Langeweile

Harry saß eines schönen Vormittags einsam am Schreitisch in der Bibliothek und starrte etwas verloren vor sich hin. Die Hausaufgaben waren allesamt fertig. Entweder, war der Unterrichtsstoff dieses Jahr leichter, oder Harry war durch die Verwandlung in einen Vampir schlauer geworden. Jedenfalls hatte er noch nie so schnell, so viele Aufsätze geschrieben. Obwohl er noch nicht zum regulären Unterricht gehen durfte, war er kein bisschen hinterher.

Severus hatte an diesem Tag einen vollen Stundenplan und Harry wusste, er würde ihn erst am Nachmittag wieder sehen. Was sollte er also mit seiner Zeit anfangen? Einfach nur Rumsitzen war ihm zu langweilig. Ja, sogar die Wände der Bibliothek waren ihm zu langweilig geworden. Lange würde er es in Snapes Privaträumen nicht mehr aushalten. Er wollte raus.

Sehnsüchtig blickte Harry aus dem Fenster. Der Himmel war klar und wolkenfrei. Die Tatsache, dass die Sonne schien dämpfte Harrys Lust wieder nach draußen zugehen. Er konnte es sich nicht genau erklären warum.

Mit einem tiefen Seufzer rutschte Harry von seinem Sessel und verließ die Bibliothek. Er wusste, er durfte sich nur innerhalb von Snapes Privaträumen bewegen, aber es juckte ihm, irgendetwas zu erforschen.

Als er so im Gang stand und hin und her überlegte, fiel sein Blick auf die Tür zum Clubraum. Das war die perfekte Alternative. Harry verließ nicht die Sicherheitszone und konnte doch einmal neue Wände sehen.

Mit wenigen Schritten hatte Harry die Tür erreicht und öffnete sie vorsichtig. Der Raum war leer. Logisch, waren ja jetzt alle beim Unterricht. Harry ließ seinen Blick herum wandern. Hier gab es Sofas und Sitzsäcke. Nur wage erinnerte sich Harry an die anderen Gesichter, die hier saßen, als er das erste Mal hier herein geplatzt kam. Luna hatte er erkannt und auch Blaise, den Slytherin. Die anderen kamen ihm nicht wirklich bekannt vor.

Harry stellte fest, dass der Raum eigentlich gar nicht so groß war. Ob sie hier diese Blutsfeier machten würden? Er konnte sich immer noch nicht vorstellen, wie so eine Blutsfeier aussehen würde, aber er war sich auch nicht sicher, ob er das je erfahren wollte.

Schließlich ließ Harry sich in einen Sitzsack fallen und starrte zur Decke hinauf. Ein Kronleuchter aus Fackeln hing an einer eisernen Kette herab und aufgemalte Fledermäuse zierten die komplette Decke. Harry rümpfte die Nase.

Er wusste immer noch nicht, was er von all dem halten sollte. Er war jetzt ein Geschöpf der Finsternis, würde er je wieder mit Ron und Hermine über das Schulgelände tollen können, oder an warmen Tagen unter der großen Eiche beim See im Schatten sitzen können?

Er vermisste sein altes Leben irgendwie, aber sein Neues hat auch etwas zu bieten. Sein verhasster Professor, war plötzlich so was wie ein Vater geworden und Draco, sein Erzfeind, war auf einmal sein Freund. Noch dazu ein gar nicht mal so schlechter. Draco war irgendwie witzig, auf seine slytherische Art und Weise und er war immer so enthusiastisch über alles was mit Vampiren zu tun hatte. Er war wirklich mir Herz und Seele Vampir.

Vielleicht wäre Harry das auch, wenn er die Wahl gehabt hätte. Aber er fühlte sich immer noch in dieses neue Leben hinein gestoßen und empfand es als ungerecht, dass er plötzlich nach neuen Regeln leben musste. Er hatte Regeln noch nie gut leiden können, da die Dursleys immer Tausendene von absolut sinnlosen Regeln aufgestellt hatten, die immer darauf ausliefen, dass Harry in Schwierigkeiten kam.

Aber diese neuen Regeln waren wirklich schwierig, da ein Bruch dieser Regeln nicht nur Harry in Schwierigkeiten brachte, sondern alle, die dem Club angehörten. Ja, sogar Snape konnte in Schwierigkeiten kommen und das machte dem Jungen irgendwie Angst. Er war nicht gut in Regeln einhalten, allzu oft übernahm eine Lust, eine Neugierde, oder ein anderer Instinkt seinen Körper. Würde er je fähig sein, sich vollkommen zu beherrschen?

