Alle Rechte usw. gehören wem auch immer JKR sie verkauft hat...



Kapitel 11

Er starrte nun schon seit Minuten auf die Tür und konnte sich nicht dazu bewegen zu klopfen.

Er war morgens im Lager aufgebrochen und hatte im Grimmauld Place mit Dumbledore gesprochen. Es war schwierig gewesen, über sein Leben zu sprechen und was ihn bewegte. Der Schulleiter hatte verstanden, dass er nur militärische Informationen erhalten würde. Nichts zu den Werwölfen selber. Dumbledore zeigte kaum eine Gemütsregung bei dem Gespräch, aber Remus hatte das Gefühl, dass er beunruhigt war.

Danach war er bei den Weasleys zum Weihnachtsessen gewesen. Die Kinder hatten das Haus mit Lachen gefüllt. Er hatte sich Willkommen gefühlt, zivilisiert, menschlich. Wann war er das letzte Mal in einem Haus gewesen?

Dann hatte er eine Unterhaltung zwischen den Zwillingen und Ron gehört. Die Zwillinge hatten sich darüber unterhalten, wer die schärfsten Beine hatte und dabei war Tonks ins Spiel gekommen. Er hatte Lächeln müssen als Fred sagte „Beine bis zum Himmel – und wenn sie diesen roten Minirock an hat!" Und dann hatte Ron sachlich gesagt „Ja, aber seit sie nicht mehr morphen kann ist der Rest von ihr doch echt öde – mit den braunen Haaren und so….!" Die Zwillinge hatten angefangen Ron mit seiner Vorliebe für Blondinen mit Oberweiten auf zu ziehen, aber er hatte schon gar nicht mehr richtig zugehört.

Nicht mehr morphen? Was sollte das heißen? War sie krank?

Harry hatte ihn über den Patronuszauber ausgefragt. Ihr Patronus hatte eine neue Form? Er begann sich ernsthaft Sorgen zu machen. Er musste wissen, was los war!

Er hatte Arthur nach ihrer Adresse gefragt. Man hatte sie in Hogsmead einquartiert, wegen ihres Auftrags über die Schule zu wachen. Arthur hatte ihm die Adresse genannt und ihm dann stumm auf den Rücken geklopft.

Nun stand er hier. Starrte auf die verdammte Tür und konnte sich nicht bewegen. Er wusste nicht, ob das alles nicht ein Fehler war. Würde er die Dinge verschlimmern? Er wollte sie sehen! Er sehnte sich seit Monaten nach ihr.

Ihr Geruch hing im Flur. Er gab sich einen Ruck, trat auf die Tür zu und klopfte. Seine Hände waren feucht und er hörte sein Blut in den Ohren Rauschen.

Die Tür ging auf. Ihr Geruch traf ihn mit voller Wucht. Sie sah…entsetzlich aus. Die braunen Haare hatte sie zurück gebunden. Ringe lagen unter ihren Augen. Sie hatte ein unförmiges T-Shirt an und eine graue Jogginghose. Sie sah aus, als würde sie sich von einer schweren Grippe erholen.

Trotzdem begann sein Herz zu rasen. Freude begann sich in ihm auszubreiten. Sehnsucht sie im Arm zu halten, sie zu küssen... Er hatte nicht mit dem Chaos an Gefühlen gerechnet. Er hatte gedacht, ein halbes Jahr hätte gereicht, um seine Gefühle einzudämmen.

Sie bewegte sich nicht. Starrte ihn ausdruckslos an. Ja, er sollte wirklich etwas sagen. „Äh, Frohe Weihnachten!" Sie blinzelte. Blickte ihn immer noch stumm an. Er spürte wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Er sollte gehen.

Jetzt! Dreh dich um und geh einfach!

„Frohe Weihnachten!" Sie trat zurück und öffnete die Tür für ihn. Wie in einem Traum schritt er in den Raum. In einem Traum, in dem man genau wusste, man sollte eigentlich weg rennen, aber man ging trotzdem weiter, genau dahin wo das Grauen lauerte.

Nun gut, das Grauen war etwas übertreiben. Er musste sich zusammen reißen.

