Disclaimer: Siehe Kapitel 1; explizite Gewaltschilderungen in diesem Kapitel


Kapitel 10: In Periculo Mortis (1)

Es dauerte einen Moment, bis Mireille sich gefangen hatte und den Kopf hob. Die Airbags des Civic hatten Schlimmeres verhindert, doch ihr Schädel brummte und ihr war schwummerig zumute. In der Hoffnung, kein Schleudertrauma zu haben, versuchte sie, sich einen Überblick über ihre Lage zu verschaffen. Zuerst glitt ihr Blick ins Wageninnere. Kirika hatte sich ebenfalls aufgerafft und sah sie aus ihren roten, wachen Augen an. Bis auf eine blutende Platzwunde über der Schläfe schien es ihr gut zu gehen. Anscheinend war sie gegen die Fensterscheibe gestoßen, als der Wagen an die Betonwand geknallt war. Dann sah Mireille auf die Rückbank und bemerkte, dass Rhodes ein schmerzverzerrtes Gesicht hatte. Immerhin war Julia allem Anschein nach okay. „Raphael, was ist los?" Der schwarzhaarige Mann grinste schwächlich. „Ich glaub, mein Arm ist gebrochen... Beim Aufprall hab ich ihn als Schutz verwendet und ich bin gegen den Fahrersitz geschleudert worden..." Mireille nickte. „Könnt ihr euch alle bewegen? Wir müssen hier weg, und zwar schnell!" Der Korsin wurde bewusst, dass sie bereits wertvolle Sekunden verschwendet hatten. Was war, wenn der Killer hatte anhalten können und sie nun erwartete? Sie riss die Tür auf und fiel beinahe aus dem Wagen, als der Airbag ihren Platz einnahm und sich weiter ausdehnte. Die blonde Frau fing ihren Sturz jedoch geschickt auf und war schnell wieder auf den Beinen, die Pistole entsichert in der Hand. Mit einem kurzen Seitenblick musterte sie den nagelneuen Civic: Ein Totalschaden! Die Motorhaube war auf die Hälfte zusammengepresst, Metallteile lagen überall am Boden herum, die Frontscheibe war von Rissen durchzogen, der Motor selbst nur noch ein unerkenntliches kleines Häufchen Schrott. Sie fluchte leise. Das schöne Geld war also weg. Als sie wieder aufsah, bemerkte sie, wie Kirika hinter dem Wagen stand, die Pistole erhoben und den Abzug mehrmals durchzog. Instinktiv ließ Mireille sich fallen. Doch kein Feindfeuer war zu hören, keine Kugeln schlugen um sie herum ein. Verwundert stand sie auf und sah Kirika fragend an. Diese wies wortlos in die Richtung, in die sie geschossen hatte. Mireille folgte dem Fingerzeig und bemerkte den silbernen Mercedes, der nicht minder stark beschädigt an einer Wand auf der anderen Seite des kleinen Platzes stand. Die Heckscheibe war total durchlöchert von Kirikas Schüssen und Mireille begriff, worauf Kirika hinaus gewollt hatte: Der Mann war vielleicht noch im Auto gewesen und wenn er es gewesen war, war er jetzt tot. Sie nickte Kirika zu und die beiden Frauen gingen, mit ihren Waffen im Anschlag, auf den Wagen zu – Kirika zur linken, Mireille zur rechten Seite hin. Als sie die Höhe der Fahrerkabine erreicht hatten, sahen sie, dass der Wagen leerstand, die Fahrertür nur lose angelehnt. Von dem Killer fehlte jede Spur.

Raikov hatte sich nach dem Aufprall schnell gefasst. Zwar schmerzte sein rechtes Bein, dass er unvorsichtiger Weise ausgestreckt hatte, doch insgesamt ging es ihm gut. Rasch griff er neben sich auf den Beifahrersitz und zerrte unter dem Airbag seinen Rucksack hervor. Dann spähte er durch den Seitenspiegel, um eventuelle Feindbewegungen zu erkennen. Doch das einzige, was er erkennen konnte, war der total verbeulte Civic, der ein paar Meter weg hinter ihm stand. Raikov konnte keine weiteren Bewegungen erkennen und öffnete leise und vorsichtig die Tür. Als er sich aus dem Wagen gequetscht hatte, lehnte der Serbe die Tür wieder an und duckte sich hinter seinen Wagen. Wie war seine Lage? Er befand sich in einer Art Hinterhof des Fabrikgeländes, einer quadratischen Fläche, die etwa 20 auf 20 Meter maß, zu drei Seiten eingerahmt von Betonbauten. Anscheinend war dies ein Bürotrakt der Fabrik gewesen, denn die Betonblöcke mit ihren kleinen Fenstern sahen nicht gerade nach Produktionsstätten aus. Zu beiden Seiten – sowohl auf seiner Seite als auch auf der des Civic – befanden sich Türen, die ins Gebäudeinnere führten, ein idealer Fluchtweg also, um erst Mal aus dem Schussfeld zu sein. Der serbische Killer entschied sich dafür, keinen offenen Kampf mit Noir hier und jetzt zu riskieren. Wenn er die beiden Frauen in ihrem Wagen angriff, würde er Gefahr laufen, hier und jetzt zu sterben, eine Sache, die er sich nicht leisten konnte bei dem Gedanken an Jaden. In gebücktem Lauf ging Raikov rückwärts auf die eine Tür zu und versuchte, sie zu öffnen. Es gelang ihm nicht, doch das Holz war bereits älterer Natur und das Schloss angerostet. Raikov drückte kraftvoll gegen die Tür und gab ihr mit dem Fuß einen kleinen Tritt. Ein kratziges Geräusch zeigte an, dass das Schloss gebrochen war, die Tür öffnete sich. Raikov drückte sich ins Gebäude und schloss die Tür wieder. Eine angenehme Kühle umfing ihn.

