwort parat haben würde. Sie hatten es ja bis hierher geschafft, nicht wahr?
„Lee war eine ganze Weile unterwegs", sagte Amaya mit ehrlicher Zuneigung. „Er ist über ein paar Techniken gestolpert, die nicht am Nordpol gelehrt werden." Sie legte eine Hand auf seine Schulter und nickte. „Das machst du schon."
Huojin sah ihnen nach, wie sie die Straße hinunter gingen, zu einem wartenden Wagen. Er seufzte und folgte Amaya nach innen, die ihre eigene Tasche packte. „Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?"
„Er weiß, was er nicht sagen darf und er weiß, dass das Leben seines Onkels von seiner Fähigkeit abhängt als Lee, der Wasserheiler, durchzugehen", sagte Amaya leise. „Er ist Schwert-Stahl, Huojin. Er wird nicht brechen."
„Ich dachte er wäre rohe Jade", schoss Huojin zurück.
„Das auch." Noch ein paar letzte Kräuter in ihre Tasche packend, lächelte Amaya ihn an. „Du hättest ihn mit Jinhai sehen sollen. Er sieht vielleicht gnadenlos aus, aber da steckt ein freundliches Herz unter all den Narben." Ihr Lächeln verging, von Sorge vertrieben. „Huojin. Normalerweise würde ich das für die Familie verschweigen, aber wenn etwas schief geht, wirst du es vielleicht wissen müssen. Jinhai braucht Training. Lee und Mushis Training." Sie schüttelte den Kopf. „Ich hoffe nur, dass Meixiang und Tingzhe zustimmen Lee helfen zu lassen."
Für einen Moment fühlte es sich so an, als ob die ganze Luft aus seinen Lungen vertrieben worden war. „Die Unfälle", brachte Huojin heraus. „Die Verbrennungen. Die Feuer."
„Offensichtlich ein Ablauf von Vorfällen, die nicht ungewöhnlich sind", sagte Amaya trocken. „Lee riet ihnen, dass sie Sandeimer in jeden Raum stellen. Und dass sie Jinhai verbieten sich dem Ofen zu nähern, bis er mehr Kontrolle hat." Sie zog eine Braue hoch. „Er hat auch darauf bestanden, dass Jinhai so viel Sonne bekommt wie möglich. Ich weiß, Wasserbändiger sind stärker, wenn der Mond scheint, doch Lee sagt, dass Feuerbändiger die Sonne brauchen. Dass sie ohne ihr – hungern. Sie werden verzweifelt."
„Echt?", äußerte sich Huojin.
„Er hat sorgfältig vermieden zu sagen, wie verzweifelt."
Ah. Richtig. Lee litt, offensichtlich, an berechtigter Paranoia. Er hätte es für sich behalten, unter dem Prinzip niemandem einen Angriffspunkt zu bieten. Huojin stieß langsam die Luft aus und holte alte Erinnerungen hervor und Dinge, die er von anderen Flüchtlingen erfahren hatte. „Das kann man auch als wahnsinnig bezeichnen", sagte er unumwunden. „Zu lange und sie können daran sterben. Es ist wie die Gefängnisboote für Erdbändiger von denen man hört, draußen auf dem Meer. Wenn nichts von dem eigenen Element in der Nähe ist –"
„Dann stirbt etwas in der Seele", beendete Amaya den Satz. Sie nahm ihre Tasche. „Wollen wir?"
Außen führte Huojin sie durch sich windende Straßen zum Hafen hinunter. „Du scheinst dem Jungen schnell vergeben zu haben, obwohl er doch – nun."
„Würdest du jemandem die Schuld geben, wenn er im Fieberdelirium um sich schlägt und dich trifft?"
Huojin runzelte die Stirn. „Er war doch nicht krank."
„Doch, das war er", sagte Amaya traurig. „Er ist es immer noch. Doch es geht ihm schon viel besser, selbst nach nur ein paar Tagen. Diese Narbe hat nicht nur sein Fleisch verbrannt, Huojin. Es hat seinen Geist verbrannt. Er hatte sich mit den Fingernägeln an seine Menschlichkeit geklammert und es schien, als ob ich die letzte Person weggenommen hätte, die er in der ganzen Welt lieb hatte. Ich wäre viel besorgter, wenn er mich nicht angegriffen hätte."
Die Wache drückte ein Auge zu, versuchte, der verdrehten Logik der Heilerin zu folgen. „Das hätte geheißen, dass er aufgehört hat zu kämpfen."
„Ja." Sie schmunzelte. „Doch ich fange an zu glauben, dass Lee schlicht sich weigert anzuerkennen, dass aufzugeben eine Möglichkeit ist."
„Gruseliger Bursche", murmelte Huojin.
„Ja, das ist er."
Die Nachdenklichkeit in diesem Tonfall ließ die Haare in seinem Nacken sich wieder aufstellen. „Ist was passiert?"
„Es ist nicht so sehr was passiert ist, das mir Sorgen macht", sagte Amaya vorsichtig. „Es ist was Lee später darüber sagte. Du hast mit Leuten die auf der Mauer gedient haben Geschichten ausgetauscht."
Das war keine Frage. Nicht ganz. „In ruhigen Ecken, sicher", sagte Huojin offen. Oft mit ein paar Drinks zur Hand, und einen freundlichen Barkeeper, der wusste, dass ein paar blutige Geschichten kein Grund waren die Dai Li zu rufen. Viele Veteranen der Mauer schlossen sich der Wache an, nachdem Jahre oder Verletzungen sie zwangen kürzer zu treten. „Du hast viele von ihnen behandelt."
„Ja, aber offensichtlich wollten sie nie einen Heiler mit dem Gedanken belasten, dass manche ihrer Gegner – unmenschlich erschienen. Zu stark. Zu schnell." Sie zog ihm eine Braue hoch.
„Ich habe ein paar Geschichten gehört", gestand Huojin, nach einem Moment in dem er sich umsah, ob keine Hüte mit Quasten in der Nähe waren. „Nicht die gewöhnlichen Soldaten, doch wenn sich die Imperialen Feuerbändiger einmischen... Manche von ihnen sollen Pfeilen ausweichen. Andere treten Felsen aus dem Weg, selbst wenn ein Bändiger sie noch bewegt. Verrücktes Zeug wie das –" Er schnitt sich ab, in seiner Erinnerung blitzten Schwerter in einem Teeladen.
