Trigger-Warnung: Drogenkonsum


Das blaue Licht

(Teil 11)

„Vertrauen ist gut…"


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John saß an diesem Morgen noch gemütlich am Frühstückstisch. Es war Sonntag und er hatte vor, diesen freien Tag in vollen Zügen zu genießen.

Einzig Sherlock machte ihm Sorgen. Sein Allgemeinzustand war seit Wochen nicht besonders gut. Dabei schlief er häufiger als John es je an ihm erlebt hatte, dennoch wirkte er auf ihn abgespannt. Einfach nicht auf der Höhe seiner Leistungskraft. Von den Panikattacken wollte John gar nicht erst anfangen.

Irgendetwas nagte an Sherlock, zerfraß ihn innerlich und John hoffte – bei Gott – dass es wirklich keine Drogen waren, wie sein Mitbewohner ihm immer wieder versichert hatte.

John war auch tatsächlich geneigt, ihm zu glauben, denn auch wenn einige Symptome auf Drogenmissbrauch schließen lassen konnten, so passten andere doch überhaupt nicht dazu. Es beunruhigte ihn vielmehr, dass Sherlock ums Verrecken nicht von diesen verdammten Nikotinpflastern lassen wollte.

Vielleicht sollte er diesen heutigen Tag dazu nutzen um nochmal auf ihn einzureden... ihn dazu zu bringen, die Finger von Zigaretten und Nikotin zu lassen.

Er seufzte leise und butterte sich gerade seinen zweiten Toast, als er Sherlocks Schritte im Flur vernahm. Automatisch prüfte er mit der Hand die Temperatur der Teekanne. Ja – war noch warm genug. Er stand auf und ging in die Küche um eine zweite Tasse für Sherlock zu holen.

„Guten Morgen, Sherlock", grüßte er ihn, als sein Freund lautstark gähnend an ihm vorbei ins Wohnzimmer mehr schlurfte, als dass er ging.

Als John außer einem weiteren Gähnen keine Antwort erhielt, holte er auch noch die bittere Orangenmarmelade aus dem Schrank für die Sherlock eine Schwäche hatte und unter deren Zuhilfenahme er sich manchmal zu einer halben Scheibe Toast überreden lassen konnte.

Mit Marmeladenglas und Tasse ging John ebenfalls zurück ins Wohnzimmer, wo Sherlock schon auf seinem gewohnten Stuhl saß – immer noch in T-Shirt und Pyjamahose – beide Ellbogen auf dem Tisch aufgestützt und das Gesicht in seinen Händen vergraben.

„Haben Sie wieder nicht gut geschlafen?", fragte John besorgt und setzte sich zu Sherlock an den Tisch.

„Ja... Nein... ich weiß nicht", kam es gedämpft hinter Sherlocks Händen hervor. Erst dann lehnte er sich zurück, rieb noch mehrmals mit seinen Händen über sein Gesicht, bevor er die Arme auf den Tisch fallen ließ. „Mir tut alles weh", maulte er wehleidig und John konnte ein besorgtes Schmunzeln nicht mehr unterdrücken.

„Vielleicht hilft es ja, wenn..." fing John an, bevor sein Blick über Sherlock hinwegglitt, automatisch auf äußere Anzeichen einer Krankheit achtend, bis seine Augen an Sherlocks linker Armbeuge hängenblieben. Ganz deutlich zeichnete sich dort ein roter Fleck ab. Ein roter Fleck mit einem dunklen Punkt in der Mitte. Genau dort, wo die Vene sich deutlich auf Sherlocks blasser Haut abzeichnete.

Ganz allmählich setzten das Verstehen und das Begreifen ein und gleichermaßen ebbte die Sorge des Arztes ab und machte Platz für einen Zorn, wie er ihn schon lange nicht mehr empfunden hatte.

„Das glaube ich jetzt nicht!", rief John bebend vor Wut aus.

Sherlock warf ihm einen verständnislosen und matten Blick zu.

„Was?"

„Für wie blöd halten Sie mich eigentlich?!", fauchte John nun in voller Lautstärke.

„Was ist denn?" Nun wurde auch Sherlock laut. „Was?"

John biss sich auf die Lippen, bevor er lospolterte: „Wie arrogant muss man sein… Ich bin Arzt, verdammt! Ich werde ja wohl noch eine Einstichstelle erkennen!"

„Einstich… Wovon reden Sie nur?", erwiderte Sherlock verwirrt.

