Der Sonntag kam, ohne das Melitta noch einmal die Chance bekam mit Rokko zu reden. Er ging viel spazieren oder vergrub sich in seinem Zimmer. Beim Essen war er einsilbig oder sprach gar nichts. Melitta wusste, das sie etwas tun musste. Sie hatte überlegt, ihn zu bitten sie zu dem Essen mit Lisa zu begleiten, doch das erschien ihr aussichtslos. Sie beschloss, sich einer List zu bedienen. Sie rief Rokko zu sich. Er kam ins Wohnzimmer, wo Melitta auf dem Sofa lag. „Geht es Dir nicht gut?" er sah sie besorgt an. „Hach, ich weiß nicht. Mein Kreislauf spielt ein wenig verrückt. Ich hab schon meine Tropfen genommen, doch es wird nicht besser." Rokko setzte sich neben sie auf den Sessel. „Soll ich einen Arzt rufen?" „Nein, bloß nicht!" kam es bestimmt von ihr. „Der kann mir auch nichts anderes sagen, als dass ich meine Tropfen nehmen soll und mich hinlegen." Rokko grinste. So kannte er seine Oma. „Kann ich denn sonst was für Dich tun?" Melitta blickte ernst. „Ja, das kannst Du!" sie holte tief Luft. „Ich bin heute Abend mit Lisa zum Essen verabredet. Ich habe sie eingeladen, als Dankeschön für ihre Hilfe letzte Woche." Sie hielt kurz inne und wartete auf eine Reaktion von Rokko. „Das wirst Du wohl absagen müssen. Ich lasse Dich so nicht vor die Tür." Sie lächelte. „Ich will aber nicht absagen. Deshalb habe ich eine Bitte an Dich. Könntest Du an meiner Stelle gehen?" sie konnte Rokkos Blick nicht deuten. Schock? Angst? Zustimmung? Er sah zum Fenster hinaus. Es dauerte lange, bis er sprach. „Du gibst wohl nie auf, oder?" er lächelte leicht. Melitta wusste, dass er ihre List durchschaut hatte. Sie schmunzelte. „Machst Du's?" er seufzte. „Ja, aber wird Lisa das recht sein?" Melitta sah ihn nachdenklich an. „Da werden wir es wohl drauf ankommen lassen müssen!" Rokko stand auf. „Ok, aber eins musst Du mir versprechen. Mach so was nicht noch mal. Ich geh mit, Dir zu liebe. Wegen nichts anderem." Er sah sie direkt an. Melitta wusste, dass er es ernst meinte. „Danke!"
Zwei Stunden später stand Rokko vor dem Gartentor und wartete auf Lisa. Er würde es nie zugeben, aber er war nervös. Er hatte keine Ahnung, was er den ganzen Abend mit Lisa reden sollte und es war ihm auch nicht recht, dass sie wieder ins kalte Wasser geworfen wurde. Er sah auf die Uhr. Sie war schon 10 Minuten zu spät. Das passte nicht zu der Lisa, die er gekannt hatte. Er wusste, dass seine Oma ihn vom Fenster aus beobachtete und versuchte, nicht nervös hin und her zu laufen. Endlich bog ein Auto mit Berliner Kennzeichen um die Ecke und bremste. Rokko erkannte Lisa hinter dem Steuer und lief zur Beifahrertür. Lisa ließ das Fenster herunter. „Hallo Rokko! Ist was?" Rokko öffnete die Tür. „Meiner Oma geht es nicht gut und sie hat mich gebeten, mit Dir essen zu gehen." er sah die Überraschung in Lisas Gesicht. „Wenn das für Dich ok ist." Sie schwieg einen Moment und lächelte ihn dann an. „Ähm…ok, steig ein, wir sind sowieso schon spät dran."
Sie schwiegen den größten Teil der Fahrt. Rokko hatte Lisa noch mal für ihre Hilfe gedankt und Lisa hatte ihn nach Melitta befragt. Es war das typische Schweigen zweier Menschen, die sich eigentlich sehr viel zu sagen hatten, sich aber nicht trauten. Na, das kann ja ein stiller Abend werden, dachten beide bei sich, während sie sich die Hirne nach unverfänglichen Gesprächsthemen zermarterten.
