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SSSSSSS
Jenseits von Hogwarts
SSSSSSS
Kapitel 11
Weiß und Schwarz
SSSSSSS
„Also, wie sieht's aus?", fragte Sirius eindringlich. Das goldene Spinngewebe um seine fließende Gestalt war bereits in Auflösung begriffen. „Wie kommen wir da rein?"
„Ich komme da gar nicht rein, denn das Haus hat jetzt einen neuen Geheimniswahrer", erwiderte Snape. „Aber es ist auch nicht nötig, dass ich das Hauptquartier betrete. Du als Geist bist nicht an die Schutzzauber gebunden. Du kannst einfach mit Potter zusammen reinmarschieren. Im gleichen Moment werde ich einen Bindezauber über dich legen, und damit hat sich die Sache fürs Erste. Danach werden dir sicher Minerva oder Filius weiterhelfen."
Sirius zögerte kurz. „Danke, Snape", sagte er dann.
Die beiden alten Rivalen sahen sich einen Moment an, ehe Snape nickte.
„Danke ... Professor Snape", sagte Harry.
Snape lächelte dünn. Dann nickte er Harry zu und trat in den Schatten der Gasse zurück.
Harry grüßte stumm in seine Richtung. Dann ging er energisch auf den Standort des Black-Hauses zu, Sirius an seiner Seite, und konzentrierte sich dabei fest auf den Satz „Das Hauptquartier des Phönixordens liegt Am Grimmauldplatz Nr 12, London." Im selben Moment erschien das alte Haus zwischen zwei Muggelhäusern, erst dünn wie eine Scheibe Toast, dann immer breiter werdend.
Harry blickte rasch zurück zu Snape, der im Eingang der Gasse auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes stand, eine schwarze Gestalt, die mit den anderen Schatten verschmolz. Harry drehte sich wieder um, stieg die abgenutzten Steinstufen hinauf und steckte den Schlüssel ins Schloss. Seit einem Jahr war es sein Haus, er brauchte nicht mehr zu klingeln und zu warten.
Die Tür schwang quietschend auf, und sie betraten das Hauptquartier des Phönixordens.
„Alles okay, Sirius?", fragte Harry nervös.
„Mhm, ich denke schon ... Eben hat es geprickelt. Das war wahrscheinlich Snapes Zauber. Auf jeden Fall habe ich nicht das Gefühl, mich gleich aufzulösen, falls du das meinst."
Harry war erleichtert, dass alles so glatt gegangen war.
„Mensch, Sirius, am liebsten würde ich dich umarmen! Es ist so toll, dass du wieder da bist!"
Sirius lachte. Es klang seltsam hohl, obwohl Harry spürte, dass sein Pate sich wirklich von ganzem Herzen freute. An einiges an Sirius' neuem Zustand würde er sich erst gewöhnen müssen.
Aber jetzt mussten sie diese unglaubliche Neuigkeit den anderen Ordensmitgliedern mitteilen!
„Ron! Hermine! Remus! Wo steckt ihr? Ich habe eine tolle Überraschung für euch!"
Alles blieb still.
„Bill? Fleur? Fred? George? Wo seid ihr?"
Keine Antwort.
„Da stimmt doch was nicht!"
Mit gezogenem Zauberstab bewegte Harry sich vorsichtig in Richtung Küche.
„Warte, Harry! Ich gehe vor!" Schon war sein Pate an ihm vorbeigeglitten.
„Hier ist niemand!", rief Sirius nach ein paar Sekunden. „Aber sie haben dir eine Nachricht dagelassen."
Harry stürzte in die Küche. Auf dem Tisch lag ein Stück Pergament.
Lieber Harry,
wo steckst du nur? Wir machen uns furchtbare Sorgen um dich! Alle Ordensmitglieder sind auf der Jagd nach Todessern oder zu Verhören von Gefangenen im Zaubereiministerium. Mundungus soll das Ordenshauptquartier bewachen, und ich hoffe sehr für ihn, dass er das auch tut!
Harry und Sirius grinsten sich an. Mundungus und etwas bewachen? Wahrscheinlich hatte er hastig die letzten Wertgegenstände aus dem Besitz der Blacks zusammengerafft und war gerade dabei, sie auf dem Zauberer-Schwarzmarkt in der Nokturngasse zu verticken.
