Anmerkung der Autorin: Ich weiß. Ich habe schon wieder ewig gebraucht. Aber es lässt sich leider nicht anders einrichten, mit Studium und Leben und allem. Und ich habe es schon wieder nicht geschafft, persönliche Reviewantworten zu verschicken, doch ich möchte die Gelegenheit nutzen und mich ganz, ganz herzlich und ehrlich für jedes einzelne Review zu bedanken. Ich freue mich wirklich immer wie wahnsinnig über eure Rückmeldungen und sie sind mir sehr, sehr wichtig.
Ansonsten: Ich muss das Vorwort zur Vierten Vorlesung revidieren. Das nachfolgende ist nun das bisher längste Kapitel (fünfzehneinhalb Seiten in meinem Schreibprogramm); ich hoffe, es wird euch nicht langweilig dabei. Und ich hoffe, ihr findet es nicht allzu langweilig, das verhältnismäßig lange "Vorspiel" zu lesen, in dem wir uns nur mit dem Dozenten und seinem Alltag befassen, ehe die Vorlesung beginnt.
Viel Spaß beim Lesen!
Fünfte Vorlesung
Als du aufwachst und die Augen öffnest, dreht sich die Welt eindeutig viel zu schnell für deinen Geschmack und du stöhnst leise auf, bevor du die Nase in dein Kopfkissen gräbst und dir die Decke über den Kopf ziehst, obwohl dein Wecker trotzig und bockig einfach weiterklingelt. Du knurrst „Ruhe!", doch natürlich hört er nicht auf dich und so musst du eine Hand unter der warmen Decke hervorholen und blind nach dem Wecker tasten, um ihn auszuschalten.
Als das nervige Klingeln aufhört, kehrt wunderbare, wohltuende Stille zurück in dein Schlafzimmer. Dein Kopf fühlt sich dennoch furchtbar an und du presst die Augen zusammen, wünschst dich zurück in die Dunkelheit der Nacht, zurück in den Schlaf, zurück in einen Traum, der nicht dein Leben ist. Manchmal ist es besser (aber schwieriger und seltener), zurückzugehen als vorwärts. Nichts ist linear. Du bist Historiker. Du musst es wissen.
Du erlaubst dir einige kostbare Minuten unter der Decke, ehe dein schlechtes Gewissen dich am Pyjamakragen (Pyjama – als wärst du zwölf) packt und an dir zieht und zerrt. Du weißt, dass du aufstehen solltest; du weißt eigentlich immer, was zu tun wäre, du hältst dich nur meistens nicht daran, obwohl man doch meinen sollte, dass du nach all den Jahren, in denen du dieses Verhalten nun bereits pflegst, endlich hättest begreifen müssen, dass es dir in den seltensten Fällen zum Vorteil gereicht.
Theoretisch weißt du ganz genau, dass es eine ziemlich ungünstige Idee ist, an einem vollkommen normalen, gewöhnlichen Dienstagabend mit Freunden was trinken zu gehen, um gemeinsam über alte Zeiten zu reden. In der Praxis hast du jedoch alle Bedenken sofort und begeistert über Bord geworfen und dich, wenn man es mal neutral betrachtet, am Vorabend gehörig betrunken. Was erklären würde, warum sich die verdammte Welt so verdammt schnell dreht, als du aus deinem Bett steigst.
Nie wieder, schwörst du dir und eine leise Stimme taucht aus den schwammigen Untiefen deines alkoholvernebelten Gehirns auf und erinnert dich daran, dass du diesen Schwur schon unzählige Mal getätigt hast und bisher jedes Mal aufs Neue einen Rückfall erlitten hast. Es scheint, als würdest du dich beständig weigern, aus deinen Fehlern zu lernen, obwohl Fehler eigentlich genau dafür gut sind. Um sich zu verbessern.
Naja. Immerhin trainierst du deine Trinkfestigkeit.
(Wie erbärmlich bist du eigentlich, erkundigt sich die leise Stimme höhnisch. Und wie alt? Solltest du die Phase nicht längst überwunden haben, in der man durch die Anzahl des Getrunkenen das Maß der Coolness bestimmt? Und wann, bei Merlin, und warum hast du wieder angefangen, Wörter wie Coolness zu gebrauchen oder darüber nachzudenken?)
Du brauchst Kaffee. Mindestens fünf Tassen, und zwar sofort. Und einen Trank gegen den Kater. Du schließt die Augen, damit die Welt aufhört, sich zu drehen, und tastest dich blind in Richtung Küche. Vorsichtig blinzelst du in den Raum hinein, betätigst zögernd den Lichtschalter und zuckst zurück, als Helligkeit in dein Bewusstsein eindringt. Immerhin bist du in der Nacht noch derart bei Sinnen gewesen, dass du daran gedacht hast, den Trank gegen den Kater auf dem Tisch zu platzieren.
Langsam schlurfst du weiter, spürst, wie eine Welle an Übelkeit und Kopfschmerzen über dich hereinbricht und dann greifst du gerade rechtzeitig nach der Phiole und rettest dich. Du lässt dich auf den Stuhl sinken und zählst leise bis hundert, lässt dem Trank Zeit, anzuschlagen und lehnst dich zitternd nach hinten, während du hilflos spürst, wie der Restalkohol aus deinem Blut gefiltert wird. Das ist der Nachteil des Trankes: er ist unangenehm, aber immerhin dauert er nicht lange und du musst dich nicht den ganzen Tag mit den Nachwirkungen deines übermäßigen Alkoholkonsums herumärgern.
Obwohl es vielleicht besser wäre. Vielleicht würdest du das Trinken sein lassen, wenn du blass und mit Kopfschmerzen und Übelkeit den Tag im Bett verbringen müsstest, unfähig, etwas zu tun, unfähig, dich zu bewegen, weil jede Bewegung brennenden Schmerz auslöst. Vielleicht würde dich auch die Scham umbringen, wenn du deinem Chef erklären müsstest, dass du keine Vorlesung halten kannst, weil du dich nicht im Griff hattest und ein paar (Flaschen) Feuerwhisky zu viel getrunken hast.
Du hast kein Alkoholproblem. Du hast ein Problem mit deinem Leben. Nicht, dass das besser wäre.
Du kommst bis 105, dann hat der Trank deinen Kater endgültig weggepustet und du kannst bedenkenlos aufstehen und dir starken, sehr starken, heißen Kaffee kochen. Du starrst ein wenig aus deinem Küchenfenster hinaus in die nachtblaue Dunkelheit des Morgens, während du darauf wartest, dass deine Caffetiera blubbernde Geräusche von sich gibt.
Die Bäume unten auf der Straße strecken dir ihre dünnen, schwarzen Äste entgegen, ein paar Überreste an roten und gelben Blättern hängen noch standhaft und weigern sich trotzig und beharrlich, sich dem nahenden Winter zu beugen. Wenn man die Nase in den Wind reckt, kann man ihn schon in der Luft schmecken, den Winter, der offenbar denkt, dass Mitte November genau der richtige Zeitpunkt ist, um sich in Oxford auszubreiten.
Der Himmel ist gerade dabei, von Nachtblau zu Hellblau zu wechseln, es sieht schön aus und du schaust dem Morgen zu, wie er sich die Welt erobert, langsam, und es lässt dich ein wenig ruhiger werden. Als deine Caffetiera anzeigt, dass du dich mal besser um sie kümmern solltest, stehst du auf, schaltest den Herd aus und schenkst dir eine Tasse voll mit Kaffee, süßt ihn, gibst Milch zu und lässt dich dann erneut auf der Fensterbank nieder.
Du willst nicht darüber nachdenken, warum du dich mitten in der Woche dazu überreden lässt, auszugehen (wobei du der Fairness halber zugeben musst, dass deinen Freunden bestimmt nicht diese Alkoholorgie vorschwebte, die du aus dem gemacht hast, was sie dir vorgeschlagen haben), doch es genügt, nach draußen zu schauen und Kaffee zu schlürfen und schon überfällt dich Einsamkeit wie ein hungriges Tier. Du denkst an den Winter vor einem Jahr und an den vor zwei Jahren und daran, dass du noch nie sonderlich gut damit umgehen konntest, alleine zu sein, wenn die Blätter fallen und der Himmel eisblau wird.
Ein bisschen müde lehnst du deinen Kopf gegen die kühle Fensterscheibe und trinkst deinen heißen Kaffee in kleinen, raschen Schlucken. Er wärmt dir die Finger und den Magen, kriecht in deine kalten Zehen und deine Wangen, aber er wärmt dir nicht das Herz.
Du seufzst und dein Atem schlägt sich auf der Scheibe nieder. Mittwochmorgendepression vom Allerfeinsten, selbst nachdem der Kater verschwunden ist. Vielleicht brauchst du mehr Arbeit, um dich beschäftigt zu halten. (Mehr Arbeit, als du schon hast? - Sicher. Am besten, du hättest dir dafür gestern einen Zeitumkehrer angefordert. Denk doch mal nach.) Vielleicht brauchst du ein Leben jenseits deiner Bücher, Texte, Studenten, ein Leben außerhalb von Hörsaal Nummer Vier und deinem Büro an der Uni. Es ist zwar ein gutes Leben, aber du fürchtest, es füllt dich nicht immer komplett aus.
Du seufzst erneut und überlegst, was das wohl für ein Tag werden wird, wenn er bereits so anfängt. Auch, wenn du es dir nicht unbedingt eingestehen willst: es fällt dir schwerer und schwerer, deine Alltagssorgen, deine Probleme und Mittwochmorgendepressionen in deiner Wohnung zurückzulassen, sodass deine Studenten nichts merken. Es geht sie nichts an. Und es hat sie nicht zu interessieren. (Obwohl du lange genug im Geschäft bist, um zu wissen, dass Studenten sich immer für das Privatleben ihrer Professoren interessieren.)
Dann ist dein Kaffee ausgetrunken und die Sonne hat sich ihren Platz am Himmel erobert. Du sitzt noch immer im Pyjama herum und erinnerst dich selbst daran, dass du in diesem Aufzug besser nicht zur Vorlesung erscheinen solltest. Deine Tasse landet bei drei anderen im Spülbecken, bevor du zurück in dein Schlafzimmer läufst, dir ein paar Kleider heraussuchst und anschließend weiter in das Badezimmer wanderst.
Ein bisschen waschen wäre nicht schlecht, denkst du, kaltes Wasser ist meistens gut und du spritzt es dir ins Gesicht und unter die Achseln, nachdem du aus deinem Pyjama geklettert bist. An deinem Kinn und den Wangen sprießen vereinzelte Bartstoppel und du beschließt, dass du dich damit durchaus in der Öffentlichkeit zeigen kannst. Die dunklen Ringe unter den Augen sind da weitaus unansehnlicher, findest du, aber gegen die kannst du gerade nicht wirklich etwas unternehmen.
Zehn Minuten später fühlst du dich zumindest teilweise wie ein neuer Mensch. Deine Haare sind nicht mehr ganz so zerzaust und deine Kleidung (schwarze Hose, weißes Hemd) sieht schon eher aus wie das, was deine Studenten von ihrem Dozenten gewöhnt sind. Du schlüpfst besockt in deine Schuhe hinein, knotest dir den Schal um den Hals und wirfst dich in eine deiner Roben. Deine Tasche hast du, in weiser Voraussicht, die dir nicht unbedingt so ähnlich sieht, bereits gestern gepackt und sie wartet auf deinem Schreibtisch auf dich.
Du wirfst einen flüchtigen, vergewissernden Blick hinein, doch es ist alles da, was du brauchst und so kannst du dir die Tasche greifen und deinen Schlüsselbund und dann die Wohnung verlassen. In der letzten Woche hast du dir angewöhnt, wieder häufiger zu Fuß zur Universität zu marschieren. Die frische Morgenluft macht dich wach und du redest dir ein, dass es deiner Fitness auch guttut, nicht jedes Mal den Kamin zu bemühen.
Du genießt es, zwischen den anderen Passanten unterzugehen, in der breiten Masse ein bisschen zu verschwinden, wo du doch gleich wieder neunzig Minuten lang im Mittelpunkt stehen wirst. Du schaust sie dir an, all die Studenten, die zur Uni strömen, die wenigsten von ihnen in Roben, obwohl ihr mitten im Zaubererviertel von Oxford seid. Sie tragen Jeans und die Mädchen bunte Ohrringe und an deinen Lippen zerrt ein Lächeln und für einen Moment lang möchtest du unbedingt wieder jung sein.
