11. Chaos in Hogwarts
Noch in derselben Nacht zogen Lily und Jackie durch das
Schloss, unterwegs auf ihrer geheimen Streiche-Mission.
Die vier
Marauder saßen noch weit nach Mitternacht im Gemeinschaftsraum
der Gryffindors und hatten ihre Köpfe über die magische
Karte gebeugt.
"Was tun die beiden da?", quiekte Peter
und zeigte mit dem Finger auf Lilys und Jackies Punkte, die sich auf
den Gängen des Schlosses bewegten.
Remus lachte: "Also
ich kann es mir schon denken. Ich glaube, wir sollten morgen mit
Vorsicht durch das Schloss gehen."
James ließ sich in
seinen Sessel zurücksinken, ein wissendes Grinsen im Gesicht,
doch Peter und Sirius sahen verständnislos zwischen ihren beiden
Freunden hin und her.
"Ich versteh gar nichts",
grummelte Sirius. "Könnte mich mal jemand aufklären?"
Er hasste es ahnungslos zu sein und verstand im Moment absolut
nicht, was seine Freunde meinten. Peter machte das nicht viel aus, da
er auch sonst den Gedankengängen seiner Freunde kaum folgen
konnte.
James fuhr sich mit der Hand über sein Kinn und
meinte: "Was glaubst du wohl, wer Bellatrix und Lestranges
Hausaufgaben hat verschwinden lassen?"
Ungläubig fragte
Sirius: "Doch nicht die beiden, das würden sie niemals tun.
Lily ist Schulsprecherin und sie würde sich lieber selbst
verhexen, als irgendjemand anderen, ob nun Slytherin oder nicht."
"Das dachte ich auch", kam es trocken von Remus. "Aber
was glaubst du wohl, wem du deine schönen blonden Haare zu
verdanken hattest und nicht zu vergessen dieses blinkende Banner auf
deiner Stirn?"
"Ha, also war es doch Jackie",
sagte Sirius mit leuchtenden Augen.
James lachte: "Nein, das
war ganz allein Lilys Verdienst."
"Woher wisst ihr das,
zum Henker noch mal?", grummelte Sirius. James tippte auf die
Karte und Remus meinte grinsend: "Ich hab sie gesehen, als sie
in jener Nacht in unserem Schlafsaal war."
"Und ihr
habt mir nichts gesagt?", fauchte Sirius jetzt schon leicht
aufgebracht in die Runde.
"Ich fand es witzig", meinte
Remus und lehnte sich mit einem schadenfrohen Grinsen in seinem
Sessel zurück.
James nickte zustimmend: "Genau und es
scheint ja was genützt zu haben, Pad."
"Ja, wenn
man Freunde hat, braucht man keine Feinde", maulte Sirius und
verschränkte die Arme vor der Brust.
Peter schüttelte
verständnislos den Kopf und fragte in die Runde: "Ich
verstehe aber immer noch nicht, warum Andrews und Evans so etwas
tun."
"Ich schon", kam es von Remus, dessen Blick
auf James geheftet war.
Sirius folgte seinem Blick, bevor er
herausplatzte: "Warum sollte sie das wegen James tun, wenn sie
mit Greg Johnson auf den Ball geht?"
Remus schloss die Augen
und Sirius schlug sich mit der Hand vor den Mund, denn jetzt war ihm
herausgerutscht, was sie ihrem Freund eigentlich so lange wie möglich
verheimlichen wollten.
James' Gesichtausdruck hingegen blieb
undefinierbar. Langsam faltete er die Karte zusammen, ließ sie
in seinem Umhang verschwinden und murmelte noch ein "Gute
Nacht", bevor er hinter der Tür zu den Schulsprecherräumen
verschwand.
"Du bist so ein Idiot, Pad!", zischte Remus
verärgert.
"Tut mir leid", nuschelte Sirius und
verfluchte sich selbst für seine Unachtsamkeit. Seine Zunge war
mal wieder schneller gewesen, als sein Kopf.
Am nächsten
Morgen hüpfte Jackie schon aufgeregt im
Gryffindorgemeinschaftsraum herum, als Lily noch etwas verschlafen
erschien.
"Los, komm, Lily", flüsterte Jackie,
"ich will unbedingt sehen, ob es klappt."
Lily lachte
und hakte sich bei ihrer Freundin unter, bevor sie hinaus auf den
Gang traten. Vor der ersten Rüstung, von deren Sorte viele in
den Fluren von Hogwarts herumstanden, verlangsamten sie ihre
Schritte, gespannt darauf was passieren würde.
