HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI

KAPITEL 11 – Beschützer wissen es am besten

Harry blieb etwa eine halbe später Minute schlitternd vor Snapes Bürotür stehen, mit gerötetem Gesicht und komplett außer Atem. Er wischte sich schnell die Reste der Eiskreme aus seinem Gesicht, schulterte seine Tasche, schloss betend die Augen und hob die Hand um zu klopfen. Die Tür schlug auf, bevor seine Knöchel das Holz berührten und mit einem kleinen Aufschrei wurde er nach drinnen gezogen.

„Hey!"

„Welche Zeit ist das genau, Potter, wie nennst du das?"

„Neun Uhr?", versuchte Harry schwach.

„Zehn nach, Potter, zehn nach! Ich habe neun Uhr gesagt, und keine Sekunde später!" Snape seufzte und rieb sich die Stirn. „Nun, besser spät als nie, denke ich. Ich habe auch gesagt, in meinen Räumen, nicht in meinem Büro, wenn wir schon von deiner Schlampigkeit sprechen."

„Tut mir Leid", sagte Harry entschuldigend. „Ich hab die Zeit aus den Augen verloren."

„Mm", sagte Snape und führte Harry aus dem Büro in eine Art persönliches Wohnzimmer. „Versuch, sie beim nächsten Mal im Auge zu behalten, Potter." Er nahm Harry seine Tasche ab, danach den Schulumhang und legte sie auf ein Sofa in der Ecke. „Krawatte herunter", sagte Snape einfach und streckte die Hand danach aus. „Du musst es heute bequem haben."

Harry warf ihm einen eher besorgten Blick zu, bevor er seine Krawatte lockerte und sie Snape gab. „Ähm ... bequem wofür genau?"

„Unsere Stunde", sagte Snape. „Der Geist funktioniert am besten, wenn er glücklich und entspannt ist. Wir beginnen heute mit etwas relativ einfachem, das eine Erinnerung an deine vergangen Stunden in Okklumentik benötigt. Wie man überzeugend lügt. Setz dich."

Harry fühlte sich alles andere als entspannt, ließ sich aber trotzdem besorgt auf einen ausgeleierten und harten Stuhl in der Ecke sinken, wobei er direkt auf der Kante saß. Snape werkelte im anderen Zimmer herum und Harry konnte laufendes Wasser hören. Aus irgendeinem seltsamen Grund überkam ihn ein starkes Deja Vu.

Snape kam mit einer Schüssel, die mit kaltem Wasser gefüllt war, zurück ins Zimmer und stellte sie auf einen kleinen Tisch, der neben einem großen, und sehr gemütlichen, Lehnstuhl beim Feuer stand. Er sah Harry mit erhobenen Augenbrauen an. „Du musst nicht in der Ecke sitzen; ich beiße nicht. Zumindest nicht in der Freizeit."

Harry stand auf und kam herüber. Snape packte ihn an den Schultern und bugsierte ihn zum Lehnstuhl. Als Harry sich hinsetzte erhaschte er einen kurzen Blick auf Snapes dunkle Augen, dann ließ er sich auf den Stuhl sinken, die Wasserschüssel neben sich, und wieder überkam ihn ein sehr ungutes Gefühl. Snape bemerkte es nicht, oder zumindest zeigte er nicht an, dass er es bemerkt hätte.

„Bevor wir beginnen, muss dein Geist frei von allem Stress sein." Snape setzte auf den Stuhl vor Harry und beobachtete ihn einen Moment lang. „Dafür haben wir das Wasser. Potter. Ich werde an dir eine Technik verwenden, die als Manipulative Stresslinderung bekannte ist. MSL. Es ist ein ziemlich einfacher Vorgang. Ich werde deinen Geist betreten und indem ich manipulative Geistestechniken anwende, werde ich in der Lage sein, deinen Stress in Hitze zu verwandeln, die dann ausgestoßen wird. Wenn alles gut geht, wird das Wasser kochen."

„Also ... ich werde gekocht?"

„Nein, die Hitze wird nur durch deine Finger austreten." Snape rückte seinen Stuhl näher, nahm Harrys Hand und legte sie ins Wasser. Harry fühlte seine seltsame Panik. Er hatte das schon einmal gemacht. Dessen war er sich sicher. Als Snape die Hand nach seinem Kinn ausstreckte, wusste Harry, was er jetzt tun würde und er zuckte unwillkürlich zusammen. Snape hielt stirnrunzelnd inne.

Harry starrte auf das Gesicht seines magischen Beschützers und einen Moment lang erinnerte er sich an das Gesicht mit den Krokodilszähnen. Er wusste, dass das auf seinem eigenen sichtbar war, denn Snapes Stirnrunzeln vertiefte sich.

„Potter."

„Sehen Sie ... es ist ..."

Snape unterbrach ihn nicht, aber seine Miene ließ Harry dennoch verstummen. Snape hatte diese Art. Sein Blick gab einem das Gefühl, dass Weiterreden etwas Dummes war. Harry wusste unterbewusst, dass Snape in seinen Geist eindrang, und sein Instinkt sagte ihm, dass er den Angreifer abwehren musste, aber etwas anderes sagte, dass er wollte, dass Snape ihm half. Einen Moment lang herrschte Stille, dann sagte Snape leise: „Wieder Träume?"

„Ja, aber ... ich ... ich weiß nicht, worum es in ihnen geht", sagte Harry. „Ich vergesse es immer, wenn ich aufwache. Außer ... es gibt ein Gesicht. Am Grimmauldplatz, als all der Rauch da war. Professor, ich hab mir das nicht eingebildet. Da war eine Kreatur, und sie war unter anderem auch in meinen Träumen. Und ich hab sie an anderen Orten gesehen. In Schaufenstern, im Muggelfernsehen ..."

