XI.

Hope versperre die Türe zu ihrem Appartement obwohl sie nicht so recht wußte, warum eigentlich. Sie konnte die nostalgischen Gefühle die in ihr aufwallten nicht unterdrücken … sie würde nie mehr zurückkommen um ihre Blumen zu gießen oder mit Rhonda auf der Terrasse plaudern … sie fragte sich, wie Rhonda auf die Nachricht über ihre ‚Heldentat' reagieren würde; würde sie sie hassen oder verstehen? Sie würde Rhonda vermissen. Und Gramps. Und ihre Bücher. Ihre Arbeit.

Aber dann schüttelte sie energisch den Kopf und verdrängte diese wehmütigen Gedanken. Sie war dabei zum Abenteuer ihres Lebens aufzubrechen, es gab absolut keinen Grund für Traurigkeit. Von Rhonda abgesehen hatte sie sich mit keinem ihrer Mitarbeiter angefreundet und Sinus war nie wirklich eine Heimat für sie gewesen, zudem machte Compsyns Firmenpolitik sie alles andere als glücklich. Außerdem würde sie ja mitten in ihrer Arbeit leben - die Defiant war alles andere als fertig. Und dann wartete da dieser unglaubliche Mann nur ein paar Meter entfernt auf sie …

Sie beeilte sich zu Riddick aufzuschließen. „Wir müssen in den Keller hinunter. Von dort gibt es einen Gang, der zum Einkaufszentrum führt und dort können wir ein Fahrzeug stehlen … aah … requirieren." Riddicks amüsiertes Grinsen ließ sie die Stirn runzeln „Was? Wir sind dabei ein Raumschiff zu stehlen, da kommt es auf ein Fahrzeug mehr oder weniger auch nicht mehr an, oder?"

Riddicks Grinsen wurde breiter „Manchmal bist du regelrecht unheimlich, Babe. Nur zu, geh voran." Er wußte Bescheid über die Tunnel im Keller aber es würde ihm nicht wehtun, wenn er ihr die Führung überlassen würde. Vorerst.

In der Garage des Einkaufszentrums waren jede Menge Fahrzeuge abgestellt und ein passendes war schnell gefunden. Mit dem PADD dauerte es keine 30 Sekunden, bis sie das Schloß geknackt und das Fahrzeug gestartet hatte und Hope konnte sich nicht verkneifen, Riddick einen triumphierenden, selbstzufriedenen Blick zuzuwerfen. „Ich hab's dir doch gesagt, oder?" Sie kramte einen Augenblick in ihrer Jackentasche herum und beförderte dann zwei Headsets zutage. „Spezialanfertigung" erklärte sie „Ich hab sie vor ein paar Wochen zusammengebaut, als mir ein wenig langweilig war. Sie sind absolut abhörsicher."

Riddick schüttelte den Kopf „Ich habe nicht vor getrennt vorzugehen, wir werden sie nicht brauchen."

„Ach komm schon, Riddick, tu mir einfach den Gefallen." Sie drückte ihm das kleine Gerät in die Hand und adjustierte das zweite in ihrem Ohr.

Die Straßen waren nahezu leer und sie erreichten den Hangar ohne Probleme. Ein vor dem Hintereingang abgestelltes Fahrzeug würde Aufmerksamkeit erregen und so stellten sie es ein paar Straßen entfernt ab und gingen den letzten Kilometer zu Fuß. Hope blickte in einen Retina Scanner und tippte einen komplizierten Code in das Tastenfeld darunter ein und schon öffnete sich die Hintertüre für sie.

„Keine Wachen?" Riddick mochte es nicht, wenn etwas zu problemlos ablief; meistens war das genau der Zeitpunkt, wo alles anfing so richtig schief zu gehen.

Hope zuckte nur ihre Schultern. „Das ist völlig normal. Es ist absolut unmöglich die Türe aufzubekommen, wenn du nicht dazu berechtigt bist. Nicht einmal mit einer Bombe würde man hier reinkommen."

Das ganze Gebäude war gebaut wie eine Festung und nur ein paar Wachen patrouillierten in der Nähe der Büros durch die Gänge. Die Korridore waren nur schwach beleuchtet und völlig verwaist; die Frühschicht würde erst in etwa drei Stunden eintreffen. Der Hangar mit der Defiant befand sich auf der anderen Seite des Gebäudes und die Gefahr entdeckt zu werden wurde erst groß, wenn sie ihrem Ziel viel näher waren.

