Diese Nacht lies er Nocturn in schnellem Tempo über die Ländereien seines Vaters galoppieren und genoss es, wie sein Haar zusammen mit der Mähne des Pferdes im Wind wehte und die Luft an seinen Ohren vorbei zischte. Freiheit. Dies war die pure Freiheit.
Wiesen und Felder verschwammen in seinen Augenwinkeln, er hörte den kräftigen Herzschlag des Pferdes und das Donnern der Hufe auf dem Boden.
In der Entfernung konnte er die Häuser einer Siedlung erkennen, die Fenster waren verdunkelt. Er bedauerte die Menschen, die diese wundervolle Nacht mit Schlafen vergeudeten. Die Nacht war wahrlich die bessere Zeit um zu leben. Sie steckte voller Möglichkeiten.
Wenn er es wollte, umhüllte und verbarg ihn die Dunkelheit.
Wenn er es wollte, tauchte ihn der Mond in sein sein helles Licht...
Ja, er hatte Mitleid mit denen, die es wohl nie schaffen würden, der Nacht ihr volles Potenzial zu entlocken.
Auch die Sonne hatte ihren Reiz gehabt, er erinnerte sich noch schwach daran. Doch eigentlich war er immer ein Nachtmensch gewesen. Dies lag zum einen daran, dass er schon als Junge viel Zeit mit seinem Vater verbracht hatte, was nur nach Einbruch der Dunkelheit möglich gewesen war. Seine frühesten Erinnerungen handelten davon, wie er sehnsüchtig darauf wartete, bis die Sonne endlich untergegangen war, so dass er zu ihm gehen und mit ihm die verschiedensten Dinge unternehmen konnte.
Schon von Anfang an war ihm klar gewesen, warum sein Vater tagsüber nie für ihn zu sprechen gewesen war und warum er, während die Sonne schien, immer nur von Kindermädchen und Bediensteten umgeben wurde.
Das Geheimnis, dass seinen Vater umgab, veranlasste das Personal im Schloss zu den seltsamsten Dingen. Manche sprachen nur im Flüsterton von Seiner Exzellenz, andere erwähnten seinen Namen überhaupt nicht, wieder andere bekreuzigten sich, wenn sie die Schwelle des Schlosses überquerten...
Herbert aber hatte keine Angst vor ihm. Schließlich kannte er ihn nichts anders. Für kleine Kinder war die ganze Welt eine wunderbare und seltsame Angelegenheit. Das Wesen seines Vaters war nur ein weiterer Auswuchs einer Umgebung, die voller Abenteuer und Geheimnisse war. Es hätte ihn genau so wenig verwundert, wenn sein Vater hätte fliegen oder sich in eine Fledermaus verwandeln können.
Die dicke Köchin jedoch, die Herbert immer nur mit „Der arme Junge!. Der arme, arme Junge..." anzusprechen pflegte, trug ständig einen Kranz Knoblauch um den Hals, so wie andere Leute eine Perlenkette. Sein Tutor hatte die nervöse Angewohnheit, ab dem späten Nachmittag krampfhaft seine Taschenuhr zu umklammern, alle fünf Minuten einen Blick darauf zu werfen und „noch ist Zeit, noch ist Zeit..." zu murmeln.
Alles in allem kamen ihm diese Leute viel merkwürdiger vor als sein Vater.
Doch sobald die Nacht angebrochen war, waren sie verschwunden und das Schloss wie leer gefegt. Der riesige Bau war ein Abenteuerspielplatz für den kleinen Jungen, der mit dem Grafen dort ganz alleine war.
Die Nacht war schon immer eine besondere Zeit gewesen und war es auch heute noch.
+*+*
Manchmal leistete ihm sein Vater Gesellschaft, manchmal erblickte er in der Ferne ein paar Wagemütige, die sich von der Dunkelheit nicht hatten schrecken lassen. Meist jedoch war er ganz alleine bei seinen Ausritten.
Umso mehr verwunderte es ihn, als er in der Entfernung etwas hörte. Es klang wie eine helle Stimme. Von Neugier gepackt hielt er Nocturn an und lauschte in die Nacht. Sein feines Gehör verriet ihm, dass der Klang aus dem Dickicht des Waldes gekommen war, dessen Rand er gerade gestreift hatte. Da! Er hörte es schon wieder.
Wie interessant. Er beschloss, dem Klang nachzugehen. Wer wusste schon, wen er antreffen würde. Vielleicht war es lediglich ein Tier. Vielleicht war es aber auch ein Mensch, der sich verirrt hatte. Herbert konzentrierte sich auf den Hunger, mit dem er gelernt hatte zu leben. Die Stimme in seinem Kopf war noch nicht bestimmend und schmerzhaft, aber sie war deutlich wahrnehmbar, gleich einer eindringlichen Erinnerung. Wenn sich ihm nun die Gelegenheit bot, sie zum Schweigen zu bringen, würde er sicher nicht nein sagen...
