„Wer war das?", fragte sie neugierig und erschreckte ihn.
„Niemand", antwortete er schnell.
Harry wurde misstrauisch. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wieso so geheimnisvoll, Dempsey? Wen versteckst du vor mir?", fragte sie ernsthaft und fühlte, wie die Eifersucht in ihr aufstieg.
„Ich habe nur in die Staaten telefoniert", erklärte er ihr und wusste, dass sie sich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben würde.
Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und starrte ihn an. Wieso sagte er ihr nicht die Wahrheit? Gab es eine weitere Simone in den Staaten? Fragte sie sich und ihre Augen funkelten.
„Es ist wirklich nichts, was dich beunruhigen sollte, Harry. Vertraust du mir nicht?", fragte er ernsthaft.
„Kann ich dir vertrauen, James Dempsey?", fragte sie ebenso ernst.
Er atmete tief durch und stand auf. Sanft schlang er die Arme um ihre Hüften, doch sie bewegte sich nicht. Es war an der Zeit ihr einiges zu erklären. Keine Geheimnisse mehr.
„Ich muss dir was sagen, Harry. Komm her und setz dich", forderte er sie auf.
„Dieser Ton gefällt mir überhaupt nicht, Lieutenant", seufzte sie und blieb starr stehen.
„Tu mir jetzt endlich den Gefallen und setz dich hin", sagte er nun etwas lauter.
Langsam ging sie zum Sofa und ließ sich fallen. Der ernste Ton machte ihr Angst. Dempsey setzte sich neben sie und lehnte sich angespannt zurück.
„Coltrane ist nicht das einzige Problem in New York", seufzte er.
Harry saß still da und atmete kaum hörbar.
„Ich habe gerade mit meiner Mutter telefoniert. Das kannst du mir glauben oder es auch sein lassen", sagte er nun angespannt.
„Mach weiter, ich höre dir zu", versuchte sie ihm glaubhaft zu versichern.
„Meine jüngere Schwester Debbie ist in Schwierigkeiten. Seit 2 Jahren schicke ich meiner Mutter Geld, damit sie meinen kleinen Neffen aufziehen kann. Debbie wurde wegen Prostitution verhaftet und zu allem Überfluss hat sie sich von ihrem Zuhälter schwängern lassen. Es macht mich wahnsinnig, dass ich ihr nicht helfen kann. Ich kann nichts tun, als meiner Mum Geld zu schicken und ab und zu kann ich mit Debbie telefonieren. Die Sache ist mir peinlich, ich bin ein Cop", erklärte er ihr mit gebrochener Stimme.
„Du hast Debbie nie erwähnt", seufzte sie, konnte aber seine Gefühle verstehen.
„Sie hat sich schon immer in Schwierigkeiten gebracht. In ein paar Wochen wird sie entlassen und ich habe Angst, dass sie meine Mutter wieder nur Kummer bereitet. Du glaubst nicht, wie deprimierend es für mich war, wenn die Kollegen sie auf's Revier geschleppt haben. Sie hat es übertrieben und am Ende konnte ich ihr nicht mehr helfen. Sie musste für ihre Fehler gerade stehen. Der Cop in mir hat mir Recht gegeben aber der Bruder auf der anderen Seite war verzweifelt. Debbie ist das schwarze Schaf der Familie und ich rede nicht gern über sie", erklärte er weiter und fühlte sich schlecht, da er Harry nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt hatte. Beinahe hätte er wieder ein Mißverständnis verursacht, obwohl es nicht notwendig gewesen wäre.
„Du bist ein guter Bruder", flüsterte Harry und strich ihm durchs Haar.
„Bin ich nicht. Ich bin ein Versager und hätte eher was unternehmen sollen. Die ganze Sache macht mich fertig, weil der Cop über den Bruder gesiegt hat. Ich habe ihr nicht genug geholfen. Immer wieder siegt der Cop in mir und ich hoffe wirklich, dass ich das ändern kann", stöhnte er leise und lehnte seinen Kopf zurück.
„Und du hast mir nicht davon erzählt, weil du dachtest, ich würde dich verurteilen?", fragte sie geschockt.
„Ja, ich denke, das war der Grund. Ich wollte dir keine Angst machen", versicherte er ihr.
„Diese Geheimniskrämerei hat mir viel mehr Angst gemacht", sagte sie leise und lehnte ihren Kopf gegen seine Brust.
„In ein paar Wochen oder Monaten muss ich nach New York", flüsterte er kaum hörbar.
Harry hob den Kopf und schaute ihm tief in die Augen.
„Du musst das nicht alleine durchstehen, Dempsey", schlug sie ihm vor.
„Es wäre schön, wenn du mitkommen würdest aber ich sage dir gleich, ich kann dir keine Bilderbuchfamilie bieten", erklärte er ihr.
„Das habe ich auch nicht erwartet, James Dempsey. Aber ich habe von dir erwartet, dass du mich nicht so lange im Dunkel lässt. Ich habe mich schon immer gefragt, wieso du so wenig von deiner Familie erzählst und sie bisher nicht in New York besucht hast", sagte sie verwundert.
„Ich bin nicht nur vor Coltrane weggelaufen. Das Angebot des Departments kam nicht ganz ungelegen. Ich bin ein Feigling", seufzte er verlegen.