Komm bitte sofort ins Zaubereiministerium und melde dich bei Kingsley oder Arthur! Und bitte verschwinde nie wieder, ohne etwas zu sagen. Wir machen uns ja so schreckliche Sorgen, mein Lieber!
Molly Weasley.
P.S.: Harry, ich bin ja so stolz auf dich, dass du es geschafft hast, Du-weißt-schon-wen zu besiegen!
M. W.
Harry seufzte leise und sah bekümmert zu Sirius.
„Ich fürchte, es wird erst mal nichts mit der Wiedersehensfeier."
Sirius grinste ihn achselzuckend an.
„Ach, weißt du, langsam habe ich Übung im Warten. Außerdem" – sein Grinsen wurde breiter – „würde ich zu gern unseren alten Hauselfen Kreacher ein bisschen erschrecken. Schließlich ist er nicht ganz unschuldig an meinem Tod!"
Harry musste ebenfalls grinsen. „Gute Idee! Viel Spaß dabei! Und ich sehe zu, dass ich möglichst schnell wieder hier bin."
Sicherheitshalber packte er noch seinen Tarnumhang ein. Vielleicht konnte er damit der zu erwartenden Meute feiernder Zauberer aus dem Weg gehen.
Dann sprang er vergnügt auf die Straße hinaus.
Heute war ein fantastischer Tag!
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Harry apparierte vor der Telefonzelle zum Zaubereiministerium. Er schlüpfte durch die Tür, nahm den Hörer ab, wählte, stellte sich vor und erhielt seine Plakette.
Harry Potter, Bezwinger von Du-weißt-schon-wem.
Au weia, das sah nicht gerade so aus, als könnte er sich unbeachtet zu Kingsley oder Mr Weasley schleichen ...
Als die Telefonzelle unter Rumpeln und Knirschen das Zaubereiministerium erreicht hatte und Harry die große Empfangshalle betrat, wimmelte es dort nur so von feiernden Hexen und Zauberern. Bevor er erkannt werden konnte, warf er sich rasch den Tarnumhang über.
Harry beschloss, sich zunächst auf den Weg zu den Auroren zu machen und Kingsley Shacklebolt aufzusuchen. Ihn interessierte, wie viele Todesser bereits gefangen waren und um wen es sich dabei handelte. Ob sie schon die Väter von Crabbe und Goyle erwischt hatten?
Die Aufzüge waren so ausgelastet, dass es für Harry unmöglich war, unbemerkt mitzufahren, Tarnumhang hin oder her.
Hier muss es doch auch Treppen geben ...
Er fand das Treppenhaus, oder eines von mehreren Treppenhäusern, war aber bald so verwirrt, dass er nicht mehr wusste, wo im Gebäude er sich befand. Alles schien sich ständig zu verschieben und zu verändern. Frustriert öffnete er endlich eine beliebige Tür und trat auf einen düsteren und staubigen Korridor hinaus.
Harry sah sich zweifelnd um. Der Gang wirkte verlassen. Die Räume schienen ungenutzt zu sein. Nur an einer einzigen Tür hing ein Schild mit einer Nummer. Vielleicht konnte er dort nach dem Weg fragen.
Harry öffnete die Tür – und hielt entsetzt den Atem an.
Er stand in einem fensterlosen Raum. Wände, Decke und Fußboden waren vollkommen weiß, so dass er das merkwürdige Gefühl hatte, mitten in einem Nebelmeer zu schweben. Grellweißes Licht löschte jeden Schatten aus. Es gab keine Möbel, auch keine anderen Einrichtungsgegenstände, nichts außer vier Gestalten, deren Konturen sich vor dem unnatürlich hellen Hintergrund wie Schattenrisse abzeichneten.
Drei der Gestalten standen und blickten auf eine vierte Person herab, ein zusammengekrümmtes Bündel Mensch in schwarzen Roben, das zuckend und würgend zu ihren Füßen lag.
Wie in Zeitlupe sah Harry die drei Stehenden sich umdrehen und zu ihm hinüberblicken. Er spürte Angst in sich hochkriechen und blieb wie festgefroren in der Tür stehen.
Dann erkannte er die drei.
Es waren Kingsley, Remus und Tonks.
„Ihr!", hauchte Harry fassungslos.
Remus und Tonks sahen erschrocken und schuldbewusst aus, als sie das Entsetzen in seinem Gesicht sahen. Doch Kingsley erwiderte seinen Blick fest.
