Weihnachten steht vor der Tür und aufgrund der Festtage wird es am kommenden Montag kein Update geben. Daher präsentiere ich Euch bereits heute Kapitel 11.
Ich wünsche Euch ein Frohes Weihnachtsfest im Kreise Eurer Lieben.
Eure Eos.
11. Die Kunst des ÜberredensCarissa verbarg sich in ihrem Zimmer. Sie hatte etliche Tassen heißer Milch mit Honig vorgesetzt bekommen und nun die Muße, sich einige der Drachenbände der malfoyschen Büchersammlung zu Gemüte zu führen. An diesem Nachmittag war ihre Anwesenheit beim Tee mehr oder weniger nicht angebracht. Ludmilla Malfoy, die seit dem vergangenen Tag ganz begeistert rollenweise Ausarbeitungen über Schweigezauber anfertigte und diese Carissa in enthusiastischen Monologen zusammenfasste, hatte Gäste zum Tee: Den zukünftigen Schwiegervater ihres Sohnes sowie einige von Lucius' merkwürdigen Freunden. Carissa hatte die Halsschmerzen angeführt, um sich dieser Teeparty zu entziehen, und Ludmilla hatte lediglich ihre Hand getätschelt und verständnisvoll genickt. Die Halsschmerzen waren noch nicht einmal gelogen. Mitterweile waren sie zwar erträglich, doch in Momenten wie diesen war es gut, etwas empfindlich zu sein.
So saß Carissa in einem Traum aus dunkelblauem Samt mit locker im Nacken gebundenem Zopf auf einem der Diwane und las hoch interessiert eine Abhandlung über Drachen und ihre Erscheinungsformen in der griechischen Mythologie, als die Tür aufging und Lucius im Rahmen erschien. Carissa schrie erschrocken auf, ließ das Buch fallen und beruhigte sich erst, als sie Lucius erkannte. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah sie mit einer Mischung aus Zorn und Vergnügtheit an.
„Du ziehst es also vor, dich hier oben wie ein Feigling zu verschanzen? Meine Mutter hat dich gern um sich und du beraubst sie einfach dieses Vergnügens?"
„Lucius Malfoy!", ertönte die Stimme selbiger Frau hinter seinem Rücken. Carissa schlug die Hand vor den Mund, um ein Lachen zu unterdrücken. Lachen löste generell einen Hustenreiz aus und den brauchte sie nun wirklich nicht, sonst würde einer dieser dienstbeflissenen Hauselfen mit einer weiteren Tasse heißer Milch mit Honig neben ihr stehen. Mittlerweile hasste sie dieses Gesöff. Sie hatte das Gefühl, nur noch aus Honig und Lactose zu bestehen. Sie schmeckte dieses Gemisch sogar noch, wenn sie atmete, widerstand allerdings dem Wunsch, sich alle fünf Minuten die Zähne zu putzen. Carissa räusperte sich, trank einen Schluss Wasser – Merlin sei Dank – und schon ließ das unangenehme Kratzen im Hals nach. Hinter Lucius tauchte in unregelmäßigen Abständen ein weißes Gebilde auf, das unschwer als auf dem Hinterkopf aufgetürmte Haarpracht Mrs. Malfoys zu identifizieren war. Carissa vermutete sogar, dass Ludmilla ihrem Sohn penetrant gegen den Rücken piekte. „Ich habe dir gesagt, sie will nicht und du hast es zu akzeptieren! Wenn mein Gast seine Ruhe will, dann wird das akzeptiert! Verstanden?", fauchte die Dame weiter.
„Sie ist mein Gast, Mutter", presste Lucius zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Carissa entschloss sich eine unschuldige Miene aufzusetzen und Lucius aus weit aufgerissenen Augen zu fixieren. Ein entnervter Ausdruck trat auf sein Gesicht. Sie hatte diesen bettelnden Blick niemals so bewusst eingesetzt wie in diesem Moment. Ein sehr erfolgreicher Moment, denn Lucius Mimik erschien ihr weniger entschlossen und wesentlich zugänglicher als von vor wenigen Sekunden.
„Damit wirst du mich nicht beeinflussen, Carter!", zischte er um Kontenance bemüht. Sein Versuch, Haltung zu wahren, war einfach nur süß. Carissa kannte kein Mitleid. Sie klimperte kurz mit den Wimpern, zog die Brauen flehentlich zusammen, schluchzte kurz auf, schloss die Augen gepeinigt und schlug die Hand vor den Mund. Sie hätte Schauspielerin werden sollen, dachte sie bei sich, als Lucius' hörbares Schlucken ihre Aufmerksamkeit erregte. Sein Zorn schmolz sichtlich dahin, nahm einem fließenden Gewässer gleich Kontenance, Haltung und Distanz wie Treibgut mit sich.
„Ich kenne das! Du willst nur deinen Willen durchsetzen", meinte er, sich ein letztes Mal aufbäumend. Sein Blick wurde weicher und seine Haltung verlor die Strenge. Carissa legte die Hand aufs Dekolleté und nagte an ihrer Unterlippe. Sie schlug die Augen auf und langte mit der anderen Hand nach dem Buch, das ihr zuvor entglitten war. Sorgsam legte sie es geschlossen auf den Tisch und wandte Lucius dabei ihr Profil zu. Sie wusste genau, wie sie in diesem Moment wirkte: Wie ein hilfloses zerbrechliches Wesen, dem man einfach nicht wehtun durfte und dessen Wünsche man(n) zu respektieren hatte.
„Aber ich möchte dich an meine Seite haben, wenn Er kommt!", drang Lucius bettelnd in sie. Natürlich war es lediglich ein Schachzug von ihm, denn ein Malfoy bettelte niemals. Es war lediglich eine Frage des Standpunktes, wann Bettelei begann und wann es gerade noch akzeptables Bitten war, ohne die Erbärmlichkeit des Flehens. Sein Vorgehen unterschied von profaner Bettelei, da es sich um ein clevers taktisches Manöver handelte. Doch sie so dasitzen zu sehen, seine Mutter mit herrischer Miene hinter sich zu wissen und dennoch seinen Willen durchsetzen zu wollen, war wahrlich nicht einfach.
