10. Kapitel
Tris
Der Alarm ist ohrenbetäubend.
Es dauert einige Sekunden bis die Erkenntnis zu mir durchsickert. Der Alarm gilt uns. Der Lärm dringt schmerzhaft in meine Ohren.
»Scheiße!«, flucht Uriah, beide Hände auf die Ohren gepresst. Wir haben oft genug die Notfallübungen miterlebt und das Kreischen der Sirenen ist mir mehr als bekannt. Doch diesmal ist es keine Übung. Genauso, wie der Notfall-Lockdown keine war, sondern der Beginn einer Simulation.
»Und jetzt?«, frage ich, den Blick stets auf die Tür gerichtet.
»Keine Ahnung«, sagt George und sieht fragend in die Runde.
Plötzlich fängt ein Lautsprecher in der Ecke an zu knistern.
»Achtung, an alle Geländebewohner. Mehrere Häftlinge sind ausgebrochen. Aus Mangel an Personal bitte ich alle, die Augen offen zu halten und jede Sichtung umgehend bei mir im Büro zu melden. Außerdem bitte ich Peter Hayes sich sofort zu mir zu begeben!« David. Er weiß Bescheid. Entsetzt sehe ich Tobias an.
»Was sollen wir jetzt machen?«, wiederhole ich.
»Peter, du musst zu David gehen. Ansonsten wissen sie sofort, dass du mit uns gemeinsame Sache machst«, erwidert Tobias und sieht Peter eindringlich an.
»Was? Aber was wollen die denn überhaupt von mir?«, gibt Peter von sich und weicht zurück.
»Sie wollen wahrscheinlich feststellen, ob du der Verräter bist. Ob du derjenige warst, der die Kameras demoliert hat. Außerdem hast den anderen Wachmann angelogen«, erkläre ich.
»Warum sollte ich mich dann bitte ausliefern?«, zischt Peter und funkelt mich wütend an. »Ihr habt mich doch dazu gezwungen!«
In diesem Augenblick verstummt der Alarm. Erleichtert atme ich auf. Nur ein nervtötendes Piepen bleibt in meinem Ohr zurück.
»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, sagt Uriah. »Was, wenn er uns verrät?«
»Ich weiß es doch auch nicht«, entgegnet Tobias genervt und schließt für einen Moment die Augen. Ich berühre ihn vorsichtig an der Schulter. Ich weiß, dass seine Nerven gerade zum Zerreißen gespannt sind, doch wir brauchen jetzt jeden klaren Kopf.
»Okay. Ich habe eine Idee«, fängt Uriah an. »Peter geht zu David. Er erklärt ihm wir hätten ihn bedroht und benutzt –«
»Was ja auch der Wahrheit entspricht!«, unterbricht Peter ihn.
»Wie dem auch sei«, fährt Uriah fort. »Du also gehst zu David und sagst ihm, du hättest uns gesehen und versucht zu fassen, doch wir kamen dir zuvor. Du bist gerade erst resetet, also wird er dir das schon abkaufen. Wir werden in der Zwischenzeit versuchen mit einem Truck in die Stadt zu gelangen und –«
»Was?«, frage ich entsetzt. »Was ist mit den an –«
Uriah sieht mich eindringlich an, als versuche er mir etwas mitzuteilen. Ich verstehe zwar nicht, was er mir sagen will, doch er möchte wohl, dass ich ihm vertraue.
»So werden wir es machen. In Ordnung, Peter? So bekommst du keine Probleme und wir auch nicht. Du musst noch nicht einmal Lügen. Du erzählst David nur nicht, dass wir unterwegs in die Stadt sind, verstanden?« Er sieht zu Peter. Dieser nickt und ein zufriedenes Lächeln liegt auf seinen Lippen.
»In Ordnung«, antwortet er mit seltsam gepresster Stimme. »Viel Glück euch dann noch!« Dann verschwindet er durch die Tür. Ich warte einige Sekunden, bis ich mir sicher bin, dass Peter außer Hörweite ist. »Sag bitte, dass du einen Plan hast!«
»Entspann dich. Ich bin nicht so dumm wie ich aussehe«, entgegnet Uriah trotzig.
»Na dann schieß mal los«, fordert Tobias ihn auf.
