Zacharias hatte inzwischen schon aus Holzknüppeln, Harz, Magnesiumpulver und den Stoffstreifen seines Hemdes ein paar Fackeln gebastelt. „Bist du fertig mit Fachsimpeln? Können wir los und diesem Ding das Handwerk legen?"

Die junge Chinesin nickte und nahm eine der brennende Fackel in Empfang. Bevor sie aber dem verschleppten Mann in die Dunkelheit folgten, hoben beide ihre Zauberstäbe und sandten zwei Notrufsignale gen Himmel. Die Frage, ob sie die Prüfung bestanden oder nicht, war ab sofort hinfällig. Hier ging es um viel mehr.

Die Höhle des Strix! Verflucht, ihr Beschützer steckte nun selbst gewaltig in der Klemme, ohne die Möglichkeit selbst um Hilfe zu rufen. Jetzt lag es allein in ihrer Hand, an ihrem Wissen und Können, ob er da lebend wieder raus kam.

Das Erste, was sie fanden, war der Umhang des Verschollenen und wenig später die Lederweste des Aurors. Zach nahm den wärmenden Umhang vorsorglich mit sich. Ein wimmerndes Heulen aus der Ferne jagte ihnen einen eisigen Schauer über den Rücken. Kurz darauf musste Zach seine Begleiterin auffangen, da sie über etwas am Boden stolperte. Argwöhnisch untersuchten sie die Stiefel ihres Lehrers, die mitten in dem Gang herumlagen. „Seltsame Angewohnheiten hat dieser Strix schon", brummte Zacharias.

Cho schüttelte sich aber vor Grauen und meinte: „Nein, er geht systematisch vor und raubt seinem Opfer zuerst die schützende Kleidung. Schnell weiter, sonst ist es zu spät!"

Amelia Bones und ihre sechs Begleiter waren beunruhigt, als auch noch die Signalzauber der Rekruten über den Nebeln aufleuchteten. Noch mehr Personen in Not, doch befanden sich offensichtlich alle am gleichen Fleck und die Retter mussten sich nicht aufteilen. Mrs Bones verdrängte die Tatsache, dass der Peilzauber von Doge vor Kurzem verstummt war. Die Verbindungsimpulse waren erloschen und eine der wenigen Erklärungen war der eingetretene Tod ihres Aurorenkollegen. Amelia umklammerte ihren Besen und sah mit verkniffenem Gesichtsausdruck geradeaus. Sie wollte nicht glauben, dass sie zu spät kamen. Sie wollte glauben, ihrem gutherzigen ehrbaren Kollegen doch noch helfen zu können. Die Rettungstruppe behielt die Richtung auf die neuen Signale bei, in der Hoffnung dort mehr Informationen über den Verbleib von allen Vermissten zu erhalten.

Von einer Sekunde auf die andere flogen Eiskristalle durch den Stollen auf die jungen Retter zu und drohten sie zu vollständige einzuhüllen.

Die Fackeln erloschen mit einem Zischen und Zacharias Smith schwang seinen Zauberstab, um einen Schutzbann um sie zu ziehen. Seine Bewegungen waren aber langsam, als würde er in zähflüssigem Gelee waten. „Es wird nicht lange halten und ich habe keine Kraft, um noch einen Zauber zu sprechen", jammerte der junge Blonde. Cho am Boden zu seinen Füssen werkelte an den Fackeln herum und es gelang ihr wenigsten eine von ihnen mit einem Muggelfeuerzeug wieder zu entzünden. „Wahhhh! Geh weg du Scheusal!", schrie gleich darauf Zach, der im Schein der Flammen keine drei Schritte weiter das lauernde Eulenwesen sichtete. „Lass sie zufrieden, du Biest!" Der Junge versuchte mit Fusstritten den Gegner zu vertreiben, doch er holte sich nur kalte Füsse und zog sich mit Cho etwas zurück. Jetzt aber schien der Strix Jagd auf sie beide zu machen. Sein erstes Opfer hatte er wohl schon an einem geeigneten Ort untergebracht, wo es nicht mehr entfliehen konnte. Nur noch durch eine Magnesiumfackel geschützt war selbst der Rückzug ein gefährliches Unterfangen.

„Wir sind ohnehin im Nachteil, so können wir auch gleich angreifen. Auf jeden Fall hilft es unserem Lehrer mehr, als dass wir uns beim Davonkriechen auch erwischen lassen", Cho war für einen Kampf und warf dem Strix einen Stein an den Kopf. „Siehst du, er muss ausweichen, wir haben auch ohne zu Zaubern eine Chance."