Harry verstummte und warf seinem Beschützer einen Blick zu. Es vergingen ein paar Augenblicke, bevor er leise fragte: „Wissen Sie ... wissen Sie worum es darin geht?"

Snape nickte. „Eine Ansammlung von Dingen, die, soweit ich weiß, nie passiert sind ... obwohl ... Potter, wie lange hast du diese Träume geheim gehalten?"

„Seit der ersten Woche nach Ferienbeginn", sagte Harry.

„War es immer der gleiche Traum?"

„Ich weiß nicht einmal, was in ihnen passiert", sagte Harry. „A-außer dieses Gesicht ..."

Snape seufzte und beobachtete Harry ein paar Momente lang genau. „Ich will, dass du beginnst, deinen Geist zu leeren, bevor du einschläfst. Eigentlich ..." Er stand auf, ging hinüber zu einem Schrank und holte eine Weinflasche heraus, die mit einer lavenderfarbenen, seidig aussehenden Flüssigkeit gefüllt war. „Trank für einen traumlosen Schlaf. Ein kleiner Schluck, bevor du zu Bett gehst."

Er gab sie Harry, der sie vorsichtig neben sich auf den Boden stellte, bevor er wieder Snape ansah. „Ist es ... Voldemort?"

Snape war einen Moment still. Ein sehr seltsamer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. „Ich habe das Gefühl, dass es nicht so einfach ist. Wenn es um dich geht, ist es niemals einfach. Nun." Er setzte sich wieder vor Harry hin und streckte die Hand nach der Schüssel aus. „Entspann dich, Potter. Wenn das mit dem Dunklen Lord in Verbindung steht, dann ist es noch wichtiger, dass du das lernst, was ich dir beibringen muss."

Harry war still, weil er sich so fühlte, als brauchte er eine Absicherung, wenn auch nur ein klein wenig. Er warf Snape einen Blick zu. Snape schnaubt amüsiert.

„Im Moment sind sie nur Träume, Potter", sagte er. „Mit dem Trank werden sie nicht einmal das sein. Versuch jetzt, dich zu entspannen. Wir haben einen Unterricht, falls du es vergessen hast."

Der fast beruhigende Ton von Snapes Stimme war all die Absicherung, die Harry brauchte. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und machte es sich bequem, wobei er versuchte, das Wasser zu ignorieren, das an seiner Hand plätscherte. Es war die gleiche Hand, die er sich vor zwei Jahren in Umbridges Büro immer und immer wieder hatte aufschneiden müssen. Harry beschloss, dass er Snape und Peter eines Tages fragen würde, ob sie davon gewusst hatten, und wenn ja, warum sie dem nicht Einhalt geboten hatten.

Als sich Snapes kalte, knochige Finger diesmal auf Harrys Kinn legten und seinen Kopf anhoben, kämpfte er nicht dagegen an. Er blickte ruhig in Snapes dunkle Augen, und der Blick wurde erwidert. „Das wird seltsam sein", sagte der Professor leise. „Doch du musst mir vertrauen."

Harry nickte leicht und Snape murmelte verhalten etwas. Das Licht wurde sofort dunkler, außer einer Kerze an der Wand, die ein seltsames, blaues Licht aussandte. Snape starrte Harry noch immer konzentriert an, bis Harrys Blick plötzlich verschwamm. Zwischen seinen Augen war ein sehr seltsames Gefühl, als würde dort jemand vorsichtig mit dem Daumen drücken – bevor der Druck aufhörte und etwas in seinen Geist sank. Seine Gedanken waren plötzlich überflutet von einem ruhigen, nebligen Gefühl. Seine Ohren registrierten nicht, wie ein leichtes Keuchen seine Lippen verließ. Er konnte fühlen, wie die Teile seines Geists geteilt wurden, ausgebreitet und genau untersucht wurden, von einem beruhigenden Geist, der mal hier, mal da hinein blickte und alles wieder und wieder überprüfte. Es war unglaublich. Harry fühlte sich, als wäre jedes seiner Probleme verschwunden und läge jetzt in den Händen eines anderen. Seine Finger waren seltsam heiß, das Wasser plätscherte um sie herum – bis plötzlich die Hitze aus ihnen stob und das Wasser wütend blubberte und um seine Hand herum kochte. Kalte Finger schlossen sich um sein Handgelenk und hoben seine Hand gerade noch rechtzeitig aus dem Wasser.

Das ruhige Gefühl und der Geist verließen Harrys Gedanken und er war enttäuscht darüber; er kam wieder in die Wirklichkeit zurück. Snape saß mit glitzernden Augen vor ihm.

„Beeindruckend."

„Was ist beeindruckend?", sagte Harry, der sich plötzlich entspannt und sorgenfrei fühlte. Snape gab ihm ein Handtuch und er begann, seine Hände zu trocknen.

„Unsere Geister passen offenbar zusammen. Ohne Zweifel können wir das auf den Beschützerbund zurückführen." Snape lehnte sich in seinem Stuhl zurück, streckte die Hand nach einem Glas mit Rotwein aus und führte es an seine Lippen. „Natürlich wird das eine große Hilfe bei deinen Studien sein. Ich traue mich zu sagen, dass du leichter lernen wirst als ich."

„Wer hat Sie unterrichtet?", fragte Harry neugierig.

