Die Hölle in dir

Kapitel 11

~sss~

„Warum hast du Angst vor mir?" Sam sprach so leise, dass der Wind die Worte fast mit sich fort nahm - aber eben nur fast und Dean hatte sie sehr wohl gehört. Sam beobachtete aufmerksam das leicht abgewandte Profil seines Bruders und sah, dass jeder Muskel in Dean angespannt war. Er schien die Zähne so fest zusammenzubeißen, dass Sam fast erwartete, gleich ein lautes Knacken zu hören.

Lange Minuten vergingen und der Jüngere wusste, er würde wieder nur Schweigen erhalten; aber genug war genug und dieses Mal war er keineswegs bereit, zurückzuweichen.

„Bitte rede mit mir, Dean – bitte … und erzähl' mir nicht, es sei alles okay. Wenn du mich manchmal ansiehst, als wenn ich der Leibhaftige persönlich wäre – das macht mich fertig und - … uns beide kaputt. Himmel noch mal, ich habe dich doch gerade erst wieder." Sam kämpfte hörbar mit sich selbst und seinen für ihn im Moment eindeutig unpassenden Emotionen.

Er hatte die letzten Monate gut gelernt, sie zu unterdrücken, aber es gab Momente wie diesen, da war sein Kampf um Selbstbeherrschung aussichtslos. Er wollte den ‚alten' Dean wieder, den, der mit ihm böse Späße trieb, der sarkastisch und mit viel Witz den finsteren Alltag meisterte und der für seinen kleinen Bruder da war, ihm vertraute. Sam wollte so vieles sagen, so viele Dinge von seinem Herzen reden, die er fest darin eingeschlossen hatte.

Tief Luft holend begann er, denn wie konnte er Dean zum Reden bewegen wollen, wenn er es selbst nicht tat?

„Ich habe zwei Mal ein Leben ohne dich führen müssen, ohne die Gewissheit, dich jederzeit anrufen zu können und zu wissen, dass du immer da bist, immer an meiner Seite …", traurig sah Sam auf das vom Wind aufgewühlte Wasser hinaus; seine Gesichtszüge für einen kleinen, unbeachteten Moment ein Spiegel seiner Seele.

Die Gedanken in seinem Kopf glichen den aufbrausenden Wellen vor ihm, ein Durcheinander aus Erinnerungen an Zeiten, in denen er innerlich fast tot gewesen war. Sich räuspernd fuhr er fort, auch wenn er Angst hatte, dass ihm seine Stimme jeden Moment den Dienst versagen würde: „Dich mit meiner Besserwisserei zu nerven oder dir einfach aus Prinzip auf den Geist zu gehen - ich war alleine und ich weiß, das ist egoistisch, aber ich kann das nicht mehr - will das nie wieder." Nach einer kurzen Pause dann: „Und … ich will keine Lügen mehr zwischen uns." Beschämt über seine eigene Schwäche, ließ Sam den Kopf hängen, seine Einsamkeit war nichts im Vergleich zu dem Martyrium des anderen, dass wusste er, und dennoch war es seine eigene Hölle auf Erden gewesen.

Langsam, aber entschlossen, drehte sich Dean zu dem Jüngeren, sah ihm zum ersten Mal seit Tagen wieder freiwillig tief in die Augen. Er suchte dort nach Antworten und bat gleichzeitig mit seinem eigenen Blick wortlos um Verständnis.

„Du hast recht, Sammy, ich hätte dich nicht anlügen sollen, damals wie heute, auch wenn ich immer wieder so handeln würde - ...", stockend fuhr Dean fort: „Ich - ich erinnere mich an all das, was passiert ist mit mir, dort unten - an alles …", nicht wirklich erleichtert darüber, es endlich über die Lippen gebracht zu haben, saß Dean mit aufgeregt pochendem Herzen da, samt dem Widerwillen in sich, überhaupt nur den Gedanken an diese Jahre zuzulassen. Dem forschenden Blick seines Bruders standhaltend, wartete er - wartete auf die Frage, die nun unzweifelhaft folgen würden.

Und sie kam: „Erzähl mir davon."

