Another Word For Desperate

(I won't be around here for too very long)

Remus wusste nicht viel über Zeit, jedenfalls nichts, was man nicht in der Schule lernte. Als ordnende Magie bestimmte sie ihrer aller Leben, aber wer machte sich schon gründliche Gedanken über ihre Mechanismen? Für Remus hatte eine Gewissheit immer genügt, und die war simpel, aber für ihr aller Leben von größter Bedeutung: Zeit verging.

Und sie hatte es ziemlich eilig. Jedenfalls kam es Remus so vor. Die Tage wurden im Winter jedes Jahr kürzer, aber dieses Jahr fühlte er sich manchmal, als ob es gar nicht mehr richtig hell würde. Ging die Sonne morgens überhaupt noch auf? Für ihn schien es, als ob er im Dunkeln aufstand, einmal blinzelte und schon war es wieder Nacht vor den Fenstern und es war Zeit für Ruhe in den Gängen zu sorgen. Zwischen Arbeit und sozialen Verpflichtungen war es ihm kaum möglich, irgendwann einmal eine freie Minute zum Denken zu finden. Jede Uhr schien lauter zu ticken, je schneller das Jahr vorbeiging. Jedes Vorrücken des Minutenzeigers schien einen Moment vergehen zu lassen.

Tick.

Halloween flog vorüber. Wie erwartet waren die süßen Spinnen ein voller Erfolg unter den Schülern, wenn sie auch bei weitem nicht alle begeistern konnten. Die Schnecken hingegen erfreuten sich universaler Beliebtheit, und sogar Minerva gab bereitwillig zu, dass sie gut schmeckten. Mit der prickelnden Füllung eines Schneckenhauses aus Zitronenbrause auf der Zunge sah Remus dabei zu, wie sie beim Ball den jedes Jahr unvermeidlichen langsamen Walzer mit Severus tanzte, und dabei offensichtlich noch genug freie Kapazität hatte, um sich mit ihm ausnahmsweise einmal völlig ungestört zu unterhalten. Das Schauspiel sorgte unweigerlich zu heftigen Gerüchten unter den Schülern, und war immer wieder Gegenstand zahlreicher Wetten. Das beide etwas Theater darum machten gehörte dabei genauso dazu wie Severus' elegante Verbeugung zum Schluss, bei der er diesmal offensichtlich eine sarkastische Bemerkung Minervas noch im Ohr hatte und nur mühevoll das Lächeln aus seinem Gesicht wischte. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand, nach Meinung der Schüler angewidert über den Kontakt zum Kopf der Gryffindors. Das Voldemort Halloween als sein persönliches Hochfest feierte wussten nur die Mitglieder des Ordens, und hinter Minervas Kopfschütteln verbarg sich weniger Unzufriedenheit mit ihrem Tanzpartner als vielmehr Sorge.

Tack.

Weihnachten. Wie jedes Jahr redete man schon Wochen darüber, aber als es plötzlich kam waren alle schockiert. Schlagartig leerten sich die Hallen bis auf wenige Schüler, die nicht nach Hause fahren konnten. Diesmal waren erstmals auch solche darunter, die ihre Eltern in Death Eater Angriffen verloren hatte. Auch einige der Lehrer reisten zu ihren jeweiligen Familien, und der schwarze Hund war direkt mit Ron in den Hogwarts Express gestiegen. Auch Remus stand dieses Schicksal bevor, denn die Einladung zu den Weaselys hatte er kaum ausschlagen können. Zumal Severus ihn förmlich verjagt hatte. Albus' großartige Weihnachtspläne waren ihm schon seit Wochen auf die Nerven gegangen. In welcher Farbe der Weihnachtsbaum in der großen Halle strahlen sollte interessierte ihn nicht. Brüsk hatte er sämtliche Verantwortung in der Lehrerkonferenz von sich gewiesen, und den Rest der Besprechungen mit dezidiert gelangweiltem Desinteresse dabeigesessen. Remus hatte sich geärgert, aber als er Abends auf seinem Kontrollgang etwas Zeit für eigene Gedanken fand wurde ihm schlagartig klar, dass Severus sich durchaus schon Gedanken über Weihnachten gemacht hatte - Monate vorher, als er Remus erklärt hatte, spätestens dann nicht mehr am Leben zu sein.

Damit bekamen die Weihnachtsfeierlichkeiten einen völlig anderen Geschmack. Auch das Severus' sich immer weiter zurückzog machte Sinn. Etwas traurig reiste Remus kurz vor dem 24. Dezember ab. Der Trubel der chaotischen Feier bei den Weaselys brachte ihn nur zeitweise auf andere Gedanken. Zwischen Plumpudding, platzenden Knallbonbons und der lauten Freude der vielen Gäste und Familienmitglieder kam er sich vor, als ob nur zwei Drittel von ihm anwesend waren. Erst als wenige Stunden vor dem traditionellen Weihnachtsdinner ein kleiner Vogel an seine Schlafzimmerfensterscheibe klopfte und ihm eine kleine Pergamentrolle ablieferte bemerkte er, wie sehr er eigentlich gar nicht bei der Sache gewesen war. Die Rolle war schmal, aber das Siegel mit dem Baum der Erkenntnis war sorgfältig in das dunkle Wachs gepresst. Remus las die wenigen Zeilen, und stopfte das Pergament kopfschüttelnd und lächelnd in die Innentasche seiner Robe. Dann ging er die Treppen hinunter, fest entschlossen, mehr Stücke Weihnachtskuchen zu essen als Sirius.

Tick.

An Neujahr stand er auf dem Astronomieturm, umgeben von seinen Kollegen und Freunden, und sah dem Feuerwerk zu, das Hagrid über dem Verbotenen Wald zum Explodieren brachte. In seinen halb erfrorenen Fingern balancierte er eine hauchdünne Champagnerschale, und während alle riefen und die über den Himmel fliegenden Feuerdrachen beklatschten stieß er mit Minerva an. Er fragte sich, ob Voldemort unter Feuerwerk noch etwas anderes verstand als den grünen Schimmer des Morsmordre und stellte sich vor, dass Severus wahrscheinlich irgendwo viele Kilometer von Hogwarts entfernt eine ähnliche Champagnerschale zwischen den dürren Fingern balancierte und mit Lucius Malfoy auf ein neues Jahr und ihren anstehenden Sieg anstieß. Remus' Gedanken wanderten weiter, und erst als direkt über ihnen eine purpurfarbene Seerose explodierte wurde er wieder unsanft in die Gegenwart zurückgerissen, stellte sein Glas ab, und klatschte mit den anderen Beifall.

Tack.

Und dann wurde plötzlich Frühling, und Severus lebte gegen seine eigenen Prognosen immer noch. Es waren die ersten etwas helleren Tage gewesen, und alle waren etwas beschwingter als sonst. Noch zeigten sich keine Blätter oder Knospen an den Bäumen, und der Wind war noch frisch. Trotzdem verbrachte wer nur konnte das Wochenende draußen, und dementsprechend trat an den Abenden etwas mehr Ruhe ein. Remus hatte das Wochenende mit nur wenigen Korrekturen verbracht, und lange Spaziergänge mit Sirius' Hundeform im Verbotenen Wald unternommen. An Zeit mit Severus war nicht zu denken, denn schon freitagabends hatte Voldemort ihn gerufen. Mittlerweile war alle daran gewöhnt dass er nicht sofort zurückkam und das nicht zwangsläufig gleich das Schlimmste zu befürchten war. Voldemort hatte eine seltsame Vorliebe dafür entwickelt, Severus das ganze Wochenende bei sich zu behalten. Was genau dort geschah erfuhr Remus nicht. Er sah nur Severus nach seiner Wiederkehr, zum Umfallen erschöpft und stumm niedergeschlagen.

An diesem Wochenende verhielt es sich ähnlich, nur das Severus am Sonntagnachmittag immer noch nicht zurück war. Erst Montag morgen wachte Remus in seinem eigenen Bett auf und fand eine kleine grüne Glaskugel auf dem Boden vor seinem Kamin - das Zeichen, dass sich in den letzten Monaten bei ihnen etabliert hatte, um Severus' Rückkehr anzuzeigen. Ihrer beider Kamine waren an das interne Flohnetzwerk in Hogwarts angeschlossen, und für Nachrichten zugänglich, auch wenn kein Personentransport stattfinden konnte. Vergnügt ließ Remus die kleine Glaskugel in die Tasche seiner Lehrerrobe gleiten, um sie bei späterer Gelegenheit an Severus zurückzugeben. Meist geschah das unauffällig, aber gelegentlich machte er sich einen Spaß daraus den Tränkemeister vor allen Augen abzufangen und unter irgendeinem wilden Vorwand die Glaskugel zurückzugeben.

An diesem Montag ergab sich die Chance für ihn aber nicht. Kaum hatte er seinen üblichen Platz am Kopfende des Lehrertisches eingenommen und sich am morgendlichen Porridge bedient, als Albus aufstand und an den Saftkrug klopfte. Sofort legte sich weitestgehende Ruhe über die große Halle, ein Phänomen, das Remus immer wieder aufs neue bewunderte. Niemand wusste, was für eine Ansage Albus machen würde, und er tauschte einen Blick mit Minerva aus, die aber auch nur die Schultern zuckte. Albus machte es ihnen aber leicht und erklärte kurz und bündig, dass der Kopf Slytherins erkrankt sei und erst am Mittwoch wieder zu erwarten sei. Bis dahin wollte er selbst die Tränkeklassen übernehmen und etwas nach dem Rechten sehen. Albus' gute Wünsche für eine fröhliche Woche gingen im allgemeinen Gemurmel der Schüler unter. Albus' Lehrstunden waren begehrt, vor allem weil er kaum anständigen Stoff unterrichtete, sondern den Schülern lieber seltsame Verwandlungen zeigte oder sie Tränke brauen ließ, die Glitzersterne ausspuckten oder dem armen Versuchsobjekt grüne Haare aus der Nase sprießen ließen. Severus schimpfte immer über die Verunglimpfung seiner Kunst, und ließ seine Schüler anschließend Essays über die Wirkungsmechanik dieser farbenprächtigen Tränke schreiben. Unter diesen Überlegungen verspeiste Remus sein Frühstück und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie ein Huffelpuff-Erstklässler den Hund Sirius unter dem Tisch mit Speck fütterte.

Schließlich leerte die Halle sich, und Remus gelang es gerade noch, Albus abzufangen. Auch Minerva hatte gewartet, offensichtlich aus ähnlichen Gründen. Albus nickte nur, war aber wenig informativ. "Ich weiß ja was ihr wollt. Natürlich hat Severus keine Grippe oder sowas. Aber erst ist mir letzte Nacht nach seiner Rückkehr im Büro fast zusammengebrochen, und ich habe ihm kurzerhand Bettruhe verordnet. Bis Mittwoch kann ich ihn dazu zwingen, wahrscheinlich schläft er einfach zwei Tage durch." Minerva sah besorgt aus. "Konntest Du ihn wenigstens bei Poppy einsperren?" Albus lachte. "Was denkst Du? Natürlich nicht. Er hat eine Nacht bei mir verbracht, und ist heute Morgen sehr früh regelrecht geflüchtet." Albus zwinkerte zu Remus. "Du weißt ja wie sehr Severus an seinem Bett hängt. Ich habe gehört es soll bequem sein." Für einen Moment spürte Remus die Hitze in seinem Gesicht, aber auch Minerva lachte und tätschelte seine Schulter. "Du und deine Anspielungen, Albus."

Mit dieser neuen Erkenntnis verließ Remus die Große Halle und konzentrierte sich erst einmal auf seinen Tag. Ohne größere Zwischenfälle unterrichtete er seine Klassen, korrigierte einige Essays, und verteilte in seiner Sprechstunde Referate an seine Fünftklässler. Für das Mittagessen fand er diesmal kaum Zeit, aber beim Abendessen erwischte er einen Stuhl zwischen Poppy und Pomona Sprout, die Neuerwerbungen für die Gewächshäuser diskutierten. Da Remus selbst mittlerweile einen gewissen Ruf als Kräuterexperte genoss bezogen sie ihn ein, und er trug gerne bei, was ihm zu dem jeweiligen Thema einfiel.

Diesmal ging es um die Ansiedlung einiger Algenkulturen, und Pomona Sprout referierte zwischen Vorspeise und Nachtisch ihr umfangreiches Wissen über den Nutzwert von Algen, Poppy kommentierte über die entsprechenden gesundheitlichen Wirkungen und die mögliche Eingliederung von Nori in den Speiseplan, und Remus erinnerte sich einen jüngst gelesenen Artikel über hochgiftige grüne Spanalgen und trug Pomona auf, diese aus den Glasbehältern fern zu halten. Grinsend tauschten Poppy und Pomona einen Blick, und Remus musste etwas Mühe aufwenden, bis er von ihnen eingeweiht wurde. Dabei stellte sich heraus, dass Pomona ihre Ideen zur Algenzucht bereits mit Severus diskutiert hatte, der die Ansiedlung einer Kolonie von Spanalgen in einem gesonderten Behälter in Auftrag gegeben hatte. Offensichtlich las auch er die Zeitschrift zur Innovativen Kräuterkunde. Im Gegensatz zu Remus schien er aber an Nervengift produzierenden Cyanobakterien durchaus interessiert zu sein.

Das hätte Remus sich natürlich denken können. Er nahm sich vor, mehr über die biologischen Wechselwirkungen von Cyanobakterien nachzulesen. Nach dem Dessert hatte er aber zuerst seine jeden Montagabend fest eingeplante Schachrunde in einem kleinen Nebenzimmer des Gryffindor Common Rooms zu überstehen. Unter den aufmerksamen Augen von Harry und Sirius Hundeform lieferte Remus sich dort jede Woche ausführliche Wettkämpfe mit Ron, der seinen Status als Schachgroßmeister von Hogwarts immer wieder aufs Neue unter Beweis stellte. Aber Remus spielte selbst gut, und im Gegensatz zu den meisten anderen Gegnern hatte Ron an seinen Taktiken und kreativen Ideen oft einiges zu knabbern.