Jet war frisch. Lee war erschöpft.
Doch Lee hatte Schlag um Schlag mitgehalten. Und dieser atemberaubend schnelle Angriff, der den Kampf permanent beendet hätte, wenn Jet nicht zur Hälfte Zirkusakrobat wäre... Oh, Agni.
Er stieß die Luft aus. „Was hast du gehört?"
„Eine Kellertür aus Eiche mit einem Granitüberzug, die mit einem Schlag zerschmettert wurde", sagte Amaya unverblümt.
„Ähm." Und was genau sagte man jetzt dazu?
„Wie ich sagte, es war seine Reaktion, die interessant war", bemerkte Amaya. „Offensichtlich? Ist es nichts Großartiges."
„Wirklich", sagte Huojin unruhig.
„Zum Teil, oder so sagte er, weil jemand der wirklich mächtig ist, einfach nur schubsen und eine Person über zwanzig Meter weg stoßen kann."
„Jemand?" Huojin zuckte zusammen. Mushi.
„Hast du jemals ein solches Gerücht gehört?"
„Nein", sagte Huojin ehrlich. „Nein, habe ich nicht." Er verzog das Gesicht. „Doch nach allem was ich gehört habe, kamen vor sechs Jahren viele Leute nicht mehr zurück. Und es ergibt Sinn zu glauben, dass die alle... nun. Vielleicht sahen sie mehr auf der Mauer als nur gewöhnliche Menschen."
Amaya nickte.
„Ich habe dir gesagt, wer ich glaube, dass sie sind." Huojin hielt seine Stimme gesenkt, von der Menschenmenge des Morgens gedeckt. „Ich schätze, ich hätte es selbst durchdenken sollen." Oh, Agni. Wir haben ein paar Große Namen, Imperiale Feuerbändiger hier. Und was jetzt?
„Nun", überlegte Amaya, „es ist gut einen Vergleich zu haben, was genau Lee meint, wenn er sagt, dass seine Fähigkeiten ausreichend sind."
Umpf. Huojin versuchte nicht zu erzittern. Ausreichend als Lehrling eines Heilers war eine Sache. Ausreichend als Imperialer Feuerbändiger? Das war ein völlig anderer Kessel voll Katzen-Aalen.
Die Soldaten von Ba Sing Se nehmen es niemals eins zu eins mit ihnen auf. Nicht einmal unsere Erdbändiger. Sie gehen drei gegen einen auf sie, mindestens. Und selbst dann verliert man Leute. Huojin unterdrückte ein Stöhnen. Oma und Shu, was habe ich nur getan um das zu verdienen?
Nun. Wenigstens wusste er jetzt, warum Mushi überzeugt war, dass Lee nicht versucht hatte ihn zu töten. „Was sollen wir nur machen?"
„Machen?" Schalk blitzte in blauen Augen. „Ich denke dass sie bisher ganz gut zurecht gekommen sind. Oder meinst du nicht?"
„Nun, ja, aber –"
„Sie suchen einen Platz um sich auszuruhen", sagte Amaya sanft. Sie sah ihn mit verengten Augen an. „Sie sind keine wandelnden Waffen, Huojin. Sie sind Menschen."
Menschen und wandelnde Waffen, dachte Huojin unglücklich. Nicht dass sie beabsichtigten irgendwas anzurichten. Dieses Paar wäre nicht bis hierher gekommen, wenn sie leicht die Beherrschung verloren. Selbst Lee. Der Bursche war vielleicht so jähzornig wie ein Igel-Schwein, aber er hatte noch nicht einmal eine Hand gehoben, bis jemand seinen Onkel bedroht hatte.
Doch falls irgendwer etwas anfangen sollte, dann würden es diese zwei es beenden. Permanent.
Ich hätte Jet den Dai Li überlassen sollen.
Böser Gedanke. Denke nicht darüber nach. Getan war getan und er konnte nur hoffen, dass die Ehre der Feuernation all das war, was die Leute behaupteten. Mushi hatte gesagt, dass sie einen neuen Anfang machen wollten –
Nein. Nein, er sagte, dass sie keine Wahl hätten. Jemand will Lee tot sehen... Hölle, wenn sie zu Verrätern am Drachenthron erklärt worden sind, dann will die ganze Feuernation ihren Tod.
Großer Unterschied. Das war ein riesengroßer Unterschied.
„Also, nach was für einer Plage suchen wir hier?", fragte Amaya.
Denke später über sie nach, sagte sich Huojin. „Ich bin mir nicht sicher. Hast du jemals von etwas gehört, das Pentapocken heißt?"
(Zuko/ Palast des Erdkönigs/ Ba Sing Se)
Zuko war froh leicht auf den Füßen zu sein, als er wieder um die Ecke schnellte, außer Sicht der offenen Tür. „Was zum Henker ist das?"
Unter der formellen, ruhigen Miene sah der Dai Li Agent etwas belustigt aus. „Das ist ein Bär."
„Das ist kein Schnabeltier-Bär."
Ein Anflug von Humor glitzerte in grünen Augen. „Nein, ist es nicht."
„Oder ein Skunk-Bär. Oder ein Taschenratten-Bär. Oder auch ein Eis-Bär."
Der Agent hob tatsächlich eine Augenbraue. „Wo bist du einem Eis-Bären begegnet?"
„... die Wasserstämme bringen manchmal Pelze in die Häfen." Und das stimmte auch. Es gab keinen Grund zu erwähnen, dass eines dieser weißen Monster einmal versucht hatte, ihn zu fressen.
„Hmm." Der Dai Li warf ihm ein leichtes Lächeln zu. „Das ist das Seltsamste, was du je gesehen hast, was?"
Zuko stand einen Moment nur da, während Erinnerungsfetzen durch seine Gedanken wirbelten. Der Avatar, Augen und Tattoos glühend, wie er in einem Wasserwirbel aufstieg, der seine Männer vom Schiffsdeck spülte. Die Feuermarine, die von einem riesigen Wassermonster vernichtet wurde. Sein Onkel, nackt bis auf einen Lendenschurz, der Ketten schwang um Erdbändiger abzuwehren.
