Gemeinsam mit Tony und Brody saß Lucas am Abend beim Essen in der Messe. Sie alle waren froh ihre Schicht endlich hinter sich gebracht zu haben. Der erste Tag mit der Schulklasse hatte sie alle mehr geschafft, als angenommen. Besonders Lucas hatte es mit einigen Zwischenfällen zu tun gehabt.
Gut gelaunt nach ein paar Extrarunden auf dem Laufband des Fitnessraumes des Bootes, kam Commander Ford in die Offiziersmesse, holte sich ein dick beladenes Tablett und setzte sich zu der schweigenden Runde dazu. "Warum seht ihr alle aus, als hättet ihr eure schlimmsten Stunden hinter euch?"
"Vielleicht weil genau das der Fall war?", knurrte Tony und biß unsanft in sein Brötchen.
Brody pflichtete dem mit einem Nicken bei.
"Sagt nicht, ihr habt euch von diesen Kids ärgern lassen." lachte Jonathan.
"Wenn es nur das wäre, wäre es sicherlich halb so schlimm. Bill Waxler hat den gesamten Nachmittag über versucht mir helfen zu dürfen. Anstatt sich davon zu machen, kam der zehn Minuten später mit Dingen zurück, die ich für ihn signieren sollte."
Stumm sahen ihn die anderen drei an. Hatte Lucas gerade eben gesagt, er hätte etwas signieren sollen. "Ähm, Luke... wie kommt man zu der Ehre?" Piccolo legte die Stirn in Falten.
"Indem man zu einer Legende unter den Hackern geworden ist. Ich dachte ich könnte ihn abschrecken, indem ich ihm eines seiner Idole vorführe, statt dessen habe ich den jetzt noch mehr auf der Backe kleben als vorher. Man sollte meinen Ehrfurcht hält einen schon von Haus aus ab, aber nun weiß ich wie man sich fühlt, wenn man von einem Stalker belästigt wird."
Lieutenant Reynolds, sichtlich eingeschüchtert, trat zu ihnen an den Tisch. "Sind sie im Dienst, Commander?"
Ford sah ihn neugierig an. "Nein, weshalb denn?"
"Und sie Lieutenant Brody?" fragte Reynolds statt dessen weiter.
Jim schüttelte gefrustet mit dem Kopf. Jetzt noch sich etwas von genervten unterstellten Offizieren anhören zu müssen, war das Letzte was er wollte.
"Dann ist ja gut." sagte Reynolds, nahm sein Wasserglas und kippte den Inhalt Lucas ins Gesicht, ehe er fort ging.
Überrascht sahen sie dem Versorgungsoffizier hinterher, ehe sich ihre Aufmerksamkeit ihrem Kollegen widmete. "Was sollte denn das jetzt?" setzte Jonathan an und hielt Lucas eine Serviette hin, jederzeit bereit diesen zurück zu halten, wenn er zur Rache ansetzen wollte. Doch der Wissenschaftler selbst war Tony bereits auf den Fuß getreten, der das an seiner Stelle tun wollte. Er sagte zu ihm lediglich. "Lass nur, das ist es nicht wert."
"Wofür war das denn jetzt?" wollte Jim wissen.
"Hat bestimmt etwas damit zu tun, dass er vorhin über eine Stunde von Hudson angebrüllt wurde. Liege ich richtig?", sagte der Commander und sah zu Lucas, der nickte. Anschließend nahm Jonathan das Wort wieder auf: "Ich musste zum Glück nicht dabei bleiben. Sobald ich das Quartier vom Captain verließ, begann dieser drinnen bereits zu schreien, was für ein schlechtes Vorbild er sei und wie er denn sich mit einem Zivilisten in das System einhacken könne."
"Anscheinend haben wir was verpasst." sagte Tony, der noch immer am liebsten diesem aufgeblasenen Knilch eine Lektion erteilen wollte.
"Allerdings und jetzt wird er wohl gleich zu Henderson rennen und sich ausheulen wollen." Das hatte gesessen. Augenblicklich schnellte der Kopf des Commanders zu Lucas herum. Innerlich gratulierte er sich zu diesem wundervollen Schachzug. "Wie meinst du das?"
