Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!


DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.


Verräter (4/4)

Nach dem Abendessen stürmte Sirius nach oben in den Gemeinschaftsraum. Wie erwartet saß Shacklebolt mit einem Stapel Bücher an einem der Tische und machte Hausaufgaben. Wütend zog Sirius ihm sein Pergament weg und schlug das Buch zu.

„Wir müssen reden, Shacklebolt!"

Mit nervtötender Ruhe schraubte Rex Shacklebolt sein Tintenfass zu. Kingsley Shacklebolt, der in der Nähe saß, sah beunruhigt zwischen seinem großen Bruder und Sirius hin und her.

„Das denke ich auch." Rex Shacklebolt deutete auf einen Stuhl gegenüber. „Im Sitzen redet es sich besser."

„Ich glaube, du verstehst mich nicht, Shacklebolt!", knurrte Sirius, der sich beherrschen musste, den Sechstklässler nicht auf der Stelle zu verhexen. „Ich stelle die Fragen, du antwortest und danach überlege ich mir, welchen Fluch ich einem verdammten Feigling wie dir aufhalsen kann!"

Shacklebolt erhob sich. Im Stehen war er mindestens einen halben Kopf größer als Sirius, was diesen noch mehr in Rage brachte.

„Ich bin kein Feigling, Black."

„Ach nein?" Wenn James Sirius nicht kurz die Hand auf die Schulter gelegt hätte, hätte er Shacklebolt seine Faust ins Gesicht gerammt. „Wie kommt es dann, dass MacDonald im Krankenflügel liegt, während du nicht einen Kratzer hast?"

Zum ersten Mal schien sich Shacklebolt nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen.

„Ich muss zugeben, ich habe diese Slytherins unterschätzt", räumte er ein. „Sie haben mich entwaffnet und mich mit einer Ganzkörperklammer belegt. Ich konnte nichts tun außer zusehen!"

„Ach und deshalb sollst du mir jetzt leid tun?", fauchte Sirius. „Du wusstest genau, wozu die Slytherins fähig sind! Sie hätten Mary schon das letzte Mal fertiggemacht, wenn wir nicht eingegriffen hätten! Aber du hast nur daneben gestanden und gar nichts gemacht!"

„Gewalt ist keine Lösung", versuchte Shacklebolt zu widersprechen. „Sie löst nur scheinbar Probleme, in Wirklichkeit schafft sie nur neue!"

„Ach ja?" Sirius warf ihm ein kaltes Lächeln zu. „Ich glaube, wenn ich dich erst mal in den Krankenflügel gehext habe, werde ich mich sehr viel besser fühlen."

„Vermutlich", gab Shacklebolt unumwunden zu, „aber das ändert nichts daran, dass dein eigener Bruder..."

„Ich habe keinen Bruder!"

„...dass dein eigener Bruder dabei war und mitgemacht hat", fuhr Shacklebolt unbeirrt fort, „und dass du Mary überhaupt erst in diese Situation gebracht hast!"

Inzwischen hörte ihnen praktisch der gesamte Gemeinschaftsraum zu, überall wurde leise geflüstert und diskutiert. Lily Evans sah mit argwöhnischem Gesichtsausdruck zwischen Sirius und Rex Shacklebolt hin und her.

„Ich?", wiederholte Sirius ungläubig. „Ich war nicht derjenige, der einfach dagestanden und zugesehen hat, wie seine Freundin gefoltert wird!"

„Mary hat mir von deinem Kuss auf Gleis 9¾ erzählt", erklärte Shacklebolt. „Für dich war das nur ein Witz, aber damit hast du die Reinblutfanatiker erst auf sie aufmerksam gemacht."

„Schwachsinn!", fuhr James harsch dazwischen. „MacDonald ist mugglestämmig! Das allein reicht aus, um sie zu einem Ziel zu machen!"

„Dann hätte erst recht niemand Aufmerksamkeit auf sie lenken dürfen", gab Shacklebolt knapp zurück. Sirius zog seinen Zauberstab.

„Du kannst reden, was du willst, Shacklebolt. Am Ende warst du derjenige, der einfach nur daneben gestanden hat. Zieht deinen Zauberstab."

„Ich werde nicht..."

„Ich werde dich jetzt angreifen, Shacklebolt", sagte Sirius gefährlich leise, „und es ist mir scheißegal, ob du wieder einfach nur dastehst oder ob du dich verteidigst. Das Ergebnis ist ohnehin das Gleiche."

„Nein!" Lily Evans war aufgestanden. „Ihr werdet hier nicht kämpfen! Es ist nicht nur verboten, es bringt auch niemandem was. Steckt eure Zauberstäbe wieder weg!"

Sie machte einen Schritt auf Sirius und Shacklebolt zu, aber James packte sie an der Schulter und hielt sie zurück.

„Misch dich da nicht ein, Evans!"

„Potter! Lass mich sofort los!"

James schüttelte den Kopf.

„Ich würde dich nur ungern verhexen, Evans, aber ich tu's, wenn du dich nicht raushältst!"

„Ich will nicht mit dir kämpfen, Black", sagte Shacklebolt. Er hatte noch immer nicht seinen Zauberstab gezogen.

„Ich bin ein Jahr älter als du. Ich war Duellmeister von Beauxbatons. Und du bist gerade erst aus dem Krankenflügel gekommen."

Sirius starrte ihn einen Moment lang ungläubig an, dann fing er an zu lachen. Er war nicht der einzige.

„Weiß der denn nicht, dass Black an Weihnachten gingen Du-weißt-schon-wen persönlich gekämpft hat?", flüsterte jemand.

„Black hat schon in der dritten Klasse gegen drei Slytherins gleichzeitig gewonnen und einer von denen war ein Siebtklässler!"

Wenn Sirius nicht so verdammt wütend gewesen wäre, hätte er die Situation geradezu komisch gefunden.