Der Augenblick geht vorüber und du erinnerst dich daran, dass du eigentlich alles andere als alt bist und dich gefälligst nicht so anstellen solltest. Du kannst auch Jeans tragen, wenn du willst, und gelegentlich tust du es doch auch, also wo ist dein Problem?
Hörsaal Vier grüßt dich wie einen alten Bekannten und wie immer fühlt es sich ein wenig an wie nach Hause zu kommen. Du lässt deine Zweifel und Einsamkeit, deine Probleme und dein Leben draußen vor der Tür, gibst sie ab wie einen Mantel an der Garderobe, und hinein geht ein Dozent, der professionell ist und dem man seine Anspannung nicht anmerkt. Eine Kunst, die du beinahe perfektioniert hast über die Jahre hinweg.
Deine Tasche landet auf dem Pult, deine Robe und dein Schal auf dem Stuhl. Als du dich umdrehst, schauen dir deine Studenten entgegen, abwartend, erwartungsvoll, wie eine Meute Löwen, die noch nicht gefüttert wurde. „Guten Morgen, meine Damen und Herren", begrüßt du sie und schwingst dich auf dein Pult, „Ich hoffe, Sie hatten eine gute Woche. Gab es bei jemandem Probleme mit dem Material für die heutige Sitzung oder hat es bei jedem funktioniert?"
Du siehst fragend in die Runde, aber dir ist klar, dass es keiner zugeben würde, falls es Probleme gegeben haben sollte. Dann würdest du dich nämlich erkundigen, warum derjenige sich nicht früher an dich gewendet hat, sodass er sich auf heute vorbereiten konnte, und keiner der Studenten wird eine passende Antwort auf diese Frage wissen.
„Gut", sagst du leichthin, nachdem du ein paar Augenblicke gewartet hast, „Dann kann ich also davon ausgehen, dass Sie alle die verschiedenen Erinnerungen betrachtet und analysiert haben. Sehr schön. Bevor wir direkt einsteigen, würde ich Sie allerdings kurz bitten, mir eine Rückmeldung hinsichtlich dieser Methodik zu geben. Fanden Sie es angenehm, in die Erinnerungen einzutauchen? Besser, schlechter, interessanter, langweiliger als die Interviews? Sachtexte? Zeitungsartikel? Lassen Sie es mich wissen."
Du kannst an ihren Gesichtern ablesen, dass du sie auf dem falschen Fuß erwischt hast. Die meisten von ihnen sind noch nicht gewöhnt, dass man Lehrmethoden tatsächlich anzweifeln darf, nach sieben Jahren Schulunterricht, nach sieben Jahren „Der Lehrer hat immer Recht", doch du bist hoffnungsvoll und zuversichtlich, dass sich irgendwer schon trauen wird.
„Miss Hopkins", nickst du der jungen, blonden Hexe schließlich zu, auch wenn du noch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend hast, wenn du daran denkst, wie ihr beide letzten Mittwoch auseinander gegangen seid. Sie nimmt ihre erhobene Hand wieder nach unten. „Am Anfang fand ich es ein wenig mühsam", berichtet sie, „Man musste sich erstmal orientieren, wo man ist, wen man beobachtet, wann das Ganze spielt und was genau eigentlich passiert. Aber mit der Zeit hat man die Personen dann wieder erkannt und es wurde leichter. Ich denke, es war auf jeden Fall eine sehr spannende Methode, eigentlich kaum zu vergleichen mit geschriebenem Text."
„In Ordnung", antwortest du und lächelst ihr kurz zu, „Darf ich Sie fragen, ob Sie sich die verschiedenen Erinnerungen denn nur einmal angeschaut haben oder mehrmals?" Sie rückt ihre Brille zurecht und erwidert, „Mehrmals. Und jedes Mal wurde es leichter, sich von den Ereignissen mitreißen zu lassen. Man konnte immer mehr Details entdecken, auf verschiedene Verhaltensmuster achten. Und natürlich waren die Erinnerungen zwar subjektiv geprägt, immerhin zeigen sie uns nur den Blickwinkel einer bestimmten Person, aber dennoch ... Bilder lügen nicht. Gesten, Blicke, Worte, sie finden tatsächlich statt. Wir interpretieren sie nur auf unterschiedliche Weise."
Dein Lächeln vertieft sich. „Sehr gut", sagst du, „Sie haben absolut Recht. Gibt es denn, abgesehen von Miss Hopkins, noch jemanden, der sich zur Methodik äußern will?" Es gibt offenbar niemanden. Der Hörsaal bleibt still und obwohl du die Blicke mancher Studenten auffängst, regt sich keiner. Also gibt es entweder nichts hinzuzufügen oder es traut sich niemand.
Du zuckst die Achseln. „In Ordnung. Dann würde ich vorschlagen, dass wir direkt mit dem Thema der heutigen Sitzung beginnen. Wie Sie dem Vorlesungsplan entnehmen können, werden wir uns heute und in den nächsten drei Veranstaltungen mit dem Aspekt Familie und Familienbilder beschäftigen, wobei die Familie Black heute den Anfang bildet. Welche Erinnerung wir hierbei zuerst behandeln, ist mir eigentlich relativ gleichgültig, aber ich würde Ihnen fast nahelegen, dass wir sie chronologisch betrachten. Gibt es von Ihrer Seite aus Einwände gegen diese Vorgehensweise?"
Niemand protestiert und du kramst in deiner Tasche, um deine eigenen Notizen herauszuholen. „Dann vielleicht Freiwillige, die das dringende Bedürfnis haben, sich detailliert mit der ersten Erinnerung auseinanderzusetzen?", willst du wissen und ziehst, ein bisschen spöttisch, eine Augenbraue in die Höhe. Du legst deinen Packen an Pergamenten auf deinen Oberschenkeln ab und lässt deinen Blick über deine Studenten wandern. Manche weichen aus. Manche schauen zurück.
„Haben Sie Lust?", wendest du dich schließlich an das Mädchen, das neben Gwendolen Hopkins sitzt. Sie hat langes, schweres, kupferfarbenes Haar, Wangen, die mit Sommersprossen übersät sind, und einen dunklen Blick, aus dem du herauszulesen glaubst, dass sie rational denken kann, dass sie dieses Fach tatsächlich aus Interesse gewählt hat, nicht aus Mangel an Alternativen.
Sie grinst ein bisschen und sagt gelassen „Klar, wieso nicht?", was dir gefällt. Sie hat keine Angst vor dir. „Ihr Name?", bittest du sie und sie wirft die Haare zurück und sagt „Eliza Carter", fest und bestimmt, so, als solltet ihr alle euch den Namen besser merken, weil man ihn in Zukunft gewiss noch häufiger hören wird.
„Miss Carter", nickst du ihr zu, „Dann lassen Sie uns doch bitte an Ihren geistigen Ergüssen teilhaben, ja?"
Sie blättert sich durch ihre Notizen, bevor sie mit klarer Stimme anfängt zu reden. „Die erste Erinnerung spielt am 24. Dezember 1962 und zwar im Grimmauldplatz Nummer Zwölf, dem Anwesen von Orion und Walburga Black. Ein Großteil der Familie, nämlich Orion, Walburga, ihre zwei Söhne Sirius und Regulus, sowieso Walburgas Brüder Alphard und Cygnus mit seiner eigenen Familie, kommt dort zusammen, um gemeinsam an Heiligabend zu speisen."
Sie hat einen erfrischend beißenden Zynismus, der in ihren Worten mitschwingt, und gleichzeitig überrascht dich ihr Detailwissen. Du hast ihnen keine Jahreszahlen gegeben und auch nicht von ihnen verlangt, sie herauszufinden, aber es gefällt dir, dass sie sich die Mühe gemacht hat.
„Allerdings", fährt Miss Carter fort, „ist die Stimmung nicht ganz so gehoben, wie man das vielleicht erwartet hätte. Die Erwachsenen verteilen spitze Bemerkungen und die Kinder werden nach nebenan abgeschoben, wo sie spielen sollen, bis das Essen fertig ist – was im Übrigen in einer mittleren Katastrophe endet."
Deine Mundwinkel zucken leicht. „Richtig", stimmst du Eliza zu, die wirkt, als hätte sie noch eine ganze Menge zu sagen, aber auch, als würde es sie nicht stören, dass du sie unterbrichst, „Bevor Sie weitersprechen, hätte ich eine kurze Frage. Haben Sie eine Vermutung, von wem diese Erinnerung stammt? Also, durch wessen Augen wir das Geschehen betrachten?" Immerhin eine essentielle Frage für die weitere Analyse und du hoffst inständig, dass deine Studenten diesen Aspekt nicht vollständig vergessen haben.
„Ich würde sagen, die Erinnerung stammt von Andromeda Tonks, geborene Black", antwortet Miss Carter und du nickst ihr zu. „Richtig", lobst du, „Aber weshalb glauben Sie das?" Sie wirft einen kurzen Blick in ihre Unterlagen. „Beispielsweise, als Andromeda Bellatrix fragt, ob sie aufräumen sollen", erklärt Eliza, „Da werden ihre persönlichen Gefühle und Gedanke ganz deutlich und wir erfahren, was in ihrem Kopf vor sich geht. Oder die Tatsache, dass klar wird, wie sehr sie ihre ältere Schwester vermisst. Und dass sie hinter Bellatrix' Fassade blicken kann." Miss Carter zuckt die Achseln. „Es gibt tausend Kleinigkeiten, die darauf hindeuten."
„Richtig", wiederholst du, „Dann würde ich Sie jetzt bitten, mit der Analyse weiterzumachen. Am liebsten wäre mir natürlich, wenn Sie dabei auf die Familienkonstellation eingehen könnten, also erläutern, wie die einzelnen Familienmitglieder zueinander stehen, wie sie sich verhalten, wie ihre Charaktere deutlich werden."
„Fangen wir mit Walburga an", schlägt Eliza vor und du bremst sie hastig, „Aber vorerst nur Erinnerung Nummer Eins, ja? Ich möchte nicht, dass Sie die heutige Sitzung komplett im Alleingang leiten." Sie grinst schief und nickt.
„Sie wird als königlich beschrieben", beginnt Miss Carter ihre Ausführungen, „Und sie wirkt auch äußerst majestätisch, mit ihrer Frisur wie einer Krone, jedoch gleichzeitig kühl und distanziert, nicht so, wie man sich eine warmherzige, typische Mutter vorstellt. Sie scheint ihre Söhne gut zu kennen und auch relativ gut im Griff zu haben. Sirius ist zwar vorlaut und richtet Chaos an, doch er ist still, wenn seine Mutter es verlangt, und gehorcht, wenn sie ihn nach nebenan schickt. Dort benimmt er sich zwar auch nicht gerade mustergültig, aber es ist interessant festzuhalten, dass er dies erst so richtig auslebt, als seine Mutter ihn nicht mehr sehen kann, sie ist also offenbar eine starke Authoritätsperson.
Sie weiß außerdem ganz genau, welche Rolle sie übernehmen muss, nämlich die der perfekten Gastgeberin. Sie hat die Situation unter Kontrolle, sie dirigiert, die Kinder nach nebenan, die Erwachsenen zum Drink. Pünktlichkeit und Ordnung scheinen ihr viel zu bedeuten: sie sieht es nicht gerne, wenn ihre Planung durcheinander gebracht wird und etwas nicht nach ihrer Vorstellung verläuft. Ihr Einfluss macht dabei auch vor ihren Nichten nicht Halt: wir bekommen beispielsweise mit, dass Andromeda sich von ihrer Tante keine Standpauke abholen will, also sind diese wohl berühmt-berüchtigt.
Walburga ist offensichtlich ziemlich streng in ihrer Erziehung und verlangt ihren Söhnen große Diszipliniertheit ab: obwohl Regulus erst fünf ist, scheint ihm klar zu sein, dass Weinen verboten ist, dass Tränen ein Zeichen der Schwäche sind, das seine Mutter ihm bestimmt nicht erlaubt. Und obgleich Walburga ganz offensichtlich mehr zu sagen hat als ihr Mann, weiß sie gleichzeitig auch, wann sie ihm den Auftritt überlassen muss, beispielsweise, wenn er Alphard den Platz anbietet und damit seine Stellung als Hausherr zeigt."