… Geister würde er diesen Anblick nie aus dem Kopf bekomme?
„Nein", stieß Zuko schließlich hervor. „Nicht wirklich." Er öffnete die Schriftrolle von Amaya wieder und las sorgfältig, den neugierigen Blick des Mannes ignorierend. Gehe es langsam an. Bekomme es gleich beim ersten Mal hin. Er rollte die Schriftrolle wieder zu und schritt zielstrebig durch die Tür.
„Du bist nicht Amaya." Ein junger, bebrillter Mann, in reich geschmücktem Grün des Erdkönigreichs gekleidet tätschelte den stöhnenden Bären und schaute ihn verwirrt an. „Du darfst dich jetzt verbeugen."
Ich darf was?
Doch er konnte spüren, wie die Augen des Dai Li ihn aufspießten, also würgte Zuko seine Wut ab und kniete sich wie der Agent hin. Wenigstens war das kein vollständiger Fußfall. Er wollte verdammt sein, ehe er das jemals wieder machte.
„Wir sind die demütigen Diener Seiner Majestät", sagte der Agent gleichmäßig, als ob er nicht gerade versucht hatte, ein Loch in Zukos Kopf zu starrten.
„Ja, ja, ich weiß. Aber wo ist Amaya? Bosco geht es so schrecklich."
Der Bär stöhnte, wie ein enorm übergroßes Kleinkind mit Bauchweh.
„Meister Amaya muss einen Notfall für die Wache übernehmen, euer Majestät", sagte Zuko und versuchte nicht über diese seltsame Anrede zu stolpern. Es gab keine Könige in der Feuernation. Hatte es nie gegeben. Außer man zählte die paar Könige und Königinnen der waegu vor ein paar Jahrhunderten und kein ehrenwerter Großer Name würde jemals einen Piraten als Adeligen ansehen. „Ich bin ihr Lehrling, Lee."
„Jemand ist verletzt?" Schlitzaugen hinter der Brille weiteten sich, besorgt. „Ich hoffe es ist nichts Ernstes."
„Sie will sicher gehen, dass es nicht so ist", brachte Zuko heraus und versuchte sich Zeit zum Nachdenken zu erkaufen. Das hier ist eine Stadt. Eine riesige Stadt. Leute verletzen sich ständig, selbst wenn es Unfälle sind.
Und einer der Leute, die das absichtlich tun, kniet gerade neben mir.
Und doch schwang nicht das geringste Anzeichen der glasscharfen Präzision wie in Azulas Stimme, die genau die gleichen Worte sagte, mit. Nicht ein Anflug des sadistischen Lächeln, das seine Schwester gezeigt hätte, zu wissen, dass ein Bauer auf ihre nicht vorhandene Gnade angewiesen war und zu wissen dass sie es auch wussten.
Nein. Der Mann schien ehrlich besorgt zu sein. In einer geistesabwesenden, optimistischen Art, die ihn nur zu sehr an einen gewissen hyperaktiven Luftbändiger erinnerten.
Warum habe ich nur das Gefühl, dass in diesem Zimmer zwei Erwachsene sind – und ich bin einer davon?
Halte den Kopf unten und halte die Klappe. Irgendetwas stimmte hier nicht, auf eine Art, die er nicht ausknobeln konnte. Am Besten war es, die Augen offen zu halten und zu sehen, was als nächstes passierte.
„Na, stehe nicht nur so da. Komm und hilf Bosco!", sagte der Erdkönig fröhlich. „Keine Sorge. Er hat ausgezeichnete Menschenkenntnis."
Der Bär knurrte.
...Ich bin so was von tot.
(Long Feng/ Palast des Erdkönigs/ Ba Sing Se)
„Sie hat jemand anderes geschickt?" Long Feng der Großsekretär von Ba Sing Se und selbst erschaffene Macht hinter dem Thron runzelte die Stirn bei diesem Bericht. Wegen der Information, nicht wegen des Agenten Quan. Er hatte die unerschütterliche Treue der Dai Li aus einem guten Grund. „Ich dachte wir wüssten von allen Wasserbändigern in Ba Sing Se." Nicht dass es viele gab, von Heilerin Amaya und der jungen Lehrerin des Avatars abgesehen. Die meisten des Rests waren unwichtig und wie Treibholz im Hafen von Ba Sing Se angeschwemmt und sie tendierten dazu, auch dort zu bleiben. Amaya mochte nie im Kampfbändigen unterwiesen worden sein, was den beengenden Sitten des Nordpols zu danken war, doch ihre Ablehnung der von ihrer Familie arrangierten Verlobung, kam offensichtlich mit einer einfallsreichen Ader. Eine, die sie wohl an jenen nutzte, die drohten, wie sie es ausdrückten, sie zum Nordpol zurück zu zerren, wo sie hingehörte.
„Der Junge ist neu", informierte ihn Quan, an der Wand lehnend, wo er einen Steintunnel gebändigt hatte, um den Erdkönig zu belauschen. „Lee, kein bekannter Familienname. Wir gehen seinen Papieren nach. Zur Hälfte vom Nebelsumpf, wenn man einem der Berichte glaubt."
Gemischte Abstammung. Hmm. Das war nie vorhersagbar. Da schaute man sich nur Insel Kyoshi an, die für fast ein Jahrhundert eifersüchtig ihre Neutralität gewahrt hatten, bevor dieses unwahrscheinliche Kontingent von Kriegerinnen in der Vollmondbucht aufgetaucht waren. Wenigstens zwangen die Kolonien der Feuernation ihren halbblütigen Abkömmlingen Ordnung auf. Selbst wenn es die Ordnung des Feindes war.
„Aber man sieht dass er einem Feuerbändiger begegnet ist", fuhr Quan fort, zu seinem linken Auge deutend.
Er hatte also eine Brandnarbe. Und er lebte noch? Interessant. „Wie hat er das dem Erdkönig erklärt?" Nicht dass er erwartete, dass Amaya jemanden schicken würde, der lebensmüde genug war, um Kuei von dem Krieg zu erzählen, doch man konnte nie zu sicher sein.
„Gar nicht", sagte Quan trocken.
„Wirklich?" Long Feng zog eine elegante Augenbraue hoch. „Und?" Normalerweise warteten seine Agenten nicht um ihm relevante Details mitzuteilen.