Im Gebäude selbst war es dunkel und feucht. Es dauerte einen Moment, bis Raikov sich an den neuen Lichteinfall gewöhnt hatte. Dann sah er, wie vor ihm eine Treppe nach oben ins erste Obergeschoss führte. Ein weiterer Gang führte anscheinend zu den Toiletten. Zumindest zeigte dies ein Schild. Der Serbe entschied sich für die Treppe und eilte nach oben. Er befand sich in einem breiten Flur, der ein Fenster zum Hof besaß. Raikov ging zum Fenster und lehnte sich an die Wand. Vorsichtig spähte er in den Hof. Unten konnte er gerade erkennen, wie ihm das asiatische Mädchen die Heckscheibe zerschoss. Dumm war Noir offensichtlich nicht. Auch die Art, wie sich die Killerinnen vorsichtig an seinen Wagen heranschoben deutete auf ihre Professionalität hin, die sie zweifelsohne besaßen. Sicher würden sie ihn nun suchen. Sollten sie ihm nun ins Gebäude folgen, würde er sich schnell etwas einfallen lassen müssen. Sein Puls schnellte hoch, doch entspannte sich sogleich, als er sah, wie die beiden Frauen wieder zurück zu ihrem Wagen rannten und Rhodes und seiner Tochter heraushalfen, immer mit einem hektischen und aufmerksamen Blick in alle Richtungen. Sollte er versuchen, die Gruppe zu beschießen? Er würde zwar dadurch seine Position verraten, jedoch standen seine Chancen sonst noch schlechter, sobald er Noir erst einmal wieder aus den Augen verloren hatte. Er griff in seinen Rucksack und holte seine MP7-Maschinenpistole hervor. Die Waffe war in der Tat ein Wunderwerk militärischer Technik: Gerade mal so groß wie eine Pistole, konnte die herausziehbare Schulterstütze auch bei Strecken von 150 Metern Präzision in den Schuss legen. Ein Handgriff und er war bereit: Als er durch das kleine Zielrohr blickte, sah er Noir so nah wie nie. Mit einem Finger stellte er die Waffe auf Burstfeuer um und atmete aus.

Kirika sah, wie Mireille Rhodes aus dem Wagen winkte und griff nun ebenfalls nach Julias Hand und zog das Mädchen zu sich, die sich an Kirika drückte. „Kirika, Julia, wir müssen hier weg! Wir stehen hier wie auf dem Präsentierteller!" Mireilles eindringliche Ermahnung war berechtigt, dass wusste Kirika. Schnell sah sie sich um und bemerkte die Tür auf ‚ihrer' Seite des Platzes. Sie nahm das Mädchen an der Hand und zog sie in Richtung Tür. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie, wie Mireille ihrem Beispiel folgte und Rhodes dicht hinter ihr dem selben Beispiel folgte.

Raikov sah, wie die Gruppe die Tür beinahe erreicht hatte und die Zeit für einen gezielten Schuss wurde knapp. Doch an der Tür kam es offensichtlich zu einer Verzögerung. Wahrscheinlich war sie ebenfalls geschlossen. Raikov entschied sich dafür, lieber auf eine der beiden Noir-Killerinnen zu schießen und sich danach um Julia und Rhodes zu kümmern, die – einmal auf sich allein gestellt – bei weitem nicht mehr so gefährlich waren. Er bewegte den Lauf der Waffe ein bißchen nach links und hatte nun den Rücken der blonden Frau genau im Visier. Sein Finger zog den Abzug.

Schon als Kirika den Aufschrei hörte, wurde ihr klar, was passiert war. Ohne sich nach Mireille umzusehen, zog sie ihre Waffe und zerschoss das stabile Türschloss. Nun kam es auch nicht mehr auf mehr Lärm an, sondern nur auf Schnelligkeit. Mit einem Tritt öffnete sie die Holztür und schob Julia hinein. Rhodes hatte inzwischen Mireille gestützt, die in seinen Armen zusammengesackt war und zerrte sie ins Innere des Gebäudes. Kirika wandte sich um und feuerte ihr verbliebenes Magazin in die Leere. Dann verschwand auch sie im Inneren des Gebäudes und warf die Tür ins Schloss.

Raikov jubilierte: Er hatte doch tatsächlich eine der Beiden erwischt! Das, was so vielen anderen nicht gelungen war! Nun konnte er nur hoffen, dass die Frau auch wirklich tot war. Doch nun war es an der Zeit, auf die Jagd zu gehen...