„Äh", sagst du mit der für dich typischen Eloquenz, „Genau. Wie sieht es denn mit den übrigen Erwachsenen aus? Erfahren wir in der ersten Erinnerung viel über sie?" Du fährst dir mit einer Hand durch die Haare, kratzt dich leicht und versuchst, dir nicht anmerken zu lassen, wie gut du die Analyse findest. Wo, bei Merlin, hat sich dieses Mädchen die letzten vier Vorlesungen lang versteckt gehalten?
„Nicht besonders viel, nein", schüttelt Miss Carter den Kopf, runzelt leicht die Stirn und blättert erneut in ihren Unterlagen, „Wir bekommen mit, dass Alphard Black offenbar ein wenig unpünktlich und chaotisch ist, sich aber mit seinen Nichten und Neffen recht gut versteht. Er hat ihnen die magische Eisenbahn geschenkt, mit der sie so begeistert spielen, auch wenn es sehr an Muggelspielzeug erinnert. Alphard scheint also ein bisschen aus der Reihe zu tanzen und die anderen Erwachsenen missbilligen sein Verhalten eher, schieben dem Ganzen aber gleichzeitig keinen Riegel vor, sondern lassen die Kinder gewähren.
Bei Druella Black wird schnell klar, dass sie für ihre Töchter, und hier allen voran Bellatrix, die absolute Authoritätsperson ist. Die Mädchen warten erst das Einverständnis ihrer Mutter ab, bevor sie nach nebenan gehen und wir bekommen durch Andromedas Gedankengänge auch mit, dass Druella Unordnung nicht duldet und ihren Kindern offensichtlich eine ähnlich strenge Erziehung angedeihen lässt wie Walburga ihren Söhnen. Und auch wenn es nicht Druellas eigenes Haus ist, in dem die Feier stattfindet: sie kommandiert trotzdem, schickt die Kinder zum Essen weg und weist Sirius in die Schranken.
Die Ehemänner bleiben dabei stark im Hintergrund. Sie wirken wie bloße Statisten, wie Anhängsel ihrer Frauen, die in Wirklichkeit alles in die Wege leiten und kontrollieren. Cygnus wirkt müde, er scheint mit Familienfesten also überfordert zu sein. Er und Orion sind nichts weiter als blasse, konturenlose Schatten, die gegen die Dominanz ihrer jeweiligen Frauen nicht ankommen. Zumindest nicht in dieser Erinnerung."
Du nickst und vergleichst das, was Eliza gesagt hat, mit dem, was du dir selbst notiert hast. Sie macht ihre Sache gut, findest du, und du bist gespannt auf ihre Analyse der jüngeren Blackgeneration. „Danke", lächelst du kurz, als sie für einen Moment verstummt und ein wenig fragend zu dir sieht, „Damit haben Sie die Erwachsenen gut zusammengefasst. Vielleicht noch eine kleine Anmerkung, damit Sie alle sich die Familienverhältnisse besser vorstellen können: Walburga, Alphard und Cygnus sind Geschwister. Das bedeutet, Orion und Walburga sind Cousin und Cousine, beide wahre Blacks, während Druella in die Familie eingeheiratet hat. Behalten Sie diesen Aspekt durchaus im Hinterkopf, wenn wir uns mit Familienehre und Ruf beschäftigen werden. Miss Carter?"
Sie nickt zurück und fährt in ihren Ausführungen fort. „Als Nächstes die Kinder", sagt sie, „Da würde ich gerne mit dem Jüngsten beginnen, Regulus. Er ist der Sohn von Orion und Walburga, in der Erinnerung gerade einmal fünf Jahre alt. Trotz seines jungen Alters hat man ihm allerdings bereits beigebracht, was sich für einen Black ziemt und was nicht. Weinen gehört nicht dazu, auch wenn Regulus manchmal den Anschein erweckt, als würde er sich am liebsten über dieses Verbot hinwegsetzen.
Er scheint sehr an seinem großen Bruder zu hängen, der für ihn wahrscheinlich als eine Art Vorbild gilt. Wenn Sirius nach nebenan geschickt wird, wirkt Regulus alleine und verloren, so, als wüsste er nicht, was er tun soll, sobald sein Bruder nicht mehr da ist. Er braucht jemanden, an dem er sich festhalten kann: mal ist es eine seiner Cousinen, mal ein Spielzeug, doch es wird offensichtlich, dass es Regulus am liebsten ist, wenn sich Sirius um ihn kümmert.
Wahrscheinlich bedingt durch sein Alter, kann Regulus auch nicht sonderlich gut mit den Spannungen umgehen, die sich teilweise im Raum aufbauen. Er weiß nicht, wie er reagieren soll, wenn Bellatrix und Sirius ein Kräftemessen veranstalten, aber er ist sofort bereit, das alles zu vergessen, sobald Sirius ihm Aufmerksamkeit schenkt. Gleichzeitig wird auch deutlich, dass Regulus seine Cousine Narcissa sehr gerne hat: er zieht sie mit sich, um mit der Eisenbahn zu spielen. Die beiden sind die Jüngsten in der Runde, vom Alter her nicht gerade weit voneinander entfernt – vielleicht erklärt das ihre Nähe zueinander.
Regulus hat noch etwas sehr Unschuldiges an sich: Kleinigkeiten, wie beispielsweise die fahrende Eisenbahn, können ihn rasch in Verzückung versetzen und lassen ihn den Ärger und die Anspannung vergessen, die um ihn herum passieren. Er ist einfach glücklich, solange er seinen Bruder, Narcissa und etwas zum Spielen hat, wie Andromeda beobachtet.
Außerdem wird deutlich, dass Regulus offenbar eine gewisse Zuneigung zum Hauselfen Kreacher verspürt – etwas, was Bellatrix unter allen Umständen unterbinden will, während Regulus selbst wohl noch zu klein ist, um zu verstehen, was an seinem Verhalten falsch sein soll. Auch die Tatsache, dass ihn das wartende Essen dazu bringt, mit dem Spielen aufzuhören, zeigt uns, wie unglaublich jung er noch ist: es ist so einfach, ihn zu begeistern und er ist schnell glücklich, obgleich es ihm nicht entgeht, wenn etwas nicht stimmt.
Er ist eben wirklich noch ein Kind, das an die Hand genommen wird, auf das zumindest seine Cousinen und sein Bruder Rücksicht nehmen, wenngleich seine Mutter ihn ebenso streng behandelt wie Sirius. Aber während Sirius bewusst Ärger macht, ist es bei Regulus einfach kindliche Freude, die ihn dazu bringt, gegen Ende der Erinnerung den Löffel fallen zu lassen und somit alles in Chaos ausarten zu lassen."
„Ja", machst du leise und willst Miss Carter zumindest eine kurze Verschnaufpause gönnen, bevor sie sich den anderen Kindern widmet, „Gut beobachtet. Regulus Black kommt hier tatsächlich eine kleine Sonderrolle zu, die natürlich stark mit seinem Alter zusammenhängt. Er ist der Jüngste der Runde, und vielleicht kennen Sie das ja selbst von kleineren Geschwistern oder Cousins und Cousinen: wer der Jüngste ist, wird immer der Jüngste bleiben, ganz egal, wie alt er mittlerweile ist. Das ist ein Status, den man nicht ablegen kann, den man nicht loswird. Behalten Sie bitte auch das im Hinterkopf."
Du hast den kleinen Jungen im Kopf, der Regulus Black einmal gewesen ist. Vor deinem inneren Auge brennt sein trauriger Blick und er flüstert Aber ich darf Sirius doch noch liebhaben, oder? und du denkst, wieder einmal, wie unglaublich kompliziert Familienbande sind.
„Rutschen wir in der Familienhackordnung eine Stufe nach oben", schlägt Eliza da vor, „Narcissa. Sie ist die jüngste Tochter von Cygnus und Druella Black, zum Zeitpunkt der ersten Erinnerung sechs Jahre alt. Sie hat einen ähnlichen Status wie Regulus: die Beiden sind die Kleinen und bei Narcissa wird das beispielsweise sehr deutlich, wenn sie nach Andromedas Hand greift, als die Stimmung merklich kühler wird: auch sie braucht jemanden, an dem sie sich festhalten kann. Interessant ist hierbei, dass Narcissa Andromeda wählt, nicht Bellatrix, und dass Narcissa wiederum für Regulus diejenige ist, an der er sich festhalten kann. Sie ist also gleichzeitig die Kleine und die Große; die Kleine für Sirius und ihre Schwestern, aber die Große für Regulus.
Ähnlich wie ihr jüngerer Cousin fällt es Narcissa schwer, damit umzugehen, was für eine Stimmung zwischen Sirius und Bellatrix herrscht. Sie scheint es nicht sonderlich gut leiden zu können, wenn so etwas wie Streit aufkommt oder jemand die Stimme erhebt, um sich gegenseitig anzuschreien.
Narcissa hat außerdem, zumindest meiner Ansicht nach, etwas leicht Puppenhaftes in dieser Erinnerung. Sie ist schick angezogen, mit den Lackschuhen und alles, und es wirkt, als würde sie darauf ... trainiert, eine perfekte Tochter abzugeben. Spannend fand ich auch, dass sie, abgesehen von ihrer Mutter, die Einzige in der Familie ist, die helle Haare hat. Alle anderen sehen sich ja wirklich unglaublich ähnlich, mit den dunklen Haaren, den grauen Augen und diesen markanten Gesichtszügen."
Du nickst, weil du weißt, was sie meint. Aristokratie in Reinform, trotz all der Inzucht, trotz all des Wahnsinns. Du erinnerst dich an Reportagen im Tagespropheten, an Hochzeitsphotos von Bellatrix Black, an Andromeda Blacks (Tonks') Familienalbum, das sie für Recherchezwecke geöffnet hat. Du denkst, dass es schwer ist, sich der Faszination zu entziehen, die diese Familie ausstrahlt.
„Sie scheint wohlerzogen und brav zu sein", analysiert Eliza weiter, „Sie gehorcht ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester, aber gleichzeitig erfreut sie sich auch an einfachen Dingen wie der Spielzeugeisenbahn, und sie wirkt zwar etwas ängstlich, doch sie rutscht genauso das Treppengeländer hinunter wie alle anderen. Sie ist noch jung und unbeschwert genug, um in ihre Suppe hineinzuprusten, ohne sofort über die Konsequenzen nachzudenken. Ich glaube, es ist schwierig für sie, ihren Platz zu finden. Sie steht irgendwo in der Mitte, nicht ganz die Jüngste, aber gewiss nicht die Älteste und schon gar nicht die Herausragendste."
Du schluckst herunter, was dir auf der Zunge liegt (Was für eine Kindheit muss das wohl gewesen sein?) und sagst stattdessen, „Auch auf die Gefahr hin, dass ich Sie alle langsam mit diesem Spruch nerve: Merken Sie sich, was wir heute über Narcissa Black diskutieren. Ein Blick auf den Lehrplan verrät Ihnen immerhin, dass wir uns in der nächsten Sitzung mit der Familie Malfoy beschäftigen und da wird Narcissa natürlich ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen."
Ein paar Federkiele kratzen über Pergamentbögen, während die Köpfe mancher Studenten sich beflissen über ihre Notizen beugen und sich aufschreiben, was gesagt wurde. Du hast natürlich längst bemerkt, dass es ein paar wenige gibt, die sich Stichpunkte gemacht haben, während Eliza gesprochen hat, aber den Großteil musstest du offenbar erst darauf aufmerksam machen, dass auch das, was nur von einer Kommilitonin analysiert wird, es durchaus wert ist, notiert zu werden.
„Können Sie noch?", erkundigst du dich dann bei Miss Carter, „Oder soll jemand Sie ablösen?" Dir gefallen ihre Ausführungen, aber du willst nicht, dass sie das Gefühl bekommt, als Einzige zu arbeiten, während der Rest still danebensitzt und sich ausruht, nur weil sie ihre Hausaufgaben ordentlich gemacht hat. Doch Miss Carter schüttelt den Kopf und erklärt, dass sie gerne weitermachen würde. Du zuckst die Achseln und grinst. „Nur zu."