»Also, da wir Peter ja alle kennen – und auch wenn er resetet ist, ist er immer noch der Alte!«, fügt Uriah hinzu, als er meinen skeptischen Blick sieht. »Er wird uns höchst wahrscheinlich verplappern und –«
»Und David wird ihm glauben und denkt wir wären auf den Weg in die Stadt«, beendet Tobias hinzu und grinst. »Das ist genial.«
»Trotzdem werden wir jetzt von allen gesucht. Meint ihr nicht es fällt auf, wenn wir uns mit in die Menschenmenge legen um die anderen aufzuwecken?«, frage ich.
»Ich denke, dass wir dort sogar am unauffälligsten sind. Sagt man nicht immer, dass beste Versteck ist offensichtlich?«, wirft George ein und kratzt sich am Kopf.
»Ich bezweifle, dass wir eine andere Wahl haben«, sagt Tobias ernst.
Wenige Minuten später laufen wir langsam die Treppenstufen hinauf. Wir haben uns gegen den Fahrstuhl entschieden, obwohl dies für einige Beteiligten besser gewesen wäre. Amar wird von George und Tobias gestützt, während ich vorne vorlaufe – mit gezückter Waffe. Uriah geht ganz hinten.
Wir gelangen ins Erdgeschoss und die komatösen Menschen, die auf dem Boden herumliegen, werden immer mehr. In einem Flur, in der Nähe vom Kontrollraum entdecke ich Zoe. Sie liegt neben zwei weiteren Frauen, die mir allerdings fremd sind. Jemand hat ihr ein Kissen unter den Kopf geschoben und zusammen mit den anderen Frauen ist sie, wie alle, an einen Monitor und einen Tropf geschlossen. Ich frage mich, wo sie so schnell so viele Geräte und Infusionen herbekommen haben. Wahrscheinlich war das ganze wirklich schon viel länger geplant.
»Das ist echt gruselig«, sagt Amar und betrachtet, die wie Leichen daliegenden Menschen. »Wie kann man nur zu so etwas fähig sein?«
»Du hast gehört, was der Junge gesagt hat. Wir sollen zwei Trupps mit Trucks losschicken um die Ferox wieder einzufangen.« Ich fahre zusammen, als plötzlich Stimmen, von der anderen Seite des Ganges auf uns zu kommen.
»Ich weiß, aber ist ihm bewusst, wie wenig Leute wir nur sind? Wenn sechs Wachmänner ausschwärmen sind hier ja kaum noch welche. Schließlich sind Thommes und Harrison momentan nicht dienstfähig. Und die Überwachungskameras laufen immer noch nicht«, sagt ein zweiter Mann mit sehr tiefer Stimme. Ich lotse die anderen rückwärts und lege einen Finger auf die Lippen um ihnen zu deuten, möglichst leise zu sein. Tobias versucht mehrere Türen zu öffnen und winkt uns schließlich in eine kleine Abstellkammer. Ich schlüpfe schnell hinterher und ziehe die Tür gerade noch rechtzeitig zu.
»Okay, dann bleibe ich hier und du fährst mit Jack und den anderen raus.« Die Stimmen und Schritte werden lauter. Der Raum ist etwas zu eng für uns alle, so, dass wir uns dicht aneinanderdrängen müssen. Es ist stockdunkel. Ich halte meinen Atem an, während die Schritte sich langsam entfernen. Plötzlich fällt etwas laut Schepperndes auf den Boden.
»Was zum Teufel …?«, fluche ich leise und versuche zu erkennen, was den Lärm verursacht hat.
»Tut mir leid«, flüstert Uriah zerknirscht und ich sehe seine weißen Zähne im Dunkeln aufblitzen.
»Ist das dein Ernst?«, zischt Tobias. »Was, wenn uns jemand gehört hat?«
»Ich glaube die Luft ist rein«, entgegne ich und öffne vorsichtig die Tür. Ich spähe nach links und nach rechts, doch ich sehe, noch höre ich irgendjemanden. Ich schleiche zurück in den Flur und nehme die Waffe in die rechte Hand. Die anderen folgen mir.
»Wir müssen zum Eingangsbereich. Dort sind Zeke, Hana und Christina. Schließlich sind sie mit mir hier angekommen«, flüstert Tobias und blickt Uriah mahnend an, als dieser aus der Kammer geschlurft kommt.
»Und Matthew. Wir müssen auch ihn befreien. Das sind wir ihm schuldig«, sage ich leise. Tobias nickt und sieht sich um. Langsam wagen wir uns weiter vor. Wir nehmen einen Umweg, um nicht zu nahe am Kontrollraum vorbei zu gehen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie die Überwachungskameras wieder in Gang bekommen haben, doch noch bleibt uns dieser Vorteil.