„Nein." Dean würgte Sams Kommentar einfach ab, der dem Jüngeren schon auf den Lippen lag. Es war schwer genug, die Kontrolle über sich zu behalten und wenn Sam jetzt etwas Falsches sagte, war Dean sich nicht sicher, ob er es weiterhin schaffen würde, sich zusammen zu reißen: „Ich möchte nicht mehr lügen, aber ich will und werde nicht darüber reden!"

„Dean, du kannst das nicht alles allein mit dir herumtragen. Lass mich dir helfen."

Eine einfache Bitte, die der Ältere nur zu gerne erfüllt hätte, aber die Dinge waren nun mal nicht einfach - wann waren sie das je gewesen für einen Winchester?

„Denkst du wirklich, dass ein bisschen Erzählen und gemeinsam versuchen, damit klar zu kommen, irgendetwas ändert - Hm? Dass mich das irgendwie von allem heilt? - Ich spreche hier nicht von einem schlechten Tag!"

„Ich weiß das - ...", hilflose Worte des Jüngeren, unfähig, andere zu finden, während doch alles in ihm noch verzweifelt zu verarbeiten versuchte, dass Dean sich an alles erinnerte, vier unvorstellbar grausame Monate. Wie viele der Dämonen, die sie zurück geschickt hatten, hatten wohl ihren Rachedurst an seinem Bruder gestillt? Vor Sams innerem Auge blitzten erschreckend reale, metallische Klingen auf, spitze Haken und das tief dunkle Rot von Blut auf zerrissenem Fleisch. Der Jüngere wusste, dass es schlimm werden würde und das wohl einiges bei Dean wiederkommen würde – einiges eben, aber nicht alles.

„Die Dinge, die ich sah, dafür gibt es keine Worte … kein Vergessen und es gibt nichts, was es besser machen würde …", nur mühsam sich selber im Griff, tippte Dean sich leicht mit den Fingern an die Stirn und sah Sam in die Augen; mit einem Blick, der alles und doch nichts erzählte, einem Blick, aus dem blankes Entsetzen sprach und in dem die Erinnerung an Schmerz lag. „Es ist alles hier, hier drin in meinem Kopf - für immer - … du würdest es nicht verstehen und ich könnte es dir niemals verständlich machen."

Und da war sie wieder: Diese unüberwindbare Barriere zwischen ihnen, eine schwarze Schlucht, so tief, dass sie in den Feuern der Hölle endete. Dean mochte der ewigen Finsternis entkommen sein, war aber dennoch nie wirklich frei und schien auf ewig ihr Gefangener.

„Es tut mir leid, Sam." Das Gesicht wieder halb abgewandt, rang der Ältere sichtlich um Fassung. Seine Verzweiflung war greifbar, hüllte beide Männer ein - in einen erdrückenden Nebel aus düsteren Bruchstücken der Vergangenheit.

Sam saß wie versteinert da, unfähig zu helfen und unfähig zu begreifen, auch wenn er es geahnt hatte und Deans Offenbarung nichts vollkommen Unerwartetes war. Was sagte man schon Tröstendes zu einem Menschen, der im Gefangenenlager der Hölle seine Zeit verbracht hatte?

Wie schon die Tage zuvor pulsierte in Sams Kopf ein stetiger Schmerz, der schnell an Intensität zunahm, je mehr er versuchte, ihn zu unterdrücken. Seine Hand fuhr zu seiner Hosentasche, als er bemerkte, dass es dieses Mal keine chemische Rettung für ihn - in Form von Tabletten - gab, denn diese lagen oben in der Hütte.

Verdammt', aber auf keinen Fall würde er jetzt gehen, denn die eigentliche Antwort auf seine Frage hatte er nicht erhalten und Dean würde er nicht so zurück lassen - nie mehr …

Jeder Gedanke über das Geständnis eben, die Tatsache, dass Dean nicht redete - ganz ohne Zweifel, um Sam zu schützen - und vor allem die Gewissheit, dass diese lange Zeit der Qual einen Menschen - eine Seele - zerstören konnten, pulsierte mit jedem Schlag seines Herzens glühender in seinem Schädel und ließ ihn die Stirn in Falten legen.