Ein verschmitztes Vergnügen tanzte in Quans Augen. „Sie sollten sich das vielleicht anhören, Sir." Ein Wink seiner Hand öffnete das Horchloch etwas weiter, gerade genug, dass sie beide lauschen konnten.
„Grrgh! Arrgh!", knurrte Bosco.
„Wirklich, ich glaube nicht –", sagte Kuei.
„Hinsetzen!", schnappte eine unbekannte jugendliche Stimme, offensichtlich mit der Geduld am Ende.
„Graagh!"
„Dich habe ich damit gemeint, nicht ihn!"
„Grr? Eeep!"
Die nächsten Geräusche waren schrecklich unangenehm und erinnerten Long Feng an den Versuch eines Erdbändigers einen verstopften Abfluss frei zu machen, der so entsetzlich, entsetzlich schief gelaufen war.
„Grr-yip!"
„Iihh..." Kueis Stimme erstarb und Kleidung raschelte.
„Sie hätten ihn fallen lassen können", grummelte der Jugendliche.
„Seine Majestät fallen lassen?" In der Stimme des Dai Li Agenten Shirong schwang unterdrücktes Lachen mit. Das zu einem keuchenden Husten wurde. „Uhh... Lee, was ist das für ein Ding?"
Etwas quatschte und klapperte. „Ohrring. Glaube ich. Ein großer. Sieht wie Trauben aus", brachte Lee heraus, mit dem atemlosen Ton jemandes, der versuchte nicht durch die Nase zu atmen. „Jade und Amethyst vielleicht..."
„Hey... wir hatten einen Bericht, dass der verloren gegangen ist!"
„Nun", keuchte Lee, „da haben sie ihn. Sobald ihn jemand sauber macht. Ihn vielleicht abkocht." Ein weiterer abgehackter Atemzug folgte. „Du Vollidiot! Das ist kein Futter!"
„Grummf?"
„Also. Das war es." Lee atmete flach. „Ein verdorbener Magen, aufgrund vom Steine fressen." Er stöhnte. „Noch was?"
„Ich schicke jemanden um dir zu helfen", sagte der Agent freundlich. „Mit einer Baderobe, damit du dich sauber machen kannst."
„Danke", sagte der Jugendliche inbrünstig. Und schluckte. „Beeilung?"
„Ich bin auf dem Weg."
Long Feng schloss das Loch mit einem geübten Zusammenballen seiner Faust und wechselte einen vielsagenden Blick mit Quan. „Shirong scheint ihn zu mögen." Da Shirong einer ihrer fähigeren Anwerber war, wenn er nicht seinen anderen Pflichten nachging, war das … interessant.
„Ich mache etwas Druck mit dem Bericht, Sir", nickte Quan.
„Stellen sie sicher, dass er nicht zu bald aus dem Bad gescheucht wird", sagte Long Feng trocken. „So wie es sich anhörte, wissen wir das alle zu schätzen."
(Zuko/ Palast des Erdkönigs/ Ba Sing Se)
Heißes Wasser. Zuko tauchte den Atem angehalten ganz unter und fühlte die saubere Wärme bis ganz in seine Knochen sinken. Das war schon das dritte Mal dass er das Wasser gewechselt hatte und endlich fühlte er sich, als ob er bald wieder etwas zu Essen in Augenschein nehmen konnte.
Die steinerne Wanne vibrierte. „Ertrinke uns nicht da drin."
Zögernd tauchte Zuko wieder auf. Und sah in überraschte grüne Augen.
Ups.
An einem Ort, der verkündete, dass es keinen Krieg gäbe, war es wahrscheinlich nicht sehr klug, andere seine Narben sehen zu lassen. Oder seinem Überleben zuträglich.
„Heilerlehrling?", sagte der Dai Li Agent neutral und wendete sich höflich ab.
Zuko versuchte ruhig zu bleiben, als er das Badetuch um sich wickelte. „Meine Mutter hatte nicht die Zeit mich viel zu lehren, ehe sie – verschwand. Onkel konnte nicht helfen. Und Meister Amaya ist die erste Wasserbändigerin, die nicht versucht hat mich mit Eis zu spicken." Vorsicht. Du bist ein lausiger Lügner. Halte dich an Amayas Geschichte. Erzähle ein paar Kleinigkeiten und lass ihn sie zusammenfügen.
Der Agent drehte sich ihm wieder zu und betrachtete ihn für einen langen, nachdenklichen Moment. „Ich sehe warum." Er fuhr langsam mit einer von Stein umhüllten Hand durch die Luft bei Zukos feuchtem schwarzem Haar. „Lass das lange genug wachsen für einen Haarknoten und du könntest durchgehen."
Zuko stieg aus dem warmen Wasser und schauderte. „Das ist nicht witzig."
„Das war auch kein Witz. Es ist immer gut noch einen anderen Felsen zu haben, den man werfen kann." Er trat zurück und nickte. „Ich bin Shirong. Ich glaube, wir werden uns noch öfter sehen."
Eine bewusste Pause. „Bei der Nachbehandlung des Bären."
Das war nicht ganz eine Drohung. Glaube ich.
„Die Kleider gehören dir. Nenne es eine Entschädigung für die … Unannehmlichkeit." Ein Seitenblick. „Es kommt gleich jemand mit dem Honorar für Heilerin Amaya, der dich hinausbegleitet."
Ein Steinrumpeln und er war weg.
Kleider?
Auf einem Tisch lagen seine braunen Roben, frisch gewaschen, aber immer noch zu nass um sie zu tragen. Neben ihnen, gerade weit genug weg, damit es nicht feucht wurde, war ein weiteres Set. Es war nichts übertriebenes, ein paar Stickereien an Kragen und Ärmeln um einen haltbaren Stoff etwas aufzuwerten. Es war respektabel genug für den Mittleren Ring, wenn er es mit dem verglich, was er im Haus der Wens gesehen hatte.
Grün. Aahh.
Braun war zwar typisch für das Erdkönigreich, doch es unterschied sich nicht zu sehr von den dunklen Farbtönen, die man in den Uniformen der Feuernation fand. Es kam ihm nicht richtig vor, grün zu tragen. Selbst wenn es ein dunkles Grün war. Dunkel genug, dass es fast den Farben der Dai Li Uniformen glich...