„Den Dummen zu spielen hilft nun auch nicht mehr!", schnaubte John fast außer sich vor Zorn. „Und ich Idiot mache mir noch Sorgen um Sie!"

Sherlocks verständnisloser Blick machte John nur noch wütender. Schließlich ließ Sherlock seine Augen Johns Blickrichtung folgen, über seinen Körper hinweggleiten, bis sie an der Rötung in seiner linken Armbeuge hängen blieben. Eine leichte Rötung in deren Mitte man – wenn man sich damit auskannte – sehr gut den Stichkanal einer Nadel ausmachen konnte.

Für einen Moment setzte Sherlocks Verstand aus. In einer Endlosschleife wiederholte sich immer wieder ein Satz: „Das kann nicht sein – Das kann nicht sein – Das..."

„Wie-wie kommt das denn da hin?", stammelte Sherlock nach einer kleinen Ewigkeit, in der er wie paralysiert gewesen war. Vage Erinnerungen an Träume (es waren doch Träume gewesen?) erschreckten ihn. Ließen ihn vor sich selbst zurückschrecken. „Ich… Ich war das nicht!" Er selbst hörte die Panik in seiner Stimme, doch John schien es in seinem gerechten Zorn nicht wahrzunehmen.

„Und das soll ich glauben? Ernsthaft!?" John lachte. Es war kein frohes Lachen und Sherlock überlief es eiskalt. Wenn ihm John nicht mehr glaubte... was (oder besser WER) blieb ihm denn dann noch?

„Ich war das nicht!", beteuerte er mit rauer Stimme.

John schüttelte den Kopf. Immer noch zierte dieses völlig deplatzierte Lächeln sein Gesicht.

„Sie müssen mich für völlig bescheuert halten." Dann glomm so etwas wie professionelle Neugierde in seinem Blick auf. „Wie lange geht das schon so?"

Sherlock schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass das Geschirr klirrend tanzte. Irgendwie musste es doch möglich sein, zu John durchzudringen.

„Ich nehme keine Drogen!", schrie er in voller Lautstärke, doch John wich keinen Zoll.

„Ihre Symptome sagen etwas anderes", bemerkte er unbeeindruckt. „Wo ist das Zeug?"

„Ich nehme keine Drogen! Ich bin clean!", schrie Sherlock wieder und langsam, sehr langsam bemächtigte sich ekelerregende Verzweiflung seiner Sinne.

John musterte ihn mit kaum verhohlenem Abscheu.

„Hören Sie auf, mich für dumm zu verkaufen! Wo haben Sie es versteckt?!"

„Ich habe nichts versteckt!", erwiderte Sherlock nachdrücklich, doch es klang selbst in seinen eigenen Ohren kraftlos. John glaubte ihm nicht. Damit hatte er den letzten Halt verloren, den er in seinem Leben noch gehabt hatte.

Johns Lippen kräuselten sich abfällig.

„Das wollen wir doch mal sehen…" murmelte er halblaut, drehte sich zu ihrem Bücherregal um und fing an, wahllos Bücher herauszuziehen, sie durchzublättern und wieder zurückzustellen. Nein...nicht wahllos... es handelte sich ausschließlich um Literatur über Waffen, Drogen, Gifte, Medizin... traute John ihm zu, dass er seine Drogen an einem solchen Ort verstecken würde? Offensichtlich.

Dennoch drängte sich Sherlock die Frage förmlich auf die Zunge: „Was… John… was soll das?"

„Ich werde die verdammten Drogen finden und wenn ich die ganze Wohnung auf den Kopf stellen muss!", erwiderte John grimmig und inspizierte nun Sherlocks Geigenkasten.

Sherlock war auf seinem Stuhl zusammengesunken und sah John tatenlos zu, wie er reichlich unprofessionell und unstrukturiert – aber dafür mit umso mehr Tatendrang Wohnzimmer und Küche nach Drogen filzte.

Nachdem er gründlich alle Sofakissen untersucht hatte, fiel sein Blick eher zufällig auf die Wand und somit auf den aufgesprühten Smiley.

Er schüttelte seinen Kopf einmal, zweimal, dreimal – ging dann wortlos ins Badezimmer ohne Sherlock auch nur eines Blickes zu würdigen und kam mit einer langen, schmalen Pinzette in der Hand zurück ins Wohnzimmer.