„Komm nur herein, Harry. Es wird Zeit, dass du lernst, wie die Wirklichkeit aussieht."
Harry schloss wie in Trance die Tür hinter sich. Dann machte er zögernd zwei Schritte auf die am Boden liegende Gestalt zu, hielt inne und fragte leise, ohne die anderen anzusehen: „Wer ist das?"
Beim Klang seiner Stimme hob der Gefangene den Kopf.
Harry blickte in das blutverschmierte und schmerzverzerrte Gesicht Draco Malfoys.
„Nein ..."
Sechs Jahre Feindschaft zerstoben bei diesem Anblick zu nichts. Schock und Mitleid würgten Harry in der Kehle. Unwillkürlich ließ er sich neben seinem Schulfeind auf die Knie sinken.
Draco starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Harry war sich nicht sicher, ob Draco ihn überhaupt erkannte. Doch als er die Hand nach Draco ausstreckte, um ihn zu berühren, fuhr dieser mit einem panischen Aufschrei zurück. Harry hörte ein Knirschen, als Draco bei der heftigen Bewegung einen offenbar gebrochenen Knochen belastete. Ein zweiter gellender Schrei begleitete das hässliche Geräusch.
Einen Moment lang war Harry wie gelähmt.
Dann stieg eine brodelnde Wut in ihm auf, wie er sie nur selten verspürt hatte.
Er sprang auf die Füße und wirbelte zu den drei Ordensmitgliedern herum.
„SEID IHR WAHNSINNIG GEWORDEN? WIE KÖNNT IHR SOWAS MACHEN?"
Die erste Antwort auf sein Gebrüll war ein furchtsames Wimmern Dracos, der offenbar glaubte, Harrys Wut gelte ihm. Sofort dämpfte Harry seine Stimme und zwang sich, ihr einen beherrschten Klang zu verleihen.
„Was hat er getan, um diese ... diese Folter zu verdienen?"
„Er ist ein Todesser", antwortete Shacklebolt gelassen. „Abschaum."
Harry schnappte empört nach Luft.
„Harry, bitte ...", ertönte leise die besorgte Stimme Remus Lupins.
Harry drehte sich langsam zu ihm um.
Der Werwolf sah ihn gequält an. Er war fast ebenso blass wie Draco. In seinen Augen mischten sich Furcht, Schuldbewusstsein und Mitgefühl.
„Versuch' doch, zu verstehen ... Wir brauchen unbedingt Informationen. Es sind noch Dutzende von Todessern unerkannt unterwegs. Wer weiß, was sie anrichten in ihrem Zorn und ihrer Verzweiflung über V-Voldemorts Tod. Denk' an das, was damals den Longbottoms passiert ist ..."
Harry starrte ihn ungläubig an. „Und du meinst, dass es einen Unterschied macht, dass jetzt ihr es seid, die jemanden bis zum Wahnsinn foltern?", fragte er kalt.
Erregt warf Tonks ein: „Allerdings macht es einen Unterschied! Die da" – sie deutete anklagend auf die zusammengekauerte Gestalt Dracos – „morden und quälen zu ihrem Vergnügen. Wir dagegen –". Tonks stockte, brachte das Wort „foltern" nicht über die Lippen. „Wir dagegen verhören den da, um unschuldige Menschenleben zu retten. Leute wie die Longbottoms ... Oder wie deine Eltern, Harry."
Falls sie gehofft hatte, Harry mit dem Hinweis auf seine Eltern zum Schweigen zu bringen, hatte Tonks sich getäuscht. Er wurde nur noch wütender. Gleichzeitig breitete sich eine unheimliche Ruhe in ihm aus.
„Ich glaube kaum, dass Draco euch Informationen geben kann. Ich bin sicher, dass weder sein Vater noch Voldemort ihn über die Pläne der Todesser informiert haben."
Seine Worte hatten einen eisigen Klang. Er fühlte sich fast ein bisschen wie Snape. Vielleicht war es tatsächlich der Meister der Zaubertränke, der sich durch seinen Mund Gehör verschaffen wollte – oder Lucius Malfoy. Falls ja, dann waren sie ausnahmsweise alle einer Meinung.
„Er ist nicht eingeweiht?"
Kingsley lächelte unheildrohend. Er griff Harry am Arm und zog ihn zu Draco hinüber, der keuchend vor ihnen zurückzuweichen versuchte. Der Auror ließ Harry abrupt los, packte Dracos linkes Handgelenk und riss es grob in die Höhe.
