Wurzeln ziehen
„Ally? Hey, Al!"
Ally sah von der Brandwunde auf, die sie gerade neu verband und erkannte Kirsten, eine Schwesternschülerin im zweiten Jahr, die rasch auf sie zukam.
„Dr. Johnson möchte dich in seinem Büro sprechen. Ich mache hier weiter, wenn du willst", Kirsten gestikulierte zu der Frau, die Ally gerade versorgte, und schenkte der Patientin dieses Lächeln, das jede Schwesternschülerin sich in den ersten Wochen aneignete, weil es beruhigend war und zuversichtlich und weil man ihm, wenn es gut gemacht war, die Lüge dahinter nicht ansah.
Ally nickte und setzte, wenn sie auch etwas verwirrt war, automatisch das gleiche Lächeln auf. „Mrs. Gerry, Kirsten hier wird sich weiter um sie kümmern. Ich bin dann morgen wieder da, in Ordnung?", wandte sie sich ihrerseits an die Patientin und die junge Frau, eine Fabrikarbeiterin, die sich schwere Brandwunden an Armen und Rücken zugezogen hatte, als eine Maschine explodiert war, nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.
Kirsten übernahm also die weitere Versorgung und Ally beeilte sich, in das Büro des Oberarztes zu gelangen, wusste sie doch wie jeder im Krankenhaus, dass besonders die Ärzte ihre Zeit ganz sicher nicht gestohlen hatten und man sie bestmöglich nicht warten ließ.
„Na, Al? Wirst zum Chef zitiert, hm? Was hast du verbrochen?", hörte Ally eine Stimme hinter sich, gerade als sie die Hand hob, um an die Bürotür zu klopfen.
Sie brauchte sie noch nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, dass es sich bei der Stimme um die von Terry handelte, einem Medizinstudenten, der ein paar Mal die Woche im Krankenhaus aushalf, um, wie er selbst es sagte „den Ernst des Lebens kennen zu lernen".
„Ich bin gerade dabei, das herauszufinden", erwiderte sie jetzt und warf ihm über die Schulter ein Lächeln zu, „aber wenn du jetzt nicht wieder an deine Arbeit gehst, werde ich dafür sorgen, dass du zum Chef musst."
Sie klopfte und hörte grinsend zu, wie Terry im Weggehen etwas über „undankbare Schwesternschülerinnen, die ihren Platz nicht kennen" grummelte, was er zwar leise tat, aber doch so laut, dass sie ihn hörte und er wusste, dass sie es tat.
Terry wusste es einfach, einen langen Krankenhaustag etwas besser zu machen.
„Herein!", hörte sie von drinnen die Stimme des ‚Chefs' wie die Schwestern und jüngeren Ärzte den Oberarzt der Station nannten, und trat weisungsgemäß ein.
„Sie wollten mich sprechen, Dr. Johnson?", erkundigte sie sich, nachdem sie den Raum betreten hatte.
Peter Johnson sah von irgendwelchen Papieren auf und nickte: „Ja, Miss Ford. Setzen Sie sich doch."
Wieder tat Ally wie ihr geheißen und wartete dann einige Sekunden, bis der Arzt die Papiere weglegte und sie ansah.
„Erstmal Herzlichen Glückwunsch, würde ich sagen", er lächelte sie freundlich an.
Ally dagegen, völlig ahnungslos, wovon er redete, blickte ihn ihrerseits etwas misstrauisch an und hob dann an zu fragen: „Sir, ich weiß nicht ganz…"
„Sie hatten Geburtstag, vor drei Tagen", erklärte er ihr, „zumindest steht das in der Akte."
„Ach", Ally nickte, „ja. Das. Danke, nehme ich an."
Dr. Johnson lachte: „Sie klingen nicht begeistert?"
Ally zuckte mit dem Schulter: „Nein, so meinte ich das nicht! Es ist nur… naja, mein Zwillingsbruder ist in England… der erste Geburtstag ohne ihn… es war einfach irgendwie merkwürdig. Aber ich will Sie nicht nerven!"
„Tun Sie nicht", versicherte ihr Gegenüber und stütze das Kinn auf eine Hand, „erzählen Sie ruhig weiter."