„Du bist alles andere als ein Feigling. Manchmal muss man erst sehr tief fallen, bevor man wieder aufstehen kann. Debbie kann froh sein, dass sie einen großen Bruder hat. Ich wollte immer einen großen Bruder", sagte sie und lächelte ihn an. Sie wollte ihn wieder aufmuntern.
„Harry, du bist ja widerlich. Du siehst mich als deinen großen Bruder?", neckte er sie und es ging ihm schlagartig besser.
Sie lachten beide herzlich und sie waren froh, dass sie dieses Mißverständnis aus der Welt schaffen konnten. Dempsey war glücklich, dass er Harry alles anvertrauen konnte und sie trotzdem zu ihm stand. Niemals zuvor hatte er einen Menschen getroffen, dem er so bedingungslos vertrauen konnte. Nachdem er Joey getötet hatte, hatte er sein Vertrauen verloren aber er fand es langsam wieder. Harry hatte sein Leben verändert und sie hatte es um so vieles besser gemacht.
„Wir sollten jetzt wirklich schlafen gehen, mir fallen die Augen zu", sagte Harry und gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen.
Sie legten sich gemeinsam ins Bett und schliefen bis zum Abend. Dempsey öffnete die Augen. Das Zimmer lag im Dunkeln. Langsam kroch er aus dem Bett und versuchte Harry nicht zu wecken.
„Wie spät ist es?", knurrte sie leise.
„Sechs Uhr abends. Schlaf noch ein bisschen, ich bestell uns was zu essen", schlug er vor und griff nach dem Telefon.
„Keine geheimen Anrufe mehr?", neckte sie ihn und kicherte.
„Wenn ich es dir verrate, ist es nicht mehr geheim", scherzte er und wählte die Nummer vom Zimmerservice.
Nach der Bestellung kroch er zurück ins Bett und drückte sie fest an sich.
„Wir haben bestimmt noch 30 Minuten, bis der Zimmerservice stört", flüsterte er ihr ins Ohr.
„Oh nein, nicht schon wieder", stöhnte sie scherzhaft.
Er lehnte sich gegen das Kopfende und sie legte ihren Kopf gegen seine Brust.
„Meinst du Hastings wird sich melden?", fragte sie ernsthaft.
„Bei meiner Vorgeschichte kann er gar nicht anders. Schließlich wurde ich schon zwei Mal als Dealer verhaftet und die Cops suchen mich wegen Steuerhinterziehung. Ich denke, ich bin ein würdiger Partner", erklärte er ihr und grinste zufrieden.
„Uhhh, ein richtiger Schwerverbrecher. Ich liebe das Spiel mit dem Feuer", scherzte sie, denn das lag ihr ganz und gar nicht.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Dempsey atmete tief durch und nahm den Hörer ab.
„Hallo John, hier ist Steve. Ich denke, ich könnte ihnen ein Angebot unterbreiten. Haben sie immer noch Interesse?", fragte Hastings fröhlich.
„Wenn es sich wirklich lohnt, dann bin ich dabei. Was können sie mir anbieten, Steve?", fragte Dempsey und versuchte locker zu klingen.
„Nicht am Telefon. Ich möchte sie heute Nacht treffen. Können sie das einrichten?"
„Ich glaube, wir haben nichts anderes vor", versicherte Dempsey.
„So gerne ich ihre Frau auch mag aber ich möchte sie alleine treffen. Es ist ein Geschäft zwischen uns, John", schlug Hastings vor und klang ernst.
„Ich soll meine Kleine alleine lassen?", fragte Dempsey schockiert und Harry schüttelte heftig den Kopf.
„Sie wird sie schon nicht so sehr vermissen, John. Es wird nicht lange dauern. Ich habe ein Angebot, was sie nicht ausschlagen können. Ich schlage vor, wir treffen uns in zwei Stunden in ihrer Hotelbar. Ist ihnen das recht?", fragte Hastings und klang zuversichtlich.
„In Ordnung. Ich bin in zwei Stunden unten. Wenn ich mich verspäte, dann bestellen sie doch etwas auf meine Rechnung", schlug Dempsey vor und hängte ein.
Nachdem sie gegessen hatten, zog Dempsey sich an und ordnete seine Sachen für den Abend. Harry war nicht damit einverstanden, dass er alleine ging, konnte aber nichts dagegen tun. Sie hoffte nur, dass alles gut ging.
„Sei bitte vorsichtig, ich werde alles mit anhören und wir greifen ein, wenn es notwendig ist", sagte sie und gab Dempsey ein Mikrophon, welches Chas kurz zuvor vorbei gebracht hatte.
Chas richtete den Rekorder ein, während Harry das Mikrophon unsichtbar unter Dempsey's Hemd befestigte. Nachdem der Rekorder prepariert war, verließ Chas das Zimmer. Er hatte die Aufgabe sich ebenfalls in der Bar aufzuhalten und notfalls einzugreifen. Sie wollten kein Risiko eingehen.
„Schau nicht so besorgt, Harry. Was soll schon in einer Hotelbar passieren? Ich spüre, dass er anbeißen wird und das wird eine große Sache. Spikings wird stolz auf uns sein", sagte er fröhlich.
Harry war nicht ganz so enthusiastisch, wie Dempsey. Ihr war es nie recht, wenn sie getrennt arbeiten mussten aber vielleicht musste sie sich auch in Zukunft daran gewöhnen.