„Und was ist das da?"
Auf Dracos bloßem Unterarm prangte, zwar etwas verblasst, aber immer noch deutlich sichtbar, das hässliche Brandmal der Todesser. Der Anblick kam für Harry nicht unerwartet, bescherte ihm aber dennoch ein übles Gefühl.
„Er ist der Sohn eines der mächtigsten Todesser überhaupt", sagte Kingsley. „Und er ist einer von ihnen. Natürlich kennt er Namen, Orte, Pläne ... Sicher nicht alle, aber wenn wir mit seinem Wissen auch nur einen Mord verhindern können ..."
„Es macht keinen Unterschied", hörte Harry sich sagen.
Und es machte keinen.
„Ich nehme mal an, dass ihr nicht nur Draco foltert, um an eure so überaus wichtigen Informationen zu kommen. Wie viele noch? Und wie weit werdet ihr gehen? Bis sie alle unter euren Händen verreckt sind?!"
„Verdammt, Harry", rief Tonks frustriert, „wir sind im Krieg! Wir wenden nur deren eigene Methoden gegen sie an! Die Todesser bekommen von uns genau das zurück, was sie anderen angetan haben! Eine andere Sprache als Gewalt verstehen die doch gar nicht!"
„Hast du denn schon mal versucht, anders mit ihnen zu reden? Ja? Nein? Nein. – Passt gut auf, was ihr tut. Wenn ihr so weitermacht, werden wir keinen neuen Dunklen Lord brauchen. Ihr füllt dann beide Rollen prächtig aus: die der Guten und die der Bösen."
Einen Moment lang herrschte Stille.
Dann holte Harry tief Luft und sagte entschlossen: „Ich werde Draco jetzt mitnehmen, und ihr werdet mich verdammt noch mal nicht daran hindern. Ich bin mit Voldemort und den Todessern fertig geworden. Ich werde auch mit euch fertig, wenn ihr euch unbedingt zu ihren Nachfolgern aufschwingen wollt."
Sprachlos starrten Remus, Tonks und Kingsley ihn an.
Harry wandte sich brüsk ab, zog seinen Zauberstab und belegte den immer noch am Boden zusammengekauerten Draco mit einem Schwebezauber. Wortlos ließ er die verkrümmte Gestalt an den Ordenskämpfern vorbeischweben und verließ hinter ihr den Raum.
Knallend fiel die Tür ins Schloss.
Niemand hielt ihn auf.
Im Flur warf er rasch den Tarnumhang über Draco, ohne seinen ehemaligen Feind genauer anzusehen. Erst einmal mussten sie das Ministerium verlassen. Danach würde er sich um Dracos Verletzungen kümmern.
Aber wohin sollte er Draco bringen? Der Grimmauldplatz schied aus, auch wenn er gerne Sirius' Unterstützung gehabt hätte. Zum Landsitz der Malfoys? Da wimmelte es wahrscheinlich von Auroren.
Harry grübelte angestrengt, während er versuchte, sich nicht erneut im Treppenhaus zu verlaufen. Behutsam tastete er nach Dracos unsichtbarem Körper, um ihn sicher um eine Biegung zu manövrieren. Ein Stöhnen war die Folge seiner vorsichtigen Berührung.
„Pst!", zischte Harry. „Ruhig jetzt! Ich bringe dich in Sicherheit, aber niemand darf dich bemerken!"
Harry lauschte angestrengt. Hatte Draco begriffen?
„Hast du mich verstanden?", drängte er besorgt.
„Ja", antwortete eine schwache Stimme aus dem Nichts. Es schnürte Harry das Herz zusammen, wenn er sich vorstellte, dass Kingsley, Tonks und Remus für dieses Elend verantwortlich waren.
Die Eingangshalle war inzwischen so gut wie leer. Die Party schien einige Räume weitergezogen zu sein. Harry hörte Lachen und Singen aus einem der Korridore hallen.
Er zog sich die Kapuze seines Umhangs tief ins Gesicht. Wenn er erkannt wurde, würde er sicher aufgehalten und über Voldemorts Tod ausgefragt werden.