+*+*+
Leise und vorsichtig bahnte er sich seinen Weg durch das Unterholz des Waldes. Mit minimalem Rascheln duckte er unter tief hängenden Zweigen hindurch und stieg beinahe lautlos über umgefallene und verrottende Baumstämme hinüber.
Keiner wäre je auf die Idee gekommen, dass er etwas anderes wäre, als ein Tier, das in der Nacht auf der Suche nach Nahrung war. Und genau genommen war er das ja auch.
Minimales Rascheln. Beinahe Lautlos.
Während er weiter schlich wunderte er sich wieder einmal darüber, wie sehr in dieser (und vielerlei anderer) Hinsicht seinem Vater gegenüber technisch unterlegen war. Dieser bewegte sich stets mit einer bewundernswerten Effizienz, die ihresgleichen suchte. Keine Energie wurde an unnötige Bewegungen verschwendet, so dass ihn kein Rascheln des Umhangs und kein Knacken eines Zweigleins verriet. Wenn der Graf es nicht wollte, konnte niemand, wirklich niemand, ihn hören. Bis es zu spät war.
Gut, auch Herberts Fähigkeiten waren beeindruckend. Wenn man es nicht genau wusste, dass da jemand durch den Wald schlich, hätte man es niemals vermutet. Doch welcher Stubentiger wollte schon mit einem Panther verglichen werden?
Herbert wusste nun, dass es ein Mensch war, der sich dort im Wald aufhielt. Ein Reiter vielleicht. Er konnte die Umrisse einer aufrecht stehenden Person erkennen und weiter weg den Geruch eines Pferdes wahrnehmen.
Er bog einige Zweige zur Seite und sah, dass es eine Frau war. Eine recht junge Frau. Klein, schlank, zierlich...
„Verflucht, verflucht, verflucht!" schrie die Frau. Dieser rüde Ausbruch schien so gar nicht zu den blonden Locken zu passen, die ihr hübsches Gesicht umrahmten.
Gefolgt wurden die Ausrufe von einem lauten Knacken, welches Herbert wider seiner Gewohnheit zusammen zucken lies. Die junge Frau war mit voller Wucht gegen den Baumstamm vor ihr getreten und rief dabei weitere laute Verwünschungen aus. Dieser Anblick war so ungewöhnlich, dass Herbert beschloss, das Schauspiel zunächst auf sich wirken zu lassen.
Die schulterlangen Locken der Frau waren verdreht und durcheinander.
Sie trat wiederum gegen den Baum. Die Äste der mittelgroßen Kastanie zitterten unter dem Aufprall. Sie schien recht jung zu sein. Anfang 20, wenn ihn sein Eindruck nicht täuschte. Ihre Augen funkelten in schierer Wut, ihr Mund war zu einer hasserfüllten Grimasse verzogen. Weitere Tritte gegen den Baum folgten.
Die Reisekleider, die sie trug, waren ausgefranst und staubig. Sie schien wohl schon länger hier zu sein.
Eine hoch beladene Kutsche stak schief im Gehölz. Ein Reisegefährte war jedoch nicht zu sehen. War die junge Frau ganz alleine im Wald unterwegs?
„Verfluchter Wald! Verfluchte Kutsche! Verfluchter Gaul!" Dabei untermalte die wütende Person jedes ihrer Wort mit einem wütenden Faustschlag.
Herbert amüsierte sich im Stillen. Diese Vorstellung war köstlich.
Die junge Frau schien einem Tobsuchtsanfall zu erliegen. Tritt auf Tritt und Schlag auf Schlag lies sie auf den Stamm der Kastanie niedergehen und fügte dem Gewächs damit, wenn er das Knacken richtig deutete, erheblichen Schaden zu. Das Pferd, welches einige Meter neben ihr angebunden war, sah der Dame interessiert zu.
Diese fuhr vor, den Baum zu misshandeln. Mittlerweile flogen kleine Holzstücke durch die Gegend. Der Baum schien langsam zu Kleinholz verarbeitet zu werden.
Spätestens jetzt wurde sich Herbert bewusst, dass etwas nicht stimmen konnte. Die Frau schlug nun schon minutenlang mit vollstem Körpereinsatz auf einen Baum ein. Jeder Mensch wäre nach körperlichen Betätigungen dieser Art längst in Schweiß ausgebrochen. Doch die Frau schwitzte nicht. Außerdem wäre keine Dame ihrer Statur in der Lage dazu gewesen, derart lange mit bloßen Fäusten auf einen Baum einzuschlagen, ohne sich dabei sämtliche Knochen zu brechen...