"Nun, so wie es aussieht ist er hinter ihr her. Sie treffen sich häufiger in der Schiffsbücherei." Lucas sagte das so beiläufig, als würde er von seinem letzten Kaffeeklatsch bei Oma erzählen. Auch wenn er beim letzten mal gerade fünf Jahre alt gewesen war, aber danach fragte zum Glück ja keiner.
Jonathan Ford ließ alles stehen und liegen und ging zu seiner Freundin, die er im Moment in ihrem Quartier wusste. Sobald er von ihr bestätigt bekommen würde, dass sie öfters mit Jeremy über Bücher redete oder was sonst noch in die Köpfe drang, konnte sich der Versorgungsoffizier aber auf etwas gefasst machen.
Ein wenig zufriedener mit sich selbst als noch vor wenigen Minuten, beendete Lucas sein Abendessen und begab sich in seine Kabine, wo er noch ein wenig mit Darwin über Märchen reden wollte. Der Delphin hatte vor kurzem seine Liebe für diese Geschichten der Menschen entdeckt und heute stand die Geschichte von einem der auszog das Fürchten zu erlernen auf dem Plan. Das würde ihn einiges an Erklärungen kosten, denn wie erklärte man einem Delphin, der so etwas wie Geister und Gespenster nicht kannte, dass sich die Menschen vor genau diesen Dingen fürchteten?
Sie waren gerade bei der Hälfte der Geschichte, als es an der Tür klopfte. Überrascht über den unerwarteten Besucher sah Lucas zur Tür. Seufzend legte er das Märchenbuch zur Seite, schaltete vorsichtshalber den Vocoder aus, denn Darwin hatte die Angewohnheit sich gerne in Gespräche einzumischen, und ging zur Tür. "Lauren!", sagte er genervt.
"Ja, ich bins. Lässt du mich rein kommen?" Ihre Händen spielten nervös an dem schwarzen Rocksaum herum.
"Nein."
"Bitte, ich muss mit dir reden."
Das Klischee schien zu stimmen; Frauen wollten immer nur reden. Tief Luft holend versuchte er seinen Ärger unter Kontrolle zu halten. "Es gibt nichts, worüber wir reden müssten und nun lass mich bitte allein, ich habe noch zu tun. Der Tag war verdammt lang, nimm mir nicht das bisschen Freizeit das ich noch habe."
Lauren dachte nicht daran, sie drängte sich einfach an ihm vorbei ins Zimmer. "Tut mir leid, aber das ist wichtig."
Perplex sah Lucas auf den leeren Platz auf dem Gang und dann zu dem Mädchen, das sich nun ein wenig in seinem Quartier umsah. Konnte man aufdringlich sein? Frustriert schloß er die Tür. "Mach es aber kurz!"
"Das geht nicht. Wir müssen das schon ausführlich besprechen!"
Lucas seufzte genervt auf. "Es gibt nichts zu besprechen. Ich hab dich benutzt, es tut mir leid, da falsche Hoffnungen geweckt zu haben, aber ich musste meine Befehle befolgen. Absichtlich tu ich sowas nicht!"
"Siehst du, genau das habe ich an dir gemocht! Du bist in Wirklichkeit ein sehr zarter Mensch, der die Gefühle von anderen respektiert. Du hast auch mir nicht weh tun wollen. Das finde ich total süß von dir. Aber meinst du nicht auch, wir könnten dennoch versuchen allen anderen Dingen zum Trotz, es miteinander versuchen? Unsere Liebe hat eine Chance verdient." Sie kam zu ihm und hielt seine Hände fest in den ihren. Es fehlte nicht mehr viel und ihre Augen würden in Herzchenform anfangen zu blinken. Das Computergenie konnte nicht glauben wo es da nur hinein geraten war.
"Kann ich dich denn gar nicht vom Gegenteil überzeugen? Ich finde dich nett und bis vor kurzem hatte ich noch nicht einmal den Eindruck, dass du nervig bist, das ändert sich nur gerade sehr stark." Er runzelte die Stirn.
"Nein, denn ich glaube es einfach nicht. Du warst zu perfekt um das alles nur gespielt zu haben. Ich werde nicht eher aufgeben, bis wir wenigstens ein kleines Date hatten bei dem wir uns unserer Gefühle klar werden. Ich bin mir sicher, das musst du auf jeden Fall tun."