„Mein Großvater", sagte Snape. Er nahm noch einen weiteren Schluck Wein. „Ich hasste meinen Vater, meine Mutter, meinen Stiefvater, dann die neue Frau meines Stiefvaters, nachdem er meine Mutter losgeworden war. Die einzigen Mitglieder der Familie, die ich tolerieren konnte, waren Andralyn, Isabis, meine Tante Morgana und mein Großvater. Und Morgana mochte ich eigentlich nur, weil ihr Hund gerne meinen Vater biss."

„Also ... Ihr Großvater hat Ihnen Okklumentik und all die anderen Geistestechniken beigebracht?", sagte Harry.

Snape nickte. „Die Vorfahren meines Vaters waren voller Dunkler Künste, also wurde ich ebenfalls darin unterrichtet. Mein Großvater hatte jedoch einen sensitiven Geist; er kannte so viele Flüche wie mein Vater, vielleicht sogar mehr, doch er wandte sie nie an. Er steckte seine Energie in das Studium des Geistes, und er gab die Informationen an mich weiter."

Nach ein paar Momenten fand Harry den Mut, seine nächste Frage zu stellen. Er fühlte sich noch immer ziemlich sorglos und unter normalen Umständen wäre dieses Gespräch ziemlich schnell ziemlich unbequem geworden, doch Harry wollte noch mehr wissen.

„Ähm ... Professor? Wie alt waren Sie als ... als Ihr Vater ...?"

Zu Harrys großer Überraschung lächelte Snape. Es war allerdings ein sehr verbittertes und düsteres Lächeln. „Dreizehn. Ich kam von Hogwarts nach Hause und erwartete, ihn auf dem Sofa mit einer leeren Flasche Feuerwhiskey zu finden, doch meine Mutter verkündete so ganz nebenbei beim Abendessen, dass er einen unglücklichen Unfall mit einem Kochzauber gehabt hatte. Dann heiratete sie natürlich wieder, stellte mir eine Halbschwester vor und wurde sofort von ihrem neuen Mann getötet." Er runzelte leicht die Stirn. „Ich hatte doch eine so schreckliche Kindheit. Es ist ein Wunder, dass ich kein verbitterter, alter Kerl bin, der kein soziales Leben hat. Ah, natürlich, ich bin es ja."

„Sie sind nicht alt", versicherte Harry.

Snape schnaubte. „Warum, Potter? Was denkst du, wie alt ich bin?"

Harry dachte zurück an den Familienstammbaum der Snapes, den er in der Truhe am Grimmauldplatz gefunden hatte, und an das Geburtsdatum. Nach ein paar kurzen Rechnungen sagte er: „Fünfundzwanzig."

„Fünfundzwanzig? Ich muss ein ernstes Wort mit meinem Spiegel reden. Wenn ich dir sage, Potter, dass ich die Todesser vor fünfzehn Jahren verlassen habe, und mich ihnen fünf Jahre zuvor angeschlossen habe, wie alt wäre ich dann bei meinem Beitritt gewesen?"

Harry dachte darüber nach und lächelte ein wenig. „Fünf – ich hatte also nicht Recht. Also stimmt das Datum auf Ihrem Stammbaum nicht."

Snape hob eine Augenbraue. „Hm?"

„Ich hab Ihren Stammbaum gefunden ... er war in einer Truhe am Grimmauldplatz", erklärte Harry. „Ihr Geburtsdatum stand drauf. Da heißt es, dass Sie vor fünfundzwanzig Jahren geboren wurden."

„Nun, Potter, das ist ja mal eine Neuigkeit."

„Also, wie alt sind Sie wirklich?"

„So unhöflich und auf den Punkt ..."

„Kommen Sie schon. Sie können es mir sagen."

„So alt wie meine Zunge und ein wenig älter meine Zähne. Also, unser Unterricht ..."

„Dreißig."

„Potter, ich – "

„Fünfunddreißig."

„Wenn du versucht, zu – "

„Siebenunddreißig? Warten Sie mal ... vor zwei Jahren war Lucius Malfoy einundvierzig. Also sind Sie ... dreiundvierzig?"

Snape schnaubte. „Nein. Wenn du es unbedingt wissen musst, ich werde diesen Monat vierzig. Ich war drei Jahre jünger als Lucius."

„Diesen Monat? Wann ist Ihr Geburtstag?"

„Ich bin einmal darauf hereingefallen, als Albus Dumbledore mich gefragt hat. Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich eine Überraschungsparty im Lehrerzimmer ertragen musste und versuchte, den Klauen von Sarabi Sinistra zu entkommen. Glaub mir – ich werde mein Geburtsdatum nicht mehr preisgeben. Nun, unser Unterricht." Somit beendete er die Unterhaltung, stand auf und ging hinüber zu einem Schrank in der Ecke. „Wie man überzeugend lügt. Eine der praktischsten Fähigkeiten, die ein Zauberer besitzen kann." Er begann, die Bücher zu durchsuchen, zog ein paar der dickeren heraus und studierte ihre Deckblätter. „Während des Mittelalters waren verschiedene Medien, Geisterbeschwörer, Zauberkünstler und Hofzauberer sehr beliebt. Muggel zahlten viel Geld um einfache Tricks zu sehen. Ich glaube, dass die Küstengebiete sogar noch heute voller seltsamer Künstler mit lächerlichen Namen wie Esmeralda sind. Neun von zehn sind Muggel, Schwindler, aber sie haben eine gute Show. Doch ein paar von ihnen sind Hexen und Zauberer – talentiert in Okklumentik, Legilimentik, gefährlichen Geistestechniken und im überzeugenden Lügen."

Endlich fand er das Buch, nach dem er gesucht hatte; es war ziemlich dünn und auf dem glitzernden, purpurnen Buchdeckel stand: „Wie man Muggel verwirrt". Er gab es Harry und stellte sich hinter dessen Stuhl, eine Hand auf der Rückenlehne, die anderen auf Harrys Schulter. „Schlag Seite 18 auf. Ich möchte, dass du dort die Einführung liest."

