Kapitel 11
Breda, der Alfred trug war zusammen mit Herbert auf den Weg zurück zum Schloss. Mittlerweile hatte es wieder angefangen zu schneien und es wurde Minute zu Minute immer schlimmer. Sie mussten sich beeilen, wenn sie nicht in einem Schneesturm geraten wollten. Allerdings war dies nicht gerade leicht, mit einem ausgewachsenen Vampir auf dem Rücken und einem Sohn, der sich den Knöchel verknackst hatte…
Zum Glück schafften sie es noch rechtzeitig in das Schloss, wo Breda erst einmal den Diener losschickte, um ihnen Decken zu holen. Herbert und Alfred waren mit Sicherheit unterkühlt und er fühlte sich auch nicht grade prickelnd warm an. Zwar waren Vampire untot und hatten von Natur aus schon eine ziemlich niedrige Körpertemperatur (sie lag ungefähr bei null grad), aber draußen war es erheblich kälter und einfach das Gefühl der Wärme war weitaus angenehmer als das der Kälte.
Breda dirigierte alle in die Bibliothek, wo auch schon ein Feuer im Kamin prasselte, ganz so, wie er es seinem Diener aufgetragen hatte. Sie setzten sich auf die Sessel. Es klopfte an der Tür und der Diener trat in das Zimmer, die Arme voll beladen mit den dicksten Decken, der er im Schloss auf die schnelle hatte auftreiben können. Er verbeugte sich schließlich, ging wieder aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Dann herrschte Schweigen.
Jeder starrte vor sich hin und hing seinen Gedanken nach, bis schließlich Breda ein Gespräch versuchte.
„Herbert, ich wollte dir noch einmal sagen, dass es mir unendlich Leid tut, was ich getan habe, und auch dir Alfred. Ich werde es nie wieder gut machen können."
„Paps, ich wüsste da schon etwas…."
Breda schaute ihn fragend an.
„Ich wüsste gerne, worum es bei diesem Gespräch ging, dass du derart die Kontrolle über dich verloren hast."
Es trat wieder Schweigen ein. Es sah so aus, als ob er sich erst Worte zu Recht legen musste. Dann, nach einigen Minuten rückte er schließlich mit der Sprache raus.
„Ich hatte mich mit Sarah über Alfred gestritten. Ich war Eifersüchtig auf dich", er wandte sich zu Alfred, „ich dachte du hättest etwas mit ihr. Nun weiß ich, dass es nicht stimmt…. Davon bin ich fest überzeugt."
Wieder Schweigen. Herbert konnte es nicht fassen. Wie konnte sein Vater nur geglaubt haben, SEIN Alfi hätte etwas mit seiner neuen ‚Mutter'? Das war töricht, nein geradezu absurd.
„Stimmt, ich hatte nichts mit ihr. Aber wie bist du auf die Idee gekommen, dass da was zwischen uns etwas gewesen sein könnte?" Fragte ihn Alfred.
Wieder überlegte Breda kurz. Die Angelegenheit schien ihm peinlich zu sein.
„Nun ja, ihr habt euch immer unter vier Augen getroffen und wolltet nie, dass ich es mit bekomme oder dabei bin. Dass hat mich schon nachdenklich gemacht."
„Ja, stimmt das haben wir, wir haben aber nur immer über etwas gesprochen…"
„und über was, wenn man fragen darf?" mischte sich nun Herbert wieder ein. Was war denn bitteschön zu geheim, dass es keiner mitbekommen darf?
Diesmal blieb es eine ganze Zeit lang still im Zimmer. Herbert überlegte schon, ob Alfred seine Frage überhaupt gehört hatte, aber schließlich antwortete er.
„Ich habe mit Sarah immer über etwas gesprochen. Weißt du, Herbert, ich sag es jetzt nur ungern, da auch Sarah jetzt nicht anwesend ist, aber ich will es endlich gesagt haben."
Was konnte so wichtig sein, dass er es hinter sich gebracht haben will, es ihm zu sagen? Hatte Herbert seinem Alfi jemals den Kopf abgerissen, nur weil er etwas zu ihm gesagt hatte? Na ja, doch an einige Male erinnerte sich Herbert, da war er nicht gerade Sanft zu ihm gewesen… Aber was brauchte Alfred denn schon zu fürchten? Er war schließlich auch ein Vampir, wie er!
„Herbert, ich wusste nicht ob ich es dir sagen sollte, aber es bedrückt mich schon länger… Es ist nicht so, dass ich nicht gerne mit dir zusammen bin, im Gegenteil, dass bin ich sehr gern. Ich habe nur deine Nähe gemieden… weil… weil…"Alfred fing an zu stottern. Beinahe hätte Herbert ihn schon daran gehindert, seinen Satz zu ende zu sprechen. Er konnte es einfach nicht ertragen, wenn sein Alfi so gequält wurde. Doch Alfred sprach weiter.
„Weil ich dich liebe Herbert. Ich weiß auch nicht warum und es erschreckt mich ehrlich gesagt auch ein wenig, aber es ist nun mal so. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte und musste mit jemanden sprechen… Und da blieb nur Sarah übrig…."