Mit einem
Quietschen verbeugte sich die Rüstung und sagte mit etwas öligem
Ton: "Guten Morgen, ihr holden Gryffindorburgdamen."
Jackie giggelte: "Burgdamen? Wie bist du darauf gekommen
Lily?"
Lily zuckte mit den Schultern und murmelte: "Ich
hab leider zu spät bemerkt, dass die Rüstungen ihr
Eigenleben haben. Ich möchte lieber nicht wissen, was sie in den
Kerkern von sich geben."
"Ich aber", rief Jackie
lachend und zog Lily mit sich die Große Treppe hinunter.
Jede
Rüstung die ihnen unterwegs begegnete, und das waren eine Menge,
hatte einen anderen Spruch auf Lager. Vor dem Gang zu den Kerkern
blieben sie stehen, gespannt darauf wartend, dass ein Slytherin
erschien.
Bellatrix Black kam energischen Schrittes den Gang
entlang, als eine Rüstung rief: "Guten Morgen, du schöne
Maid mit einem Namen, so schwarz wie deine Seele."
Verblüfft
blieb Bella stehen. Sie richtete ihren Zauberstab auf die silbern
schimmernde Rüstung und zischte: "Wer immer dich verhext
hat, hüte deine Zunge, sonst werfe ich dich in den Schwarzen
See, da kannst du dann vor dich hin rosten."
Das Visier vom
Helm der Rüstung klappte auf, doch nichts als Leere war zu
sehen, als die Rüstung sagte: "Deine Haare sind schwarz und
deine Seele wird wohl noch schwärzer sein, ho, ho, ho..."
Dieses hohle Lachen brachte Jackie und Lily dazu, hastig zu
verschwinden. Die beiden kriegten sich gar nicht mehr ein und es ging
gleich lustig weiter, als sie die Große Halle betraten.
"Welche Speisen sind jetzt verzaubert, Jackie?", fragte
Lily und sah die vier langen Haustische rauf und runter. Es waren
noch nicht viele Schüler anwesend, doch ihr Streich schien schon
Wirkung zu zeigen.
Jackie giggelte: "Also Toast, Eier und
Kürbissaft sind heute mit Vorsicht zu genießen, alles
andere kann bedenkenlos verspeist werden."
"Gut zu
wissen", kam es von Lily, die sich schon am spärlich
besetzten Gryffindortisch niederließ.
So langsam füllte
sich die Halle, auch Sirius und Remus schlenderten herein und setzten
sich Jackie und Lily gegenüber.
Sirius nickte den beiden
Mädchen nur zu und meinte in einem übertriebenen Tonfall zu
Remus: "Boah, Moony, diese Rüstung eben, die meinte mein
Name wäre so schwarz wie meine Haare und dieser Hinweis, meine
Burgdame wäre schon speisen, einfach genial."
Jackie
nickte heftig. "Die sind übergeschnappt, diese Rüstungen."
Remus füllte sich seinen Teller mit Rühreiern und
murmelte: "Ich möchte nur wissen, wer sich so etwas
ausdenkt."
Er konnte sich nur schwer ein Lachen verkneifen
und senkte ebenso wie Sirius, der gerade herzhaft in einen
Marmeladentoast biss, seinen Blick. Es fiel den beiden Maraudern
nicht leicht, vor Jackie und Lily so zu tun, als wären sie
ahnungslos. Sie bewunderten die Mädchen dafür und waren
sich ziemlich sicher, dass das noch nicht alles war.
Lily und
Jackie nahmen ihre Augen nicht von den Maraudern, um ja nichts zu
verpassen. Remus blieb ihre Neugierde nicht verborgen und noch bevor
er sich den ersten Bissen in den Mund schob, schloss er die Augen, zu
allem bereit, was auch immer auf ihn zukommen würde. Er spürte
die Veränderung sehr genau und als er die Augen wieder öffnete,
zuckte er erschrocken zurück, denn statt seiner Nase ragte ein
langer Schnabel aus seinem Gesicht. Ein erschrockener Aufschrei
entwich seiner Kehle, doch es war kein menschlicher Laut. Es hörte
sich eher an, wie das Gackern eines Huhnes.
Sein Blick wanderte
zu Sirius, der gerade mit einem Schafskopf, hinter dessen Ohren
kleine Hörner waren, da saß und ein schrecklich schrilles
Mähen von sich gab. Doch so schnell wie der Zauber gekommen war,
verschwand er auch wieder.