„Ich würde mir die Beziehung Sirius und Bellatrix gerne bis zum Schluss aufheben", bekennt sie und zieht die roten Augenbrauen etwas zusammen, „Also kommen wir zunächst zu Andromeda, von der die Erinnerung ja auch stammt. Sie ist zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt, steht also ein knappes Jahr vor ihrer Einschulung in Hogwarts und ist nur geringfügig jünger als ihre Schwester Bellatrix, zu der sie offenbar ein sehr enges und auch gutes Verhältnis pflegt.
Andromeda scheint ein wenig die Vernünftige zu sein, diejenige, die auf Harmonie aus ist, die keinen Streit will oder versucht, ihn sofort zu schlichten. Sie ist das Bindeglied, das all die übrigen Kinder beisammenhält, oder zumindest wirkt es so. Sie ist von der ganzen Gruppe die Einzige, die von Bellatrix als gleichwertig anerkannt und auch so behandelt wird, wobei Sirius da auch noch einmal eine Sonderposition einnimmt. Andromeda wird jedenfalls von den Jüngeren als Vertrauensperson geschätzt, als jemand, an dem man sich festhalten kann, der einem Schutz bietet, aber gleichzeitig auch für einen Spaß zu haben ist und mal Unfug vorschlägt.
Wir bekommen außerdem mit, wie sehr Andromeda an Bellatrix hängt. Die beiden sind ja beinahe gleichaltrig, also können wir davon ausgehen, dass sie den Großteil ihrer Kindheit stets miteinander verbracht haben und daran gewöhnt sind, ständig beisammen zu sein. Dafür spricht auch, wie schlecht Andromeda damit umgehen kann, dass ihre Schwester nun in Hogwarts ist und nicht länger bei ihr. Andromeda kann es kaum erwarten, auch endlich nach Hogwarts zu dürfen, wobei sie die Zauberei mit keinem Wort erwähnt – sie will einfach bei ihrer Schwester sein.
Es hat ganz den Anschein, als wäre Andromeda wirklich der Diplomatiefaktor, den die Kinder brauchen, um sich nicht gegenseitig anzuschreien und an die Kehle zu gehen. Sie versteht es, jeden Einzelnen von ihnen auf die Art und Weise zu nehmen, wie es der Einzelne braucht. Sie kann hinter die Masken sehen. Das spricht stark für Andromedas Einfühlungsvermögen, bereits mit zehn Jahren. Und gleichzeitig ist ein Unruhegeist, ein kleiner Rebell in ihr, der vorschlägt, das Treppengeländer runterzurutschen. Vielleicht können wir hier das erste Ausbrechen aus einem starren Regelwerk beobachten.
Auch beim Essen schafft Andromeda es eigentlich noch recht gut, in der Rolle der wohlerzogenen, beherrschten Tochter zu bleiben – bis sie eben die Kontrolle verliert und in heilloses Gelächter ausbricht. Es macht ganz den Anschein, als wären da zwei Andromedas in ihr, die gegeneinander ankämpfen, wer die Vorherrschaft bekommt."
Du schielst auf deine Unterlagen und denkst, dass man Andromeda kaum gerecht werden kann, in dem Bruchteil, den sie in deinen Vorlesungen einnimmt. Es gibt so viel, so unendlich viel, was du noch behandeln möchtest und wofür dir die Zeit fehlt. Neunzig Minuten pro Woche sind nicht genug. Fünfzehn Sitzungen (dreizehn, wenn du die erste und letzte abziehst) sind nicht genug. Aber du kannst das Semester schlecht verlängern.
„Bellatrix und Sirius", sagst du leise und schaust Miss Carter an. Ihre Augen sind dunkel und tief, sie sieht aus wie jemand, der in den Sog geraten ist (sie sieht aus wie du, wenn du manchmal in den Spiegel blickst, nachdem du stundenlang Texte, Artikel, Erinnerungen gewälzt hast).
„Ja", erwidert sie mit ruhiger Stimme, „Bellatrix und Sirius. Zweifellos die beiden bekanntesten Vertreter der Familie Black. Die Auffälligsten. Sie sind zwei Jahre auseinander: Bellatrix ist elf an diesem Weihnachten, Sirius neun. Sie ist in Hogwarts, er noch nicht und er beneidet sie dafür, dass sie etwas darf, was er auch möchte, jedoch noch nicht kann.
Gleich zu Beginn etabliert er sich selbst als Unruhegeist der Familie. Er ist trotzig und schlecht gelaunt und das lässt er auch jeden merken. Er hat eine vorlaute Klappe, auch wenn sie zwischenzeitlich von seiner Mutter und seiner Tante zum Schweigen gebracht wird. Als Sirius der Kopf zurecht gestutzt wird, kichert Bellatrix und bereits hier können wir die Rivalität spüren, die zwischen den beiden herrscht.
Trotz allem hat Sirius für seinen kleinen Bruder Vorbildcharakter. Es wird auch deutlich, dass Regulus ihm offenbar etwas bedeutet, denn als Sirius spürt, dass sein Bruder mit der Situation nicht zurechtkommt, kümmert er sich sofort um ihn und spielt mit ihm, was uns zeigt, dass auch Sirius seine weichen Momente hat und es genießt, für Regulus der große Held zu sein.
Während Sirius also seinen zerstörerischen Kräften freien Lauf lässt, tritt Bellatrix als perfekte, kleine Prinzessin auf, als Anführerin, als Minierwachsene, als Miniaturausgabe ihrer Mutter. Sie ist die Älteste, deren Thron nur wackelt, wenn Sirius mal wieder daran rüttelt. Die beiden messen ihre Kräfte bereits im Kindesalter und wir wissen nicht, wer gewinnt, weil Andromeda eingreift, bevor sich die beiden die Köpfe einschlagen können. Obwohl das bestimmt unter Bellatrix' Würde läge.
Bellatrix scheint verzweifelt damit beschäftigt zu sein, auch wirklich die Erwachsene in der Gruppe zu bleiben, wenngleich ihr diese Maske manchmal entgleitet und sie zumindest Andromeda dahinterblicken lässt. Die beiden bilden eine kleine Einheit, ganz für sich, und scheinen recht zufrieden zu sein, solange sie nur einander haben. Auch beim Essen können wir das beobachten: sie halten sich unter dem Tisch an den Händen und lachen gemeinsam.
Gleichzeitig wird deutlich, dass Bellatrix längst begriffen hat, welche Werte wichtig sind, wenn man der Familie Black angehört. Sie will nicht, dass Regulus Kreacher sieht, weil sie den Hauselfen für unwürdig und nichtig hält. Er ist ein niederes Wesen und Bellatrix weiß ganz genau, wo sie in der Rangordnung steht, nämlich oben.
Wir erfahren durch Andromedas Gedankengänge auch, dass sich Bellatrix und Sirius offenbar sehr ähnlich sind, was wiederum erklärt, warum es Bellatrix so leicht fällt, den Grund für Sirius' schlechte Laune zu erraten, nämlich das Weihnachtsgeschenk, das er nicht bekommen wird. Außerdem wird es zwar nicht eindeutig gesagt, aber ich denke, wir können davon ausgehen, dass es auch an Bellatrix nicht vollkommen spurlos vorübergeht, dass ihr Sirius nicht geschrieben hat, seit sie in Hogwarts ist.
Sirius wiederum ist neidisch, weil er das, was seine Cousine tun möchte, ebenfalls machen will. Er scheint nicht besonders gut damit zurechtzukommen, wenn ihm etwas verwehrt bleibt, und es ist ganz offensichtlich, dass er ein Problem damit hat, wenn Bellatrix offiziell etwas hat und etwas kann, was ihm verboten ist, schließlich ist er daran gewöhnt, mit ihr aneinander zu prallen und nicht unbedingt zu verlieren.
Dann ist da noch das Essen selbst, bei dem Sirius beweist, wie herzlich egal ihm der Familienfriede an Weihnachten ist. Im Gegenteil – er scheint ja regelrecht bemüht, Chaos zu stiften, was die Erwachsenen in den Wahnsinn treibt und die übrigen Kinder amüsiert. Sogar Bellatrix kann ihre Fassade nicht lange aufrechthalten und prustet am Ende los.
Am interessantesten finde ich jedoch wie gesagt Andromedas Feststellung, dass sich Sirius und Bellatrix ungeheuer ähnlich sind. Ich glaube, das ist etwas, was den Beiden vielleicht nicht einmal unbedingt bewusst ist oder war, aber was dafür gesorgt hat, dass sie mit solcher Wucht aufeinanderprallen, weil keiner bereit war, auch nur ein winziges Bisschen nachzugeben."
Sie verstummt und lehnt sich auf ihrem Stuhl nach hinten. Es ist still im Hörsaal, du kannst dein eigenes Atmen hören, bevor du schließlich „Vielen Dank" sagst. „Darf ich Sie etwas fragen?", erkundigst du dich und schaust sie interessiert an. Miss Carter nickt, ein wenig verwirrt, und erwidert deinen Blick. „Wo waren Sie die letzten vier Wochen? Verstehen Sie mich nicht falsch ... ich wundere mich nur, dass jemand, der ganz offenbar viel mitdenkt und gut analysieren kann, sich erst jetzt zu Wort meldet", meinst du und hoffst inständig, dass sich die ganzen anderen Studenten nun nicht angegriffen fühlen.
Sie lacht ein bisschen und ihre Wangen färben sich tatsächlich rot. Du hättest nicht gedacht, dass du sie verlegen machen kannst. „Ich war in der ersten Sitzung", erzählt sie, „Und dann ... mh ... musste ich leider fehlen. Persönliche Gründe. Aber jetzt bin ich wieder hier." Du beschließt, nicht weiter nachzubohren. Du findest es nicht besonders gut, wenn deine Studenten nicht zur Vorlesung erscheinen, doch du denkst, dass sie ihre Gründe gehabt haben wird und du wirst von niemandem verlangen, vor all den Anderen öffentlich zu erläutern, was genau diese persönlichen Gründe nun waren.
„Gut", sagst du stattdessen leichthin, „Dann danke ich Ihnen erst einmal für Ihre ausführliche Analyse. Wer möchte mit der zweiten Erinnerung weitermachen?" Dich empfängt ungeheure Begeisterung. Keine einzige Hand. Du seufzst ein bisschen. „Herrschaften, bitte", appellierst du an deine Studenten, „Erinnerung 2a ist nun wirklich nicht sonderlich lang. Einer von Ihnen wird doch wohl bitte die Güte haben, sich mit ihr zu befassen! Es muss ja nicht perfekt sein."
Du hasst es. Wirklich. Du hasst es, wenn die Mitarbeit einschläft und du dich fragen musst, ob du tatsächlich zu Schullehrmethoden zurückgreifen und jemanden aufrufen musst. Eigentlich willst du niemanden zwingen. Aber manchmal bleibt dir keine andere Wahl.
„Mister Flynn!", machst du schließlich erleichtert und stürzt dich regelrecht auf die einsame Hand, die erhoben wird, „Gerne. Legen Sie los. Wir sind ganz Ohr." Boreas Flynn räuspert sich leise und sieht aus, als wüsste er nicht ganz, wie er mit deinem erschlagenden Enthusiasmus umgehen soll. Du kannst ihn nur zu gut verstehen.
„Die Szene dürfte im Jahr 1964 spielen", beginnt er vorsichtig, „Bellatrix und Andromeda sind bereits in Hogwarts und beobachten, wie ihr Cousin Sirius eingeteilt wird, das heißt, wir befinden uns zwei Jahre nach der ersten Erinnerung, in der Sirius neun war. Die beiden Mädchen sind, wie erwartet, nach Slytherin gekommen und gehen davon aus, dass ihr Cousin sich ebenfalls zu ihnen gesellen wird.
Ich finde, Andromeda und Bellatrix wirken recht vergnügt ... wie ganz normale Mädchen, die ein bisschen aufgeregt sind und miteinander scherzen. Sie gehen sehr innig miteinander um, sie haben ihre kleinen Geheimnisse, wie beispielsweise das Wetten, das uns zeigt, dass sie einander vertrauen, dass sie gewisse Dinge haben, die sie nur miteinander teilen und vor ihren Eltern versteckt halten, weil es vielleicht nicht dem Verhalten entspräche, das von ihnen erwartet wird.
