Love Story Part VI – A Whole New World
Meine Tante Kati hatte sich also ans Wachsen und ans Vorbereiten auf ein Leben außerhalb des Uterus gemacht, während draußen alles auf ihre Ankunft vorbereitet wurde. Granny und Grandpa waren wie jedes junge Paar, das zum ersten Mal Nachwuchs erwartet: Sie waren übervorsichtig, was mit jedem weiteren Kind ein wenig – wobei „wenig" besonders betont werden sollte – nachließ. Grandma trat bei Kerima etwas kürzer und übertrug Onkel Bruno immer mehr Aufgaben. Das hätte sie nicht tun sollen, denn dann wäre sie vielleicht immer noch Mehrheitseignerin von Kerima. Nicht, dass Onkel Bruno der Aufgabe nicht gewachsen gewesen wäre oder gar mit Absicht Fehler machte, aber Sophie von Brahmberg saß schon lange für den großen Coup in den Startlöchern und nutzte jede sich bietende Chance, um Kerima langsam, aber sicher an sich zu reißen.
Der 8. August 2007 war also das errechnete Geburtsdatum für Tante Kati und Granny wurde immer runder, als an einem sonnigen Junitag David Seidel, unverschämt braungebrannt und nur in Shorts und Hawaii-Hemd gekleidet, Kerima Moda betrat. „Lisa!", rief er, als er meine Granny sah. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und als sie sich ins Profil drehte, staunte er nicht schlecht: „Wow, Lisa, was für ein Bauch!" Granny hatte zu dieser Zeit nicht nur mit Stress, sondern auch mit hormonbedingten Stimmungsschwankungen zu kämpfen: „Wir bekommen einen kleinen Elefanten, wir werden ihn Benjamin nennen und wenn er eines Tages fragt, warum er anders ist als andere Kinder, werden wir ihm versichern, dass wir ihn ganz doll lieb haben." David musste lachen: „Zumindest hast du deinen Humor nicht verloren. Erzähl mal, wann ist soweit? Wisst ihr, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird? Was war hier in den letzten Monaten los? Wie geht es Rokko? Glücklich bist du ja ganz offensichtlich." Etwas anderes war auch offensichtlich: David Seidel war beim Segeln erwachsen geworden und präsentierte kurze Zeit später auch den Grund dafür – Sheila. David hatte sie in der Karibik kennen gelernt oder viel mehr, er brauchte dort ihre Hilfe. Sheila war die Tochter eines Reeders, aber sie war nicht hauptberuflich Erbin, nein, dafür war sie zu ehrgeizig. Sie war Innenarchitektin (schon witzig das Schicksal: Mariella zieht es zu einem Architekten und David zu einer Architektin) und am Bau der Yachten, die die Werft ihres Vaters vertrieb, aktiv beteiligt. David hatte Probleme mit seinem Hauptsegel, als er im Hafen von Port-au-Prince einlief. Als Sheila in ihrer Arbeitskluft sein Boot betrat, um zu helfen, hielt er sie für eine einfache Arbeiterin. Sie hat sich so über seine abfällige Art geärgert, dass sie ihn ins Wasser geschubst hat und das war ganz klar der Anfang einer großen Liebe – vorerst. Granny fand es immer schade, dass die beiden offensichtlich Topf und Deckel für einander waren, es trotzdem nicht mit und auch nicht ohne einander ging. Das kenne ich nur zu gut: Immer, wenn ich etwas koche – und das sind dann doch meistens Nudeln – und ich packe den Deckel auf den Topf, dann kocht das Wasser so doll, das es den Deckel hoch drückt, bevor