Im Restaurant angekommen, wurden sie vom Ober an ihren Tisch geführt und versteckten sich erstmal hinter ihren Speisekarten. Als sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, begannen beide gleichzeitig zu sprechen. „Wie war es in Berlin?" fragte Rokko. „Wie war Hamburg?" erkundigte sich Lisa. Sie mussten beide lachen. „Ladys First!" Rokko grinste sie an. Lisa skizzierte ihm kurz die Vorkommnisse in Berlin, wobei sie große Teile des Gesprächs mit Alex weg ließ. Rokko schien sich auch viel mehr für die Konstellationen bei Kerima zu interessieren und gab ihr Tipps, wie sie Kim ausschalten konnte. So überbrückten sie die Zeit, bis das Essen serviert wurde. Ab da plätscherte das Gespräch angenehm daher. Lisa erzählte ihm was der eine oder andere von der alten Kerima-Truppe jetzt machte und wer noch immer seinen alten Posten ausführte. „Sag mal, Lisa, B-Style gehört Dir doch immer noch, oder?" Rokko legte seine Dessertgabel auf den Teller. Lisa, die gerade einen Schluck Kaffee trinken wollte, stellte die Tasse wieder auf den Tisch. „Ja, warum fragst Du?" sie sah ihn verwundert an. „Na, da kann Dir doch niemand dazwischenfunken. Mach doch daraus was Großes. Such Dir nen angesagten Designer und leg los." „Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Das lief immer nebenher. Timo hat das noch mit gemacht. Eine neue Kollektion hatten wir da schon ewig nicht mehr." Sie nahm nachdenklich ihre Tasse wieder in die Hand. „Na, also. Das ist doch die Idee. Wenn Du magst, kann ich Dir bei der Idee-Entwicklung helfen." seine Augen blitzen. Lisa erkannte, dass er in seinem Element war, merkte aber auch, dass es ihr Spaß machte, wieder mit Rokko an neuen Ideen zu werkeln. Bald warfen sie sich die Vorschläge nur so um die Ohren. Rokko hatte sich vom Ober einen Block und einen Kuli bringen lassen und schrieb eifrig mit. Noch im Auto, auf dem Heimweg, kritzelte er unermüdlich ihre Vorstellungen, Entwürfe und Gedanken auf das Papier.
Sie hatten beschlossen, dass Lisa am nächsten Tag nach Berlin fahren würde, um alle Details mit Timo und Hanna zu besprechen. Lisa wusste, dass Hanna weg wollte von Kerima, da Hugo immer noch an seiner Stellung zu kleben schien und sie sich immer weniger Hoffnungen, auf den Chef-Designerposten, machte. Sie hatten viel gelacht und über all dem Pläne schmieden komplett die Zeit vergessen und so war es weit nach Mitternacht, als Lisa Rokko bei Melittas Haus absetzte. Sie stieg mit aus und sie blieben beide vorm Tor stehen. „Danke für den schönen Abend, für Deine Idee und dass Du mir helfen willst." Sie lächelte ihn fröhlich an. Doch wieder suchte Rokko vergeblich auch in ihren Augen nach dem Lächeln. „Ja, es war ein schöner Abend und es hat Spaß gemacht wieder mit Dir zusammen an einer Idee zu arbeiten. Ich hoffe, dass alles klappt und wir weitermachen können. Gute Nacht, Lisa!" er griff nach ihrer Hand. „Gute Nacht!" Lisa hatte sich vorgebeugt, gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange und lief dann zu ihrem Auto. Bevor sie einstieg, rief sie ihm noch ein „Ich ruf Dich morgen aus Berlin an!" zu. Wenige Sekunden später war sie bereits losgefahren. Rokko stand immer noch vorm Tor, sah ihren Rücklichtern hinterher und berührte behutsam die Stelle auf seiner Wange, die Lisa gerade geküsst hatte.
Lisa rief ihn am nächsten Tag an und berichtete, dass alles fantastisch lief und Hanna bereits zugestimmt hatte. Auch Timo machte keine Schwierigkeiten und entließ Hanna sofort aus ihrem Vertrag mit Kerima. Freudestrahlend stand Lisa, am Dienstagnachmittag, bei Melitta vor der Tür. Rokko und sie belagerten sofort das Esszimmer und als Melitta, Stunden später, mal nach ihnen sah, waren sie so sehr in ihre Arbeit und Diskussion vertieft, dass sie sie gar nicht bemerkten. Verschmitzt lächelnd schloss sie wieder die Tür und machte sich daran etwas zum Abendessen zu machen.
So ging es die nächsten Tage weiter. Lisa erschien früh morgens, die beiden verschanzten sich mit ihren Ideen und Entwürfen in Melittas Esszimmer, das bald mehr an ein Büro oder noch besser, an ein Schlachtfeld, erinnerte und fast immer war es sehr spät, wenn sie sich wieder auf den Heimweg machte. Melitta hatte ihr angeboten, wieder in das zweite Gästezimmer einzuziehen, doch das lehnte Lisa ab.