Okay, das ist jetzt unheimlich.
Allerdings würde er sich nicht halb nackt erwischen lassen, wer da auch kommen sollte, egal wie sehr sich seine Nerven aufregten.
Also schön. Grün.
Sich schnell anziehend, wickelte Zuko die äußere Robe um sich. Dann stoppte er und zog mit einer Hand einen der Ärmel hoch. Irgendetwas stimmt da nicht.
Er rieb den Stoff vorsichtig zwischen den Fingern und er war sicher. Irgendwas ist da im Saum.
Er hatte allerdings keine Zeit sich darüber Sorgen zu machen. Er band seinen Gürtel fest, gerade als sich die Tür öffnete.
(Amaya, Tingzhe, Zuko/ Klinik/ Ba Sing Se)
Amaya saß ihrem langjährigen Freund und Patienten gegenüber und wünschte sich, dass sie Mushis Händchen für Tee hätte. Ihr Ginseng-Tee war anregend aber ganz bestimmt nicht beruhigend. „Ich verstehe, dass das ein Schock sein muss –"
„Herauszufinden, dass Avatar Kyoshi den Dai Li erschaffen hat, das war ein Schock", sagte der ergrauende Professor schroff. „Dass einer meiner klügsten Schüler verschwindet, kurz bevor er sich dafür qualifizierte selbst zu lehren, nur wegen eines indiskreten Kommentars über gegenwärtige Politik, das war ein Schock. Das hier? Das ist eine Katastrophe."
„Es ist nicht Jinhais Schuld", sagte Amaya fest.
„Sage das mal Min", sagte Tingzhe schnippisch. „Er sieht schon seine Chancen der besten Einheit Erdbändiger, die es gibt, beizutreten in Flammen aufgehen. Und zwar buchstäblich." Der Professor starrte in seine Tasse. „Was habe ich falsch gemacht, Amaya? Ich versuchte meinen Kindern beizubringen ehrlich und anständig zu sein und zu wissen, wie sie den Verstand den ihnen die Geister mitgaben benutzen. Und alles was Min will ist jenen beizutreten, die uns alle zum Schweigen bringen wollen." Seine Lippe kräuselte sich. „Für einen Erdbändiger ist er vielleicht derjenige, der etwas zu viel von seiner Mutter hat."
Amayas Augen verengten sich.
Doch noch während er es sagte, sah Tingzhe schuldig aus. „Oma und Shu, das hatte ich nicht gemeint – "
„Ich weiß", sagte die Heilerin gemessen. Besser, dass dieses Gift jetzt herauskam, bei ihr, statt in einem Streit mit Meixiang. „Du weißt sicher noch was ich von dem Nördlichen Wasserstamm erzählt habe. Meixiangs Volk hat nicht das Monopol auf die Lust nach Macht. Geister, wenn es so wäre, dann gäbe es keine Dai Li." Ihre Stimme wurde sanfter und sie fiel in den klaren Tonfall, den ein anderer Lehrer verstehen würde. „Doch auf eine gewisse Weise hast du auch Recht. Min hatte schon immer den Drang danach, der Beste zu sein. Und jeder weiß, dass die Dai Li die Besten sind. Und er ist Sechzehn. Seine Familie war immer für ihn da. Er erkennt nicht, dass seine Entscheidungen die Leute die ihm wichtig sind wirklich bedrohen könnten."
„Und dieser Junge, von dem du willst, dass er Jinhai unterrichtet?", bohrte Tingzhe nach. „Ist er nicht auch Sechzehn?"
„Lee ist anders", erwiderte Amaya. „Er hat ein paar sehr harte Lektionen gelernt. Er hat den größten Teil seiner Familie verloren und ist fast selbst gestorben. Das verändert einen." Sie lächelte. „Sechzehn, ja, und er ist aufbrausend, doch Lee ist viel erwachsener als die meisten Leute, denen ich begegnet bin."
Rumms!
Lee rauschte herein, mit feuchten Haaren und in Grün gekleidet, obwohl sie ihn in Braun fortgeschickt hatte, ein Bündel feuchter Kleidung unter dem Arm und einem Gesichtsausdruck, der nicht wenige unschuldige Passanten und Möchtegern-Straßendiebe verscheucht hatte. „Ich will vergessen, dass heute überhaupt passiert ist!"
„Was war mit ihm los?"
„Notiz Nummer Sechs", knurrte Lee als er ihr ihre Schriftrollen und einen Beutel mit Geldschnüren übergab.
„Oh. Meine Güte." Diese besondere persönliche Notiz auf der Chi-Karte besagte, dass Bosco alles fressen wollte und auch konnte, das auch nur im Entferntesten nach Futter schmeckte. Sie wusste bis heute nicht, wie er es geschafft hatte eine Suppenkelle zu verschlucken, ohne dass es irgendwer gemerkt hatte und sie hatte auch nicht die geringste Lust es herauszufinden.
„Das? Das war ekelhaft", sagte Lee schwach und drückte gegen seine Nasenwurzel um einen Stresskopfschmerz abzuwehren. Es war eine sehr nützliche Geste, eine die sie selbst oft benutzte.
Er macht es ohne darüber nachzudenken. Entspannt er sich überhaupt irgendwann?
„So etwas will ich nie wieder machen müssen, aber sie sagten, dass jemand zur Nachbehandlung zu dem Bären kommen soll und ..." Lee stoppte, als er ihren überraschten Gast ansah. „Sie müssen Professor Tingzhe Wen sein."
„So, muss ich das?" Der Erdbändiger betrachtete Lee abschätzig, wie einen Aufsatz, der sogleich mit roter Tinte bedeckt werden würde.
Der Schatten eines Lächelns huschte über Lees Gesicht. „Jinhai sieht ihnen sehr ähnlich."
Tingzhe lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ein Anflug von Interesse stand in seinen grün-braunen Augen. „Das höre ich nicht sehr oft."
„Nicht? Ach so. Wegen den Augen und..." Lee senkte den Kopf etwas. „Es liegt in der Art, wie er einen anschaut, wenn er einen einschätzt. Man sieht, wie er nachdenkt und... Entschuldigung, ich bin nicht so gut mit Leuten."