„Naja…", begann Ally zögernd, zum einen nicht sicher, was sie ‚erzählen' sollte und zum anderen völlig verwirrt, warum er sie gerufen hatte, „mein Bruder ist seit einem Monat in England und… also, mein Onkel… naja, nicht mein richtiger Onkel, aber fast… er ist im September verletzt worden… nicht lebensgefährlich, er wird sich wieder erholen, aber… es war halt ein Schock, irgendwie."
Dr. Johnson nickte. „Haben Sie noch mehr Geschwister?", erkundigte er sich dann.
Ally schüttelte den Kopf: „Nein, es gibt nur Walt und mich. Mein Cousin ist ein bisschen wie ein großer Bruder für mich – er ist auch in England, seit März – und meine Cousine – naja, Beinahe-Cousine – sozusagen eine Art Ehrenschwester, aber sonst… nein."
Wieder nickte der Arzt nur nachdenklich und Ally begann, sich unwohler denn je zu fühlen. Was wollte der Kerl von ihr? Und warum rückte er nicht mal langsam damit heraus?
„Sie fragen sich bestimmt, warum ich Sie habe rufen lassen", kam Dr. Johnson dann zum Glück auch zum Thema.
Ally nickte und er fuhr fort: „Es hat nicht mit Ihren Leistungen zu tun, falls Sie das beruhigt. Ich bin sogar äußerst zufrieden mit Ihnen. Aber das war ja zu erwarten, nicht? Mit ihrer familiären Vorgeschichte?" Er lachte etwas und Ally erinnerte sich, dass sie ihm vor Monaten einmal von Großvater Blythe und Onkel Jem erzählt hatte.
„Ich muss gestehen, Miss Ford, ich bin schlicht neugierig und deshalb wollte ich Sie sprechen", gestand ihr Gegenüber dann und Ally richtete sich in ihrem Sitz etwas auf. In der hohen Gesellschaft von Toronto, boshaft und voller Klatschgeschichten, aufgewachsen, hatte sie gelernt, Neugier mit Misstrauen zu begegnen.
Dr. Johnson schien das zu merken, denn er beeilte sich, hinzuzufügen: „Ich möchte Ihnen auf keinen Fall zu Nahe treten. Sie können jederzeit gehen."
„Ist schon okay", beruhigte Ally und lachte leise und etwas bitter, „gebranntes Kind scheut das Feuer. Aber machen Sie sich keine Sorgen."
Er nickte, beobachtete sie aber immer noch sehr genau: „Nun, um es kurz zu machen, ich wundere mich schon seit längerer Zeit, warum genau Sie das hier machen."
„Was machen?", erkundigte Ally sich stirnrunzelnd, nicht sicher, worauf der Mann hinauswollte.
„Diese Ausbildung", erklärte er, „zu einer einfachen Krankenschwester. Ich meine, Sie sind immerhin eine Ford. Ihr Vater und Großvater gehören zu den reichsten Männern Torontos, vielleicht sogar Kanadas. Sie haben das doch nicht nötig."
Hätte er sie besser gekannt, hätte Peter Johnson an dem defensiven Ausdruck in Allys Augen gesehen, dass er gerade so ziemlich das Falscheste gesagt hatte, was es zu sagen gab, aber er kannte sie nun mal nicht, sah nur das viele Geld, die feinen Manieren und das hübsche Gesicht, wie so viele, und wie so viele zog auch er die falschen Schlüsse.
„Während wir reden", bemerkte Ally nach einigen Sekunden kühl, „bombardiert die Luftwaffe Coventry."
„Ach ja? Das… wusste ich nicht", er schien nicht zu wissen, was er mit diesem plötzlichen Themawechsel anfangen sollte.
Ally nickte: „Dann wissen Sie es jetzt. Die Nachricht kam eben im Radio."
„Wirklich? Na, ich sollte wirklich mehr Radio hören", er lachte etwas unsicher, weil ihm nichts Besseres einfiel.
Ally schwieg und Peter Johnson wartete und die Uhr an der Wand tickte die Minuten weg.