"Man Alter", lachte Sirius,
"du warst gerade ein Hahn."
"Hab ich bemerkt",
kam es trocken von Remus, der sich jetzt interessiert an den anderen
Haustischen umsah.
Da gab es einige, deren Köpfe nicht nur
die eines Hahnes waren, oder denen eines Schafes glichen, sondern
auch noch einen überdimensionalen Fischkopf der mit großen
Augen nach Luft schnappte.
Auch die Lehrer blieben nicht
verschont und die Große Halle war erfüllt vom Gelächter
der Schüler.
Sirius schielte zu Jackie, die vor sich hin
kicherte und in ihrem Müsli stocherte. Ihm war klar, dass das
wohl das Einzige war, was an diesem Morgen zu genießen wäre,
deshalb griff auch er zu einer Schüssel dieses Vogelfutters, wie
er es nannte.
"Lily, hast du James heute morgen schon
gesehen?", fragte Remus, nachdem sich alle wieder halbwegs
beruhigt hatten.
"Nein", kam es knapp von Lily, der
gleich wieder ihre gestrige Tanzeinlage im Gemeinschaftsraum einfiel.
Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen und sie war sich nicht
einmal sicher, ob er in seinem Zimmer gewesen war. Sie hatte gehofft,
heute ein Wort mit ihm reden zu können und sie hätte zu
gerne seine Reaktion auf ihre Streiche gesehen, doch er tauchte nicht
auf.
Greg Johnson kam kurz an ihren Tisch und beugte sich
zwischen Lily und Jackie, bevor er lachend meinte: "Vorsicht vor
dem Kürbissaft, da wächst euch ein Fischkopf." Er
drehte seinen Kopf zu Lily, die drei anderen völlig ignorierend
und fragte unverblümt: "Lily, hast du Lust auf einen
Spaziergang?"
Jackies Kopf schoss herum, doch Lily sagte
entschuldigend: "Tut mir leid, Greg, aber mir hängen die
Schulsprecheraufgaben im Nacken."
"Na, vielleicht ein
andermal", meinte der junge Ravenclaw und verschwand mit einem
enttäuschten Gesicht.
"Schleimer!", zischte Jackie
und sprach damit aus, was Sirius und Remus dachten.
"Er ist
sehr nett", grummelte Lily, doch bei ihren Worten dachte sie gar
nicht an Greg, denn jemand anderes schwirrte in ihrem Kopf herum.
"Ja, bis er bekommen hat, was er will", murmelte Jackie
ihrer Freundin zu. "Frag Brenda aus Huffelpuff, bei der war es
genauso. Die Arme hat sich die Augen aus dem Kopf geheult wegen
diesem..."
Sirius räusperte sich, denn diese Diskussion
lief gerade auf etwas hinaus, das ihm nicht behagte und um davon
abzulenken, fragte er mit großen Hundeaugen: "Ähm...,
ja Jackie, also was hältst du von einem kleinen Rundflug oder
einer Partie Zauberschach?"
Jackie verzog etwas das Gesicht
und sagte: "Zauberschach gern, aber fliegen ist nicht mehr drin.
Die Woche Quidditchtraining war hart genug. Mir tut mein Hintern
weh."
Sirius biss sich auf die Zunge, weil ihm schon wieder
ein geistreicher Kommentar auf den Lippen lag, doch er wollte es
diesmal nicht vergeigen und hielt lieber seinen Mund.
"Ich
geh in die Bibliothek", nuschelte Lily und verließ die
Große Halle.
Als sie weg war, sah Jackie die beiden
Marauder an und fragte neugierig: "Wo ist James?"
Sirius
schluckte den letzten Bissen seines Müslis mit Gewalt herunter,
denn für ihn war dieses Zeug einfach widerlich trocken. Er
meinte: "Wenn er nicht mit seinem Besen da draußen rum
fliegt, würde ich sagen, er hockt auf dem Astronomieturm und das
wahrscheinlich schon die halbe Nacht."
"Er weiß
es also schon?", fragte Jackie neugierig.
Remus nickte und
zischte: "Ja, unsere Klatschtante konnte ihren Mund nicht
halten."
Sirius verdrehte genervt die Augen und grummelte:
"Was kann ich denn dafür, dass Lily mit diesem Schleimer
auf den Ball geht. Prongs hätte es sowieso irgendwann erfahren."