Außerdem können sie hinter Sirius' Maske aus Langeweile blicken und merken ihm an, dass er bei weitem nervöser ist, als er alle glauben lassen möchte. Für mich hat es den Anschein, als wolle Sirius unbedingt erwachsen und unnahbar herüberkommen, obwohl es in seinem Inneren vermutlich ganz anders aussieht. Und trotz der ernsten Lage können Andromeda und Bellatrix noch immer wetten, ob ihr Cousin sich blamieren wird, woraus man vielleicht ablesen kann, dass es durchaus Situationen gibt, in denen sie die Familienehre vergessen.
Spannend ist auch, dass Bellatrix, die niemals verlieren will, ganz gut damit umgehen kann, solange sie nur gegen ihre Schwester verliert, solange es jemand ist, dem sie vertraut, von dem sie weiß, dass diejenige es nicht weitererzählen oder ihren Nutzen daraus ziehen wird. Das bedeutet, Bellatrix ist überaus vorsichtig in ihrem Umgang mit anderen Menschen. Sie schließt nicht leicht Vertrauen zu jemandem und ist eher darum besorgt, die Rolle weiterzuspielen, die sie sich selbst ausgedacht hat. Die Szene endet schließlich recht überraschend damit, dass Sirius Black nach Gryffindor kommt."
Mister Flynn wirft dir einen fragenden Blick zu und du bist positiv überrascht, als er wissen will, „Darf ich die Erinnerung 2b gleich anschließen?" „Ja", machst du, ein bisschen verwirrt, und kramst in deinen Unterlagen, „Ja, natürlich! Sehr gerne. Nur zu."
„Es beginnt damit, dass Bellatrix, Andromeda und Sirius im Büro von Professor Dumbledore, dem Direktor von Hogwarts, stehen, offenbar nur kurz nach Erinnerung 2a", erklärt Boreas, „Bellatrix ist davon überzeugt, dass die Einteilung von Sirius nach Gryffindor ein Missverständnis war und macht dies sowohl dem Direktor als auch Professor McGonagall, der Hauslehrerin von Gryffindor, recht deutlich klar. Professor Dumbledore lässt sich allerdings von ihrem kleinen Wutausbruch nicht sonderlich beeindrucken und weist sie, wenn auch außerordentlich gelassen, in ihre Schranken, während Professor McGonagall die Situation offenbar weniger amüsant findet.
Andromeda greift schließlich in das Geschehen ein, als sie das Gefühl hat, dass ihre Schwester es womöglich fertigbringen würde, den Direktor und ihre Lehrerin anzuschreien. Sie sorgt dafür, dass der Anstand zumindest noch halbwegs gewahrt wird und die drei Blacks verlassen das Büro, ehe es zu einem weiteren Eklat kommen kann. Hier zeigt sich erneut der diplomatische Zug, den wir bereits vorhin an Andromeda festgestellt haben.
Als die Drei alleine sind, kann Bellatrix ihr Temperament jedoch nicht länger zügeln und beginnt, sich mit ihrem Cousin zu streiten, wobei erneut deutlich wird, wie ähnlich sich die Zwei sind. Keiner will vor dem Anderen zurückweichen. Wir merken auch, wie unfassbar es für Bellatrix ist, dass Sirius nach Gryffindor kommen konnte und er selbst bezeichnet es ebenfalls als falsches Haus, wobei wir feststellen können, wie tief die Black'sche Erziehung sitzt.
Andromeda bereitet dem Streit dann vorerst ein Ende und im Schutz seiner zwei Cousinen lässt Sirius seine Maske als Trotzkopf fallen: er erscheint einfach als der kleine, verzweifelte Junge, der er in dieser Situation ist, der nicht weiß, was er tun soll und der Angst vor der Reaktion seiner Eltern hat, weil er in ihren Augen einfach alles falsch gemacht hat. Für einen Augenblick wirkt er komplett schutzlos und verloren. Dann allerdings sagt Bellatrix wieder etwas, das ihn aufregt, und sofort verwandelt er sich zurück zu dem Sirius, an dem alles abprallt und dem alles egal ist.
Und Bellatrix mag in diesem Moment vielleicht ein wenig ... hart wirken, aber hinter ihren Worten steht das Versprechen, sich an seiner Statt um die Sache zu kümmern, sie in die Hand zu nehmen. Immerhin erklärt sie Sirius, dass sie und Andromeda seinen Eltern schreiben werden. Sie stellt sich schützend vor ihn." Mister Flynn zögert, bevor er hinzufügt: „Ohne, dass es ihr vielleicht bewusst ist."
Du nickst kurz. Du hattest beim Anschauen der Erinnerung immer ein ähnliches Gefühl. Sicher, es geht Bellatrix darum, die Familienehre wieder zu retten, aber sie tut es, indem sie sich um ihren Cousin kümmert. Und er lässt es geschehen. Manchmal fragst du dich, ob die Beiden sich später jemals daran erinnert haben. Dass es eine Zeit gegeben hat, in der man sich nicht hassen musste.
„Sirius geht schließlich zurück in die Große Halle, weil es das Einzige ist, was er tun kann. Und Andromeda ist weiterhin soetwas wie die freundliche Komponente: sie hat Mitleid für ihren kleinen Cousin, weil er es wieder einmal geschafft, sich selbst in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu katapultieren und nun nicht damit klarkommt. Allerdings zeigt uns Bellatrix zum Schluss der Erinnerung noch einmal, dass auch sie durchaus in der Lage ist, den Ernst der Situation einmal auszublenden und nicht immer die Erwachsene zu spielen, die alles richtig macht", erklärt Boreas Flynn, ordnet seine Notizen und hebt den Blick in deine Richtung. Er ist fertig und er hat seine Sache gut gemacht, findest du.
„Danke", lächelst du ihm zu, „Nur eine Ergänzung: von wem, glauben Sie, stammen diese zwei Erinnerungen?" „Andromeda", antwortet er sofort und ein paar der anderen Studenten nicken beifällig. „Ja", stimmst du zu, „Richtig. Sie sind erneut von Andromeda Tonks, geborene Black. Wie sieht es denn aus, meine Damen und Herren? Wer möchte sich an Erinnerung Nummer Drei versuchen?"
Es wundert dich ein bisschen, wenn du ehrlich zu dir selbst bist, dass sich die Herren MacLaine und Grey heute bisher so völlig aus dem Geschehen heraushalten. Eigentlich dachtest du, sie wären so etwas wie deine Joker, deine geheimen Asse, die du im Ärmel herumträgst und bei Bedarf hervorholen kannst. Du siehst in ihre Richtung, sie sitzen wieder nebeneinander, und du hebst auffordernd eine Augenbraue, aber sie schauen nur unschuldig zurück und du seufzst innerlich auf. Naja, überlegst du, vielleicht wollen sie ihre geistigen Ergüsse für die anderen Erinnerungen aufheben. Nummer 6 vielleicht, oder 7.
Du beobachtest, wie Rosaleen O'Connor zaghaft ihre Notizen ordnet und offenbar darüber nachdenkt, ob sie nun die Hand heben soll oder nicht. Du beschließt, ihr die Entscheidung abzunehmen. „Miss O'Connor?", erkundigst du dich, „Wären Sie eventuell bereit, über die nächste Erinnerung zu sprechen?" Sie nickt, auf diese schüchterne Art, die sie eigentlich überhaupt nicht nötig hat, und du lehnst dich zurück, gespannt auf das, was kommen wird.
„Nun, demzufolge, was in der Erinnerung passiert, nämlich dass Sirius' Eltern erfahren, in welchem Haus er gelandet ist, würde ich davon ausgehen, dass die Erinnerung am 2. September 1964 spielt", beginnt Rosaleen leise und streicht sich ein paar dunkelblonde Strähnen aus der Stirn. Sie hat sich auf ihre Notizen konzentriert und es ist ganz still geworden im Hörsaal, sodass jeder ihr zuhören kann.
„Wir können ein Gespräch zwischen Orion und Walburga Black belauschen, in dessen Verlauf ganz deutlich wird, wie unzufrieden gerade Walburga damit ist, dass ihr Sohn nicht dem entsprochen hat, was sie erwartet hat. Sie ist, gelinge gesagt, ziemlich wütend und versucht, die Schuld auf ihren Mann abzuschieben, indem sie betont, dass Sirius sein missratener Sohn sei und nicht ihrer. Wie bereits in der ersten Erinnerung wird hier ein deutliches Bild von Walburga gezeichnet, das zeigt, wie streng und kühl sie sein kann.
Im Gegensatz zu der Szene an Weihnachten bleibt Orion Black hier allerdings nicht vollkommen konturenlos, sondern bietet seiner Frau durchaus die Stirn und lässt sich nicht alles gefallen. Wir bekommen zwar mit, dass Walburga in ihrer Ehe wohl vornehmlich die Zügel in der Hand hält und dass ihm das auch bewusst ist, aber dennoch zeigt Orion, dass er im klassischen Sinne das Familienoberhaupt ist und er sich von seiner Frau nicht alles gefallen lassen muss. Er traut sich, ihr ordentlich Paroli zu bieten und sie scheint sein Verhalten zu verstehen, denn sie geht nicht weiter darauf ein.
Die beiden scheinen ein recht ... nun ... interessantes Verhältnis zueinander zu haben. Wir erfahren nicht, aus welchen Motiven sie damals geheiratet haben und ich fände es höchst spannend, herauszufinden, ob sie sich wohl einmal geliebt haben, doch in dieser Szene weist es nicht unbedingt darauf hin. Sie streiten zwar nicht im eigentlichen Sinne, aber die Situation ist auch alles andere als entspannt. Beinahe mutet es an wie ein stummer Machtkampf.
Wir bekommen außerdem mit, wie wenig Walburga offenbar von Professor Dumbledore und Professor McGonagall hält. Sie klingt abfällig, wenn sie über den Direktor redet, und sie hält Professor McGonagalls Brief für keine Antwort würdig. Dieser Brief zeigt uns übrigens auch ganz deutlich, dass Professor McGonagall ihrerseits auch nicht gerade viel von der Familie Black hält, sonst hätte sie sich wohl kaum getraut, einen derartigen Brief zu verfassen. Ihr muss schließlich klar gewesen sein, wie Walburga darauf reagieren würde.
Orion und Walburga teilen jedenfalls Bellatrix' Meinung: ein Black in Gryffindor ist ein Ding der Unmöglichkeit und kann auf gar keinen Fall geduldet werden. Es spricht für ihre Arroganz und ihre Überzeugung, dass der Name Black etwas Besonderes ist, dass sie ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass ihre Briefe womöglich etwas an der Situation ändern können."
„Völlig korrekt", unterbrichst du kurz und wedelst mit deinen Notizen, „Erinnern Sie sich, meine Damen und Herren: Walburga ist eine geborene Black und eine Black durch Hochzeit. Das Blut fließt gleich doppelt stolz und doppelt arrogant in ihren Adern."
„Geschildert wird die Szene aus der Perspektive von Narcissa und Regulus", fährt Miss O'Connor langsam fort, „Wobei ich glaube, dass die Erinnerung selbst von Narcissa stammt." Du erlaubst dir ein Lächeln und ein Nachhaken. „Interessant. Weshalb glauben Sie das?"
Sie lächelt zurück und zuckt die Achseln. „Einerseits sind da ihre Gedanken, die wir hautnah miterleben, während wir das bei Regulus eher nicht tun. Und andererseits ... ganz pragmatisch gedacht. Regulus ist längst tot. Und ich glaube nicht, dass er oder jemand Anderes damals daran gedacht hätte, diese Szene für die Nachwelt aufzubewahren. Ich denke, all die Erinnerungen, die wir hier anschauen, sind extra gesammelt worden. Also liegt die Vermutung nahe, dass sie von Narcissa stammt, die ja immerhin noch am Leben ist und sich schließlich auch von Professor Finnigan interviewen ließ."
„Völlig korrekt", entgegnest du, ein bisschen stolz auf den detektivischen Spürsinn deiner Studentin, „Dann fahren Sie doch bitte fort. Immerhin haben wir noch nicht über Narcissa und Regulus in dieser Szene gesprochen."