Lucius bewunderte Carissas eleganten Nacken und die gute Haltung. Wo sie das gelernt hatte, war ihm ein Rätsel. Nicht einmal Narzissa hatte diese Gestik des Körpers, obwohl sie ihr von klein auf anerzogen worden war: gerades Gehen beinahe Schreiten, das Neigen des Kopfes, ohne in einen krummen Rücken zu fallen. Bellatrix war die einzige, die diese kultivierte Eleganz noch besaß, allerdings nur recht sparsam einsetzte und auch nur, wenn es ihren Zielen diente.
Seufzend schritt Lucius zu Carissa und setzte sich auf den Tisch, was seine Mutter empört protestieren ließ. Das zarte Gebilde ächzte unter seinem Gewicht und die Krümmung der Beine nahm ungesund zu, doch brach es nicht zusammen. Lucius nahm Carissas Hand von ihrer Brust und behielt sie in seiner. Seine Rechte glitt über ihre Wange und streichelte mit dem Daumen sanft ihre Haut. Als sie sich seiner Hand entgegen schmiegte, wusste er, dass der Zauber nicht gebrochen war, sondern sie noch immer in seinem Bann hielt. Das verwunderte ihn, denn nicht ein Tropfen des Elixiers war Carissa zugeführt worden und nicht der Hauch eines auf Carissa abgestimmten Duftes haftete an ihm. Carissa schlug die Augen auf. Vertrauensvoll sah sie an.
„Sieh mich nicht so an!", wollte er brüllen, doch stattdessen sagte er: „Ich möchte dich an meiner Seite haben, denn ich will meinem Schwiegervater nicht alleine gegenübertreten. Er ist ein schwieriger Mann, doch Schönheit hat ihm stets viel bedeutet. Schau dir seine Töchter an! Sie sind allesamt – rein äußerlich – bezaubernde Wesen, egal, ob ich ihr Verhalten gutheiße oder nicht."
Ludmilla schnaubte und Carissas vertrauensvoller Blick nahm einen spöttischen Ausdruck an.
„So, wirst du sie nicht gerade davon überzeugen, am Tee teilzunehmen. So würde sogar ich mich weigern, wäre ich nicht Gastgeberin!"
„Danke! Mutter! Das ist nicht gerade hilfreich!", fauchte Lucius über die Schulter. Doch Ludmilla Malfoy stand mit vor der Brust verschränkten Armen im Türrahmen und zuckte mit den Schultern.
„Das war auch nicht als Hilfe gedacht! Sohn! Glaubst du, dass eine junge Frau, die bisher nichts als Ärger mit Zauberern deines Formats" – ein empörtes Schnauben Lucius' schaffte es nicht Mrs. Malfoy aus ihren Konzept zu bringen – „ja, deines Formats, hatte, sich freiwillig denen zum Fraße vorwirft? Glaubst du, ich wüsste nicht, wessen Handschrift dieser Zauber trägt? Ein einfaches Silencio ist rasch gesprochen. Jeder Erstklässler kann das. Aber dieser Spruch stammt von einem Meister der Zauberkunst, der schwarzen Zauberkunst. Es ist kein Wunder, dass er Permanenter Schweigezauber genannt wird, weil es beinahe unmöglich ist, ihn zu lösen. Aber wem erzähle ich das.
Ich habe lange genug recherchiert, um zu mir sicher zu sein, dass nur vier lebende Zauberer diesen Schweigezauber in solcher Perfektion beherrschen. Einer davon ist Dumbledore, der sich kaum mit so jungen Dingern einlassen würde. Mal abgesehen davon, dass er zu edel ist, um schwarze Magie überhaupt anzuwenden. Ich bezweifle, dass er Frauen im Allgemeinen überhaupt etwas abgewinnen kann. Es gab da mal diese Gerüchte... na, lassen wir das.
Dann wäre da noch kein Geringerer als Seine Lordschaft höchstpersönlich, dessen Typ die junge Dame hier einfach nicht ist. Er würde es eher auf Furien wie deine zukünftige Schwägerin abgesehen haben; falls er überhaupt erotische Fantasien hat, was ich bezweifle. Ich glaube eher, dass Macht allein ihn befriedigt."
„Mutter! Du redest von Seiner Lordschaft!", presste Lucius mühsam beherrscht zwischen den Zähnen hervor. Carissa drückte instinktiv seine Hand, obwohl ihre Miene besagte, dass sie mit seiner Mutter vollkommen einer Meinung war.
„Papperlapapp, ich sagte ja nur, dass er würde. Es ist lediglich eine Hypothese. Konjunktiv! Wenn das bereits Majestätsbeleidigung ist, lobe ich mir die Französische Revolution!"
„Mutter!", entfuhr es Lucius. Fassungslos schüttelte er den Kopf. Wenn seine Mutter, die immerhin aus einem alten böhmischen Adelsgeschlecht entstammte, Königsmord guthieß, schien es ihr mehr als ernst zu sein. Das war kein gutes Zeichen. Diese kriegerische Stimmung verhieß bei Ludmilla Malfoy nie etwas Gutes. Das letzte Mal hatte sie in dieser Verfassung seinen Vater bei Eis und Schnee auf die Straße gesetzt, weil dieser ein Erbstück, dass seit der Zeit des Jan Hus im Familienbesitz gewesen war, verloren hatte. Es hatte nicht geholfen, dass sich die Kette im Haus der Familie Zabini noch am gleichen Abend wieder anfand. Seine Mutter jetzt so zu sehen und diese Stimmung gegen sich selbst gerichtet zu wissen, gab ihm zudenken.
„Und dann wären da noch die Vertreter der dritten Kategorie, die letzten beiden", setzte Ludmilla Malfoy unbeirrt fort. „Meine Favoriten. Derjenige, dem ich es ungesehen zutraue, etwas so Abscheuliches zu tun, wenn jemand sein übermäßiges, allumfassendes, manisches Ego verletzt, ist Orion Black! Sein Bruder ist dazu zwar ebenfalls in der Lage, doch Druella würde ihn kastrieren, ginge er fremd. Also bleibt nur: Orion Black!"
