Zumindest war Freya nicht mit einem Nudelholz bewaffnet. Dafür mit etwas weitaus Schrecklicherem: einer Schere. Gimli wurde aschfahl unter seinem Bart und sah seine Ehre als Zwerg bereits in kleinen Locken zu Boden schweben.
„Oh, mein Liebling, wie schön dich zu sehen!", versuchte er zu retten, was zu retten war.
Die aschblonde Zwergin vor ihm stemmte die Fäuste in die breiten Hüften und funkelte ihn aus kleinen, wütenden Augen an. Dann zückte sie einen Brief, der ihm verdächtig bekannt vorkam, und wedelte damit vor seinem Gesicht herum.
„Und du denkst, das genügt, um mich zu besänftigen?", keifte sie.
Die Wachen verfolgten das Geschehen bereits viel zu interessiert, stellte Gimli besorgt fest. Bald wäre er das Gesprächsthema des ganzen Berges.
„Aber … nein", gestand Gimli geknickt. Er konnte dieser Zwergin einfach kein Kontra geben!
„Das. Ist. Keine. Entschuldigung!", stutzte ihn Freya weiter zurecht.
Gimli schrumpfte auf die Größe einer Nussschale zusammen. „Es ging wirklich nicht anders", versuchte er seine Haut zu retten. Oder das davon zu retten, was zu retten war. „Wenn du erst einmal selbst miterlebst, was sich hier zusammenbraut, wirst du es verstehen."
„Ich bin deine Verlobte!", erinnerte Freya ihn. „Das bringt diverse Verpflichtungen für dich mit sich! Ich dachte, es sei sonst etwas passiert, und hatte voller Sorge diese Reise unternommen! Stattdessen erreichte mich nur wenige Tagesmärsche vor dem Einsamen Berg dieser Brief, in welchem du mir mitteilst, dass du einfach nur vergessen hast, mir zu schreiben!"
Das tat weh. Gimli fuhr zusammen und hielt den Kopf gesenkt. Seine Verlobte hatte im Grunde Recht.
Wieder wedelte sie mit der Schere vor seinem Gesicht herum. „Eigentlich müsste ich dir den Bart dafür abschneiden!", knurrte sie.
„Nein! Nicht der Bart!", rief er panisch aus. „Alles, nur nicht das!"
Das Lächeln, das sich daraufhin auf Freyas Gesicht ausbreitete, wollte ihm gar nicht gefallen. „Du hast also deine Lektion gelernt?", wollte sie lauernd wissen.
Ergeben nickte er. „Ich gelobe feierlich, dass ich nie wieder so saumselig sein werde."
Seine Verlobte musterte ihn streng vom Scheitel bis zur Sohle. Anscheinend war sie noch nicht völlig überzeugt.
„Und ich werde natürlich jetzt voll und ganz für dich da sein", versprach er weiter.
Nun nickte sie zufrieden und steckte die Schere in ihr Kleid.
Erleichtert atmete Gimli auf. Er reichte ihr den Arm, welchen sie sogar annahm, und führte sie nun endlich von den Wachen fort. Auch wenn Freya manchmal recht schwierig war, so liebte er sie doch von ganzem Herzen. Es war jene Art von Zwergenliebe, die überwiegend recht rau und manchmal auch etwas derb und deftig war, dafür aber umso herzlicher. Nicht jeder Zwerg fand seine bessere Hälfte und manche verzichteten sogar ganz auf eine Bindung dieser Art. Daher wusste Gimli, dass er sich durchaus glücklich schätzen konnte, eine der wenigen Zwergenfrauen abbekommen zu haben und dabei auch noch solches Glück hatte.
„Hat man sich bereits um dich gekümmert?", fragte er.
„Nein, ich bin auf direktem Wege hierhergekommen", erwiderte sie. „Die Angelegenheit brannte mir zu sehr unter den Nägeln, als dass ich sie warten lassen wollte."
„Umso besser, denn dann kann ich mich nun um dein leibliches Wohl sorgen!", kommentierte er begeistert.
Freya wirkte mittlerweile um einiges ruhiger und besänftigter. Dennoch sollte er sie erst einmal weiterhin mit Vorsicht behandeln. Nicht, dass sie doch noch einmal explodierte. Er brachte sie daher in seine Gemächer und ließ ihnen ein reichliches Mal und dazu eine ordentliche Portion Bier bringen. Nichts war besser als Malzbier, nicht einmal Thranduils Wein konnte sich daran messen!
Während des deftigen Essens stieg Freyas Laune noch einmal sichtlich. Es schien ihr sehr zu gefallen, wieder in der alten Heimat zu sein und das Essen zu genießen, welches sie einen Großteil ihres Lebens gekannt hatte. Während sie aßen, beobachtete Gimli sie ausgiebig und freute sich, seine Verlobte wieder zu sehen. Er hatte sie vermisst.
Freya war eine Zwergin aus gutem Hause. Ihr Vater war ein angesehener Schmied, welcher seine Waren weit über die Grenzen des Königreiches unter dem Berge verkaufte. Gimli hatte Freya kennengelernt, als sie mit ihrem Vater einen Stand auf dem Markt von Thal betreut und dessen Waren verkauft hatte. Eigentlich hatte Gimli nichts benötigt und hatte gar nichts kaufen wollen, aber er war sofort angetan gewesen von der damals noch unbekannten Zwergin.
Das war kurz vor dem Ringkrieg gewesen. Damals hatten alle nur seinen Vater gekannt und ihn maximal mit einem Nicken bedacht – insofern sie ihn überhaupt als Sohn Glóins erkannten. Freya hatte ihm freundlich zugelächelt, wie sie allen Kunden freundlich zulächelte, und hatte ihm ein recht großzügiges Angebot gemacht, welches er nur deswegen angenommen hatte, weil er ihr eine Freude hatte machen wollen. Dann hatte er sie gefragt, welches von den Schmuckstücken ihr am besten gefiel, und dieses, eine edelsteinbesetzte Kette, ebenso gekauft. Später hatte er ihr diese Kette samt einigen anderen Schmuckstücken geschenkt.
Danach ging ihm Freya für Tage nicht mehr aus dem Kopf. Beinahe hatte er den Verdacht, dass sein Vater ihn deswegen mit nach Bruchtal genommen hatte, dass er endlich wieder auf andere Gedanken kam und nicht mehr mit dem Kopf zwischen den Wolken schwebte.
Nach dem Ringkrieg war sein Name auf einmal in aller Munde und das Interesse an ihm rege. Auch Freya schien mit einem Male ein besonderes Interesse an ihm zu hegen. Er konnte nicht abstreiten, dass ihm dies gefiel. Legolas hatte natürlich indes auch mitbekommen, dass Gimli seit längerem ein Interesse für diese Zwergin hegte, und auf seinem ersten Besuch im Königreich unter dem Berge hatte auch er sich von ihr und ihrem Vater einige zwergische Schmiedearbeiten andrehen lassen, um Freya ebenso kennen zu lernen.
Danach hatte er es wohl insgeheim zur Staatsaufgabe ausgerufen, seinen kleinen Freund mit dieser Zwergin zu verkuppeln. Dies führte zu einigen Peinlichkeiten (zumindest für Gimli), schlussendlich aber auch zum gewünschten Ergebnis.
Und nun saßen sie hier, hatten zumindest vorläufig ihren Streit beiseitegelegt und genossen gemütlich zusammen ein gutes, zwergisches Mahl. Sie waren verlobt und bald würde auch Hochzeit gehalten werden und alles war schön. Für einen kurzen Moment konnte Gimli all seine Sorgen vergessen. Der Alltag konnte warten.