„Die beiden sitzen gemeinsam unter dem Tisch und spielen, als die Erinnerung beginnt, was uns zeigt, dass sie beide als die zwei Jüngsten eine Art Einheit bilden, gerade jetzt, wo ihre älteren Geschwister allesamt in Hogwarts sind. Sie scheinen sich gut zu verstehen, geradezu blind und ohne Worte. Sie reagieren ähnlich und ihnen ist sofort bewusst, dass sie sich leise verhalten müssen, um nicht entdeckt zu werden, weil es ansonsten bestimmt Ärger geben würde.
Durch Narcissas Empfindungen wird auch noch einmal deutlich, wie furchteinflößend Walburga offenbar wirkt. Allein durch ihre Stimme und ihre Haltung schafft sie es, Narcissa Angst zu machen. Außerdem hat Narcissa Mitleid mit Sirius, weil ihr wohl ganz klar ist, dass es nichts Gutes verheißen kann, wenn ihre Tante derart wütend und schneidend klingt.
Regulus klammert sich an seiner Cousine fest, oder besser gesagt: die beiden klammern sich aneinander fest. Sie halten sich an der Hand und schauen sich an, weil sie einfach nicht begreifen können, was um sie herum geschieht. Dass Sirius nicht, wie jeder aus der Familie, nach Slytherin gekommen ist, ist etwas, was ihre Welt dem Einsturz gefährlich nahe bringt. Narcissas Gedankengänge machen auch deutlich, dass selbst sie, als Achtjährige, die Gryffindors bereits als Feinde betrachtet, obwohl sie beim besten Willen noch keinem begegnet sein kann. Hier wird also ganz deutlich, was eine bestimmte Erziehung zur Folge haben kann.
Das Ende der Szene schließt sich nahtlos daran an: Regulus und Narcissa sind beide völlig verwirrt und auch überfordert mit der Situation. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, und sie wissen nicht, was das für ihre Beziehung mit Sirius bedeutet, dass er nun in Gryffindor ist und auf eine gewisse Art und Weise von der Familie abgetrennt ist. Bezeichnend übrigens, dass die Szene aufhört, ohne dass wir eine Antwort auf Regulus' Frage bekommen. Darf er seinen großen Bruder noch liebhaben – oder nicht?"
Sie verstummt und es ist noch immer so still im Saal, dass dein Räuspern einen Großteil der Studenten dazu bringt, erschrocken zusammenzuzucken. Ein paar von ihnen sehen recht mitgenommen aus. Du kannst es nachvollziehen. Es berührt dich jedes Mal aufs Neue. Aber ich darf Sirius doch noch liebhaben, oder?
„Weiter", verlangst du mit etwas belegter Stimme, deren Kratzen du auch durch dein Räuspern nicht vollends abschütteln konntest. Sei's drum, denkst du, du bist auch nur ein Mensch und selbst der härteste Professor darf mal ein bisschen kratzig klingen, wenn siebenjährige Jungs lernen müssen, dass der große Bruder, der Held, plötzlich ein Ausgestoßener ist.
„Miss Johnson", du siehst die Amerikanerin fragend an, „Würden Sie uns die Ehre erweisen? Erinnerung Nummer 4, bitte." Sie schaut überrascht zurück, natürlich, es kann ihr nicht entgangen sein, dass du ihr bisher alles andere als Sympathie entgegengebracht hast, aber darum geht es nicht, findest du. Es geht darum, ob sie fachlich mithalten kann. Ob sie versteht, worum es in deiner Vorlesung geht. Ob sie lernen kann, Klischees zu vergessen. Du kennst den amerikanischen Geschichtsunterricht. Du nimmst es ihr nicht übel. Es ist nicht ihre Schuld. (Und ja, du streckst eine Hand aus und willst, dass sie sie ergreift.)
„Okay", gibt sie sich einverstanden und zieht ein Blatt Papier aus ihrem Stapel hervor, „Wir befinden uns noch immer im Jahr 1964, vermutlich auch noch im September. Sirius und Andromeda treffen auf einem der Gänge Hogwarts' aufeinander und es wird deutlich, dass Sirius' Eltern es zwar versucht haben, an seiner Einteilung jedoch nichts ändern konnten.
Sirius scheint unter der Situation zu leiden; Andromeda kann erkennen, dass er nicht besonders gut aussieht, auch wenn er sich bei ihr nicht beschwert. Das zeigt uns einerseits, wie stolz Sirius ist, und andererseits, wieder einmal, wie geschickt Andromeda darin ist, hinter die Masken ihrer Mitmenschen zu blicken. Sie ahnt, wie er sich fühlt, und sie weiß gleichzeitig, dass er viel zu stolz ist, um sich jemals bei ihr zu beschweren. Und darauf nimmt sie Rücksicht. Sie hat ihn extra abgefangen, damit sie ungestört miteinander reden können und er sein Gesicht wahren kann.
Sirius scheint hin- und hergerissen zu sein zwischen der Möglichkeit, sich einfach fallenzulassen, oder weiterhin den starken Mann zu markieren, der Witze reißt und den nichts aus der Bahn werfen kann. Aber im Prinzip ist es sowieso egal, weil seine Cousine ihn durchschaut und ihm ist das vermutlich auch selbst bewusst.
Andromedas behutsames Nachfragen, wie es ihm geht, ob die Anderen nett zu ihm sind, macht deutlich, dass er für sie noch immer voll und ganz zur Familie gehört, ganz egal, ob er nun in Slytherin ist oder in Gryffindor. Sie würde ihn beschützen und verteidigen, auch wenn er das nicht einmal zulassen würde. Er gibt eher ausweichende Antworten, die deutlich machen, dass er mit seinen Problemen schon alleine zurecht kommen will.
Interessant ist auch, dass wir durch Andromedas Gedankengänge erfahren, dass sie bereits weiß, was im Schlafsaal der Gryffindorerstklässler so vor sich geht. Das bedeutet, es ist ihr wichtig, ob Sirius alles im Griff hat, ob er Hilfe braucht. Sie hat jedenfalls Mittel und Wege gefunden, das herauszufinden, auch ohne ihren Cousin selbst fragen zu müssen.
Seine neuen Klassenkameraden beschreibt Sirius vorerst fast ausschließlich durch ihren Blutstatus – wahrscheinlich ein vollkommen normales Vorgehen, wenn man als Black aufgewachsen ist und denkt, dass reines Blut das Wichtigste auf der ganzen Welt ist. Dennoch nutzt er die Gelegenheit nicht, um sie in die Pfanne zu hauen und sich bei seiner Cousine ordentlich zu beschweren. Er sagt, sie seien ganz okay – auch wenn klar wird, dass er sich bereits geprügelt hat, wofür er sich ja anscheinend zumindest ein bisschen schämt, weil er schon wieder für Schlagzeilen gesorgt hat.
Und auch wenn er noch so sehr darauf pocht, dass er ein großer Junge ist und prima für sich selbst sorgen kann: als Andromeda ihn umarmt und etwas tröstet, da lässt er sie gewähren. Da ist er für einen Augenblick lang einfach nur ein völlig verwirrter Erstklässler, der Angst vor seinen Eltern hat."
Du bist ein bisschen verblüfft (was gemein ist, wirklich, denn warum sollte Miss Johnson nicht in der Lage sein, etwas Intelligentes zu sagen? Du musst mal mit deinen Vorurteilen aufräumen, ehrlich.), du hättest diese Analyse nicht direkt erwartet, aber du hast dich schnell wieder im Griff und nickst der Amerikanerin zu. „Danke", meinst du, „Sehr gut." Du bist sparsam mit deinem Lob, doch es ist eine Art Friedensangebot und sie nickt zurück und du denkst, dass ihr einen vorsichtigen Waffenstillstand habt. Immerhin besser als die offene Feindseligkeit der letzten Woche, die dich mehr beschäftigt gehalten hat als du dir eingestehen möchtest.
Du schielst auf deine Armbanduhr. Die Zeit rennt, wie immer, aber es fehlen nur noch drei Erinnerungen und du willst sie unbedingt alle schaffen, damit ihr am Ende wenigstens für fünf Minuten darüber diskutieren könnt, was für eine Familie die Blacks wohl waren. „Wie sieht es aus?", erkundigst du dich bei deinen Studenten, „Kann ich jemanden von Ihnen dazu überreden, sich freundlicherweise mit der fünften Erinnerung zu beschäftigen?" Eigentlich wird es mit jeder Erinnerung einfacher, findest du, weil sich die Charaktere mehr und mehr festigen, weil man bereits so viel Hintergrundwissen hat, dass es leicht ist, die feinen Unterschiede zu bemerken, festzustellen, was sich geändert hat.
Es wäre nur schön, wenn deine Studenten deine Meinung teilen würden. Und sich melden würden.
Dann schiebt sich eine helle Hand in dein Blickfeld und du nickst Stephen Hart erleichtert zu.
Er räuspert sich kurz, zieht die Stirn kraus und erneut denkst du, wie bereits in der letzten Woche, dass er dich an jemanden erinnert und du kannst nur einfach nicht den Finger darauf legen und es macht dich beinahe wahnsinnig. Aber für den Moment solltest du ihm sowieso besser zuhören statt ihn anzustarren und zu überlegen, warum dir sein Gesicht bekannt vorkommt.
„Wir bekommen mit, dass sich die Erinnerung in der letzten Woche der Weihnachtsferien abspielt, weil Sirius darüber redet, dass er am Sonntag wieder nach Hogwarts fährt. Wir wissen außerdem, dass Narcissa nun ebenfalls dort zur Schule geht, weshalb wir, denke ich, davon ausgehen können, dass es sich um das Jahr 1968 handelt, kurz nach Jahreswechsel", beginnt Mister Hart und es tut dir wirklich Leid, ihn sofort unterbrechen zu müssen.
„Entschuldigung", sagst du, „Rechnerisch betrachtet stimmt das völlig, aber leider macht Ihnen die Familie Black da einen Strich durch. Wir befinden uns im Jahre 1967, Narcissa Black ist Ende Dezember 1966 gerade elf Jahre alt geworden und wurde frühzeitig nach Hogwarts geschickt." Du zuckst bedauernd die Schultern, weil du es schade findest, dass Stephen Hart so logisch gedacht hat und dass seine Überlegungen trotzdem nicht gestimmt haben, nur weil die Familie Black wieder einmal eine Sonderbehandlung bekommen hat.
Er nickt dir jedoch völlig gelassen zu. „In Ordnung", meint er leichthin, „Dann also Januar 1967. Die Erwachsenen versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen, wer denn nun die besseren Kinder habe und von Festtagsstimmung ist eigentlich nicht viel zu merken. Einzig die jüngere Generation versucht, sich von der schlechten Laune nicht anstecken zu lassen. Sie sitzen gemeinsam in kleinen Grüppchen herum, unterhalten sich, was jedoch im Falle von Sirius und Bellatrix beinahe augenblicklich wieder in einen kleinen Streit ausartet, der jedoch von Andromeda geschlichtet werden kann, bevor er gänzlich ausbricht.
Sirius stichelt ein wenig darüber, dass Bellatrix noch nicht verlobt ist, während Bellatrix zurückstichelt, ob er denn gar nichts vom Klatsch und Tratsch in Hogwarts mitbekommt. Aber Andromeda schafft es irgendwie, die beiden Streithähne wieder zu beschwichtigen, sie von ihrem Streit wegzubekommen und daran zu erinnern, wie gut sie sich kennen, wie ähnlich sie sich sind, wie viel sie bereits gemeinsam erlebt haben. Wenn sie da zu dritt sitzen und sich über Walburgas zuckendes Auge unterhalten – da wirken sie auf mich wie eine ganz normale Familie, die zusammenkommt und gutmütig über jemand Anderen lästert. Sie wirken zufrieden, auch wenn sie es sonst nicht tun.
Sirius sagt ja selbst, dass der Haussegen gewaltig schiefhängt, denn immerhin haben Druella und Cygnus es geschafft, Orion und Walburga zu übertrumpfen, indem all ihre drei Töchter brav und ordentlich nach Slytherin eingeteilt wurden, während sich Sirius mal eben zum Schandfleck der Familie gemacht hat. Interessant ist hierbei vielleicht auch, dass alle Drei Mitleid mit Regulus haben, der zu Hause bleiben muss und noch nicht recht mitmischen darf im Abenteuer Hogwarts, sondern der sich stattdessen tagaus, tagein mit seinen Eltern herumplagen muss.
