Renee hielt mit ihrem quietschgrünen Jeep Wrangler vor Hotch´s Apartment. Sie war ein bisschen zu früh dran, Hotch hatte 13 Uhr gesagt, jetzt war es Viertel vor. Renee musste daran denken, wie Hotch sie gestern angesehen hatte und sie musste lächeln. Ihr Großvater hatte recht, man fühlte es, oder man fühlte es nicht. Und Renee fühlte es. Alles, woran sie denken konnte, war Hotch und die Hoffnung, daß er vielleicht anfangen könnte, auch ein bisschen was für sie zu empfinden.

Hotch konnte Renee auf der Strasse stehen sehen. Es wirkte, als würde sie am Auto ein wenig tanzen, um sich die Zeit zu vertreiben. Hotch musste lächeln. Renee war so ein positiver Mensch. Und was hatte Ike gesagt? Renee hat ein großes, liebevolles Herz für uns alle Drei. War das nicht das, was er Callie versprochen hatte? Aber die Wahrheit ist, dachte Hotch, ich hab eine Scheissangst. Eine Scheissangst, noch einmal eine Frau zu verlieren, die ich liebe. Und Renee könnte ich lieben, erkannte Hotch auf einmal, aber habe ich auch den Mut dazu?

Renee strahlte und winkte, als Hotch auf der anderen Strassenseite den Helm abnahm. "Ich bin ein wenig früh, entschuldige bitte.", rief sie ihm zu.

"Du musst Dich nicht entschuldigen, Renee. Ich war ein bisschen länger unterwegs, als ich dachte.", entgegnete Hotch als er die Strasse überquert hatte.

"Steht Dir gut, das Motorrad und die Lederjacke. Es macht Dich ein bisschen lockerer, nicht so...anzugig." Renee kicherte.

"Anzugig?", wiederholte Hotch im Aufzug.

"Du weisst schon, was ich meine. Du kleidest Dich immer sehr korrekt um Distanz zu schaffen und wenn Du dann auch noch Deine Arme verschränkst, so wie jetzt gerade..."

"Analysierst Du mich jetzt?", fragte Hotch mit einem kleinen Lächeln.

Renee wurde rot, "eine Berufskrankheit, fürchte ich. Aber ich tue es nie wieder, versprochen... Oh, Shit."

Der Aufzug machte ein komisches Geräusch und stand plötzlich. "Stürzen wir ab?", fragte Renee leicht panisch und griff nach Hotch´s Hand. Hotch schmunzelte kurz, Dr. Malone hatte also auch ihre Schwachpunkte.

"Ich denke nicht, Renee. Der Aufzug ist mehrfach gesichert. Es geht bestimmt gleich weiter."

Hotch drückte dennoch vorsorglich den Notrufknopf. Renee verstärkte ihren Griff um Hotch´s Hand und rückte etwas näher. Sie versuchte, ruhig zu atmen.

"Renee? Du musst keine Angst haben, es ist alles gut.", versuchte Hotch sie ein bisschen zu beruhigen. Es war offensichtlich, daß Renee Angst hatte, sie zitterte wie Espenlaub.

"I-Ich h-hab keine A-Angst", stotterte Renee unsicher, ihr Herz raste wie ein D-Zug.

"Atmen, Renee. Komm schon. Ein, aus, ein, aus."

Hotch legte seinen Arm um sie und ganz langsam wurde Renee ein wenig ruhiger. Sie saßen auf den Boden des Aufzuges, Renee umklammerte Hotch´s Knie und er streichelte sachte ihren Rücken.

"Höchstens eine halbe Stunde, hat der Hausmeister gesagt, Renee. Das hast Du gehört, oder?" Renee nickte, liess aber Hotch´s Knie nicht los. "Wollen wir nicht besprechen, was wir Mrs. Coffin am Montag erzählen?" fragte Hotch, der versuchte, Renee auf andere Gedanken zu bringen.

"Wenn wir Montag erleben", sagte Renee trocken. Sie fasste sich wieder ein wenig, Hotch´s Nähe tat ihr gut. Sie fühlte sich zu Hause in seiner Umarmung und er hielt sie fest, als wolle er sie nie wieder loslassen.