"Ach, das muss ich." Er nahm ihr seine Hände weg und schob sie aus seinem Quartier. "Ich weiß besser was ich jetzt tun muss und das ist ins Bett gehen. Der Tag war lang und anstrengend. Gute Nacht." So schnell wie möglich schlug er die Tür zu. Die verdutzte Lauren, die weiterhin draußen stand, beobachtete er einfach nicht mehr, sondern ignorierte ihre Versuche erneut in seine Kabine zu kommen. Noch fast eine Viertel Stunde lang klopfte und rief sie seinen Namen, doch er hatte abgeschlossen. Mit den Kopfhörern auf den Ohren konnte er noch nicht einmal mehr ihre Stimme hören. Für Darwin war dies nicht die perfekte Situation aber in Anbetracht der Umstände verstand er seinen menschlichen Freund, weshalb er sich jemand anderen suchte, den er ärgern konnte. Tony zum Beispiel. Der hatte doch nie was zu tun und die unbekleideten Weibchen auf dem Papier würde er später auch noch angucken können. So lagen am Ende des Tages nicht nur bei dem Ensign die Nerven blank.
Lucas war gerade unter die Bettdecke gekrochen, als jemand begann wild gegen seine Tür zu pochen. Wütend schlug er die Decke zur Seite. Derjenige, der das nun war, konnte sich auf was gefasst machen. Er riß die Tür auf und wollte gerade loslegen, als Brody ihn nur fies angrinste. "Zieh dir was an und komm mit, du wirst deinen Spaß haben." Nebenbei winkte er mit einer Disc, die er in der Hand hielt. "Ich werde es sogar aufnehmen."
Fragend sah der Wissenschaftler den Lieutenant an. "Bitte was?"
"Es hat was mit Reynolds zu tun und dem was du beim Abendessen vorbereitet hast. Nun mach schon, ich glaube nicht, dass Ford zu lange brauchen wird bis er zur Brücke kommt. Er hat heute Nachtdienst und zufälligerweise ein ganz bestimmter Versorgungsoffizier auch. Du zapfst die Überwachungskamera der Brücke an, während ich alles schön filme." Jim zog die Augenbrauen hoch. Erwartend sah er Lucas an.
"Geh zum Hauptlabor, ich bin in zwei Minuten fertig angezogen da!" Diese Aussichten waren eine schlaflose Nacht wert. Brody drehte sich feixend herum und lief schon mal los, während Lucas aus seinem Spind eine Hose heraus zog sowie sich ein Hemd überwarf. Tatsächlich vergingen keine fünf Minuten bis er Brody zum Hauptlabor gefolgt war. Der Lieutenant hatte es sich bereits an einem der Tische mit den Computern bequem gemacht. "Spielst du das öfters?" fragte er, als er ein paar Spiele unter diversen Unterlagen vor zog.
"Ab und an." grinste der Ensign. "Rutsch mal." Er ließ sich auf einem anderen Hocker nieder. Der Computer fuhr bereits hoch. Die Kamera von der Brücke hier auf den Bildschirm zu bekommen war kein Problem, das gleichzeitig aufnehmen schon gar nicht, nur erst sollten die Computer an sein und das konnte manchmal dauern. Lucas hielt die Hand auffordernd zu Jim, damit dieser ihm die Disc gab.
Wie vor einem spannendem Film im Kino hatte sich Brody bereits Chips besorgt.
"Sei aber vorsichtig damit das du mir hier nichts vollkrümelst." warnte Lucas ihn und gab sein Passwort ein.
"Willst du auch was?" bot Jim ihm etwas von den Chips an. Lucas ließ sich nicht lange bitten. Er holte eine Faust voll von dem Knabberzeug aus der Tüte. Mit fliegenden Fingern gab er anschließend ein paar Befehle ein und lehnte sich zurück. Sie sahen nun die Brücke von oben. Aus den Lautsprechern drangen ein paar Geräusche wie das Husten von einigen Offizieren, die eine leichte Erkältung hatten oder die Befehle, die man am Ruder den Leuten am Steuer gab. Nichts war laut genug um genaue Worte verstehen zu können, doch das allgemeine Gemurmel auf der Brücke war zu hören.