Ebenfalls recht charakteristisch finde ich übrigens, dass die beiden Jüngeren, also Regulus und Narcissa, nachwievor zusammensitzen und miteinander reden. Immerhin ist Narcissa jetzt ebenfalls in Hogwarts, sie hätte also durchaus Grund und Berechtigung, sich zu Sirius und ihren Schwestern zu setzen, doch sie tut es nicht. Sie bleibt bei Regulus. Weil die beiden, wie wir vorhin festgestellt haben, schließlich eine Einheit bilden.
Spannend fand ich auch, wie Andromeda den Streit der beiden Elternpaare beobachtet und festhält, dass es sie stört, wenn sie als Kinder mit hineingezogen werden, obwohl sie eigentlich nichts damit zu tun haben. Das hat mir gefallen. Und es hat zu Andromeda gepasst, irgendwie. Zu ihrer Diplomatie. Sie entwickelt sich langsam zu jemandem, der anfängt, das Konzept von Gut und Böse zu hinterfragen, das sie wahrscheinlich während ihrer gesamten Kindheit geprägt hat.
Übrigens ist es auch das erste Mal, dass wir – hier durch Andromedas Gedanken – erfahren, dass Sirius offenbar kein Problem damit hat, in Hogwarts Streitereien anzufangen. Es wird zwar nicht explizit gesagt, aber ich denke, wir können davon ausgehen, dass es wohl größtenteils Bellatrix ist, mit der er aneinandergerät. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich Andromeda auf den Fluren duelliert."
Du lachst ein bisschen und nickst zustimmend. Das kannst du dir auch eher schlecht vorstellen. „Vielen Dank", sagst du, als sich Stephen Hart zurücklehnt und dir signalisiert, dass er fertig ist, „Sie haben ganz richtig herausgearbeitet, dass wir es hier erneut mit Andromedas Gedanken zu tun haben, wie in fast allen der Erinnerungen. Ich persönlich finde es auch ungeheuer interessant, was für kleine Rituale die jüngere Black-Generation doch noch pflegt: zusammensitzen, über Walburgas zuckendes Auge reden ... das alles nimmt sich ja durchaus wie etwas aus, das man in jeder anderen Familie auch finden könnte. Nur, dass man es hier vermutlich nie erwartet hätte."
Du machst eine kleine Kunstpause und ordnest deine Notizen. Zwei Erinnerungen fehlen noch, aber die Zeiger der Uhr ticken beharrlich weiter und kümmern sich nicht im Geringsten um deinen Zeitplan, leider. „Meine Herrschaften", hebst du deine Stimme etwas an, „Zwei Freiwillige werden noch gesucht. Ich bitte also um rege Mitarbeit. Wer möchte sich um Erinnerung Nummer 6 kümmern?"
Als Charles Grey beinahe augenblicklich den Arm in die Höhe streckt, kannst du dir nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen. Du hast es dir ja fast gedacht, dass er nur darauf wartet, das besprechen zu können, was ihn persönlich vermutlich am meisten beschäftigt hat und du tust ihm den Gefallen und rufst ihn auf. Wenn ein Student enthusiastisch bei der Sache ist, hast du schließlich auch etwas davon. „Mister Grey", nickst du und lehnst dich entspannt zurück, „Bitte. Überschütten Sie uns mit Ihren Ergüssen."
In seinen Mundwinkeln hängt ein schiefes Grinsen und du denkst, dass er ganz genau weiß, dass du weißt, dass er einfach nur auf die richtige Erinnerung gewartet hat. Das ist okay, aber du erwartest nun, dass es richtig gut wird. Dass er dich umhaut.
„Bellatrix ist Schulsprecherin", sagt er langsam und konzentriert, „Das bedeutet, sie ist mittlerweile siebzehn und in ihrem letzten Jahr in Hogwarts, also dürften wir uns im Schuljahr 1968/69 befinden, genauer gesagt im Januar 1969, weil deutlich wird, dass es der erste Schultag nach den Weihnachtsferien ist. Andromeda und Bellatrix sind offensichtlich auf den Schulfluren unterwegs, als James Potter sie ... nun ... anspricht und sich ein Streitgespräch entwickelt.
Wir erfahren außerdem, dass James zwar mit einem weiteren Freund unterwegs ist, jedoch Sirius und Lupin abgehängt hat. Daraus können wir schließen, dass James das, was er vorhat, nicht mit Sirius abgesprochen hat. Sirius weiß also nicht, dass sein bester Freund drauf und dran ist, sich seinetwegen mit der Schulsprecherin zu duellieren, was natürlich für ihre Freundschaft und ihre Loyalität untereinander spricht. Und für Potters leichte Dummheit und seine unglaubliche Selbstüberschätzung, wenn er denkt, er könne gegen jemanden gewinnen, der zwei Jahre älter ist und vermutlich wesentlich erfahrener in gefährlicher Sprucharbeit", fügt er hinzu und bringt dich zum Lachen.
„Potter hat also offenbar keine Angst vor Bellatrix und er scheut sich auch nicht, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem er eine provozierende Bemerkung über den gesamten Gang brüllt", stellt Mister Grey fest, „Bellatrix ihrerseits reagiert längst nicht so gefasst und kühl, wie man es vielleicht erwartet hätte, sondern lässt sich sofort dazu hinreißen, den Zauberstab in die Hand zu nehmen und hätte Potter wahrscheinlich an Ort und Stelle kurz und klein gehext, wenn Andromeda nicht da gewesen wäre, um sie wieder zu beruhigen.
Durch Potters Kommentare bekommen wir mit, dass Druella Black, also die Mutter von Bellatrix und Andromeda, eine, nun, Koryphäe auf dem Gebiet der Dunklen Künste ist – die Mädels haben also einen durchaus spannenden Familienhintergrund. Da fragt man sich doch, was für Bücher so in der hauseigenen Bibliothek herumstehen. Gleiches gilt offenbar für Bellatrix' Verlobten, bei dem ich mal davon ausgehe, dass es sich um ihren späteren Ehemann handelt, Rodolphus Lestrange."
„Korrekt", du unterbrichst ihn kurz, um noch ein paar Zusatzinformationen zu geben, „Rodolphus Lestrange hat an verschiedenen europäischen Zauberuniversitäten die Dunklen Künste studiert – jedoch wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, zu dem dieses Fach in den meisten Ländern zwar verpönt, aber nicht verboten war, mal abgesehen von Deutschland, Österreich und England. Rodolphus Lestrange hat seine Studien recht ... intensiv und leidenschaftlich betrieben. Er wurde einer von Lord Voldemorts ersten Todessern und wurde schließlich, gemeinsam mit seiner Frau, lebenslänglich nach Azkaban geschickt, konnte jedoch 1996 ausbrechen und sich erneut dem Dunklen Lord anschließen."
Du nickst Mister Grey zu und er greift seine Analyse sofort wieder auf. „Potter unterstellt Bellatrix mit seiner Frage also, dass sie ebenfalls starkes Interesse an den Dunklen Künsten hat und sein Verweis auf Fluchopfer und Grausamkeiten deutet darauf hin, dass er es durchaus in Betracht zieht, dass sie heimlich die Unverzeihlichen Flüche praktiziert. Das zeichnet natürlich kein sonderlich nettes Bild der jungen Miss Black", erklärt er und der Zynismus tropft regelrecht aus seiner Stimme.
„Gleichzeitig teilen uns Andromedas Gedanken mit, dass sich Sirius offenbar immer stärker zu einem Rebellen entwickelt, der von seinen Eltern durch bestrafende Flüche gezüchtigt und daran erinnert werden muss, wie man sich als Black zu verhalten hat. Das ist ganz offensichtlich auch etwas, was die komplette Familie weiß, aber wogegen niemand etwas unternehmen will oder kann. Es wird geduldet. Was wiederum darauf schließen lässt, dass es sich hierbei um recht alltägliche Erziehungsmaßnahmen im Hause Black handelt. Regulus und die Mädchen haben zwar augenscheinlich Mitleid mit Sirius, aber da gibt es nichts, was sie für ihn tun können.
Die Flüche scheinen auch nicht gerade harmlos gewesen zu sein, wenn man bedenkt, dass sie dazu gedacht waren, Sirius zu brechen, ihn wieder auf den richtigen Weg, nämlich den der Blacks, zu bringen – etwas, was Bellatrix wohl gutheißt, auch wenn ihr vielleicht die Methoden nicht unbedingt gefallen. Das bedeutet, zumindest meiner Ansicht nach, dass ihr etwas daran liegt, dass ihr Cousin nicht vollends aus der Familie ausgestoßen wird. Ob dies nun allerdings auf reiner Verwandtschaftsliebe basiert oder auf der Angst, den guten Ruf zu ruinieren, wird nicht klar.
Spätestens als Bellatrix kurz davor ist, die Beherrschung zu verlieren, fällt einem übrigens die Ähnlichkeit zwischen ihr und Sirius auf, oder zumindest ist es mir so ergangen. Bisher haben wir sie ja meistens als Kühle erlebt, als diejenige, die erhaben über allem thront, auch mal als albernes Mädchen, das Wetten abschließt, jedoch nie als Wütende, als Furie. Vielleicht ist es die Erwähnung von Rodolphus, vielleicht aber auch der Name ihrer Mutter, der das Fass für Bellatrix zum Überlaufen bringt – wir können hier nur spekulieren. Höchst interessant finde ich allerdings Andromedas Überlegung, dass Bellatrix diejenigen hasst, die sie dazu bringen, die Kontrolle zu verlieren.
Andromeda selbst ... bleibt so, wie wir sie kennengelernt haben, finde ich. Einerseits diplomatisch, darum bemüht, den Streit zu schlichten, das Duell zu verhindern, damit beschäftigt, die Vernünftige zu sein, und andererseits verteidigt sie Bellatrix, schießt giftige Kommentare auf Potter ab und beweist, dass sie hart im Nehmen ist, dass man sie nicht unterschätzen sollte, auch wenn sie neben Bellatrix natürlich vergleichsweise zahm wirkt. Dennoch ist sie es, die Potter zumindest kurzzeitig zum Schweigen bringt und in der Zwischenzeit dafür sorgt, dass Bellatrix schleunigst weg kommt, bevor weitaus Schlimmeres passieren kann."
Charles Grey verliert sich einen Augenblick lang in seinen Aufzeichnungen, ehe er erneut den Kopf hebt und dich anschaut. „Das Interessanteste", beginnt er mit leiser Stimme, „ist allerdings das Ende der Erinnerung. Wir erleben James Potter, der vor Sorge um seinen besten Freund schier ausrastet, der sich traut, Andromeda und Bellatrix mitten auf den Fluren hinterher zu schreien, dass ihre Familie Sirius noch umbringen wird. Und wir erleben Andromeda, die einen überaus spannenden Gedanken verfolgt: wenn es ihre Familie nicht gäbe und wenn sie nicht genau so wäre, wie sie es nun eben war – dann wäre Sirius ein anderer. Dann wäre die Geschichte, die wir kennen, eine andere. Und so vermutlich niemals passiert."
Er verstummt und du denkst, dass er fertig ist. Es war gut, es hat dir gefallen, aber du hast nicht erwartet, dass er das kleine Detail, ganz am Ende, übersehen würde.
„Achja", hebt Mister Grey da nochmals die Stimme an und du kannst es in seinen Augen schelmisch funkeln sehen, Drangekriegt blitzt es dort und du unterdrückst ein Schmunzeln, „Nicht zu vergessen ist natürlich die Tatsache, dass wir am Schluss miterleben dürfen, wie Andromeda Black sich langsam ebenfalls ein Stück von ihrer Familie hinwegentfernt. Sie schämt sich dafür, dass Potter Sirius so sehr verteidigt und bereit wäre, für ihn zu kämpfen und sich zu duellieren, während sich aus ihrer eigenen Familie niemand traut. Das ist wahrscheinlich das erste Mal, dass jemand wie Andromeda Black so etwas wie Respekt für jemanden wie James Potter verspürt."
„Danke", beendest du seine Ausführungen und wirfst einen skeptischen Blick auf deine Uhr. So wie es aussieht, wirst du Glück haben, wenn ihr es noch hinbekommt, die letzte Erinnerung zu besprechen und dann eine Zwei-Minuten-Diskussion anzuhängen. Wie du es doch hasst, wenn neunzig Minuten wie im Flug verstreichen. Vielleicht solltest du einfach mal anfangen und überziehen. Dummerweise findest du das deinen Studenten gegenüber zu unfair. Du weißt schließlich selbst, wie wunderbar es ist, dreißig kostbare Minuten Pause zu haben.