Zacharias zog nur eine Grimasse und schützte sie beide mit einem Protego vor den Eiszapfen, die ihnen nun als Revanche um die Ohren flogen. „Wie wollen wir kämpfen, wenn wird wegen Glatteis ständig auf der Nase liegen?", beschrieb er die Situation von Cho. Die junge Frau war wegen der zersplitterten Eisstücke hingefallen und robbte nun aus der Reichweite der klauenartigen Hände des Strix. So wie es aussah, war der Angreifer daran, auch über die jungen Zauberer eine energielähmende Glocke zu legen. Die Bannsprüche und die Scheinattacken von Zacharias mit der Fackel verzögerten das Ansinnen nur. Bald würden sie wohl das Schicksal von Doge teilen.

Doge! Im Moment der Verzweiflung blitzte in den Erinnerungen von Cho eine Szene auf. Ein Hund so schnell wie der Wind, mit Mähne aus Feuer und Glut, treu seinem Herren folgend.

Es war an dem Tag gewesen, als sie ihrem Lehrmeister nachspioniert hatte. Sein Privatleben bespitzelte, als Übung im verdeckten Ermitteln. Doge hatte sie nicht bemerkt damals, er war zu sehr mit dem Hundetraining beschäftigt gewesen. Doch nicht ihre erfolgreiche Tarnung war jetzt wichtig, sondern der unbezahlbare Begleiter von Doge, nur er könnte jetzt noch helfen.

Cho setzte alles auf eine Karte, blendete die Gefahr, in der sie schwebte, aus und versetzte sich in den komplexen Zustand der Telekinese. Es waren nur wenige Auramerkmale, die sie als Anhaltspunkte für ihr Vorhaben hatte, doch es musste ausreichen. Hochkonzentriert murmelte sie die Beschwörungsformeln, auch wenn Zach sie ständig aus der Reichweite des Schattenwesens ziehen musste. Verzweifelt liess sich der junge Mann schliesslich dazu hinreissen, die brennende Fackel nach dem Wicht zu werfen, welcher dem hellen Licht auswich und sich lachend einige Meter zurückzog. Es war ein Fehler gewesen, das Licht aus den Händen zu geben. Erde und Staub vor sich herschiebend, deckte der Angreifer triumphierend das Feuer zu. Die letzten Flammen erstickten und Zach sah ihr Ende gekommen.

„Feuerwind, lass deinen Herren nicht im Stich!", endete die verzweifelte Beschwörung der jungen Frau an seiner Seite. Doch Zacharias wusste nicht, was er davon zu erwarten hatte. Bereits den kalten Atem des Untoten im Nacken spürend, gewahrte Cho einen Funken neben Zach aufglimmen. Dieser wurde immer grösser, bis ein wolfsähnlicher Hund mit flammendroten Augen und langer glühender Mähne vor ihnen stand. Ohne sich um die staunenden Rekruten oder um den erschrocken fauchenden Strix zu kümmern, rannte Feuerwind eilends in den dunklen Tunnel hinein. Cho hatte keinen Zweifel, das Tier würde seinen Herren finden. Erleichtert wollte sie sich zu Boden sinken lassen, fühlte sich aber von starken Armen gehalten und gestützt.

„Wir sind noch nicht am Ende unserer Mission", raunte ihr Zacharias ins Ohr. „Das magische Hundewesen kann seinen Meister nur schützen, nicht tragen. Dies könnte ich übernehmen, aber ich lass dich gewiss nicht bei dieser Kreatur zurück."

War es Wärme und Fürsorge, die in seiner Stimme mitschwang? Cho raffte sich unter dem Zuspruch von Zach auf und folgte ihrem Begleiter, der sie gewissenhaft mit sich zog. Winselnd und fauchend kam ihnen auch die verhexte Seele hinterher. Da sie aber nichts mit einem echten Dämon gemeinsam hatte, war sie nur so schnell wie ein Mensch zu Fuss. Dies war bei der untrainierten Kreatur eher ein unbeholfenes Joggen, als denn ein Rennen. Bei diesem Wettlauf durch den verwinkelten Stollen konnte der Strix kaum mit den motivierten jungen Zauberern mithalten, geschweige denn Feuerwind einholen.

