Kapitel 11:

Es war später Nachmittag, als Reid ins Büro kam, nachdem er JJ zu Hause abgeliefert hatte.
Er hatte sie weinend auf einer Bank vor der Intensivstation gefunden. Sie hatten auf Fran Morgan gewartet und dann hatte sie sich stumm von ihm aus dem Krankenhaus führen lassen. Dereks Mutter und seine Schwestern würden die nächsten Tage bei JJ verbringen, da ihr Haus näher am Krankenhaus war. Reid war erleichtert darüber, so musste er sich keine Sorgen machen, dass JJ allein war.
Er selber war nur fünf Minuten in dem Krankenzimmer gewesen und der Anblick seines Freundes hatte ihn erschüttert.
Das Wissen, dass Derek wahrscheinlich nicht mehr im Außeneinsatz arbeiten würde, machte ihn traurig und wütend. Er war sich nicht sicher, wie Derek diese Nachricht aufnehmen würde, wenn er wach wurde.
Überhaupt fragte er sich, wie es ihm gehen würde, wenn er aufwachte.
Unbestreitbar hatte er bereits in seiner Jugend durch das Schwein Carl Buford ein Trauma erlitten. Sein Umgang damit war wohl hauptsächlich Verdrängung gewesen.
Reid wusste, dass Derek sich mit den Dämonen seiner Jugend mehr auseinander gesetzt hatte, seit er mit JJ zusammen war und irgendwann einmal hatte er ihm versichert, dass er inzwischen damit umgehen konnte.
Aber nun war es wieder passiert. Und diesmal war er erwachsen und ein gut ausgebildeter FBI-Agent. Mit Sicherheit war es nun noch viel schlimmer, keine Kontrolle gehabt zu haben.
Reid erschauderte bei dem Gedanken an das, was Derek passiert war. Er konnte und wollte sich nicht vorstellen, wie es war, wenn sich jemand einem einfach aufdrängte und sich eine Intimität erzwang, die man nur mit Menschen haben sollte, denen man vertraute. Was tat einem so etwas in der Psyche an?
Er versuchte, alles aus seinem Kopf zu verdrängen und sich auf das Fahren im dichten Berufsverkehr zu konzentrieren, aber es fiel ihm wahnsinnig schwer.
Es war inzwischen später Nachmittag.
Hotch hatte das gesamte Team, bis auf JJ, ins Büro gerufen. Für sie war einfach alles zu viel gewesen, und sie sollte sich nun erst einmal ausruhen.
Reid hofft, sie würden nun von Hotch erfahren, was mit Miller war oder selber bei der Suche helfen können. Keiner von ihnen würde eine ruhige Minute haben, bis der Mann hinter Gittern saß.
Im Hauptquartier warteten die anderen bereits auf ihn im Konferenzraum, sogar Garicia war dabei.
Reid setzte sich schnell hin und versuchte aus der unergründlichen Miene seines Vorgesetzten zu erkennen, ob er gute oder schlechte Nachrichten hatte.
„Ich habe mit dem Agent gesprochen, der die Suche nach Miller leitet," fing Hotch an, als Ruhe im Konferenzraum eingetreten war. Er atmete tief durch, bevor er weiter sprach, und Reid wertete das als ein schlechtes Zeichen.
„Sie haben die Hütte gefunden, in der Derek festgehalten wurde und die Spurensicherung hat bereits alles untersucht und ist grade bei der Analyse," erklärte Hotch. „Aber Miller war nicht in der Hütte. Und bisher lässt sich nicht erkennen, wie Morgan geflüchtet ist oder ob Miller ihn frei gelassen hat. Theoretisch könnte Miller ihn auch den Abhang der Straße hinuntergestoßen haben, weil er vielleicht dachte, Morgan wäre tot. Vielleicht erfahren wir genaueres, wenn die Analysen abgeschlossen ist. Bis dahin können wir nur spekulieren."
„Wollen Sie damit sagen, dass der Kerl vielleicht noch irgendwo da draußen rumläuft?" fragte Garcia ungläubig. „Aber was ist, wenn er dann noch einmal versucht an Derek heran zu kommen?"
„Ich habe jemanden zur Überwachung ins Krankenhaus geschickt," antwortete Hotch auf diese Frage und man hörte allgemeines Aufatmen im Raum.
„Werden wir überhaupt erfahren, was genau passiert ist?" fragte nun Elle und Hotch zuckte mit den Schultern.
„Bevor Derek nicht aufwacht oder wir Miller finden, werden wir wahrscheinlich keine Antworten bekommen," sagte er.