„Denk, was du willst, Shacklebolt. Bei drei greife ich an. Eins...zwei...DREI!"

Bei zwei hatte Rex Shacklebolt seinen Zauberstab gezogen. Er war gut, daran gab es keinen Zweifel, aber er hatte nie gegen Todesser oder Voldemort gekämpft, er hatte nie einem Werwolf bei Vollmond gegenüber gestanden und er war bis vor kurzem nicht in Hogwarts zur Schule gegangen, wo einen ständig Flüche aus dem Hinterhalt treffen konnten. Er kannte sportliche Duelle, keine Kämpfe auf Leben und Tod.

Am Ende flog Shacklebolts Zauberstab in hohem Bogen durch die Luft, während die Wucht von Sirius' Entwaffnungszauber ihn gegen die Wand warf. Sirius fing den Zauberstab auf und setzte Shacklebolt seinen eigenen an die Kehle. Er hätte alles tun können. Hätte Shacklebolt mit den fiesesten, ekligsten Zaubern belegen können, die ihm einfielen (und das waren eine Menge). Aber er tat es nicht. Denn in einem Punkt hatte Shacklebolt Recht: Es würde nichts mehr ändern.

„Wenn du mal Zeit hast, kannst du mir deinen Pokal vorbeibringen...Duellmeister."

Im Gemeinschaftsraum war es mucksmäuschenstill.

„Wenn du darauf bestehst, kann ich morgen für dich Sätze schreiben, Evans", sagte Sirius spöttisch zu Lily gewandt, als er an ihr vorbeiging. Dann war er an der Treppe und stürmte nach oben in den Schlafsaal. Er warf sich auf sein Himmelbett und zog die Vorhänge hinter sich zu. Dann lag er da und starrte in die Dunkelheit.

War er wirklich Schuld daran, was Mary passiert war? Lily Evans war auch schon öfter angegriffen worden, aber in Gegensatz zu Mary war sie eine sehr gute Duellantin. Glaubte Mary, dass Sirius Schuld war? Hatte sie ihn deshalb im Krankenflügel nicht sehen wollen? Und warum war Regulus dabei gewesen? War er wirklich so naiv zu glauben, dass Sirius wegen seiner Freundschaft mit Mary MacDonald aus dem Grimmauldplatz geflohen war? Oder ging es gar nicht um ihn, Sirius? War das einfach Regulus' Auffassung davon, wie er sich als neuer Erbe der Blacks zu verhalten hatte?

Sirius konnte es nicht glauben. Regulus glaubte zwar den ganzen Reinblutquatsch, aber er war nicht dumm. Er musste erkennen, dass eine Gruppe, die Leute folterte und tötete, nicht richtig sein konnte. Irgendwer musste Regulus beeinflussen. Und wenn Sirius denjenigen fand, würde er dafür bezahlen.


Die Tatsache, dass Regulus dabei geholfen hatte, Mary MacDonald zu verhexen, ließ Sirius keine Ruhe. Deshalb fing er ihn am nächsten Tag nach dem Unterricht ab.

„Was willst du, Blutsverräter?", fragte Regulus kalt. Sie standen in einer Nische hinter einem Wandvorhang, von draußen hörte man dumpf das Gewusel der anderen Schüler.

Das ist das erste Mal, dass er mich Blutsverräter nennt. Sirius wusste, es hätte ihm nichts ausmachen sollen, aber das tat es trotzdem. Nicht, dass Regulus das zu wissen brauchte. Er grinste, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Wand.

„Warum so kühl, kleiner Bruder? Schlechte Laune? Heute noch keinen Mugglestämmigen gefoltert?"

„Ich bin nicht dein Bruder."

Sirius warf in gespielter Verzweiflung die Hände in die Luft.

„Das war ein Scherz, Regulus. Ist es bei den Slytherins etwa verboten, Scherze zu machen? Oder", fügte er bedrohlich hinzu, „gilt es nur als Scherz, wenn am Ende jemand schreit?"

Regulus sah ihn ausdruckslos an.

„Komm endlich zur Sache, Sirius, und hör auf, meine Zeit zu verschwenden."

„Schön." Das Grinsen verschwand von Sirius' Gesicht und seine Miene wurde so ausdruckslos wie die seines Bruders. „Ich will wissen, was du dir dabei gedacht hast, bei diesem Angriff auf MacDonald mitzumachen!"

„Sie ist ein Schlammblut und gehört nicht hierher."

Sirius starrte Regulus ungläubig an.

„Das ist alles? Das ist deine ganze Begründung dafür, ein 15-jähriges Mädchen mit schwarzer Magie gefoltert zu haben?"

Sirius wusste, dass Regulus an die Reinblütigkeit glaubte. Er wusste, dass Leute wie Bellatrix oder Mulciber bereit waren, für die Reinblütigkeit Unschuldige zu foltern und zu töten. Aber er hatte nicht gedacht, dass Regulus bereit war, so weit zu gehen.

Sein Bruder lächelte kalt.

„Hätte ich etwa noch einen Grund gebraucht?"

Sirius atmete einmal tief durch, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Wenn Regulus irgendein anderer Slytherin gewesen wäre, hätte er ihn längst bis zur Unkenntlichkeit verhext. Vermutlich hätte er vor Weihnachten auch Regulus schon längst verhext gehabt. Aber jetzt... Er konnte Regulus nicht an die Todesser verlieren. Es dürfte einfach nicht passieren!

„Regulus, ich weiß, wir haben unterschiedliche Ansichten..."

Der Slytherin ließ ein verächtliches Schnauben hören.

„...aber wenn Leute anfangen, anderen Menschen dafür etwas anzutun, wofür sie nichts können, dann ist das nicht richtig."

Einen Augenblick herrschte Stille bis auf das Fußgetrappel und Stimmengewirr von draußen. Dann meinte Regulus: „Lustig, dass ausgerechnet du das sagst."

Damit hatte Sirius nicht gerechnet.

