Chapter 11 - Ein ereignisreicher Abend
Vertrauen ist das Gefühl, einem Menschen sogar dann glauben zu können, wenn man weiß, dass man an seiner Stelle lügen würde.
Henry Louis Mencken
Der Mann vor mir zog fragend seine Augenbrauen nach oben und betrachtete mich neugierig. Offensichtlich hatte er mich erkannt und ich schluckte schwer. Was sollte ich tun? Wie konnte ich dieser Situation entkommen?
Ich streckte meine rechte Hand entgegen und betrachtete sein makelloses Gesicht.
„Es ist schön sie kennen zu lernen, Mr. Cullen." Er nahm meine Hand in seine und ich warf ihm einen flehenden Blick zu.
„Es ist auch schön, dich endlich kennen zu lernen, Bella. Aber bitte nenn mich Carlisle." Er schien zu verstehen, was ich von ihm wollte. Er erwähnte unsere Begegnung nicht und tat so, als hätten wir uns noch nie zuvor gesehen. Es war komisch meine Freunde schon wieder anlügen zu müssen. Und es tat mir leid, dass ich Carlisle in diese komische Situation gebracht hatte. Es machte bestimmt einen schlechten Eindruck, dass ich seine Kinder belog. Er würde mich bestimmt verachten für das, was ich tat. Er würde es nicht verstehen und er würde mich irgendwann verraten.
Nachdem wir alle gegessen hatten stand ich auf, um beim Abwasch zu helfen.
„Bella, geh doch bitte mit Rosalie ins Wohnzimmer. Ihr seit heute unsere Gäste und müsst uns nicht beim Abwasch helfen." Esme nahm mir das dreckige Geschirr aus der Hand und lächelte mich an. Ich nickte und setzte mich mit Rosalie in das große helle Wohnzimmer auf die Couch.
„Bist du krank?" Rosalise überschlug ihre Beine und zog ihren Rock zu Recht.
„Du hast fast gar nichts gegessen."
„Nein, mir geht es gut." Ich lächelte sie an und rutschte unruhig auf der Couch hin und her.
„Ich bin so nervös gewesen…" Fing Rosalie an zu erzählen und lachte.
„Aber Emmetts Eltern sind wirklich nett."
Ich nickte und schaute raus in den Garten. Seit ich wusste, dass Carlisle mein Geheimnis kannte, fühlte ich mich unwohl. Am liebsten wäre ich sofort wieder gegangen, aber das konnte ich ihnen nicht antun und es wäre auch zu auffällig gewesen.
Plötzlich kam Emmett und zog Rosalie aus dem Zimmer. Ich seufzte und ging auf die wunderschöne Terrasse. Dort stand ich eine Weile alleine, bis ich Schritte hinter mir hörte. Ich drehte mich um und sah in das Gesicht von Carlisle, der mich gedankenverloren musterte.
„Sie wissen es nicht." Stellte er fest und ich schüttelte den Kopf, während ich die Bäume betrachtete. Es war schön hier und die Umgebung war friedlich, wie auf einem Gemälde. Die Sonne schien auf die Baumwipfel und ließen so das Grün noch schönen strahlen. Es erinnerte mich an Edwards Augen.
„Warum?" Fragte er mich und ich schloss meine Augen.
„Ich werde es ihnen sagen..." Versuchte ich seiner Frage auszuweichen.
„Du bist ein nettes Mädchen, Bella. Du bist meinen Kindern wichtig, sie werden es verstehen."
Ich schaute ihn an und er trat genau neben mich.
„Wie geht es Ethan?"
„Gut, danke. Das Fieber ist weg...und den Teddy lässt er nicht mehr los." Carlisle lachte und es erinnerte mich an Edward. Auch wenn er nur sein Onkel war, waren sie sich ähnlicher, als es anfänglich den Anschein hatte.
Ich seufzte und strich mir durch die Haare.
„Ich möchte nicht, dass du wegen mir deine Familie anlügst." Gab ich kleinlaut zu.
„Es ist in Ordnung. Es ist deine Aufgabe ihnen von deinem Sohn zu erzählen." Ich blickte in das Innere des Wohnzimmers und sah Alice und Jasper, die sich liebevoll umarmten.
„Ich verstehe nur nicht, weshalb du es ihnen verheimlichst." Ich senkte meinen Blick auf den Boden und betrachtete meine Turnschuhe, die ich auch bald hätte ersetzten müssen.
„Es ist kompliziert..." Sagte ich und hörte Stimmen und Gelächter aus dem Inneren des Hauses.
„Bella, komm. Ich zeig dir mein Zimmer." Alice kicherte und zog mich an der Hand hinter sich her in den zweiten Stock.
„Aber du wohnst doch im Wohnheim." Erwiderte ich verwirrt.
„Nicht mehr. Ich zieh bei meinen Eltern wieder ein. Genauso wie Edward und Emmett." Alice lachte und wir traten in ihr Zimmer. Die Schränke und Regale waren noch leer und anscheinend hatte Alice ihre Sachen noch nicht eingeräumt.
„Rose kann alleine in unserem Zimmer wohnen und sie wird wahrscheinlich die meiste Zeit sowieso hier übernachten.