Alfred musterte Herbert. Es schien Herbert regelrecht die Sprache verschlagen zu haben. Alfred wusste, dass Herbert ihn auch liebte, also dürfte es von seiner Seite aus keine Probleme geben und auch bei Breda hatte er ein gutes Gefühl. Schließlich war Herbert sein Sohn und ein Vater wollte bestimmt, dass sein Sohn glücklich war. Nun wartete er auf die Antwort von Herbert.
„Aber….das ist…. ach Alfi, ich habe seit der ersten Begegnung mit dir von diesem Moment geträumt! Du ahnst gar nicht wie glücklich ich bin!" Herbert wollte sich gerade Alfred um den Hals werfen, als sein Vater mit einem Räuspern auf sich aufmerksam machte.
„Das könnt ihr doch sicherlich auf später verlegen oder?"
DAS war typisch für seinen Vater, dachte Herbert. Selber turtelte er mit Sarah rum, aber sobald es sein Sohn machte, hatte er auf einmal was dagegen. Trotzdem, schade war es schon, er würde jetzt so gerne alleine mit Alfred sein, aber er lief bestimmt nicht weg… obwohl… Konnte er sich da so sicher sein?
Alfred schenkte Herbert einen entschuldigenden Blick.
„Wo ist eigentlich Sarah?" fragte er nun in die Runde.
„Ich weiß nicht. Ich hatte sie aber gebeten, im Schloss zu bleiben, während ich nach euch gesucht habe…" Breda hatte sich die ganze Zeit schon gefragt wo seine Frau abgeblieben war. Die Bibliothek war im Winter das gemütlichste Zimmer weit und breit im Schloss, also wo sollte sie sonst sein?
Sie wird schon nicht weggelaufen sein, sicher, Sarah konnte dickköpfig sein, aber würde sie sich ihm widersetzen?
„Ich werde gleich nach ihr suchen gehen, dann habt ihr noch ein wenig Zeit für euch alleine…" ‚was auch immer sie anstellen werden…', dachte Breda.
„In Ordnung, Paps… Irgendwo muss sie ja sein, lass am Besten noch den Diener…" verdammt, wie hieß der denn? Herbert glaubte, dass er ihm gar nicht vorgestellt worden war… ach egal... „…nach ihr suchen, Vielleicht weiß er ja genaueres. Ich werde nachher noch Alex fragen, oder ist er schon abgereist?"
„Nein, ich denke er dürfte noch hier sein. Er wollte erst in einer Woche abreisen…"
Breda erhob sich von seinem Sessel. „Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet."
Er nickte den Beiden noch kurz zu und ging aus dem Zimmer, auf dem Weg, seine Sarah zu suchen.
Als die Tür wieder geschlossen war, herrschte wieder einen kurzen Moment schweigen.
„Also Alfi…. Du musst mir alles erzählen! Wie kam es denn zu deinem Sinneswandel?" Herbert rutschte ein wenig näher zu ihm heran.
Plötzlich schien sich Alfred nicht mehr allzu sehr in seiner Haut wohl zufühlen, aber er versuchte es sich so wenig wie möglich anmerken zu lassen.
„Nun, ich glaube, ich hab das alles schon erzählt…."
„Jaaaa, das schon, ich will es nur noch einmal hören!"
Alfred schaute ihn fragend an.
„Na schön, wenn es unbedingt sein muss…" Alfred erzählte die Geschichte erneut, dass er ihn schon lange liebte, aber mit jemanden darüber reden musste. Und das er schließlich in der Ruine sich an ihn gekuschelt hatte. Das hatte er zwar im Schlaf getan, aber nicht vor Kälte. Er wollte einfach bei Herbert sein, bei ihm, der ihn vor seinem Vater in Schutz genommen hatte.
„Ich glaube ich hab mich nie richtig dafür bedankt, dass du mir bei Seite gestanden bist. Das fand ich wirklich unheimlich lieb von dir."
„Ach Alfred, du weißt, dass ich das immer wieder machen würde. Ich liebe dich und da tu' ich alles für meinen Partner."
„Aber da waren wir doch noch gar nicht zusammen gewesen?"
„Ach… Ist doch egal, Hauptsache ist, dass wir jetzt zueinander gefunden haben…"
Herbert kuschelte sich noch enger an Alfred ran, und genoss das Gefühl, ganz nahe bei seinem Liebsten zu sein. Es war das gleiche Gefühl, wie schon in der Ruine, nur noch stärker und nicht von der eisigen Kälte getrübt, die draußen herrschte.
Auch Alfred genoss die Nähe von Herbert. Er hatte seine Gefühle zu lange verschwiegen.
Breda hatte seinen Diener losgeschickt um Sarah zu suchen und auch einige Vampire hatten sich bereit erklärt. Merkwürdiger Weise, hatte niemand gewusst, wo seine Frau abgeblieben war. Erneut beschlich ihn das Gefühl, dass er schon vorhin gehabt hatte, dass er seine Frau nie wieder sehen würde. War da etwas Wahres dran? Fest stand, sie war nicht im Schloss geblieben, wie er es gewollt hatte. Sie musste also draußen in der Kälte sein, draußen, wo es von Vampirjägern nur so wimmelte, denn einige hatten bestimmt den Zusammensturz der Ruine überlebt. Hatten ihr die Vampirjäger etwas angetan? Hatte er seine zweite Frau verloren?