„Was?"

„Wie oft hast du Leute verhext, nur weil sie in Slytherin sind oder weil du gerade Lust dazu hattest, Sirius? Hm? Wie oft?"

Sirius spürte, wie der Ärger über seinen Bruder langsam die Oberhand gewann.

„Das ist etwas völlig anderes! Das war..."

„Nur Spaß? Komisch, ich habe nie jemanden lachen hören."

Und damit ließ Regulus Sirius stehen.


Mary MacDonald musste drei Wochen im Krankenflügel bleiben. Sirius versuchte noch mehrmals mit ihr zu reden. Er fühlte sich zumindest zum Teil dafür verantwortlich, was ihr passiert war. Aber auch wenn sie ihn nicht mehr anschrie wie beim ersten Mal, blieb sie doch kühl und abweisend und schließlich gab Sirius auf.

Die Stimmung zwischen Gryffindor und Slytherin war aufgeheizter denn je. Fast täglich gab es kleinere Rempeleien und Duelle und fast immer landete mindestens einer der Kontrahenten im Krankenflügel. Und was sich in Hogwarts im Kleinen abspielte, schien in der magischen Gesellschaft im Großen abzulaufen: Marlene McKinnon wurde angegriffen, nachdem sie überraschend von der Abteilung für internationale Zusammenarbeit zu den Auroren wechselte. Ihren Posten übernahm Travers.

„Und wusstet ihr übrigens, dass Macnair im Ausschuss zur Beseitigung gefährlicher Geschöpfe gelandet ist?", fragte James, als er den Artikel im Tagespropheten vorlas. „Und Goyle ist im Koboldverbindungsbüro."

Sirius rümpfte die Nase.

„Der gehört eher ins Trollverbindungsbüro."

„Unsinn, er ist selber ein Troll."

An dieser Stelle brach Peter in Gelächter aus und selbst Remus konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Kurz darauf wurde Mrs. Rosier aus dem Hinterhalt angegriffen, als sie gerade Madame Malkins Anzüge für alle Gelegenheiten verließ. Zur Enttäuschung der Rumtreiber kam sie allerdings mit mehreren ruinierten Umhängen und einem Schrecken davon.

„Unser geheimnisvoller Angreifer lässt nach", stellte James säuerlich fest. „Ich meine, an Weihnachten hat er eine ganze Todesser-Party gesprengt und jetzt übergießt er Leute mit Stinksaft?"

„Vermutlich haben die reinblütigen Familien ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöht", meinte Remus. „Oder es war nur ein Trittbrettfahrer."

„Ein was?", fragten James und Peter wie aus einem Munde. Remus seufzte.

„Jemand, der diesen Angreifer nur imitiert."

„Aaahh..."

Sirius sagte nichts. Er konnte nicht vergessen, was der geheimnisvolle Angreifer in den Weihnachtsferien angerichtet hatte. Er würde niemals Regulus' bleiches Gesicht und das viele Blut vergessen – auch wenn Regulus ihn für einen Verräter hielt.


Am Montag, als Mary MacDonald entlassen wurde, taten Sirius und James etwas, was sie schon sehr lange nicht mehr gemacht hatten: Sie schlichen sich nach Hogsmeade, um Fletcher im Eberkopf zu treffen. Remus und Peter blieben im Schloss, um für die ZAGs zu üben, worüber die beiden anderen Rumtreibern nur ungläubig den Kopf schütteln konnten.

James war noch immer begeistert von dem Mann, der seiner Meinung nach einen Rachefeldzug gegen Voldemort führte. Sirius war skeptischer, aber auch er hätte gern gewusst, wer der Angreifer war, der seinen Bruder schwer verletzt hatte und wegen dem Sirius beinahe in die Hände der Todesser gefallen war. Wenn er daran dachte, dass er den Mann bei Malfoy quasi in seiner Gewalt gehabt hatte...

„Ich bin mal gespannt, ob er da ist", sagte James, als sie den Abhang nach Hogsmeade hinuntergingen. „Ich meine, das letzte Mal, als wir da waren, haben wir nur diesen Werwolf getroffen, Aaron Whiteington."

Sirius nickte.

„Ich wette, er hat Whiteington erkannt und ist so schnell wie möglich abgehauen. Oder er hat Dumbledore Bericht erstattet. Immerhin wusste er, wo wir sind."

Sie stießen die Tür zum Eberkopf auf – und tatsächlich, in einer Ecke, an seiner nach stinkenden Socken riechenden Pfeife rauchend, saß Fletcher. Als er sie sah, machte er ein Gesicht, als sei er sich nicht ganz sicher, ob er sich freue, sie zu sehen, oder lieber Reißaus nehmen sollte.

„Habt euch ja lange nich blicken lassn, Jungs", sagte er, nachdem James den obligatorischen Feuerwhiskey bezahlt hatte. „Hab mich schon gefragt, ob ihr überhaupt noch ma kommt."

James schenkte sich etwas Feuerwhiskey ein.

„Oh, wir waren beschäftigt..."

Wir sind mal eben Animagi geworden, unregistrierte natürlich, ergänzte Sirius im Kopf. An James' Grinsen sah er, dass dieser das Gleiche dachte.

„Wir wollen wissen, was du über diesen Angreifer weißt", sagte Sirius laut. Fletcher kratzte sich am Kopf.

„Naja, über den weiß niemand so richtich was..."

Sirius verdrehte die Augen. Es war immer das gleiche Spiel mit Fletcher.

„Und was reden die Leute?"

„Gehört er zu Dumbledore?", wollte James wissen. Fletcher schüttelte den Kopf.

„Nee. Dumbledore macht sich Sorgen wegen ihm. Hat gesagt, er hat Angst, dass es die Leute zu den Todessern treibt."

„Was?" James starrte Fletcher ungläubig an. „Wie das denn bitte schön?"

„Er meint, dass die Leute wütend werden, wenn Unschuldigen was passiert..."

