Sorely Engraved
Kapitel 11
Das Dinner bei den Malfoys war wie erwartet grauenhaft. Nicht das Essen selbst, das wie immer vorzüglich schmeckte. Jedoch fiel es ihm nicht so leicht, in der Gesellschaft seiner sogenannten Freunde mehr nur als ein paar Häppchen hinunterzuwürgen. Es war genau so, wie Hermine gesagt hatte.
Während die übrigen Männer (angeregt durch guten Wein, Brandy oder Cognac) die Freilassung ihres Gastgebers feierten, der erst kürzlich mit Hilfe der Überredungskunst einiger Verbündeter des Ministeriums aus der Untersuchungshaft entlassen worden war, schwirrten Snape ganz andere Dinge durch den Kopf. Der Abschied aus Hogwarts war ihm heute Abend besonders schwer gefallen. Es berührte ihn, dass sie zu ihm kam, wann immer sie die Gelegenheit fand. Den ganzen Tag über waren sie unzertrennbar zusammen gewesen. Noch mehr aber bewegte ihn, dass sie sich seinetwegen Sorgen machte.
Gelächter drang zu ihm hinüber und Snape nippte, die dünnen Lippen zu einem unansehnlichen Grinsen verzogen, an seinem Wein, um nicht mit einstimmen zu müssen. Einer der Todesser hatte einen geschmacklosen Witz über die wehrlosen und schwachen Muggel gerissen, die jüngst einem Angriff maskierter Zauberer zum Opfer gefallen waren.
Unter seinen Strähnen hindurch blickte er auf den leeren Stuhl, auf dem normalerweise Draco sitzen sollte. Noch galten die Regeln der Schule. Noch konnte Albus die Gesuche der Malfoys ausschlagen, ihren Sohn für das Wochenende nach Hause zu schicken...
Er spürte, wie sich eine schlanke Hand von hinten auf seine Schulter legte. Narcissa beugte sich zu ihm hinab und flüsterte etwas in sein Ohr. Ihr langes Haar fiel ihm ins Gesicht. Er mochte ihren Duft, obgleich er wusste, dass es gefährlich war, sich darauf einzulassen, was ihm seine Sinne vorgaukelten. Sie war ebenso unberechenbar wie ihre Schwester. Menschen wie sie waren jemandem wie ihm nur gut gesinnt, solange sie sich etwas von ihm erhofften.
Lautlos löste sie sich von ihm los und schwebte davon. Er stand auf und folgte ihr aus dem Salon.
Draußen in der Eingangshalle des großzügigen Hauses hielt sie inne und schlang ihre zierlichen Arme um den Leib. Das weiße Licht des Mondes, das durch die hohen Fenster fiel, beleuchtete gespenstisch ihre Gestalt. Sie hatte deutlich abgenommen in den vergangenen Wochen.
„Wie geht es Draco?", fragte sie mit schwacher Stimme.
Er blieb gute zwei Meter hinter ihr stehen und verschränkte steif die Hände hinter dem Rücken.
„Er macht Fortschritte", sagte er ruhig.
Sie atmete hörbar aus.
„Ist das wahr, Severus?"
Ungeduldig wirbelte sie herum und sah ihn auf eine so flehentliche Weise an, dass es ihm schwer fiel, sie mit dieser Lüge abzuspeisen. Da er es sich aber nicht leisten konnte, Mitleid ins Spiel zu bringen, blieb ihm keine andere Wahl.
„Ich war neulich in der Nokturngasse unterwegs", sagte sie in einem tiefen Seufzer, der ihre hervorstechenden Wangenknochen noch mehr zur Geltung brachte, als sie ohnehin schon zu sehen waren. „Hab mich dort ein wenig umgehört. Die meisten der Ladenbesitzer sind immer sehr gut auf die Malfoys zu sprechen gewesen. Nur Borgin wirkte ungewöhnlich verschlossen. Er hatte Angst. Zufällig ist mir dann auf dem Rückweg dieser widerliche Greyback über den Weg gelaufen und ich bin ihm gefolgt, wieder zu Borgin und Burkes. Weißt du, was er dort wollte?"