Ken hatte Spencer etwas angeschwindelt. Es war richtig, daß er eine Verabredung hatte, allerdings war es kein Treffen mit einem Autor. Kenneth hatte einen Termin beim Juwelier. Er liebte Spencer und das wollte er vor der ganzen Welt kundtun. Heute Abend würde er seinem Geliebten einen Antrag machen und Ken hoffte, daß Spencer genau so dachte wie er. Aber eigentlich hatte Ken keinen Zweifel daran.

Er musste plötzlich an Mike denken, seine erste große Liebe. Damals war Ken noch Anwalt. Der Verleger Mike Thompson war sein Mandant gewesen, so hatte alles angefangen. Seinetwegen brach Ken mit seiner Familie, die nicht verstehen konnte, wie man als Mann einen anderen Mann lieben konnte. Die einzige, die zu ihm hielt war seine jüngere Schwester Kerensa. Sie liebte ihren Bruder ohne wenn und aber. Sie war es auch, die ihm beistand, nachdem Mike beim Segeln tödlich verunglückte. Mike hinterliess ihm den Verlag und damit eine Aufgabe. Kenneth glaubte lange Zeit nicht mehr daran, wieder so lieben zu können. Aber dann kam Spencer, der sein Herz im Sturm eroberte. Ken musste lächeln, Spencer. Sein zukünftiger Ehemann.

"Hallo, Mr. Rosenbergh", sagte Ken als er den Laden betrat.

"Oh, hallo Mr. Baker. Sie wollen die Ringe abholen, nicht wahr?" Rosenbergh lächelte. Es war eine schwierige Suche gewesen, aber schliesslich hatte Ken seine Wunschringe gefunden. Es war ein wenig wie bei Jess gewesen, die auf den Suche nach dem perfekten Brautkleid war. Mr. Rosenbergh reichte ihm ein Schächtelchen und Ken zitterte etwas, als er es aufmachte. Die Ringe bestanden aus Gelb- und Weißgold, die eine etwas tiefer liegende Fuge mit einem Muster einfassten.

Ken nickte, "genau, was ich mir vorgestellt habe, Mr. Rosenbergh."

"Ich bin sicher, Ihrem Freund gefallen die Ringe, Mr. Baker. Darf ich Ihnen viel Glück wünschen?"

Ken lachte, "ja. Sie dürfen mir die Daumen drücken. Ich hoffe, ich werde heute Abend ein sehr glücklicher Mann sein."

Spencer machte sich derweil mit großem Appetit über das Frühstückstablett her. Früher hätte er es nie in Betracht gezogen, im Bett zu frühstücken, aber seit Kenneth waren verschiedene Dinge einfach anders geworden. Spencer fühlte sich endlich normal. Ken nahm viel von seinen eingebildeten Unzulänglichkeiten einfach weg, er liebte ihn, so wie er war und das machte Spencer glücklich. Er stellte das Tablett weg und stand auf. Die Klamotten von gestern lagen noch im Schlafzimmer verteilt, Spencer schmunzelte, sie schafften es gestern Abend noch gerade so ins Bett. Bei dieser Gelegenheit musste Reid an das 'mach mit mir, was Du willst' denken. Irgendetwas würde sich da finden lassen, grinste Spencer und beschloss, schnell einkaufen zu gehen.

20 Minuten später betrat er wieder schwer bepackt Ken´s Apartment. Duftkerzen, Champagner, Erdbeeren und Rosen hatten den Weg in Spencer´s Einkaufstüte gefunden. Weitere 30 Minuten später hatte Spencer das Badezimmer mit der großen Badewanne in ein Meer aus Kerzen und Rosenblättern verwandelt. Er schaute auf die Uhr, lange konnte es nicht mehr dauern, bis Ken von seinem Termin zurück war. Spencer drehte das heisse Wasser auf und bediente sich reichlich am Badeschaum.

"Ich bin wieder da!" tönte Kenneth auch schon aus der Diele. "Baby?"

"Im Bad, aber Du kommst jetzt nicht rein, Ken. Ich müsste Dich sonst erschiessen." Ken lachte und liess die Ringe in seinem Sekretär verschwinden. Es roch schon mal ganz gut, Ken war neugierig, was Spencer sich hatte einfallen lassen.

"Du musst die Augen zumachen, Ken.", forderte Spencer und kam ins Wohnzimmer.