James schnaubte.

„Wer von denen ist denn bitte schön unschuldig?"

Aber Sirius wusste, was Dumbledore meinte. Doch das sagte er nicht laut.

„Und was reden die Leute jetzt?", wollte er stattdessen ungeduldig wissen. Fletcher schenkte sich Feuerwhiskey nach.

„Hab neulich 'n kleines Spiel mit dem alten Gyp gewagt. Is nich mehr das Gleiche, wisst ihr... Sind nicht mehr die alten Leute..."

Sirius runzelte die Stirn.

„Sind etwa Leute verschwunden?"

Er konnte sich nicht erinnern, in letzter Zeit etwas in der Richtung im Tagespropheten gelesen zu haben.

Fletcher schüttelte den Kopf.

„Nich verschwunden. Aber ein paar von den alten Spielern kommen nich mehr. Der alte Gyp meint, sie ham sich mit Kobolden eingelassen, aber der alte Gyp redet viel..."

„Und was hat das jetzt mit dem Angreifer zu tun?", fragte James ungeduldig. Fletcher warf James einen leicht säuerlichen Blick zu, bevor er sich neuen Feuerwhiskey einschenkte.

„'s heißt, 'n paar arbeiten jetz auf eigene Faust. Wolln 'n paar alte Rechnungen begleichen."

James schüttelte ungläubig den Kopf.

„Und das ist dein großartiges Gerede? Wir lesen auch Zeitungen, weißt du? Wir haben gehört, was Mishepp über Gringotts und die Kobolde gesagt hat."

Fletcher wirkte beleidigt.

„Hab nie gesacht, dass da was Großartiges is, Mann. Ich hab nur gesagt, die Leute reden."

Danach bekamen sie nicht mehr viel aus ihm heraus und schließlich traten Sirius und James den Rückzug an.

„Warum habe ich eigentlich immer das Gefühl, dass ich meine Zeit vergeudet habe, nachdem ich mit Fletcher geredet habe?", fragte James leicht genervt, als sie durch den Geheimgang nach Hogwarts zurückgingen. Sirius zuckte mit den Schultern. Er war sich nicht so sicher, dass sie nur ihre Zeit vergeudet hatten.

„James, vielleicht meinte Fletcher ja...", begann Sirius, als sie den Wandspiegel erreichten, aber James ließ ihn nicht ausreden.

„Verdammt!", fluchte er und winkte Sirius näher heran. Durch einen Spalt zwischen Spiegel und Wand sah Sirius Snape auf dem Gang herumlungern.

„Hast du mitbekommen, dass er uns nachgeschlichen ist?", fragte James. Sirius schüttelte den Kopf.

„Ich dachte, nach den Liebesbriefen hätte er damit aufgehört."

James fluchte noch einmal, dann warf er sich den Tarnumhang über. Sirius und James brauchten sie nicht absprechen. Als Schniefelus ihnen gerade den Rücken zudrehte, schlüpfte James durch den Spalt. Sirius musste nicht lange warten. Schniefelus' Zauberstab flog durch die Luft und dann färbten sich seine Haare grün, sein Umhang verwandelte sich in überdimensionale Fledermausflügel und seine Nase fing an zu wachsen.

„He, Schniefelus, neuer Stil?", spottete James. „Ist echt 'ne Verbesserung!"

Während Snape zu seinem Zauberstab hechtete, schlüpfte Sirius aus dem Geheimgang auf den Flur.

„Suchst du den?", fragte er grinsend und schnappte Snape den Zauberstab vor der Nase weg.

„Du...!" Snape schienen vor Wut die Worte zu fehlen. „Gib mir meinen Zauberstab zurück!"

„Hol ihn dir doch!"

Sirius warf James den Zauberstab zu und Snape versuchte mit einem bizarren Sprung, ihn aus der Luft zu fangen. Die beiden Rumtreiber brachen in schallendes Gelächter aus.

„Was ist hier los? Zaubern auf den Gängen ist verboten!"

Widerwillig wandten sich Sirius und James von Snape ab.

„Und wer bist du?"

Der Ravenclaw-Schüler vor ihnen stemmte empört die Hände in die Hüften.

„Entschuldigt mal, ich bin Vertrauensschüler!"

„Schön für dich." Sirius drehte sich wieder zu ihrem Opfer um. „He, Schniefelus, hier geblieben!"

Doch da war Snape schon um eine Ecke verschwunden. Sirius warf dem Vertrauensschüler einen ärgerlichen Blick zu.

„Na toll, vielen Dank auch, jetzt ist er weg!"

Der Vertrauensschüler lief rot an.

„20 Punkte Abzug für Gryffindor für Zaubern auf den Gängen und Respektlosig..." Er unterbrach sich, als Sirius laut anfing zu lachen. „Was ist daran bitte so komisch?"

Sirius' Lachen wurde zu einem Grinsen. Lässig spielte er mit dem Zauberstab in seiner Hand.

„Sag mal, habe ich dich nicht schon mal verhext?"

Der Gesichtsausdruck des Ravenclaw, eine Mischung aus Sorge und Ärger, war Antwort genug. Sirius' Grinsen wurde breiter.

„Wir können das gerne wiederholen..."

„Warte." James legte eine Hand auf Sirius' Schulter und hielt ihn zurück. „Wie war noch gleich dein Name?", wandte er sich freundlich an den Ravenclaw.

„Bertram Aubrey. Hör mal, Potter, du scheinst ja der vernünftigere von euch beiden zu sein, ich würde vorschlagen, wir belassen es bei dem Punktabzug und jeder geht seiner Wege. Eigentlich müsste ich den Vorfall melden, aber ich bin bereit, darauf zu verzichten, wenn ihr versprecht, heute keinen Ärger mehr zu machen."

„Oh, wie überaus großzügig!", konnte Sirius es sich nicht verkneifen, spöttisch zu bemerken.