es überkocht und wenn ich keinen Deckel drauf tue, dann zieht der Wasserdampf durch die ganze Küche und dann schimpft meine Mum mit mir. Ihre Beziehung war jedenfalls ein ewiges Hin und Her und ich glaube, David hat erst verstanden, was er an Sheila hatte, als sie bei Sturm mit ihrem geliebten kleinen restaurierten Fischerboot vor Haiti in Seenot geriet und ertrank. Da lagen schon fast vier Jahre Auf-und-Ab-Beziehung hinter den beiden. Vielleicht hat er auch versucht, seinen Schmerz und seine Trauer hinter dem Playboy-Image, das er bis zu seinem Tod aufrechterhalten hat, zu verstecken. Aber wieder zum Sommer 2007: David war also zurück in Berlin und wollte alles, was er bei seiner Abreise im Argen gelassen hatte, endlich regeln – sowohl bei Kerima, als auch im Privaten. Er hat sich mit Grandpa ausgesprochen und für sein mieses Verhalten vor der Hochzeit entschuldigt. In diese Zeit fielen auch die ersten größeren Probleme: Irgendjemand spielte der Presse fingierte Meldungen zu – manches, wie Hugos Selbstmordversuch, war wahr, manches schlichtweg erfunden. Der Kurs fiel ins Bodenlose und irgendjemand kaufte jede Aktie auf, die auf den Markt geworfen wurde. Die Situation war so ernst, dass selbst David alles-easy-alles-ganz-locker Seidel sich auf seine Pflichten besann, seine Kündigung kurzerhand zerriss, seine Rückreise nach Haiti verschob und mit anpackte, wo er konnte. Wenige Tage nach Beginn der Hetzkampagne saßen Friedrich Seidel und meine Granny in ihrem Büro und taten das, was ihnen in diesem Moment wohl unendlich schwer gefallen ist: Sie gaben den Kampf um Kerima auf. Geknickt verließ Friedrich das Büro: „Ihre Frau hat gekämpft wie eine Löwin", wandte er sich an Grandpa, der zusammen mit David, Sheila, Onkel Bruno und Onkel Jürgen vor der Tür gewartet, gehofft und gebangt hatte, „aber alles umsonst." Der große Friedrich Seidel, der die Modewelt so lange dominiert hatte, war ein gebrochener Mann. Er hatte sein Lebenswerk verloren. Es gab ihm den Rest, als er erfuhr, wer dahinter steckte. Aufgeben, das kannte er nicht, das war ein Wort, das es in seinem Wortschatz nicht gab, aber er musste sich geschlagen geben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er bis zu seinem Tod die Meldungen über Kerima verfolgt hat. Er starb mit 72 an Herzversagen. Grandpa betrachtete Friedrich und ging dann zu meiner Granny. Sie stand am Fenster und starrte hinaus. Vorsichtig legte er die Arme um sie und er konnte fühlen, wie sie zu zittern begann und wie die Tränen ihren Weg suchten: „Ich habe alles gegeben", brachte sie heraus. „Ich weiß", versuchte er sie zu trösten. Sie standen eine Weile nur so da, als Granny die Stille durchbrach: „Ich dachte, es wäre schlimmer. Ich habe immer geglaubt, meine Welt würde untergehen, wenn ich Kerima nicht mehr hätte." – „Und jetzt?", wollte Grandpa von ihr wissen. „Jetzt ist es nur noch ein Lebensabschnitt, der hinter mir liegt. Ich werde den Laden vermissen, aber ich werde ihm keine Träne hinterher weinen." Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen und drehte sich in Grandpas Umarmung: „Wir haben doch uns und nur das zählt." – „Genau, nur das zählt."
