Kapitel 11: Wahrheit, Hoffnung und Schwüre

Fraya blinzelte heftig gegen das helle Licht. Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit – wie lange es wirklich war, vermochte sie nicht zu sagen – hatte sie die finstere, modrige Zelle verlassen. Obwohl das der Realität wohl nicht ganz gerecht wurde. Eher hatte man sie aus der Zelle geschleppt. Genauso lange, wie sie darin eingesperrt gewesen war, hatte sie nicht mehr auf ihren eigenen Beinen gestanden. Manchmal hatte sie sich gefragt, ob sie überhaupt noch welche hatte. Der Schmerz, als sie versucht hatte, sich aus eigener Kraft fortzubewegen, hatte eindeutig dafür gesprochen. Am Ende hatte sie sich jedoch wohl oder übel von den beiden Soldaten durch den halben Palast hieven lassen müssen. Und nun? Wo befand sie sich im Moment? Der Raum war fast schon verboten hell. Aber natürlich lag das nur daran, dass sie viel Zeit in der Dunkelheit verbracht hatte.

Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Licht. Man hatte sie offenbar in Galbatorix' Thronsaal geschleppt. Was sollte der Unsinn? Als ob es ihm irgendwas bringen würde, sich jetzt auch noch aufzuspielen. Aber vielleicht hatte er es einfach so nötig, hin und wieder sein Ego zu streicheln. Allerdings schien er sich damit Zeit lassen zu wollen. Ein Blick durch den Raum enthüllte, dass von dem selbsternannten König nichts zu sehen war. Nur sein Drache hockte in einer Ecke des Raums und sprühte nicht gerade vor Begeisterung. Er war wirklich ein schönes Exemplar: muskulös mit großen, symmetrisch gebauten Schwingen und einem kräftigen Schwanz, der den messerscharfen Krallen ohne Zweifel in Bezug auf die Gefährlichkeit in Nichts nachstand. Seine dunklen Augen blickten aufmerksam auf die anwesenden Personen. Neben ihm befand sich noch ein sichtlich jüngerer, roter Drache im Raum. Er hatte sich tief in eine Nische verkrochen. Leere lag in seinen Augen und sein Körper war kraftlos auf dem blankpolierten Boden ausgestreckt. Es war ein verstörender Anblick, den Fraya bisher nur selten in ihrem Leben gesehen hatte und noch nie in so einem dramatischen Ausmaß. Nicht weit von dem Roten entfernt stand Murtagh und starrte die ältere Reiterin nachdenklich an. Er wirkte irgendwie deplatziert an diesem Ort. Auch wenn er sich äußerlich um eine ruhige und selbstbewusste, ja fast arrogante Ausstrahlung bemühte, konnte der dehr geübte Beobachter doch erkennen, dass dieses Bild nicht stimmig war.

„Du hast das mit Absicht gemacht", stellte Fraya fest, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.

Murtagh verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere und wandte den Blick ab. Offenbar hatte sie mitten ins Schwarze getroffen. Aber das war ihr schon vorher klar gewesen. Die Umstände waren zu ungewöhnlich. Offenbar hatte Galbatorix es nicht bemerkt, denn sonst würde der junge Reiter dort nicht in so einer guten Verfassung stehen. Von ihrem Standpunkt aus gesehen war es jedoch klar.

„Eigentlich ist es eindeutig. Ihr habt viel zu lange gebraucht. Wir lagen so weit hinter euch, wir hätten euch gar nicht mehr einholen können, wenn ihr den direktesten Weg hier her ohne größere Unterbrechung genommen hättet."

Nun hatte sie wieder Murtaghs volle Aufmerksamkeit. Seine Finger wickelten sich um den Griff seines Schwertes als wollte er es am liebsten herausreißen und sie damit zum Schweigen bringen. Sein Gesicht verriet aber noch einen anderen Gedanken. Er kämpfte wohl mit den Bedürfnis, sich irgendjemandem anzuvertrauen.