Sie lebte in einem Ein-Zimmer-Appartment: eine Küchenzeile, ein Bettsofa, ein Couchtisch, ein Sessel. Ein paar Habseligkeiten von ihr waren verteilt, Klamotten lagen auf dem Boden verstreut.

Er drehte sich zu ihr. Sie lehnte am Sofa. „Ich war beim Weihnachtsessen von Molly. Ich….wie geht es dir?" Er konnte ihr nicht verdenken, dass sie ihn vollkommen verwirrt anstarrte. Was sollte das gewesen sein? Eine Erklärung? Höfliche Konversation?

Ihre Antwort klang kalt. "Gut!" Er zog seine Augenbrauen skeptisch nach oben und musterte sie. Auf den zweiten Blick sah sie sogar noch besorgniserregender aus. Die Ringe unter ihren Augen sahen aus, als wären sie dort schon seit längerem. Ihre Augen waren glanzlos. Tonks ganzes vibrierendes Leben, das ihr aus allen Poren gestrahlt hatte, war verschwunden. Sein Blick blieb an ihrem Haar hängen. „Was ist mit deinen Haaren?"

Gereizt antwortet sie in einem Tonfall der klar machte, dass sie diese Frage schon öfter beantwortet hatte als ihr lieb war. „Ich wollte einmal den natürlichen Look ausprobieren!"

Natürlicher Look? Sein Blick glitt an ihrem linken Arm entlang. Mit einem Schritt stand er neben ihr, fasste nach ihrem Handgelenk und riss ihren Arm nach oben. „So, natürlich, dass du sogar deine Narben zeigst?" Er starrte in ihre Augen, forderte sie zu einer Antwort heraus.

Sie riss sich los. Brachte Platz zwischen sie. Seine Hand prickelte immer noch von der Berührung. Vor seinem inneren Auge, sah er eine andere Situation. Sie hatte sich nicht losgerissen, er zog sie an sich und…

„Kann man nicht stolz sein, auf seine Kriegsnarben? Und was interessiert es dich überhaupt, wie ich aussehe?" Wütend blitzte sie ihn an.

„Ron hat erwähnt, dass du Probleme mit dem Morphen hast und Harry hat mir von deinem Patronus erzählt….Das klingt nicht danach als würde es dir gut gehen."

Er glaubt, er sah Tränen in ihren Augen, bevor sie sie schloss und mit verbissenem Gesichtsausdruck längere Zeit nur so da stand. Sie versuchte ihre Gefühle in den Griff zu bekommen.

Er konnte sie schon fast in seinen Armen spüren, so sehr sehnte er sich danach die paar Schritte zu machen und sie nie wieder los zu lassen. Aber sie würde ihn sicher ins nächste Jahrhundert hexen, so wütend wie sie war.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah er Resignation darin und müde fragte sie ihn. „Was willst du hören, Remus?" Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er wusste nicht was er sagen sollte. Seine Emotionen liefen Amok in seinem Körper. Sein Gehirn hatte sich scheinbar kurzerhand aus der Diskussion ausgeklinkt.

„Nymph…ich…" Er holte tief Atem und begann noch einmal. „Es ist doch nicht so, als ob es mir egal ist, wie es dir geht! Wenn es dir nicht gut geht…"…zerreißt es mir das Herz….Verzweiflung überrollte ihn. Er konnte das hier nicht. Er konnte es nicht besser machen. Ihm fehlten die Worte, die Möglichkeiten. Ihre Augen blitzten nun wütend auf.

„Was würdest du denn tun, wenn ich dir erzähle, dass mein Patronus nun ein Wolf ist? Was würdest du denn tun, wenn ich dir sage, dass die Ärzte sagen, dass seelischer Stress zu meinem Problem geführt hat? Seelischer Stress, weil ich binnen weniger Tage meine beiden besten Freunde verloren habe! Was würdest du tun, Remus?"

Jedes Wort traf ihn. Und er konnte sehen, dass es ihr bewusst war. Ihre Stimme klang nun bitter. „Was, Remus? Würdest du dann etwas für mich empfinden? Würdest du dein Leben ändern? Würdest du dann leben wollen?"

Oh Gott, er hatte ihr das angetan. Er hatte diese Bitterkeit in ihre Stimme gebracht, hatte ihr das Vibrieren genommen. Er spürte wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.