"Wie auch immer", meinte Jackie und beugte sich zu den
beiden Maraudern vor, bevor sie leise sagte: "Eins kann ich euch
sagen, James hat den Kampf noch nicht verloren..." Sie fuhr
zurück, als sich jemand neben sie setzte.
"Jamie!",
rief Sirius übertrieben laut und freundlich. Der Angesprochene
verdrehte die Augen und murmelte: "Ihr könnt ruhig weiter
über mich reden."
Remus warf Sirius diesen
Unser-Freund-ist-nicht-gut-drauf-Blick zu, als James Kopf sich gerade
in den eines Fisches verwandelte, der sogar noch seine Brille auf
hatte.
"Ja, das ist es, was wir dir gerade sagen wollten",
kam es lachend von Sirius.
Der Fischkopf war einen Augenblick
später wieder verschwunden und James knurrte: "Schön
wenn ihr euch auf meine Kosten amüsiert habt. Nur weiter, ich
verschwinde nämlich wieder."
Er griff noch nach ein
paar Toastscheiben und verließ mit großen Schritten die
Halle, in der hin und wieder das helle Lachen der Schüler
erschallte.
"Viel Spaß mit dem Schafskopf", rief
Sirius ihm noch lachend hinterher, bevor auch er mit Jackie und Remus
die Halle verließ.
Zum Mittagessen waren weder James
noch Lily aufgetaucht, irgendwie schienen die zwei wie vom Erdboden
verschluckt zu sein. Lily hatte sich mit Absicht den ganzen Tag in
der Bibliothek verschanzt. Sie wollte ihre Ruhe und einmal ganz
allein über ihre momentane Gefühlswelt nachdenken und über
James Worte.
Erst am späten Nachmittag kehrte sie in den
Gryffindorturm zurück und steuerte gleich die Schulsprecherräume
an. Das Feuer prasselte in ihrem Aufenthaltsraum, aber ansonsten war
niemand da. Sie lauschte einen Moment an James Zimmertür,
klopfte dann und als niemand antwortete, drückte sie vorsichtig
die Klinke herunter.
Wie erstarrt blieb sie in der geöffneten
Tür stehen. In James sonst so ordentlichen Zimmer lag alles
verstreut.
Das Bettzeug lag auf dem Boden, seine Sachen waren
überall verteilt und der kleine Bilderrahmen mit ihrem Foto lag
zerbrochen vor dem Schrank.
Lily schloss für einen Moment
die Augen. All die Wut und der Schmerz von James standen plötzlich
in diesem Raum und nahmen ihr die Luft zum atmen. Ohne weiter
nachzudenken, nahm sie ihren Zauberstab und murmelte ein paar Worte.
Im Nu war alles wieder an seinem Platz und ihr Bild stellte sie
wieder auf seinen Nachtschrank.
In diesem Moment war sie sich
klar darüber, dass es diesmal an ihr war, mit ihm zu reden.
Sie
holte sich ihren Umhang und lief in den Gemeinschaftsraum der
Gryffindors. So kurz vor dem Abendessen war er gut gefüllt, doch
sie sah Jackie und Sirius sofort. Beide saßen völlig
vertieft über einer Partie Zauberschach. Sirius fuhr sich immer
mal wieder mit der Hand über sein Kinn, wie es so seine Art war,
wenn er nachdachte und Jackie hatte ein diabolisches Grinsen im
Gesicht.
Lily ging langsam näher und überblickte die
verzwickte Lage, in der Sirius steckte, sofort. Sie beugte sich zu
ihm hinunter und raunte in sein Ohr: "Vergiss es, Jackie ist zu
clever für dich."
"Merk ich auch gerade",
grummelte Sirius ohne seinen Blick von dem Spiel zu nehmen. Nur einen
kurzen Moment schaute er in Jackies lustig funkelnde Augen, doch
dieser Augenblick genügte ihm, um sich darüber klar zu
werden, dass dieses Mädchen sein Herz erobert hatte. Einfach so,
mit ihrer Natürlichkeit und ihrer Unbeschwertheit, die all seine
Abenteuer nebensächlich erscheinen ließen.
"Ich
gebe es auf", murmelte er und ließ sich in seinen Sessel
zurückfallen, seine Augen auf das braunhaarige Mädchen ihm
gegenüber gerichtet.
Lily lachte, beugte sich aber noch mal
nah zu ihm heran und fragte leise, nur für ihn hörbar: "Du
weißt nicht zufällig, wo James ist?"