„Das Geld meines Vaters kann diesen Krieg nicht beenden", bemerkte Ally plötzlich, „und auch nichts was ich leisten kann, könnte sich irgendwie darauf auswirken. Man hat mir beigebracht, Mitglieder der Königsfamilie zu unterhalten, wenn nötig, auch wenn ich wohl niemals wieder in diese Verlegenheit kommen werde, aber ich werde wohl kaum zu Hitler gehen können und ihn nur mit ein bisschen Augengeklimper und ein paar gut platzierten Komplimenten dazu bringen können, seine Truppen aus Frankreich zurückzuziehen, oder was meinen Sie?"
„Nein, wohl nicht", stimmte Dr. Johnson vorsichtig zu.
„Was ist Ihr Vater von Beruf?", erkundigte Ally sich dann.
Wieder verwirrt von ihren Themensprüngen und nun seinerseits etwas auf der Hut, gab ihr Gegenüber zu: „Schuster. Mein Vater war Schuster. Er ist tot."
„Dann tun Sie mir Leid und ich bewundere Sie gleichermaßen", erwiderte Ally ruhig, „mein Vater lebt und ist bereit, mir jeden Wunsch zu erfüllen, wenn seine Liebe und sein Geld ihn irgendwie erfüllen können. Aber so läuft es ja nicht. Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen, aber so läuft es nicht. Ich kann nicht in meiner heilen, kleinen Welt sitzen bleiben und zulassen, dass meine Eltern alles Böse für mich abschmettern, weil mich das hier war angeht. Es geht mich was an!"
Sie stand auf, jetzt nicht mehr ruhig, und begann, in dem kleinen Büro auf und ab zugehen: „Selbst wenn James nicht gegangen wäre und Walt nicht und die ganzen anderen Jungen, die mir etwas bedeuten, auch nicht, selbst dann würde es mich etwas angehen. Und deshalb mache ich das hier, Sir. Genau aus dem Grund. Weil dieser Krieg mich genauso viel angeht, wie Sie, wie meinen Bruder, wie die Frau, die ich gerade eben verbunden habe und wie den Rest der Welt."
„Verstehen Sie?", für einen Moment sah Ally ihn an, dann wieder weg, „dieser Krieg kann mein Leben genauso zerstören wie jedes andere Leben auf dieser Welt. Weil Geld und Status mich nämlich nicht beschützen können. Sie machen mein Leben einfacher, bequemer, dass ja, dass sicherlich, aber im Endeffekt ist das hier genauso sehr mein Schicksal wie Ihres, so kitschig das jetzt auch klingen mag. Verstehen Sie das?"
Für einen Moment schwieg Peter Johnson, betrachtete dieses Mädchen, das da vor ihm stand, so hübsch, so leidenschaftlich, so unschuldig, dann öffnete er den Moment, um etwas zu sagen, aber sie kam ihm zuvor.
„Ja, ich weiß, was Sie jetzt denken. Dummes, kleines, reiches Mädchen. Steht hier und schwingt große Reden, aber sobald es ernst wird, rennt sie ja doch wieder zu Papi", Ally lachte tonlos, „damit vertreten Sie die Meinung von ungefähr 90 der Menschen, die ich kenne. Aber wissen Sie was? Es ist mir egal. Wenn ich es schaffe, nur ein einziges, verdammtes Leben zu retten, dann reicht das. Das reicht!"
Sie sah ihn an, trotzig, mit dem Blick von jemandem, der den gleichen Kampf schon hunderte Male ausgefochten hatte, und konnte in seinem eigenen Blick so etwas wie Hochachtung erkennen.
Das war es, die Tatsache, dass er sie für voll zu nehmen schien, was Ally dazu brachte, sich wieder hinzusetzen und ihn etwas verlegen anzulächeln: „Tut mir Leid. Ich hätte nicht so ausflippen sollen."
„Macht nichts", er erwiderte er Lächeln, „aber wenn ich jetzt selbst etwas unkonventionell sein darf… könnte ich dich vielleicht morgen zum essen einladen… Alice?"
„Gerne", sie lachte.
Peter Johnson nickte zufrieden. „Dann sagen wir, ich hole dich so gegen sieben ab? Deine Adresse habe ich ja in der Akte."
„Es ist nicht zu verfehlen, glaub mir", bemerkte Ally und rollte mit den Augen, während sie aufstand, „ach, und noch was: Es heißt Ally, nicht Alice. So nennt mich niemand."
„Dann also Ally", bestätigte Peter mit einem Lächeln.