Harry lehnte sich in seinem Stuhl zurück, öffnete das Buch und blätterte zu Seite achtzehn nach hinten. Er sah ein großes Bild von einem Zauberer, der als Flaschengeist verkleidet war und auf eine Tafel zeigte, auf der die wichtigsten Punkte standen. Snape erklärte es ihm, während Harry las.

„Zum Lügen gehört genauso viel Psychologie wie Geistestechnik", sagte er. „Das wichtigste ist, dass du an deine Lüge glaubst und sie als wahr akzeptierst. Kreiere eine ganze Geschichte um deine Lüge herum, damit du Fragen dazu beantworten kannst. Wenn du mehr Informationen hast, wirst du auch leichter an deine Lüge glauben. Wenn du zum Beispiel deine Hausaufgaben vergessen hast. Wir nehmen jetzt einmal an, dass ich es verzeihe, wenn jemand die Hausaufgaben nicht in der richtigen Stunde hat. Wenn ein Schüler sagt, er hätte seine Hausaufgaben verloren, und ich ihn dann frage, wo, und er nicht in der Lage ist, es mir zu sagen, dass weiß ich, dass er lügt und gebe ihm eine Strafarbeit. Wenn er jedoch eine annehmbare Erklärung hat, dann werde ich ihm leichter vergeben. Verstanden?"

Harry nickte und wandte sich dem nächsten Punkt zu. Snape begann, ihm zu erklären und die Minuten rollten vorbei, verwandelten sich in eine halbe Stunde, dann in eine ganze Stunde. Harry zog es eindeutig vor, von Snape zu lernen, wenn sonst niemand da war, der Snape ablenkte und Probleme machte. Snape war eigentlich ein guter Lehrer und erklärte alles gut. Harry wusste, dass Snape viel mehr Erfolg haben würde, wenn er nur kleine Gruppen unterrichten würde. Harry musste sich einfach fragen, warum Snape überhaupt Lehrer geworden war. Er fragte es, nachdem Snape eine Erklärung über Augenkontakt abgeschlossen hatte.

Snape hob angesichts der Frage eine Augenbraue. „Das frage ich mich selbst mindestens fünf Mal am Tag."

„Im Ernst", sagte Harry.

Snape sah einen Moment lang nachdenklich aus, als würde er sich an etwas vor langer Zeit erinnern, und als wäre das Verlangen, zu unterrichten, vor Jahren verebbt. „Der Drang, jemandem bessere Chancen zu geben, als ich sie hatte. Ich schloss mich dem Kollegium von Hogwarts ein paar Monate nachdem dein Vater mich enttarnt und ich meine Todesser Maske weggelegt hatte an. Zu dieser Zeit hatte ich eindeutig die Vorstellung, dass das vielleicht der Start in ein neues Leben sein könnte, dass ich mit einer sauberen Akte beginnen könnte. Obwohl Dumbledore mich noch immer wie einen lästigen Teenager behandelte, der allen den Spaß verdarb und ich wusste, dass sich mein Leben nie verändern würde. Elf Jahre lang Schüler im gleichen, faulen Fach zu unterrichten, die langsame Erkenntnis, dass ich damit den Rest meines Lebens verbringen würde, haben mich schließlich übermannt und ich hörte auf, mich darum zu kümmern."

„Aber warum?", fragte Harry. „Warum werden Sie Ihr restliches Leben Zaubertränke unterrichten? Warum gibt Dumbledore Ihnen nie den Dunkle Künste Posten?"

Snape betrachtete Harry still. „Ein weiteres Geheimnis des Schulleiters. Wenn man ihn schon so lange wie ich kennt, dann erkennt man, dass Albus nie die gesamte Wahrheit preisgibt – weil er sich Sorgen macht. Er hat die Prophezeiung fünfzehn Jahre lang vor dir geheim gehalten. Er hat Peter und mich noch länger verborgen. Es hat sieben Jahre gedauert, bis ich herausgefunden habe, warum er mir den Posten nicht geben will, und bis jetzt weigert er sich mir zu sagen, ob ich Recht habe oder nicht."

„Warum?", fragte Harry leise mit gedämpfter Stimme. „Ist es ... ist es weil der Job verhext ist?"

Snape lächelte grimmig. „Mm. Das ist er, Potter. Schreckliches Unglück trifft jeden Lehrer der Verteidigung, der ein ganzes Jahr an dieser Schule unterrichtet."

„Was ist aber mit Professor Lupin?", sagte Harry. „Er ist jetzt schon sein drittes Jahr hier."

„Er war eines hier", sagte Snape. „Dann kam im letzten Jahr nach einer längeren Pause zurück. Dieses Jahr ist sein zweites in Folge, und deshalb wurde Madam Ivy an die Schule gerufen."

„Damit jeder von ihnen nur den halben Fluch abbekommt", sagte Harry.

„Nein", sagte Snape. Etwas Seltsames lag in seinen Augen, wie eine grausame Art der Zufriedenheit. „Madam Ivy ist hier, um Professor Lupin kurzfristig zu ersetzen, sollte ihm etwas ... Unangenehmes zustoßen."

Harry riss den Mund auf. „Dumbledore hat sie tatsächlich – "

Snape schüttelte ruhig den Kopf. „Dumbledore behauptet, er hätte sie hergeholt um zu testen, ob beide Lehrer von dem Fluch getroffen werden. Obwohl jeder Professor in dieser Schule den wahren Grund für Ivys Anwesenheit kennt."