„Aubrey, du bist ein schwachsinniger Idiot", sagte James in einem ausgesprochen liebenswürdigem Tonfall. „Wenn dein Kopf noch weiter anschwillt, passt du irgendwann nicht mehr durch die Tür."

Er hielt seinen Zauberstab scheinbar lose zwischen den Fingern, aber Sirius sah, dass er auf Aubrey gerichtet war. Dieser lief noch röter an und plusterte sich vor Empörung auf. Sogar sein Kopf schien anzuschwellen.

„Das war ein nett gemeintes Angebot, Potter! Ihr lasst mir keine andere Wahl, ich muss..."

„Ooooooh, was musst du dann, Aubrey?", spottete Sirius. „Ich zittere ja schon vor Angst!"

Inzwischen hatte er wie James unauffällig den Zauberstab auf den Vertrauensschüler gerichtet.

„Ja, pass lieber auf, dass dein Kopf nicht weiter anschwillt, Aubrey", riet James ihm.

„Noch mal zehn Punkte Abzug für Gryffindor! Ich werde den Vorfall melden..."

„Dann beeil dich lieber, sonst passt dein Kopf wirklich nicht mehr durch die Tür..."

Jetzt schien auch Aubrey zu merken, dass etwas nicht stimmte. Entsetzt fasste er sich an den Kopf, der mittlerweile sichtbar zu groß für seinen Körper war.

„Was...was habt ihr getan?"

Der Horror war deutlich aus seiner Stimme herauszuhören. Erneut brachen Sirius und James in schallendes Gelächter aus. Unglücklicherweise war das der Moment, in dem Filch um die Ecke kam.


Sie kamen mit zweimal Nachsitzen davon. Sirius musste das Silber im Pokalzimmer polieren und James dürfte Bettpfannen im Krankenflügel schrubben. Insbesondere James war jedoch der Meinung, dass sich das Ganze trotzdem gelohnt hatte.

„Wetten, jetzt geht er nicht mehr mit Evans aus?", flüsterte in den Zweiwegespiegel.

„Und sein Gesichtsausdruck!", wisperte Sirius mit einem unterdrückten Lachen zurück, während er Filch aus den Augenwinkeln im Blick behielt. James lachte leise.

„Unbezahlbar! Oh Mist..."

Der Zweiwegespiegel wurde schwarz. Vermutlich kontrollierte Madam Pomfrey gerade, ob James auch wirklich die Bettpfannen putzte. Als James' Gesicht wieder auftauchte, sah er um einiges ernster aus.

„Wir müssen uns um Schniefelus kümmern. Wenn er uns weiter hinterherschleicht..."

James musste den Satz nicht zu Ende führen. Sirius nickte.

„Wir haben es auf die nette Tour versucht." Seine Hand ballte sich zur Faust. „Jetzt ist es Zeit, die Sache ein für alle Mal zu beenden."


Es stellte sich als nicht mehr so leicht wie früher heraus, Snape zu erwischen. Er schien zu ahnen, dass sie etwas planten. Wann immer sie ihn sahen, war er von einer Gruppe Slytherins umgeben. Und obwohl Sirius und James es sich durchaus zutrauten, es mit einer Überzahl aufzunehmen, so wussten sie doch, dass zumindest Rosier und Mulciber sehr gute Duellanten waren. Zusammen mit Avery, Wilkes, Schniefelus selbst und inzwischen Regulus, wie Sirius schmerzlich feststellen musste, standen die Siegeschancen eher auf Seiten der Slytherins.

Einen Tag vor Vollmond riss James in Zaubertränke der Geduldsfaden. Hätte man Sirius gefragt, so hätte er James stets als den netteren von ihnen beiden bezeichnet, aber die gegenseitige Abneigung zwischen James und Schniefelus war eine Klasse für sich. James hatte Glück, dass er zu Slughorns Lieblingsschülern gehörte. Zweimal Nachsitzen musste er trotzdem. Das führte dazu, dass Sirius am Tag vor der Vollmondnacht alleine unterwegs war. Es dauerte ein wenig, aber schließlich fand der Snape vor dem Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Vermutlich hätte es ausgereicht, ihn zu entwaffnen, mit einer Ganzkörperklammer zu belegen und ihn in irgendeiner Nische zurückzulassen, wo man ihn frühestens am nächsten Morgen finden würde; aber Sirius hatte keine Lust mehr auf Spielchen. Die Spioniererei würde ein Ende haben und zwar heute Abend.

„He, Schniefelus!"

Snape fuhr herum, den Zauberstab in der Hand: „ARDE!"

Aber Sirius blockte ab.

„KONJUNKTIVITIS!"

„Daneben, Schniefelus!"

Snapes Lippen bewegten sich nicht, aber plötzlich sauste ein Peitschfluch durch die Luft, dem Sirius gerade noch ausweichen konnte.

„Wieder daneben! Ist das etwa alles, was du kannst?"

Und dann machte er ernst.

„STUPOR! IMPEDIMENTA!"

Der Schockzauber brach Snapes hastig aufgebauten Schildzauber und der Lähmfluch warf ihn zurück und fesselte ihn an den Boden. Grinsend trat Sirius zu ihm und trat ihm den Zauberstab aus der Hand.

„War das etwa alles, was du drauf hast, Schniefelus? Ich habe dir drei Versuche gegeben und du hast es trotzdem nicht geschafft, mich auch nur einmal zu treffen."

Sirius trat näher an den Slytherin heran und stellte einen Fuß auf seine Brust. Snape keuchte, als Sirius ihm seinen Zauberstab an die Kehlte hielt und dabei sein ganzes Gewicht nach vorne verlagerte und ihm die Luft aus den Lungen presste.

„Nenn mir nur einen Grund, Schniefelus", knurrte Sirius, „nur einen Grund, warum ich dich jetzt nicht verhexen sollte! Genau das werde ich nämlich gleich tun. Und ich werde nicht aufhören, bis du nur noch eine schleimige Masse bist und selbst St. Mungo dich nicht mehr zusammenflicken kann!"