„Ich freu mich so, dass mein Vater die Stelle als Kinderarzt und die im Krankenhaus angenommen hat."
Alice warf sich auf das große Himmelbett und ich setzte mich vorsichtig auf den Rand.
„Sie mögen dich beide!" Stellte sie erfreut fest und ich spielte nervös an meiner Armkette.
„Falls du es doch an Thanksgiving schaffst, kannst du ruhig vorbeikommen."
Sie setzte sich auf und schaute mich auffordernd an.
„Ich hab meinen Eltern schon zugesagt..." Entgegnete ich ihr und fühlte mich schlecht ihr schon wieder diese Lüge erzählt zu haben.
„Vielleicht ein anderes Mal." Alice stand auf und wir verließen ihr Zimmer. Auf der Treppe kam uns Edward entgegen. Er würdigte mich keines Blickes und ich schaute im verwundert hinterher, als er hinter einer Tür verschwand. Wahrscheinlich war das sein Zimmer und ich war neugierig, wie es wohl aussah.
Plötzlich schrillte Esmes Stimme durch das ganze Haus und ich betrat mit Alice verwundert das Wohnzimmer.
„Familienrunde!!!" Ich setzte mich neben Alice auf die Couch.
Na super...Familienstunde...Ich sah zu, wie alle Familienmitglieder im Wohnzimmer eintrudelten und sich setzten.
„Familienrunde?" Flüsterte ich Alice ins Ohr und sie nickte.
„Wir machen Brettspiele, gehen Spazieren oder reden einfach nur." Oh Gott…wie würde ich das nur überstehen? Edward saß genau mir gegenüber und immer noch schaute er mich nicht an. Noch bei der Herfahrt war er besorgt gewesen und nun beachtete er mich nicht mehr. Auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte, verletzte mich sein Verhalten. Ich wollte ihn von mir fern halten und dennoch wollte ich ihm nahe sein. Er war nicht wie alle anderen und doch genauso. Es war schwer zu erklären, welche Gefühle er in mir auslöste, denn immer überschlugen sich meine Gedanken.
„Bella?" Ich schaute auf und in Esmes lachende Augen.
„Ja?"
„Was möchtest du machen?" Was ich machen wollte? Wieder einmal hatte ich dem Gespräch nicht zugehört und war nervös, denn ich wusste nicht, was sie für eine Antwort haben wollte.
„Mir ist es wirklich egal…alles wäre perfekt…" Warf ich ein und ließ mich in die Couch zurückfallen.
„Nun, wie wäre es mit einer kleinen Runde Scharade?" Schlug Carlisle vor und Alice hüpfte aufgeregt auf und ab.
Am liebsten hätte ich mir mit meiner flachen Hand gegen die Stirn geschlagen…Carlisle wusste von meinem Geheimnis. Ich saß hier in einer Familienrunde. Und wir sollten Scharade spielen.
Dieser Tag konnte nicht mehr schlimmer werden. Ich war in der Hölle und so schnell konnte ich ihr nicht mehr entkommen.
„Nicht schon wieder Scharade!" Hörte ich Edward sagen und atmete erleichtert aus.
„Wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang? Dann können wir die Gegend ein wenig erkunden und reden."
„Gute Idee, Edward." Emmett stand auf und ging zur Haustüre.
„Ich will aber Scharade spielen!" Schmollte Alice und zog ihre Lippen zu einem herzerweichenden Schmollmund.
„Bella?" Esme schaute mich wieder fragend an. Sollte ich nun entscheiden, ob wir Scharade spielen oder spazieren gehen sollten?
„Ich wäre für einen Spaziergang." Sagte ich und sah aus den Augenwinkeln wie Alice mich traurig anblickte. Ich hätte alles ertragen, nur keine Scharade. Ich war zu ungeschickt, um auch nur ein Wort richtig erklären zu können. Das Spiel lag mir nicht, auch damals mit meinen Eltern hatten sie irgendwann aufgegeben.
Bei dieser Erinnerung musste ich schmunzeln. Meine Mutter hatte so oft versucht mir dieses Spiel nahezulegen, doch es war aussichtslos. Da sie auch nicht wirklich viel Geduld mit mir hatte, hatte sie es nach ein paar Versuchen dabei belassen, dass ich es einfach nicht konnte. Wir spielten es nur selten, wenn ich zu besuch kam…Bei meinem Dad musste ich solche Spiele nie mitmachen. Wir redeten nicht viel, aber verstanden uns super…bis ich schwanger wurde…
Meine Laune schwenkte von der einen zur anderen Minute um und ich fiel wieder in ein tiefes Loch.
„Gut, dann machen wir einen Spaziergang." Esme stand auf und alle anderen folgten ihr. Wir liefen einen kleinen Waldweg entlang und ich versuchte langsam zu laufen. Ich war am Ende der Gruppe und doch froh, endlich meinen Gedanken nachgehen zu können. Ich beobachtete wie Carlisle Esme eine Hand um die Taille legte. Emmett hatte Rose nahe an sich herangezogen und auch Jasper und Alice liefen eng umschlungen den schmalen Waldweg entlang. Edward hatte ich nicht mehr gesehen, seit wir das Haus verlassen hatten. Nervös biss ich mir auf die Unterlippe, als ich ein leises Rascheln hinter mir vernahm…