Carissa schloss die Augen. Nun war es an Lucius ihre Hand zu drücken. Ihre Nägel gruben sich in sein Fleisch, bis Lucius zischend die Luft einsog und diese erst wieder ausstieß, als der unangenehme Druck nachließ. Seine Mutter bekam nichts von dem mit, was zwischen ihm und Carissa Carter vorging. Sie registrierte nicht die Blicke, die sie sich zuwarfen und erkannte auch nicht, dass die junge Frau ihren geliebten Sohn auf eine merkwürdige Art musterte, die nahezu an blindes, bedingungsloses Vertrauen grenzte. Sie wusste zwar, dass ihr Junge ab und an, um Zeit zu sparen, nachhalf, wenn er eine Frau erobern wollte. Doch dass er bei Carissa diese schmutzigen Tricks anwendete, war ihr nicht klar. Selbst wenn in diesem Moment keine Magie im Spiel war, hatte diese doch den Weg geebnet und in Carissa ein williges Opfer gefunden.
„Orion Black!", sinnierte Ludmilla mit einem Hauch an Zynismus in der Stimme. „Der perfekte Typ für etwas so Abartiges. Einer Frau die Stimme nehmen und sie dann sich selbst überlassen, um seine perfide Rache auszuüben; ja, das trägt eindeutig seine Handschrift! Bei dieser Ehefrau kein Wunder! Es gehen Gerüchte um, dass sie sich seit der Geburt dieses charmanten Regulus' ihrem Mann kategorisch verweigert. Also wird er wohl... seine, ähm, Triebe anderweitig..." Ludmilla hielt inne, da ihre Schlussfolgerungen keinerlei Reaktionen hervorriefen, und betrachtete die beiden genauer.
„Habt ihr mir überhaupt zugehört?", fragte sie empört.
Beide nickten synchron, ohne sich aus den Augen zu lassen.
„Habe ich nun Recht?", erkundigte sie sich und klang sehr erbost.
Wieder nickten beide wie aus einem Reflex. Ludmilla keuchte. Sie hatte sich ihre Theorie mit Feuereifer zusammengereimt und nicht daran gedacht, wie sie reagieren würde, wenn sie richtig lag. Dass Orion Black, von dem sie tatsächlich nicht sonderlich viel hielt, wirklich so verderbt war, schockierte sie.
Lucius riss sich von Carissas Anblick los und musterte seine Mutter. Es überraschte ihn, sie so entsetzt zu sehen. Zum ersten Mal erkannte er, dass sie keine Ahnung davon hatte, wie weit ein Schwarzmagier zu gehen bereit war, um seine Bedürfnisse zu befriedigen und seinen Willen durchzusetzen. Wenn sie wüsste, wie weit er, ein Todesser der jungen Generation, gehen würde, um seine Ziele zu erreichen, würde sie ihn enterben, wenn sie könnte und aus den Annalen ihrer altehrwürdigen böhmischen Familie streichen. Sie würde ihre Sachen packen und nach Prag zurückgehen, das ihre Familie wegen des Krieges hatte verlassen müssen, des Dreißigjährigen Krieges, wie sie immer betonte. Lucius' Vater hatte Ludmilla eine Menge vorenthalten und ihn, seinen Sohn, gebeten, ihren Glauben nicht zu zerstören. Nun erkannte Lucius endlich warum. Seine Mutter würde nie Verständnis für das haben, was sein Vater und er getan hatten und er, Lucius, tat und noch tun würde. Sie hatte sich lediglich oberflächlich für schwarze Magie interessiert, das blieb nicht aus. Sie erkannte diese, wie ihre rasche Auffassungsgabe Carissas Schweigen betreffend bestätigte, doch anwenden konnte Ludmilla sie nicht. Dazu besaß sie einen zu ethisch geprägten Verstand und nicht den Willen es zu tun. Lucius jedoch kam in dieser Beziehung ganz nach seinem Vater. Es war auch sein Vater gewesen, der ihm erstmals von mächtigen Zaubersprüchen erzählt hat, deren Wirkung durch ein einfaches Finite Incantatem nicht beeinträchtigt wurde. Er hatte lediglich eins und eins zusammenzählen müssen, nachdem er Carissas Reaktion auf den Namen Orion Black gesehen hatte, um zu begreifen, wen er vor sich hatte. Black hatte mit der Geschichte geprahlt und es passte einfach zu gut, als dass er würde falsch liegen können. Carissa Carter passte zu gut ins Beuteschema der Black-Männer. Natürlich war es ein Schuss ins Blaue gewesen, doch seine Ahnungen ließen ihn selten im Stich. Schließlich war auch er in der Lage zu erkennen, wenn jemand unter einem starken schwarzmagischen Fluch stand. So war es nicht schwer gewesen, Carissa durch das Stellen weniger Fragen und genaues Beobachten ihrer Reaktionen, die Wahrheit zu entlocken. Carissas Hand zitterte in seiner und er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die junge Frau.
„Begleite mich und zeige, dass du Stolz hast!", forderte Lucius entschlossen mit sanfter Stimme. „Vielleicht weiß mein zukünftiger Schwiegervater ja, was zu tun ist? Wir werden ihn schon davon überzeugen, dass er dir zu helfen hat." Lucius beugte sich zu Carissa hinüber und berührte ihre Lippen sanft mit seinen. Sie reagierte prompt und seufzte. Er löste den Kuss und sah sie eindringlich an. Endlich nickte sie. Zufrieden lächelte er und verschwand nach einem erneuten Kuss aus dem Gästezimmer.
„Egal wie, ich werde diesen vermaledeiten Zauber lösen und wenn ich diesen Bastard töten muss!", zischte er, doch nur seine Mutter konnte ihn hören.
Er ließ sie perplex und eine Geliebte irritiert zurück. Beide Frauen hatten keinen Schimmer davon, wie er es geschafft hatte, sie nach seinem Willen handeln zu lassen. Doch seine Gründe für Carissas Anwesenheit erschien beiden plausibel genug und nicht weiter zu protestieren.