Herbert musterte sie genauer.
Mit einem letzten wütenden Schrei schlug sie auf den Baum ein. Danach lies sie sich auf den Boden gleiten und stützte den Kopf in ihre Hände.
Herbert hatte genug gesehen. Er war sich sicher, dass das kein normales Mädchen war.
+*+*
Erschöpft setzte Margareta sich auf den Boden, und vergrub den Kopf in ihren Händen. Dann jedoch hörte sie ein Räuspern, dass sie zusammenfahren lies.
„Ich störe nur ungern..."
Sie schreckte auf. Wie von der Tarantel gestochen sprang sie nach oben und suchte mit wilden Augen die Lichtung ab. Ihre Augen fielen schließlich auf einen jungen Mann, der bequem an dem Baumstamm lehnte, auf den sie gerade noch eingeschlagen hatte. Wo kam der denn her?
„Wer sind Sie denn? Wo kommen Sie her, ich habe Sie nicht kommen gehört...", Der Mann musterte sie amüsiert von oben herab. Er war einen halben Kopf größer als sie. Margareta besann sich eilig auf ihre höflichen Umgangsformen. Sie holte tief Luft, und versuchte es erneut. „Mein Name ist Margareta Fórizs. Und mit wem habe ich das Vergnügen?"
Der junge Mann lächelte sie an. Freundlich zwar, aber dennoch ein wenig arrogant.
„Sehr angenehm, Fräulein Fórizs." Er verneigte sich leicht. „Herbert von Krolock mein Name." Sein Lächeln wurde breiter.
„Dürfte ich erfahren, warum Sie sich auf derart unübliche Weise des Nachts auf den Ländereien meines Vaters betätigen?"
Was sollte sie antworten? Sollte sie dem Mann die Wahrheit sagen? Am Ende würde der es noch auf sich nehmen, ihr aus reinem Selbstschutz einen Holzpfahl durchs Herz zu bohren. Lieber nicht
Herbert von Krolock war äußerst gut aussehend. Seine langen blonden Haare waren vom Wind zerzaust und verliehen ihm ein jugendlich verwegenes Aussehen. Seine Reitkleidung war funktional aber dennoch sehr modern und hochwertig und betonte seinen schlanken Körperbau. Er schien ein Mann zu sein, der viel auf sein Äußeres gab.
„Denk nach, Margareta..." Mit Männern seines Schlages war sie doch bestens vertraut.
Sie öffnete ihre Augen weit und sah von unten zu ihm auf. Dabei bemühte sie sich, möglichst hilflos und unschuldig zu wirken. Dieser Blick war kampferprobt und hatte eine 99 prozentige Erfolgsquote bei allem was sowohl männlich als auch alter als 12 Jahre alt war.
„Ich wollte zusammen mit meinem Onkel zurück nach Budapest fahren und wir hatten einen UnfalI... Der Kutscher ist danach fort gelaufen. Mein Onkel ist den Wölfen zum Opfer gefallen." Sie versuchte, einige Tränen aus ihren Augen zu pressen, um die Geschichte glaubwürdiger zu machen. Erstaunlicherweise gelang ihr das nicht.
Normalerweise, wenn es so gelaufen wäre, wie sie es gewollt hätte, hätte der junge Mann sie jetzt von Mitleid ergriffen in den Arm nehmen müssen. Zumindest aber hätte er traurig ihre Hand nehmen und fassungslos den Kopf schütteln müssen.
Erstaunlicherweise tat er beides nicht.
Er sah sie nur forschend an, aus seinen hellen Augen. Ein bohrender Blick, der ganz und gar nicht ergriffen oder fassungslos wirkte.
„Oh, bemühen Sie sich nicht. Weinen werden Sie zukünftig nicht mehr können." merkte er trocken an. „Sie werden sich schon eine andere Möglichkeit überlegen müssen, um diesen Blick ein wenig eindrucksvoller wirken zu lassen, meine Liebe."
Margareta starrte ihn an. Was hatte dieser unhöfliche Kerl gesagt?
„Wie bitte?" zischte sie „was erlauben Sie sich! Wer denken Sie denn wer Sie sind, um so mit mir reden zu können?" Sie funkelte ihn wütend an.
„Dieser Blick passt schon eher zu Ihnen!" grinste Herbert. „Nur um eines klar zu stellen. Ich mag es nicht, angelogen zu werden. Und Ihr Herr Onkel wurde sicher nicht von Wölfen verspeist. Um diese Jahreszeit würden diese sich niemals so nahe an Menschen heranwagen."