Sie lachte trocken auf. „Keine Antwort? Ist auch egal! Du wirst dein Leben weiter leben und dir einreden, dass es zum Besten ist! Frag` also nicht, wie es mir geht, wenn du die verdammte Antwort nicht ertragen kannst!"

Sie sackte ein wenig in sich zusammen. Alle Kraft hatte sie verlassen. Während er sie blicklos anstarrte, versuchte er zu verarbeiten, was er gehört hatte. Er spürte, wie die Mauer, die er die letzten Monate um sich auf gebaut hatte einen Riß bekam. Er spürte Tränen aufsteigen.

Nicht jetzt, nicht hier…

„Nymph…" weiter kam er nicht. Tränen rannen ihm nun die Wangen entlang. Verdammt, wie erbärmlich! All die Erniedrigungen der letzten Monate, alle aufgestauten Gefühle, alle Sehnsüchte brodelten in ihm.

Er wusste nicht, was er sagen wollte, als er den Mund öffnete, aber dann brach alles auf einmal hervor. „Ich weiß nicht mehr, was richtig ist. Ich kann das nicht mehr! Ich lebe mit den anderen Wölfen und sehe jeden Tag das Elend, dass sie dorthin getrieben hat. Die einzige Möglichkeit, die viele haben ist es diesem vollkommen verrückten Psychopathen zu folgen. Und ich kann es verstehen! Ich …ich weiß, dass dein Leben ohne mich besser ist. Du weißt nicht, was es heißt so zu leben wie ich. Ich kann dir das nicht antun! Und….und dann sehe ich dich und vielleicht ist es nicht richtig, was ich tue…Ich…"

Er rutschte am Rücken des Sofas entlang auf den Boden, zog die Knie an und vergrub sein Gesicht in den Händen. Einatmen, ausatmen… Nervenzusammenbrüche? Gott, der Tag war einer der schlimmsten in seinem Leben! Und das sollte was heißen!

Er spürte wie sie sich neben ihn hockte. Ihre Schulter berührte seine. So gut, so beruhigend. Etwas Festes in dem Chaos. Er konnte sich auf die Wärme konzentrieren und alles andere vergessen.

Sie riss ihn mit leiser Stimme aus seinen Gedanken. „Gott, Remus, was ist denn passiert? Du bist ja…" Er ließ die Hände sinken und lachte trocken auf. „Ein Wrack?"

Sie antwortete nicht, aber er spürte, wie sie ihr Gewicht verlagerte, so dass er nun auch ihren Arm an seiner Seite spüren konnte. Sie versuchte ihm das Gefühl zu geben, sie sei da, unbewusst.

„Wir leben im Wald oder in Höhlen und U-Bahn-Schächten. Alle paar Tage wird das Lager verlegt. Wir haben gerade genug zu essen und …. Aber das schlimme ist, dass nur wenige überhaupt eine andere Wahl haben. Gott, Nymph, ich bin so privilegiert! Ich habe eine Ausbildung und kann damit meinen Lebensunterhalt bei den Muggeln verdienen. Aber es gibt so viele die nichts haben – nichts!"

Vor seinen Augen sah er Carlos, wie er ihm seine Geschichte erzählte. „Männer, die sich ihren eigenen Kindern nicht nähern dürfen und heimlich an sie heranschleichen müssen, um zu sehen, wie sie heran wachsen. Die Mütter würden sofort die Auroren rufen, aus Angst, die Kinder würden vom eigenen Vater gebissen werden. Die eigenen Kinder, Nymph! Das würde keiner tun! Keiner!"

Seine Augen brannten. Mit der Hand rieb er sie. Dabei rieb er seinen Arm an ihrem entlang. Fast wie ein Streicheln.

„Eines der Mädchen hat eine halbseitige Gesichtslähmung!" Er sah Caitlin vor sich. Das fröhliche Mädchen, das sich ihre Laune durch nichts verderben ließ. „Ihr Vater konnte sie nicht schnell genug rauswerfen, deshalb hat er sie die Treppe hinunter geprügelt. Sie war fünf!" Er wollte nicht, dass sie seine Tränen sah. Er vergrub sein Gesicht wieder in den Händen.