Dazu kam, das Remus die entspannte Stimmung sehr genoss. Das kleine Zimmer mit dem großen Kamin gönnte ihnen etwas Privatsphäre, und die lockere Runde wurde fast immer durch Hermine komplettiert, die irgendetwas las und nebenbei das Spiel kommentierte. Remus war noch nie klar geworden, warum sie nicht selbst spielte. Schach schien ihm ideal zu ihrer Wissensgier und ihrem logischen Denken zu passen, aber sie selbst versicherte ihm immer wieder aufs Neue, dass alle sowas dächten und sie trotzdem nicht gerne spielte. Außerdem hätte Schach nichts mit Logik zu tun. Grinsend hörte Remus sich den Monolog an, und bedauerte dabei intensiv, dass er Hermine nicht einmal dem Severus vorstellen konnte, den er inzwischen kennengelernt hatte. Die beiden hätte wahrscheinlich den ganzen Abend mit ihren jeweiligen Büchern am Rande des Schachspiels verbracht, aber jede Gelegenheit genutzt, gehässige und hochgebildete Kommentare zu der seichten Einfachheit des Spieles zu geben, die ihren jeweiligen Intellekt natürlich weit unterforderte. Insgeheim wartete Remus noch darauf, das Hermine ihre sarkastische Seite entdeckte und zu pflegen begann. Aber das würde sicherlich noch etwas länger dauern, bis ins junge Erwachsenenalter hinein - falls der am Horizont aufscheinende Krieg ihr soviel Zeit geben würde. Remus hoffte es inständig.

Pappsatt von zu viel heißer Schokolade, und ohne die Begleitung des großen schwarzen Hundes, der noch bei Ron blieb, machte Remus sich schließlich auf den Weg. Trotz seiner schmerzlichen Niederlage wanderte er entspannt durch die ruhigen Gänge des Schlosses, durchquerte die leere Große Halle, und schlug schließlich den wenig begangenen Weg zu Severus' privaten Quartieren ein. Das Schloss lag ruhig, und langsam kam die wärmere Luft des anbrechenden Frühlings bis in die Gänge hinein. Zufrieden hörte Remus auf das Flüstern der Steine und seine eigenen Schritte auf dem harten Boden.

Als Remus schließlich vor der schweren Holztür angelangte schwang sie lautlos auf, und fiel hinter ihm wieder sanft ins Schloss. Wie nach Albus' Ankündigung nicht anders zu erwarten brannte in Severus' Räumen nirgendwo Licht. Wie immer fast zwanghaft ordentlich und aufgeräumt zeigte sein Wohnzimmer keine Spuren menschlichen Lebens in den letzten Stunden. Ein einsames Buch lag auf dem großen niedrigen Tisch vor dem Sofa, und Remus sah im Vorbeigehen, dass Severus offensichtlich wieder einmal irgendwelche depressiven russischen Gedichte las. Kopfschüttelnd warf er einen Blick in das dunkle Arbeitszimmer, und nachdem ein Blick auf die Kaminuhr ihm bestätigt hatte, dass es in der Tat schon recht spät war ging er direkt weiter ins Schlafzimmer. Die Lichter in den übrigen Räumen löschte er im durchgehen wieder aus - ein guter Moment, um seine seit letztem Sommer ausgeweiteten handmagischen Fähigkeiten zu üben.

Die schweren Vorhänge im Schlafzimmer waren nur halb vorgezogen, und es war nicht ganz so dunkel wie sonst. Severus schlief soweit er konnte im stockdunklen, in höhlenartiger Stimmung. Es war fast, als müsste er sich eine Form von Versteck schaffen, bevor er zur Ruhe kommen konnte. Das ihm ansonsten enge Räume unangenehm waren kam Remus dabei immer etwas absurd vor.

Jetzt lag er mehr auf seinem Bett als darin. Das Licht des langsam wieder voller werdenden Mondes, der schon empfindlich an Remus' Knochen zog, floss durch den breiten Spalt in den Vorhängen ins Zimmer. Nachdem Remus' Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten sah den dunklen Kleiderhaufen auf dem dafür vorgesehenen Stuhl in einer Ecke des Zimmers. Auf dem Nachttisch tickte der von Remus so gehasste Mugglewecker leise, und flüchtig registrierte er das metallische Schimmern einiger Gegenstände. Er registrierte den goldenen Siegelring, und die Taschenuhr. Das keine leeren Phiolen daneben standen wertete er als positiv.

Fünf Minuten später kroch Remus selbst in das große Bett, in dem immer noch reichlich Platz für ihn selbst war. Die weiche Decke über sich gezogen machte er es sich gemütlich, vorsichtig darauf bedacht, Severus weder zu stören noch zu berühren. Voldemort hatte manchmal grausame Launen, und Remus war sich nie sicher, ob sich unter einer auf den ersten Blick unberührten Oberfläche nicht größere Verletzungen verbargen. Das Severus ruhig und regelmäßig atmete beruhigte ihn aber immens, und innerhalb weniger Minuten war er gemütlich eingeschlafen.

Wie lange er geschlafen hatte wusste er beim Aufwachen nicht sicher. Auch was ihn geweckt hatte erkannte er nicht gleich. Etwas orientierungslos sah er sich um. Es war immer noch mitten in der Nacht, und dementsprechend dunkel. Auf den ersten Blick sah das Zimmer ganz normal aus. Nichts hatte sich bewegt oder verändert. Die leuchtenden Zeiger des Weckers zeigten halb drei.

Gerade wollte Remus sich wieder in die Kissen zurücksinken lassen als ihm plötzlich klar wurde, was fehlte. Er lag allein in dem großen Bett. War er davon wachgeworden das Severus aufgestanden war? Vorsichtig hörte Remus in die Stille der Wohnung hinein. Die Tür zu den übrigen Räumen stand offen, und entfernt meinte Remus, Geräusche aus dem Badezimmer zu hören. Beruhigt ließ er sich wieder zurückfallen und schloss die Augen.

Remus hatte nur kurz gedöst, aber als er wenig später wieder hochschreckte zeigte der Wecker bereits drei Uhr. Das Bett war immer noch leer, und langsam erschien es ihm etwas ungewöhnlich. Trotz der protestierenden Müdigkeit seines Körpers schwang er die Beine über die Bettkante und ging leise über den dicken Teppich aus dem Schlafzimmer, getrieben von einer unguten Vorahnung.

Er fand Severus vor dem Badezimmer. Wenigstens lag er nicht ohnmächtig auf dem Boden, wie Remus es heimlich schon befürchtet hatte. Stattdessen saß er auf dem weichen Teppich, den Rücken an die Wand gelehnt. Sehr gerade und aufrecht, den Kopf an die Wand angelehnt, die Beine angezogen und die Arme auf die Knie abgelegt, so dass seine Handgelenke locker herunterhingen. Seine Augen waren geschlossen, aber er schien nicht zu schlafen. Ohne nachzudenken ließ Remus sich an der Wand entlang heruntergleiten und saß neben ihm auf dem weichen Teppich.

Das einzige Licht kam aus dem vom Halbmond erhellten Wohnzimmer. Aber selbst das weiche Mondlicht konnte nichts für Severus' viel zu scharfkantige Gesichtszüge tun. Das er seine Aussehensveränderungszauber abgelegt hatte ließ Remus direkt schlussfolgern, das es ihm nicht gutgehen konnte.

Vorsichtig tippte Remus ihn an, denn noch hatte er keine Reaktion auf seine Gegenwart gesehen. "Hey." In Zeitlupentempo drehte Severus den Kopf etwas, und nickte schwerfällig. "Hey." Er sprach leise, räusperte sich aber dann. Remus musterte ihn von der Seite. "Alles in Ordnung?" Gegen seinen Willen musste Severus lächeln. "Geht." Er klang etwas fester als vorher.

Etwas erleichtert streckte Remus seine Beine von sich. "Meditierst Du seit neustem zwischen drei und vier auf dem Fußboden vor deinem Badezimmer?" Immer noch etwas in seinen Bewegungen verlangsamt schüttelte Severus den Kopf. Remus rückte etwas näher, so dass seine Schulter in Kontakt mit Severus' spitzen Knochen kam, und Severus akzeptierte das wortlose Angebot seltsamerweise sofort. Müde sank sein Kopf auf Remus Schulter.

Eine Weile ließ Remus ihn so einfach sitzen, registrierte dabei aber vor allem das sanfte Zittern, das in fast schon regelmäßigen Abständen durch Severus' Muskeln zu geistern schien, und wie leicht er war. Schließlich drohte Remus' Arm einzuschlafen, und wieder tippte er Severus sanft an. "Weißt Du, dein Teppich ist nicht besonders bequem." Anscheinend war Severus fast eingeschlafen, aber es gelang ihm, sich mühsam wieder aufzuraffen. Mit Remus' Hilfe - den ausbleibenden Protest verzeichnete Remus negativ - gelangte er ins Bett zurück.

Dort kroch Severus unter die Bettdecke, und war anscheinend zufrieden damit, wieder gemütlicher zu liegen. Er streckte der Reihe nach seine Gliedmaßen, sehr vorsichtig, als müsste er selbst erst einmal feststellen, welche Teile seines Körpers nicht verletzt waren. Remus klopfte sein eigenes Kissen wieder in die von ihm bevorzugte eingedellte Form. "Cruciatus?"

Severus stieß mit seinen Händen an die Wand hinter sich, und faltete seine langen Arme wieder ein. "Hmm, nein. Albus." Remus hielt damit inne sein Kissen in die Unterwerfung zu prügeln. "Albus? Der hat mir erzählt, dass Du am Sonntagabend in seinem Büro zusammengeklappt bist." Im Dunkel hörte er Severus schnauben. "Hat er?" Remus zog etwas zu unsanft an Severus' Decke. "Ja? Stimmt was nicht?"

Offensichtlich wollte Severus seine Decke gerne wiederhaben. Unwillig knurrte er, und zerrte etwas an den einen Zipfel, den er noch greifen konnte. Aber Remus kannte keine Gnade. Schließlich gab Severus den Kampf auf. "Hm. Albus hat wirklich nichts gesagt?"

Remus schüttelte den Kopf, aber Severus hatte die Augen wieder geschlossen und sah davon nichts. "Nein, offiziell hast Du Grippe oder sowas. Bis Mittwoch." Trotz seiner Müdigkeit jetzt genervt rieb Severus sich die Stirn. "Typisch. Dabei hat er mich vergiftet." Vor Neugier ließ Remus die Decke los, und sofort zog Severus sie sich bis fast über den Kopf. "Wie meinst Du das?"

Unter der Decke klang Severus ohnehin leise Stimme jetzt dumpf, so das Remus ihm schließlich erbarmungslos die Decke wieder wegnahm. "Er hat mich vergiftet. War aber wohl - Versehen." Die Hälfte des Satzes ging in Severus' Gähnen unter. Es brauchte nicht viel, um Severus davon zu überzeugen das er ohne die Preisgabe weiterer Informationen seine Decke nie wieder sehen würde.

"Ist ja gut, dann eben - macht auch Sinn, kommst Du nicht selbst auf so bescheuerte Ideen." Remus schloss den Abstand zwischen ihnen, nachdem er jetzt der Überzeugung war, dass Severus keine gröberen unerkannten Verletzungen zu haben schien. Mit seinem Kopf an Severus' Schulter gelehnt, die Decke über sie beide gezogen spürte er wie Severus' tiefe Stimme in seinen eignen Knochen zu vibrieren schien. "Albus fand mich übermüdet - " Severus gähnte wieder."- und wollte mich gerne mit einem Schlaftrank - Im Tee. Habs zu spät gemerkt." Remus nickte. "Und weiter?" Er spürte das Severus wieder mit dem Schlaf rang. Er sprach nur langsam und schleppend. "Dosierung. Hat vergessen dass ich viel leichter bin als es aussieht. Überdosierte Schlaftränke. Keine gute Idee."

Remus verschlug es die Sprache. Schlaftränke waren eine brisante Sache, deren Überdosierung massive Schädigungen zu Folge hatte. Vereinzelt waren die Tränke so potent, dass sie töten konnten. Deswegen wurden sie wenig benutzt, oder nur in stark verdünnter Form. Selbst Severus ging vorsichtig mit ihnen um, und nahm nur in den seltensten Fällen kleine Mengen davon. Von der starken Abhängigkeitswirkung einzelner Tränke ganz zu schweigen konnte es durchaus sein, das man nach dem schlecht dosierten Umgang mit so einem Trank ganz hervorragend schlief - sechs Fuß tiefer und dauerhaft.

"Was ist passiert?" An Severus ruhiger werdenden Atem merkte Remus, das er schon fast wieder eingeschlafen war. Wie er jetzt ahnte wahrscheinlich nicht ganz freiwillig. "Nichts. Nur spontan eingeschlafen." Seine Stimme schien noch schwerer zu werden. Remus hob den Kopf von seiner Schulter und schüttelte ihn vorsichtig. "Geht's Dir gut?" Er meinte Severus sehr leises Lachen zu hören. "Hmmm. Muss nur schlafen. Alles gut." Zu seiner Überraschung fühlte er, wie Severus ihm beruhigend die Schulter tätschelte. Dann war er eingeschlafen, und Remus hörte wieder nur seinen regelmäßigen Atem.

Irritiert dachte er an Albus' Ansage am vergangenen Morgen. Erkrankt! Und dann auch noch die Anspielung! Natürlich würde Albus nicht vor der ganzen Schule erklären, dass er versehentlich seinen Spion beinahe erledigt hätte - aber Remus hätte er ja doch etwas sagen können. Oder eine Version der Wahrheit. Oder wenigstens eine Andeutung. Was wohl genau passiert war? Er würde es wohl nie erfahren. Trotzdem malte er sich das Szenario immer wieder aus, bis er schließlich eingelullt von seinen immer wieder gleichen Gedanken und Severus' ruhigem Atem selbst einschlief.

Wie von Albus vorausgesagt schlief Severus noch den ganzen Dienstag beinahe kontinuierlich. Erst am Mittwochmorgen drang der wütende Wecker wieder zu ihm durch, und gemeinsam mit Remus quälte er sich aus seinem Bett und zurück in seine Rolle. Das Remus zuerst aufstand und meist schon fertig angezogen war bis Severus sich aus dem Bett erhoben hatte, war mittlerweile schon Routine geworden. Meist verabschiedeten sie sich im Flur, und während Remus das Frühstück in der Großen Halle genoss und sich auf den Tag vorbereitete sortierte Severus erst noch seine Gedanken. Sein Hausgeist Drak versorgte ihn dabei immer mit einer Kanne Earl Gray, der so stark war, das Remus ihn kaum trinken konnte. In der Großen Halle vermisste ihn niemand. Das der Kopf Slytherins nie frühstückte war schon immer allgemeines Wissen in Hogwarts, und es machte sich niemand Gedanken darum.

Auch diesmal begegneten sie sich im Flur, Remus schon in seinen Roben, Severus fast ohne Kleidung und an diesem Morgen auch noch ohne seine sämtlichen Zauber. Er sah genauso übermüdet aus wie immer, obwohl er gerade erst zwei Tage durchgeschlafen hatte, und ziemlich zerzaust. Noch völlig unkoordiniert tappte er über den Teppich. Es amüsierte Remus immer wieder, dass der eigentlich so geschickte Severus morgens noch keine wirkliche Kontrolle über seinen Körper zu haben schien, so dass seine Arme und Beine viel zu lang wirkten. Das seine Laune morgens immer katastrophal war tat wenig zu seinem Aussehen bei.

