Unterkunft
Hermine sah sich im Gemeinschaftsraum um. Die Farben von sowohl Slytherin als auch Gryffindor waren in die Möbel eingearbeitet. Die Wände waren tiefrot und die Sofas aus schwarzem Leder. Alles sah neu aus. Doch wie Hermine feststellte, als sie sich auf die Couch setzte, fühlte sie sich an, als wäre sie jahrelang in Gebrauch gewesen, völlig durchgesessen und teuflisch bequem. Sie schmiegte sich weiter in die Kissen und starrte in das Feuer, das beständig im Kamin auf der anderen Seite des Raumes brannte. Sie schloss die Augen und nahm den wundervollen, natürlichen Duft nach Leder und verkohltem Holz und den betörenden Geruch von Altertum auf, der Hogwartseinfach verkörperte. Sie seufzte behaglich.
„Ich liebe es hier."
Sie zuckte leicht zusammen, als raues Fell über ihren Arm strich. „Krummbein", gurrte sie und nahm den orangefarbenen Kater in die Arme. Er schloss vor Freude die Augen, während Hermine ihn gedankenverloren streichelte.
„Das wird nicht so schlimm werden", dachte sie. „Malfoy ist direkt in sein Zimmer gegangen. Vielleicht wird er mich dieses Jahr überhaupt nicht stören. Das wird mir das Spionieren schwieriger machen als erwartet, aber wenn es mich davor bewahrt, mich mit ihm auseinandersetzen zu müssen…" Ihr Gesicht verzog sich unbewusst zu einem Ausdruck des Abscheus bei dem bloßen Gedanken an ihn. „Dummer Junge."
Eine große Standuhr, die ihr bei ihrem Eintritt entgangen war, schlug elf Mal. Wie auf Stichwort gähnte Hermine, die sich außerordentlich müde fühlte.
„Zeit ins Bett zu gehen, Krummbein." Sie setzte den Kater auf den Boden und stieg die Holztreppe zu den Schlafzimmern hoch. Sie schaute nach links, dann nach rechts. Die Türen sahen identisch aus.
Sie sah zu ihrem Kater hinunter und fragte sich, ob er ihr eine Antwort zu der Frage liefern würde, welche Tür zu ihrem Zimmer führte. Stattdessen warf er ihr einen Blick aus seinen großen gelben Augen zu und fuhr fort sich zu putzen.
„Also, du bist eine große Hilfe", tadelte Hermine mit einem Lächeln. „Na schön. Sieht so aus, als müsste ich mich auf die altmodische Art entscheiden: Raten." Sie schaute nochmals zu jeder Tür und zuckte die Achseln, als ihr kein logischer Weg zu einer Entscheidung einfiel. „Ich nehme die rechte Tür."
Sie klopfte an und legte ihr Ohr gegen die Tür, nur um sicherzugehen. Wenn sie nun ins Badezimmer platzte, während Draco am Duschen war… Sie schauderte bei der Vorstellung. Doch als sie keine Antwort hörte, drehte sie den Türknauf und ging hinein.
Es war, als trete sie in ein Märchen. Hermines Traumzimmer lag vor ihr – alles, das sie sich jemals wünschen könnte, schien vor ihren Augen zu sein. Ein riesiges Himmelbett mit einer purpur- und goldfarbenen Decke stand in der Mitte. Glänzendes Kirschholz betonte das Rot der Bettlaken. Der Effekt wäre vollkommen überwältigend gewesen, wäre nicht die helle Creme- Farbe an den Wänden und den weiten Flügelfenstern gewesen, die ihr einen fantastischen Ausblick auf den Verbotenen Wald von einem Steinbalkon boten.
Das Badezimmer war genauso herrlich: cremefarbene Einrichtung, alles mit Gold verziert. Was normalerweise kitschig wirkte, sah stattdessen wunderbar aus. Zarte Kunst in verschnörkelten Rahmen hing an den Wänden. Keine Porträts, sondern Landschaften von weit entfernten Orten. Die Badewanne war groß genug für mindestens drei Leute und hatte zehn verschiedene Hähne. Hermine schüttelte staunend den Kopf: Hogwarts wurde von Jahr für Jahr besser.
Nachdem sie mit den Wasserhähnen und den Massage- Einstellungen herumgespielt hatte, ließ Hermine sich im Bad nieder und schlief fast ein. Das Wasser war so warm und entspannend… wenn die Standuhr nicht Mitternacht geschlagen hätte, wäre Hermine sehr wahrscheinlich die ganze Nacht im Wasser geblieben. Widerwillig stieg sie aus der Wanne und trocknete sich ab, um sich mehr als zufrieden in die purpurne Bettdecke ihres gemütlichen Bettes zu schmiegen.