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Carissa langweilte sich. Sie langweilte sich so sehr, dass sie im Geiste bereits zum dritten Mal die Geschichte von Kadmos und der Gründung der Stadt Theben durchgegangen war. Eine Sage, die sie gerade erst auf ihrem Zimmer gelesen hatte. Die ganze Situation, dieser sogenannte Tee, war ermüdend. Carissa fühlte sich mehr und mehr unwohl. Eigentlich hatte sie sich Teepartys lustiger vorgestellt. Wesentlich lustiger. Nun saß sie auf einem Stuhl, hatte eine Tasse Tee in der Hand, ihr drittes Gurken-Kresse-Sandwich bereits verspeist und noch immer waren Lucius und seine Gäste nicht über den Austausch bloßer höflicher Floskeln hinausgekommen. Obwohl sich die Herren schon lange nicht mehr mit Tee zufriedenstellten, sondern zu Getränken wie Rotwein und Whiskey übergegangen waren, dümpelte das Gespräch vor sich hin. Es breitete sich eine Art einschläfernde Ruhe über die Anwesenden aus, die mit der Schwüle vor einem heftigen Sommergewitter zu vergleichen war.
Lucius Malfoy hatte seinen Schwiegervater in Spe geladen und dieser war nicht ohne seinen Busenfreund Igor Karkaroff, dem Vater des jungen Karkaroff, den Carissa kannte, gekommen. Die Ähnlichkeit der beiden war verblüffend. Lucius nun wiederum mochte seinen Schwiegervater nicht ohne Unterstützung eines guten Freundes empfangen. Pascal Zabini, ein ruhiger, dunkelhaariger sehr blasser und großer Mann in Lucius' Alter, schien Carissa allerdings kaum die rechte Unterstützung gegen zwei gestandene Zauberer zu sein. Sie und Ludmilla waren die einzigen Damen. Während Zabini gelassen den Plaudereien der weißhaarigen Dame lauschte, machte sich in Carissa Überdruss breit. Ab und an fühlte sie sich gemustert, doch jedes Mal, wenn sie in die entsprechende Richtung zu sehen glaubte, richtete Cygnus Black seine ganze Aufmerksamkeit auf Lucius. Dabei war sie sich ganz sicher, dass er sie zuvor mit seinen Blicken verschlungen hatte. Ob das gut oder schlecht war, vermochte sie nicht zu sagen. Sie kannte ihn vom Sehen und das behagte ihr gar nicht.
„So, Lucius", schnarrte mit einem Mal Cygnus Black nach einer erneuten Musterung und erzeugte so das erste ferne Donnergrollen des unausweichlichen Gewitters. „Das also ist der Grund, warum du meine Tochter so lange hingehalten hast!"
Das unangenehme Schweigen, das sich nun ausbreitete, riss Carissa aus ihren Gedanken und Kadmos verschwand in die Tiefen ihres Geistes. So plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, war keine sehr angenehme Erfahrung. Es bestand kein Zweifel, wer mit diesem Das gemeint war. Sie suchte Lucius' Blick, doch das Oberhaupt der Malfoys ignorierte sie. Er hatte seinen Arm zwar auf die Lehne des Stuhles gelegt, auf dem sie saß, doch es herrschte keinerlei Körperkontakt zwischen ihnen. Dieses Nichtberühren hatte etwas Elektrisierendes, das sie noch nervöser werden ließ. Irgendetwas war anders.
„Hübsch ist sie ja, wenn auch auf eine recht, nennen wir es mal, gewöhnliche Art. Weder Klasse noch Stil, mein Lieber! Ich hätte dir schon etwas mehr als ein abgelegtes Frauenzimmer zugetraut! Wo ist meine Tochter?"
Carissa warf Lucius einen Seitenblick zu und erstarrte. Das Gesicht ihres Geliebten war wie weißer Marmor; als handle es sich um das gemeißelte Konterfei eines griechischen Gottes. Nahezu vollkommen emotionslos musterte er Cygnus. Die charaktervollen Linien, die Lucius' Nasenflügel mit den Mundwinkeln verbanden, waren tiefer ausgeprägt, als Carissa es je bei ihm gesehen hatte. Malfoy stand eindeutig unter Spannung. Als sein Daumen ihre Wirbelsäule berührte, nahm Carissa rasch einen Schluck Tee zu sich, um ihre Überraschung zu überspielen.
„Klasse und Stil liegen im Auge des Betrachters, Black. Denken Sie nicht, dass Sie ihre Tochter überschätzen?", reizte Lucius schließlich, doch kam er nicht dazu, sich der Frage seines zukünftigen Schwiegervaters zuzuwenden. Dieser unterbrach ihn mit einer ärgerlichen Handbewegung, sprang auf und schnappte empört nach Luft.
„Möchte jemand noch eine Tasse Tee?", flötete Ludmilla dazwischen und nahm ihrerseits Cygnus Black den Wind aus den Segeln.
Carissa hätte gelacht, wäre sie nicht Ursache dieses Disputes gewesen. Es wirkte auf sie wie eine groteske Muggelkomödie: Zweiter Akt, Erste Szene, Die Anwesenden sind im Salon versammelt und belauern sich gegenseitig, verunsichert und beglückt über das Verschwinden der Braut.
Carissa erhob sich und wollte gehen. So sehr sie Dramen aller Art auch liebte und vor allem von Shakespeare nicht genug bekam, so sehr hasste sie es, im Mittelpunkt eines solchen zu stehen. Als sie den harten Griff Lucius' um ihr Handgelenk fühlte, stöhnte beinahe vor Schmerz und Überraschung.
„Bleib!", befahl er knapp und sehr leise. „Bist du ein Feigling? Das hätte ich nicht gedacht! Willst du immerzu weglaufen? Oh, nein!", wies er sie kaum hörbar zurecht. Er erhob sich, zog sie an sich, sodass sie mit dem Rücken an ihn gelehnt stand. Sein Arm legte sich um ihre Taille und hielt sie fest umfangen, ohne ihr weiteren Schmerz zuzufügen. Carissa wusste, dass Lucius Recht hatte. Sie konnte sich nicht ewig verbergen und sich mit dem abfinden, was ihr geschehen war. Doch weglaufen war um so vieles leichter, als den Dingen die Stirn zu bieten.
„Sie wollten etwas sagen, Cygnus!", stichelte Lucius. Er legte es auf eine Konfrontation an. Er vergrub seine Nase ihn Carissas Haar und sog dessen Duft ein.
Cygnus Black ließ die beiden nicht aus den Augen.