„Du kannst es mir ruhig erzählen. Ich werde dich nicht verraten, dein Drache wird es nicht tun und der schweigsame Bursche dahinten auch nicht", wirkte Fraya weiter auf ihn ein.

Murtagh drehte sich kurz zu dem schwarzen Drachen um, der ein verächtliches Schnaufen von sich gab. Dann löste er sich aus seiner verkrampften Haltung und trat mit langsamen, leicht unsicheren Schritten zu Fraya.

„Nein, eher nicht", stimmte er ihr zu. „Es war das Einzige, was mir übrig blieb. Galbatorix hatte seine Anweisungen sehr genau formuliert. Nur eins hatte er vergessen: zu sagen, dass ich Eragon und Saphira unverzüglich zu ihm bringen sollte."

Fraya nickte anerkennend. Dumm war der Junge offenbar nicht. So war es eine umso größere Schande, dass er hier festsaß. Im Moment ließ sich daran aber nicht so viel ändern.

„Warum hast du das riskiert?", wollte sie nun wissen. „Du könntest euch beiden damit viel Ärger einhandeln und nach allem, was ich gehört habe, hast du dich mit deinem neuen Leben recht gut arrangiert."

Ein fast schon tödlich wütender Blick traf sie. So viel also zu dem, was die Leute so sagten. Aber man konnte sich ohnehin nicht darauf verlassen. Viele Dinge musste man selbst erleben, um sie wirklich einschätzen zu können.

„Bestenfalls arrangiert", brummte Murtagh, stellte sich neben Fraya und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. „Eragon und ich waren …. Freunde, gute Freunde – Kampfgefährten. Und davon hatte ich nicht viele in meinem Leben."

Die Begründung klang nicht wirklich überzeugend. Die Haltung des jungen Reiters war nach wie vor zu angespannt und unsicher.

„Und weiter?"

„Nichts weiter", presste Murtagh hervor und schien einen Moment zu überlegen, ob er nicht lieber wieder Abstand gewann, dann entschied er sich aber endgültig für Offenheit. „Und er ist mein Bruder. Wir mögen noch nicht viel Zeit miteinander verbracht haben, weil sich unsere Wege getrennt haben, bevor wir uns überhaupt kennenlernen konnten, aber das bedeutet etwas, auch wenn es während der Schlacht nicht den Eindruck gemacht hat."

Fraya seufzte und lehnte den Kopf gegen die Wand.

„Noch ein Familiendrama", stellte sie ernüchtert fest. „Und wenn du könntest, würdest du diesen Ort verlassen und dich deinem Bruder wieder anschließen?"

Murtagh gab ein ärgerliches Schnauben von sich und wandte den Blick einem der großen Fenster zu, durch die das blendende Tageslicht in den Saal fiel.

„Nicht, dass das nach allem, was vorgefallen ist, noch möglich wäre. Er dürfte mich inzwischen hassen und seine Verbündeten wahrscheinlich noch mehr. Ansonsten..."

Er beendete den Satz nicht, aber das war nicht nötig. Fraya konnte sich denken, was er sagen wollte und es war genau das, worauf sie gehofft hatte. Mit ein bisschen Glück und Geschick ließ sich hier vielleicht mehr retten, als es im ersten Moment den Eindruck gemacht hatte.

„Er hat dich Schwüre ablegen lassen", stellte Fraya fest.

„Ja"

„Unter Einbeziehung deines wahren Namen?"

„Bei jedem einzelnen."

Ein wütendes Grollen ertönte aus der Nische, in der der rote Drache hockte. Offenbar schienen sein Reiter und er sich in diesem Punkt einig zu sein. Und wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre, hatte Fraya ihnen zugestimmt.

„Was für ein dummer Fehler", meinte sie gelassen.

Alle beide Drachen erhoben erstaunt den Kopf und gaben ein Schnaufen von sich. Murtagh wandte sich der älteren Reiterin nun doch zu und sah sie ungläubig an.