Snape zuckte mit den Schultern.
„Bedaure, nein."
Sie machte ein unglückliches Gesicht. „Ich denke, du solltest öfter das Schloss verlassen, Severus. Es täte dir gut, dich auch ein wenig umzuhören."
Snape ließ sich die Überraschung nicht anmerken, rollte fragend die Mundwinkel zurück und wartete ab.
„Mir scheint, Draco will mir genauso wenig verraten wie dir. Dennoch hattet ihr früher immer einen guten Draht zueinander. Also", sie machte einen Schritt auf ihn zu, griff nach seinen Armen und sah ihm direkt in die Augen, „bist du der Einzige, an den ich mich wenden kann."
Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, versetzte ihn aber sofort in Alarmbereitschaft.
„Und was kann ich für dich tun, Narcissa?", fragte er kühl. „Draco ist der Meinung, ich hätte seinem Vater den Platz streitig gemacht. Er -"
„Dann hör zu, was ich zu sagen habe", unterbrach sie ihn forsch. „Es ist in unser beider Interesse, wenn du es erfährst. Greyback hatte ein ziemliches Interesse für einen Gegenstand, ein altes Verschwindekabinett. Du erinnerst dich doch daran, wie sie vor einigen Jahren angepriesen wurden? Nahezu jeder, der etwas auf sich hielt, wollte eines haben."
Er nickte. Hatte der Junge wirklich das im Sinn, was er dachte?
„Du musst ihm helfen, Severus. Der Dunkle Lord erwartet zu viel von ihm."
„Ich tue, was ich kann", sagte er süßlich. „Dank deiner Initiative wird es mir sogar möglich sein, noch effizienter einzugreifen."
Erleichterung durchströmte sie. Er konnte es ihr förmlich ansehen. Jetzt, da sie wusste, dass sie ihr Ziel erreicht hatte, kehrte die alte Überheblichkeit in sie zurück. Sie ließ die Arme sinken und faltete vor dem Körper die Hände ineinander.
„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann."
„Du hast nichts zu befürchten, Narcissa."
Sie reckte das Kinn empor und machte einen Schritt zur Seite, als könne sie es nicht erwarten, so schnell wie möglich von ihm wegzukommen.
„Falls nicht, täte es mir leid, dich zu verlieren, Severus."
Galant schwebte sie an ihm vorbei zurück in den Salon. Snape blieb zurück und starrte abwesend aus dem Fenster, die Hände an den Seiten zu verkrampften Fäusten geballt. Er wusste nur zu gut, was das zu bedeuten hatte. Narcissas Besuch im Sommer bei ihm zuhause in Spinner's End hatte seiner Karriere als Handlanger Voldemorts noch die Krone aufgesetzt. Der Schwur, den er notgedrungen hatte eingehen müssen, war mit verantwortlich für den Deal mit Albus. Verzweifelt hatte er nach einem Ausweg gesucht, doch wie er es auch drehte und wendete, gab es kein Entrinnen für ihn. Es nahm ihm schier die Luft, wenn er daran dachte. Er wollte von hier weg, wollte alles hinter sich lassen. Aber es ging nicht.
Ungeschickt fingerte er an seinem Hals herum und riss den ersten Knopf auf. Es war nicht gut, die anderen zu lange warten zu lassen. Der heutige Abend war ein Festakt, zu dessen Ende hin noch ein ganz besonderer Gast erwartet wurde. Einer, den er um jeden Preis bei Laune halten musste.
xxx
Hermine lag friedlich in seinem Bett, als er das Schlafzimmer betrat. Leise zog er sich aus und legte sich neben sie.
Erst jetzt regte sie sich im Schlaf. Sie öffnete müde die Augen und strahlte ihn an.
"Du bist zurück."
Er erwiderte milde das Lächeln, das sie ihm schenkte. "Es scheint so."
Seufzend kuschelte sie sich an ihn.
