Tut mir leid wegen der Verspätung, mein Router hatte gestern schlechte Laune und wollte sich nicht zum Arbeiten überreden lassen. Aber heute war er gnädig - und hier ist es: das nächste Kapitel. Ich bedanke mich bei den vielen Leuten, die hier mitlesen - und ganz besonders bei den wenigen, die sich tatsächlich trauen, mir ein Review zu hinterlassen. Über die freue ich mich immer ganz besonders! LG Mo
11. Der Potter-Effekt.
„Ist alles gut gegangen?" Ginny Weasley empfing die kleine Gruppe in der Eingangshalle und nahm Snape einen der Kartons ab, jedoch ohne ihn anzusehen. Ihr war er bisher nicht im Haus am Grimmauldplatz begegnet; vermutlich hatte sie die Wochen nach der Schlacht zusammen mit ihrer Familie zuhause im Fuchsbau verbracht. Und Potters Erklärung zufolge wusste auch sie nur das Nötigste von seinem Leben.
„Bestens, bestens", versicherte George ihr strahlend, während Severus allmählich wieder seine eigene Gestalt annahm. Schnell stieg er die Treppen hoch, um sich umzuziehen, und reichte die nun nicht mehr benötigte Brille kommentarlos an Potter weiter, der ihm auf den Stufen entgegen kam.
Er hörte die anderen munter von ihrem Einsatz erzählen. Doch er selbst blieb in seinem Zimmer und räumte den Schrankkoffer aus. Seine privaten Dinge hierher zu bringen, war ein weiterer Schritt in ein anderes Leben gewesen. In sein Haus konnte er jedenfalls in naher Zukunft nicht zurück, das wusste er. Und solange er offiziell als tot galt, musste er wohl hier bleiben. Nun, dachte er achselzuckend, es gab Schlimmeres.
Molly Weasley rief sie alle zu einem kleinen Imbiss in den Salon. Snape gesellte sich ein wenig widerstrebend zu den anderen aus dem Orden, doch als sie ihm danach helfen wollten, die Umzugskartons auszuräumen, lehnte er höflich ab.
Harry stellte ihm einen leeren Raum zur Verfügung, um seine Bücher und Zutaten zu lagern, und im Laufe des Tages hatte er sich dort ein ganz passables magisches Labor eingerichtet. Seine Bücher fanden ihren Platz in alten Regalen mit abschließbaren Glastüren, die sämtliche Wände füllten, und er verbrachte einen ruhigen Nachmittag damit, sie alle dort einzusortieren.
Wie lange er dort gestanden und sein neues Reich betrachtet hatte, konnte er nicht sagen. Ein unterdrücktes Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken, und er wandte sich zur Tür um, wo Minerva McGonagall stand und ihn mit leichtem Lächeln musterte.
„Ich hörte, Sie haben Ihre Sache als Einsatzleiter sehr gut gemacht", begann sie, doch er hob abwehrend eine Hand: „Warten Sie. Ich habe nicht vor, Derartiges zu wiederholen, Minerva. Dass dieser Einsatz so reibungslos verlaufen ist, lag sicher nicht an meinen Fähigkeiten als Anführer. Es ist eher der Routine der anderen zuzuschreiben, dem Einsatzort und der Tatsache, dass ich als Potter unterwegs war. Das hat für die restliche Truppe die Zusammenarbeit wesentlich erleichtert. Aber ich bin nicht für die offizielle Arbeit im Phönixorden geschaffen. Es gibt andere, die den Rang eines Einsatzleiters wesentlich mehr verdient haben. Genauso wie die Führung der gesamten Gruppe. Was ist mit Arthur Weasley? Er war schon beim ersten Mal im Orden, hat genügend Einsatzerfahrung, und mit ihm kämen die anderen sicher besser zurecht. Außerdem bin ich nicht unbedingt der geborene Anführer, ich habe mein ganzes Leben nur Befehle und Anordnungen befolgt."
„Sie gehören auch zu denen, die bereits sehr lange Zeit im Orden sind, Severus", sagte die Schulleiterin sanft, „Sie haben die meiste Erfahrung, was Einsätze wie diesen betrifft, und Sie wissen mehr über die Todesser und über die Dunklen Künste als wir anderen alle zusammengenommen. Wir können noch unendlich viel von Ihnen lernen. Weshalb denken Sie, Sie wären nicht geeignet für den Orden?"
„Weil…" Verdammt. Wie zum Teufel sollte er ihr begreiflich machen, wie er sich bei dieser Aussicht auf seine Zukunft fühlte? Es war unglaublich schwer, das alles in klare Worte zu fassen, die sie auch verstehen würde. Er wandte ihr den Rücken zu, während er darüber nachdachte.
„Warum kann ich nicht einfach so weiterarbeiten wie bisher auch, Minerva?" fragte er schließlich mit einem bittenden Unterton. „Im Untergrund. Ich bin mit dieser Aufgabe aufgewachsen, ich kenne nichts anderes, und ich bin gut darin, das wissen Sie. Lassen Sie mich dort weitermachen, wo ich aufgehört habe."