Besser als du glaubst, dachte Amaya, angenehm überrascht. Tingzhe war hierher gekommen, für einen Streit vorbereitet, und all ihre Mühen hatten ihn kaum etwas beruhigt. Lees einfache Worte, ein Feuerbändiger, der bestätigte, dass Jinhai zuallererst Tingzhes Sohn war, und alles andere danach...
Charmante Leute sind billig zu haben und noch weniger wert. Du und dein Onkel unter seiner Raffinesse... ihr seid ehrlich. Und das ist selten.
...Verflixt, schon so spät. „Ich habe gleich ein paar Patienten hier", sagte Amaya, als sie sich erhob. „Ihr beide solltet euch draußen im Garten weiter unterhalten."
Tingzhe nickte und erhob sich.
Lee zögerte. „Meister Amaya. Die offizielle Angelegenheit?"
Man erwähnt keine Seuche, weil man nicht will, dass die Leute in Panik geraten, wenn es nicht stimmt. Kluger Junge. „Völlig ohne Grundlage", versicherte ihn Amaya. Und konnte nicht anders als zu grinsen. „Es sieht so aus als ob jemand die Besatzungsmacht der Feuernation in Omashu mit einem üblen Streich reingelegt hat. Einer, der dazu führte, dass sie die ganze Stadt evakuieren konnten." Sie verschränkte ihre Arme, stellte sich den Ärger der Armee vor, als sie herausfanden, dass sie jemand auf die Schippe genommen hatte. „Ich würde ihn gerne einmal treffen, diesen Sokka vom Südlichen Wasserstamm. Er muss ein kluger, fähiger Krieger sein – "
Lee gab ein ersticktes Geräusch von sich.
Sie beäugte ihn.
„... Nichts. Patienten. Ich gehe nur – "
„Du bist ihm begegnet." Tingzhe gab Lee einen eindringlichen Blick. „Und wenn ich junge Männer kenne, dann bist du nicht gut davongekommen." Er schnaubte. „Ich weiß, es ist schwierig, das in deinem Alter zu akzeptieren, doch es ist nichts Schlimmes dabei, einem erfahreneren Mann unterlegen zu sein – "
„Er ist Fünfzehn!"
Totenstille.
Lee konnte sich nur mit Mühe davon abhalten die Fäuste zu ballen. „Fünfzehn und ein Volltrottel, mit Anfällen von taktischer Brillianz. Und der Volltrottel in ihm hätte ihn schon vor Langem umgebracht, wenn es da nicht ein kleines Detail gibt. Er reist mit dem Avatar." Ihr Lehrling stieß den Atem aus, zwang sich sichtlich, sich zu beruhigen. „Also, sie haben Recht. Ich habe gegen ihn gekämpft. Und ich habe verloren." Lee verbeugte sich vor ihr, mit zusammengebissenen Zähnen. „Meister ich brauche etwas frische Luft."
„Geh", sagte sie, aufgewühlt. Sie achtete gerade genug auf ihn um sicher zu sein, dass er in den Garten ging und nicht auf die Straße, wo es unschuldige Passanten gab. Sie wartete lange genug, dass er außer Hörweite war und pfiff leise. „Nun. Das habe ich ganz sicher nicht erwartet." Entweder hat er Sokka getroffen als sie auf Reisen waren... oder ich hatte Recht und er war bei den Polen. Bei beiden.
Die Schiebetüren zum Garten anstarrend, blinzelte der Professor und schaute dann zu ihr. „Das erklärt einiges von der Widerspenstigkeit. Es ist eine Sache, fair zu verlieren. Zu verlieren, weil der Gegner seine eigene Armee mitbringt, ist etwas völlig anderes. Ganz besonders für einen ehrenwerten jungen Mann."
„Sein Onkel schwört, dass Lee kein Teil des Krieges war", widersprach Amaya. Selbst wenn er dafür ausgebildet wurde.
„Meine liebe Heilerin, wir sind alle Teil des Krieges", sagte Tingzhe trocken. Und runzelte die Stirn. „Er benutzt eine sehr interessante Wortwahl, dein Lee. Wenn er nicht in der Armee war, dann hat er ganz sicher eine militärische Erziehung genossen. Doch ich kann mir vorstellen, dass das für die meisten Feuerbändiger heutzutage gilt." Er stand einen langen Moment da, in Gedanken versunken. „Ich habe mich nicht entschieden. Noch nicht. Doch ich würde gerne mit ihm sprechen. Wenn du glaubst, dass er sich bald wieder beruhigen wird?"
„Er ist wahrscheinlich jetzt schon ruhig." Amaya seufzte. „Oder zumindest kontrolliert. Er ist gut darin." Zu gut, glaube ich.
„Hmm." Tingzhe gab ihr ein trockenes Lächeln. „Nun dann. Es ist Zeit dem Drachen gegenüber zu treten.
Er ist ein sehr kleiner Drache.
(Tingzhe, Zuko/ Klinik/ Ba Sing Se)
Sich leise nähernd, nahm sich Tingzhe einen Moment, den jungen Mann zu studieren, der auf dem Boden saß mit den Fingern durch Amayas Teich strich. Wirklich, es war ein Wunder, dass er so lange unbemerkt durchgegangen war. Die fein gezeichneten, schlanken Gesichtszüge, die blasse Haut... fügte man einen Haarknoten hinzu, und veränderte grüne Augen und Roben zu Gold und Rot und man hatte einen jungen Großen Namen, direkt aus den klassischen Schriftrollen.
Ein Zeugnis dessen, wie viel die Leute einfach nicht sehen, glaube ich.
„Elf", sagte Lee leise. „Ich habe sie alle gezählt. Drei Mal." Er schaute ins Wasser, und sah offensichtlich... etwas anderes. „So viele unserer Männer haben wir aus dem Eis gezogen, nachdem sie weg waren. Das Eis auf dem Schiffsdeck... und das eisige Wasser über Bord." Er schüttelte langsam den Kopf. „Die Speerträger, die Katara eingefroren hat, hatten Glück, sie brauchten nur ein paar heiße Getränke. Aber bis wir das Schiff aus dem Eisberg heraus und für jene, die der Avatar von Bord gespült hatte umgedreht hatten... es war viel zu eng. Wir hätten sie fast verloren." Er schluckte trocken. „Ich musste sie zählen. Ich kannte nicht alle Namen. Das Wasser da oben ist so kalt..."