Snapes Gesicht verzerrte sich zu einer hässlichen Grimasse.

„Wenn du das tust, Black, dann werfen sie dich von der Schule. Und jeder weiß, dass du enterbt worden bist. Nicht mal die Potters würden dich dann noch nehmen!"

Sirius lächelte kalt.

„Bist du dir da so sicher? Ich könnte vorher natürlich auch noch etwas schwarze Magie an dir ausprobieren. Die magst du doch so, oder Schniefelus? Ich schätze, der Cruciatus-Fluch ist dir ein Begriff..."

Aber die Drohung ließ Snape kalt.

„Gleicher Ausgang, Black. Du fliegst von der Schule."

Sirius' Lächeln wurde breiter.

„Bist du dir da so sicher, Schniefelus? MacDonald ist mit Symptomen von schwarzer Magie und dem Cruciatus-Fluch in den Krankenflügel gekommen und niemand ist von der Schule geflogen."

Snapes Gesichtszüge verzerrten sich verächtlich.

„Das Schlammblut hat überhaupt nicht kapiert, was passiert ist. Sie hat nur geschrien und nach Shacklebolt gerufen...dein Name ist auch mal gefallen – ich glaube, als dein Bruder gerade an der Reihe war."

Für einen Moment schien die Welt um Sirius herum zu verschwinden und er spürte nur noch eine rasende Wut. Sein kleiner Bruder war kein Todesser! Er würde niemals...er konnte nicht...

Als Sirius wieder klar denken konnte, hatte Snape Furunkel im Gesicht und eine blutende Nase und starrte ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Verachtung an.

„Du kannst mich so viel verfluchen, wie du willst, Black, aber das ändert nichts an den Tatsachen! Dein Bruder hat einen unverzeihlichen Folterfluch gegen eine Schlammblüterin benutzt und weißt du was? Es hat ihm Spaß gemacht! Es hat ihm gefallen! Muss ihn wohl an dich erinnert haben, Black..."

Es schüttelte Sirius. Er wusste nicht, ob vor Zorn oder wegen etwas anderem. Für einen Augenblick war er wieder im Arbeitszimmer seines Vaters, einen Zauberstab im Gesicht und jeden Augenblick konnte Orion Black die Worte sagen, jeden Augenblick konnte der furchtbare Schmerz in seinem Körper explodieren, jeden Augenblick... Gewaltsam schüttelte Sirius die Bilder ab und brachte sich in die Gegenwart zurück.

„Du weißt gar nichts, Schniefelus! Du hast keine Ahnung..."

Das war der Augenblick, in dem der Lähmfluch nachließ. Snape sprang auf die Beine und hechtete zu seinem Zauberstab. Sirius stolperte nach hinten, versuchte noch auszuweichen, aber Snapes Stoßfluch warf ihn mit so einer Wucht gegen die Wand, dass er kurz Sterne sah. Er hatte sich noch nicht erholt, als ihn ein Lähmfluch mitten in die Brust traf und an den Boden fesselte. Vor Wut hätte Sirius seinen Kopf am liebsten ein weiteres Mal gegen die Wand geschlagen. Dumm. So dumm! Schniefelus hatte auf Zeit gespielt und Sirius war blind in seine Falle getappt.

Snape stand über ihm, den Zauberstab auf sein Gesicht gerichtet, die Zähne zu einem hässlichen Grinsen gebleckt.

„Nenn mir nur einen Grund, Black, nur einen einzigen, warum ich dich jetzt nicht verhexen sollte!"

Sirius starrte hasserfüllt zurück.

„Tu's doch, Schniefelus! Denn ich kann dir garantieren, dass du so eine Gelegenheit nicht noch einmal bekommst!"

Snape regte sich nicht. Dann ließ er zu Sirius' Überraschung den Zauberstab sinken. Seine Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln.

„Warum sollte ich mir an dir die Hände schmutzig machen, Black?", fragte er mit beinahe sanfter Stimme. „Ich werde dich einfach hier lassen. Und dann gehe ich deinen kranken Freund suchen. Und wenn ich die Wahrheit erst mal weiß, Black, dann sage ich es der ganzen Schule. Und die, die noch Eltern haben", er warf Sirius einen hässlichen Blick zu, „werden ihnen schreiben. Und dann weiß die ganze magische Gesellschaft, dass Remus Lupin ein Monster ist."

Sirius starrte ihn an und versuchte zu begreifen, an welchem Punkt diese Sache so fürchterlich schiefgelaufen war. Snape wusste es. Er kannte Remus' Geheimnis. Er brauchte nur noch Beweise. Aber selbst ohne Beweise würde es Gerüchte geben, die Leute würden misstrauisch werden – und früher und später würde jemand Moonys Geheimnis entdecken. Remus würde das nicht überleben. Auf einen Schlag würde er alles verlieren, was ihm wichtig war: Hogwarts, seine Ausbildung und seine Zukunft. Und es gab nichts, aber auch gar nichts, was Sirius tun konnte.

Dann kam ihm plötzlich eine Idee. Sie war so einfach und dabei so brillant, dass Sirius sich fragte, warum er nicht schon viel früher darauf gekommen war.

„Du willst also wissen, wohin Remus geht?", zischte er. „Soll ich es dir sagen?"

Schniefelus schien einen Augenblick verunsichert, aber dann blitzten seine schwarzen Augen auf und er beugte sich weiter zu Sirius hinunter.

„Kennst du die Peitschende Weide?"

Snape nickte knapp.

„Zwischen ihren Wurzeln ist ein Geheimgang. Drück einfach auf den großen Wurzelknoten, dann erstarrt sie und man kann den Geheimgang betreten. Dann wirst du sehen, wohin Remus jeden Monat geht!"

