Langsam öffnete ich meine Augen und blinzelte in den Raum. Das Letzte woran ich mich erinnerte, war der Zusammenbruch auf der Straße. War wohl doch etwas viel gewesen für meinen geschwächten Körper. Mein Blick schweifte weiter durch den Raum bis ich an einem verwuschelten Kopf hängen blieb. Ich grinste und musterte L, der neben mir auf einem Sessel saß. Ein breiteres Lächeln umspielte meine Lippen. Er hatte seine Beine nah an seinen Körper gezogen, umfasste mit seinen Armen diese und seinen Kopf vergrub er hinter den Knien. Ich sah diese Sitzhaltung schon mal in einer Erinnerung, ob er schon immer so saß oder sogar schlief?

Ich versuchte mich aufzurichten, was mir nur schwer gelang, da ich scheinbar immer noch zu sehr geschwächt war. Ich keuchte leise unter der Anstrengung und lehnte mich an den Couchrücken.

„Sei leise Beyond, du willst doch L nicht wecken", mahnte ich mich.

Ich legte meine linke Hand auf meinen Bauch und stöhnte. Scheiße, tat meine Wunde weh. Scheinbar war sie sogar aufgegangen nach dem Sprint vorhin, der komplette Verband war blutdurchtränkt. Ich hob erneut meine linke Hand, diesmal aber vor mein Gesicht. So viel Blut… wie schön es schimmerte. Ich bewegte sie noch näher an mein grinsendes Gesicht und ein leises Kichern entfuhr mir.

„Mmh? Beyond, was machst du da?", wurde ich aus meinen Gedanken gerissen.

Mist, scheinbar war L aufgewacht. Er hatte aber auch echt einen leichten Schlaf… wie viel er wohl mitbekommen hatte?

„Nichts, ich war nur erschrocken von dem ganzen Blut. Ich glaube ich sollte meinen Verband erneuern", antwortete ich.

L schwang sich, elegant wie eine Katze, vom Sessel, ging an mir vorbei und setzte sich in der gleichen Sitzhaltung, die er eben hatte, links neben mich.

„Lass mal sehen", flüsterte er in mein Ohr und beugte sich über mich, sodass sein Gesicht direkt vor meinem Bauch war.

Wieso war mir diese Situation nicht unangenehm? Ich fühlte mich sogar richtig wohl so umsorgt zu werden. L führte seinen Zeigefinger in Richtung meiner Brust auf Höhe meines Herzens und setzte sanft seinen Finger dort ab. Ich hielt die Luft an, was hatte er vor?

Ganz leicht drückte er gegen meine Brust, als er die Handfläche auf ihr absetzte. Nun bekam ich eine Gänsehaut. Was ging nur in mir vor? Wieso fühlten sich seine Berührungen so gut auf meiner Haut an? Er blickte zu mir hoch und tief in meine Augen. L hatte tiefschwarze, unergründliche Augen, in denen man sich verlieren konnte. Ich liebte sie.

Seine Hand glitt ganz langsam hinab, Richtung Bauchnabel. Ich blickte ihm fest in die Augen… was hatte L vor? Sollte ich mich wehren oder abwarten? Es war verwirrend, die ganze Situation überforderte mich. Wollte ich das überhaupt?

Seine Hand wanderte immer weiter hinunter, ein schräges Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus.

„Es tut mir Leid Beyond", sagte er frech und schaute tiefer in meine Augen.

„Aber waru…", wollte ich gerade nachfragen, aber dazu kam ich nicht mehr.

Ein schmerzverzerrter Aufschrei durchfuhr das Haus. L, dieser Drecksack!

„Sag mal spinnst du?!", protestierte ich.

L fing an zu lachen und ließ sich neben mich auf die Couch fallen.

„Oh mein Gott Beyond, dein Gesicht war göttlich!", presste er zwischen seinem Lachkrampf heraus.

Dieser Idiot hatte die Gelegenheit genutzt und blitzschnell das Pflaster, womit die Wundkompresse auf meinem Bauch fixiert war, abgezogen. Es tat zwar schon nicht mehr weh, aber ich war dennoch sauer.