„Ich möchte Sie ja nicht hetzen", sagst du vorsichtig und schaust deine Studenten der Reihe nach an, „aber uns bleibt leider nicht mehr allzu viel Zeit, deswegen würde ich darum bitten, dass sich einer von Ihnen erbarmt und die letzte Erinnerung bespricht, sodass wir hinterher wenigstens in aller Kürze zusammentragen können, was wir über die Familie Black erfahren haben. Freiwillige bitte vor."
Du hast Glück und Mister MacLaine meldet sich beinahe augenblicklich. „Sehr schön", seufzst du regelrecht erleichtert, „Sie haben das Wort. Legen Sie los." Er rückt seine Goldbrille zurecht und tut das, was du von ihm verlangt hast – er legt los.
„Wir befinden uns im September 1969, Bellatrix Black hat die Schule verlassen, während ihre jüngere Schwester Andromeda gemeinsam mit dem Hufflepuff Theodore Tonks zur Schulsprecherin ernannt worden ist", erläutert Alasdaire die Ausgangssituation und du registrierst beiläufig, dass auch er sich offenbar die Mühe gemacht hat, ein wenig zu recherchieren. Hufflepuff wird nämlich mit keiner Silbe erwähnt.
„Allerdings kann sie sich über diese Ehre nicht wirklich freuen, da es den Sommer über ein paar Familienprobleme gegeben hat: ihr Cousin Sirius ist zu Hause ausgezogen und hat augenscheinlich nicht vor, wieder zu seinen Eltern zurückzukehren. Der Hinweis Regulus' Berichte waren schmerzhaft detailliert lässt uns vermuten, dass seine Eltern nicht davor zurückgeschreckt sind, ihren Sohn erneut mit Flüchen zu bestrafen und zu versuchen, ihn somit wieder zur ... Vernunft zu bringen.
Andromeda scheint mit diesen neuesten Entwicklungen nicht sonderlich gut zurechtzukommen, denn sonst würde sie wohl kaum nachts in einer Ecke sitzen und weinen. Das zeigt eventuell aber auch, dass sie es sich in ihrem Schlafsaal, bei ihren Mitschülerinnen, vielleicht nicht traut, weil es ihr als Schwäche ausgelegt werden könnte. Und sie möchte sich ganz einfach ihren Stolz bewahren – etwas, was nicht gerade leicht ist, wenn man in einer Situation wie der ihren zufällig entdeckt wird, doch Tonks schafft es, zumindest meiner Ansicht nach, trotzdem irgendwie, dass sie ihr Gesicht wahren kann.
Überhaupt ist er überaus freundlich zu ihr. Er zeigt keine nennenswerten Vorurteile ihr gegenüber und ist gleichzeitig auch wenig beeindruckt von ihren Drohungen. Man bekommt das Gefühl, dass er ganz genau weiß, wo er in der Hogwarts-Hierarchie steht, wenn es um Familienehre und Blutstatus geht, aber es scheint ihn nicht weiter zu kümmern. Er bietet Andromeda sein Taschentuch an – eine Geste, die Trost verspricht und Andromeda merklich überfordert. Sie ist also nicht gewöhnt, dass man sich um sie sorgt, ohne dafür etwas als Gegenleistung zu erwarten. Das wirft natürlich die Frage auf, was für Freundschaften Andromeda so pflegt.
Es spricht für ihre strenge Erziehung, dass sie Tonks gegenüber augenblicklich misstrauisch reagiert und automatisch vom Schlimmsten ausgeht. Er ist der Sohn zweier Muggeleltern, er ist kein Slytherin und das genügt für sie, um ihn sechs Schuljahre lang beinahe vollständig ignoriert zu haben. Und obwohl sie sich alles andere als nett verhält, lässt sich Tonks nicht im Geringsten beeindrucken: es scheint, als würde er ihre offene Feindseligkeit einfach ignorieren und er ist ... anständig genug, ihr zu sagen, dass die gesamte Schule über die Ereignisse im Hause Black Bescheid weiß. Damit gibt er ihr die Gelegenheit, sich innerlich zu wappnen, wenn sie das erste Mal mit einem Kommentar diesbezüglich konfrontiert werden sollte. Etwas, das ihre Freunde ihr offenbar verschwiegen haben.
Und obwohl Andromeda ihre ältere Schwester sehr zu vermissen scheint und sich der Tatsache bewusst ist, dass sie sich anders – und in ihren Augen wohlgemerkt falsch – verhält, wenn Bellatrix nicht da ist, um sie zurückzuhalten, habe ich dennoch das Gefühl, dass wir hier zum ersten Mal vollständig hinter Andromedas Maske sehen dürfen. Plötzlich ist sie nicht mehr ganz so wohlerzogen und diplomatisch, ihr rutscht auch einmal etwas heraus, was sie vielleicht nicht hätte sagen sollen, sie wirft mit Drohungen um sich und ist dann am Ende fast schon freundlich – zu jemandem, der es in Bellatrix' Augen bestimmt nicht verdient hätte.
Ich glaube, was wir hier sehen, ist der Übergang von einer Andromeda zur anderen. Sie ist sich ihres Status' wohl bewusst, sie kennt ihren Ruf, sie hat die kleinen Gesten einstudiert, die sie sich von ihrer Mutter und ihrer Schwester abgeschaut hat – und trotzdem wirkt sie, als sei sie gerade dabei, zu sich selbst zu finden. Ich bezweifle, dass sie sich bei Tonks bedankt hätte, wenn Bellatrix dabei gewesen wäre. Ich bezweifle sogar, dass das ganze Gespräch stattgefunden hätte, wenn Andromeda nicht alleine gewesen wäre."
Er verstummt und du weißt, er hat sich deinetwegen beeilt. Und es trotzdem irgendwie geschafft, all das unterzubringen, was du für wichtig erachtet hast. Du sagst „Wunderbar, vielen Dank!", klatschst in die Hände und legst deinen Stapel Notizen auf dem Pult neben dich ab. „Ich weiß, dass das sehr viel auf einmal war und dass die meisten von Ihnen sich vermutlich nach einer Tasse Kaffee und einer Pause sehnen, aber ich würde Sie inständig bitten, zumindest noch einen kurzen Moment zu bleiben und zusammenzutragen, was wir über die Blacks erfahren haben. Was Sie denken. Ob Sie auch gerne solche Eltern hätten."
Gemurmel steigt auf und vereinzelt hörst du abfälliges Schnauben. Das sollte beinahe Antwort genug auf deinen letzten Kommentar sein. Du grinst ein bisschen. „Meldungen?", erkundigst du dich, „Fünf Minuten. Dann lasse ich Sie gehen. Versprochen. Miss Roberts?" Die Waliserin hat ihre Hand erhoben und dich abwartend angeschaut. „Ich denke, dass wir ein höchst komplexes Bild von der Familie Black erhalten haben", erwidert sie langsam, „Ich weiß nicht, wie es meinen Kommilitonen gegangen ist, aber ich dachte eigentlich immer, dass die gesamte Familie aus bösen Schwarzmagiern besteht und völlig kaputt ist."
Dein Grinsen vertieft sich. „Und jetzt?", erkundigst du dich gelassen.
Sie lächelt zurück und zuckt die Schultern. „Jetzt denke ich immer noch, dass sie völlig kaputt ist", entgegnet sie, „Und ich glaube auch, dass viele von ihnen schwarze Magie praktiziert haben. Aber gleichzeitig haben mir die Erinnerungen gezeigt, dass zeitweise beinahe so etwas wie ... Normalität und Alltag geherrscht hat. Dass die Kinder letzten Endes doch nur genau das waren: nämlich Kinder. Die irgendwie versucht haben, miteinander aufzuwachsen, miteinander zu spielen, miteinander klarzukommen, während ihre Eltern sich gegenseitig übertrumpfen wollten und ihre Kinder dafür missbraucht haben.
Man muss sich nur mal Sirius anschauen, der gezüchtigt wird, weil er die Erwartungen nicht erfüllt hat, die in ihn gesetzt wurden. Regulus, dem die gesamte Last auf die Schultern gelegt wird, weil sein großer Bruder, den er ja offenbar recht gerne hatte, sich nicht ganz so entwickelt hat, wie es vorausgesetzt wurde. Und die Mädchen. Andromeda und Bellatrix, die so sehr aneinander hängen und die sich später dennoch entzweien werden. Narcissa, die Kleinste, die so unglaublich schüchtern und unschuldig wirkt, die sich festklammert und gleichzeitig selbst der Anker für Regulus ist. - Was ist mit diesen Kindern passiert, frage ich mich? Bellatrix wird morden. Regulus wird ein Todesser werden. Sirius und Andromeda werden verstoßen werden. Ich frage mich, ob sie manchmal zurückgeblickt und sich gewundert haben, wann es eigentlich alles schiefgegangen ist."
Du merkst, wie die Unruhe langsam Überhand nimmt in deinem Hörsaal. Du hast bereits zwei Minuten überzogen und die innere Uhr etlicher Studenten sträubt sich offenbar dagegen. Nunja, immerhin hast du es noch geschafft, eine Wortmeldung unterzubringen. „Meine Damen, meine Herren", hebst du deine Stimme ein letztes Mal für diese Vorlesung an, „Vielen Dank für Ihre Mitarbeit. Für heute sind Sie entlassen. Ich werde Ihnen die Unterlagen für die nächste Sitzung wie üblich zukommen lassen und würde Sie bitten, sich ausgiebig damit zu beschäftigen und sich vorzubereiten. Bitte behalten Sie das, was wir über die Familie Black gesagt haben, im Hinterkopf. Sollten wir nächste Woche etwas Zeit übrig haben, würde ich nämlich gerne einen ersten Vergleich zweier Familienbilder anstellen. Bis dahin: haben Sie eine gute Woche."
Sie trommeln auf ihre Tische und du lässt dich von deinem Pult gleiten. Du greifst nach deiner Tasche, packst deinen Stapel Notizen hinein und bist gedanklich bereits in deinem Büro, als jemand hinter dir „Entschuldigung?" sagt und du dich überrascht umdrehst. „Miss Hopkins", sagst du, zwischen Erstaunen und einem unguten Gefühl in der Magengegend, während du dir deine Robe über den Arm wirfst, „Womit kann ich Ihnen helfen?"
Du hoffst inständig, dass sie nicht auf eine Antwort ihrer Frage von der letzten Woche beharrt. Du kannst sie ihr nicht geben. Du willst sie ihr nicht geben. Sie schaut dich durch runde Brillengläser an und du kannst sehen, dass im Hintergrund Miss O'Connor und Miss Carter warten, während der Großteil der übrigen Studenten bereits zur Tür eilt. Nur die Herren MacLaine und Grey werfen neugierige Blicke in eure Richtung.
Gwendolen Hopkins umklammert ihre Tasche und schaut dich weiter an. „Sir", sagt sie zögernd, „Ich habe mich nur gefragt ..." Du kannst regelrecht sehen, wie sie sich einen inneren Ruck gibt, wie sie sich zwingt, jetzt weiterzusprechen. „Ich habe mich nur gefragt, woher die Erinnerungen stammen. Also, wie es dazu gekommen ist, dass Mrs Malfoy und Mrs Tonks sich damit einverstanden erklärt haben, dass Hunderte von Studenten ihre privaten Erinnerungen teilen dürfen."
Du starrst sie an und kannst nur denken, wie brilliant es ist. „Keine Sorge", erwiderst du schließlich und hoffst, dass sie nicht mitbekommt, wie deine Stimme zittert, wie weiß deine Handknöchel geworden sind, weil du deine Tasche so fest greifst, „Das werden wir bei Gelegenheit noch besprechen. Haben Sie eine schöne Woche, Miss Hopkins." Du nickst ihr zu und was du dann tust, fühlt sich gefährlicherweise an wie Flucht ergreifen.
tbc.
Anmerkung (31.12.2010): Das fälschliche "Ravenclaw" bei Ted Tonks habe ich nun endlich mit dem korrekten "Hufflepuff" ersetzt. Ansonsten ist das Kapitel genau gleich geblieben.