Remus wollte sich schon wie üblich flüchtig verabschieden, als ihm im hellen Morgenlicht die großen schwarzen Flecken an Severus' Handgelenken ins Auge fielen. Oberhalb des schwarzen Mals am linken und der hässlichen Narbe am rechten Handgelenk zogen sie sich über seinen Handrücken und bis hoch zur Daumenwurzel, und sogar die Haut über dem schwarzen Mal schien blau angelaufen zu sein. Ohne das Severus hätte schnell genug reagieren können griff Remus vorsichtig nach einem seiner locker baumelnden Handgelenke und hielt es höher. "Was ist Dir denn da passiert?"

"Hm?" Irritiert registrierte Severus die veränderte Situation und blinzelte. Dann sah er interessiert sein eigenes Handgelenk in Remus' Händen an. "Uh, keine Ahnung. War das am Freitag schon?" Remus verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. "Nicht das ich wüsste. Ernsthaft, Du hast keine Ahnung? Sieht aus als hätte Dich jemand gefesselt. Was hast Du dieses Wochenende gemacht?" Er ließ Severus' Handgelenk wieder los. Entweder war Severus noch zu verschlafen, oder er spielte Remus geschickt etwas vor. Jedenfalls betrachtete er selbst erst sein rechtes, dann sein linkes Handgelenk und analysierte die Blutergüsse daran. Vorsichtig drückte er auf den besonders dunklen knapp über dem Schwarzen Mal, und verzog dann das Gesicht. "Interessant." Dann zuckte er die Schultern, winkte Remus flüchtig zu und setzte seinen Weg zum Badezimmer fort. Sekunden später hörte Remus die Dusche rauschen.

Als er ihn dann beim Mittagessen in der Großen Halle wiedersah waren die Blutergüsse genauso wie Severus' Müdigkeit unter vielen Schichten aus Stoff und Zaubern verborgen. Sie sprachen nie wieder über den Vorfall, und Remus lernte nie, woher die Blutergüsse an Severus' Handgelenken gekommen waren.

Und nur am Rande bemerkte er, dass die Geschichte mit dem Schlaftrank Albus doch wesentlich mehr zu schaffen machte als er zugab. Oder nur Öl in das Feuer anderer Konflikte zwischen Severus und Albus war.

Zumindest wurde Remus mehrfach meist zufällig Zeuge, wie Albus und Severus heftige Diskussionen führten. Einmal, einige Wochen nach Severus unfreiwilliger Bettruhe, kam er Abends ins Lehrerzimmer, um einige vergessene Unterlagen einzusammeln. In Gedanken war er bei einer Auseinandersetzung, die er am Nachmittag in seiner Zweitklässlerklasse gehabt hatte, und die ihm noch etwas nachging. Deswegen bemerkte er nicht, dass er bei weitem nicht allein war. Erst als er schon im Raum stand und noch den letzten Fetzen des Gesprächs hörte, sah er auf.

" - wird dein Verhalten nicht rationaler." Überrascht blieb Remus stehen. Das Gespräch war bei seinem Eintreten sofort verstummt, und zwei paar Augen waren auf ihn gerichtet. Albus saß in einem der bequemen Sessel am Kamin, der jetzt so gedreht war, das er den Blick nicht wie im Winter auf den Kamin, sondern in den Raum hinein freigab. Severus saß auf einem der breiten Fensterbretter, die Beine übereinandergeschlagen, tatsächlich wie eine überdimensionale Krähe auf der Stange. Er war es auch gewesen, dessen Satz Remus gerade noch gehört hatte. "Entschuldigung - störe ich? Ich bin gleich wieder weg."

Severus sagte nichts, aber Albus lächelte schnell und nickte Remus zu. "Ach, nein, mach Dir keine Sorgen. Wir überlegen nur gerade etwas." Severus' Lippen wurden zu einer schmalen Linie, was nicht darauf schließen ließ, dass sie nur eine freundliche Diskussion führten. Remus kannte diesen Blick, und sah zu, das er schnell seine Unterlagen holte und dann den Raum verließ. Aber weil die schwere Tür nur langsam ins Schloss fiel hörte er noch, wie Severus den Faden wieder aufnahm. "Überlegungen nennst Du das, ich weiß -" Dann fiel die Tür in den Rahmen, und das Gespräch war für Remus unhörbar.

Aber offensichtlich war er nicht der erste gewesen, der an diesem Abend die Überlegungen Albus' gestört hatte. Auf dem Weg nach unten begegnete er Minerva, die offensichtlich auch gerade auf dem Weg ins Lehrerzimmer war. Remus hielt sie zurück und erläuterte die Situation. Sie war irritiert. "Wie, die sind da immer noch drin? Sie streiten schon seit bestimmt einer Stunde." Remus zuckte die Schultern. "Jedenfalls waren sie das eben noch. Weiß man worum es geht?" Hogwarts war ein schlechter Ort für Geheimnisse, aber das wusste jeder, der dort lebte. Selbst Severus. Doch diesmal war Minerva überfragt. Sie konnte nur beifügen, dass auch sie von der Verstimmung zwischen Albus und Severus Wind bekommen hatte. Aber sie hatte genauso wenig wie Remus eine Idee, was genau passiert sein könnte.

Als sich schließlich die Ereignisse überschlugen ahnte Remus aber, worum es gegangen sein könnte. Schließlich war Severus über fast alles informiert, was im Orden vor sich ging - und Remus hatte schon immer vermutet, dass Albus ihm wesentlich mehr Informationen zukommen ließ, als das bei den meisten anderen Ordensmitgliedern der Fall war.

Seine Vermutung bestätigte sich, als die Ordensmitglieder bei einem speziell einberufenen Treffen in Hogwarts das erste Mal den Anblick von Albus' schwarzer Hand ertragen mussten. In völliger Ruhe, bestimmt und mit sicherer Stimme hatte Albus während eines Treffens der ranghöchsten Mitglieder die Ereignisse dargelegt, die Marvolo Gaunt's Ring betrafen, und was danach geschehen war. Am Rande erwähnte er Severus' Hilfe, aber er verschwieg allen, dass alles schon einige Zeit zurücklag. Severus selbst blieb in sein übliches Schweigen gehüllt. Wie immer am Rande der Versammlung an die Wand gelehnt, aufrecht und schienbar unerschütterlich sah er auf die Szene vor sich. Das Entsetzen der Ordensmitglieder schien an ihm abzuprallen. Albus beschwichtigte und beruhigte wo er konnte, aber selbst sein Enthusiasmus konnte diesmal nichts verändern. Zu sehr schockierte alle der Anblick seiner schwarzen Hand, und auch die Erklärung, dass er und Severus gemeinsam den Fluch hatten stoppen können half nicht.

Nachdem das Treffen sich aufgelöst hatte und die meisten Ordensmitglieder verschwunden waren schaffte Remus es, Severus auf dem Gang einzuholen. Er zog ihn in eine Ecke zwischen zwei Pfeilern, und mit einem Wink von Remus' Zauberstab isolierte ein Schallzauber ihre Umgebung. Dann erst baute er sich vor Severus auf. "Du! Du hast das gewusst?" Erst als er die Wut in seiner Stimme hörte wurde ihm klar, das er sehr viel betroffener war als er es zugab. Die Vorstellung Albus zu verlieren war unerträglich. Severus sah unbewegt aus, und zuckte die Schultern. "Hast Du mich abgefangen um mich anzubrüllen? Natürlich wusste ich das, den Fluch zu stoppen war ein arbeitsintensives Unterfangen, und Albus hätte es nicht allein erledigen können. Allein rauszubekommen was da überhaupt passiert hat mich Nächte gekostet." Anbrüllen wollte Remus nun eigentlich niemanden, und er nahm sich zusammen. "Wann war das alles? Warum hab ich das nicht mitbekommen?" Flüchtig sah Severus sich um, obwohl Remus Schallzauber sie bereits ausreichend schützte. "Das kannst Du gar nicht mitbekommen haben, es liegt schon bald ein Jahr zurück. Kurz bevor ich Dich in die Opium-Höhle mitgenommen habe, vielleicht." Verblüfft starrte Remus ihn an. "Was? Und das hast Du die ganze Zeit niemandem gesagt?" Severus verdrehte die Augen. "Weil ich sonst ständig durch die Gegend laufe und dem Tagesprophet die neusten Neuigkeiten aus dem Orden zuflüstere?" Selbst Remus kam sein Angriff jetzt absurd vor. "Nein, das meinte ich - es ist nur so erschreckend." Severus sah kurz zur Seite, und nickte. "Ich weiß was Du meinst, und ich bin gerne der Rufer in der Wüste. Aber in dem Fall hatte Albus recht, es war besser, es niemandem zu sagen. Außerdem war es sein persönlicher Wunsch." Dann spürte Remus, wie Severus den Schallzauber aufhob. "Ich habe Arbeit zu erledigen. Guten Abend, Professor Lupin." Gerade noch sah Remus die zwei vorbeieilenden Ravenclaws, und dann war Severus verschwunden.

Von diesem Moment an schien es merklich bergab zu gehen. Albus' verletzte Hand schien zum Symbol für die schwindende Hoffnung des Ordens zu werden, und die allgemeine Mutlosigkeit wurde zum Virus. Trotzdem gab Remus sich Mühe, es sich nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Es war noch lange nicht Sommer, und obwohl Mitte April bereits die ersten warmen Tage das Schloss aufzuwärmen begannen schien es Remus, als wäre der Winter dieses Jahr in seinen Knochen geblieben.

Severus schien als einziger nicht verändert, was nicht schwer war, wenn man bedachte das er ja schon lange Bescheid wusste. Er hatte wohl genug Zeit gehabt, sich damit zu arrangieren - genauso wie Albus Zeit gebraucht hatte, um sich an den mehr und mehr derangierten Zustand seines Spions zu gewöhnen. Dafür erschien es Remus jetzt wie ein Wunder, dass sie alle den Winter irgendwie überlebt hatten. Gleichzeitig fühlte er wieder eine unsichtbare Uhr ticken, laut und deutlich. Wie genau sie weiter überleben sollten war ihm völlig schleierhaft. Ihre Chancen schienen jeden Tag mehr zu sinken. Er sah Albus' schwarze Hand, er sah wie Severus' manchmal nur noch getragen durch seinen eisernen Willen durch den Tag kam, und er sah sich selbst - abhängig vom Wolfsbann, den Severus immer noch und manchmal nur mit Hilfe von Albus braute, abhängig von Hogwarts und dem Orden. Die Ordenstreffen wurden länger und länger, aber sie brachten keine Ergebnisse. Alle waren gereizt. Und alle mussten ihre Fassade wahren, denn niemandem wäre geholfen, wenn die Schüler von ihrem Fatalismus angesteckt würden.

Dies war die Grundvoraussetzung für eine Begegnung zwischen Remus und Severus, die für Remus zunächst völlig unverständlich blieb. Es war ein angenehm warmer Sonntag Anfang Mai gewesen, dem es erstmals wieder gelang, die Gemüter etwas zu erhellen. Ein rasantes Quidditchspiel hatte am vorherigen Tag Ravenclaw als heißen Favoriten für die diesjährige Saison erklärt, und während die geschlagenen Gryffindors ihre Wunden leckten hatte der Sonntag seltsam entspannend begonnen. Remus half Pomona Sprout bei der Pflege einiger Beete, gemeinsam mit einigen freiwilligen Schülern aus dem siebten Jahr, die ihren Salamanderkurs Kräuterkunde belegte. Mit vereinten Kräften gruben sie einige besonders verwachsene Beete um und rissen schwere, dicke Wurzeln aus der Erde.

Remus zog gerade an einem besonders dicken Strang, als plötzlich Albus hinter ihm stand. "Sehr gut macht ihr das, was sind denn das für Biester?" Interessiert betrachtete er die dicke weißliche Wurzel in Remus' Hand. Der Ravenclaw neben ihm übernahm die Antwort. "Nur Bambus, Direktor. Das Beet wurde dadurch massiv aufgelockert, und jetzt kann neue Erde nachgefüllt werden. Nur das Rausziehen ist eine ziemliche Arbeit." Die Schweißtropfen auf der Stirn des Jungen sprachen Bände, und auch Remus fühlte sich ziemlich dreckig und verschwitzt. Albus lachte. "Faszinierend! Ich frage mich, ob man die Wurzeln essen kann, schließlich sind die Sprossen ja ganz köstlich. Jedenfalls, ich bin auch gleich wieder weg, ich wollte nur rasch hören, ob Professor Lupin mit vielleicht eine Frage beantworten kann." Remus nickte, klopfte sich die Hände ab und legte die Wurzel vorsichtig auf das Beet. Einige Schritte weiter hinten lächelte Albus immer noch. "Hast Du Severus gesehen? Ich muss dringend mit ihm sprechen." Remus lachte. "Ist er nicht in seinem Labor? Dann vielleicht in der Bibliothek, er wollte irgendwas nachsehen."

Dankbar nickte Albus. "Im Labor ist er nicht, aber auf die Bibliothek bin ich nicht gekommen. Dabei ist das ja eigentlich Severus' natürliches Habitat. Ich danke Dir." Er lächelte nochmal, nickte den weiter grabenden Schülern aufmunternd zu, und verließ nach ein paar fröhlichen Worten mit Pomona Sprout die Gewächshäuser.

Im Nachhinein war sich Remus sicher, dass Albus sehr wohl wusste wo er Severus finden würde, und das sein Gespräch nur eine Vorwarnung gewesen war. Severus blieb den ganzen Tag verschwunden, und auch Albus war nicht mehr zu sehen.

Das fiel Remus aber erst auf, als er abends wieder ins Schloss zurückkam. Er war müde von einem langen arbeitsreichen Tag, mit Dreck unter den Fingernägeln und schmerzenden Muskeln. Aber er lächelte, und die Wärme in den Gewächshäusern hatte ihn erhitzt. Nach ihrer üblichen Abmachung verbrachte er den Sonntagabend wenn sie beide Zeit fanden mit Severus, nachdem sie vor lauter Arbeit sonst zu keinen Gesprächen kamen. Es waren ihre einzigen ruhigen Stunden, der einzige Moment der Woche, in der sie tatsächlich mehr als einen Satz miteinander sprechen konnten, der nicht verhüllt formuliert werden musste.