Snape warf Sirius einen unleserlichen Blick zu. Sirius starrte zurück. Dann drehte sich der Slytherin um und verließ mit hastigen Schritten den Ort des Geschehens. Sirius starrte ihm mit einem verzerrten Grinsen hinterher. Schniefelus glaubte vielleicht, er hätte ihn manipuliert und ausgetrickst; das Lachen würde ihm schon noch vergehen, wenn er erst mal in der Heulenden Hütte stand...

Als der Lähmfluch endlich nachließ, machte sich Sirius eilig auf den Weg in den Gryffindor-Turm, wo er schon von Peter erwartet wurde.

„Wo warst du, Sirius? Ich dachte schon, ich muss allein runtergehen! James ist nicht da und du..." Seine Stimme erstarb, als er Sirius ins Gesicht sah. „Was...was ist passiert? Du...du guckst so komisch..."

Sirius konnte nichts gegen das Grinsen unternehmen, das sich in seine Gesichtszüge gebrannt zu haben schien. Heute Abend würden sich alle Probleme auf einen Schlag lösen. Es lief alles nach Plan...

„Hör auf zu schwatzen, Wurmschwanz, wir treffen James unten in der Eingangshalle."

„Aber James hat den Tarnumhang mitgenommen! Was ist, wenn..."

Sirius' Grinsen wurde breiter.

„Alles kein Problem." Nicht mehr.

„Aber..."

„Jetzt mach schon, Pettigrew!"

Eilig schlichen sie in die Eingangshalle hinunter. Peter zuckte bei jedem kleinsten Geräusch zusammen, aber Sirius war geradezu euphorisch. Heute würde nichts mehr schiefgehen!

James kam zu spät. Sie warteten schon fast zehn Minuten in einer Nische, als er vor ihnen den Tarnumhang herunterzog.

„Slughorn hat mich länger als gestern dabehalten, der Idiot!", zischte er. „Musste mir unbedingt noch eine Predigt halten. Gab's bei euch Probleme? Ist Schniefelus euch hinterhergeschlichen?"

„Ich glaub, ich hab was gehört", quiekte Peter. „Vorhin, im ersten Stock."

„Verdammt!", fluchte James. „Wenn dieser miese Schleimbeutel..."

„Es war nicht Schniefelus", sagte Sirius ruhig.

„Woher willst du das wissen?", gab James beunruhigt zurück. „Wir dachten vorher auch schon, er hätte aufgehört, und dann hat er uns doch noch nachspioniert!"

„Er war es nicht", wiederholte Sirius. Irgendwas an seiner Stimme musste anders klingen als sonst, denn James hielt plötzlich inne.

„Warum bist du dir so sicher, dass es nicht Schniefelus gewesen sein kann?", fragte er langsam. Sirius grinste, sagte aber nichts.

„Sirius!" James hatte ihn an den Schultern gepackt. „Wo ist Snape?"

„Er ist..."

Sirius stockte. Das Grinsen verzerrte sein Gesicht und ließ seine Stimme fremd klingen, aber er konnte nichts dagegen tun. James starrte ihn an. Sirius wollte antworten, aber irgendwas war...nicht wie es sein sollte. James wird es nicht gut finden, was du getan hast. Schwachsinn. Es war ein verdammt guter Plan, es war eine brillante Idee!

„Sirius!" James schüttelte ihn. „Wo ist Snape? Was hast du getan?"

„Er ist..."

Plötzlich überkam Sirius der irrationale Drang zu lachen. Er konnte nichts dagegen tun.

„Er ist auf dem Weg zur Heulenden Hütte. Ich habe ihm verraten, wie er an der Peitschenden Weide vorbeikommt."

James wurde kreidebleich.

„Du hast was getan?", flüsterte er fassungslos. Dann stieß er Sirius von sich.

„Wenn das ein Scherz ist, dann ist es kein guter!"

Sirius schüttelte den Kopf.

„Kein...Scherz", stieß er abgehackt hervor. Noch immer brodelte das Lachen in seiner Brust.

James starrte ihn an.

„Du verdammter Idiot!" Dann packte er Sirius am Umhang und zog ihn nahe zu sich heran. „Hör mir gut zu, Black! Du läufst jetzt auf der Stelle zu Dumbledore und sagst ihm, was du getan hast, verstanden?"

Sirius nickte mechanisch. James stieß ihn zurück, wirbelte herum und rannte auf das Eingangstor zu.

„Und was soll ich tun?", kam es panisch von Peter.

„Mir doch egal!", brüllte James zurück, ohne sich umzudrehen. „Hol Madam Pomfrey! Oder..."

Was Peter sonst noch tun konnte, erfuhr Sirius nicht, denn, ohne dass er es gemerkt hatte, hatten sich seine Beine in Bewegung gesetzt. Er sprang die Treppe förmlich hinauf, rannte einen Korridor hinunter, schoss um eine Ecke, sprang die nächste Treppe hinauf. Sein Körper fühlte sich seltsam taub an. Es war ein bisschen, als sehe er sich selber von außen zu.

Der Wasserspeier vor Dumbledores Büro sprang anstandslos zur Seite, als Sirius das Passwort sagte, das er noch von seiner letzten Unterredung mit dem Schulleiter wusste. Sirius stürmte die sich drehende Wendeltreppe hinauf und stand plötzlich mitten in dem runden Raum mit den vielen geheimnisvollen Instrumenten, den alten Büchern, den Portraits und dem Phönix. Dumbledore war bei seinem plötzlichen Eintreten aufgesprungen. Ein Blick in Sirius' Gesicht und seine überraschte Miene nahm einen sehr ernsten Ausdruck an.

„Was ist passiert, Mr. Black?"

„Ich...ich habe..."

Dumbledore eilte um seinen Schreibtisch herum und fasste Sirius an den Schultern wie James wenige Minuten zuvor.

„Was ist geschehen?", wiederholte er mit eindringlicher Stimme.