Ungläubig beobachtete Sherlock, wie John zielstrebig auf den Smiley zuging und mit der Pinzette in den Einschusslöchern herumstocherte. Er musste sich dazu ein wenig strecken, doch die Höhe stellte nicht wirklich eine Herausforderung für ihn dar.

„Ihre Arroganz ist wirklich unglaublich", fauchte John wütend. „Nur weil ich etwas zu kurz geraten bin… ich verrate Ihnen ein Geheimnis, Sherlock. Ich bin weder ein Zwerg, noch ein Hobbit und im Ernstfall kann ich sogar auf Stühle steigen!"

„John, das ist reine Zeitverschwendung. Ich versichere Ihnen…", fing Sherlock an, wurde jedoch von John unterbrochen, der gerade das vierte oder fünfte Einschussloch untersucht hatte.

„Ach ja?! Und was ist das?", fragte John mit einer Kälte, wie Sherlock sie noch nie an ihm erlebt hatte. „Brausepulver?" John zog die Pinzette vollends aus dem Einschussloch und hielt seine Beute in Sherlocks Richtung. Mehrere kleine Plastikkapseln in einem Zellophantütchen.

Sherlock verschlug es den Atem. Sein Gehirn hörte auf zu arbeiten.

Es konnte nicht sein!

Das konnte einfach nicht sein!

Er hatte dieses Tütchen dort nicht versteckt!

Aber... hatte er in den letzten Wochen nicht bereits mehrere Gedächtnisverluste erlitten?

Wie unzurechnungsfähig war er wirklich?

„Ein nettes Versteck. Passt zu Ihnen", erklärte John mit kühler Anerkennung.

„Ich… ich…", stammelte Sherlock.

„Und wie geht's jetzt weiter?", fragte John nicht unfreundlich, aber immer noch mit dieser Kälte in seinen Augen.

„Ich… ich weiß nicht, wie das dahin gekommen ist."

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst", rief John gereizt aus.

„Ich war das nicht!", beteuerte Sherlock erneut. Es war das Einzige, was er noch hatte, den Glauben an sich selbst... wenn er den auch noch verlor...

„Wer denn sonst? Die Zahnfee? Der Osterhase?", spottete John.

„ICH-NEHME-KEINE-DROGEN", brüllte Sherlock und warf in einer plötzlichen Aufwallung von Wut den Tisch um.

Das Geschirr rutschte klirrend zu Boden, wo es unter großem Getöse zerbrach.

Schwer atmend stand Sherlock vor dem Scherbenhaufen. Er wusste nicht einmal mehr, dass er aufgesprungen war. Sein brennender Blick heftete sich auf John.

John musterte ihn. Ruhig, gelassen, abschätzend.

„Gut…", sagte er schließlich, „dann haben Sie auch sicher keine Einwände gegen einen Drogentest."

„Nein. Keine", erwiderte Sherlock beherrscht. Er streckte John seinen rechten Arm entgegen. „Hier…"

John stutzte einen Moment, doch dann ging er ins Badezimmer um eine Spritze zu holen, mit der er das angebotene Blut abnehmen wollte.

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Fortsetzung folgt...


An dieser Stelle möchte ich folgenden Personen meinen tiefempfundenen Dank aussprechen:

-M- (der ich die Idee zu dieser Story noch im Anfangsstadium erzählen durfte und die der Meinung war, ich müsste das „unbedingt schreiben")

glowworm (die so freundlich war, meine Entwürfe zu den einzelnen Kapiteln zu lesen und mir Mut zugesprochen und mir versichert hat „wie geil diese Geschichte wird")

justfoolingaround (mit der ich online über Verstecke für die Drogen philosophiert habe und deren diesbezügliche Ideen – obwohl ich sie nicht verwendet habe – mich trotzdem auf die richtige Fährte geführt haben)

PadBlack (mit der ich ebenfalls über diese Geschichte diskutiert habe und die sich in Geduld gefasst hat, obwohl ich ihr schon seit Monaten den Mund auf diese Geschichte wässrig gemacht habe)

und last, but not least: meinem heißgeliebten Ehemann, der mit einer Engelsgeduld mein Gefasel über Drogenverstecke und die Tiefe von Einschusslöchern (und die Frage, wie tief wohl ein Bunker unter der Erde liegt) nicht nur ertragen hat, sondern mir ebenfalls Vorschläge unterbreitet hat – die ich dann zwar auch nicht genommen habe – die aber letzten Endes noch während unseres Gespräches zu meinem Geistesblitz mit dem Smiley geführt hatten.