Ich versuche stets niemanden auf die Hand zutreten und schaue mir alle Gesichter an. Eine junge blonde Frau erweckt meine Aufmerksamkeit und als ich näher komme erkenne ich auch, wer sie ist. Cara.
Ich knie mich neben sie und streiche ihr vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr ganzer Körper zuckt wie vor Schmerz und ihr stehen Schweißperlen auf dem Gesicht.
»Wir müssen ihr helfen«, sage ich und versuche mir nicht vorzustellen, was sie gerade durchmacht.
»Ich mach das«, antwortet Amar und humpelt zu mir. Er lässt sich neben mich nieder und betrachtet Cara einige Sekunden.
»Ich bin nur eine Last für euch – mit meinem Bein. Wenn ihr mich daran schließt, schaffe ich es schon irgendwie sie wach zukriegen«, sagt er und greift nach ihrer Hand. »Ich kenne sie nicht gut. Manchmal habe ich sie auf den Monitoren gesehen – zusammen mit den anderen Rebellen von den Ken.« Er spricht leise und zu niemand bestimmten. Er versucht sie zu verstehen und sich darauf vorzubereiten, was ihn gleich in ihrem Kopf erwarten wird. Es ist sicher nicht fair, eine fast fremde Person in ihre tiefsten Ängste blicken zu lassen, doch es ist immer noch besser, als das hier.
Tobias geht zum Monitor und drückt auf irgendwelchen Tasten herum. Elektroden verbinden die Personen mit dem Computer. Außer Cara sind noch fünf weitere mit ihm verbunden. Tobias löst vorsichtig eine der Elektroden von der Stirn eines alten Mannes und klebt sie an Amars Kopf.
»Normalerweise dienen die dafür, um die Simulation auf den Bildschirm zu übertragen. Doch ich habe es so programmiert, dass ich dich über diese Elektrode mit Caras Simulation direkt verbinden kann und du in ihre Angstlandschaft eintauchst«, erklärt er, während er mit geschickten Fingern auf dem Bildschirm herumtippt.
»Fällt das denn nicht auf, wenn der eine Mann jetzt nicht mehr angeschlossen ist?«, erwähnt George skeptisch.
»Wir können nur hoffen, dass wir sie möglichst schnell wach kriegen und niemand die Verbindung kontrolliert«, erwidert Tobias und seine dunklen Augen sehen besorgt aus.
»Und wenn doch?«, fragt Uriah ernst.
»Dann werden sie merken, dass ihre gesuchten Ausreißer sich gerade in den Simulationen ihrer Freunde befinden«, antwortet Tobias matt.
»Wie viel Zeit vergeht in der Simulation und wie viel in der Realität?« Amar betrachtet Cara nachdenklich.
»Ich glaube, das ist ganz unterschiedlich. Hängt von der Person und der Simulation ab …«, erwidert Tobias und kaut nachdenklich auf seine Wange herum.
»Also, wenn ich zum Beispiel in der Simulation einen Tag brauche, vergeht in Wirklichkeit nur eine Stunde?«, harkt Amar nach.
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.« Tobias reibt sich den Nacken und schaut mir einen Augenblick lang fest in die Augen. Amar legt sich neben Cara auf den Boden – möglichst so, dass man sein Gesicht nicht sofort erkennt. Er schließt die Augen und nickt. Tobias drückt eine Taste und schon werden Amars Glieder schlaff und seine Augen beginnen zu Zucken.
»Krass«, raunt Uriah und starrt wie gebannt auf Amar. »Wie wacht er wieder auf?«
»Wahrscheinlich dann, wenn Cara aufwacht«, sage ich und erhebe mich.
»Lasst uns weitergehen.« Tobias wendet sich von dem Bildschirm ab und wir schleichen uns langsam weiter. Zweimal müssen wir uns hinter Ecken verstecken, um vorbeilaufenden Pflegerinnen zu entgehen. Wir gehen in Richtung Labor, da ich dort Matthew und Caleb vermute.
Caleb. Ein Engegefühl macht sich in meiner Brust breit. Ich muss auch Caleb da rausholen. Doch bei dem Gedanken in seine größte Angst einzutauchen, dreht sich mir der Magen um. Ich weiß nicht, ob ich stark genug dafür bin.
