11. Kapitel

Die nächsten Tage verschanzte sich Draco in seinem Schlafsaal und ließ niemanden zu sich. Die anderen warf er ohne großartiges Federlesen hinaus. Sollten sie seinetwegen in den Duschen schlafen, er wollte seine Ruhe und seine Wunden lecken, ohne angestarrt zu werden wie ein exotisches Wesen. Blaise redete mit Engelszungen auf ihn ein, doch er weigerte sich, die Tür auch nur einen Spalt weit aufzumachen. Nachdem er nicht einmal zum Essen in die Große Halle hinunterging, blieb Blaise nichts anderes übrig, als ihm einen Teller mit Essen vor die Tür zu stellen. Als der Teller am nächsten Morgen immer noch unberührt da stand, klopfte er. Von drinnen war kein Laut zu hören.

„Ich weiß, dass du da bist, also gib ein Lebenszeichen von dir.", sagte Blaise.

Auf der anderen Seite ertönte nur ein genervtes Stöhnen, gefolgt von einem ziemlich aggressivem „Geh weg, Zabini!"

Der andere lachte.

„Keine Chance. Weißt du, mir gefällt es ziemlich gut vor deiner Tür und ich denke, ich bleibe hier."

„Verpiss dich!"

„Mein Gott, welche Sprache führst du denn? Deine Mutter würde vor Scham schier im Boden versinken. Ich bezweifle, dass du so etwas im Manor gelernt hast.", spottete Blaise gutmütig.

Die Tür erzitterte, als auf der anderen Seite ein ziemlich schwerer Gegenstand dagegenknallte.

„Lass meine Mutter aus dem Spiel!"

„Ich ziehe ernsthaft in Erwägung, ihr einen Brief zu schreiben."

„Untersteh dich!"

„Hey, ich bin weder Crabbe noch Goyle, mir hast du gar nichts zu befehlen! Ich mache, was mir passt!"

Von drinnen erklang ein abgrundtiefer Seuzfer.

„Besteht die leiseste Chance dazu, dass du Leine ziehst und mich in Ruhe lässt?", tönte es feindselig durch die Tür.

„Nö.", erwiderte Blase trocken und machte es sich am Boden gemütlich.

Auf der anderen Seite waren Schritte zu hören, dann wurde die Tür unvermutet geöffnet.

„Also schön, komm rein, du elende Nervensäge.", sagte Draco missmutig.

Blaise sprang voller Elan auf und folgte seinem Freund.

„Wow, ich werde ernsthaft ins Allerheiligste eingeladen. Ich finde es im Übrigen sehr unhöflich von dir, uns so einfach aus unserem Schlafsaal zu werfen. Es hat Theo und mich einen ganzen Abend lang gekostet, um einen adäquaten Ersatz zu beschaffen."

Draco grunzte nur missmutig und ließ sich auf sein Bett fallen.

„Wir haben den Schlafsaal der Erstklässler einfach um die Hälfte verkleinert."

„Schön für euch.", murrte Draco und zog sich die Decke über den Kopf.

„Ihr habt mir übrigens meine Betten geklaut.", maulte er.

„Wir haben uns lediglich unser Eigentum zurückgeholt. Theo hatte ja vorgeschlagen, die Tür einfach zu sprengen, allerdings hatte ich wenig Lust, dein aggressives Verhalten dann zu ertragen. Also mussten die Erstklässler dran glauben."

„Und du denkst, das interessiert mich?", erwiderte Draco trocken.

Blaise starrte auf den Deckenberg, unter dem sich sein bester Freund verbarg.

Mit einem Ruck riss er ihm die Decke weg und Draco schoss wie vom Hippogreif gebissen hoch.

„Hey, das war unfair!", beschwerte er sich und funkelte ihn wütend an. „Lass mich einfach alleine leiden!"

„Das tust du seit Tagen und ehrlich gesagt, es bekommt dir nicht gut. Du siehst miserabel aus, selbst eine Leiche am Friedhof sprüht mehr vor Leben als du. Also raus mit der Sprache!"

„Granger.", murmelte Draco und angelte nach seinem Kissen.

„Aha, wusste ich es doch. Das kleine Schlammblut hat dich eiskalt erwischt, stimmts?"

„Ich hasse dich.", knurrte Draco und ließ sich mit dem Kopfkissen im Gesicht rücklings auf die Matratze fallen.

„Ich hab es dir doch gleich gesagt. Leg sie flach und vergiss die Sache. Geh wieder zurück zu Pansy."

Ein gequältes Stöhnen entrang sich Dracos Brust.

„Das ist ja das Problem. Ich wollte es ja, aber ich kann nicht."

„Pansy ist doch nett. Und sehr offen."

„Aber sie nervt. Ich kann nervige Leute nicht ausstehen."

„Und Granger ist auch überhaupt keine Nervensäge.", gab Blaise ungefragt seinen Kommentar ab.

„Aber sie hält wenigstens die Klappe- meistens jedenfalls.", knurrte Draco. „Und Pansy ist zu anhänglich. Deswegen hab ich ja mit ihr Schluss gemacht."

„Was hat Granger denn jetzt gemacht?"

„Sie wollte mich ausnutzen."