"Astronomieturm", kam es knapp von Sirius, der sich nur
schwer ein Lächeln verkneifen konnte.
"Wir sehen uns
später", rief Lily noch und verschwand aus dem
Gemeinschaftsraum.
Sirius sah ihr nach und murmelte: "Na,
hoffentlich ist James noch ganz bei sich. Unser Feuerwhisky ist
nämlich verschwunden."
Jackie seufzte: "Was würde
ich jetzt für eine schöne Tasse Kakao geben."
Das
war Sirius Stichwort. Er griff nach Jackies Hand und zog sie wortlos
mit sich. Auf dem Gang vor dem Gemeinschaftsraum machte er eine
kleine Verbeugung und sagte galant: "Hiermit lade ich die holde
Gryffindorburgdame Jackie Andrews zu einem schönen Kakao in der
Küche von Hogwarts ein." Sprach's und reichte Jackie seinen
Arm. Sie zögerte noch einen Moment, zu verblüfft war sie
über seinen Humor. Sie hatte nicht erwartet, dass er so lustig
sein konnte und vor allen Dingen nicht, dass er sich so zurückhielt.
Er hatte nicht einmal, seit ihrem Hogsmeade-Ausflug, den Macho
heraushängen lassen oder sie um ein Date gebeten und er hatte
seit dem kein anderes Mädchen angeschaut. Doch es waren noch
vier lange Wochen bis zu dem Ball, vier Wochen, in denen noch viel
passieren konnte.
Langsam öffnete Lily die Tür zum
Astronomieturm. Die Dunkelheit hatte sich schon längst über
das Gelände gelegt und der kalte Herbstwind pfiff ihr um die
Ohren. Sie ließ ihren Blick wandern, bis sie James ganz vorne
an der Brüstung stehen sah. Die Hände hatte er tief in
seinen Hosentaschen vergraben und vor ihm stand eine halbleere
Flasche, deren Inhalt unschwer als Feuerwhisky auszumachen war.
"Was
willst du hier?", kam es mürrisch von ihm, ohne dass er
sich umsah. Seine Stimme klang kalt und ihr lief ein Schauer über
den Rücken.
Zögerlich ging Lily näher, atmete tief
durch und sagte leise: "Ich wollte mit dir reden, über..."
"Wenn es um Schulsprecherkram geht, darauf hab ich heute
keinen Bock mehr", knurrte er und blickte weiter starr über
die Brüstung in die Dunkelheit.
"Ich habe mich geirrt",
sagte sie hastig und etwas atemlos.
Ein ironisches Lachen war zu
hören und James zischte: "Du weißt nicht was du
willst, Lily und ich habe verdammt noch mal keinen Bock mehr darauf,
mich ständig vor dir rechtfertigen zu müssen. Lass mich
einfach in Ruhe."
Seine letzten Worte waren nur noch
geflüstert und er griff mit einer Hand nach der Flasche, die vor
ihm auf der Brüstung des Turmes stand.
Lily wollte seinen
Arm herunterdrücken, doch er riss sich los. Seine Augen
funkelten sie zornig, verletzt und traurig zugleich an.
"Das
bist nicht mehr du, James", sagte Lily mit Tränen in den
Augen, denn zum ersten Mal verstand sie, wie schmerzhaft Liebe sein
kann.
"Doch, das bin ich! Der Weiberheld James Potter, der
alles ins Bett zerrt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist",
rief James höhnisch, aber mit zitternder Stimme.
In seinen
Augen glitzerten Tränen und hastig griff er nach seinem Besen,
der bis jetzt unbeachtet neben ihm gestanden hatte.
"Bitte...",
flüsterte Lily flehentlich, denn sie spürte, dass er sich
vor ihr verschloss und seine Gefühle hinter einer Mauer
versteckte. Eine Mauer aus harschen, höhnischen Worten, die sie
abschrecken sollten.
Einen Moment sah er in ihre Augen und sagte
traurig: "Das Leben geht weiter, Lilyflower." Einen
Augenblick später stürzte er sich schon mit seinem Besen
todesmutig den Astronomieturm herunter.
"Du verdammter
Idiot!", schrie Lily ihm hinterher, während Tränen
sich den Weg über ihre Wange bahnten.
Wütend griff sie
nach der Feuerwhiskyflasche und warf sie an die Mauer des Turmes. Das
Klirren des Glases wurde von ihrem Aufschluchzen übertönt.
Doch sie wäre nicht Lily Evans, wenn sie so schnell aufgeben
würde.