„Ich..."

Die hellblauen Augen hinter den halbmondförmigen Brillengläsern waren hypnotisch.

„Ich habe Snape gesagt, wie er an der Peitschenden Weide vorbei zur Heulenden Hütte kommt", brach es aus Sirius hervor. „Er befindet sich jetzt wahrscheinlich gerade im Geheimgang. James versucht, ihn zu retten. Peter holt Madam Pomfrey."

Dumbledore ließ Sirius' Schultern los.

„Warten Sie hier!"

Mit diesen Worten verließ er sein Büro. Sirius blieb einen Augenblick lang wie betäubt stehen, dann sank er auf dem Stuhl vor Dumbledores Schreibtisch zusammen. Die Portraits um ihn herum flüsterten und zischten, aber Sirius nahm es nicht wahr. Was hatte er getan?


Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als Dumbledore mit Prof. McGonagall zurückkehrte. Sie sagte nichts, aber ihr Mund war so schmal, wie Sirius es noch nie gesehen hatte. Ein langes Schweigen trat ein. Dann sagte Dumbledore: „Bitte erklären Sie mir, warum Sie das getan haben."

Sirius konnte ihm nicht in die Augen sehen. Stattdessen starrte er seine Hände an, die ineinander verknotet in seinem Schoß lagen.

„Ich..."

Sirius wusste nicht, was er sagen sollte. Es schien zu dem Zeitpunkt eine gute Idee zu sein? Er konnte sich kaum noch daran erinnern, warum ihm dieser Plan vor kurzer Zeit noch so brillant vorgekommen war.

Dumbledore wartete geduldig. Als keine Antwort kam, fragte er: „Hat Mr. Snape Sie bedroht?"

Sirius schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Nein, Sir."

Seine Stimme klang dünn und hohl. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass sie sich jemals so angehört hatte.

„Sind sie gezwungen worden?"

Mit jeder Frage fühlte Sirius sich elender.

„Nein, Sir."

„Sie haben Snape also aus freiem Antrieb und in vollem Bewusstsein, dass es seinen Tod bedeuten könnte, in die Heulende Hütte geschickt, Black?", fragte Prof. McGonagall schneidend. Sirius sank noch etwas mehr in sich zusammen.

„Ja, Professor."

Daraufhin herrschte Schweigen. Prof. McGonagall schien nicht mit dieser Antwort gerechnet zu haben, jedenfalls nicht so.

„Ich verstehe", sagte sie schließlich mit eisiger Stimme.

„Geht es...geht es ihm gut...?"

Sirius musste seinen ganzen Mut zusammenkratzen, um die Frage zu stellen.

„Mr. Potter und Mr. Snape sind beide wohlauf", antwortete Dumbledore. „Mr. Black...

Es fehlte nicht viel und Sirius wäre bei dieser direkten Ansprache zusammengezuckt.

„...haben Sie eigentlich schon darüber nachgedacht, was Sie Mr. Lupin angetan hätten, wenn er Mr. Snape verletzt hätte?"

Zum ersten Mal, seit Dumbledore und McGonagall den Raum betreten hatten, hob Sirius den Kopf. Er starrte den Schulleiter entsetzt an. Denn er hatte den ganzen Abend über nicht einen Gedanken an Remus verschwendet. Nicht einen einzigen. Er hatte an Snape gedacht. An James. An sich selbst. Aber nicht an Remus.

„Nein, Sir."

Dumbledore sagte nicht ein Wort, aber sein Schweigen war Antwort genug. Sirius sackte wieder in sich zusammen. Sie würden ihn von der Schule werfen. Die Potters würden ihn nicht mehr wollen. Seine Eltern hatten ihn enterbt. Er hatte niemanden, zu dem er gehen konnte. Und es war ganz allein seine Schuld.

„Gryffindor verliert sämtliche Punkte", sagte Dumbledore in das Schweigen hinein. „Sie werden aus dem Quidditch-Team ausgeschlossen, Mr. Black. Und sie werden bis zu den Sommerferien nachsitzen."

Es dauerte einen Augenblick, bis Sirius erfasste, was der Schulleiter gerade gesagt hatte.

„Sie werfen mich nicht raus?"

Dumbledore sah ihn ernst an.

„Noch nicht, Mr. Black. Aber ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie auf Bewährung sind. Wenn Sie sich auch nur den kleinsten Fehltritt erlauben, habe ich keine andere Wahl, als sie von der Schule zu verweisen. Haben Sie das verstanden?"

Sirius nickte.

„Ja, Sir."

„Dann dürfen Sie jetzt gehen, Mr. Black."


Als Sirius aus Dumbledores Büro kam, warteten draußen auf dem Flur James und Peter. Peter sog scharf die Luft ein, als er Sirius sah, aber James schien ihn überhaupt nicht wahrzunehmen. Sirius wagte es nicht, ihn anzusprechen. Stattdessen ging er zum Gryffindor-Turm zurück. Im Gemeinschaftsraum herrschte noch rege Stimmung. Jemand aus dem Quidditch-Team rief ihm etwas zu, aber Sirius nahm nichts und niemanden um sich herum wahr. Mechanisch stieg er die Treppe zum Schlafsaal hinauf und setzte sich auf sein Bett. Dann wartete er.

Etwa 20 Minuten später tauchten James und Peter auf. Als sie hereinkamen, sprang Sirius auf.

„James, ich... Es...es tut mir leid, ich wollte nicht..."

Selbst in seinen eigenen Ohren klang sein Gestammel absolut erbärmlich. James sagte kein Wort. Er baute sich vor Sirius auf und musterte ihn von oben bis unten, als sehe er ihn zum ersten Mal. Dann holte er aus und schlug Sirius mit aller Kraft ins Gesicht. Seine Lippen platzten auf und Blut lief sein Kinn herab, aber Sirius machte keinen Versuch, sich zu wehren. Er hatte nichts anderes verdient.