„Das ist das übliche fatale Halbwissen gepaart mit der Tatsache, dass manche Leute den Gedanken nicht bis zum Ende denken können", kommentierte Fraya ihre Worte. „Sie glauben, wenn sie die Schwüre unter Berufung auf den wahren Namen leisten, binden sie ihre Opfer noch stärker an sich. Dabei vergessen sie aber, dass sich dieser Name im Gegensatz zu den Worten des Schwurs ändern kann. Und wenn das geschieht, ist jedes damit verbundene Treuebekenntnis wertlos."

Verwirrung nahm Murtaghs Gesichtszüge ein, während in seinen Augen jedoch auch ein Fünkchen Hoffnung aufzuleuchten schien. Das war genau das, was Fraya hatte sehen wollen. Nun konnte sie sich sicher sein, welchen Weg sie beschreiten würde und dass es sich lohnte, ihn zu gehen, auch wenn die Risiken hoch waren.

„Das dürfte aber sehr selten passieren", brachte Murtagh hervor, als er sich von dem Schock erholt hatte.

Fraya erhob mühevoll den Arm und umfasst vorsichtig seine Hand. Ein gewisses Unbehagen war Murtagh bei dieser Geste anzusehen, doch er wehrte sich nicht dagegen.

„Aber es ist möglich", versicherte sie. „Und wenn dir wirklich etwas an deinem Leben, deinem Drachen und deinem Bruder liegt, versuchst du es. Ich werde dir dabei helfen, aber du musst ein wenig Geduld haben und darfst die Hoffnung nicht aufgeben. Der Weg dahin ist steinig und schlängelt sich um so manche absonderliche Ecke."

Sie ließ Murtaghs Hand wieder los. Der Junge nickte nur leicht, auch wenn er immer noch unsicher war.

Eine kurzen Moment herrschte noch verlegenes Schweigen im Saal, bis sich die Tür öffnete. Mit einer schnellen Bewegung gewann Murtagh ein wenig Abstand von Fraya. Es sollte niemand den falschen Eindruck gewinnen oder besser gesagt den richtigen. Galbatorix betrat den Thronsaal und versicherte sich zuerst mit einem aufmerksamen Blick, dass alles seine Ordnung hatte. Offenbar befand er den Zustand für zufriedenstellend. Gemächlich durchquerte er den Raum und ließ sich auf seinem Thron nieder. Es war abstoßen, wie er sich aufplusterte, aber die Zeit war nicht die richtige, um ihm das ins Gesicht zu sagen.

„Also, wo waren wir stehen geblieben?", fragte er betont gelangweilt.

„Irgendwo zwischen unerträglichen Schmerzen und der Forderung nach Treueschwüren", gab Fraya zur Antwort und presst die Hände an die Wand hinter sich, um sich mühevoll daran hochzuhangeln.

„Richtig", stimmte Galbatorix geschäftig zu. „Dann sollten wir da weiter machen"

„Nur keine Umstände", unterbrach Fraya ihn. „Ich tue es."

Plötzlich herrschte Totenstille in dem Saal. Es schien fast, als hätte die Welt außerhalb sogar aufgehört, sich zu drehen, um diesem Moment die nötige Dramatik zu verleihen. Murtagh starrte die ältere Reiterin ungläubig an, als hätte er gerade ein Gespenst gesehen. Galbatorix erhob sich wieder von seinem Thron und schritt auf seine Gefangene zu.

„Wie war das?"

Etwas Besseres fiel ihm offenbar nicht ein. Das Eine hatte Fraya erreicht: Sie hatte die Anwesenden überrascht. Einen Moment genoss sie diesen Triumph. Es würde der letzte für die nächste Zeit sein.

„Du hast mich schon ganz richtig verstanden", murmelte sie und sah dem selbsternannten König entschlossen in die Augen. „Ich werde es tun: Ich werde die Schwüre ablegen und ich habe noch etwas Besseres: Wir können alle zusammen einen Ausflug nach Vroengard unternehmen. Ich kenne sie alle: die wohlgehüteten Verstecke, die verborgenen Archive voller Wissen, von dem du nicht mal zu träumen wagst und ich werde dich dahin führen."