Wie lange das noch so weitergehen konnte war für keinen der beiden deutlich. Aber einfach aufzugeben schien keine Option zu sein, obwohl Severus sich manchmal urplötzlich zurückzog und tagelang schwieg. Es erschein Remus, als würde sich alles einfach immer mehr beschleunigen, als würde die Zeit schneller fließen. Er dachte manchmal an das mächtige Rauschen, dass er in Severus' Erinnerungen gehört hatte, und an besonders schlimmen Tagen schien es ihm jetzt, als ob er es auch ohne den Computabo-Zauber hören könnte. Die Zeit verrann ihnen durch die Finger. Remus hielt nichts von Severus Fatalismus, aber auch er musste zugeben das keiner von ihnen mehr viel länger weitermachen konnte.

An diesem Abend freute Remus sich besonders auf ihre Gespräche. Er war müde und bereit, sich einfach nur auf Severus' Sofa zu legen und seine tausend Fragen zur Kräuterkunde an ihn zu richten. Sie redeten selten über solche Dinge, und seit dem Sommer hatte Remus kaum mehr im Tränkelabor gestanden, obwohl er immer noch begierig las und für sich selbst weiterlernte. Aber Severus hatte einfach nicht mehr genug Kraft und Zeit gehabt für Lehrstunden.

Frisch geduscht stand Remus schließlich vor Severus' Tür, die wie immer lautlos aufschwang. Aber die Räume waren leer. Auf dem Sofa lagen einige Bücher herum, der Schreibtisch war sichtlich unaufgeräumt und sah aus, als wäre Severus mitten in der Arbeit gestört worden und nicht mehr zurückgekehrt. Die Tinte auf den Blättern war längst getrocknet. Vor den hohen Fenstern ging die Abendsonne langsam unter, und statt zu warten legte Remus einen Zettel auf den Schreibtisch. Er wollte an den See gehen und sich dort etwas entspannen. Um diese Uhrzeit hatten die Schüler dort schon nichts mehr zu suchen, und er freute sich auf Privatsphäre. Severus könnte ihn ja dort treffen.

Zunächst begegnete er vor dem großen Portal aber Albus, der gerade von draußen hineinkam. Er sah müde aus, lächelte aber wie immer. Manchmal fragte Remus sich, ob Albus' Lächeln nicht genauso Fassade war wie Severus' ewig starre Mine. "Ein schöner Abend, oder?" Remus nickte, und Albus blieb kurz stehen, als würde er gerne noch etwas sagen. "Ja, dann. Übrigens, falls Du Severus suchst, oder eher, falls Du ihn findest - " Albus schweig kurz, und Remus war verwirrt. Es war nicht Albus' üblicher Zugang, von selbst klare Aussagen zu geben. " - falls Du ihn findest sei, hm, vorsichtig. Seine Laune dürfte etwas schlechter sein."

Jetzt unwillkürlich selbst lächelnd schüttelte Remus den Kopf. "Danke für die Vorwarnung. Vielleicht ist er ja am See." Albus nickte, tätschelte Remus' Schulter sanft und ging dann weiter. Schon einige Schritte weg rief er noch einmal über seine Schultern. "Auf dem Gelände ist er nicht, übrigens, dort habe ich schon gesucht." Dann verschwand er, und Remus war etwas verwirrt. Warum suchte Albus nach Severus, wenn sie doch anscheinend den ganzen Tag miteinander gesprochen hatten? Das erschien ihm seltsam.

Aber wo Severus war ahnte er natürlich. Leichtfüßig durchquerte er das Schloss und stieg immer weiter hinauf. Schließlich kam er im Treppenhaus des Astronomieturms an. Er öffnete die Tür, stieg einige Stufen hinauf und blieb plötzlich stehen. Natürlich, er musste dringend in die Große Halle! Ohne Zweifel! Er drehte sich auf dem Absatz um und stieg, pfeifend, die Stufen wieder hinunter.

In der Großen Halle angekommen blieb er vor dem Lehrertisch stehen und sah die Decke an. Sie zeigte den Abendhimmel in den schönsten Farben, rosa und hellblau. Dann blinzelte Remus plötzlich, und sah sich um. Warum bei Merlin's Knochen war er wieder in die Halle gegangen? Er wollte doch hier gar nichts. Im Gegenteil er wollte auf den Turm! Kopfschüttelnd stieg er die Treppen wieder hinauf.

Zwei Stufen im Treppenhaus des Astronomieturmes spürte er plötzlich wieder das dringende Verlangen in die Große Halle zu gehen. Er nickte zu sich selbst, drehte sich um und sprang die zwei Stufen wieder hinab. Im Türrahmen zum Turm blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen. Warum wollte er in die Große Halle? Egal, er musste dringend - dann stoppte er sich. Energisch wand er sich um, schüttelte seinen Zauberstab aus dem Ärmel, und ließ einen Finite Incantatem durch das Treppenhaus des Turmes fließen, der sofort Wirkung zeigte. Er spürte, wie der auf die ersten vier Stufen des Treppenhauses gelegte Zauber sich auflöste.

Kopfschüttelnd stieg er die Treppen wieder hinauf, diesmal vorsichtiger und sehr aufmerksam. Den nächsten Schutzzauber traf er auf der Mitte der Treppe, aber das sorgfältige, unsichtbar Gewebe reagierte auf seine Anwesenheit, und löste sich zu seiner Verblüffung vor ihm auf. Langsam stieg er weiter. Vor der Tür am Kopf der Treppe zögerte er kurz. Wenn Severus sich soviel Mühe gab allein zu sein, wäre es dann nicht sinnvoller ihm den Raum zu geben? Auf der anderen Seite hatte der zweite Zauber sich einfach in Luft aufgelöst, was dafür sprach, das er auf Remus kodiert war.

Schließlich gab Remus sich einen Ruck, und öffnete die Tür. Aus dem Dämmerlicht des Treppenhauses trat er in das sanfte Abendlicht der untergehenden Sonne. Gerade wollte er die Tür hinter sich schließen, als er sich plötzlich von einem Zauber gefangen sah und sich nicht mehr bewegen konnte. Nur sein Kopf war gerade noch frei, und er warf einen schnellen Blick auf die fast leere Plattform des Turms.

Seine Gefangenschaft dauerte nur Sekunden. Auf der Brüstung des Turmes lag Severus ausgestreckt, die Füße an den Knöcheln überkreuzt, seinen linken Arm über die Augen gelegt, so dass er zwischen seinen Fingerspitzen hindurch auf Remus sah. In seiner lose herabhängenden rechten Hand sah Remus die nur noch halbe Zigarette. "Ah, Du bist es. Dachte schon ich wäre nachlässig gewesen." Eine lässige Handbewegung von Severus linke Hand, die er von seinem Gesicht nahm und fallen ließ, so dass sie Hand über die Brüstung hing und im Nichts baumelte, und Remus spürte, das er wieder die Kontrolle über seinen Körper hatte.

"Nachlässig warst Du nicht, wenn man davon absieht, dass der zweite Schutzzauber sich einfach aufgelöst hat, als ich dagegen gelaufen bin." Severus nickte, schloss seine Augen wieder und zog an der Zigarette. "Wie oft bist Du in die Große Halle gelaufen?" Remus musste grinsen und trat zur Brüstung. "Nur einmal. Beim zweiten Mal habe ich schon im Türrahmen kapiert was Sache ist." Er beobachte missbilligend, wie Severus den Rauch ausatmete. "Das nächste Mal muss ich einen Oblivate daran koppeln."

Remus verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. "Andere Leute schließen einfach ihre Haustür ab, wenn sie allein sein wollen, weißt Du? Du musst nicht immer gleich irgendwelche sensationellen Zauber erfinden." Gegen seinen Willen grinste Severus, den Blick unter geschlossenen Augen immer noch zum Himmel gerichtet. Er musste schon eine Weile auf der Brüstung des Turms gelegen haben. Neben ihm registrierte Remus seinen sorgfältig gefalteten Umhang und den langen Gehrock, den er immer darunter trug. Das er nur in dem was Remus als seine zivile Kleidung bezeichnete auf dem Turm war erklärte auch die komplizierten Schutzzauber. Keiner der Schüler dürfte ihn so sehen, das war klar - obwohl zumindest unter der Schülerschaft sowieso niemand glaubte, dass es unter den Stoffbergen tatsächlich noch etwas wie einen Menschen gab.

Erst auf den zweiten Blick fiel Remus auf, das Severus die obersten Knöpfe seines weißen Hemdes geöffnet hatte, wie jemand, der dringend Atem braucht und deswegen den engen Kragen nicht am Hals erträgt. Die Zigarette sprach dazu eine eindeutige Sprache. Albus' Warnung war wohl angemessen gewesen.

Bedacht sich nichts davon anmerken zu lassen schwang Remus sich auf die Brüstung nahe an Severus' Kopf, ließ die Beine etwas über dem Boden des Turmes baumeln und sah einmal in die Runde. Über dem Verbotenen Wald verschwand gerade die Sonne, und das langsam wieder dichter werdende Blätterdach der Bäume strahlte in frischem Grün. In der Luft war schon der frische Geruch von neuem Gras zu spüren. Aber noch war die Wärme trügerisch, und sobald die letzten Strahlen der Sonne verschwunden waren würde es wieder empfindlich kalt werden.

Neben Remus zog Severus nochmal an seiner jetzt fast schon zum Filter abgebrannten Zigarette und richtete sich ebenfalls auf. Er rückte etwas näher an Remus heran, und ließ seine Beine über die Brüstung hinab ins Leere baumeln. Dann zog er ein letztes Mal an der Kippe und schnippte den Filter in die Tiefe. Kopfschüttelnd sah Remus über seine Schulter dem fallenden Müll hinterher.

"Zu deiner Raucherei sag ich ja schon gar nichts mehr, aber musst Du die Dinger überall hinwerfen?" Einen Moment sah Severus tatsächlich ertappt aus, was Remus immer mit tiefer Befriedigung erfüllte. "Ich kann wohl kaum Aschenbecher auf dem Astronomieturm installieren lassen." Remus gab sich beste Mühe, einen möglichst autoritären Gesichtsausdruck aufzusetzen. "Nein, es rauchen schon genug Schüler heimlich. Hast Du übrigens mal über deine Vorbildfunktion nachgedacht?"

Jetzt schüttelte Severus den Kopf, und ließ die Hände auf seine Knie sinken. Seine Füße baumelten weiter im Nichts. "Ich bezweifele sehr, das meine Schüler mir sowas verruchtes wie Zigaretten zutrauen würden. Oder überhaupt irgendeine Form von sündigem Vergnügen." Das stimmte allerdings. Severus düstere Fassade hatte etwas zutiefst kühles, aber auch sprödes und wenig leidenschaftliches. Zu Rauchen passte nicht zu ihr.

"Sündiges Vergnügen? Das hoffentlich wirklich nicht." Unwillkürlich lächelte Remus, und aus dem Augenwinkle sah er ein Lächeln über Severus' dünne Lippen geistern. Aber die Ernsthaftigkeit kehrte sofort wieder in sein Gesicht zurück. Remus redete einfach weiter. Das hatte sich in der Regel als gute Taktik erwiesen. "Du rauchst sowieso während des Schuljahrs fast nie, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Und ich hätte es wohl mitbekommen. Albus hat mich gerade eben am Portal abgefangen und gewarnt. Was zum Kuckuck ist denn los?"

Anstatt zu antworten sah Severus auf seine Hände, die auf seinen Knien lagen. In den letzten Strahlen der Abendsonne glänzte sein Siegelring an seiner Hand warm. Normalerweise trug er ihn während des Schuljahrs nie, jedenfalls nicht, wenn er unterrichtete. Umso mehr fiel er Remus jetzt wieder auf.

Und Remus hatte genügend Zeit, sich den Ring in aller Ruhe anzusehen, denn Severus schwieg eine ganze Weile lang. Daran war Remus bereits gewöhnt, und er gab ihm die Zeit. Währenddessen wanderte sein Blick über die Steine des Astronomieturms, über den Wald, in den Himmel, wo schon die ersten Sterne zu sehen waren. Der letzte Vollmond war erst kurze Zeit her, und Remus spürte noch das Splittern seiner Knochen und das Ziehen in seinen Muskeln. Versehentlich hatte der Wolf sich wieder in die Pfote gebissen, und die Wunde verheilte nur langsam auf seinem Handrücken. Severus hatte sich die Mühe gemacht ihm einen seiner leichteren Aussehensveränderungszauber beizubringen, so dass niemand sich über den langen Biss wunderte. Wie um den Fortschritt des Heilprozesses unter dem Zauber zu testen streckte Remus die Finger und zuckte dabei unfreiwillig zusammen. Der Schorf über der Wunde spannte und zog empfindlich. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis alles verheilt wäre.

So konzentriert war er auf seine Hand das er fast überhört hätte, wie Severus wieder sprach. "Du hast letzte Woche gesagt, dass Du gerade viel über Zeit nachgedacht hast?" Remus sah auf und ihn von der Seite an. "Ja, stimmt. Diese Sanduhr geht mir schon seit Monaten nicht mehr aus dem Kopf. In letzter Zeit habe ich das Gefühl das alles so schnell vergeht. Manchmal denke ich, dass ich das Rauschen hören kann. Weiß Du, was ich meine?" Severus hatte den Blick von seinen Händen gelöst und sah über den Wald.

"Ich weiß was Du meinst. Ich höre es auch." Verblüfft ließ Remus seine eigene Hand, die er eben noch betrachtete hatte sinken. "Wie geht das denn? Also, ist es wirklich da? Höre ich es wirklich?" Wie konnte das gehen?

Severus legte den Kopf etwas schräg, als würde er nachdenken. "Metaphorisch, meine ich." Er schwieg wieder kurz. Dann schien er mehrmals nach einem Anfang zu suchen, und seine Worte wieder zu verwerfen. Remus wartete. Dann schien er einen passenden Satz zusammengebastelt zu haben.

"Albus hat Dich gewarnt, ja?" Damit hatte Remus nicht gerechnet, aber er nickte. "Ja, er sagte, deine Laune sei nicht gut." Severus presste kurz die Lippen zusammen und legte dann den Kopf in den Nacken. Er sah zur Seite zu Remus, und wieder zum Wald. Dann seufzte er, und mit einem kleinen Wink seiner Hand kam aus seinem Gehrock eine neue Zigarette geflogen. Aus dem Augenwinkel sah er Remus missbilligenden Blick, und zündete sich mit der kleinen grünen Flamme die Zigarette an. "Irgendwann wirst Du das verstehen, aber jetzt gerade. -" wieder suchte er nach Worten - "eher nicht."

Langsam aber sicher wurde Remus mulmig zu Mute. Severus war selten mit irgendetwas aus der Bahn zu werfen. Er hatte schon zuviel gesehen, und war in seinem Pessimismus meist sowieso auf das Schlimmste gefasst. Jetzt aber war irgendetwas passiert, und es hatte ihn gründlich entsetzt. Immer noch schweigend, aber zunehmend ungeduldig sah Remus ihm dabei zu, wie er an der Zigarette zog und dann nur sehr langsam den Rauch wieder ausamtete.