"Und? Wie war's bei den Malfoys?"
"Frag nicht, Hermine."
Er rieb sich die Augen. Doch selbst jetzt konnte er ihren bohrenden Blick auf sich spüren. Meist war sie erst dann zufrieden gestellt, wenn er ihren Wissensdurst gestillt hatte.
Nicht in Stimmung für eine längere Diskussion mit ihr legte er den Arm um sie und entschied sich dazu, sie zu erlösen. Die Einzelheiten konnte er ihr ersparen.
"Das Essen an sich war unübertrefflich. Narcissa legt großen Wert darauf, eine herausragende Gastgeberin zu spielen. Auf den Rest hingegen hätte ich gut und gern verzichten können."
Sie hob den Kopf und schmunzelte. Seine kurzen und ausweichenden Antworten zeigten ihr, dass er nicht weiter darüber reden wollte. Trotzdem genügten sie völlig, um sie fürs Erste zu beschwichtigen.
"Ich bin froh, dass du das so siehst."
"Ach ja?", fragte er mit einer erhobenen Braue.
Sie nickte zustimmend. Ihre Unbefangenheit tat ihm gut. Sie war noch immer so neugierig auf ihn wie damals, als sie sich eingebildet hatte, ihn küssen zu müssen. Vermutlich heckte sie insgeheim schon wieder aus, wie sie ihn auf andere Gedanken bringen konnte. Es wäre nicht das erste Mal, sodass es ihn fast nicht wunderte, dass sie darauf bestanden hatte, nach dem Abendessen in die Kerker zurückkehren zu können. Ihm ging es dabei nicht viel anders, wenn er so darüber nachdachte. Es war schwer, einen klaren Kopf zu behalten, wenn sie in seiner Nähe war. Noch schwieriger aber war, sie aufzugeben. Doch das Gespräch, das er schon einmal aufgeschoben hatte, stand noch immer aus.
"Alleine die Vorstellung, du könntest es dort auch nur eine Minute genossen haben, hat mich fast die halbe Nacht wachgehalten. Aber jetzt ist alles gut."
Ohne näher darauf eingehen zu wollen, drückte er sie an sich und ließ zu, dass sie anfing, ihn mit der Hand zu streicheln. Wenn sie wüsste, wie gut es ihm tat, auf diese Weise abgelenkt zu werden, würde sie gar nicht mehr aufhören, ihn zu bezirzen. Sie hatte ja keine Ahnung, was sie mit ihm tat.
"Hermine", sagte er mit belegter Stimme.
Aber sie hörte nicht auf ihn. Sie wollte nicht reden. Nicht jetzt, wo sie ihn wieder bei sich hatte. Es war zu verlockend, dem Drang nachzugeben, ihn zu reizen. Das Sehnen, die körperlichen Bedürfnisse und Gelüste zu erfüllen, um dabei alles andere zu vergessen, wurde immer stärker, je mehr sie sich aufeinander einließen. Schon von Beginn an war ihr aufgefallen, wie ungeheuer prickelnd es gewesen war, ihn an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Nie im Leben hätte sie ihm solche Regungen zugetraut, wenn sie seine Schwächen nicht am eigenen Leib erfahren hätte.
"Ich muss dir was sagen", setzte er nach, durch die unablässigen Bewegungen unter der Bettdecke irritiert. Es war auch so schon alles andere als leicht, überhaupt den richtigen Anfang zu finden.
"Kann das nicht warten?"
Er schluckte schwer.
"Nein."
"Aber ..."
Frustriert schlug er die Decke zurück und griff nach ihrer Hand, als sie immer noch nicht aufhören wollte.
"Hör zu", forderte er streng. "Das ist wirklich wichtig."
Wenn er es hinter sich bringen wollte, dann jetzt. Narcissa hatte ihm die Augen geöffnet, wie unausweichlich es war, diesen Weg zu gehen. Es hatte keinen Sinn, alles länger aufzuschieben. Im Grunde genommen würde das die Beziehung zwischen ihnen nur zu einer weiteren Lüge in seinem Leben machen.