Allein diese Wand hier, lud so richtig ein, bestiegen zu werden. Harry wusste, er durfte nicht ohne Snape seine Fähigkeiten ausprobieren. Aber was konnte hier schon groß passieren? Wenn er einen Sitzsack zur Wand schieben würde, dann würde er vollkommen weich fallen, falls er überhaupt fallen würde.

Eine Weile rang Harry noch mit seinem Gewissen, aber ihm fielen mehr Argumente dafür, als dagegen ein und so wälzte er sich wieder aus dem Sitzsack hinaus und schob diesen zur Wand.

Dann legte er seine Hände an die Wand, nur um zu testen, ob sich diese anders anfühlte. Plötzlich musste Harry kichern. Er erinnerte sich an den Spidermanfilm, den sich Dudley im Sommer angesehen hatte.

Doch dann siegte sie Neugierde. Harry griff mit den Händen höher und winkelte dann den Fuß an, um diesen an der Wand abzustellen. Er hatte tatsächlich Gripp. Vor Aufregung verdoppelte sich Harrys Herzschlag, als er den zweiten Fuß nachzog. Er rutschte nicht ab.

„Wow, das geht ja wirklich!" flüsterte Harry zu sich und wagte den nächsten Schritt höher. Es war, als ob er magisch an der Wand kleben würde. „Cool!" schoss ihm durch den Kopf und das Bild von einem wild grinsenden Draco tauchte vor seinem inneren Auge auf. Harry grinste zurück und kletterte höher und höher bis er die Decke erreicht hatte.

Übermütig durch seinen Erfolg, kletterte Harry weiter und hing schließlich mit dem Kopf nach unten. Dann stand er langsam auf, so dass nur mehr seine Füße Kontakt mit der Decke hatten. Es war ähnlich, wie am Boden zu stehen, nur dass die Schwerkraft in die falsche Richtung zog.

Harry grinste immer noch wild. Das war wirklich abgefahren. Schade, dass er Ron diese Fähigkeit nie zeigen können wird. Das würde sein Freund sicher auch total cool finden. Und Hermine? Harry kicherte erneut. Sie würde unten stehen und mit besorgter Miene zu ihm hoch sehen und sagen, du wirst dir noch den Hals brechen!

Plötzlich ging die Tür zum Clubraum auf. Jene, die hinaus in den Korridor von Hogwarts führte. Harry bekam einen gewaltigen Schreck. Er wusste, er hatte den Halt verloren, aber er wollte nicht fallen und hatte versucht in der Luft nach oben zu schwimmen und es hatte funktioniert. Harry dachte nicht lange nach, er war einfach nur froh, als er wieder Bodenhaftung, oder in diesen Fall, Deckenhaftung hatte.

Es waren zwei Schüler, die nun unten im Raum herum eilten. Harry hielt den Atem an.

„Bist du sicher, dass es hier ist?" fragte er eine.

„Ja, ich hatte es doch letzes Mal gelesen, als wir uns hier getroffen hatten. Es muss hier sein!" sagte der andere.

„Dann beeil dich, die nächste Stunde fängt gleich an"

„Hier, ich hab es ja schon!"

Mit einem Buch in der Hand verließen die beiden wieder den Raum.

Harry atmete erleichtert durch. Sie hatten ihn nicht bemerkt. Doch als er zu seinen Füßen blickte, traf ihn der nächste Schreck. Wieder verlor er den Halt, dabei entkam seiner Kehle ein merkwürdiger Schrei. Panisch fuchtelte er mit seinen Armen, nur waren diese keine Menschenarme mehr, sondern dünne, schwarze, leicht behaarte Arme, die durch eine schwarze ledrige Haut mit seinem pelzigen kleinen Körper verbunden waren.

Harry flatterte wie verrückt und als er erneut Deckenhaftung hatte, zitterte er am ganzen Leib. Irgendwie hat er sich das Fledermaus sein anders vorgestellt. Plötzlich war alles so laut und verzerrt. Er konnte mit seinen Augen nicht viel sehen, doch hatte er eine klare Vorstellung des Raumes im Kopf. Er stieß erneut einen Schrei aus. Der Schall des Schreis brach sich am Fackellüster und an den Wänden.