Wir nähern uns immer mehr den Laboratorien und der entschlossene Wille alle zu befreien, klingt immer mehr ab. Ich will nicht in Calebs Kopf gucken. Ich will nicht wieder von ihm enttäuscht werden. Meine Schritte werden langsamer und Tobias taucht neben mir auf.
»Alles okay?«, fragt er und berührt mich sanft an der Schulter.
»Es ist nur wegen … Caleb«, gestehe ich und sehe ihm nicht in die Augen. Ich schäme mich für meine Angst. Für meine Angst in Calebs tiefste Psyche zu gucken. Die anderen holen uns ein und ich wende mich von ihm ab und gehe weiter. Und dann entdecke ich ihn auch. Caleb liegt direkt vor dem Labor, wo wir uns damals verabschiedet haben. Wenige Minuten später ging der Alarm los. Direkt neben ihm liegt Matthew – sein Gesicht ganz starr und leblos.
»Tobias, kannst du mich an Matthew anschließen?«, fragt George.
»Mach ich«, entgegnet er und wendet sich zu dem Monitor an den Caleb, Matthew und zwei weitere Frauen angeschlossen sind. Uriah stellt sich in die Mitte des Flurs und behält den Gang im Blick.
Ich lasse mich neben Caleb nieder. Sein Blick ist ausdrucklos, doch auf seinen Wangen sind kleine Rinnsale, von getrockneten Tränen. Ich streiche ihm über die Augen, welche ganz feucht und rot geschwollen sind. Ich kann ihn nicht so leiden lassen. Ich muss ihm helfen.
Ich beiße mir schmerzhaft auf die Lippe und schließe für einen Moment die Augen.
»Ich hole ihn daraus!« Ich schrecke zusammen, als Tobias sich neben mich kniet.
»Du musst das nicht tun«, flüstere ich und sehe zu ihm auf.
»Ich will aber. Und außerdem, bin ich es geübt Caleb zu retten«, sagt er und lächelt mich schief an.
»Danke.« Ich berühre sein Gesicht und küsse ihn sanft, ehe er mich mit hochzieht.
»Okay«, sagt er und schaut zu George, welcher reglos neben Matthew liegt. »Ich bringe euch erst zu Christina und Zeke und dann schließe ich mich an Caleb an.«
Zu dritt machen wir uns auf den Weg. Kurz bevor wir den großen offenen Bereich des Eingangsbereichs betreten, einigen wir uns darauf so schnell wie möglich zu den Türen zu laufen und dort nicht lange zu zögern, ehe wir uns anschließen.
Der Boden hier ist übersäht mit schlafenden Menschen und ich muss aufpassen in der Eile über niemanden zu stolpern. Diese Aktion ist mehr als riskant, da es keine Versteckmöglichkeiten gibt. Es dauert eine Weile, bis wir Christina und Zeke ausmachen. Uriah stürmt zu Zeke und nimmt sein Gesicht in beide Hände.
»Warum ist er überhaupt hier?«, fragt er und starrt den leblosen Körper seines Bruders an.
»Ich habe ihn zusammen mit deiner Mutter hierhergeholt, damit sie sich von dir verabschieden konnten«, antwortet Tobias, der schon damit beschäftigt ist, Elektroden von zwei anderen Personen zu lösen.
»Mom ist auch hier?« Uriah sieht sich fassungslos um und entdeckt seine Mutter nur wenige Meter von uns entfernt.
»Ich muss sie beide befreien!«, sagt Uriah ernst und umklammert die Hand von Zeke und seiner Mutter.
»Wir haben nicht die Zeit dafür«, werfe ich ein, während ich mich nach Christina umsehe. Auch sie liegt nicht weit von uns.
»Du musst dich entscheiden, Uriah. Zeke oder Hana?«, fordert Tobias ihn auf und hält ihm eine Elektrode hin.
»Aber ich kann sie doch nicht dort lassen«, flüstert er und schaut immer wieder von Hana zu Zeke.
»Ich schließe jetzt erstmal Tris an, bis dahin musst du dich entscheiden.« Tobias kommt auf mich zu und drückt mir vorsichtig die Runde Scheibe auf die Schläfe. Ich lege mich neben Christina, umfasse ihre Hand und schließe die Augen. Das letzte, was ich höre, sind Tobias Worte: »Sei tapfer.«