„Und wenn Derek aufwacht, heisst das noch lange nicht, dass er uns etwas sagen kann," warf Reid ein. Als die anderen ihn fragend ansahen, fügte er hinzu: „Bei einer so schweren Kopfverletzung ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er sich nicht an alles erinnert."
„Also, was wird jetzt?" harkte Garcia nach.
„Die Suche geht erst einmal weiter," meinte Hotch. „Es wurde eine Fahndung nach Miller raus gegeben, für den Fall, dass er auf der Flucht ist. Und die Wälder werden ebenfalls durchsucht. Eventuell ist er verletzt und liegt dort irgendwo oder versucht sich zu Fuß durchzuschlagen. Wir können im Moment nicht viel tun und müssen erst einmal auf die Ergebnisse warten."
Damit war die Besprechung beendet. Reid konnte es kaum glauben, dass sie nun einfach nur noch abwarten konnten. Er hatte das Gefühl, sie taten seit Tagen nichts anderes.

JJ saß am Bett ihres Verlobten und schwieg.
Seit zwei Wochen lag er nun bereits hier und diese Wochen hatten sich schon endlos in die Länge gezogen.
Jeden Tag kam sie her, saß an Dereks Bett und fühlte sich vollkommen hilflos. Sie war dankbar, dass die Besuchszeit keinen langen Aufenthalt erlaubte. Sie war sicher, dass die Schwestern eine Ausnahme machen würden, wenn sie nur hartnäckig genug fragte, aber sie tat es nicht. Es fiel ihr schon schwer, jeden Tag hierher zu fahren und sich an Dereks Bett zu setzen. Und sie hatte deshalb wahnsinnige Schuldgefühle.
Was für ein Mensch, was für eine Frau war sie eigentlich?
Sie saß ihre Zeit hier ab und schwieg, jeden Tag. Die Schwestern hatten gesagt, sie sollten mit ihm reden, denn möglicherweise konnte er sie ja auch im Koma hören, aber ihr fiel nichts ein. Sie konnte nicht einfach irgend welches Zeug daher quatschen, wie es Garcia tat. Sie konnte nicht mit jemandem sprechen, der nicht antwortete. Sie hatte es versucht, aber es hatte ihr Unbehagen noch gesteigert. Worüber sollte sie auch sprechen?
Über ihre Hochzeit? Sie wusste nicht einmal, ob Derek sie noch würde heiraten wollen, nach allem was passiert war.
Über die Arbeit? Sie war noch immer aufgrund der Fehlgeburt krank geschrieben. Und das war ein Thema, was sie jetzt und hier bestimmt nicht ansprechen wollte. Und da sie nicht arbeitete hatte sie auch nichts weiter zu sagen.
Denn wenn sie darüber nachdachte, tat sie nichts weiter als schlafen und irgendwo zu sitzen und in die Gegend zu starren. Sie konnte im Moment Stunden lang schlafen und tat es auch oft. Im Schlaf musste sie über nichts nachdenken und konnte einfach alles vergessen. Es war eine Flucht.
Fran Morgan hatte er inzwischen beinahe aufgegeben sie zum reden zu bringen. Auch das machte ihr ein schlechtes Gewissen. Ihr Verhalten gegenüber ihrer zukünftigen Schwiegermutter war nicht grade das beste. Aber sie konnte sich einfach nicht helfen. Sie wollte sich nicht öffnen und mit der anderen Frau über ihre Gefühle reden. Sie wollte mit niemandem darüber reden.
Sie wusste nicht, was sie überhaupt wollte. Ihre ganze Welt war aus den Fugen geraten und es schien nichts zu geben, was ihr Halt geben konnte. Nichts schien einen Sinn zu machen. In ihr herrschte völlige Dunkelheit und eine riesen große Leere.
JJ wusste, dass sie unter Depressionen litt.
Da sie so etwas schon einmal erlebt hatte, war ihr bewusst, das es Depressionen waren. Doch sie konnte nicht den Willen dazu aufbringen, etwas dagegen zu unternehmen. Es erschien ihr genauso sinnlos wie alles andere auch. Auch das Wissen, dass genau dies eines der Symptome der Krankheit war, half ihr nicht weiter.
JJ's Blick wanderte über die leblose Gestalt in dem Krankenbett und sie schauderte.
Derek war beinahe nicht mehr zu erkennen. Sie konnte manchmal gar nicht glauben, dass diese magere Person, mit dem blassen, eingefallenem Gesicht ihr Verlobter war.
Viele der Verletzungen begannen bereits langsam zu verblassen. Aber trotz der tiefen Bewusstlosigkeit, in der er sich befand, war sein Gesicht von Schmerz gezeichnet.