Der feurigleuchtende Heliopathenhund lag bereits bei dem entkleideten Opfer des Strix in der kalten Gruft, als die beiden jungen Helfer eintrafen. Entsetzt blickte Cho auf den unnatürlich blassen Körper des reglosen Aurors und dessen blau angelaufenen Lippen. Es stand gar nicht gut um Fabian, da sein Organismus selbst das Kältezittern bereits eingestellt hatte. Erst als Feuerwind aufjaulte und ihn mit seinem heissen Atem anhechelte, öffnete Doge träge die Augen.

„Es ist noch nicht zu spät", stiess Zacharias hervor und sprang behände in die Grube. „Rasch, hilf mir ihn rauszuziehen, bevor die Kälte des Strix auch mich lähmt!"

Cho warf einen letzten Blick zurück auf ihren Verfolger im Tunnel. „Vorsprung noch etwa 30 bis 40 Sekunden", meldete sie, kniete neben die Grube und beugte sich hinunter.

Zacharias hatte Fabian Doge bereits in sitzende Position gebracht und stemmte den Leib des unterkühlten Aurors weiter in die Höhe. Cho fasste den Mann unter den Armen, um ihn über den Rand der Grube zu ziehen. Feuerwind lief derweil aufgeregt neben ihr auf und ab. Als ein leises Flüstern über Fabians Lippen kam, wandte sich sein Hund mit gebleckten Zähnen und wild auflodernder Mähne dem nahenden Strix zu.

Nicht nur das untote Wesen spürte die heisse Wut, die von dem treuen Wächter ausging. Die Hitze und vor allem das helle Licht zwang den Strix auf Abstand zu bleiben. Die jungen Rekruten waren froh darüber, auch wenn ihnen jetzt der Schweiss über die Stirn lief. Mit einem letzten Ruck hievten sie den Mann aus der Grube und legten ihn auf den mitgebrachten Umhang. Unfähig Gefühle zu äussern oder mitzuhelfen, registrierte Fabian, wie er in den wärmenden Stoff eingewickelt wurde. Mit aller Macht klammerte er sich an das Leben, welches seine Schüler so tapfer zu retten versuchten.

Zacharias übernahm es, mithilfe von Magie seinen Lehrmeister hochzuheben und wegzutragen. Der Weg zum zweiten Ausgang des Höhlenlabyrinths wurde eine Hetzjagd auf Leben und Tod.

Der wütende Abkömmling der Strigoi verfolgte sie durch nur ihm bekannte Nebengänge und machte so ihren Vorsprung oftmals wieder wett. Zacharias musste nicht nur den wehrlosen Mann unfallfrei vor sich her levitieren, sondern auch jede Einmündung sichern, bevor er sie passieren konnte. Cho hielt ihm mit wohldosierten chinesischen Feuerwerkszaubern erfolgreich den Rücken frei, immer darauf bedacht dabei nicht den ganzen Tunnel einstürzen zu lassen. Feuerwind sprang dann ein, wenn das befiederte Eulenwesen einen Kälteangriff startete, bei dem sich Boden und Wände des Stollens mit blankem Eis überzogen.

Die ganze Zeit waren die Höhlengänge mit Winseln, Stöhnen und Jammern, mit Flüchen und grollendem Knurren erfüllt. Hin und wieder krachten Steine nieder, wenn Zacharias kurzerhand einen Nebenstollen sprengte. Je näher sie dem Ausgang kamen, desto lauter wurden die unheimlichen Laute, welche aus der Tiefe der Erde drangen.

Die Rettungskräfte für magische Unfälle und Katastrophen hatten Terry am Rande des Tales längst aufgespürt und als Zeuge zu der Unglücksstelle mitgenommen. Er hatte ihnen noch als Einziger mitteilen können, was sich nach dem Betreten des Tals abgespielt hatte. So wussten die Männer, dass neben den Rekruten und dem Meister noch eine weitere Person, ein Wicht, sich umtrieb. Längst war die Suche bei der Schlucht angelaufen und Terry wartete mit Bangen am Ende des Fusspfades auf erste Nachrichten der ausgeschwärmten Patrouille. Seine Aufsichtsperson Mrs Wakanda legte das Fernglas beiseite, da es in der hereinbrechenden Nacht nichts mehr nützte. Auch die meisten der Auroren und Retter stellten bei zunehmender Dunkelheit die Suche ein und versammelten sich beim Treffpunkt.