Reynolds tat brav seinen Dienst an einer der Konsolenreihen. Die zwei hatten die Zeit perfekt abgepasst, denn genau jetzt betrat Commander Ford die Brücke. Für jemanden, der ihn nicht gut genug kannte, war da nichts besonderes dabei, doch... "Siehst du den Blick den er drauf hat?" fragte Brody aufgeregt.
"Jaja, kann ich sehen. Der hat ihn bereits ins Visier genommen. Sicher hat Henderson zuviel von ihrer tollen Freundschaft erzählt." Lucas griff gleich eine weitere Faust voll von den Chips.
Auf dem Bildschirm ging der Commander zur Kommandostation, sprach ein paar Worte mit den dort Dienst tuenden Offizieren und wandte sich dann dem Versorgungsoffizier zu. Langsam schritt er zu dessen Konsole. Finster beobachtete er dessen Arbeit. Obwohl Jonathan Ford kein Wort sagte, konnten die beiden Beobachter sehen wie die Nervosität die Schweißproduktion bei Jeremy Reynolds beschleunigte. Dieser Anblick allein war Genugtuung für Lucas.
Nun beugte sich der Commander nah an den Versorgungsoffizier heran. Er sagte nicht viel, nur ein paar Worte, aber es reichte um den Gesichtsausdruck nackter Angst bei Reynolds auftauchen zu lassen.
"Was meinst du hat er ihm jetzt gesagt?" Lucas legte die Füße lässig auf die Tischplatte. "Entweder, er soll sich von Henderson fern halten, sonst schießt er ihn durch die Torpedoröhren raus den Haien zum Fraß vor, oder er wird es langsam an gehen und ihm nur drohen, er soll sich von nicht mehr in der Nähe der Schiffsbücherei blicken lassen?"
"Ich tipp auf eine klare Ansage! Das Hintenrum ist nichts für ihn. Weißt du noch wie er Tony fertig gemacht hat? Das hat Piccolo sofort geschnallt gehabt und ist zu Henderson gerannt um es ihr zu sagen. Den Fehler macht Ford nicht nochmal. Der wird bestimmt dafür gesorgt haben, dass Reynolds seinen Lebtag keine Frau mehr ansieht, die auch nur in entfernter Weise mit Ford redet."
Lucas lachte. "Das gefällt mir. Wir bräuchten hier noch einen Knopf, den sich der Commander ins Ohr steckt um selbst noch ein paar Gemeinheiten durchgeben zu können."
"Hey, das wäre doch was. Kannst du da was bauen?"
"Bauen schon, aber ich glaube nicht, dass das dem Protokoll der UEO entspricht."
"Muss ja keiner wissen."
"Das ist Mobbing am Arbeitsplatz!" sagte Lucas entrüstet und sah zu Jim. "Es ist eine Sache wenn man sich rächt, aber eine andere, wenn man das nicht mehr zum Ende bringt. Wir haben das Video hier, das reicht aus um unseren netten Versorgungsoffizier wenigstens für eine Weile zum schweigen zu bringen."
"Der macht doch auch Mobbing."
"Ja, das kann man aber nicht so sehen. Der kann mich nicht leiden, das ist alles. Es ist nichts, bei dem man gleich verzweifeln muss. Du siehst ja wie ich mich wehren kann. Ich glaube unser guter Reynolds hat seine Lektion vorerst gelernt und falls nicht, wird er schon noch merken, dass man mich am besten nicht so sehr ärgert." Da war ja noch ein kleiner elektrischer Defekt in der Kabine von Reynolds, den er schon beinahe aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte.
Lucas gähnte herzhaft auf. "Ich seh mir morgen den Rest an. Den besten Gesichtsausdruck hab ich schon mitbekommen und die Aufnahme läuft ja noch. Wenn du gehst, dann schalt einfach nur den Bildschirm aus. Gute Nacht." Der Wissenschaftler stand auf und verließ das Labor. Nun war es wirklich langsam an der Zeit ins Bett zu kommen. Todmüde fiel er in sein Bett und bemerkte nicht, dass er in seiner Abwesenheit einen Anruf bekommen hatte...
written 15/10/05