Kälte und Dunkelheit. Die zwei sichersten Wege einen Feuerbändiger zu töten. Eine Entscheidung getroffen, setzte sich Tingzhe. „Und so hast du Sokka getroffen?"
„Ich erwarte nicht, dass sie es verstehen." Lee schaute ihn auch jetzt nicht an. „Der Feuerlord hat den Avatar zum Feind der Feuernation erklärt. Wir mussten nachforschen. Wir haben niemandem weh getan!" Er riss seine Finger aus dem Wasser und Tropfen stiegen als Dampf auf. „Wir haben den Leuten Angst eingejagt. Wir bedrohten Frauen und Kinder. Darauf bin ich nicht stolz. Der Avatar versprach mit uns zu kommen und – unser Kommandant versprach niemandem weh zu tun. Wir sind fortgegangen." Er atmete tief durch. „Und dann entschieden Sokka und seine Wasser bändigende Schwester ein zehn Tonnen schweres fliegendes Monster auf unserem Schiff zu landen und alles ging den Bach runter!"
Der Professor schwieg, stützte sich auf Jahrzehnte eines Lebens des Verstandes und der Logik um an seiner ersten, emotionalen Reaktion vorbei zu kommen. Schock half niemandem. Ebenso wenig Wut auf den jungen Mann, der getan hatte... nun, was so einige seiner Landsleute anscheinend als vernünftig ansahen. „Ich weiß, dass die Feuernation großen Wert auf Ehre legt", sagte Tingzhe gemessen. „Wenn dein Kommandant einem Gefangenen eine angemessene Parole anbot und dieser sie dann brach, selbst ohne äußere Veranlassung... ja, nach allem, was ich von eurer Geschichte gelesen habe, das ist eine ernsthafte Beleidigung." Er betrachtete den jungen Mann sorgfältig. „Was mich überrascht, ist, dass dich der Kollateralschaden mehr bedrückt."
Lee hob die Schultern, als ob es keine Rolle spielte, was er dachte. „Sokka ist gefährlich. Er bringt Dinge ins Rollen und er denkt nicht nach. Er kommt aus Schwierigkeiten heraus, weil er Glück hat, nicht weil er ausgebildet ist. Seine Schwester ist eine meisterliche Wasserbändigerin und sein Freund ist der Avatar, also hat er eine ganze Menge Glück auf seiner Seite. Und die Geister." Er schloss die Augen und schlang die Arme um seine Knie. „Fragen sie Meister Amaya nach dem Nordpol. Ich will nicht darüber nachdenken."
Ein Jahrhundert des Krieges hat deine Nation über meine gebracht. Seine Studenten mochten Witze machen, dass er immer noch in der Zeit des Sechsundvierzigsten Erdkönigs lebte, doch Tingzhe war sich des Krieges sehr wohl bewusst. Es gab nur nichts, was er dagegen tun konnte, außer seinen Leuten zu helfen, sich an ihre Vergangenheit zu erinnern, so dass sie eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft hatten. Ich sollte mich über die Vergeltung des Avatars freuen.
Doch das hier war nicht der Feuerlord. Das war ein von Narben gezeichneter junger Mann der so viel Schrecken erlebt hatte wie ein Veteran auf der Mauer. Einer, der vor dem Krieg geflohen war, genau wie Meixiang.
Hör auf zu zögern, sagte sich Tingzhe fest. Du hast dich doch schon längst entschieden und du weißt es. „Meine Frau sagt, dass du Jinhai beibringen willst wie man Feuer löscht."
„Es ist das erste, was meine Mutter mir beigebracht hat." Lee entrollte sich und schaute ihn an, grüne Augen hell und ernst wie Feuer. „Meine Schwester – es waren viele Bändiger um uns herum und... es ist nicht gut, wenn zwei Bändiger die gleiche Flamme anfachen. Es ist schwieriger als ein Feuer anzuzünden, aber das macht alles sicherer. Weniger beängstigend." Lees Blick glitt zur Seite um entschlossen zurückzukehren. „Er wird zuerst immer zu ihnen gehören, wissen sie. Onkel sagt, die anderen Nationen sind nicht so durch Loyalität gebunden wie wir. Nicht in ihrem Geist. Jinhai ist ein Feuerbändiger und ihr seid seine Eltern und er liebt euch. Egal was ich ihn lehre, er wird immer zuerst auf sie schauen. Immer."
Tingzhe versuchte nicht zusammen zu fahren, als er diese archaische Phrase wiedererkannte. Er hatte sie in einem der alten Briefe gelesen, die er kürzlich in der Sammlung der Universität gefunden hatte.
„Auf wen schaust du, Drachen-Geborener?"
„Ich bin auf den Wellen verloren, denn mein Clan ist zerstreut und unsere Festung Asche."
„Auf wen willst du schauen, Drachen-Geborener?"
„Ich suche einen Großen Namen, der meiner Klinge und meines Feuers würdig ist."
–Oder so heißt es, fuhr der Brief fort. Was dem glücklosen Oni hätte sagen sollen, dass alles was er bekommen würde der Dienst eines Söldners wäre und keine Loyalität, und wenn der Clan sich wieder formierte, er Oger-Flambee sein würde. Doch so sind nun mal die Volksmärchen. Und jetzt jagst du Märchen in Ba Sing Se nach. Vater, bitte, seid vorsichtig. Ich weiß, ihr habt eurem Freund euer Wort gegeben, doch euer Clan braucht euch ebenfalls.
Ein paar Tage Nachforschung waren noch nicht genug gewesen, um herauszufinden, was Lady Kotones Vater versprochen hatte, doch wenn er bedachte, dass ein Brief, der erst vor ein paar Jahrzehnten geschrieben worden war in Schriftrollen über Avatar Yangchen, dem letzten Avatar der Luftnomaden, gesteckt worden war... nun.
Vielleicht ist es besser nicht zu erwähnen, dass Avatar Aang erst vor ein paar Tagen die Universität besucht hat. Egal ob Körper oder Stolz, manchmal ist die beste Medizin Zeit. „Ich rede mit Amaya, wann es gut für dich ist, vorbei zukommen", sagte Tingzhe direkt.