Nachdem sie sich das zwei Wochen lang angeschaut hatte, dass die beiden ihre Tage nur noch hinter verschlossenen Türen verbrachten, beschloss Melitta etwas zu tun. Die beiden mussten dringend mal wieder vor die Tür. Und so stand sie eines Samstagnachmittags, Ende September, im Esszimmer. „So, jetzt ist aber gut! Ihr hockt seit Wochen nur noch hier drin. Kann mir einer von Euch beiden sagen, wann ihr das letzte mal, länger als fünf Minuten, an der frischen Luft gewesen seid? Ich schau mir das nicht länger mit an. Ihr verschwindet jetzt nach draußen und ich schließe hier ab. Vor Montag lasse ich euch nicht mehr hier rein. Und mitnehmen dürft ihr auch nichts, sonst kommt ihr noch auf die Idee, bei Lisa zuhause, gerade so weiter zu machen. Na, los! Was ihr in der Zeit bis Montag macht ist mir egal, aber jetzt ist mal Pause!" sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und machte ein Gesicht, dass keine Widerrede zuließ. Rokko und Lisa sahen sich fragend an. Keiner der beiden traute sich, etwas zu sagen und so standen sie widerstandslos auf und verließen den Raum. Melitta beäugte sie argwöhnisch und beobachtete genau, ob sie nicht doch versuchten, etwas mit hinaus zu schmuggeln. Draußen im Flur griffen sie nach ihren Mänteln und gingen zur Tür. „Ach, und wenn ihr nicht wisst, wo ihr hin sollt. Am Westerländer Strand ist ein Fest, wegen diesen Surfern. Los, mischt euch ein bisschen unters Volk!" Mit einem Grinsen schloss sie die Tür hinter den beiden. Lisa und Rokko sahen sich bedröppelt an. Sie wussten beide, dass Melitta Recht hatte. „Und nun?" Lisa fand als erste ihre Sprache wieder. Rokko zuckte nur mit den Schultern. „Sollen wir mal zu dem Fest hinfahren?" sie blickte ihn fragend an. „Warum nicht!" Rokko grinste. „Los, aber zur Strafe bringen wir meiner Oma nichts mit!" er lachte und Lisa konnte nicht anders und musste mitlachen.
Eine halbe Stunde später waren sie in Westerland angekommen und suchten erst einmal einen Parkplatz. Trotz des recht miesen Wetters war hier die Hölle los und auf der Promenade drängten sich die Menschenmassen. Sie liefen einmal die Promenade, an den vielen Essensbuden, Verkaufsständen und Veranstaltungsbühnen, entlang. Irgendwann bekam Lisa Hunger und sie stellten sich in eine der endlosen Schlangen. Das leichte Nieseln hatte aufgehört und pünktlich zum Sonnenuntergang riss der Himmel auf. Sie setzten sich mit ihren Pizzastücken auf eine kleine Mauer und beobachteten das bunte Treiben, das an ihnen vorüber zog. Als sie fertig waren, gingen sie weiter. Plötzlich blieb Lisa stehen und deutete auf ein Schild, das an einer der Buden festgemacht war. „Um halb neun ist Feuerwerk!" sie strahlte. Rokko musste grinsen. Fast wie früher. Sie ist fast wieder meine alte Lisa! Erstaunt über sich selbst, stellte er fest, dass ihm dieser Gedanke nicht mehr wehtat. Er hatte die letzten beiden Wochen mit Lisa genossen, sehr sogar. Ihre Anwesenheit tat ihm gut und er meinte, auch dasselbe bei Lisa zu erkennen. Sie machte einen gelösteren Eindruck und lachte viel. Doch noch immer lag diese Traurigkeit in ihrem Blick. Dieser Anblick schmerzte ihn mittlerweile mehr, wie die Erinnerung an das Leid, dass sie ihm damals zugefügt hatte. Wenn ich doch nur etwas gegen diese Melancholie in ihrem Blick tun könnte! Er verjagte den Gedanken wieder. Der Schmerz über das Vergangene mochte verblasst sein, doch die Angst wieder verletzt zu werden, war zu groß.