"Braver Kenneth", grinste er und verband ihm die Augen mit einem Seidenschal. "Du wirst mir jetzt einfach vertrauen müssen", flüsterte Spencer an Ken´s Ohr und fing an, ihn ganz langsam auszuziehen. Ken stöhnte vernehmlich, als Spencer letztendlich bei seinen Boxershorts ankam und ihn aus dem mittlerweile engen Gefängnis befreite. Reid lachte leise und presste sich an seinen Geliebten.

"Du hast nichts an", keuchte Ken überrascht.

"Du auch nicht, Mr. Baker", kicherte Spence und führte Ken endlich ins Bad.

"Gleich", sagte Spencer lächelnd und setzte sich in die Wanne, "jetzt darfst Du gucken." Ken löste den Schal und blinzelte ein bisschen.

Spencer saß in mitten eines gewaltigen Schaumberges in der Wanne, im ganzen Bad waren Kerzen und Rosenblätter verteilt und auf dem kleinen Tischchen neben der Badewanne standen Champagner, Gläser und Erdbeeren. Spencer legte den Kopf schief, "willst Du nicht reinkommen?"

Renee zitterte immer noch ein bisschen. "Ich weiß nicht, vielleicht will sie wissen, wie wir uns kennengelernt haben?" Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen und den möglicherweise (sehr wahrscheinlich) abstürzenden Aufzug zu verdrängen. Denk an Aaron´s starke Arme, dachte Renee und wie liebevoll sie dich halten. "Wir könnten sagen, wir haben uns verliebt, kurz bevor ich nach Berlin gegangen bin und als ich jetzt wiedergekommen bin, hat einfach der Blitz nochmal so richtig eingeschlagen. Wir sollten so nahe wie möglich bei der Wahrheit bleiben."

Hotch nickte. Ganz wohl war ihm nicht bei der Sache, immerhin logen sie dreist eine staatliche Institution an. Aber es ging hier um das größere Ganze. "Wir sind in einem Cafe zusammengestossen, das wäre plausibel, oder Renee? Renee?" Ihr Zittern und Atmen war wieder schlimmer geworden, der Aufzug ruckelte bedenklich und knarzte.

"Oh Gott", stöhnte sie und klammerte sich förmlich an Hotch.

"Renee, wir stürzen nicht ab, ok? Schau mich an, Renee!" Sie drehte ihren Kopf zu Hotch, ihre sowieso schon riesigen, braunen Augen schienen noch ein Stück größer zu werden, Hotch konnte deutlich die Panik darin erkennen.

"Du musst keine Angst haben, Fröschchen", sagte er leise und streichelte ihre Wange. Er war jetzt nahe genug, um sie zu küssen und Hotch ließ einfach seinen Gefühlen freien Lauf. Renee´s Lippen waren weich und warm und sie schmeckten wie Honig. Hotch küsste sie ganz vorsichtig und löste sich langsam wieder von ihr. Er wollte die Situation nicht ausnutzen, er wollte Renee ein Gefühl der Sicherheit geben und ihr die Angst nehmen. Wie gut es sich anfühlte, sie zu küssen, dachte Hotch. So...richtig?

Renee´s Herz machte einen Sprung, als Hotch´s Lippen ihre berührten. Hotch war so sanft und zärtlich. Falls Renee noch irgendwelche Zweifel an ihren Gefühlen für Hotch hatte, wischte er sie mit diesem Kuss einfach weg.

"Aaron", hauchte Renee und Hotch küsste sie noch einmal auf die Stirn.

"Du bist sicher, hier bei mir, Renee. Es gibt nichts, wovor Du Angst haben musst. Ich passe auf Dich auf, ich verspreche es Dir." Hotch verstärkte seine Umarmung noch ein wenig. Es tat so gut, Renee im Arm zu haben. Und dann stellte Aaron etwas komisches fest. Eigentlich wollte er Renee trösten, aber auf wundersame Weise fühlte er sich getröstet von ihr. Irgendwie verblasste der Schmerz wegen Callie ein wenig. Er war noch sehr präsent, aber Hotch spürte, daß es ein wenig leichter wurde.

"Carl wird uns gleich hier raus holen, ok? Jess und Dave brauchen uns nachher noch zum Tortentesten. Jess besteht darauf, daß Du mitkommst. Der Konditor ist schon ziemlich sauer, der Termin ist schon dreimal geplatzt." Hotch lachte leise, "das mit den geplatzten Terminen passiert uns öfter."

Carl schob die Fahrstuhltür auf. "Sorry, daß es so lange gedauert hat. Sind Sie in Ordnung?"