„Sei doch nicht so wütend Beyond. Ich muss die Wunde neu verbinden und säubern. So ging es einfach schneller...", er kicherte weiter vor sich hin.

„... Oder was dachtest du?", fragte er schmunzelnd hinterher.

„Ich dachte gar nichts… und außerdem hatte ich aus Schreck geschrien, bilde dir ja nichts darauf ein. Ich halte mehr aus, als du denkst!", gab ich beleidigt zurück.

Er setzte seinen Zeigefinger auf die Lippen und blickte gegen die Decke.

„Irgendwo habe ich das schon einmal gehört. Ist nicht allzu lange her", redete er vor sich hin und blickte daraufhin mit einem Lächeln in meine Augen.

Schmollend schaute ich weg und verschränkte die Arme vor meiner Brust.

Ich merkte wie L neben mir aufstand und in einen Nebenraum schlenderte. Kurze Zeit später kam er mit einem kleinen Koffer wieder heraus und stellte mir diesen auf den Tisch vor mich.

„Du hast bestimmt Hunger und Durst. Ich mach uns eben etwas, Watari hat bestimmt dafür gesorgt, dass der Kühlschrank hier gut gefüllt ist, nachdem er in seinen wohlverdienten Urlaub ging."

Und schon verließ L das Zimmer in einen weiteren Raum.

Was mache ich hier nur? L darf niemals erfahren, dass ich an den Morden schuld bin. Niemals.

Ich würde ihn sicherlich verlieren, aber warum machte ich mir darum Gedanken? Bis vor Kurzem wollte ich ihn noch töten. Mein Ziel war es, ihn durch meine Morde hervorzulocken. Dies hatte ich nun geschafft, auch wenn es anders verlief als geplant, aber nun? Hatte ich das Zeug ihn zu töten? Wieso wollte ich ihn nochmal töten?

„L ist daran schuld, dass du gestorben bist. Mehr werde ich nicht preisgeben."

Das waren die Worte des Shinigamis gewesen.

Mittlerweile konnte ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, wieso L mich getötet hat oder ob er es überhaupt getan hatte. Er war so nett und freundlich zu mir… war es nur eine Fassade um mich endgültig von der Bildfläche verschwinden zu lassen? Ich schüttelte den Kopf und öffnete den Koffer vor mir.

„Ach, scheiß drauf… ich werde abwarten und die Situation neu einschätzen.", murmelte ich vor mich hin.

Ich blickte in den Koffer und erkannte, dass sich darin Verbände, Pflaster, Zange, Pinzette und alles Nötige befand, was ich für die Versorgung meiner Wunde benötigte. Sogleich begann ich mit dem desinfizieren und verbinden, als L schon wieder aus dem Nebenraum heraus kam, in seinen Händen eine Tasse und ein Glas. Er schlenderte zu mir und setzte sich neben mich auf das Sofa.

Ich schaute ihm in sein Gesicht, es strahlte vor Glück, aber warum? Er schloss die Augen, legte seinen Kopf schief und lächelte mir entgegen.

„Hier einen Kakao und was du früher so sehr geliebt hast. Erdbeermarmelade", teilte er mir freudig mit.

Ich weitete meine Augen, konnte aber in diesem Moment nichts sagen. Ich war wie gelähmt. L öffnete seine Augen ebenfalls und blickte mir entgegen. Nie im Leben hatte er mich getötet… ich konnte es nicht glauben.

Langsam hob ich meine Hand zu seiner Wange und berührte sie sanft. Es fühlte sich so vertraut an, eine Wärme breitete sich in meinem Herzen aus. Seine Augen strahlten so lebendig, ein vertrauter Blick, der mich tief in meiner Seele traf.

Ich beugte mich zu L, griff mit meiner anderen Hand in seinen Nacken und zog ihn sanft zu mir.

Ein Gefühl, was mir signalisierte, dass dies schon lange fällig war, breitete sich in meinem Herzen aus. Doch ehe ich es hinterfragen konnte trafen sich unsere Lippen und ich hauchte ihm einen zärtlicher Kuss zu.