Mit einem bitteren Lächeln schoss es ihm durch den Kopf, dass er in seinem schwarzen Umhang und unter der Kapuze wohl selbst fast wie ein Anhänger des Dunklen Lords wirkte. Doch er verließ ungehindert das Ministerium und stand nach einer weiteren Aufzugsfahrt in der roten Telefonzelle, die mit dem unsichtbaren und verletzten Draco nicht ganz komplikationslos gewesen war, auf der schäbigen Muggelstraße, unter der das Zaubereiministerium verborgen lag.
Muggel! Natürlich!
Er würde Draco zu den Dursleys bringen! Die waren zu Beginn der Ferien an die See gefahren, was die anderen Ordensmitglieder sicher nicht wussten, und würden erst in einigen Tagen zurück sein.
Niemand würde ihn für so verrückt halten, einen verletzten Todesser bei seiner schrecklichen Muggel-Familie zu verstecken.
Harry grinste zufrieden, als er wieder nach Draco tastete. „Wir müssen apparieren!", raunte er ihm zu. „Du musst nichts machen, ich nehme dich mit." Er hatte Dracos rechten Arm gefunden und warnte ihn: „Ich werde dich ziemlich fest anpacken müssen, damit du unterwegs nicht verloren gehst. Ist dein Arm okay?"
„Ja ...", erklang die zitternde, körperlose Stimme.
„Gut, dann bei drei. Eins ... zwei ... drei ..."
Das unangenehme Gefühl, durch einen engen schwarzen Schlauch gepresst zu werden, zu ersticken ...
Doch es dauerte nur Sekunden, ehe Harry sich im Ligusterweg wiederfand, im Garten von Onkel Vernon, Tante Petunia und ihrem reizenden Sohn Dudley. Sie waren zwischen Geräteschuppen und Garage aufgetaucht, denn Harry wollte erst einmal die Lage prüfen, bevor er mit Draco das Haus betrat.
„Sieht gut aus. Scheint tatsächlich keiner da zu sein", flüsterte er, seinen Schützling immer noch mit der einen Hand am Arm haltend, während die andere seinen Zauberstab umfasste und den Schwebezauber aufrechterhielt.
Jetzt senkte er den Stab langsam und ließ Draco vorsichtig zu Boden gleiten. Schließlich musste er irgendwie die Hintertür öffnen.
„Alohomora!"
Der Weg war frei. Harry ließ Draco durch die Tür schweben und verschloss sie sorgfältig hinter sich.
Gut, dass das Zaubereiministerium nach Dumbledores Tod die „Vorschriften zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger" gelockert hatte, sonst hätte er in Kürze ein Verfahren am Hals gehabt. Oder er hätte Draco tragen müssen, und er war sich nicht sicher, ob er das geschafft hätte. Sein Mitschüler war zwar schlank, aber fast einen Kopf größer als Harry.
Kurz erwog er, Draco weiterhin unter dem Tarnumhang zu lassen. Doch dann hätte er schlecht verhindern können, dass er ihn irgendwo gegen prallen ließ, da er die Position seines Körpers ja nur erahnen konnte. Außerdem waren alle Gardinen im Haus zugezogen. So gerne Tante Petunia auch die Nachbarn bespitzelte, so ungern wollte sie selbst beobachtet werden. Also angelte Harry nach dem Stoff des Umhangs, bekam ihn zu fassen und zog ihn vorsichtig von Draco herunter.
Der Anblick versetzte ihm erneut einen Schock.
Dracos ganzes Gesicht war blutig, wobei das Blut offenbar von einer großen Platzwunde an der Stirn stammte – vielleicht war er durch einen Fluch oder Stoß gegen die Wand oder auf den Fußboden geschleudert worden.
Aber es waren die Augen, die Harry wirklich erschreckten.
In Dracos Blick lag so viel Angst und Qual, wie er es noch bei keinem Lebewesen gesehen hatte. Nicht einmal Neville hatte solche Augen gehabt, als Bellatrix Lestrange ihn mit dem Cruciatus folterte. Nicht einmal Peter Pettigrew, als er sich in Qualen mit einer abgeschlagenen Hand vor Voldemort am Boden wand ... oder als er Sirius und Remus verzweifelt um sein Leben anflehte.
Das war nicht nur Angst, nicht einmal „nur" Todesangst in Dracos Augen, es war mehr: Die Abwesenheit jeglicher Hoffnung.
Harry schauderte und wandte den Blick ab.
„Ich bringe dich hoch in mein Zimmer", murmelte er unsicher.
Keine Antwort.