Harry schluckte. Wie sollte er da je wieder runter kommen. Sobald er den Halt mit den Füßen verlor, hatte er das Gefühl er würde unkontrolliert fallen. Das Flattern war irgendwie zu anstrengend, als dass er es lange durchhalten könnte. Schließlich legte Harry seine Flügelarme um seinen Körper und hoffte, dass Severus ihn hier oben finden würde.

Ooo

Severus saß hinter seinem Schreibtisch in seinem Klassenzimmer und prüfte die Tränke der Vorstunde, während er auf die Schüler der nächsten Klasse wartete, die mit ihren leeren Gesichtsausdrücken seine wertvolle Zeit verschwenden würden.

Plötzlich glaubte er einen Schrei zu hören. Nicht irgendeinen, sondern den einer Fledermaus. Welche Fledermaus würde untertags jagen gehen? Verwundert sah Severus auf und lauschte, wenn es eine Fledermaus auf Jagd war, würde sie ja nochmals schreien. Da es wieder still war, konzentrierte sich Severus wieder auf die Überprüfung der Tränkeproben.

Plötzlich hörte er den Schrei wieder. Er klang irgendwie panisch. Und dann sprang Severus auf, als ob ihn den Blitz getroffen hätte. Harry! Das konnte nur Harry sein.

Er stürmte aus den Klassenraum und lief beinahe zwei Schüler über den Haufen, die sich bereits vor dem Klassenraum eingefunden hatten. Zwei Stufen auf einmal nehmend hechtete er die Stufen empor und rannte den Gang entlang der ihn zu seinen Privaträumen führte.

„Harry!" rief er, sobald die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

„Hier!" wollte Harry schreien, aber wieder kam nur ein hoher Ton aus seinen Mund.

Severus war sich nicht sicher, von wo der Ton herkam. Er kam weder aus der Bibliothek, noch aus der Küche, noch aus Harrys Zimmer. Folglich war der Junge irgendwo, wo er nichts zu suchen hatte.

Seinen aufflackernden Zorn unterdrückend, überlegte Severus, wie er Harry am schnellsten finden konnte. Unter zwei Vampiren die einen Bund miteinander eingegangen sind, besteht die Möglichkeit einer Kommunikation über Telepathie, aber Severus wusste nicht, ob sein Bund mit Harry stark genug war. Dennoch, ein Versuch war es wert.

Severus konzentrierte sich auf den Jungen und übermittelte per Gedanken ein Wort: Harry?

„Ahhh!" schrie Harry erschrocken auf, als er eine so nahe Stimme wahrnahm. „Wo bist du, ich kann dich nicht sehen?" Doch statt der Worte kamen nur weitere hohe Schreie aus seiner Kehle.

Harry beruhige dich auf der Stelle! Ich bin mit dir telepathisch verbunden, also antworte mir mittels Gedanken!

Ich komm hier nicht mehr runter, jammerte Harry und diesmal, dachte er nur an die Worte.

Wo bist du? Severus Stimme klang so beruhigend, dass Harry erleichter ausatmete. Severus war da, er würde ihn helfen.

Im Clubraum

Severus grollte. Was zum Henker machst du im Clubraum.

Harry schwieg. Er war sich sicher, dass die Antwort, mir war langweilig, Severus nicht gefallen würde.

Kurz darauf ging die Clubraumtür, von Snape's Räumen kommend, auf und Severus sah sofort hoch zur Decke. Mit zusammengekniffenen Augen untersuchte er die Decke und fand Harry als Fledermaus nahe dem Lüster.

Okay. Harry. Du weißt, dass du Flügeln hast, oder?

Ja? Klang Harry wenig überzeugend.

Du kannst fliegen! Stoß dich leicht von der Decke ab und dann gleite langsam zu Boden. Gab Severus die Anweisung.

Ich kann nicht. Ich falle!

Nur ein kleines Stück, bis du genug Abstand zur Decke hast und genug Raum für die Flügel. Du darfst nicht panisch werden.

Aber es ist so schwer. Ich bin so schwer, ich kann mein Gewicht nicht tragen. Ich falle wie ein Stein. Harry klang wirklich verzweifelt.

Nein, das wird nicht passieren. Vertraue mir. Wenn du Ruhe bewahrst und einen kühlen Kopf dann machst du automatisch alles richtig. Es ist noch keine Fledermaus vom Himmel gefallen und solltest du wider Erwarten die erste sein, dann bin immer noch ich da. Ich kann dich auffangen! Versuchte Severus Harry zu beruhigen.