Sie hatten bereits zwei weitere Checkpoints passiert und gerade den 3. erreicht, als sie Schritte hinter sich hörten. Hope warf Riddick einen schnellen Blick zu „Ich mach das schon" flüsterte sie. Riddick verschmolz mit den Schatten hinter der Konsole; er wollte sehen, wie sie unter Streß reagierte und mit dieser Situation umging; sollte sie Probleme haben konnte er jeder Zeit eingreifen.

Hope wußte nicht so recht, was sie tun sollte und so drehte sie sich in die Richtung, aus der die Schritte schnell näher kamen. Aus dem Augenwinkel konnte sie Riddick sehen, der sein Messer aus dem Gürtel nahm und Hope war völlig schweißgebadet, als der Wachmann um die Ecke bog.

Sie erkannte ihn … von allen Wachmännern mußte es ausgerechnet Fred sein. Sie hatte schon öfter Probleme mit ihm gehabt wenn sie bis spät in die Nacht hinein gearbeitet hatte; er hielt sich für unwiderstehlich und akzeptiere ein ‚nein' nicht als Antwort.

Hope setzte ein kühles Lächeln auf und trat einen Schritt zurück, damit er mit dem Rücken zu Riddick stand. Sie suchte verzweifelt nach einem Weg, Fred loszuwerden aber ihr fiel absolut nichts ein - ihr Gehirn schien völlig auf Leerlauf geschaltet zu haben; nun sie würde einfach improvisieren müssen. Fred war auf den ersten Blick gar nicht so unattraktiv aber er hatte die grusligsten, kältesten und leersten Augen die sie je bei einem Menschen gesehen hatte. Sie schüttelte sich und warf ihm einen betont finsteren Blick zu.

Fred grinste genau so anmaßend wie auch sonst immer „Hey, Schönheit, wieder mal eine Nachtschicht? Du hast mich vermißt, gib's zu." Er trat so nahe an sie heran, daß er sie fast berührte.

Hope schluckte; der Drang sich zu übergeben war überwältigend. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust, wich aber nicht zurück. „Ich habe ein Experiment laufen und muß danach sehen und ich bin mir sicher, daß du auch irgendetwas zu tun hast. Laß dich nicht aufhalten." Hopes Antwort war unhöflich und ihre Stimme eiskalt und sie hoffte, daß Fred den Wink verstehen würde aber er ignorierte ihre Antwort völlig und trat noch näher zu ihr.

„Ich hab dir immer schon gesagt daß du dringend einen Mann brauchst. Einen richtigen Mann wie mich, der dir das Bett wärmt und der dich so befriedigt, daß du nicht ständig an deine Arbeit denkst. Und du mußt gar nicht erst so tun als wärst du die Eiskönigin … ich weiß genau, daß du mich willst."

Hope konnte seinen Atem in ihrem Gesicht fühlen und wenn er auch nur noch einen Zentimeter näher kam würde er sie berühren.

Fred wollte sie gerade an sich ziehen, als Riddick wie ein Gespenst hinter im auftauchte. Fred hatte nicht den Hauch einer Chance sich gegen ihn zu wehren. Das Messer drückte gegen seine Kehle, verharrte dort einen Augenblick lang. „Sie hat schon einen Mann" flüstere Riddick ihm ins Ohr, so leise daß Hope es nicht verstehen konnte und verstärkte dann den Druck, schnitt tief in Freds Kehle, durchtrennte die Luftröhre und beendete Freds Leben bevor der sich dessen so richtig bewußt war.

Riddick hatte die Szene vor ihm mit wachsendem Zorn beobachtet. Er wollte nicht, daß dieser Abschaum sie berührte, er haßte die Art, wie er mit ihr sprach. Sie gehörte ihm und niemand faßte an, was ihm gehörte. Moment ... 'was ihm gehörte' ? Woher war das jetzt gekommen? Wann hatte er angefangen so von ihr zu denken?

Hope war wie gelähmt. Sie hatte noch nie zuvor eine Leiche gesehen, geschweige denn wie jemandem die Kehle aufgeschlitzt wurde. Und sollte da nicht viel mehr Blut sein? Sie war nicht fähig sich zu bewegen bis Riddick sie schließlich schüttelte.