„Können sie dabei sein?"
Wenn er bedachte, dass er genau das gerade hatte verlangen wollen, zog der Professor eine nichts Gutes verheißende Augenbraue hoch.
„Feuer und Erde sind nicht so verschieden wie viele glauben", erklärte Lee. „Die Haltungen sind anders und wir verbringen viel mehr Zeit in der Luft. Aber wenn man genau hinschaut, bemerkt man … Gemeinsamkeiten." Er stieß den Atem aus und nickte, entschlossen. „Falls etwas schief läuft und mich die Dai Li schnappen – damit sie wissen, wie sie Jinhai helfen können, auf eigene Faust zu lernen."
Tingzhe runzelte die Stirn. „Du wirst nicht geschnappt. Nicht wenn du vorsichtig bist."
„Ich bin vorsichtig", sagte Lee trocken. „Es ist nur, dass in meiner Nähe ständig Sachen passieren. Egal was ich plane. Also ist es besser, wenn sie es wissen. Außerdem sollte Madame Wen auch ihre Katas auffrischen."
„Meine Frau", sagte Tingzhe mit bedächtiger Ruhe, „ist keine Feuerbändigerin."
„Das weiß ich", sagte Lee, offensichtlich verwirrt.
„Warum glaubst du dann, dass sie irgendwelche Katas des Feuerbändigens kennt?", fuhr Tingzhe fort und beäugte ihn wie einen Studenten, der die geforderten Texte nicht gelesen hatte.
„Weil das jeder tut?", sagte Lee, entnervt. „Die Katas für Selbstverteidigung?" Der junge Mann sah plötzlich nachdenklich aus. „Außer sie ist wie Huojin größtenteils hier aufgewachsen..."
„Nein... ihr bringt euren Frauen wirklich das Kämpfen bei?" Tingzhe schüttelte den Kopf, Jahre des Studiums standen plötzlich auf dem Kopf. „Ich habe Bemerkungen über Kriegerinnen gelesen, aber ich dachte sie wären – nun Legenden. Wie Wan Shi Tong oder der Blaue Geist. Niemand hat jemals eine gesehen."
„Oh. Das wird sich noch ändern", murmelte Lee. Dann warf der Junge ihm einen ungläubigen Blick zu. „Insel Kyoshi bringt Frauen das Kämpfen bei."
„Das mag sein", gestand der Professor, „doch jeder weiß, dass die nicht mehr alle Steine auf dem Berg haben."
Lee starrte ihn an, als ob er ihm vorgeschlagen hätte in eine Grube voller Vipern-Hornissen zu gehen. „Suyin und Jia wissen nicht wie man sich verteidigt?"
„Jia ist eine talentierte Erdbändigerin", sagte Tingzhe ungeduldig. „Ich bin sicher, sollte sie das Unglück haben, mit einem unhöflichen jungen Mann fertig werden zu müssen, sie ihn hübsch einschließen könnte, bis die Wache ankommt – "
Lee vergrub das Gesicht in seinen Händen.
„Junger Mann, was ist nur mit dir los?"
Lee schüttelte den Kopf und sah hoch. „Und was ist mit Suyin? Oder was wenn es kein unhöflicher junger Mann ist mit dem sie es zu tun hat? Was wenn es ein Dai Li ist?"
Tingzhe starrte ihn entsetzt an. „Man kann den Dai Li nicht bekämpfen!"
„Gib niemals im Leben kampflos auf." Feurige grüne Augen bohrten sich in seine. „Wenn sie wollen, dass ich Jinhai unterrichte – dann unterrichte ich auch Suyin."
„Sie ist keine Bändigerin!"
„Einige der gefährlichsten Leute in der Welt sind keine Bändiger", erwiderte Lee ungeduldig. „Meister Piandao hat einhundert Soldaten im Alleingang besiegt!"
„Wer?"
Lee setzte an, etwas zu sagen, unterbrach sich jedoch. „Nur – jemand von dem ich gehört habe. Ist schon Jahre her." Er faltete die Hände und richtete sich auf. Ein Mann zu einem Gleichstehenden. „Bitte denken sie darüber nach. Wir können nicht immer da sein um jene, die uns wichtig sind zu beschützen. Das Beste was man machen kann, ist sie zu lehren sich selbst zu beschützen."
„Ich rede mit Heilerin Amaya", sagte Tingzhe schließlich. „Es war … sehr interessant mit dir zu reden." Er neigte den Kopf und Lee verbeugte sich.
Das reinste Abbild eines höflichen jungen Mannes, dachte der Professor, als er aufbrach. Doch wenn dir etwas wirklich nahe geht, wenn dieses Innere Feuer auflodert... selbst ein Blinder sieht was du bist.
Was macht der Sohn eines Großen Namen hier in Ba Sing Se?
Autor-Notizen:
Waegu – koreanisch, 'Briganten von Wa', was heißt, Japan. Wurde als wako ins Japanische übernommen, im Grunde genommen Piraten.
Über Huojins Reaktion darauf, als er bemerkte, dass er es mit zwei Imperialen Feuerbändigern zu tun hat – wollen wir es mal in einen Kontext stellen. Stellt euch vor, dass ihr ein gewöhnlicher US-Cop auf Streife seid. Ihr seid bewaffnet und das sind auch ein guter Teil der anderen Bürger und zwar legal.
Und dann findet ihr heraus, dass die zwei Neuankömmlinge einen Shermanpanzer im Garten geparkt haben.
Oh, ja.
Natürlich ist es noch schlimmer als Huojin denkt. Im Kanon sehen wir wie Iroh und Zuko so etwa zwei Dutzend Imperiale Feuerbändiger platt machen... und das nachdem sie drei Wochen lang auf dem Ozean trieben, verletzt und hungernd und See-Geier und was sonst noch abwehren mussten.
Es ist wahrscheinlich besser für Huojin, wenn er das nicht weiß...
Übersetzer-Notizen: Die Szene, in der Zuko Bosco, den Bären des Erdkönigs das erste Mal sieht ist eine Szene aus 'Mauern und Geheimnisse', nur etwas paraphrasiert und von Aang und Co. auf Zuko und den Dai Li Agenten Shirong zugeschnitten.