„Das wird ein gutes Jahr werden", dachte sie. „Anders, aber gut." Sie schlummerte schnell ein, ein Lächeln auf dem Gesicht.
Ihr Wecker klingelte früh am nächsten Tag. Die sanfte Morgensonne strahlte durch die teilweise geöffneten cremefarbenen Vorhänge und blendete sie. Sie seufzte und legte träge den Arm über den Kopf. Hermine tastete nach dem Wecker und suchte verzweifelt nach dem Snooze- Knopf.
Endlich fanden ihre Finger die richtige Stelle und Hermine durfte weitere sieben Minuten behaglichen Schlafs genießen. Er klingelte wieder – ihre Finger fanden den Knopf dieses Mal schneller. Weitere sieben Minuten, wieder drückte sie den Knopf.
Hermine verlor den Überblick darüber, wie viele Male ihr Arm sich unter der Decke hervorschlängelte, um den so süchtig machenden Snooze- Knopf zu drücken. Als sie endlich bereit war aufzustehen, war es schon 8:30.
Es dauerte eine volle Minute, bis die Zeit richtig in ihr Bewusstsein trat. „8:31…" Plötzlich verwandelte sich ihre Schläfrigkeit in Panik. „8:31! Ich habe Unterricht in vierzehn Minuten!" Sie stieß einen kurzen Schrei aus, hechtete aus dem Bett und begann sich anzuziehen.
„Merlin sei Dank für die Uniformen", murmelte Hermine, während sie sich Rock, Bluse und Krawatte überzog. Mit einem Haargummi und ein paar Haarklammern eilte Hermine aus der Tür. Ihr Morgenritual hatte fünf Minuten gedauert – ein neuer Rekord.
„Ich habe zehn Minuten, um einen fünfzehnminütigen Weg in den Kerker zu gehen", dachte sie, während sie durchs Porträt- Loch stieg. „Das ist unmöglich." Die Gestalt in dem Gemälde musste ihre Gedanken aufgeschnappt haben. Denn sie meldete sich zu Wort, gerade als sie den Korridor hinuntereilen wollte.
„Nicht unbedingt", sagte der Mann in dem Porträt. „Es gibt eine Abkürzung. Sie führt direkt durch diese Wand, den Korridor entlang, dann nach rechts. Es wird dich in den Kerker führen. Gib nur Acht, dass niemand dich sieht."
„Ich danke Ihnen, Sir. Tut mir leid, dass ich nicht länger bleiben kann, um mit Ihnen zu plaudern."
„Ich werde später auch noch da sein. Bis dann, Miss."
Mit einem hastigen Lächeln zum Porträt trat Hermine durch die Wand und folgte den Wegweisungen des Porträts. Gemäß seinen Worten führte der Weg fast direkt zum Kerker. Sie hatte noch drei Minuten, bevor der Unterricht anfing.
„Ich muss daran denken, ihm später ausgiebiger zu danken. Und ihn zu fragen, ob es noch andere Wege durch die Schule gibt, die ich gebrauchen könnte."
Sie strich ihre Roben glatt, holte tief Luft und trat in den Klassenraum, als wäre alles wie immer. Zwei Köpfe drehten sich um, um ihren Eintritt zu quittieren. Beide betrachteten sie mit Überraschung, Ron lächelnd, Draco höhnisch. Sie begrüßte Ron fröhlich und nahm neben ihm Platz. Sie erklärte ihm ihr spätes Erscheinen, bevor er auch nur fragen konnte.
„Wie zur Hölle hat sie es so schnell hergeschafft?", wunderte Draco sich, als Hermine durch die Tür trat. „Ich bin gerade erst angekommen und ich bin fünfzehn Minuten früher losgegangen!" Funken sprühten aus der Spitze seines Zauberstabs vor Verärgerung. „Sie weiß etwas, das ich nicht weiß… Wunderbar."
Dass Hermine pünktlich zum Unterricht war, versetzte Draco in nur noch schlechtere Laune. Nicht nur war er später aufgewacht als geplant und hatte deshalb gezwungenermaßen das Frühstück ausfallen lassen, sondern er wurde auch auf dem ganzen Weg zum Klassenzimmer angestarrte. Schüler, die er noch nie zuvor gesehen hatte, zeigten nun ein perverses Interesse an ihm. Entweder verfielen sie in unnormales Schweigen oder brachen in lautes Raunen an, wenn er vorbeiging.
Normalerweise hätte Draco die Aufmerksamkeit genossen und vielleicht einen Vorteil daraus geschlagen. Aber nun nicht mehr. Jetzt versuchte er, ihre anklagenden Blicke und unverhohlenen Zeigefinger, die auf ihn gerichtet wurden, zu ignorieren, doch er erblickte sie überall. Draco sah Furcht in den Augen der einen, Hass und Verachtung in den Blicken der anderen.