„Hast du wirklich gedacht, daß es einfach sein würde? Du solltest dich besser an den Anblick gewöhnen, du wirst noch mehr Leichen zu sehen bekommen wenn du bei mir bleibst." Er war wütend und ließ es an ihr aus. Er konnte ihr nicht verzeihen, daß sie anfing sich in sein Herz zu schleichen und ihn dazu brachte von ihr als ‚seine' zu denken.

Hope wußte nicht recht, wie sie mit Riddicks dunkler Seite umgehen sollte, sie wußte nicht, ob sie das jemals können würde. „Er war ein schmieriger Kerl aber mußtest du ihn wirklich gleich umbringen?" Sie hatte damit zu tun einen neuerlichen Anfall von Übelkeit niederzukämpfen.

Riddick hob seinen Zeigefinger, seine andere Hand hielt ihr Kinn umfaßt und zwang sie, ihn anzusehen. „Lektion 1: laß niemals jemanden lebend zurück, der dich dann unter Garantie von hinten angreift. Letzte Chance umzudrehen, Hope. Entscheide dich, und zwar schnell; hier ist der Punkt, von dem an es keine Rückkehr mehr gibt."

Hope starrte ihn mit großen Augen an und seine Wut verrauchte genau so schnell, wie sie aufgeflammt war. „Babe, bleibst du bei mir?" fragte er in einem wesentlich sanfteren Ton und ließ sie los.

Hope schüttelte ihre Benommenheit ab, tippte den Code für diesen Checkpoint ein und öffnete die Tür ohne ein Wort zu sprechen. Nachdem Riddick Freds Waffe in seinen Gürtel gesteckt hatte schleifte er ihn hinter die Konsole, versteckte ihn so gut es ging und schloß dann zu Hope auf. „Babe, haben wir hier ein Problem, das wir zuerst klären sollten?" Er suchte in ihrem Gesicht nach einer Antwort und fand darin nur grimmige Entschlossenheit; gut.

Der 3. Checkpoint war der letzte auf ihrem Weg zum Hangar und sie erreichten das Rolltor ohne weitere Probleme. Zu Hopes Überraschung war das Tor geschlossen und sie beeilte sich, ihren Code einzugeben; vermutlich war der Stromausfall dafür verantwortlich, wahrscheinlich schloß es sich automatisch in einem solchen Fall.

Es war eine ziemlich böse Überraschung als sie sah, daß das Schloß ihren Code nicht akzeptierte. Sie versuchte es zweimal aber das Resultat blieb stets das gleiche. „Shit, shit, SHIT!" fluchte sie und trat so fest sie konnte gegen das Tor. Sie war müde und aufgebracht und verängstigt und hatte einfach nicht die Geduld sich mit einem verdammten, dämlichen, codeverweigernden Tor auseinander zu setzen.

„Und da hab ich gedacht, daß dein PADD uns alle Türen öffnen würde; du hättest mir sagen können, daß deine Wunderstiefel das auch können."

Hope funkelte Riddick an; dachte er, daß es ihr half wenn er sich über sie lustig machte? Sie wollte ihrem Ärger Luft machen aber sein Gesichtsausdruck verwirrte sie … er sah nicht aus als würde er sie auf den Armnehmen wollen, eher als wollte er sie aufmuntern. Verflixt, dieser Mann sollte mit einer Gebrauchsanweisung kommen.

Ohne einen weiteren Kommentar verband sie ihren PADD mit der Schalttafel an der Tür, hackte sich ein und eine Minute später begann das Tor endlich sich zu heben. Jetzt mußte sie nur noch sicherstellen, daß es blockierte sobald es sich wieder geschlossen hatte und sie würden fürs erste sicher sein. „Könntest du schon mal vorgehen und den Start vorbereiten? Der Kern wird eine Weile brauchen bis er so weit ist. Ich aktiviere das Headset. In Ordnung?"

Riddick schob den Rucksack durch den schnell wachsenden Spalt und warf einen Blick zurück „Laß dir nicht zu viel Zeit sonst komme ich und hole dich."

Einen Augenblick später war er verschwunden; zu ihrer immensen Erleichterung hatte sie gesehen, daß er ebenfalls das Headset aktiviert hatte … so lange sie ihn hören konnte fühlte sie sich nicht ganz so alleine.