Noch einmal erstarrte der Raum in ungläubigem Schweigen. Die beiden Drachen warfen sich unbehagliche Blicke zu. Es hatte etwas Beruhigendes an sich zu sehen, dass der Rote noch zu irgendeiner Gefühlsregung fähig war.

„Warum?", fragte Galbatorix irritiert.

Fraya konnte nur schwer den Drang zurückhalten, ihm frech ins Gesicht zu grinsen.

„Das ist ganz einfach. Das hier ist eine Welt voller Raubtiere geworden. Es heißt fressen oder gefressen werden und ich habe keine Lust, die Beute zu sein. Und sehen wir der Wahrheit doch ins Gesicht: die Elfen und Zwerge beschäftigen sich immer noch am liebsten damit, sich zu verkriechen. Feiges Pack. Und die Varden und ihr Reiter? Dieser dumme Junge, der blindlings in eine mehr als offensichtliche Falle gelaufen ist. Was ist von dem noch zu erwarten? Absolut nichts. Ich habe keine Lust, für dieses unfähige Bürschchen zu leiden oder gar zu sterben. Also: Ich vermute, es gibt sowas wie einen vorgefertigten Text. Bringen wir diesen Teil schnell hinter uns."

Fraya schloss einen Moment die Augen und konzentrierte sich darauf, ihre Kraft in den Händen zu halten, um nicht wieder an der Wand nach unten zu rutschen. Sie würde das hier aufrecht stehend hinter sich bringen. Auf dem Boden hatte sie genug Zeit verbracht. Es dauerte ein Weile, bis sich Galbatorix von der Überraschung erholt hatte. Einen Moment schien er noch zu überlegen, ob sich dahinter irgendeine List verbergen konnte. Dann begann er die Worte in der alten Sprach zu diktieren. Ohne irgendeine Gefühlsregung sprach Fraya sie nach und würdigte dabei keinen anderen der Anwesenden eines Blickes.

Murtagh hatte inzwischen deutlich an Gesichtsfarbe verloren. Sein Drache war an seine Seite getreten, als müsste er befürchten, dass den jungen Mann jederzeit die Kräfte verlassen könnten.

„Da das jetzt geklärt ist, würde ich gern mit Endres sprechen, wenn es nicht zu viel verlangt ist. Er muss über die neuen Verhältnisse aufgeklärt werden, sonst kommt es vielleicht noch zu unschönen Vorfällen und das wollen wir doch nicht", meldete sich Fraya wieder zu Wort.

Galbatorix musterte sie nach wie vor misstrauisch. Vermutlich analysierte er gerade seine vorgegebenen Schwüre, ob es darin irgendeine Lücke geben könnte, die den plötzlichen Meinungswandeln rechtfertigte. Aber es gab keine, das wusste alle im Raum. Unbehaglich regte sich der schwarze Drache in seiner Ecke.

„Meinetwegen", brummte Galbatorix und deutete auf Murtagh. „Du wirst sie begleiten"

Erst nach einigen Augenblick schien der junge Reiter zu begreifen, dass er gemeint gewesen war und was von ihm verlangt wurde. Wie vor den Kopf gestoßen ging er in Richtung Tür, begleitet von seinem Drachen. Deutlich zu grob, um sie einfach nur festhalten zu wollen, ergriff er Frayas Arm und zog die Frau mit sich fort. Erst als die Türen sich hinter den drei geschlossen hatten, kam wieder Leben in seine Bewegungen.

„Was...?", wollte er fragen.

„Spar dir die Worte", unterbrach ihn Fraya bestimmt. „Ich werde mein Tun nicht rechtfertigen oder erklären. Was von alle dem, was heute gesagt wurde, die Wahrheit ist, kannst du für dich selbst entscheiden. Jetzt will ich zu Endres."

Die entschlossenen Endgültigkeit in ihren Worten schien Murtagh zu überzeugen, sodass er sich schweigend mit ihr auf den Weg machte.