Sie runzelte die Stirn.
"Schon gut. Kein Grund, so ein Theater zu machen."
Energisch schüttelte er den Kopf.
"Wart ab, bis du gehört hast, worum es geht."
Nur ein paar Minuten später saß Hermine zusammengesunken im Bett und kämpfte gegen eine Flut an Tränen an. Sie hatte nicht so etwas erwartet. Es schockierte sie. Es schmerzte. Noch weniger konnte sie glauben, dass er ihr das wirklich anvertraut hatte, denn normalerweise passte dieses Verhalten gar nicht zu ihm. Er war immerzu verschlossen gewesen wie kaum ein anderer Mensch, den sie kannte.
"Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Severus", schluchzte sie.
"Ich weiß."
Hermine blickte wie von der Tarantel gestochen auf. Seine innerliche Ruhe machte alles nur noch viel schlimmer.
"Du weißt?", rief sie am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Wie er so tun konnte, als wäre die Sache ein harmloser Spaziergang, war ihr ein Rätsel. Zugleich bewies genau das, dass er genug Zeit gehabt hatte, sich damit abzufinden. Nicht so mit ihr.
"Was weißt du? Du hast keine Ahnung, wie ich mich im Augenblick fühle. Es ist - es ist grauenhaft!"
Besänftigend streckte er die Hand nach ihr aus und versuchte sie in seine Arme zu ziehen. Hermine wehrte ab.
"Lass mich! Ich muss das erst verarbeiten ..."
Ein wütendes Schnauben entfuhr ihr.
"Gibt es noch mehr, das ich wissen sollte? Oder ist das alles?"
Er senkte den Blick. Leise zischelnd verzog er die Mundwinkel. Es passte ihm nicht, dass sie so reagierte. Doch offengestanden hatte er nichts anderes von ihr erwartet.
"Was willst du noch wissen?"
"Alles."
Sie schüttelte sich vor Kälte. Ihre eigene, abweisende Stimme kam ihr fremdartig vor. Wie konnte sie ihm nur einen Vorwurf dafür machen, dass er so ehrlich gewesen war, sie einzuweihen? Er verdiente mehr als das. Er verdiente ihre Unterstützung.
Im nächsten Moment stürzte sie nach vorn und warf die Arme um seinen Hals.
"Das ist furchtbar, Severus! Ich kann nicht glauben, dass du wegen Draco so etwas tun musst. Narcissa und ihre vermaledeite Schwester sollen zur Hölle fahren! Wie konnten die dir das nur antun? Wenn ich denen je begegne, können die was erleben!"
Er strich sanft mit der Hand durch ihr Haar und unterdrückte ein hämisches Grinsen. Es machte ihn stolz, dass sie seinetwegen so reagierte, obwohl er ihr das unmöglich sagen konnte. Es würde auch nie soweit kommen. Dennoch. In den Tiefen seines Seins würde er nur zu gern erleben, wie sie die beiden Schwestern mit Spucke besprühte, um ihn zu verteidigen.
"Narcissa war so besorgt wie jede Mutter es sein würde", sagte er mit nachdenklicher Miene. "Du kannst ihr dafür keinen Vorwurf machen."
"Kann ich nicht? Du wirst dich wundern, was ich alles kann!"
Entschieden nahm er sie bei den Schultern und sah sie an.
"Bevor du hier einen Aufstand planst, wirst du dich zuerst beruhigen. Ich habe dir das nicht gesagt, dass du dich in meinem Namen aufführst wie eine Furie!"
"Eine Furie?", stieß sie schrill aus. "Du nennst mich doch tatsächlich eine Furie?"
"Ganz recht", entgegnete er steif. "Ich verstehe, dass du wütend bist. Aber du musst lernen, dich in den Griff zu bekommen. Zügle deinen Unmut und hab Geduld."
"Das ist nicht dein Ernst!"
Er hob die Brauen.
"Was willst du denn dagegen tun? Es lässt sich nun einmal nicht ändern."