„Erde an Rokko!" Lisa lachte und knuffte ihn leicht in die Seite. Langsam kam er wieder in die Wirklichkeit zurück. „Gut, Feuerwerk! Und das willst Du gerne sehen, oder?" Lisa nickte. „Ok! Aber nicht hier zwischen all den Leuten." Lisa sah ihn zustimmend an. Er sah auf die Uhr. Es war viertel vor acht. „Na, dann bleibt uns ja noch ein bisschen Zeit, uns ein nettes Plätzchen zu suchen." er grinste. „Aber vorher, müssen wir unbedingt noch was Süßes kaufen!" Lisa zwinkerte ihm zu und lief zielstrebig auf eine der Süßigkeitenbuden zu. Rokko schüttelte lachend den Kopf und lief ihr hinterher. Kurz bevor das Feuerwerk begann, hatten sie, etwas abseits von den Menschenmassen, eine Bank in den Dünen gefunden, von der sie freie Sicht auf das Meer hatten. Bepackt mit den Bergen von Naschwerk, auf dessen Kauf Lisa bestanden hatte, ließen sie sich dort nieder. Lisa riss sofort die Tüte mit dem Popcorn auf und begann zu futtern. Rokko sah ihr amüsiert dabei zu. „Früher Schokoriegel und heute Popcorn?" Lisa hielt ihm die Tüte hin. „Nein, immer noch Schokoriegel, aber die hatten meine Sorte nicht!" sie schmunzelte und griff schon wieder in das Popcorn. „Hey! Lass mir was übrig!" Rokko versuchte nach der Packung zu greifen, doch Lisa war schneller und versteckte sie hinter ihrem Rücken. „Na, gut, dann ess' ich halt den Rest!" er griff nach dem anderen Naschwerk, suchte sich die Tüte mit den Gummibärchen und machte ein beleidigtes Gesicht. „Nee, nicht beleidigt sein!" Lisa sah ihn leicht lächelnd an. In dem Moment begann das Feuerwerk und die erste Rakete erleuchtete den Strand. Er sah Lisa in die Augen und zum ersten Mal, seit ihrem Wiedersehen, leuchtete ihm ihr strahlendes Blau entgegen. Er erwiderte ihr Lächeln und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er ließ seinen Arm auf der Rücklehne der Bank, hinter Lisas Schultern, liegen. Sie sahen sich immer noch an und eine ganze Weile sagte keiner von beiden etwas, bis ein ziemlicher lauter Böller des Feuerwerks, sie wieder in das jetzt und hier zurückholte. Lisa wich erschrocken ein Stück zurück, schlang zitternd ihre Arme um ihren Oberkörper und sah verlegen zu Boden. Rokko rückte wieder ein Stück an sie heran. „Frierst Du?" sein Arm lag noch immer auf der Lehne. Lisa schüttelte den Kopf, doch er sah, dass sie ihre Hände in den Ärmeln ihrer Jacke vergraben hatte. Rokko legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. „Das Lügen hast Du in all den Jahren auch nicht gelernt!" er spürte, wie sie den Kopf schüttelte. Schweigend betrachteten sie das Farbenspiel am Himmel und als das Feuerwerk fertig war, machten sie sich auf den Heimweg.
Rokko fuhr Lisa nach hause. Sie sprachen wenig während der Fahrt. Es war fast, als hätten sie Angst, dass Worte ihre neu gewonnene Nähe wieder zerstören könnten. Als sie vor Lisas Haus hielten, stieg Rokko auch aus und ging noch mit bis zur Tür. Sie sahen sich wieder an und Rokko musste mit bedauern erkennen, dass sich über Lisas Augen wieder ein leichter Schleier der Traurigkeit gelegt hatte. „Danke für den schönen Tag, Rokko!" sie lächelte ihn an. „Das war mein schönster Tag seit langem." er schmunzelte. „Ich werde den Dank an meine Oma weitergeben." Lisa bemerkte den distanzierteren Ton in seiner Stimme, ihr Lächeln erstarb. „Wir sehen uns am Montag!" sie kramte in ihrer Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Plötzlich spürte sie Rokkos Hand an ihrem Kinn, die sie zwang ihn wieder anzusehen. „Auch ich hatte einen schönen Tag und nicht nur heute. Die letzten beiden Wochen mit Dir waren sehr schön." Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. „Danke!" er nahm sie in den Arm. Nicht flüchtig, wie vor einigen Wochen, nach ihrem ersten Wiedersehen. Lisa hielt sich an ihm fest und hätte ihn am liebsten nie wieder losgelassen. Doch sie wusste, dass sie nicht zu viel erwarten oder erhoffen durfte und so genoss sie einfach den Moment, bis Rokko sie wieder losließ. Er lächelte ihr noch mal zu und ging dann zu seinem Auto. Lisa sah ihm nach, bis die Lichter des Autos von der Dunkelheit verschluckt wurden. Haben wir noch eine Chance, Rokko? Kannst Du je vergessen, was ich Dir angetan habe?
Rokko hatte schon vor einigen Minuten vor dem Haus seiner Oma gehalten, doch er saß immer noch im Wagen. Er dachte über den vergangenen Tag nach. Lisa hatte ihn wieder in ihren Bann gezogen und er ließ es geschehen. Warum komme ich nicht von Dir los, Lisa? Wieder, wie so oft in den letzten Tagen, hatte er auch darauf keine eindeutige Antwort. Wenn ich doch nur vergessen könnte!