„Es sind nicht die, die mich fürchten, um die ich mir Sorgen machen muss…", dachte er. „Es sind die, die mich hassen, die Schwierigkeiten machen werden. Es wird bald etwas passieren, das die gesamte Schule gegen mich aufbringen wird, darauf wette ich. Nur eine Frage der Zeit…"
Er seufzte und schrieb die Zaubertränkezutaten und Anweisungen ab, die von Slughorn an die Tafel geschrieben worden waren. Er schickte Blaise los, um die Zutaten zu holen, während er ein Feuer entfachte. Beim Warten warf er einen verstohlenen Blick zu Hermine, die zu seiner Rechten saß. Sie war auf das Feuer konzentriert, musste aber seinen Blick gespürt haben, denn sie sah für einen Moment auf.
Hermine fühlte Dracos brennenden Blick auf ihrem Gesicht. Sie wandte den Kopf, um ihn ruhig zu mustern. Er verengte die Augen, nicht im üblichen Hass, sondern in seltener Verwirrung.
„Er wundert sich, wie ich so schnell hergekommen bin", dachte sie mit Gewissheit. Sie lächelte selbstgefällig und kicherte. Ihr hochmütiger Blick wurde zu einem zufriedenen Feixen, als sie sah, wie Draco rot wurde und sich wieder seinem Feuer zuwandte, das begonnen hatte, aus irgendeinem Grund schwarze Rauchfahnen auszuspucken.
„Vielleicht mag ihn das Porträt nicht so gerne", überlegte sie. „Verständlicherweise natürlich, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie Partei ergreifen dürfen. Ha, nun ja. Nicht mehr, als er verdient hat."
Sie zuckte die Achseln und fing an, sorgfältig die Zutaten zu schneiden, die Ron zu ihrem Arbeitsplatz zurückgebracht hatte.
Trotz des steinigen Anfangs ihres Morgens genoss Hermine den Rest ihres Tages. In ihrer Verwandlungsstunde auf UTZ- Niveau begannen sie mit dem Prozess, Animagus zu werden, Professor McGonagalls Ziel für das Schuljahr. Die erste Aufgabe der Schüler war es, sich zu überlegen, in welches Tier sie sich verwandeln wollten. Deshalb überraschte es Ron keineswegs, dass Hermine ihr Essen runterstürzte und sich zur Bücherei aufmachte.
Sie lief durch die vertrauten Korridore, ohne auch nur nachzudenken. Sie war schon so oft in der Bücherei gewesen, dass sie den Weg im Schlaf gefunden hätte.
„Was soll es sein?", überlegte Hermine. „Was für ein Tier wäre perfekt für mich?" Sie dachte an ihren Patronus. „Ich mag den Otter. Ich finde, er ist die perfekte Verkörperung von mir: schlau und intelligent, aber gleichzeitig verspielt. Nicht zu vergessen süß!" Sie lachte in sich hinein und schüttelte den Kopf darüber, wie eingebildet sie insgeheim war.
Hermine übersah, zu welcher Frau sie sich in den letzten zwei Jahren entwickelt hatte. Ihr Haar hatte sich endlich in sanfte braune Locken gelegt, die den Großteil der Zeit leicht zu bändigen waren. Sie hatte das Auftreten des typischen Bücherwurms gegen eine ruhige, würdevolle Intelligenz ausgetauscht, vermischt mit dem abenteuerlichen Geist eines Teenagers.
Ihr Körper war ebenfalls gereift. Hermine hatte schlanke Beine und eine wohlgeformte Figur. Ihr Gesicht war hübsch und benötigte kein Make- up oder Zauber, auf die der Lavender- Brown- Typ versessen war. Noch verlockender als ihr Körper war das Selbstvertrauen, das sie an den Tag legte. Sie hielt den Kopf hoch beim Laufen und lächelte oft trotz der Last des aufkommenden Kriegs. Hermine war der Inbegriff dessen, wie eine jugendliche Hexe sein sollte, und alle sahen es außer ihr.
Sie erreichte die Bücherei und nickte Madame Pince zu, mit der sie eine verständlicherweise freundliche Beziehung hegte. Hermine durchstöberte die massiven uralten Wälzer auf den hohen Regalen und wählte einige Bücher über Animagi und magische Tiere aus.
Sie schleppte die Bücher zu ihrem Zimmer. Schweiß trat auf ihre Stirn, während sie abermals durch die Korridore lief. „Warum haben sie die Gründer bloß so weit weg von allem verfrachtet?", brummte Hermine leise. „Das ist lächerlich. Es muss doch mehr als einen Weg geben, der von meinem Schlafraum zu den Klassenräumen führt."