„Das ist eine Beleidigung, Malfoy! Ich habe bereits geduldet, dass dieses... dieses... Flittchen mit uns, die wir dieser Person weit überlegen sind, den Tee einnimmt, was allein schon einen Affront gegen mich, einen Black, einen Gast und deinem zukünftigen Schwiegervater darstellt. Aber das da geht zu weit! Uns sie als deine Geliebte auf so schamlose Weise zu präsentieren – Malfoy, ich bin..."
„... entsetzt? Schockiert? Ebenso wie ich. Sie scheinen dieses Mädchen genau zu kennen! Woher eigentlich? Warum begleitet meine Verlobte Sie denn heute nicht, wie wir gestern vereinbart haben? Haben Sie Ihre eigene Tochter nicht mehr unter Kontrolle, dass Sie nicht wissen, wo sie sich aufhält?"
Carissa zappelte vor Lucius' Brust. Sie zog an seinem Arm, doch dieser gab nicht nach.
„Na, Schätzchen, lass das! Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du nicht stillstehst!"
„Ich bin nicht dein Schutzschild!", wollte sie brüllen. Doch hielt sie sich zurück. Zum einen, weil eh kein vernünftiger Ton herauskäme und zum anderen, weil sie nicht schon wieder husten wollte.
Stattdessen wurden Carissas Ohren heiß. Sie wusste genau, dass ihr die Schamröte ins Gesicht geschossen war. Karkaroffs Kopf sank in seine Hand. Das Zucken seiner Schultern verriet, dass er mühsam gegen ein Lachen kämpfte. Zabini war wieder zu Tee übergangen und verfolgte das Szenario, als säße er in einem Theater, jeden Moment darauf vorbereitet, aufzuspringen und „Da Capo" zu rufen. Cygnus Black hingegen lief puterrot an, wobei nicht klar war, ob vor Wut oder vor Verlegenheit. Carissa vermutete ersteres, denn ein Black wurde, als nicht verlegen.
„Ich werde...", begann dieser und schnaufte.
„... die Verlobung lösen? Gerne doch! Ich bin sofort, nein, auf der Stelle einverstanden! Narzissa offenbar auch, sonst wäre sie ja hier, nicht wahr? Eine Schwangere, die in Zeiten wie diesen ihr Heil in einer Flucht sucht und nicht in den Armen dessen, den sie heiraten soll", unterbrach Lucius erneut und reizte sein Gegenüber weiter durch Spötteleien.
„Was soll das heißen?!", empörte sich Cygnus Black. „Ich will wissen, wo meine Tochter steckt! Sie kann nur bei dir sein!"
„Bei mir? Warum?", erwiderte Lucius spöttisch. Er presste Carissa fester an sich und strich ihr mit dem Zeigefinger sacht über ihr Kinn. „Warum sollte sie bei mir sein? Hat Bellatrix das etwa behauptet? Anscheinend ist Narzissa ihren eigenen Weg gegangen, um dieser geplanten Verbindung zu entgehen. Sie sind sich hoffentlich darüber im Klaren, Black, dass Seine Lordschaft denen, die seine Pläne durchkreuzen, nie verzeiht? Ich preise Salazar, dass nicht ich es bin! Wozu brauche ich Narzissa, wenn ich dieses schöne Geschöpf hier habe?"
Carissa zuckte zusammen. Sie hätte niemals gedacht, dass Lucius sie so vorführen würde. Diese Erniedrigung! Als seine Hand, die zuvor ihre Kinn gestreichelt hatte, nun ihre Kehle entlang glitt, das Haar symbolisch zur Seite strich und seine Lippen auf ihren Hals versenkte, flüsterte er leise an ihre Haut: „Der Zweck heiligt die Mittel. Spiel mit, Schätzchen!" Mehr Erklärung war von einem Malfoy nicht zu erwarten. Sie konnte nicht anders und tat ihm den Gefallen, auch wenn sie den Sinn nicht verstand. Sie legte schließlich ihren Kopf auf seine Schulter und bot die Kehle schutzlos dar. Wieder fühlte sie sich umgarnt und umnebelt, gefangen im Netz einer sinnlichen Verführung, auch wenn sich Lucius dieses Mal einer weniger subtilen Art der Manipulation bediente. Diese hatte mit Zauberei nicht das Geringste zu tun und war dennoch eine Art Magie.
„Lucius, musst du so weit gehen?", ertönte leise und dennoch sehr eindringlich die Stimme Ludmillas. „Bedenke, um wen es sich handelt!"
„Sie sagen es, Mrs. Malfoy!", stimmte Cygnus zufrieden zu, der sich offenbar verstanden fühlte und in Ludmilla eine Fürsprecherin sah.
„Oh, Sie irren sich, Cygnus. Meine Bedenken gelten allein Miss Carter!", erklärte sie strahlend und nahm einen Schluck Tee.
Cygnus Black starrte sie verblüfft an, ignorierte ihren Einwurf jedoch.
„Malfoy!", fauchte er stattdessen zornig Lucius an. „Ich werde nicht zulassen, dass mein erster Enkel als Bastard auf die Welt kommt! Du wirst dieses Flittchen rausschmeißen und meine Tochter heiraten! Es ist mein Wunsch und der Seiner Lordschaft. Narzissa weiß, was sich schickt. Sie wird ganz gewiss nicht freiwillig gegangen sein! Wenn du ihr etwas angetan hast, dann..." Die unausgesprochene Drohung hing wie ein Damoklesschwert in der Luft.
„Ich? Ihr etwas angetan?" Lucius lachte auf. „Ich weiß nicht einmal, wo sie sich aufhält!", gab er spöttisch zurück. Er fuhr Carissa mit dem Zeigefinger liebkosend über die Kehle bis zur Mulde unterhalb des Kehlkopfes und streichelte sanft mit Daumen und Mittelfinger ihre Schlüsselbeine. „Am Rande der Perfektion, beinahe vollkommen und dennoch unsicher, schüchtern und gejagt", erklärte er sanft und beobachtete Cygnus' Reaktion auf sein Tun. Carissa bebte, er spürte es. Sie schwankte zwischen Scham und Genuss. Dann änderte Lucius seinen Tonfall und wandte sich süffisant an Black.