„Sie wissen, dass das nicht geht, Severus", antwortete sie leise und mit hörbarem Bedauern, „es ist schlicht unmöglich. Jedes Kind in der magischen Gemeinschaft weiß inzwischen, dass Sie auf der Seite des Ordens agiert haben. Sie können nicht zurück. Ganz abgesehen davon, dass Sie immer noch als tot gelten. Es tut mir leid."
„Ich finde schon einen Weg", erklärte er ihr mit einem Anflug von Verzweiflung, „ich kann das hier nicht, ich bin kein Teamplayer, das wissen Sie so gut wie ich! Und mit Einsätzen des Ordens habe ich überhaupt keine Erfahrung, das heute war doch nur eine Show. Ich habe richtige Einsätze nur zwei oder drei Mal auf der gegnerischen Seite mitgemacht, das ist etwas völlig anderes. Und auch dort nur im Fußvolk, nie in der Führungsposition. Ich bin der Typ, der Befehle befolgt. Verdammt, ich habe wesentlich weniger Ahnung als das Jungvolk da unten, und das wissen Sie auch ganz genau!"
Ohne es zu wollen, war er immer lauter geworden. Erschrocken über seine eigene heftige Reaktion, hielt er jäh inne und unterdrückte den starken Impuls, mit der Faust gegen eins der Bücherregale zu schlagen.
Minerva McGonagall seufzte. „Sie sind an die Zusammenarbeit mit einem Team einfach noch nicht gewöhnt, und das ist sowohl mir als auch den anderen im Orden durchaus bewusst. Aber Sie werden es lernen, glauben Sie mir, es ist einfacher als Sie denken. Und Sie haben auch gar keine andere Wahl. Denken Sie nach, Severus, benutzen Sie Ihren Verstand. Was, glauben Sie, würde passieren, wenn die Todesser erfahren, dass Sie noch am Leben sind und sich ihnen wieder anschließen wollen? Was? Überlegen Sie!"
Beinahe unfreiwillig wandte er sich wieder zu ihr um. Was wollte sie ihm sagen? Was sollte er verstehen? Dass sie ihn um jeden Preis auf der richtigen Seite haben und das den Leuten auch zeigen wollte? Er, als Vorzeige-Agent des Phönixordens? Egal ob ihm das gefiel oder nicht? Verdammt.
„Ich versichere Ihnen, Minerva, ich würde schon eine Möglichkeit…", begann er, ganz bewusst in ruhigem Ton, um das Gespräch nicht in einen Streit ausarten zu lassen – so gern er das auch getan hätte.
Gereizt fuhr sie ihn an: „Himmel nochmal, Sie sollen nachdenken, anstatt Ihrem alten Leben nachzutrauern, Junge. So überaus angenehm kann das für Sie ja wohl kaum gewesen sein, oder? Strengen Sie Ihr schlaues Köpfchen an. Gesetzt den Fall, Sie könnten die tatsächlich irgendwie überzeugen, Sie stünden immer noch auf deren Seite… Was würde passieren?"
„Keine Ahnung. Was?" knurrte er abweisend.
Frustriert schnaubte sie durch die Nase. „Du liebe Güte. Ist das so schwer zu erkennen? Sollen wir es der Einfachheit halber mal den… Potter-Effekt nennen? Sie haben, genau wie Harry, den Angriff von Lord Voldemort überlebt. Was, denken Sie, würden die Todesser, die gerade jetzt verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Führer sind, wohl davon halten?" Ihre Stimme war ebenfalls etwas lauter geworden, und sie blickte ihn eindringlich an.
Snape stand vor ihr wie erstarrt. Seine Gedanken schienen zu Eis zu gefrieren, als er sie diese unliebsame Tatsache aussprechen hörte. Sie hatte Recht, er hatte nicht darüber nachgedacht, was das bedeuten könnte. Sie würden ihn entweder umbringen oder zum Anführer machen wollen, weil er sich als dem Dunklen Lord als ebenbürtig erwiesen hatte – genau wie Potter! Verdammt. Verdammt, verdammt!
„Ich weiß, das war ganz sicher nicht im Geringsten das, was Sie hören wollten", erklärte sie mit erzwungener Ruhe und legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. Er wollte sie abschütteln, vor ihr zurückweichen, sie anschreien, wegrennen, irgendetwas in der Art - doch er war immer noch nicht fähig sich zu bewegen. Er stand nur da, als wäre er einer ihrer dummen kleinen Schüler, der Mist gebaut hatte, und sah sie an. Fassungslos. Erschüttert. In der bitteren Realität angekommen. Am liebsten wäre er wirklich einfach davongelaufen.
Sie schenkte ihm einen Blick von der überaus mitfühlenden Sorte, bevor sie fortfuhr: „Ich möchte Ihnen damit sagen, dass Sie Ihr Leben wohl komplett umkrempeln müssen, und das wird Ihnen sicher nicht leicht fallen. Aber bedenken Sie eines dabei, Severus: der Orden des Phönix ist eine starke Gemeinschaft. Keiner von uns muss sich allein gegen die Welt behaupten, weil wir uns gegenseitig unterstützen. Und Sie sind ebenfalls ein Teil hiervon, also gewöhnen Sie sich besser gleich daran, dass Sie jetzt Freunde haben. Ob Sie wollen oder nicht." Für einen Moment verstärkte sie den Druck ihrer Hand auf seiner Schulter, bevor sie zur Tür hinausging und ihn allein ließ.