"Dann soll ich also tatenlos mit ansehen, wie du dich in dein Verderben stürzt?"
Er lächelte matt.
"Du wusstest, dass es mit mir nicht einfach werden würde, Hermine."
Hermine traute ihren Ohren kaum. Die Sprachlosigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben.
"Was für eine Erklärung soll das sein, Severus?"
"Keine Erklärung, Hermine. Eine Tatsache. Und du wirst sie so hinnehmen, wie sie kommt. Andernfalls bringst du uns alle in Gefahr."
Eingeschnappt machte sie sich von ihm frei und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Hat Dumbledore deshalb entschieden, dass er uns nicht weiter dafür belangen will, was wir hinter seinem Rücken abziehen?"
"So in etwa. Du kannst von Glück reden, dass er mich braucht, Hermine. Andernfalls wären wir nicht so glimpflich davongekommen."
Den Blick stur geradeaus gerichtet wippte sie vor und zurück. Was sie davon halten sollte, wusste sie nicht. Aber so langsam ergab sein Verhalten einen Sinn. Ebenso die mysteriösen Vorkommnisse, die sich in den vergangenen Monaten in der Schule ereignet hatten. Auch dann, wenn es ihr nicht gefiel, es sich einzugestehen, musste sie doch zugeben, dass Malfoy ziemlich verzweifelt sein musste, wenn er das tun sollte, was Voldemort von ihm erwartete. Hermine traute dem Blonden so ziemlich alles zu. Aber einen Mord? Nein. Dazu war nicht einmal Draco in der Lage.
"Wie - wie geht es Dumbledore damit? Ich meine, wie wird er damit fertig, dass er bald nicht mehr da sein wird? Bestimmt hat er sich das anders vorgestellt. Er wird doch dabei sein wollen, wenn Harry sich bereit macht, Voldemort ein für alle Mal - Oh Gott! Harry wird ausrasten, wenn er davon erfährt! Alle werden ausrasten! Severus, ist dir klar, was das bedeutet?"
"Ich weiß, was es bedeutet. Aber um den Plan nicht zu gefährden, muss die Angelegenheit unter uns bleiben. Es ist wichtig, dass niemand davon erfährt. Ganz besonders nicht deine Freunde."
"Was? Du kannst doch unmöglich ..."
"Ich muss, Hermine. Uns bleibt keine andere Wahl."
"Das sagst du. Aber ich bin nicht bereit, einfach so aufzugeben."
Entnervt rollte er mit den Augen.
"Nicht schon wieder!"
"Abwarten, Severus. Ich bin sicher, du und Dumbledore habt irgendwo ein Detail übersehen. Es muss einen Ausweg für dich geben."
"Selbst wenn du Albus heilen könntest", sagte er spöttisch, "bliebe immer noch dieser Schwur. Glaub mir, ich habe mir bereits zur Genüge den Kopf darüber zermartert."
"Vielleicht müssen wir ihn gar nicht heilen. Wir müssen nur zusehen, dass du dir nicht die Finger schmutzig machen musst."
"Habe ich nicht gesagt, dass es zwecklos ist?", bemerkte er süffisant.
"Oh, keine Sorge! Du wirst Draco helfen, sein Ziel zu vollenden, verlass dich drauf! Die Frage ist nur, wie wir Voldemort glauben lassen können, dass Dumbledore tot ist, ohne dass du ihn töten musst."
"Das wird nicht funktionieren. Selbst mit den stärksten Täuschungszaubern wäre es Betrug, was keinesfalls gut gehen kann, wenn wir Schwierigkeiten vermeiden wollen."
"Dann wirst du ihn mit einem Trank vergiften und ihn anschließend wieder ins Leben zurückholen. Du kannst das, Severus. Ich bin überzeugt davon."
"Sehr schmeichelhaft, wirklich."
"Stell dich nicht so an! Ich will nur deinen Ruf retten. Wenn du es Harry nicht sagen willst, sollte es zumindest genügen, um seine Wut auf dich abklingen zu lassen, sobald sich herausstellt, dass du Dumbledore gar nicht getötet hast."