„Da fällt mir ein, Sie reden stets von meinem Bastard?" Carissa seufzte wohlig und warf Lucius, wie auf ein abgesprochenes Zeichen hin, einen schmachtenden Blick zu. Dann ließ sie ihn auf Cygnus wandern. Sie ahnte nicht, wie sie auf die anwesenden Herren wirkte, wenn sie ihn unter halb geschlossenen Lidern aus dunkelblauen Augen ansah, die Lippen leicht geöffnet. Lucius lächelte an ihrem Hals. Es war genau die Reaktion, die er erhofft hatte. Er verführte sie bis an eine gewisse Grenze und beeinflusste so auf subtile Art seinen Schwiegervater in Spe. Er wollte, dass dieser nicht mehr klar dachte. Ein Schritt in diese Richtung war getan, denn Cygnus konnte die Augen nicht von Carissa lassen. Der rechte Zeitpunkt war gekommen, um Black die vertrackte Situation bewusst zu machen. „Wer sagt Ihnen denn, dass ich der einzige war, der Ihre Tochter unter sich hatte?", setzte Lucius ordinär direkt hinzu.
Cygnus polterte los und beschimpfte Lucius auf jede erdenkliche Art. Er forderte Karkaroff auf, ihm beizustehen, doch dieser hob abwehrend die Hände. Cygnus stand isoliert da, denn anders als er, kannte Karkaroff Narzissa kaum, sodass er unvoreingenommen die Lage einzuschätzen vermochte. Mit ausgewählten Informationen versorgt, klang Lucius' Einwurf in den Ohren Igors alles andere als an den Haaren herbeigezogen.
„Wo er Recht hat, hat er Recht! Nichts gegen deine Tochter, doch kann sie viel behaupten, wenn der Tag lang ist. Woher kennst du Malfoys Süße eigentlich, Cygnus?", fragte Karkaroff mit rollendem Akzent. Seine schwarzen Augen waren auf Carissas Kehle gerichtet. Abgelenkt tastete er nach seinem Whiskeyglas und griff ins Leere.
Lucius lachte leise in Carissas Ohr und streichelte federleicht über ihren Bauch.
Black schnaubte verächtlich und machte eine wegwerfende Handbewegung. Mittlerweile tigerte er vor dem Kamin hin und her. Er wirkte wie ein Raubtier, dessen Beute sich als zäher erwiesen hatte als vermutet. „Sie hat einmal für Walburga und Orion gearbeitet. Du kennst die beiden doch. Orion ist auch nur ein Mann und meine Schwägerin eine wahre Furie, wenn es um ihre Familienehre geht! Das Flittchen konnte die Finger nicht von ihm lassen. Deshalb hat mein Schwager sie vor die Tür gesetzt."
Diese bodenlos gemeine Lüge riss Carissa aus ihrem wohligen Zustand. Abrupt war sie hellwach. Ihre süße Schläfrigkeit war brennender Empörung gewichen. Ihr Kopf schnellte nach oben. Sie versuchte sich auf Black zu stürzen. In ihren Gedanken schlug sie ihm bereits ins Gesicht, das mehr und mehr Ähnlichkeit mit Orion annahm. Lucius musste beide Arme und seine ganze Kraft einsetzen, um seinen zukünftigen Schwiegervater vor der Geliebten zu schützen.
„Du Bastard!", wollte Carissa diesem entgegenschleudern, doch sie kam nur bis „Du", dann sank sie hustend an Lucius' Brust. Dieser nahm sie auf den Arm und trug sie zum Erker des Salons. Dort bettete er sie auf der gemütlichen Bank und ließ sie sich beruhigen.
„Geht es?", fragte er nach einer Weile. Carissa nickte und tastete nach einem Glas Wasser, das ein prompt neben Lucius aufgetauchter Hauself ihr reichte. Gierig trank sie. Als es leer war, holte sie tief Luft und räusperte sich noch einmal.
„Krank ist sie auch noch!", schimpfte Cygnus derweil und wandte sich an Ludmilla. „Schmeißen Sie das Luder raus! Ich dulde nicht, dass der Verlobte meiner Tochter sich mit einer Kranken herumtreibt, sich Wer-weiß-was bei ihr einfängt und so mein Kind in Gefahr bringt! Vielleicht hat er ja schon irgendeine venerische Krankheit und hat mein armes Püppchen bereits infiziert! Möglicherweise schämt sie sich ja deshalb und wagt sich nicht nach Hause!", regte Black sich auf.
Lucius grinste Carissa an. Sie stutzte. Hatte er das etwa geplant? Wie konnte er bei diesem Ausbruch seines Schwiegervaters lachen?
„Warte! Gleich! Gleich hat er das ‚Wesen der Apokalypse' entfesselt, ohne es zu wissen!"
Carissa warf einen verstohlenen Blick über Lucius' Schulter. Der große hagere Cygnus Black stand vor der sitzenden Ludmilla Malfoy und blickte in einer Mischung aus Wut und Herablassung auf sie herab. Zabini hatte sich wohlweislich ans Fenster zurückgezogen und tauschte einen verheißungsvollen Blick mit Lucius aus. Karkaroff hatte sich nicht von der Stelle gerührt und zwirbelte sensationslüsternd seinen schwarzen Spitzbart. Ludmilla hingegen schien die Ruhe in Person. Sie rührte gelassen ihren Tee um, schüttelte elegant einige Tropfen der brauen Flüssigkeit vom Löffel, ehe sie diesen auf die Untertasse legte. Dann stellte sie die Tasse, ohne aus ihr getrunken zu haben, auf den Tisch und fuhr sich ordnend über das Haar. Sie erweckte den Eindruck perfekter Ruhe und Gelassenheit, doch war dies lediglich eine aufgesetzte Maske.
„Mr. Black", begann sie und die Temperatur im Raum nahm merklich um einige Grade ab. „Allein die Tatsache, dass Sie mein Gast sind und wir durch Heirat demnächst miteinander verwandt sein werden, was nicht heißt, dass ich es befürworte, bewahrt Sie davor, von mir magisch vor die Tür gesetzt zu werden."
„Noch ein falsches Wort von ihm und...", hauchte Lucius und zwinkerte Carissa zu. Carissa verfolgte verwirrt die Szenerie, die sich hinter seinem Rücken abspielte. Sie hatte seine Hände ergriffen und drückte sie fester als es ihr bewusst war.