Sophie von Brahmberg wäre nicht Sophie von Brahmberg, wenn sie diesen Moment des Triumphes, auf den sie gewartet hatte, seit Granny ihr eine Chance bei Kerima gegeben hatte, nicht ausgekostet hätte. Am nächsten Vormittag, als der größte Betrieb herrschte, hatte sie meine Großeltern, Friedrich und David Seidel und Onkel Bruno zu Kerima bestellt und sie auf dem Sofa im Foyer Platz nehmen lassen. Zuerst bat sie Friedrich in ihr Büro, wo sie ihm noch einmal alles an den Kopf warf, was sich in den vorhergehenden Jahren in ihr angestaut hatte. Dann sollte meine Granny zu ihr. Grandma kam einige Zeit später wieder heraus, ging in ihr Büro, packte ihre persönlichen Dinge zusammen und ging dann ins Atelier: „Hannah? Ich wollte mich verabschieden." – „Sie hat dich tatsächlich entlassen?!" Tante Hannah war entsetzt. „Ja natürlich, was glaubst du denn? Sie ist Sophie, nicht die Wohlfahrt." Es wurde still zwischen den zwei Frauen: „Und jetzt?" fragte Tante Hannah. „Du bleibst natürlich B-Styles Designerin. Und wenn Bruno erst mal die Augen öffnet, dann wirst du auch meine Schwägerin." Granny trug die ganze Situation mit viel Fassung. Auch Grandpa und Onkel Bruno wurden von Sophie von Brahmberg entlassen. Ich glaube nicht, dass Sophie das Ziel verfolgt hat, sie durch die drohende Arbeitslosigkeit in Verzweiflung zu stürzen – Onkel Bruno hatte immerhin seine Schuhfirma, Granny hatte B-Style und Grandpa hatte immer noch seine Kreativität, mit der er Kühlschränke an Eskimos hätte verkaufen können…
Grandpa wartete am Fahrstuhl auf Granny. Sie sollte ihre Kiste auf keinen Fall bis nach Hause tragen, aber sie sollte sich trotzdem gebührend von Kerima verabschieden. Tante Hannah begleitete sie noch ein Stück, als Sophie im Foyer auftauchte: „Meine Damen und Herren, Sie sehen Lisa Kowalski, die als der Trampel vom Dienst hier angefangen hat, die Karriereleiter hinaufgestolpert ist und diese jetzt ganz tief hinunter fällt." Hannah ging ungerührt weiter, während Granny stehen blieb, sich umdrehte und auf Sophie zuging: „Es war mir eine große Ehre mit einem Urgestein der Branche, wie Sie es sind, zusammen zu arbeiten. Ich konnte viel von Ihnen lernen." Urgestein, hihihi, sie hätte auch sagen können: Sie sind ein Faltengebirge. Hihihi. Naja, so schadenfroh bin wieder nur ich, denn ich glaube kaum, dass ausgerechnet meine liebe Granny es böse gemeint haben könnte – obwohl, sie meinte ja, sie hätte etwas von dieser von Brahmberg gelernt und das konnte ja nun wirklich nichts Gutes sein... Sie umarmte die verdatterte Sophie und ging dann zu Grandpa, nahm seine Hand und ohne sich noch einmal umzudrehen, stiegen sie in den Fahrstuhl und verließen Kerima – für immer.
Die Tage bis zu Tante Katis Geburt vergingen schnell. Grandpa hatte einen Ruf in der Branche und hatte bald Aufträge als freier Werbegraphiker. Das gestattete ihm, von zu Hause zu arbeiten und viel Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Granny kompensierte die Lücke, die die Entlassung bei Kerima hinterlassen hatte, durch Nestbauarbeiten. Als Tante Kati dann auf den Tag genau am 08. August 2007 zur Welt kam, landete sie in einer perfekten Mutter-Vater-Kind-Wohnung. Das Jahr schritt voran und kurz vor Weihnachten kam Grandpa mit Neuigkeiten nach Hause: Die Firma, deren Werbekampagne er abgeschlossen hatte, bot ihm an, fest für sie zu arbeiten – allerdings in Kanada. Grannys Erfolg bei Kerima hatte sich herum gesprochen und Grandpas Fähigkeiten waren schon vor seiner Festanstellung dort begehrt. Die KidsToys-Company mit Hauptsitz in Halifax ließ nichts unversucht, um das Ehepaar Kowalski für sich zu gewinnen – mit Erfolg. Im April 2008 waren die Koffer gepackt und Familie Kowalski machte sich auf den Weg an die kanadische Atlantik-Küste…