Vorsichtig dirigierte er Draco die Treppe hinauf und über den Korridor zu seinem alten Zimmer. Die Tür war nur angelehnt. Drinnen sah alles unverändert trostlos aus. Nur das Saubermachen hatte Tante Petunia sich nicht verkneifen können. Sogar das Bett war frisch bezogen. Na ja, schließlich war sein Besuch für die nächsten Tage angekündigt gewesen.
Harry schlug die Decken zurück und ließ Draco behutsam auf das Bett sinken.
Was jetzt?
„Hast du Durst?"
Draco starrte ihn stumm aus weit aufgerissenen Augen an.
„Okay ... Ich hol' uns schnell was zu trinken. Bin gleich wieder da."
Eilig sprang er die Treppen hinab, packte eine Flasche Wasser und zwei Gläser auf ein Tablett und durchsuchte die Küche nach etwas Geeignetem zum Essen. Im Küchenschrank stieß er auf eine Tafel Nougat-Schokolade. Schokolade half nach Dementoren-Angriffen, wohl kaum nach Folter. Er nahm sie trotzdem mit.
Aus dem Badezimmer im ersten Stock holte er eine Schüssel mit warmem Wasser, einen Waschlappen, Mullbinden, Pflaster und Jod. Harry kannte sich nicht mit Heilzaubern aus und würde wohl oder übel auf Muggelmethoden zurückgreifen müssen.
Vorsichtig balancierte Harry das vollbeladene Tablett in sein Zimmer und stellte es auf dem Schreibtisch ab. Er füllte ein Glas und beugte sich damit zu Draco hinunter, der furchtsam vor ihm zurückwich.
Du liebe Güte, das konnte ja heiter werden.
Beruhigend sagte er: „Das ist nur Wasser. Das wird dir gut tun. Komm, ich helfe dir."
Er schob eine Hand unter Dracos Rücken und half ihm, sich aufzurichten. Sein unfreiwilliger Gast bedachte das Glas mit einem misstrauischen Blick und trank sehr zurückhaltend.
Ob sie ihn mit Veritaserum traktiert haben?
Aber wenn sie Veritaserum hatten, wozu hätten sie Draco dann foltern sollen?
Vielleicht haben sie ja Geschmack daran gefunden, andere zu quälen, dachte Harry bitter.
Mit Harrys Unterstützung leerte Draco das ganze Glas, ehe er sich erschöpft in die Kissen zurücksinken ließ.
Harry nahm die Wasserschüssel und den Lappen zur Hand.
„Ich muss dein Gesicht ein bisschen sauber machen, ja?", fragte er zaghaft. „Damit ich die Wunde versorgen kann."
Müde nickte Draco. Er ließ widerstandslos zu, dass Harry ihm ungeschickt das Gesicht wusch. Nur als er an die Wunde kam, zuckte Draco kurz zusammen, gab aber keinen Laut von sich, nicht einmal, als Harry eine ziemliche Menge Jod auf seiner Stirn verteilte.
„Bist du sonst noch irgendwo verletzt?"
„Der linke Fuß", entgegnete Draco gepresst. „Ich hab' mir den Knöchel gebrochen."
In Harrys Kopf erklang erneut das widerliche Knirschen. Er schluckte.
„Ich ... ich glaube nicht, dass ich da viel machen kann. Wahrscheinlich muss ich zusehen, dass ich dich irgendwie in ein Muggelkrankenhaus kriege, zum Eingipsen. Den Knochenheilzauber probiere ich lieber nicht aus, nach dem, was mir mit Lockhart passiert ist ..."
Ein schwaches Grinsen wanderte über Dracos Gesicht.
Harry atmete erleichtert auf. Das war doch ein gutes Zeichen.
Dennoch machte der Bruch ihm große Sorgen. Er konnte daran nicht mit Magie herumprobieren, sonst endete Draco tatsächlich noch ganz ohne Beinknochen. Aber ansehen musste er sich den Knöchel wohl schon, und die Schuhe mussten auch runter.
„Äh ... Ich guck's mir trotzdem mal an, ja?"
„Nur zu", murmelte Draco matt. „Aber sei vorsichtig!"
Harry schob behutsam Dracos Hosenbein hoch. Hm. So konnte er schon einmal nichts sehen. Draco trug halbhohe schwarze Stiefel, und die mussten irgendwie runter. Die Dinger sahen verdammt teuer aus, aber ...
„Ich fürchte, ich muss den Schuh runterschneiden, Draco."