"Du weißt etwas." Es war ein Schuss ins Blaue. Und Severus nickte. Er schloss die Augen, zog wieder an seiner Zigarette, und atmete den Rauch mit geschlossenen Augen aus. Langsam bröckelte die Maske aus Gleichgültigkeit, und Remus sah etwas, das er nicht richtig einordnen konnte. "Du kannst nichts sagen?" Er probierte es weiter.

Drei tiefe Züge an seiner Zigarette später sprach Severus erst weiter. "Ich habe ganz ohne Sanduhr in die Zukunft gesehen. Aber diesmal -" Seine Worte hingen unvollendet im Nichts. Er war schon fast am Filter seiner Kippe angekommen und betrachtete den Stummel zwischen seinen Fingern. Remus wartete.

" - diesmal kann ich nichts daran ändern." Müde schüttelte Severus den Kopf. "Nichts, Remus." Er zog ein letztes Mal an der Zigarette und drückte den abgebrannten Stummel auf der Brüstung neben sich aus. Diesmal warf er die Kippe nicht hinunter.

Remus wusste nicht was er sagen sollte. Er verstand nichts von dem, was Severus erzählte. "Was meinst Du damit? Welche Zukunft?" Mit einer Handbewegung wies Severus auf den Wald vor sich. "Alles. Du musst es nicht verstehen." Seine Hände sanken wieder auf seine Knie und sein Blick folgte der Bewegung. Remus rückte etwas näher. "Bist Du Dir sicher?"

Er hätte Severus' leises Lachen fast überhört. "Selten so sicher wie jetzt." Sein Blick war immer noch auf seine Hände fixiert, als könnte er Remus nicht ansehen, weil er dann - Remus wusste nicht, was dann passieren würde. Diesmal sprach Severus weiter, und seine Stimme war seltsam hohl und leer.

"Es ist nur eigentlich amüsant, wenn man es von allen Seiten betrachtet. Wir denken wir können Entscheidungen treffen, Dinge verändern. Für das was wir tun Verantwortung tragen. Erinnerst Du dich an die Theorie der Undurchsichtigkeit?" Remus nickte, aber Severus achtete nicht darauf. Er redete weiter, und seine Stimme wurde immer bitterer.

"Wir wissen nicht wer wir selbst sind, weil Strukturen uns bestimmen. Und andere. Weil wir unsere Handlungen nie ganz selbst bestimmen. Wir sind so dumm, Remus. Wir glaube wir hätten irgendwas zu sagen. Dabei sind wir nur tanzende Puppen, oder Schachfiguren. Bist Du ein Bauer oder ein Pferd? Ein Bauer? Zu dumm." Er schnippte mit dem Finger. "Tja, falsches Feld, geschlagen. Spiel vorbei. Viel Glück beim nächsten Mal." Wieder wedelte er seine Hand, und hielt eine neue Zigarette zwischen seinen Fingern.

Remus ließ ihn, aber er hörte seiner Rede mit zunehmender Sorge zu. Severus redete sich selten in Rage oder Panik, aber er klang gerade nicht so, als ob er noch bei klarem Verstand war. Und vor allem machte gar nichts von dem was er sagte für Remus auch nur den geringsten Sinn.

"Ich habe keine Ahnung, was Du mir gerade sagen willst, ehrlich gesagt." Severus hatte schon die ersten Züge von seiner Zigarette genommen und schüttelte den Kopf. "Verschwiegenheit ist ein Fluch, aber wir müssen alle damit leben." Sehr langsam atmete er den Rauch wieder aus, die Augen geschlossen. "Es ist zu spät, Remus. Viel zu spät."

Remus spürte wie die Furcht in seinem Magen wie ein kalter schwerer Stein wuchs. Panik kribbelte in seinen Fingern. "Was ist zu spät? Du kannst Dich doch hier nicht in Andeutungen ergehen. Severus! Was ist passiert?" Am liebsten hätte er Severus neben sich geschüttelt. Aber er sah schon nicht mehr so aus als ob ihm das etwas ausmachen würde. Wieder zog er an seiner Zigarette, legte den Kopf in den Nacken und atmete den Rauch langsam aus.

"Alles. Nichts ist passiert." Er ließ den Kopf wieder nach vorne fallen und sah hinüber in den Verbotenen Wald. Aber seine Augen waren auf nichts fokussiert. Er war in Gedanken ganz woanders, und wahrscheinlich noch nicht einmal in ihrer Gegenwart. Remus fragte sich, ob er in die Vergangenheit oder die Zukunft dachte.

Wie lange sie am Ende dort gesessen hatten wusste Remus nicht mehr. Aus der Abenddämmerung wurde Nacht. Severus' Zigarette war lange verbrannt, und er hatte keine weitere mehr angezündet. Vielleicht hatte er keine Vorräte mehr, aber Remus hatte andere Fragen in seinem Kopf. Severus Schweigen war dick wie abgestandene Luft. Er hatte nichts mehr gesagt, kein Wort. Aber von der Seite hatte Remus die tiefen Sorgenfurchen in seinem Gesicht gesehen, und noch etwas anderes. Was genau begriff er erst, als es fast schon Dunkel war und wie aus dem Nichts Severus' eiskalte Fingerspitzen sich um seine Hand wickelten. Remus erwiderte den Druck, obwohl er nichts gegen die Kälte auf Severus' Haut ausrichten konnte.

Schließlich kroch die kalte Nacht unter Remus' Kleider und er begann sich vor einer Erkältung zu fürchten. Auch Severus zitterte schon lange, aber Remus war sich nicht sicher, ob die Kälte tatsächlich dafür verantwortlich war.

"Wir sollten gehen, sonst sind wir morgen beide krank." In der Dunkelheit spürte er Severus' Nicken mehr als er es sah. Seine langen Finger lösten sich von Remus' Hand. "Geh vor. Ich komme nach." Remus wusste es besser als zu diskutieren. Er stand von der Brüstung auf, langsam um seine kalten Muskeln nicht mehr zu ärgern als nötig.

Dann blieb er hinter Severus stehen und sah über seine Schulter hinweg in den Sternenhimmel über dem Verbotenen Wald. "Wovor hast Du Angst?" Remus' Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber er spürte den Schauer, der über Severus' Rücken lief und wusste, dass er den Knackpunkt getroffen hatte. Es dauerte lange, bis er eine Antwort bekam, und sie war nicht mehr als ein Flüstern. "Vor euch, vermute ich."

Remus verstand nichts, aber damit hatte er nicht gerechnet. Vor ihnen? Wem genau? Dem Orden? Albus? Ihm selbst? Aber er wusste sehr genau das Fragen ihm nicht weiterhelfen würde. Er blieb noch einen Moment hinter Severus stehen, und strich ihm dann einmal sanft über die Schultern. "Bis später." Unter seiner sanften Berührung versteifte Severus' Rücken sich merkwürdig.

Als er schon fast an der Tür angekommen war hörte Remus noch einmal seinen Namen. Er wand sich um. "Ja?" Severus saß immer noch mit dem Rücken zu ihm, den Blick in der Dunkelheit verloren. Er drehte sich nicht um und sprach, als würde er den Wald vor sich meinen. "Nur eines noch, dann - " Wieder suchte er kurz nach Worten, und wenn nichts an ihrer Begegnung Remus schockiert hatte, dann hätte das schon gereicht um Remus in Panik zu versetzen. Severus war ein hocheloquenter Mann, dessen scharfe Zunge nicht zu Unrecht eine seiner gefürchtetsten Waffen war. Er suchte nie nach Worten.

" - dann, ich weiß nicht. Aber eins, das - " Er verstummte wieder, und musste sich dann förmlich zwingen weiterzusprechen."Remus, es - was auch immer - es tut mir leid. Das nur. Das wollte ich noch sagen." Fast schon verstört stand Remus an der Tür. Er verstand nichts, gar nichts, außer einer dumpfen Furcht vor dem, was passieren würde. Was Severus schon wusste, oder vorhersah, oder was ihm aufgetragen worden war. Und was auch immer es war, es hatte ihn in allertiefste Verzweiflung gestürzt.

Am liebsten wäre Remus zurück zur Brüstung gegangen und hätte beide Arme um Severus geschlungen und ihm jede Menge schwachsinnige Dinge gesagt. Das alles gut werden würde, zum Beispiel, das alles vorbeiginge, das es schon nicht so schlimm werden würde. Das es weiterginge im Leben. Aber was würden ihnen Lügen nutzen? Es nutzte noch nicht einmal, wenn er antwortete. Severus hörte sowieso nichts.

Also stieg Remus nur allein die Treppen hinunter, und wanderte ziellos durch das Schloss. Er musste nachdenken, aber seine Gedanken kreisten nur immer wieder um dieselben Fragen. Was war passiert? Er hatte keine Ahnung. Und niemand redete mit ihm.

Severus jedenfalls nicht. Obwohl er für Remus deutlich erkennbar noch mindestens eine Woche lang mit was-auch-immer haderte. Der nächste Sonntag nach ihrem seltsamen Gespräch auf dem Astronomieturm aber blieb er wieder für den ganzen Tag verschwunden, und als er am Montag darauf an Remus vorbei durch die Gänge rauschte schien er einen Entschluss gefasst zu haben.

Aber auch darüber sprach er mit Remus nicht, und überhaupt schien er ihm aus dem Weg zu gehen. Das war natürlich schwer zu bestimmen, denn sie sahen sich ja ohnehin kaum. Auffällig oft zog sich Severus aber nach diesen seltsamen Tagen zurück, brütete stundenlang an seinem Schreibtisch vor sich hin, oder verfiel in plötzlich fiebrige Geschäftigkeit. Er erklärte Remus nichts, auch auf Nachfrage, und verschanzte sich stattdessen hinter einer Mauer aus dickem Schweigen. Vor lauter Arbeit hatte Remus aber wenig Zeit, sich tiefere Gedanken darüber zu machen. Er schob es auf den kommenden Sommer, die Prüfungen, und verdrängte damit ihre Begegnung auf dem Turm immer weiter. Insgeheim hoffte er, dass die Sommerferien ihnen allen Erleichterung bieten würden.

Bis dahin waren es aber noch zwei Monate. eine Remus gleichzeitig unendlich lang und seltsam kurz vorkommende Zeitspanne. Selbst Sirius nahm Notiz von der seltsamen Atmosphäre im Schloss, wies Remus' Bedanken aber zurück. Es würde schon alles wieder gut werden, erklärte er freimütig bei einem ihrer wenigen Spaziergänge tief im Verbotenen Wald, in denen Remus tatsächlich einmal mit dem menschlichen Sirius sprechen konnte. Stumm nickend kickte Remus einen vom Herbst übrig gebliebenen Tannenzapfen davon und fragte sich, seit wann er Sirius eigentlich um Rat in Beziehungsfragen bat.

Und dann beschleunigten die Dinge sich urplötzlich und unwiderruflich. An einem Freitagnachmittag Anfang Juni, es war schon trügerisch heiß und stickig, wurde er in den unteren Gängen von einem aufgeregten Gryffindor-Schüler angehalten. Der Viertklässler war offensichtlich eine lange Strecke gerannt und erklärte Remus zwischen einigen keuchenden Atemzügen, das im kleinen Innenhof ein gefährlicher Vogel gelandet sei, der Minerva McGonagall angegriffen habe. Sofort drehte Remus sich auf dem Absatz um und folgte dem Schüler in Richtung des Innenhofes.

Dort hatte sich zwischenzeitlich eine größere Ansammlung von Schülern gebildet, die sich mit respektvollem Abstand um den großen Springbrunnen in der Mitte gruppierte. Remus hatte mindestens ein kleines Blutbad erwartet, aber der Kopf Gryffindors hatte kaum einen Kratzer. Die Hände entrüstet in die Hüften gestemmt stand Minerva unmittelbar vor dem Brunnen und betrachtete das, was der Schüler als gefährlichen Vogel bezeichnet hatte: auf der obersten Brunnenschale saß mit wütend gespreiztem Gefieder ein zugegebenermaßen wirklich großer Uhu. An seinem Fuß hing eine Pergamentrolle, und der Vogel war offensichtlich von der Menge an Schülern zutiefst verschreckt und hatte auf die vermeintliche Bedrohung mit Aggression reagiert. Er hatte sein dickes Federkleid weit aufgeplustert, die Flügel gespreizt und sah aus wie ein explodiertes grau-braunes Federkissen.

"Minerva! Alles in Ordnung?" Vor Remus bildete sich ein kleiner Korridor an Schülern, der sich sofort wieder hinter ihm schloss. Minerva sah von dem Vogel auf. "Ah, Du bist es - natürlich, nur ein Kratzer. Er will offensichtlich zu jemand anderem, aber wir wissen nicht zu wem. Jedenfalls scheint er sich nicht gerade gerne anfassen zu lassen. Aber wenn wir nicht an die Pergamentrolle kommen wissen wir nicht, an wen sie adressiert ist. Hast Du eine Idee?" Remus beobachtete den Vogel, der weiter seine Federn spreizte und auf der Brunnenschale hin und her tippelte. "Vielleicht wäre es sinnvoll, erstmal für Ruhe zu sorgen damit er sich beruhigen kann? Ansonsten könnten wir Hagrid um Hilfe bitten."

Sofort fanden sich Schüler, die zu Hagrids Hütte laufen wollten, um auch dort um Hilfe zu bitten. Ein Ravenclaw wurde von Minerva auserkoren und lief davon. Remus und Minerva beobachteten währenddessen weiter den Uhu, der hin und wieder leise rief.

Keine Minute später kam der Schüler aber schon wieder, im Schlepptau allerdings nicht Hagrid, sondern Severus. Auch vor ihm teilte sich die Menge sofort, aber selbst Remus fiel auf, dass die Schüler ihm wesentlich mehr respektvollen Abstand zugestanden. Neben Minerva blieb er stehen, auf dem Gesicht seine übliche Mischung aus Amüsement und Abschätzigkeit. Den Uhu ignorierte er, obwohl der Vogel seine Rufe inzwischen intensiviert hatte und jetzt auch noch mit den Flügeln zu flattern begann.

"Willst Du auch dein Glück versuchen? Sei vorsichtig, er ist nicht gerade zutraulich." Severus sah auf den Kratzer in ihrer Hand, und ließ einen flüchtigen Blick über Remus schweifen. "Ist nicht eigentlich Professor Lupin für gefährliche Kreaturen zuständig?" Minerva verdrehte nur die Augen, aber Remus hörte das Getuschel hinter sich und erwiderte die Spitze nur gerne. "Nicht für solche, die sich derart aufplustern. Das sollte eher dein Gebiet sein." Mit einem fast unsichtbaren Lächeln quittierte Severus die Bemerkung, setzte dann aber sofort wieder seinen sauren Gesichtsausdruck auf. "In diesem Fall stimmt das sogar."