Harry war immer noch davon überzeugt, dass er fallen würde, aber die Tatsache, dass Snape da war und ihn auffangen konnte, gab ihm etwas Mut.

Okay, ich probiere es

Severus nickte mit dem Kopf, ließ Harry aber keine Sekunde aus den Augen. Er sah zu, wie Harry sich abstieß und dann vollkommen hecktisch und übertrieben schnell zu flattern anfing.

Ruhig, Harry. Du musst nicht so wild um dich schlagenLass dich zwischen den Flügelschlägen ein bisschen gleiten. Die Spannweite trägt dein Gewicht locker. Sprach Severus dem Jungen Mut zu.

Aber entweder hörte Harry ihn nicht, oder er glaubte ihm nicht, denn seine Flügelschläge wurden immer hecktischer. Als Harry kurz innehalten musste, weil ihm schon alles weh tat, schrie er erneut, da er ein Stücken in die Tiefe sackte. Aber dabei bemerkte er, dass es nur ein kleines Stück war und dass er, sobald er einen neuen Flügelschlag machte, sofort wieder an Höhe gewann.

Endlich wurden Harrys Flügelschläge etwas ruhiger und letztendlich landete Harry vor Severus Füßen am Boden. Für einen kurzen Moment überlegte Harry noch, wie er wohl wieder zu einem Menschen werden würde, doch dann sah er in Severus finsteres Gesicht und eine Welle von Schuldgefühlen überrollte ihn.

Mit einem kaum hörbaren Plop wuchs er in die Höhe und nahm wieder die Gestalt eines Dreizehnjährigen an. Um sicher zu gehen, dass er wieder ganz der alte war, sah Harry sich seine Beine und Arme an. Alles war wieder so, wie es sein sollte.

Doch die Erleichterung hielt nur kurz an, denn plötzlich fuhr Severus' Hand nach vorne und schneller als Harry mitkam, fand er sich an Severus Seite geklemmt wieder und kurz darauf landeten drei harte Schläge auf seinem Hintern. Danach wurde er erneut herumgedreht, so dass Severus dem Jungen in die Augen blicken konnte.

„Würdest du mir bitte erklären, wie du an die Decke des Clubraums kommst, wo du doch in der Bibliothek bleiben solltest?"

Harry schniefte und blickte auf seine Fußspitzen. Gedankenverloren ribbelte er an seinem Hinterteil.

„Es tut mir Leid" wisperte er, „Ich war mit den Hausaufgaben fertig und ich wusste nicht, was ich noch tun konnte!"

„Soll das heißen, wann immer dir langweilig wird, brichst du einfach ein paar Regeln?"

„Nein!" sagte Harry und sah auf. „Ich wollte nur… ich dachte der Clubraum wäre okay. Du hast nicht gesagt, ob ich ihn betreten darf oder nicht und ich musste mal etwas anderes sehen, ich… ich mag es nicht, so eingesperrt so sein. Ich wollte nur einfach mal neue Wände sehen."

„Und was ist mit der Anweisung keine Stunts, ohne meinem Beisein?"

„Ich wollte mich nicht in eine Fledermaus verwandelt, ehrlich. Es ist einfach passiert. Ich… ich dachte, ich könnte ein bisschen Wände klettern üben. Die Sitzsäcke hätten einen Fall gut gedämpft, aber dann war ich plötzlich an der Decke und dann kam auf einmal jemand bei der Tür herein, ich habe mich erschreckt und plötzlich war alles so anders."

„So gut dein Plan auch durchdacht war, Harry. Du hast dennoch mit vollem Bewusstsein meine Anordnung missachtet. Und deine Kräfte ausprobiert, die du nicht einmal genau kennst. Du hast, ob nun gewollt oder nicht, dein Leben damit in Gefahr gebracht!"

Harry nickte, aber er sah miserabel drein. Er kannte inzwischen die darauf folgenden Konsequenzen. Und er war davon überzeugt, das die drei Klapse nur ein Vorgeschmack waren.

„Ich habe seit gut einer viertel Stunde Unterricht. Geh in die Bibliothek und bleibe dort, bis ich wieder komme!" sagte Severus schließlich.

Erneut nickte Harry. Er fühlte sich schlecht. Nicht nur weil er Severus enttäuscht hatte, er hatte ihn auch von seinem Unterricht fern gehalten. Dafür war er sicher in großen Schwierigkeiten.