„Also ist der Job wirklich verflucht", hauchte Harry. „Aber ... wie? Kann man den Fluch nicht brechen?"

„Fluchbrecher haben es schon viele Male versucht", sagte Snape. „Keine war bis jetzt erfolgreich. Jedoch ... es sieht so aus, als würde der Fluch endlich nachlassen."

„Wer hat den Fluch gesprochen? Und wann?", fragte Harry.

Snape antwortete nicht sofort. Er beobachtete Harry nur einen Moment lang mit zusammengelegten Fingern, offenbar überlegend, ob er diese Information mit Harry teilen sollte.

„Ich werde es niemandem verraten", sagte Harry schnell.

„Das weiß ich", sagte Snape. „Obwohl ich eindeutig gegen den Wunsch von einigen involvierten Personen agieren würde, wenn ich dir sage, was ich entdeckt habe ... mm. Vielleicht auch nicht. Immerhin habe ich es herausgefunden." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und begann mit der Geschichte.

„Vor tausend Jahren wurde die Schule von Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin gegründet. Wie du weißt, fand Slytherin die anderen Gründer inakzeptabel und verließ Hogwarts, doch er ließ die Kammer des Schreckens zurück, um sein Werk zu vollenden. Jeder Zauberer, der auch nur ein halbes Gehirn hat, fragt sich, warum ein so mächtiger Zauberer wie Salazar Slytherin einen Tunnel mit einer Schlange zurückließ, um sein Erbe zu verbreiten, besonders weil es keine Garantie gab, dass seine Nachkommen lange genug überleben würden. Doch Slytherin hinterließ eine weitere Gefahr in der Schule, die erst in deinem ersten Jahr in Hogwarts zu wirken begann.

Einige Jahre nachdem Slytherin die Schule verließ, hörte er von einer der talentiertesten Seherinnen der Zeit eine Prophezeiung. Er erfuhr vom Ende seiner Familie. Die Prophezeiung besagte, dass der 666. männliche Nachkomme Godric Gryffindors beim Niederschlag seiner Familie helfen würde. Slytherin beschloss, alles zu tun, um zu verhindern, dass sich die Prophezeiung erfüllen könnte.

Er erkannte aber sehr bald, dass es keinen Sinn hatte, jeden männlichen Nachfahren von Godric Gryffindor zu töten und das schließlich nicht funktionieren würde, deshalb entschloss er sich für eine viel wirkungsvollere Strategie, um seine Nachfahren zu schützen, indem er sich auf den 666. männlichen Nachkommen Gryffindors konzentrierte. Natürlich würde das viele Jahre in der Zukunft sein, und nichts würde ihn so lange am Leben erhalten um sich persönlich um das Problem zu kümmern. Deshalb schuf er einen Fluch.

Slytherin war ein mächtiger Zauberer, aber er konnte keinen Fluch in die Zukunft schicken, der den Erben Gryffindors töten sollte. Stattdessen konnte er sich um die Macht dieses Zauberers kümmern. Slytherins Fluch bewirkte, dass, wenn der 666. männliche Nachkomme Godric Gryffindors nach Hogwarts käme, schreckliches Unglück auf die Professoren für Verteidigung gegen die dunklen Künste kommen solle, und alle die Schule innerhalb eines Jahres verlassen müssten. Die Ausbildung des Erben würde ruiniert sein und Slytherins Erbe hätte eine größere Chance zu überleben. Der Fluch auf den Posten wird gebrochen, sobald Gryffindors Erbe seine Ausbildung abschließt – am Ende dieses Schuljahres."

Harry merkte, dass er ganz still und mit großen Augen dasaß. „Also ... Gryffindors Erbe ist in meinem Jahrgang ...? Wer ... wer ist es?"

Snape hob eine Augenbraue. „Fällt dir keine Familie ein, die viele Söhne hat, die ohne langes Überlegen alle nach Gryffindor gekommen sind? Auch wenn sich manche dieser Söhne in einem anderen Haus besser gemacht hätten ..."

Harry biss sich auf die Lippe. Er dachte, dass er genau wusste, wen Snape meinte, obwohl er sich nicht sicher war, ob er wagen könnte, es zu sagen, falls er nicht Recht hatte. Nach einem Moment hob er den Blick und sagte leise: „Es ist Ron, oder nicht?"

Snape nickte. „Er hat keine Ahnung, dass er Gryffindors Erbe ist. Molly und Arthur wissen es, sie wollen aber nicht, dass ihre Kinder es erfahren, besonders nicht Ron."

„Wie haben Sie dann all das herausgefunden?", fragte Harry, und es war ihm nicht möglich, den Respekt in seiner Stimme zu unterdrücken.

„Als ich zu unterrichten begann beschloss ich, nebenbei etwas Geld zu verdienen, indem ich alte Runen für Gringotts übersetzte. Als Übung lieh ich mir ein paar Bücher aus der Bibliothek und arbeitete sie durch. Das Glück war auf meiner Seite und ich stolperte über die Geschichte mit der Prophezeiung und dem Fluch, und beschloss, weiter nachzuforschen."

„Also ... Dumbledore will Ihnen den Job nicht geben, weil er verflucht ist ... und er will nicht, dass Sie getötet werden. Er kann nicht erlauben, dass Sie getötet werden. Und zwar wegen ..."

„Wegen dir, Potter." Snape lächelte ein klein wenig. „Ich bemerke aber, dass Dumbledore Lupin den Job ohne Bedenken gab, obwohl das Risiko besteht, dass er dabei umkommt, was für mich ein kleiner Trost ist." Er nahm das nächste Buch vom Tisch, öffnete es aber noch nicht. „Ich muss dich darum bitten, dass du nichts, was du heute abend gehört hast, Weasley erzählst. Erinnere dich an die Probleme, die du wegen deinem Ruhm hast, und frag dich, ob du das je deinem ... Freund wünschen würdest." Snape sagte das Wort „Freund" als hätte er geflucht.