"Das ist die haarsträubendste Rettungsaktion, von der ich je gehört habe, Hermine. Dein Engagement für die Hauselfen in Ehren, aber das geht zu weit. Ich glaube, darauf möchte ich lieber verzichten, bevor wir am Ende noch alle auffliegen."
"Du gibst also lieber auf?", fragte sie mit geröteten Wangen. Dass er doch tatsächlich die Geschichte mit den Hauselfen erwähnt hatte, war absolut unnötig gewesen.
Er ging nicht darauf ein und fuhr fort.
"Und was wird dann passieren? Sollen wir Albus bis ans Ende seiner Tage verstecken, bis er jämmerlich zugrunde geht, damit der Dunkle Lord in dem Glauben bleibt, er sei tot? Abgesehen davon wird nichts jemals dazu beitragen, Potter und mich zusammen an einen Tisch zu bringen."
Hermine schnaubte. "Du verhältst dich kindisch, Severus."
"Mag sein. Es kümmert mich nicht. Manchmal sollten wir uns mit unserem Schicksal abfinden. Es ist besser so. Du kannst nicht die ganze Welt auf den Kopf stellen, um alle Dinge in Ordnung zu bringen, die du gern bereinigt hättest."
"Das nicht. Aber ich kann es wenigstens versuchen."
Die Sache ließ Hermine keine Ruhe. Ununterbrochen war sie in Gedanken damit beschäftigt, nach einem Ausweg für Severus zu suchen, der ihn davor bewahren konnte, endgültig zu dem Bösewicht abgestempelt zu werden, den sowieso schon die Mehrheit der Menschen in ihm sah. Leider gestaltete sich ihr Unterfangen problematischer als erhofft, da er es strickt verweigerte, sie bei einer Lösung des Problems zu unterstützen. Letztendlich nahm sie es selbst in die Hand.
Abends in den Kerkern wälzte sie bis spät in die Nacht hinein Bücher über die tödlichsten Zaubertränke und ihre effizientesten Gegenmittel, stets von Snape dabei beobachtet, der mit dem ein oder anderen entmutigenden Grinsen über ihre Schulter blickte.
"Willst du nicht endlich zugeben, dass es sinnlos ist?", fragte er eines Tages zu später Stunde.
Hermine kehrte ihm den Rücken zu. Aufzugeben würde bedeuten, in Tränen auszubrechen. Es wäre eine traurige Niederlage, sich einzugestehen, dass sein Leben diese Wendung nehmen würde.
"Ist dir wirklich so gleichgültig, was mit dir passieren wird, wenn du das tust?", fragte sie geknickt. Sie zog die Nase hoch. "Denkst du denn gar nicht an das, was danach kommt?"
Er setzte sich zu ihr aufs Bett und nahm ihr energisch das Buch aus der Hand. Zuerst ließ sie nicht locker. Doch dann kniff Hermine verbissen die Augen zusammen und gab nach. Sie wollte nicht auf ihn böse sein.
Mit sanfter Gewalt drückte er sie auf das Bett nieder und breitete die Decke über ihr aus.
"Du solltest jetzt wirklich schlafen."
"Ich kann aber nicht. Ich muss noch ..."
"Kein Wort mehr. Wenn du nicht auf mich hörst, gehst du zurück in deinen Turm, verstanden? Außerdem möchte ich nicht, dass du morgen meine Stunde verschläfst, nur weil du todmüde und abgelenkt bist."
Grummelnd gehorchte sie und kuschelte sich in die Kissen. Snape schlüpfte behände neben sie und nahm sie in den Arm.
"Ich hoffe, du weißt, was du tust, Severus. Allmählich habe ich das Gefühl, uns läuft die Zeit davon."
Damit hatte sie gar nicht so unrecht, wie er wusste. Er behielt es jedoch besser für sich. In einem Moment wie diesem war es besser, gewisse Dinge nicht weiter zur Sprache zu bringen, über die sie sich nur noch mehr aufregen würde.