„Dann mach' halt."
Harry zog seinen Zauberstab, murmelte „Diffindo!" und trennte die Nähte im Leder auf, so dass er den Stiefel behutsam herunterheben konnte. Draco stöhnte und verzog das Gesicht. Als Harry die Socke ebenfalls heruntergezaubert und zu einem schwarzen Wollknäuel aufgeribbelt hatte, sah er, dass der Knöchel dick angeschwollen und die Haut ringsum blau und grün verfärbt war.
„Au weia ... Äh ... Na ja, wenigstens ist es kein offener Bruch."
Harry versuchte vergeblich, seiner Stimme einen tröstenden und optimistischen Klang zu verleihen.
Ein leicht grünlicher Ton war in Dracos Gesicht gestiegen, als sein verletzter Fuß bewegt wurde. Er blieb aber ruhig.
Harry wunderte sich im Stillen über diese untypische Selbstbeherrschung. Wenn er daran dachte, was Draco für ein Theater veranstaltet hatte, als er von dem Hippogreif Seidenschabel verletzt worden war ...
Aber da ging es ihm ja auch darum, Hagrid zu schaden, dachte Harry mit einem Anflug von Zorn, den er schuldbewusst gleich wieder unterdrückte.
Das hier war etwas völlig anderes.
Da er gerade dabei war, zog er Draco auch noch den anderen Stiefel aus.
„Sonst noch irgendwo verletzt?", fragte er dann.
„Nur ein paar Prellungen, nichts von Bedeutung", kam die leise Antwort.
Doch nur Sekunden später fing Draco plötzlich heftig zu zittern an.
„Was ist denn das?", fragte Harry erschrocken.
„Cruciatus-Nachwirkungen", presste Draco zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Das Zittern wurde stärker. Dann ging es in ein krampfartiges Zucken ähnlich einem epileptischen Anfall über. Draco stieß dumpfe Laute aus. Seine Glieder zuckten so heftig, dass Harry Angst bekam, er könnte sich verletzten. Kurz entschlossen packte er ihn an den Schultern und hielt ihn fest. Als das nicht reichte, legte er sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn und versuchte, irgendwie Arme und Beine zu fixieren.
Langsam ebbte der Anfall ab. Draco rang keuchend nach Luft.
„Du kannst jetzt von mir runtergehen, Potter."
Hastig sprang Harry auf. Sein Gesicht brannte.
Draco sah ihn nicht an, als er im gleichen gepressten Tonfall sagte: „Und da wir schon bei ... peinlichen Dingen sind ... Ich müsste dringend mal die Kleidung wechseln ... insbesondere ..." – er stockte und wurde leiser – „... die Unterwäsche."
Er drehte plötzlich den Kopf und sah Harry direkt in die Augen, als ob er feststellen wollte, ob dieser das vielleicht lustig fand.
Aber Harry war nur noch eine Spur röter geworden und versuchte, sich rasch abzuwenden. Doch Draco ließ es nicht zu, hielt seinen Blick gefangen.
„Cruciatus, Potter. Ich weiß, du hast den auch schon erlebt, aber wahrscheinlich nicht so lange und nicht so oft hintereinander. Man verliert ... einfach die Kontrolle ... über seinen Körper ... Klar?"
Er hatte versucht, einen sachlichen und selbstsicheren Ton anzuschlagen, doch der Versuch war kläglich misslungen und zum Ende hin wurde seine Stimme immer leiser und unsicherer.
Harry nickte nur, drehte sich um und machte sich an seinem Schrank zu schaffen. Er suchte Jeans, einen blauen Pullover und einen Satz Unterwäsche hervor, die er schweigend neben Draco aufs Bett legte.
„Ich fürchte", sagte er leise, „mit dem Fuß wirst du es nur ins Bad schaffen, wenn ich dich wieder schweben lasse. Ist das okay?"
Draco schloss kurz die Augen und nickte. Er griff nach der Kleidung, und Harry ließ ihn mitsamt den Sachen wieder in die Höhe steigen. Vorsichtig lenkte er Draco zum Badezimmer, ließ ihn dort auf einen Hocker sinken und legte ihm Handtücher und Waschzeug bereit.
Dann sagte er leise: „Ruf mich, wenn du Hilfe brauchst, okay?"
Draco nickte nur.
Harry schloss behutsam die Tür hinter sich.
SSSSSSS