Unfähig, ein bestimmtes Wort aus seinen Gedanken zu verbannen, blitzte es immer wieder hämisch in seinem Kopf auf. Ein Wort, das früher kaum eine Bedeutung hatte, denn es war nur ein Name, für einen so unvorstellbaren Ort - einen Ort für Dämonen und finstere Seelen, denen nichts anderes zustand als ewige Verdammnis. Aber die Dinge hatten sich unzweifelhaft geändert: Das erneute Begreifen, dass eben nicht nur das Böse dort zu finden war, ließ ihn Schaudern. Sein Verstand kreierte furchtbare Szenen von seinem Vater und Dean. Bilder, die er seit der Rückkehr an dessen Grab nicht mehr ‚gesehen' hatte.

Hölle.

Tod.

Immer wieder.

Babum.

Ein schmerzendes Echo in seinem Kopf.

Hölle …

Dean stupste den Jüngeren sanft mit dem Knie an. „Alles okay Sammy?"

„Himmel, Dean, du fragst mich, ob alles okay ist?" Überwältigt von dem Gefühlschaos in ihm, sah Sam mit tränenverschleiertem Blick auf, unfähig, ein weiteres Wort zu sagen.

„Sam, hör auf, dir darüber den Kopf zu zerbrechen, es gibt Dinge, die kann man nicht mehr ändern. Ich komme damit klar, oder werde es irgendwann. Wir beide werden das."

Dean stand langsam auf, streckte seine müden Glieder und sah hinunter auf die zusammengesunkene Gestalt, die, eingewickelt in seine Jacke, den Kopf hängen ließ.

„Kommst du mit?", fragte der Ältere leise.

Stille.

Bis Sam ebenso leise erwiderte: „Geh schon vor, okay? Ich komme gleich nach … gib' mir noch ne Minute."

Mit einem sorgenvollen Nicken wandte der Ältere sich ab und drückte dabei sanft Sams Schulter. Dean spürte das schmerzhafte Zusammenzucken mehr, als er es sah; schon halb dabei, loszugehen, hielt er noch einmal kurz inne: „Du solltest dich etwas hinlegen, Sam, dein Kopf hat ganz schön was abbekommen und so wie ich es sehe, hast du die Tabletten diesmal nicht rechtzeitig genommen."

Das ertappte Aufschauen des Jüngeren entlockte ihm ein schiefes Grinsen: „Sam, ich bin nicht blind und - ich kenne dich."

Als Dean ein kleines Lächeln um die Mundwinkel des anderen entdeckte, wandte er sich zufrieden ab, nickte kurz und machte sich auf den Weg, seinen Bruder mit düsteren Gedanken zurücklassend. Es gab Dinge, bei denen konnte niemand helfen, sie zu verarbeiten, wer wusste das besser, als er selbst und so wie es aussah, saß nicht nur die Große–Bruder-Abteilung selbst tief in der Scheiße.

Sam hatte die Wahrheit wissen wollen und auch wenn Dean nicht mal die Oberfläche davon angekratzt hatte … aber was half es schon, alles noch schwerer zu machen, als es für Sammy ohnehin bereits war? ... Himmel und Hölle, wenn Sam - und davon ging Dean ganz stark aus - wirklich zu seinem Grab zurückgekehrt war, es geöffnet hatte und …

Dean hoffte inständig, dass es nicht dazu gekommen war, aber wie sollte er das ansprechen? Wie sollte er drauf eingehen, wenn er doch selber nur über diese Zeit schweigen wollte? Wie sollte er Sam die Hölle begreiflich machen, wenn dieser sie anscheinend auf seine eigene Art erlebt hatte. Und da war noch mehr …

~sss~

Sam saß zusammengesunken da, versuchte sich zu beruhigen, aber je mehr Zeit verstrich, desto unruhiger wurde er - in ihm brodelten Zorn und zugleich unheimliche Traurigkeit, er wollte schreien, auf etwas einschlagen und doch gleichzeitig weinen. In seinem Inneren herrschte ein ungleicher Kampf, dem sich nichts entziehen konnte, alles wurde unbarmherzig in diesen Strudel der Gewalt gezogen. Wie hatte er denken können, eine Stütze für Dean zu sein, wenn er es nicht einmal ertrug, diese paar Worte seines Bruders zu hören?