Harry saß da und dachte einen Moment lang darüber nach, während Snape die Bücher verstaute. Es war schwer vorstellbar, dass Ron Weasley, der immer der unauffällige von den Brüdern gewesen war, und einfach nur „der Junge, der mit Harry Potter rumhängt", tatsächlich der Erbe Gryffindors war. Ein Teil von ihm wollte es Ron verzweifelt sagen, aber ein größerer, und logischerer Teil sagte, dass Snape Recht hatte. Nach ein paar Minuten wurde die angenehme Stille von Snape unterbrochen.

„Hast du schon mit deinem Projekt für Zaubertränke angefangen, Potter?"

Harry hob den Kopf und nickte schnell. „Ja, klar", sagte er automatisch.

„Wie viele Seiten?"

„Ähm ... drei."

„Und worüber?"

Harry hielt inne und sagte dann mit falscher, fröhlicher Stimme: „Über den Trank, den ich gewählt habe, und warum."

„Und welchen hast du gewählt?"

„Ähm ... Veritaserum."

„Warum?"

„Weil ... es ...oh."

Snape gab ein kleines, belustigtes Geräusch von sich und sagte, während er das letzte Buch wieder auf das Regal stellte: „Du brauchst noch mehr Übung. Aber es ist schon spät, Potter. Du solltest dich auf den Weg zurück zum Gryffindorturm machen."

Harry nickte und stand auf, wobei er seine Tasche aufhob und seinen Umhang aus der Ecke holte. „Wann haben wir die nächste GGT Stunde?"

„Mittwoch, neun Uhr."

„Okay." Er ging zur Tür und öffnete sie vorsichtig. Er und Snape verabschiedeten sich und dann trat er hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Harry war sich nicht sicher, wie spät es war, aber es musste schon tief in der Nacht sein. Alles war dunkel, kalt und gruslig. Hogwarts war in der Nacht nicht gerade ein beruhigender Ort, ganz im Gegenteil, und Harry zog unbewusst die Schultern hoch, als er die Kerker verließ. Er hatte das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden. Während er durch die Eingangshalle ging schweifte sein Blick über die Marmortreppe und die Korridore darüber. Einen Moment lang war er sich sicher, dass sich dort oben in der Dunkelheit etwas bewegte. Wahrscheinlich einer der Geister, dachte er und versuchte, seinen Verfolgungswahn zu beruhigen.

Leise schlich er durch die dunklen Korridore, ein paar Treppen hinauf, bis er endlich das Stockwerk erreichte, wo der Gryffindor Turm war. Die Fette Dame saß wie immer in ihrem Porträt und nähte etwas, das wie ein Kissen aussah.

„Lange Nacht, mein Lieber?", fragte sie ihn freundlich.

„Ja", sagte Harry. „Wirklich lang."

„Passwort?", sagte sie, legte ihr Kissen beiseite und lächelte ihn an.

Doch Harry hatte das Wort noch nicht halb ausgesprochen, bevor er sich selbst unterbrach. Etwas hatte sich links von ihm im Korridor bewegt und er drehte sich instinktiv um, wobei er den Zauberstab zog.

Am Ende des Korridors war ein großes Fenster, und der Mond flutete ihn mit seinem hellen weißen Licht. Harry hatte sich gerade noch rechtzeitig umgedreht, um eine Gestalt zu sehen, und wenn er sich einen Augenblick später umgedreht hätte, hätte er sie verpasst. Er sah, wie eine Person schnell und leise am Fenster vorbeiging, von Kopf bis Fuß in einen schwarzen Umhang gekleidet, dessen Kapuze das Gesicht verdeckte. Wer auch immer es war verschwand ohne das kleinste Geräusch außer Sichtweite. Harry ging einen Schritt den Korridor entlang und wollte denjenigen sehen und verfolgen, der in der Nacht durch das Schloss schlich, aber plötzlich hatte er ein kaltes und wässriges Gefühl auf seinem Rücken.

„Geh in den Turm, Harry", sagte eine leise Stimme. „Ich werde gehen und ihn verfolgen."

„Peter?" Harry sah sich um. Die Hand drückte fester auf seinen Rücken.

„Geh schon. Ich werde morgen mit dir reden, jetzt geh ins Bett." Ein leichter Luftzug umspielte seine Knie, als Peter offenbar der Gestalt den Korridor entlang folgte. Harry wandte sich wieder der Fetten Dame zu, die ihr Kissen in einer Hand hielt, die Augenbrauen gehoben.

„Passwort?"

„Einhorn Horn", sagte Harry. Das Porträt schwang nach vor, er kletterte in den Gemeinschaftsraum und schloss den Eigang wieder hinter sich.

Ron saß mit einem dicken Buch auf seinem Schoß aufgeschlagen auf einem Lehnstuhl, die Stirn in Falten gelegt. Hermine saß auf der Armlehne und versuchte offenbar, ihm etwas zu erklären, doch sie kam damit nicht weit.

„Und darum haben die Muggel begonnen zu versuchen, Hexen zu verbrennen", sagte sie. „Ist das soweit klar?"

„Ja", sagte Ron nickend, doch er runzelte noch immer die Stirn und rieb sich den Kopf. „Mein Gehirn tut aber weh. Oh, hi Harry!"

