11.
Die Musik verstummt und die Scheinwerfer beleuchten nur noch die spärlich bekleideten Models, die am Ende des Laufsteges stehen geblieben sind und die Taschen hochhalten. Das ist der Höhepunkt der Show und gleichzeitig auch ihr Ende. Als das erste Model den Catwalk betreten hat, hat Rokko nach meiner Hand gegriffen und sie beruhigend festgehalten. Zu meiner Freude hält er sie immer noch. Es fühlt sich gut an, seine Wärme zu spüren. „Hier. Sie schaffen das. Ich glaube an Sie", flüstert er mir zu, als er mir das Mikrophon reicht und mich auf den Laufsteg schiebt. Unter tosendem Applaus bedanke ich mich bei den Anwesenden für ihr Kommen, stelle Hannah vor und beantworte noch einige Fragen. Während Hannah noch ein paar Worte sagt, lasse ich meinen Blick in den Raum schweifen und genieße einen Moment lang die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die mir da entgegenschlägt. Mein Blick bleibt kurz auf David hängen. Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht deuten, aber der überhebliche Blick ist einem Lächeln gewichen…
Als die ersten Presseleute unser ganz spezielles Buffet stürmen, laufe ich von der Bühne, im Augenwinkel sehe ich, wie David die Arme öffnet, als wolle er mich umarmen, aber ich bin schon an ihm vorbei und falle Rokko um den Hals. Der schafft es gerade noch, mich abzufangen, ohne dass wir nach hinten umfallen. „Vielen, vielen Dank", flüstere ich ihm zu. Ob Rokko sich mit mir freut oder einfach nur über die gelungene Präsentation weiß ich nicht, aber er hebt mich an und dreht sich mit mir. Es tut gut, sein lautes und gelöstes Lachen zu hören.
„Dieses Essen ist das letzte", motzt David, „Wessen blöde Idee waren denn diese Kinder-Würstchenketten und diese Chips? Und Pappteller, Pappbecher und Plastikbesteck, das ist doch kein Dorffest, das ist ein Mode-Event…" – „Ich find's gut. Das ist unkompliziert und unterstreicht den jungen Charakter von B-Style." Rokko belädt seinen Pappteller mit weiteren kleinen Köstlichkeiten. „Frau Plenske hat halt richtiges Improvisationstalent." Rokko lächelt mich an, aber ich kann gerade nicht zurücklächeln – Chipskrümel in meiner Zahnspange sind nun wirklich das letzte, was ich ihm zeigen will. „Das war Lisas Idee?!", auf einmal ist David ganz leise. Er ist an diesem Abend glücklicherweise der einzige, der etwas zu meckern hat. Die Presse ist begeistert von B-Style, der Präsentation und Hannahs Taschen. Selbst einige der Models haben sich schon bei mir erkundigt, wo und wann es die ersten Taschen zu kaufen gibt. Ich bin so berauscht von diesem Erfolg, dass ich gar nicht merke, wie spät es schon ist.
Als alle schon gegangen sind, bleiben nur noch Rokko, Hannah, Timo und ich zurück, um noch ein bisschen Ordnung zu schaffen. „Ach herrje, meine Bahn. Ich muss los", entfährt es mir, als wir endlich fertig sind. „Gute Nacht", wünscht Rokko mir und gibt mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Obwohl ich mich wirklich beeilen muss, kann ich nicht anders, als die Stelle auf meiner Wange immer wieder zu berühren. Es kribbelt immer noch wie in dem Moment, als Rokkos Lippen darauf trafen.
Ich renne die Treppen zu meinem Bahnsteig hoch – doch zu spät: Alles, was ich von meiner Bahn noch zu sehen kriege, sind die Rücklichter. Na bravo, das war die letzte für heute! Und jetzt? Zu Kerima, da hab ich doch schon einige Nächte verbracht und soviel Zeit bis der Arbeitstag wieder beginnt, bleibt auch nicht. Ich versuche praktisch zu denken: So kann ich die halbe Stunde, die ich sonst zur Arbeit brauche, länger schlafen. Naja, wenn auf dem Fußboden an Schlaf zu denken ist…
Ich mache mich also auf den Weg zu Kerima – zu Fuß, es ist ja nicht weit. „Frau Plenske!" Vor dem Bahnhofsgebäude treffe ich auf Rokko. „Ich habe befürchtet, dass Sie die Bahn nicht mehr kriegen", bringt er hervor, als ich ihn fragend ansehe. „Und was haben Sie jetzt vor?" – „Ich gehe zu Kerima und übernachte da." – „Find ich doof", lächelt er mich an, „Sie könnten bei mir übernachten." Irgendwie wirkt er fast schüchtern. „Ähm, besser nicht. Ich will Ihnen keine Umstände machen." – „Das machen Sie nicht und ich werde bestimmt nicht zulassen, dass die Heldin des Tages irgendwo auf dem Fußboden schläft." Da ist sie wieder seine Selbstsicherheit. „Aber wenn die schon bei Ihnen schläft, dann ist für mich ja gar kein Platz mehr", scherze ich. „Und das würde Ihnen wirklich keine Umstände machen?", damit werde ich wieder ernster. Das letzte, was ich will, ist, dass er sich erst so für B-Style reinhängt und dann auch noch Scherereien mit mir hat. „Nein, macht es nicht, wirklich nicht." Rokko hakt sich bei mir unter, „und weit ist es auch nicht."