Sam fuhr sich frustriert durch die Haare, zuckte vor Schmerzen zusammen und versuchte, sich unter Kontrolle zu bekommen, aber da war diese unkontrollierbare Wut darüber, dass Dean sich wie immer vor ihm verschloss, sich selber mit allem belastete und nicht bereit war, Hilfe zu akzeptieren.

Zur Hölle mit der Sturheit der Winchesters!'

Zur Hölle mit allem!

Langsam und möglichst vorsichtig stand Sam auf, da es in seinem Kopf wie wild pochte. Selbst das sonst so entspannende Rauschen des vom Wind aufgewühlten Wassers war mittlerweile für ihn fast unerträglich geworden. Verdammte Migräne. Bevor er sich der Peinlichkeit hingab, sich im Beisein von Dean vor Schmerzen zu übergeben, ging er lieber bei Zeiten zurück und gönnte sich eine doppelte Dosis seiner Tabletten und eine Runde Schlaf.

Beim Aufstehen rutsche Deans Jacke von Sams Schultern und alleine bei dem Gedanken daran, sich bücken zu müssen, um sie aufzuheben, wollte sein Magen das Innere nach außen kehren. Er konnte sie auch liegen lassen, aber … ach was, vor seinem Bruder als Weichei dazustehen, war auch nicht hilfreich. Langsam ging er in die Knie, angelte nach dem alten Leder, die andere Hand dabei Halt suchend an das raue Holz geklammert.

Schwankend kam Sam wieder nach oben, die Jacke mit zitternder Hand umschlossen. Gerade, als er sie wieder über seine Schultern legen wollte, bemerkte er ein kleines Stück Papier, das aus einer der Taschen gefallen war. Fluchend hob er den Zettel auf, schaffte es gerade noch im letzten Moment, sein Gleichgewicht wieder zu finden und sich an der Bank abzustützen, als sein Blick irritiert auf das Fundstück in seinen Händen fiel. Was er zuerst für eine alte Quittung gehalten hatte, fühlte sich aber keineswegs so an. Die Neugierde war einfach zu stark und siegte kurz über seine Migräne, als er das Blatt auffaltete und die ersten Paar Zeilen mit zusammengekniffenen, schmerzenden Augen entzifferte, die Luft anhielt und erstarrte.

„Was zum - …"

Sams Blick glitt erschrocken hoch zur Hütte, und zu der Gestalt, die den kleinen Pfad davor langsam entlang ging.

Entsetzt sah er erneut hinunter auf das Papier in seinen zitternden Händen und las die Worte, die ihm förmlich entgegen sprangen, sich in seine Gedanken fraßen und dort fest einnisteten.

Das Blatt war eine Buchseite, aber nicht irgendeine – nein, es war eine Bibelseite und die einzige Bibel, die Sam in letzter Zeit gesehen hatte, war in dem kleinen Hotel gewesen, das sie vor ein paar Tagen bewohnt hatten – dasselbe Hotel, in dem Dean mit dem Geisterfieber gekämpft hatte. Sam hatte keinen Zweifel daran, dass dieses Stück Papier aus dem kleinen schwarzen Buch vom Nachtisch stammte. Die Frage war nur: Warum? Und noch viel dringender wollte er wissen, warum sein Bruder genau diese Passage herausgerissen hatte?

Langsam hob er das Blatt vor die Augen, um im Schummerlicht auch die kleineren Worte lesen zu können, die er zwar kannte, die aber niemals eine solche Wucht hatten wie jetzt in diesem Moment. Er konnte es nicht fassen, stand trotz schützender Jacke fröstelnd da, denn vor sich hatte er die Geschichte von Kain und Abel, dem älteren Bruder, der den jüngeren erschlug.

„Himmel - Dean, was ist nur mit dir geschehen?"

In diesem Moment, kaum als die letzten Worte über seine Lippen gekommen waren, explodierte in seinem Kopf alles in einem weißen Blitz aus purem Schmerz …