„Pah, als ob Sie mich im direkten Vergleich schlagen würden!"
„Eindeutig: Falsch! ,Unterschätze niemals eine Adlige, die ihre Familie bis zu Karl dem Großen zurückverfolgen kann!', pflegte mein Vater zu sagen", murmelte Lucius und griff sich theatralisch ans Herz. Carissa nickte entgeistert. Es war faszinierend, was sich zwischen Ludmilla und Cygnus abspielte.
„Darum geht es nicht!", polterte Ludmilla Malfoy auch prompt los. „Sie haben nicht das Recht, dieses Mädchen zu beleidigen und keinerlei Veranlassung, sich in meinem Haus" – „Das ist mein Haus!", presste Lucius leise zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sein Kopf landete in Carissas Schoß. – „wie ein wild gewordener Keiler zu gebärden! Miss Carter ist in diesem Haus herzlich willkommen. Sie sollten doch am besten wissen, dass sie keineswegs krank ist. Schließlich war es Ihr feiner Schwager, dem sie das zu verdanken hat! Oder sind Sie zu unwissend um einen Schweigezauber à la Black zu erkennen?", schimpfte sie. Sie war aufgesprungen; nur wenige Zentimeter trennten ihr Gesicht von dem ihres Widersachers. Carissa staunte, wie autoritär die schlanke Dame sein konnte.
Cygnus Black schnappte nach Luft. „Es war sein gutes Recht das zu tun! Denn dieses Geschöpf hat es nicht anders verdient! Mein Schwager muss seine Geheimnisse schützen! Ein Grund mehr, dieses Flittchen hinauszuwerfen und zum Schweigen zu bringen!"
„Sie überschreiten Ihre Kompetenzen, Cygnus!", mischte sich Lucius ein. Er zweifelte nicht an der Durchsetzungskraft seiner Mutter, doch konnte er nicht dulden, dass ein Gast seines Hauses einen anderen beleidigte. Die Regeln der Gastfreundschaft mussten gewahrt bleiben. Selbst seinem ärgsten Feind würde er diese zugestehen, wenn er überhaupt die Schwelle zu seinem Haus würde überschreiten können und dürfte. Lucius erhob sich und verstellte Carissa die Sicht. „Ich schlage Ihnen..."
Doch er kam nicht weiter.
„Meine Kompetenzen? Meine Tochter ist seit vorgestern spurlos verschwunden! Am gleichen Tag erfahre ich, dass sie schwanger ist, von Dir! Gestern stehst Du vor meiner Tür und willst so bald als möglich einen Hochzeitstermin festlegen, während ich Dich am liebsten kastrieren und danach vierteilen würde. Aber nein, Druella ist dagegen. ,Darling', meinte sie, ,das kannst du nach der Hochzeit immer noch tun! Oder noch besser, warte bis das Balg da ist, dann wissen wir, ob es seines ist oder nicht, dann kannst Du diesem Kretin immer noch den Todesfluch an den Hals jagen oder sonst etwas mit ihm machen!'
Entgegen aller Vernunft beuge ich mich und lasse Dich leben, nehme sogar eine Einladung zum Tee an, um die organisatorischen Dinge zu regeln. Und nun muss ich festzustellen, dass Du in wilder Ehe mit der verstoßenen Gespielin meiner Schwagers zusammenlebst, die sich Wer-weiß-was eingefangen hat, nachdem sie mit meinem missratenen Neffen geschlafen hat und drei Jahre verschollen war! Erstaunlich, dass sie einem Mädchen ähnelt, das Igors tölpelhafter Sohn in einem Bordell in der Nokturn Gasse getroffen hat!"
„Lass meinen Sohn aus dem Spiel!", warnte Igor und drohte mit dem Zeigefinger.
„Bordell?", keifte Ludmilla und griff sich ans Herz.
Carissa runzelte die Stirn, ohne auf die Empörung ihrer Gastgeberin zu achten. Irgendwann musste es ja herauskommen, wo sie und Lucius sich kennengelernt hatte. Cygnus war ihre ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Er war erstaunlich gut informiert.
„Sie sind erstaunlich gut informiert, Mr. Black, meinen Sie nicht?", mischte sich Zabini ein und sprach aus, was Carissa dachte. „Wenn Sie mich fragen, gibt es nur eine Möglichkeit, wie sich die Parteien wieder versöhnen. Sie, Mr. Black, wissen sicher wie dieser Schweigezauber aufgehoben werden kann, ohne dass ihr Schwager ins Gras beißt, und Lucius findet dafür seine Braut wieder."
Wenn Blicke töten könnten, wäre Pascal Zabini eines zweifachen Todes gestorben. Lucius starrte seinem Freund unverhohlen ins Gesicht. Eigentlich war er froh, dass von Narzissa jegliche Spur fehlte. Wenn seine Braut verschwunden war, konnte er sie schlecht heiraten. Andererseits hatte er so einen Ansatzpunkt, dem Fluch zu Leibe zu rücken.
„Bordell!", stammelte Ludmilla und fächelte sich mit einer Serviette indigniert Luft zu. „Bei Morgana und allen Hexen der Vorzeit. Bordell!"
Carissa schien Zabinis Gedanken zu folgen. Sie machte ein missmutiges Gesicht, seufzte und schüttelte unmerklich den Kopf. Der Entschluss war in ihr gereift, das Feld zu räumen. Sie würde schon eine andere Möglichkeit finden. Sie straffte die Schultern, erhob sich und trat um Lucius herum. Sie ging auf Cygnus Black zu und blieb direkt vor ihm stehen. Sie war um einen ganzen Kopf kleiner als er und musste den Kopf leicht in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu schauen. Sie musterte ihn eine Weile, bis er sie nicht länger ignorieren konnte.