Ohne weitere Kommentare hielt er seinen linken Arm etwas nach oben, und der mittlerweile völlig aufgeregte Uhu hob von der Brunnenschale ab und landete darauf. Sofort glättete sich sein Gefieder, und sein Ruf änderte seine Tonlage von aufgeregt zu begeistert. Schritt für Schritt kletterte er auf Severus' Arm nach oben, bis er beinahe die Schulter des Tränkemeisters erreichte und sich begeistert daran anschmiegte.

Am liebsten hätte Remus sowohl den entgeisterten Gesichtsausdruck Minervas als auch die völlig verblüffte Schülermenge photographiert. Dass der Uhu sich plötzlich in ein Kuscheltier verwandelte hätte keiner gedacht. Als Severus auch noch seine freie rechte Hand nutzte um den Vogel am Kopf zu kraulen, woraufhin der Uhu sein Gefieder wieder spreizte und beinahe zu schnurren begann war die Verblüffung der Menge perfekt. Dazu war das Bild wirklich sehr merkwürdig, denn der Vogel war tatsächlich riesig, und auch auf Severus' Schulter sah er noch sehr überdimensioniert aus.

"Wenn ich mich entschuldigen darf." Ohne eine Antwort abzuwarten drehte Severus sich auf dem Absatz um und verschwand, mitsamt dem anschmiegsamen Uhu auf seiner Schulter. Minerva sah auf den Kratzer an ihrer Hand und dann kopfschüttelnd zu Remus. "Gefährliche Kreatur, was? Er muss eher aufpassen, dass er nicht in den Federn erstickt oder zu Tode gekuschelt wird." Die Schülermenge explodierte in einer Welle aus Gelächter, und gemeinsam mit Remus löste sie die Ansammlung wieder auf.

Keine Stunde später sah Remus bei einem seiner Rundgänge aus einem der großen Bogenfenster den Uhu davonfliegen. Beim Abendessen gelang es Remus dann tatsächlich, einen Stuhl neben Severus zu erwischen. Aber er musste sich gedulden, denn Severus diskutierte zwischen Vorspeise und Hauptgang mit Flitwick irgendein Detail der Schutzzauber. Dabei ignorierte er gekonnt das Essen.

Erst beim Nachtisch lag plötzlich eine kleine Pergamentrolle neben Remus' Schüssel mit roter Grütze. Sie schien sich plötzlich aus dem Nichts materialisiert zu haben, aber Severus sah ihn aus dem Augenwinkel an, während er sein Weinglas hob. Betont gelassen aß Remus einige Löffel Grütze und nahm dann erst die kleine Rolle in die Hand.

Das Siegel war bereits zerbrochen worden, was dafür sprach, das es sich um den Brief handelte, der an den Krallen des Uhus gehangen hatte. In den Wachsplittern erkannte Remus das Siegel, das bereits in unzähligen Variationen gesehen hatte - am häufigsten auf sehr verwaschenen T-Shirts an Severus selbst. St. Aurelius schmückte sich mit einem aufgeschlagenen Buch, auf dem ein stilisierter Kessel thronte, aus dem Dampf stieg. Im Wachs war es gerade noch zu erkennen. Neugierig rollte Remus die Rolle auf und sah ein kurzes Schreiben in einer sorgfältigen runden kursiven Handschrift. Der Text war denkbar knapp: eine Zeile einer Gleichung, darunter einige Fragezeichen und dann die Aufforderung "Komm vorbei und rette mich. AL". In Severus' spitzer Handschrift stand darunter noch der an Remus gerichtete Kommentar, und Remus musste sich zurückhalten, um nicht allzu intensiv zu grinsen.

Stattdessen rollte er das Pergament wieder zusammen und legte es zurück neben seinen Teller. Dann griff er nach seinem Weinglas und lehnte sich zurück. "Wann?" Severus' Blick blieb weiter auf das Geschehen in der Halle vor ihnen fixiert. Aber er hatte Remus gehört. "Nächsten Sonntag, Albus hat schon zugestimmt. Wenn Du Zeit hast." Remus ließ den leichten Weißwein über seine Zunge gleiten und schmeckte dem dezenten Beerenaroma nach. "Müsste gehen." Als würde er nachdenken sah er an die Decke.

Neben ihm fixierte Severus derweil eine Schülergruppe am Slytherin-Tisch, die offensichtlich irgendeinen Schabernack plante. Es dauerte aber keine halbe Minute bis die Jungen den Blick ihres Hauslehrers auf sich spürte und sofort ihre Aktivitäten einstellten. Remus lächelte in sein Glas. Severus' Autorität gehörte tatsächlich zu den unverrückbaren Gesetzmäßigkeiten in Hogwarts, genauso wie Albus' ewiges Lächeln.

Eine Woche und einen Tag später trafen sie sich an der Grenze zum Verbotenen Wald. Remus hatte sich den Tag erfolgreich freigehalten, und sogar Severus hatte es geschafft, nach dem Frühstück abzutauchen. Am späten Vormittag stand Remus dann unter einer der wenigen Birken und sah auf das Schloss, als Severus plötzlich nicht von Richtung des Schlosses neben ihn trat, sondern aus dem Wald hinter ihm. Offensichtlich hatte er einen weiten Umweg genommen, aber Oxford erforderte Muggelkleidung - und wenn der Tränkemeister im Schloss in Jeans und T-Shirt auftauchte wären ihm wohl alle Blicke sicher. Für Remus war es dagegen kein Problem im T-Shirt gesehen zu werden, was er sehr genoss.

Als hätte Severus mit seinen Roben auch einen Teil seines Ballasts zurückgelassen stand er für einen Moment zufrieden neben Remus in der Sonne. "Schön dass es schon so warm ist." Genüsslich streckte Remus sich etwas. Severus nickte. "Allerdings. Aber wir sollten gehen. Der Tag könnte lang werden." Gemeinsam tauchten sie in den Schatten des Waldes ein.

Beim Gehen nutzte Remus die Gelegenheit und betrachtete Severus von der Seite. Er sah zwar entspannter aus als sonst, aber viel tat auch das nicht für seine Erscheinung. Obwohl er in Oxford einen etwas anderen Aussehensveränderungszauber trug als im Schloss wirkte er müde und abgekämpft. Auch seine legere Kleidung half wenig, auch wenn er vermutlich zur Wahrung der Formalität über sein T-Shirt ein legeres Jackett aus einem leichten Baumwollstoff gezogen hatte. Sonst hielt er sich an seine übliche schlichte Sommerkleidung, und seine Vorliebe für ziemlich verwaschene T-Shirts.

Vor lauter Beobachtung wäre Remus fast über eine Baumwurzel gestolpert. Im letzten Moment fing er sich aber noch und sprang unelegant einige Schritte vor. "Weniger grübeln hilft beim gehen." Remus schnaubte. "Dann erzähl mir was um mich abzulenken. Über den Uhu zu Beispiel. Was war das den für ein irres Tier?" Severus grinste, den Blick selbst auf den unebenen Waldboden gerichtet. "Alberich meinst Du?" Remus blinzelte. Wer benannte denn einen derartigen Riesenvogel nach einem literarischen Zwerg? Seine laut geäußerte Kritik stieß auf Zustimmung. "Wenigstens versteht mal einer die Anspielung. Alberich gehört eigentlich Mag, aber Lib leiht ihn sich manchmal. Seine Eule war alt, vielleicht ist sie gerade gestorben." Das erschien Remus einleuchtend. "Und woher kommt die tiefe Liebe die Alberich offensichtlich zu Dir pflegt?"

Severus hörte die etwas veralbernde Note in Remus' Stimme sofort. "Na, immerhin einer darf mich doch mal mögen." Er grinste und stieg über eine besonders dicke Wurzel. "Alberich hat mal mir gehört, aber nur sehr kurz. Ich habe ihn Mag zur Hochzeit geschenkt, schien mir passend. Außerdem brauchte sie dringend einen Briefvogel, sie konnte ja nicht ständig bei irgendwem eine Eule schnorren."

Woher genau Severus einen gigantischen Uhu mit Nähebedürfnis hatte erfuhr Remus aber nicht mehr, denn sie waren schon auf der Apparationslichtung angekommen. Hintereinander apparierten sie, und standen Sekunden später im Schatten der goldenen Mauern von Oxford.

Mittlerweile kam es Remus vor, als ob er schon tausende Male in Oxford gewesen war. Geradezu surreal war es ihm zumute, als sie die enge Gasse vor St. Aurelius erreichten und das College sich vor ihnen erhob. Wie oft war Remus in Severus' Erinnerungen dort gewesen? Er wusste es nicht. Aber eine andere Frage musste Severus ihm beantworten. "Als wir das erste Mal hier waren konnte ich St. Aurelius nicht sehen - kann ich das jetzt, weil ich es weiß?" Severus nickte und steuerte das Portal an. "Das stimmt. Nützlich, meiner Ansicht nach."

Dann verschwanden sie durch das Portal. Das Prozedere war wieder das gleiche. Der uralte Pförtner, der schon zu Severus' Studienzeiten dort gewesen war, legte ihnen das dicke Besucherbuch vor. Schwungvoll und beinahe unlesbar schrieb Severus einen elend langen Namen mit sämtlichen Titeln auf, und Remus setzte seinen eigenen nackten Namen in sehr viel ordentlicheren Lettern darunter.

Über den Innenhof erreichten sie einen Torbogen, durch diesen hindurch einen kleineren Innenhof, und schon standen sie in Libavius' Labor. Es war nicht viel los, und nur selten hastete jemand an ihnen vorbei über den Hof. Die Labortüren waren aber alle geschlossen, und den Geräuschen nach zu schließen wurde dort gearbeitet.

Libavius selbst saß in einem Labor auf einem der aufgeräumten Arbeitstische und starrte an die hintere Wand, die von einer gigantischen Tafel bedeckt war. Sie war in Severus' Erinnerungen noch nicht da gewesen, aber der Schnitt des Raumes machte für Remus deutlich, dass es sich wohl um ein anderes Labor handelte. Er dachte kurz an das Bild der blutverschmierten Wände und war eigentlich zufrieden damit, nicht im gleichen Raum zu sein.

Bei ihrem Eintreten sah Libavius von der Tafel auf, und sprang sofort vom Tisch. Er trug keine Laborrobe, stattdessen blaue Shorts und ein rot-weiß geringeltes T-Shirt mit weichen Ledermokassins. Seine Locken waren wieder etwas gewachsen und standen von seinem Kopf ab. "Endlich! Ich glaube ja nie, das Du wirklich kommst bis ich Dich sehe - ah, Professor Lupin, sehr erfreut." Anscheinend erinnerte er sich noch an Remus von ihrem letzten Besuch, bei dem Severus sich von seinem Kollegen Hyle besorgt hatte.

Enthusiastisch schüttelte Libavius erst Remus' rechte Hand und tauschte dann mit Severus ihren seltsamen linkshändigen Handschlag aus. "Du brauchst also Rettung?" Sofort ließ Severus einen Blick zur Tafel wandern. Libavius nickte. "Allerdings. Genauergesagt brauchen wir Rettung, das hier ist nämlich ein Projekt eines meiner Doktoratusstudenten, der einfach festhängt. Er hat mich um Hilfe gebeten, ich habe alles durchgerechnet, aber ich übersehe etwas. Rette meine Reputation, sonst kürze sie meine Mittel!" Kopfschüttelnd zog Severus ein Jackett aus, faltete es und legte es auf den sauberen Arbeitstisch. Dann setzte er sich auf den Tisch, überschlug die Beine und fixierte die Tafel. "Hast Du nur das, oder gibt's da noch ausführlichere Literatur?"

Schnell drückte Libavius ihm ein Notizbuch in die Hand. "Das hier sind Rahmenberechnungen. Ich hatte Dir ja schon gesagt, dass es um eine eigentlich einfache Frage der Potenzequivalenz geht. In dieser Stufe werden die Extrakte zusammengeführt, aber die Endpotenz passt einfach nicht zur Zwischenebene. Ich habe das viermal berechnet, Corvinus hat das dreimal gebraut, aber es klappt nicht. Weiß der Belzebub warum."

Severus sah von dem Heft in seiner Hand zur Tafel und wieder zurück. Eine Minute schwiegen alle, bis er wieder sprach. "Eigentlich sieht das ganz gut aus, aber wenn ich das alles nachrechnen muss dauert es einen Moment. Eher drei. Kreide?" Libavius griff ein Stück Kreide aus einer kleinen Schale hinter sich und das Stück schwebte von selbst an die Tafel.

Bevor aber irgendetwas geschah sah Severus wieder zu Libavius und dem immer noch neben ihm stehenden Remus. "Warum gibst Du Remus nicht eine kleine Führung, Lib? Ihr stört mich hier nur, ich will Ruhe. Zeig ihm die Kapelle?" Libavius sah zu Remus. "Gerne - warte, Du hast ihm die Geber-Kapelle noch nicht gezeigt? Ernsthaft? Du Banause." Severus zuckte die Schultern, in Gedanken schon bei seiner Berechnung. "Bin ich hier um mich zu rechtfertigen oder um zu rechnen?"

Libavius schüttelte den Kopf, und tippte Remus freundlich auf die Schulter. "Wenn Sie Lust haben können wir einen Rundgang machen und Severus hier sich selbst überlassen. Ich habe Hoffnung, dass mein Kopf noch gerettet werden kann." Remus lächelte, und nickte. "Gerne, die Kapelle hatte er mir nämlich wirklich vorenthalten." Als sie das Labor verließen hörten sie hinter sich nur das Quietschen der Kreide auf der Tafel. Severus war in Gedanken schon völlig bei seinen Berechnungen.

Zusammen verließen sie den Labortrakt und durchquerten den lichtdurchfluteten Innenhof. Die Sonne hatte den Sandstein aufgewärmt, und der blaue Himmel war nur als Quadrat über ihnen zu erkennen. "Schön haben Sie es hier." Andreas Libavius nickte und lächelte. "Man bleibt leicht hier hängen, so schön ist es. Freut mich, das es Ihnen gefällt. Sie haben woanders studiert?" Etwas verlegen nickte Remus, hauptsächlich, um nicht näher auf seine eigene Vergangenheit eingehen zu müssen. Schnell suchte er nach einem neuen Thema. "Um was für eine Kapelle handelt es sich denn? Severus hat mir gar nichts davon erzählt."

Zu Remus' Überraschung verließen sie den Hof nicht durch das Portal, durch das sie gekommen waren, sondern traten durch eine der Türen in ein Treppenhaus. "Das wundert mich eigentlich, die Kapelle ist wirklich sehenswert, aber es ist etwas versteckt."