Blaise begann zu lachen. Er konnte nicht anders. Der Eisprinz von Slytherin, der niemals auch nur einen Gedanken an de Gefühle andere verschwendete und sich rücksichtslos nahm, was er wollte, war endlich an eine adäquate Gegenspielerin geraten und musste nun am eigenen Leib erfahren, wie sich eiskalter Egoismus anfühlte.

„Was in Teufels Namen ist daran so komisch?"

Draco hatte sich aufgesetzt und blickte ihn mit unverhohlenem Hass an. „Ich leide!"

„Die Situation ist einfach nur zu lustig. Da gehst du selbst seit Jahren über Leichen, um deinen Egotrip auszuleben und dann beschwerst du dich, wenn jemand dasselbe mit dir anstellt? Tut mir leid, aber das finde ich nun mal zum Lachen. Hat sie dir direkt ins Gesicht gesagt, dass sie einfach nur mit dir schlafen will?"

Dracos finsterer Gesichtsausdruck war Antwort genug.

„Ich kann dich nicht verstehen. Jeder andere wäre froh, wenn ein Mädchen die Sache so unkompliziert sehen würde."

„Aber ich wollte sie ausnutzen! Und ihr dann einen Tritt geben. Und jetzt will sie einfach die Spielregeln bestimmen. Ich mache da nicht mit, darauf kannst du Gift nehmen!", wütete Draco und schleuderte das Kissen weit von sich. „Wenn sie denkt, sie kann mit mir spielen, dann hat sie sich gründlich geirrt."

„Was genau bezweckst du damit, dass du dich schmollend im Zimmer verkriechst? Damit verschaffst du ihr bloß Genugtuung. Geh raus, Mann, zeig ihr, dass sie dich nicht unter dem Pantoffel hat, verdammt, sei einfach du selbst, der alte Draco, bevor ihm diese Hexe das Gehirn vernebelt hat!"

Draco lag schmollend mit verschränkten Armen gegen das Kopfteil seines Bettes gelehnt und hörte verdrossen zu.

„Hast du sie gesehen?", wollte er schlecht gelaunt wissen.

Blaise hob überrascht eine Augenbraue.

„Ob ich sie gesehen habe?"

„Du weißt, was ich meine!", knurrte Draco ungeduldig.

„Während der Mahlzeiten, im Unterricht. Worauf willst du hinaus?"

Schlagartig erhellte sich Blaises Gesicht wissend. „Ahhh, das meinst du! Tja, was soll ich sagen: Sie ist Granger. Hängt wieder ziemlich viel mit Potter und Weasley ab- die drei sind geradezu unzertrennlich. Scheint, als ob sich die beiden beruhigt hätten. Und nein, ich muss dich leider enttäuschen: Sie hat mich nicht nach dem Unterricht abgepasst und mit Tränen in den Augen nach dir gefragt- mpf..."

Ein Kissen hatte ihn hart ins Gesicht getroffen.

„Spar dir deinen Sarkasmus, Zabini!", herrschte ihn Draco an.

Blaise wurde schlagartig ernst.

„Diese kleine kaltherzige Schlampe ist dir ja mächtig an die Nieren gegangen. Aber hast du allen Ernstes erwartet, dass sie hier voller Sorge um dich aufkreuzt?"

Nein!"

Eine Weile blieb es still in dem Zimmer. Draco saß finster vor sich hinbrütend gegen das Kopfteil seines Bettes gelehnt.

„Du hast den Unterricht in den letzten Tagen verpasst.", brach Blaise vorsichtig die unangenheme Stille.

Ein desinteressiertes Grunzen war die einzige Antwort, die er erhielt. Draco rührte sich immer noch nicht und starrte weiterhin mit todbringender Miene geradeaus.

„Snape war nicht gerade erfreut.", fuhr er fort. „Und du wirst dich ein wenig ins Zeug legen müssen, wenn du Hausaufgaben rechtzeitig abgeben willst. Was du tun solltest. Sonst deckt dich nicht einmal mehr Snape."

„Granger kümmert sich darum.", brummte Draco abwesend.

Mit einem Mal erhellte sich sein Gesicht und seine Augen begannen hinterlistig zu funkeln.

Granger kümmert sich darum. Natürlich, warum bin ich nicht von selbst draufgekommen? Ich hab ja immer noch genug gegen sie in der Hand. Und ich kann ihr das Leben erst recht zur Hölle machen."

Ein breites Grinsen voller Befriedigung überzog sein Gesicht.

„Du meintest, sie verbringt wieder viel Zeit mit Potter und Weasley? Wie viel habe ich verpasst?"


Sie durfte unter keinen Umständen zulassen, dass ihre Gefühle die Oberhand bekamen und ihr den Verstand vernebelten. Denn genau, das war es doch, was er wollte. Er wollte sie in sich verliebt machen, damit er ihr dann das Herz aus der Brust reißen konnte und dann genüsslich zertreten konnte. Das war doch seine Art, oder?


A/N: Danke für die tollen Reviews, sie bedeuten mir wirklich viel und machen meine Tage schöner : ) Und im nächsten Kapitel treffen die beiden wieder auf einander, versprochen! Bis bald und liebe Grüße, Violinchen