Er spürte ihre Arme um sich herum. Es verwirrte ihn. So viele Gefühle brachen über ihn herein. Er war verzweifelt, wütend, traurig, glücklich, geborgen….am Ende tat er gar nichts, ließ sich von ihr halten, während sie ihm beruhigend über den Rücken strich.

„Remus, es geht nicht um die Wölfe! Es geht um Voldemort! Wir müssen ihn aufhalten, erst dann können wir etwas für die Werwölfe tun."

Grob machte er sich von ihr los. Auch sie interessierte sich einen feuchten Dreck um die Situation der Werwölfe. Warum hatte er gedacht, sie sei anders? Er funkelte sie wütend an.

„Remus, versteh mich nicht falsch! Ich weiß, wie schlecht die Bedingungen sind. ICH kann niemanden verstehen, der denkt, dass ein Vater seine eigenen Kinder beißen würde oder welcher Vater seine Tochter so misshandeln würde. Ich verstehe das nicht und ich verstehe, dass es an dir nagt. Aber, Remus, du musst auf unserer Seite bleiben! Wir brauchen dich!"

Sie hatte ihre Hand auf seine Schulter gelegt. „Welche Seite, Tonks? Wie kann ich auf einer anderen Seite als der, der Wölfe stehen?"

Er sah, wie sie zusammen zuckte als er sie Tonks nannte. Warum hatte er das gemacht? Er hatte sie immer Nymph genannt. Er war der einzige, der das tat. Sie war seine kleine Nymphe – fröhlich und begabt und hübsch. Er wollte ihr nicht mehr wehtun als er es schon getan hatte.

Ihre Hand glitt von seiner Schulter über den Nacken zur anderen Schulter, dabei kam sie ihm näher, legte ihm die Stirn an die Schläfe. „Die Frage ist nicht, ob du auf der Seite der Wölfe stehst. Die Frage lautet, wie soll der Kampf für die Rechte der Wölfe aussehen, den du unterstützt? Sollen die Wölfe das Bauernopfer in Voldemorts Spiel sein oder sollen sie für uns und ihre Rehabilitierung kämpfen? Remus, wir stehen auf deiner Seite!"

Sie hatte Recht und auch nicht. Natürlich war ihm bewusst, das Voldemort die Wölfe egal waren. Er nutzte ihre Instinkte zu seinem Vorteil und sobald er seine Macht gefestigt hatte, war kein Platz mehr für niedere Kreaturen, wie die Werwölfe. Vielleicht würde er sie weiterhin als eine Art Bluthund nutzen. Aber auch nicht alle aus dem Orden waren auf seiner Seite. Viele hatten ihm gegenüber Bedenken und manche auch Verachtung geäußert. Ganz zu schweigen vom Rest der Gesellschaft.

Er hatte sich schon einmal für die vermeintlich richtige, „gute" Seite entschieden. Er wusste nicht, was es ihm gebracht hatte. Wäre er besser bei den Wölfen aufgehoben gewesen? Ein Hämmern breitete sich von seinen Schläfen aus.

Er spürte ihre Hand an seiner Wange. Sie drückte seinen Kopf nach oben, so dass er sie ansehen musste. „Bleib heute Nacht hier. Du kannst auf dem Boden schlafen oder so was. Aber geh heute nicht. Ich möchte nicht dass du so durcheinander gehst. Bitte, Remus!"

Ihre braunen Augen hatten goldene Sprenkel. Und sie hatten diesen weichen, flehenden Ausdruck. Er wusste er sollte nicht bleiben. Es war für ihn gefährlich. Sollte ihn jemand entdecken, würde alles auffliegen.

Und er sollte auf keinen Fall bei ihr bleiben. All die bekannten Gründe schlugen auf ihn ein. Aber das letzte halbe Jahr hatte an seinem Inneren genagt. Sie bot ihm einen warmen Platz, Tee und ihre Freundschaft. Wärme, Geborgenheit. Einen Teil seines alten Lebens.

Er nickte langsam. Sie grinste ihn schräg an. „Gut, dann lass uns eine Tasse Tee trinken. Ich habe sicher auch noch irgendwo Schokomuffins oder Donuts."