„Sie haben Recht, Miss Granger", ertönte eine Stimme von der Wand. Hermine, die nicht realisiert hatte, dass sie an ihrem Raum angekommen war, zuckte zusammen und ließ vor Überraschung die Bücher fallen. Das Porträt gluckste leise. „Ich bitte um Entschuldigung."
„Oh, ist schon gut", sagte Hermine, während sie sich bückte, um die Bücher aufzusammeln. Als sie aufstand, bekam sie eine gute Sicht auf das Porträt.
Darin war ein vornehm aussehender Mann mit dunkelblondem Haar und buschigen Augenbrauen in derselben Farbe. Seine Augen waren sanft und golden mit braunen Flecken. Sein Gesicht war auf angenehme Weise wettergegerbt. Lachfältchen zierten die Winkel seiner Lippen und Augen. Er lächelte königlich auf Hermine herunter, während er auf ihre Gedanken antwortete: „Ja, Miss Granger. Mein Name ist Godric Gryffindor. Ich fühle mich geehrt, Sie kennen zu lernen. Und darf ich diese Gelegenheit nutzen zu sagen, wie stolz ich darauf bin, Sie in meinem Haus zu haben."
„Vielen Dank, Sir", sagte Hermine und lächelte geschmeichelt. „Und danke, dass Sie mir heute Morgen den Weg gezeigt haben. Ich hätte es niemals pünktlich zum Unterricht geschafft ohne Sie. Aber ich muss Sie fragen, gibt es noch andere Wege, die ich zum Unterricht benutzen kann? Es ist ein sehr langer Weg…"
„Ja, Miss Granger, gibt es. Aber ich würde es vorziehen, sie Ihnen nicht zu verraten." Hermines Miene fiel zusammen bei Godrics Worten. „Stattdessen wäre es mir lieber, wenn Sie es selbst herausfinden, vorzugsweise gemeinsam mit Ihrem Amtskollegen, dem Schulsprecher. So können Sie kennen lernen, welche Wege wohin führen, und zur gleichen Zeit ein Abenteuer durch einen Teil von Hogwarts erleben, den nur wenige gesehen haben."
„Und was ist, wenn wir dieses Abenteuer nicht wollen?", ertönte eine herablassende Stimme hinter Hermine. Draco schien wie aus dem Nichts an ihrer Seite aufzutauchen.
„Mr. Malfoy", sagte Godric in leicht kühlerem Tonfall. „Ja, Salazar war sehr stolz, als Sie in sein Haus gewählt wurden: ein weiterer Malfoy in Slytherin. Ich wage zu behaupten, dass Sie bisher jede einzelne Eigenschaft erfüllt haben, die mein Schulkamerad in einem Schüler wertschätzt, von denen einige nicht gerade vorbildlich sind." Draco streckte stolz die Brust heraus trotz Godrics Bemerkung. „Was für ein Glück für Sie, dass Sie Miss Granger an Ihre Seite bekommen haben. Vielleicht wird sie… Ihren Horizont erweitern." Er lächelte höflich, Dracos höhnische Miene ignorierend.
Hermine spürte, dass Draco zum Gegenschlag ansetzte und dass es nicht gerade zivilisiert ablaufen würde. Sie ging dazwischen, bevor er etwas sagen konnte. „Wir werden die Geheimgänge erkunden, sobald wir Zeit dazu haben. Aber wenn Sie mich entschuldigen würden, diese Bücher sind ziemlich schwer."
„Oh ja, natürlich. Hier ist mein Rätsel: Gott sieht es niemals, ein König nur selten. Von Männern jeden Tag gesehen, aber oft unerkannt. Was ist es?"
Hermine lächelte. „Ich habe das schon mal gehört. Weißt du die Antwort, Malfoy?" Sie sah ihn spitz an. Er musterte sie mit einem kalten und hochmütigen Blick, als wären solche Rätsel unter seiner Würde. Nach ein paar Sekunden Stille war es offensichtlich, dass Draco nicht antworten würde.
„Ein Ebenbürtiger", sagte sie mit einem eindringlichen Blick.
Hermine könnte schwören, dass sie sah, wie Dracos Miene leicht ins Wanken geriet. Sie bedankte sich bei Godric und trat beschwingt in den Gemeinschaftsraum, gefolgt von Draco.
AN: Vielen Dank für die Reviews beim letzten Kapitel! Bitte macht weiter so! Denkt daran, je mehr Kommentare ich bekomme, desto mehr fühle ich mich angespornt, rasch weiterzuschreiben!^^