Sie hoffte einmal mehr, dass er sich seiner Umgebung und seines Körpers nicht bewusst war.
Schon mehrfach hatte sie gedacht, dass er nicht so still und leblos dort liegen würde, wüsste er, dass Sam Miller noch immer irgendwo da draussen war.
Wenn sie daran dachte, lief es ihr eiskalt den Rücken runter. Die Suche war abgebrochen worden.
Zwar lief die Fahndung nach dem Mann weiter, doch inzwischen hatte die Priorität abgenommen. Andere, aktuelle Fälle, waren gekommen und hatte die Aufmerksamkeit der Polizei und des FBI gefordert. Miller hatte man noch nicht gefunden.
Dank der DNA-Untersuchung wussten sie, dass der Mann von dem Baseballschläger getroffen worden und zu Boden gegangen war. Aber das war dann auch schon alles, was sie wussten.
Derek musste ihn mehr oder weniger schwer getroffen haben. Es war eindeutig Millers Blut auf dem Schläger gewesen, allerdings längst nicht so viel, wie von Dereks Blut.
Und auch auf dem Boden war ein wenig Blut gefunden worden, also war der Mann nach dem Schlag vermutlich gefallen. Aber sie hatten keine Ahnung, ob er länger dort gelegen hatte, oder was dann passiert war. Vielleicht war er quietschfiedel und auf der Flucht oder wartete auf eine erneute Gelegenheit, an Derek dran zu kommen. Oder der Mann war Derek auf seiner Flucht gefolgt und lag nun irgendwo in den Wäldern.
Aber Hotch und Gideon hielten das für die weniger wahrscheinliche Möglichkeit.
Das ganze Gebiet war durchkämmt worden, aber von Miller war keine Spur entdeckt worden.
Sie hingen schon wieder in der Luft und die Ungewissheit zerrte an den Nerven.
JJ wollte nicht wissen, wie Derek diese Neuigkeit aufnehmen würde, wenn er aufwachte. Falls er denn überhaupt aufwachte.
Die Ärzte waren der Ansicht, dass die Heilung gut voranschritt. Die Kopfverletzung war inzwischen nicht mehr so gefährlich, der Druck im Gehirn hatte sich gesenkt. Sie konnten noch immer nicht sagen, wie sich das alles auf sein Erinnerungsvermögen auswirkte, waren aber zuversichtlich, dass kein bleibender Schaden entstanden war. Wobei sie dafür natürlich keine Garantien gaben, das taten Ärzte nie.
Alle warteten jetzt darauf, dass Derek endlich aufwachte. Aber er machte keinerlei Anstalten dazu.
JJ hatte schon mehrfach gedacht, dass es vielleicht besser so war. So musste er sich nicht mit den Folgen seiner Entführung auseinandersetzen. Im nächsten Moment vergrub sie schluchzend das Gesicht in ihren Händen und fragte sich, wie so etwas nur denken konnte. Alle warteten darauf, dass Derek aufwachte, nur sie hatte Angst vor dem, was dann kommen würde.

Ein Schluchzen. Jemand weinte und es kam ihm vertraut vor.
Die Dunkelheit wich ein wenig zur Seite und er nahm Geräusche wahr, dumpfe Geräusche, die aus weiter Ferne zu kommen schienen. Ein leises, gleichmäßiges Piepen. Ein Schluchzen.
Sein Bewusstsein war umnebelt von einem Schleier, es fühlte sich an, als sei er tief unter Wasser.
Wo war er?
Was war passiert?
Seine Gedanken waren ein einziges durcheinander. Chaos.
Doch sein Bewusstsein begann Formen anzunehmen und langsam konnte er sich selbst wahrnehmen.
Ein Pochen in seinem Schädel.
Dumpfe Schmerzen, die überall zu sein schienen.
Heftige Schmerzen in seinem Knie.
Instinktiv wollte er sich wieder zurück ziehen in die Dunkelheit.
Doch das Schluchzen war ihm vertraut. Er kannte diese Person.
Er wollte etwas sagen, sie beruhigen, ihr mitteilen, dass alles in Ordnung war – doch es war nichts in Ordnung.
Er wollte den Schmerzen entfliehen.
Er wollte sich nicht erinnern.
Doch er konnte nicht verhindern, dass Bilder durch seinen Verstand flossen. Bilder, die dafür sorgten, dass sich sein Magen verknotete und sein Herz zu rasen begann.
Nein, er wollte sich nicht erinnern.
Die Dunkelheit war noch zum greifen nah.
Und dankbar ließ er sich wieder in sie hinab fallen.