Dummerweise war Naturkunde war noch nie ihre Stärke gewesen.
Herbert trat ein wenig näher zur Kutsche. Mit der Spitze seines Reitstiefels deutete er auf den Aschehaufen neben der Eingangstür. „Lagerfeuer?" fragte er beiläufig.
Margareta wurde er langsam unheimlich zu mute.
„Ja, mir war kalt..." sagte sie, und starrte ihn böse an.
„Das glaube ich gerne!" merkte er an und ging noch ein paar Schritte auf die Kutsche zu. „Und hungrig waren Sie auch, oder?"
Margareta war nun mehr als alarmiert. Sie zog es vor, lieber gar nichts mehr zu sagen.
+*+*+
Jetzt stand sie da. Sie war so unheimlich jung. Ob sie schon wusste, dass sie nun bis in alle Zeiten Anfang 20 bleiben würde, so wie er?
Ihr Blick war Gold wert. Er hätte nie gedacht, dass jemand so unheimlich verängstigt und zur gleichen Zeit so unheimlich wütend aussehen konnte. Er musterte die zerrissenen Sachen, die sie am Leibe trug. Sie musste schon zwei Tage allein unterwegs sein. Was ihr wohl widerfahren war?
Und wer hatte sie wohl gebissen? Es geschah äußerst selten, dass ein Opfer selbst zum Vampir wurde, wenn es nicht der explizite Wunsch desjenigen war, der sie gebissen hatte. Normalerweise überlebten „die Neuen" nur einige Stunden. Sie nicht. Sie musste sich durchgebissen haben, im wahrsten Sinne des Wortes...
„Und jetzt? Wie gedenken Sie, zurück nach Budapest zu kommen? Soll ich Ihnen ein Pferd und eine Kutsche leihen?" fragte er sie.
„Das wäre sehr freundlich von Ihnen, Herr von Krolock." sprach sie höflich zwischen zusammengepressten Zähnen. Ihre Augen jedoch sprachen eine andere Sprache. Interessant. Nach Budapest wollte sie also nicht.
„Es wäre mir eine Ehre!" Er lächelte sie an und verneigte sich leicht. „Aber erst müssen Sie mich begleiten. Sie werden ein schönes Zimmer für die Nacht bekommen, und morgen früh unternehmen wir einen kleinen Spaziergang über die Ländereien. Sie haben ja keine Ahnung, wie beeindruckend die Landschaft erst bei Sonnenlicht wirkt."
Die Panik, die nun in ihren Augen stand, war beinahe greifbar. Welch ein Spaß. Sie war aber auch unheimlich leicht zu reizen, die Kleine.
Am liebsten hätte er das Spiel noch etwas länger ausgedehnt, doch er wollte sie nicht noch länger quälen. Der Wutanfall, die Verzweiflung, der Schock über ihr neues Dasein... Sie war sicher fertig mit den Nerven. Wie süß, so jemanden hatte er noch nie getroffen...
+*+*
Er wartete noch einige Sekunden, dann konnte er endlich frei heraus lachen.
Margareta musterte ihn, als hätte er den Verstand verloren. Sie schien zu überlegen, ob sie einfach davonlaufen sollte.
„Verzeihen Sie mir..." Herbert schnappte nach Luft. „Ich wollte Sie nicht erschrecken."
Aber das tat er. Stand da und lachte, und lachte...
Hatte er den Verstand verloren? Warum lachte dieser Herbert von Krolock so? Sie überlegte sich, ob sie einfach wortlos davon gehen sollte. Ausgelacht zu werden war jetzt noch der Gipfel der Unverschämtheit.
Sie drehte sich auf dem Absatz um und wollte aufgebracht davon marschieren, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.
Sie fuhr herum. Herbert stand ganz nah neben ihr. Wie war er so schnell zu ihr gelangt? Eine Hand lag auf ihrer Schulter, mit dem Zeigefinger der anderen Hand berührte er die beiden kleinen Punkte an ihrem Hals.
Er lächelte sie breit an. Breit genug, damit sie seine perfekt weißen Zähne bewundern konnte. Perfekte weiße Zähne, mit geradezu erstaunlich spitzen Eckzähnen im oberen Kiefer...
Bevor sie sich losreißen und schreien konnte, hatte er auch seine zweite Hand um ihre Schultern gelegt.
„Keine Angst, Margareta. Ich tue Ihnen nichts". Seine hell grauen Augen bohrten sich in die ihren.
Und unerklärlicherweise glaubte sie ihm und hörte auf, sich zu wehren.
+*+*