„Hey Ron", sagte Harry. Er ging zu ihnen hinüber und setzte sich auf den anderen Lehnstuhl. Er konnte Ron nicht mehr so ansehen wie früher. Er warf einen Blick auf das Gemälde von Godric Gryffindor, das über dem Kamin hing, dann wanderte sein Blick zu Ron. Nur die Augen waren wirklich von Generation zu Generation weitergegeben worden, und ein wenig von Gryffindors rötlichem Haar war in Rons flammender Mähne zu sehen.

„Was ist los?", sagte Ron. „Snape hat nicht versucht, dich zu kochen oder dich auseinander zu nehmen, oder?"

Harry schüttelte den Kopf mit einem leichten Lächeln. „Nein, ist schon okay. Ich bin nur müde, das ist alles." Er überlegte, ob er Ron fragen sollte, ob er wusste, wo Kainda war, doch dann fiel ihm wieder ein, warum er und Kainda zuvor in der Küche gewesen waren und seine Stimmung sank noch ein wenig. „Hör mal ... Ron, wegen dieser Sache mit Malfoy ... du ... du hast es doch nicht allen erzählt, oder?"

„Nicht jedem", sagte Ron leise.

„Ähm ... wem denn?"

„Nun ... jedem in Gryffindor", sagte Ron. „Und dann allen, die es von den Gryffindors hörten und mich dann danach fragten. Sie haben es dann ein paar anderen erzählt. Also wissen es inzwischen wahrscheinlich fast alle." Er schloss sein Buch mit offenbar stolzer Miene. „Das sollte dem kleinen Halbmenschen beibringen, was man bekommt, wenn man so ein Heuchler ist."

Harry lehnte sich leise in seinem Stuhl zurück. Ron hatte es allen erzählt, er konnte nichts mehr tun. Obwohl er sich deswegen schuldig fühlte war er fast erleichtert, dass er jetzt nicht Dracos Ruf hatte. Es würde nichts bringen, Ron jetzt noch weiter damit zu nerven. Er gähnte und streckte sich, während er beschloss, sich um all das am nächsten Morgen zu kümmern.

„Ich wusste immer, dass es einen Grund geben musst, warum er so gute Noten bekam", sagte Ron mit triumphierender Stimme. „Es hat die Lehrer verhext, nicht wahr? Mit diesen seltsamen Kräften? Ich wette, er hat für sie getanzt. Immer, wenn er ein O in Zaubertränke will, muss er nur vor Snape tanzen. Er ist gar nicht klug. Und das muss auch sein, warum man Lucius Malfoy im Ministerium so getraut hat. Man braucht doch keinen Imperius Fluch, wenn man solche Kräfte hat, nicht wahr?"

Harry und Hermine sagte nichts, doch Ron redete weiter, als würden sie zu jedem seiner Worte zustimmend nicken.

„Ich meine, es macht alles Sinn. Deswegen betont er immer, wie wichtig Blut ist – weil er sich wegen seinem eigenen schämt. Er hat so oft Schlammblut genannt, Hermine, und sie ihn dir mal an. Er ist nicht einmal menschlich. Er ist nur ein Halbmensch. Ich meine, sogar diese Froschmenschen im Amazonas – "

„ – Krötenmenschen, Ron", sagte Hermine.

„Ja, genau die. Sogar die sind als Zauberwesen eingestuft. Zwar seltsame Wesen, aber die Veela sind nur in Bulgarien Zauberwesen, und während Malfoy hier ist, ist er für mich nur ein Tier. Ich werde ihn ab jetzt nicht mal mehr ansehen. Was ist, wenn er diese seltsamen Zauber an uns verwendet?"

Harry, der diese Unterhaltung ziemlich gern beenden wollte, gähnte und streckte sich. „Nun, ich bin müde. Ich werd mich im Badezimmer umziehen."

Hermine, die unter ihrem Morgenmantel schon ihren violetten Pyjama trug, nickte. „Okay. Gute Nacht, Harry." Sie rutschte unter den Berg von Decken und gesellte sich zu Ron, streckte den Arm aus und umarmte ihn. Harry verließ sie und als er vom Badezimmer zurückkam schliefen die beiden schon, Hermines Kopf lag auf Rons Schulter. Er lächelte ein wenig, kletterte unter den Deckenberg und schlief sehr bald ein.


Er ging neben Snape einen dunklen Korridor in den Kerkern entlang. Snape hatte einen Arm auf seine Schulter gelegt und die andere Hand spielte mit dem Schnatz; er ließ ihn los und packte ihn dann blitzschnell wieder. Er wusste, dass ihnen etwas folgte, obwohl er keine Ahnung hatte warum er es wusste. Snape schien in einer Sprache zu sprechen, die keinen Sinn ergab, nur zusammengewürfelte Silben und manchmal ein tiefes Zischen. Ab und zu ging eine dunkle Gestalt an dem hohen Fenster am Ende des Korridors vorbei und verschwand wieder.

Snapes Stimme ging in eine Sprache über, die Harry verstand, nicht Englisch, sondern Parsel. Harry hob den Blick und sah, dass er zwei Krokodilszähne hatte, die über seine Unterlippe ragten.

„Diese Schule verbirgt viele Geheimnisse", zischte Snape sanft. „Mehr, als Dumbledore kennt. Mehr, als du kennst. Mehr, als die Schule selbst kennt. Aber ich kenne sie."

„Was weißt du?", fragte Harry in Parsel, als eine weitere Gestalt den Korridor entlang schlich. Was auch immer ihnen folgte kam jetzt näher.

„Slytherins Erbe lebt weiter", flüsterte Snape. „Doch die Macht, um ihn zu zerstören, liegt nicht im Schwert sondern im Geist."

„Voldemort?", sagte Harry. Die Kreatur hinter ihnen war ihnen jetzt sehr nahe, so nahe, dass er die Schritte auf dem Boden fühlen konnte. „Weißt du, wonach er sucht?"