Versteckt war sie in der Tat. Durch eine hintere Hintertür verließen sie das Treppenhaus wieder, und standen dann in einem weiteren kleineren Innenhof. Dieser Hof hatte wieder das typische englische Grasviereck in der Mitte, und in den Boden eingelassen plätscherte ein sternförmiger Brunnen, in dessen Schale kleine Goldfische schwammen. Die gegenüberliegende Seite des Hofes musste die Kapelle beinhalten - das Dach des Hauses war etwas höher gezogen, und die langen Fenster sahen nicht aus wie Zimmerfenster.

"Das wird ja immer schöner hier." Libavius wies auf den Hof. "Pluto's Quad, sehr versteckt. Er ist nur den Fellows zugänglich, als Student kann man ihn nur von oben betrachten. Fand ich immer sehr schade, aber was soll man machen?" Sie gingen über den kleinen Innenhof und standen vor einer dunkelblau gestrichenen Tür, deren Rahmen eine schöne Verzierung aufwies. "Ich bin gespannt, was Sie dazu sagen." Mit Schwung öffnete Libavius die Tür, und gestikulierte Remus, als erster in das kühle und dunkle Innere der Kapelle zu treten. Remus folgte seiner Anweisung, trat über die hohe Schwelle und blieb vor Verblüffung mitten im Weg stehen.

Er war im Orient gelandet. Plötzlich schien es ihm, als wäre die Tür ein Portal in eine andere Welt - aber als er sich mit einem Blick rückversicherte stand Libavius im Türrahmen und grinste. "Schön, oder?" Stumm nickte Remus, und sah sich um.

Im Dämmerlicht schienen Säulen wie Pflanzen in den Himmel zu wandern. Ihre Übergänge in die steinernen Decken waren kaum zu erkennen, aber dort wo die Säule auf die Decke zu treffen schien wuchsen steinerne Stalaktiten aus ihr heraus und verzweigten sich mit dem Stein der Säulen zu einem Muster wie feinste Spitze. Alles schien zu schweben, und die unzähligen kleinen Öffnungen in den steinernen Spitzen filterten das Licht in bizarre Muster auf den Steinboden. Das Äußere des Gebäudes hatte getäuscht, und unter dem geraden Dach befanden sich nicht weniger als drei Kuppeln. Die zwei kleineren Kuppeln waren mit dunkelblauem und türkisenem Mosaik ausgestattet, und auch die Wände waren in diesen Kacheln gehalten. In der Mitte der Kapelle, die eigentlich ein Pavillon war, plätscherte ein kreisrunder Brunnen, der in den Boden eingelassen war. In seiner Mitte, die exakt den Mittelpunkt des Raumes wiedergeben musste, war eine schwarze runde Platte eingelassen, gerade groß genug, das ein Mann darauf stehen konnte. Fasziniert folgte Remus mit seinem Blick den schlanken Säulen nach oben. Alles vermittelte Leichtigkeit und schien zu schweben, obwohl es aus Stein gemacht war.

"Das ist eher ungewöhnliche Architektur." Libavius, der mittlerweile in das Innere der Kapelle getreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, nickte. "Stimmt, sie ist maurisch oder persisch. Eher unerwartet in Mittelengland, nicht wahr? Das ist die Geber-Kapelle. Sie ist nach dem lateinischen Namen von Jabir Ibn Hayyan benannt, einem der frühesten ordentlichen Alchemisten überhaupt. Er kam aus der Gegend von Persien, glaube ich, und einer seiner Schüler war einer der Gründungsväter von St. Aurelius im frühen 13. Jahrhundert. Oder sowas, wenn Sie genaue Daten wollen müssen Sie Severus fragen. Ich kann mir sowas eher nicht merken." Remus nickte und sah sich weiter um.

Erst bei diesem zweiten Rundblick fiel ihm das seltsame Gestell auf, das in der größten Kuppel hing. Oder besser schwebte, denn er sah keinen Mechanismus, mit dem die fünf bronzenen Kugeln unter der Decke befestigt waren. Miteinander über eine hauchdünne Schnur - oder was auch immer der glitzernde Faden war - befestigt, schwebten sie von selbst in der Kuppel. In jedem von ihnen drehte sich wiederrum etwas, das wie ein Schriftzeichen aussah. Aber von seiner Position erkannte Remus nicht, was genau dort stand.

"Was ist das?" Libavius folgte seinem Blick und nickte. "Das Spiel der Elemente." Remus gab sich erst gar keine Mühe seine Unwissenheit zu kaschieren, und Libavius beeilte sich weiterzusprechen. "Das müssen Sie nicht kennen, natürlich! Was genau es ist weiß ich auch nicht, aber es determiniert das Element, unter dem ein Alchemist arbeitet." Remus fühlte sich nicht sonderlich schlauer, und Libavius merkte es wieder. "Hat Severus Ihnen eigentlich gar nichts beigebracht? Er sollte sich schämen. Also, es gibt fünf alchemische Elemente, klar: Feuer, Wasser, Erde, Luft und Gold. Nach der alten Lehre hat jeder Alchemist ein Element, das ihm am nächsten steht und dem er seine Arbeit widmen sollte, wenn er es zu etwas bringen will. Heute halten einige das für Humbug, aber früher war das Element wirklich ausschlaggebend für die Arbeit eines jeden. Das Spiel der Elemente erkennt, welches Element man bevorzugt in sich trägt, und zeigt es. Passen Sie auf."

Er ging einige Schritte in die Mitte der Kapelle, sprang dann etwas linkisch über den Brunnen auf die schwarze Onyxplatte und blieb dort stehen. "Sehen Sie nach oben!" Gemeinsam mit Libavius sah Remus nach oben, wo die fünf Kugeln jetzt genau über dem böhmischen Tränkemeister schwebten. Erst passierte nichts. Dann aber setzten die Kugeln sich langsam in Bewegung und begannen zu rotieren. Gleichzeitig meinte Remus ein fernes Singen zu hören, eigentlich nicht mehr als einen sehr hohen Ton, der kaum hörbar in den steinernen Ornamenten des Raumes zu vibrieren schien. Schließlich blieben die Kugeln stehen, und direkt über Libavius schwebte eine davon. In ihr glitzerte ein Kreis mit einem Punkt darin. Sichtlich zufrieden wies er nach oben.

"Sehen Sie, das ist das Zeichen für Gold. Ich arbeite mit Materia Prima, das Opus Magnum, Sie wissen schon, der Stein. Gold ist das Element derjenigen, die sich damit befassen." Interessiert betrachtete Remus das Zeichen, während Libavius wieder vom Stein hinuntersprang. "Wollen Sie auch mal?" Irritiert sah Remus ihn an. "Aber ich bin kein Alchemist." Mit einer wegwerfenden Handbewegung wischte Libavius seinen Einwand davon. "Stimmt nicht, ich weiß, dass Sie mit Severus gearbeitet haben. Die Zunft fand das ja überhaupt gar nicht gut, aber Severus hat sowieso schon alle verärgert, eigentlich kann er mittlerweile machen was er will. Albus hat mir gesagt, dass Sie sehr hilfreich bei der Arbeit an Heiltränken sind."

Offensichtlich war die Welt kleiner als Remus dachte. Natürlich erinnerte er sich daran, was Albus ihm damals erzählt hatte: Das er Remus offiziell als Gehilfe bei der Zunft der Tränkemeister hatte anmelden müssen, wenn er auch den tatsächlichen Zweck ihrer gemeinsamen Arbeit verschwiegen hatte. Anscheinend hatte er den Wolfsbann schlicht unter Heiltrank subsumiert, was ja eigentlich auch stimmte.

"Aber das macht doch keinen Alchemisten aus mir." Libavius schüttelte nur den Kopf, und schob Remus jetzt bestimmter in Richtung der Onyxplatte. "Doch doch, natürlich. Machen Sie mal, das ist bloß Spielerei. Aber wenn Sie weiter mit Severus arbeiten könnte es nützlich sein, Ihr Element zu kennen. Hilft bei der Wahl der Arbeitsgebiete enorm. Falls Sie daran glauben." Widerstand war zwecklos, und Remus lächelte etwas verlegen und stieg auf die Onyxplatte. Genau in ihrer Mitte stellte er sich auf, über sich die Kugeln. "Und jetzt?"

"Warten Sie etwas." Also wartete Remus. Und er musste nicht lange warten. Mit einmal spürte er wieder das sanfte Singen von vorher, und ihm wurde klar, das es kein Geräusch war, sondern die Vibrationen der Kugeln, die sich bewegten. Er fühlte sich seltsam, und seine Magie schien in seinen Fingerspitzen zu kribbeln. Als er wieder nach oben sah hatten die Kugeln ihre Bahnen schon gezogen, und über ihm stand eine davon zentriert. In ihr schwebte ein auf die Spitze gestelltes Dreieck. Libavius sah ebenfalls hoch. "Aha, Sie stehen unter dem Zeichen der Erde. Das Element der Spagyriker, schön. Steht für Zuverlässigkeit, einen regelmäßigen und sanften Energiefluss, und den Willen zur Vollständigkeit. Sind Sie Handmagier?"

Fasziniert sah Remus nach oben. "Ein bisschen, ich arbeite daran." Libavius nickte wieder und dozierte weiter. "Das sollte Ihnen leicht fallen. Erdalchemisten sind sehr beliebt, manchmal etwas starsinnig und fürchterlich neugierig. Passt das irgendwie zu Ihnen?" Remus löste den Blick von der Kugel über ihm und stieg wieder von der Onyxplatte. "Das mit der Neugier auf jeden Fall. Starrsinnig bin ich wohl eher auch."

Noch einmal sah er sich in der Kapelle um. "Das ist sehr spannend. Wenn Spagyriker Erdalchemisten sind, ist Severus dann auch einer?" Über ihnen schienen die Kugeln sich wieder in ihrer vorherigen Ruheform positioniert zu haben. Libavius sah ihnen nach. "Nein, er ist Luftalchemist. Sehr seltsam, aber es stimmt, ich habe es selbst gesehen." Tatsächlich schien die Tatsache Libavius zu denken zu geben, und auch Remus war erstaunt. Er hätte Severus eher mit Feuer assoziiert.

"Dann passt sein Element nicht zu seiner Arbeit?" Gemeinsam mit Libavius ging er zurück zum Ausgang der Kapelle und ließ den Blick wieder schweifen. "Jedenfalls nicht zu Spagyrik." Langsam öffnete Libavius die schwere Holztür, und das helle Licht des Frühsommers flutete den Eingangsbereich. Sie stiegen über die hohe Schwelle, und die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. "Was machen denn Luftalchemisten gewöhnlicherweise?"

Sie überquerten wieder den kleinen Innenhof. "Tja, eigentlich nichts Besonderes. Von allem ein bisschen, aber es gibt kaum welche. Die meisten sind Feueralchemisten, die können fast alles. Gold ist auch sehr selten, Wasser schon häufiger. In der Alchemie steht Luft für Wärme und Feuchte, und gemeinsam mit Feuer gilt Luft als ein aktives Element. Luftalchemisten gelten eigentlich als ausgeglichene, heitere Charakter, eben sanguinische Personen. Oft sind Sanguiniker ein bisschen leichtsinnig, und sehr optimistisch. Gewöhnlich lehren sie gerne und geben Wissen weiter, sind aber selten Spezialisten für irgendwas jenseits der Kräuterlehre. Das alles passt so überhaupt nicht zu Severus. Aber Spagyrik ja auch nicht, und an der hängt er ja auch hartnäckig."

Inzwischen waren sie durch das Treppenhaus wieder auf dem kleineren Hof angelangt, von dem die Labortrakte abzweigten. Libavius sah auf seine Armbanduhr, die leider nicht mehr die Krümelmonsteruhr aus Severus' Erinnerung war. "Severus niest sich bestimmt gerade halbtot, weil wir soviel über ihn reden. Darf ich Sie noch auf einen Kaffee einladen, damit er meine Probleme in Ruhe lösen kann?"

Er durfte, und keine zehn Minuten später saßen sie in einem hellen, langgestreckten Raum mit einer hohen Fensterfront und tranken an einem langen Tisch Kaffee. Es handelte sich dabei um einen der Speisesäle, wie Libavius informierte, und Remus war positiv erstaunt über die Qualität des Kaffees. Libavius schlug seine langen Beine übereinander, zerrte seine Locken aus seinem Gesicht und kippte drei Teelöffel Zucker in seinen Kaffee.

"Darf ich jetzt etwas neugierig sein?" Remus lächelte und stellte seine Tasse ab. "Gerne, aber wollen wir uns nicht vielleicht duzen?" Hocherfreut schüttelte Libavius daraufhin Remus' Hand, bewunderte seinen antiken Vornamen, und stellte sich mit nicht weniger als drei Namen selbst vor. "Andreas Wenzel Johannes Libavius. Such' Dir einen aus, Severus sagt immer Lib." Remus grinste. "Ja, warum eigentlich?"

Libavius zuckte die Schultern. "Er wollte immer gerne, dass auch ich seine Nachnamen benutze - er hasst seinen Vornamen mit tiefer Leidenschaft. Nomen est omen, Severitas ist die Tugend der Ernsthaftigkeit und Strenge. Manchmal denke ich er wäre gerne Optimist geworden, passend zum Element Luft." Einen optimistischen Severus konnte Remus sich allerdings nicht wirklich vorstellen.

Und dann erlebte er, was Albus mit einer vor längere Zeit geäußerten Bemerkung über grassierende Neugier unter Tränkemeistern gemeint hatte. Libavius fragte ihn nämlich gnadenlos aus. Innerhalb kürzester Zeit musste Remus eine halbwegs plausible Geschichte zusammenbauen, die ihn als Helfer beim Brauen von Tränken für den Krankenflügel konstruierte. Auch auf das Leben in Hogwarts, Erziehung und Jugend in England und alles, was Severus betraf interessierte Libavius enorm. Anscheinend lebte der Böhme in der Annahme, dass Severus neben dem Unterrichten massig Zeit für Forschung, entspanntes Leben und gutes Essen haben müsste, und es ärgerte ihn, dass trotzdem seit Jahren keine Publikation erschienen war. "Weißt Du, Sev ist ja nicht gerade faul gewesen, jedenfalls früher. Was macht er nur den ganzen Tag?" Schnell wies Remus darauf hin, wie aufwändig das Führen eines Hauses in Hogwarts war - aber Libavius hatte noch nicht mal gewusst, dass Severus als Kopf von Slytherin eine ziemlich prestigeträchtige Position hielt. Verblüfft fragte er weiter, und Remus erzählte innerhalb einer Viertelstunde die gesamte Geschichte von Hogwarts, so gut er sich daran erinnern konnte.