„In der Schlucht sind nur wenige Spuren zu finden, dass die Rekruten und ihr Lehrer hier durchgekommen sind. Dawlish und Tiberius stossen auch gleich zu uns. Sie haben eine Art Höhlung etwa einen halben Kilometer weiter ...", berichtete Eric Munch gerade, als die unterirdischen Geräusche in nächster Nähe begannen. Terry und die versammelten Rettungskräfte warfen sich bedenkliche Blicke zu. Solche Laute brachte man mit der Hölle in Verbindung, wenn der Teufel die verlorenen Seelen folterte.

Als dann alle Vermissten, gefolgt von einem flammenden Wirbelwind aus der laut stöhnenden Höhle hervorbrachen, zuckten etliche der altgedienten Auroren zusammen, nahmen Terry schützend in ihre Mitte und hoben ihre Zauberstäbe, um den Teufel persönlich zu bekämpfen.

Wenige Schritte von dem Tunnelausgang entfernt ging Zacharias erschöpft in die Knie. Mit letzter Kraft liess er den geretteten Mann noch ein Stück weiter aus der Reichweite des tobenden Strix schweben. Auf einen Freudenruf von Cho blickte er auf und erkannte die Schemen einiger Männer, die herbeieilten. Dass es sich um Auroren handelte, registrierte er erst, als etliche Lumos-Zauber aufflammten und die Gesichter erkennbar wurden.

„Sprengt die Höhle, ich kann nicht mehr!", war das Letzte, das er über die Lippen brachte. Danach sank er vornüber auf den steinigen Boden. Der helle Schein von Feuerwinds Mähne durchdrang die Dämmerung und zeichnete ein groteskes Bild von dem verunglückten Master Doge, der nur dürftig mit einem Umhang bedeckt auf der unwirtlichen Geröllhalde lag. Wenige Schritte dahinter kniete Cho in staubbedeckten Kleidern und beugte sich über ihren erschöpften Freund. Sie wich Zach nicht von der Seite, bis Hilfe da war, egal welche entsetzlichen Drohungen die verwünschte Seele in ihrem Loch auch ausstiess.

Beide Rekruten fühlten sich von starken Armen hochgehoben und sahen, wie auch ihr Lehrer Fabian auf eine Trage gebettet in Sicherheit gebracht wurde. Das Letzte, was sie aus der Schlucht hörten, waren zwei gewaltige Detonationen. Als der Schwindel vom Apparieren nachliess, fanden sich die beiden im grossen Sanitätszelt der Auroren wieder.

Terry, der schon kurz zuvor eingetroffen war, stand bei dem Steinofen, in dem ein wärmendes Feuer prasselte. Als er erkannte, wen die Auroren zurückbrachten, eilte er über die dicken Teppiche zu seinen Freunden, um sie zu begrüssen.

„Willkommen zurück ihr zwei Helden", begrüsste sie nun auch Amelia Bones, nachdem die Auroren gegangen waren. Ihre Worte waren kaum verklungen, da kamen zwei Hilfskräfte aus dem St.-Mungos mit Speisen, heissen Getränken und Decken aus einem anderen Bereich des Zeltes. Sie würden sich nun weiter um die geretteten Schüler kümmern. „Wir sind alle wahnsinnig froh, euch wiederzuhaben."

„Was ist mit Master Doge?", fragte Cho, in Gedanken noch immer bei dem entkräfteten, hilflosen Mann.

„Ihr dürft uns das Erlebte erzählen, wann immer ihr euch dazu imstande fühlt. Alle drei bleiben so lange hier im privaten Lazarett der Elite, bis ihr euch von der wahnsinnigen Aktion erholt habt. Ihr und auch Master Doge, wie du ihn so schön nennst", antwortete Mrs Bones und deutete auf die Planen, welche das Zelt in weitere Bereiche teilte. „Chefheiler Sokrates persönlich kümmert sich bereits um Fabians Wohl. Euer Master liegt bewacht von seinem Hund gleich nebenan."

Zacharias und Cho sanken dankbar auf eines der komfortablen Betten. Nur am Rande nahmen sie wahr, dass einer der Helfer heisses Wasser in einen grossen Badezuber kippte und dann den Vorhang davor zog. Ein warmes Bad würde ihnen gut tun, denn noch steckte das kalte Grauen in ihren Knochen. Die beiden jungen Menschen blickten sich an, lächelten unsicher und fielen sich schluchzend in die Arme. Sie hatten es geschafft, sie hatten alle überlebt!