Eine Kralle legte sich plötzlich auf Harrys andere Schulter und eine Stimme mit einem seltsamen Akzent flüsterte in sein Ohr: „Keiner weiß es, Harry. Niemand außer dir, mir und ihm weiß es. Dein Beschützer wird es nicht wissen. Und die Zeit läuft davon, Harry ... sieh nach vorn ..." Eine weitere Gestalt lief vorbei, doch diesmal drehte sie sich um und sah Harry und Snape an. Ihr Gesicht war komplett mit einem schwarzen Tuch verdeckt. „Die Zeit läuft davon, Harry. Die Zeit läuft."

Harrys Beine begannen automatisch zu laufen, und Khepri war an seiner Seite, noch immer in sein Ohr zischend. Hinter sich konnte er Snape nach ihm rufen hören, er sagte ihm, er solle anhalten und zurückkommen. Die Figur war noch immer da, angespannt auf ihn wartend. Harry begann Snape etwas zu zurufen, bettelte um Hilfe, aber Khepri schob ihn immer weiter und weiter nach vor, bis sich die Hände der Gestalt plötzlich auf seine Schultern legte, ihn nach vor zogen und seinen Hals zur Seite legten, vor Freude laut zischend.

Harry schrie und setze sich kerzengerade auf. Die Decke fiel zu Boden. Er keuchte und legte die Hände aufs Gesicht – ein weiterer Traum. Doch er konnte sich an alles so genau erinnern, als wäre es wirklich passiert. Er merkte plötzlich, dass jemand die Hand auf seiner Schulter hatte und spähte, noch immer zitternd, durch seine Finger. Er sah Ron, der ihn erschrocken ansah.

„Harry?", sagte er besorgt?"

„Albtraum ...", sagte Harry dumpf. „Ist schon okay, mir geht's gut ... ich bin nur ein wenig erschrocken ..."

„Ein wenig erschrocken?", wiederholte Ron. „Harry, du hast geschrien dass Snape dir helfen sollte, dann hast du gesagt, ich soll aufhören, dich zum Laufen zu zwingen. Wovon hast du geträumt?"

Harry sah Ron an und beschloss, dass er einfach nicht die Kraft hatte, sich eine Lüge auszudenken. Er erzählte Ron alles über die Gestalt, die er im Korridor gesehen hatte, dann alles von seinem Traum. Hermine saß hinter Ron, sehr blass und sie hörte sich alles an. Als Harry seine Geschichte beendete warfen ihm beide einen nervösen Blick zu.

„Harry ...", sagte Hermine leise. „Ich denke, du solltest zu Dumbledore gehen."

„Ich kann nicht", sagte Harry. „Er würde mir nicht glauben. Niemand glaubt mir, nicht einmal Lupin. Es sind nur Träume, sie bedeuten doch nichts ..."

„Aber was wenn schon?", sagte Ron. „Was ist, wenn es wieder was mit ... Du-weißt-schon-wem zu tun hat? Was, wenn es wirklich wichtig ist? Ich meine, Khepri sagt, dass Du-weißt-schon-wer nach etwas sucht. Was ist, wenn jemand da draußen ist, der das hat? Aber er weiß nicht, dass Du-weißt-schon-wer dahinter her ist, und wenn du alles Dumbledore sagst, kann er es klären."

„Denkst du nicht, dass ich es nicht mehr aushalte, wenn mich alle wahnsinnig nennen?", sagte Harry. „Niemand will sich meine „verrückten" Geschichte noch anhören. Wirklich ... es sind nur Albträume."

Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und warf auf der Suche nach seiner Tasche einen Blick über die Schulter. Als er sie sah, holte er sie herüber, öffnete sie und holte den Trank für traumlosen Schlaf heraus. Hermine und Ron gaben komische Geräusche von sich, als wollten sie fragen, woher er ihn bekommen hatte, doch sie sagten nichts. Harry öffnete die Flasche und nahm ein paar Schlucke. Eine seltsame Ruhe machte sich sofort in seinem Geist breit und jagte die Sorgen davon. Er erinnerte sich an Snapes Worte von vorhin, darüber, dass es nur Träume waren. Im Licht des Gemeinschaftsraums war es leichter, daran zu glauben. Er warf dem Porträtloch einen Moment lang einen Blick zu und fragte sich, ob er zu Snape gehen konnte. Aus irgendeinem Grund schien ihn dieser Gedanke ein wenig zu beruhigen, als wäre er ein Kind nach einem Albtraum, das seine Eltern sehen will. Snape würde ihm wahrscheinlich die Eingeweide herausreißen und sie zu Trankzutaten für die nächste Zaubertrankstunde machen, wenn Harry ihn mitten in der Nacht aufweckte.

„Es ist schon halb fünf", sagte Ron. „Ich werd nicht mehr schlafen können. Ich werde wach bleiben, wenn du auch nicht mehr schlafen willst, Harry."

„Ich leg mich vielleicht noch mal hin", sagte Harry. Er kuschelte sich in den Haufen von Kissen und hob die Decke vom Boden auf. „Oder ich bleibe wach. Ich weiß es nicht. Ich fühl mich komisch." Es war unmöglich, das leere, zweifelnde Gefühl zu erklären, das in seinem Magen wirbelte. Mit einem großen Seufzer schloss er die Augen und legte sich auf ein Kissen; er beschloss, wenn er einen weiteren Traum hatte, würde er mit Snape und Peter darüber reden. Nach ein paar Minuten war er wieder eingeschlafen und zum Glück tauchte Khepri nicht wieder in seinen Gedanken auf.