So plauderten sie weiter, Remus lernte eine Menge mehr über das Opus Magnum, böhmisches Essen und die Schönheit der Stadt Prag, und schließlich waren zwei Stunden vergangen. Sie räumten ihre Tassen in den dafür vorgesehenen Wagen, und schlenderten zurück in Richtung des Labors.

Dort angekommen saß Severus mittlerweile an einem der Arbeitstische, sein Jackett über seinen Schultern. Vor ihm lagen einige Papierblätter voll mit Gleichungen, ein Bleistift und einige aufgeschlagene Bücher, die vorher noch nicht da gewesen waren. Als sie eintraten sah er auf. "Ihr habt Glück, ich bin vor einer Minute fertig geworden. Lib, wo war dein Hirn als Du diesen Mist berechnet hast?"

Remus machte sich keine Mühe, sein Grinsen zu unterdrücken. Betroffen zuckte Libavius neben ihm die Schultern, und kam zum Arbeitstisch. "Wo war der Fehler?" Severus breitete die Blätter aus und tippte mit dem Zeigefinger auf die zweite Zeile der ersten Seite. Dann wies er zur Tafel. "Es ist ja schön und gut wenn Du für drei Ebenen auch drei Potenzrechnungen anstellst, aber ist dir klar, das Du nach der Zusammenführung eine vierte Ebene aufmachen musst - und das Nihilo die Potenz in der dritten Abklammerung doch beeinflussen kann? In diesem Fall tut es das, schau, hier stimmte die zweite Nachkommastelle einfach gar nicht mehr. Das Euch das Zeug nicht um die Ohren geflogen ist, ihr habt mehr Glück als Verstand."

Anscheinend war der Fehler ein ziemlich dämlicher, und entsprechend betroffen sah Libavius aus. "Ernsthaft, da fehlte einfach die Ebene - verflucht, wie hab ich das übersehen?" Er nahm die Blätter und sah sie schnell durch. Severus klappte derweil die Bücher zu und stand auf. "Und dafür bin ich den ganzen Weg von Schottland gekommen, schäm Dich. Aber ich sollte Dir dankbar sein, ich habe langen keine Potenzberechnungen auf drei- und vierfacher Ebene mehr gemacht. Hast mich ganz ordentlich ins Schwitzen gebracht, die Extrakte sind vertrackt." Er nahm Libavius eines der Blätter aus der Hand und zeigte auf die letzte Zeile. "Ich hab das übrigens nicht ganz durchgerechnet, das ist ohne Tabellen zu komplex. Kann dein Doktoratus mal selbst machen, das wird ihn einiges lehren. Tabellenhandhabung wird heutzutage schnell vernachlässigt."

Immer noch kopfschüttelnd sah Libavius auf die Blätter. "Das haben drei Leute vor Dir durchgerechnet, warum hat das keiner gesehen?" Grinsend drehte Severus den Bleistift zwischen seinen langen Fingern und legte ihn dann auf den Arbeitstisch. "Weil wahrscheinlich keiner die Grundformel neu konzipiert hat, um Fehler darin auszuschließen. Es denkt ja auch jeder, dass man da nichts falsch macht. Offensichtliches bleibt oft unentdeckt. Aber tröste Dich, es geht fast allen so. Außerdem hatte ich drei Stunden Zeit zum Rechnen und meine Ehre zu verteidigen."

Über Libavius hinweg sah er Remus an. "Hast Du Remus wenigstens die Kapelle gezeigt?" Libavius sah von seinen Blättern hoch. "Klar, wusstest Du, dass er Erdalchemist ist?" Severus grinste. "Dachte ich mir, er hat ein beachtliches Talent für Heiltränke."

Auch Remus musste lachen. "Danke für die Blumen. Das ist ja ein eindrucksvolles Gebäude, es passt nur gar nicht in die Architektur hier." Severus umrundete Libavius, der wieder auf die Blätter sah, und kam zu Remus. "Ja, es ist vermutlich älter als die jetzigen Gebäude. Sie sind aus dem 14. Jahrhundert, aber die Kapelle ist älter. Warum sie Kapelle heißt weiß ich übrigens nicht, mit Kirchen hat das ja nicht viel zu tun. Vielleicht aber mit der Bestimmung des Raumes. Das Spiel der Elemente hat Dir sicher gefallen." Libavius kommentierte wieder ohne hochzusehen. "Na klar, das gefällt jedem außer Dir. Remus hat mir von seinen Bemühungen als Geselle erzählt, bei Gelegenheit musst Du ihn mal mit in die Zunft bringen. Falls Du dich da je wieder blicken lässt, was Du übrigens tun solltest, sonst bemühen sie sich noch irgendwann Dir deine Titel abzuerkennen."

Schnell warf Severus einen fragenden Blick zu Remus, der nur lächelte und die Schultern zuckte. Libavius war weiter von seinen Blättern fixiert. "Ich habe gerade viel zu tun, bei Gelegenheit wird es sich ergeben. Falls Remus sich dann nicht eine andere Freizeitbeschäftigung sucht als im Labor herumzustehen." Remus protestierte, und Libavius stimmte ihm zu. "Kann es etwas Spannenderes geben als das Labor?"

Dem widersprach Severus nicht. "Natürlich nicht." Er sah kurz auf die Uhr über der Tür. Inzwischen war früher Nachmittag geworden, ohne das Remus es gemerkt hätte. "Leider ist die Zeit etwas knapp heute." Seufzend ließ Libavius die Blätter sinken. "Immer das gleiche mit Dir. Remus, hat mich sehr gefreut." Remus erwiderte den Gruß mit einem Nicken. "Gleichfalls." Libavius lächelte. "Ich hoffe wir sehen uns wieder. Severus, Ich schicke Dir wieder einen Uhu wenn mir der nächste dämliche Fehler unterläuft. Wann kommst Du zum Abendessen? Oder besser Ihr?"

Remus war schon durch den Türrahmen auf den Flur gegangen. An Severus vorbei, der mittlerweile im Türrahmen stand, sah er zurück in den Raum. Severus sah ihn von der Seite an, und Remus verstand und ging einige Schritte in den Flur hinein. Er bog um die Ecke in Richtung Ausgang, so dass er außer Sichtweite des Labors war. Trotzdem hörte er das Gespräch in dem leeren, hallenden Flur, obwohl Libavius' Stimme gedämpft war.

"Wirklich, Du musst dich mal wieder blicken lassen. Bring Remus mit. Er gefällt mir, freut mich wirklich." Remus spürte wie etwas Wärme in seine Ohren stieg. Wie hatte Libavius das denn nun wieder mitbekommen? "Du bist neugierig, Lib." Remus hörte den Böhmen gedämpft lachen. "Nein, Du willst nur nicht zugeben dass Du ausnahmsweise mal etwas zufrieden bist. Freu Dich also gefälligst." Etwas peinlich berührt lehnte Remus sich an die leeren Wände. "Ich werde mir Mühe geben."

Für einen Moment schwiegen sie. Dann sprach Severus wieder. "Lib, bevor ich gehe - ich wollte Dir noch etwas sagen. Geht's Mag und Ezra gut?" Lib lachte. "Das klingt dramatisch. Beiden geht's gut, aber Ezra vermisst Dich fast so sehr wie Mag und ich. Du warst wenig da in den letzten drei Jahren." Wieder Stille. "Ich weiß." In Severus' Stimme lag ein Hauch Wehmut. Und dann Dringlichkeit. "Du musst auf sie aufpassen, auf deine Frau und deinen Sohn, und zwar gut. Sei vorsichtig. Halte sie fern von unserer Welt, jedenfalls für eine Weile."

"Wie meinst Du das?" Libavius klang alarmiert. Remus konnte förmlich Severus' Kopfschütteln hören. "Du weißt ja, man liest viel in der Zeitung, Du weißt schon." Libavius war anscheinend zur Tür gegangen, denn seine Stimme kam näher. "Natürlich, liest nicht jeder Zeitung? Ich bin vorsichtig."

"Dann ist gut. Ich wollte nur sichergehen. Aber schick das nächste Mal nicht Alberich, bitte. Er hat Chaos unter den Schülern angerichtet." Die Erwähnung des Uhus ließ die Stimmung wieder heller werden, was Severus offensichtlich auch genau intendiert hatte. "Jaja, das nächste Mal schicke ich Pythagoras. Er war gerade unterwegs, da hat Mag mir Alberich geliehen. Liebt er Dich immer noch?" Remus hörte Severus lachen. "Allerdings, das Monster hat mich fast zu Tode gekuschelt. Grässlich, ich hätte ihn damals im Käfig lassen sollen."

"Lieber nicht, Mag vergöttert ihn und Ezra hält ihn für ein lebendiges Plüschtier. War also eine gute Wahl. Und das obwohl Alberich Dir nie vergeben hat, das Du ihn wegegeben hast, so wie jeden der an Dir hängt. Du sagst, ich soll auf mich achtgeben, ich denke, dass Du mehr auf Dich achtgeben solltest. Bis bald, dann, wir sehen uns." Remus hörte einige Schritte in seine Richtung. aber anscheinend blieb Severus noch einmal kurz stehen. "Ja, anscheinend." Er schien kurz zu zögern. "Bis bald, Lib. Es war gut Dich zu sehen. Pass auf Dich auf." Dann hörte Remus zügige Schritte den Gang hinunter, und dann war Severus neben ihm und sie verließen gemeinsam den Labortrakt.

Schweigend überquerten sie den Innenhof, strichen ihre Namen wieder aus dem Besucherbuch und standen in der Gasse vor St. Aurelius. Die ganze Zeit über beobachte Remus schweigend Severus' seltsamen Gesichtsausdruck. Melancholisch und müde sah er auf einmal aus, und seltsamerweise sah er die ganze Zeit zurück, als würde er alles ein letztes Mal betrachten.

Die Zeit verbot ihnen einen Kaffee in dem schönen Café, das Remus bei seinem ersten Besuch in Oxford kennengelernt hatte. Remus hätte noch Zeit gehabt, aber Severus fürchtete im die Ruhe in seinem Haus. Statt Tee und Scones zu genießen apparierten sie direkt nach Hogwarts, und standen wieder im Verbotenen Wald. Das Sonnenlicht fiel weich gefiltert durch das dichte Laubdach, und es war merklich wärmer als in Oxford. Schließlich erreichten sie den Waldrand und standen beinahe genau unter dem Baum, unter dem Remus vor fast einem Jahr von Severus den Trick mit der kleinen Flamme gelernt hatte. Als er Severus darauf hinwies nickte er nur. "Kannst Du ihn noch?"

Als Beweis schnippte Remus mit den Fingern, und über seinem Daumen züngelte eine kleine Flamme. Beifällig nickte Severus. "Und ich habe noch nicht mal eine Zigarette dabei." Die Flamme verschwand, und Remus sah ihn an. "Du bist seltsam, und ich weiß das Du mir nicht sagen wirst warum." Wie automatisch sah Severus weg. Remus fuhr fort, den Blick auf das Schloss gerichtet, das vor ihnen in der Sonne lag.

"Du hast Dich von Libavius gerade verabschiedet, oder?" Severus sah ihn nicht an. "Verabschiedet man sich nicht wenn man geht?" Verärgert sah Remus ihn von der Seite an. "Du weißt was ich meine."

Es dauerte eine ganze Weile, bis Severus antwortete. Remus hörte derweil dem Rauschen der Blätter zu, dem Summen der Insekten um sie herum und dem fernen Geschrei der Schüler, das bis zum Waldrand empordrang.

"Ich muss mich auch von Dir verabschieden." Zuerst dachte Remus er hätte sich verhört. Severus sah ihn nicht an. "Was? Hast Du den Verstand verloren?" Severus nickte. "Ja. Du musst es nicht verstehen, jedenfalls nicht jetzt. Bald. Es tut mir leid, Remus. Sei vorsichtig."

Und dann drehte er sich einfach um, ohne ein Wort weiter zu sagen, und verschwand im Wald. Remus stand wie erstarrt am Waldrand, den Blick immer noch auf das Schloss gerichtet, das gemütlich in der Ferne lag. Er begriff kein Wort von dem, was Severus eben gesagt hatte. Er verstand nicht, was geschehen war, innerhalb von Sekunden. So schnell konnten sich Dinge doch nicht verändern! Eben waren sie noch in Oxford gewesen, und es war alles ruhig gewesen und gut, und so wie früher. Es schien als wäre Remus' Realität mit einem Schlag in sich zusammengesackt. Es dauerte lange, bis er den Weg ins Schloss zurückfand.

Es sollte noch viel länger dauern, bis er begriff, was am Waldrand geschehen war. Aber spätestens zwei Wochen später verstand er zumindest, dass Dinge sich öfter als geahnt von einer auf die andere Sekunde verändern konnten. Das es nicht viel brauchte, um die Realität platzen zu lassen wie einen Luftballon. Es war eine Lektion, die er eigentlich schon kannte, die er in einer dunklen Nacht gelernt hatte, als ein Wolf seine Zähne in seinen Bauch geschlagen hatte. Das nichts sicher war in diesem Leben. Das alles zerbrach. Schnell, und einfach, wie ein Kind eine Tasse fallen ließ.

Es brauchte nicht viel dafür, um ihrer aller Realität schlagartig zu verändern. Als hätte jemand das Flutlicht über einem Rasenfeld gelöscht, und alle standen plötzlich im Dunkeln ohne die Hand vor Augen zu sehen. Bald würde er verstehen, hatte Severus gesagt.

Aber als Albus Dumbledore auf dem Astronomieturm von Severus getötet wurde verstand Remus nichts.


(c) Fayet - 13/6/2014

Geber - Jabin Ibn Hayyan: Galt als erster experimentell arbeitendere Alchemist überhaupt, vermutlich um 815 gestorben. Nebenbei noch Chemiker, Astrologe, Mathematiker ect. Wird als Vater der Chemie gehandelt. Von seinem latinisierten Namen "Geber" kommt das englische Word "gibberish" für nicht verständliche Sprache, das angeblich auf die völlig unverständliche Fachsprache der Alchemisten anspielt.

Nomen est omen - Der Name ist das Vorzeichen (bespw. der Name sagt alles über das Wesen einer Sache)

Übrigens gibts es eigentlich ursprünglich nur vier alchemische Elemente (Wasser, Erde, Feuer, Luft), später kommen sämtliche Metalle dazu. Auß der Reihe der Metalle stammt das Zeichen für Gold (ein Kreis mit einem Punkt darin.)

Another Word For Desperate (I won't be around here for too very long) ist ein Lied der Band Straylight Run. Die Zeile "Something aweful's coming that way" wäre fast zum Titel dieses Kapitels geworden.

Ich habe mehr Freude an meinem Alternative Universe als ich es haben sollte, denke ich manchmal..