„Was!", brüllte Cygnus. Seine grauen Augen – Augen, die sie so sehr an Sirius erinnerten, dass sie sich zwingen musste, nicht wegzusehen – musterten sie abschätzig. Doch Carissa lächelte nur und schüttelte wieder den Kopf. Ihr gefiel der Plan ebenso wenig wie Lucius. Sie wusste genau, dass die Hochzeit mit Narzissa nicht zu vermeiden war, doch wollte sie nicht der Grund sein, dass diese wegen einer Erpressung rascher stattfand als unter normalen Umständen. Dann würde sie eben gehen. Sie berührte sanft die Wange Cygnus mit den Fingerkuppen. Dieser ließ es sich brummend gefallen. Sie lächelte ihn an, warf dann einen Blick in die Runde, senkte die Lider und wandte sich zum Gehen. Unvermutet tauchte Lucius hinter ihr auf und legte ihr seine Hände auf die Schultern. Er hatte ihre Absichten erkannt und war dagegen.
„Nein! Du wirst nicht gehen!", befahl er. Seine Finger gruben sich in ihre Schultern. „Ich bin einverstanden! Ich finde Narzissa und Sie sorgen dafür, dass der Fluch Ihres Schwagers aufgehoben wird!"
Carissa zuckte zusammen. Sie riss sich von ihm los, stieß ihn von sich und schüttelte vehement den Kopf.
„Nein!", rief sie, dann raffte sie ihre Röcke und rannte aus dem Raum. Lucius hörte sie die Treppen hinauflaufen. Dann knallte laut eine Tür.
„Welch ein temperamentvolles Wesen!", rief Cygnus aus und schnalzte mit der Zunge. „Ich begreife allmählich, was du an ihr findest und was meinen Schwager an ihr so reizte. Nicht schlecht. Aber sie kann doch reden!"
„Sie spricht seit gestern, aber nur wenige Worte und dann auch nur unter Schmerzen", erklärte Ludmilla. Sie nickte ihrem Sohn zu und schickte sich an, den Raum zu verlassen. „Bordell! Das arme Kind!", hörte Lucius sie noch vor der Tür von sich geben.
„Wenn Sie mir eine Möglichkeit zeigen, wie ich die Kleine vom Schweigezauber befreien kann, ohne dass ich Ihren Schwager töten muss, Cygnus, dann werde ich Narzissa finden und auf der Stelle heiraten. Ich bin nicht zimperlich, wenn es um heikle Dinge geht, dass wissen Sie. Nicht ohne Grund hat Seine Lordschaft mir die Position verliehen, die ich innehabe. Doch ich möchte ungern meine eigene Hochzeit in eine Bluthochzeit verwandeln!", drohte Lucius ungeniert. Cygnus grinste und nickte.
Unter dem Zeugnis ihrer Freunde, gaben sie sich die Hände und besiegelten den Pakt.
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Worauf hat er sich nur eingelassen?', fragte sich Carissa. Mittlerweile war es weit nach Mitternacht. Die Männer hatten erst vor wenigen Minuten Malfoy House verlassen und Carissa rechnete jeden Augenblick damit, dass Lucius zu ihr käme. Ludmilla hatte sich als reizende Frau entpuppt, die ihr entgegen aller Befürchtungen keinerlei Vorwurf machte. Jede andere Frau mit einem Hintergrund wie ihrem, hätte sich darüber aufgeregt, wenn ihr Sohn eine Käufliche im Haus unterbrachte. Doch Ludmilla entsetzte eher die Tatsache, wie Carissa in diese Situation hineingeraten ware. Es war eine große Überraschung gewesen, wie farbenprächtig die Mutter ihres Liebhabers zu fluchen verstand.
Carissa hatte, nachdem Ludmilla gegangen war, ein ausgiebiges Bad genommen, sich das Haar gewaschen und saß nun im Erker ihres Zimmers, um zu lesen. Doch erwiesen sich der Mond und die Sterne zu verlockend, um sich auf das geschriebene Wort zu konzentrieren. So klar und zum Greifen nahe waren sie ihr noch nie erschienen. Sie hatte als Kind die Sterne geliebt und sich gerne mit Astronomie und Astrologie befasst. Das waren die einzigen Fächer in Hogwarts gewesen, die sie gut abgeschlossen hatte. Obwohl, Astrologie ja nur ein Fachgebiet des Wahrsagens gewesen war, welches ein Mysterium darstellte, das zu durchdringen ihr niemals gelungen war. Carissa rieb sich die Arme. Allmählich fror sie. Ihre Füße waren kalt und ihre Fingerspitzen nahezu taub.
„Carissa?"
Sie erschrak und zum wiederholten Male an diesem Tag fiel ihr das Buch vom Schoß. Das wurde allmählich zur nervigen Angewohnheit. Als sie Lucius in seinem grünen Hausmantel sah, atmete sie erleichtert aus. Sie lächelte und als sich ein warmes Glitzern in seine Augen schlich, wusste sie, dass alles zu seiner Zufriedenheit gelaufen war.
„Was liest du da eigentlich?", fragte er sie, hob das Buch vom Boden auf und überflog mit spöttischem Lächeln den Titel. „Griechische Mythologie?" Er blätterte kurz durch und verharrte bei der Geschichte um Kadmos und die Zähne der Hydra. „Ah, magische Praktiken mit Drachen- oder Hydrazähnen. Dafür interessierst du doch also?" Lucius warf das Buch aufs Bett und murmelte: „Igor sollte seinen Sohn, wenn er wieder auftaucht, übers Knie legen und ihm beibringen, was Schweigen heißt!"
Carissa zuckte mit den Schultern und glaubte einen lauernden Unterton in seiner Stimme herauszuhören.
„Lassen wir die Griechen Griechen sein. Ich habe anderes im Sinn!", murmelte er schließlich und ließ einen verführerischen Blick über ihre Haut gleiten. Als er ihre Gänsehaut sah, runzelte er die Stirn.
Carissa seufzte stumm. Sie wusste, dass es unvernünftig gewesen war, in einem hauchdünnen Negligé bei eisigen Außentemperaturen auf ihn zu warten. Wenigstens den Morgenrock hätte sie sich umlegen können. Sie lächelte. Starke Arme umfingen sie und hoben sie hoch, pressten sie an einen warmen harten Körper.
„Ich denke, meine neue Mission kenne ich bereits. Wir werden dich aufwärmen müssen", flüsterte er. „Erst wenn du vor Hitze glühst und dich windest, werde ich dir sagen, wie wir diesen bösen Fluch los werden."
Carissa hörte sich kichern. Einen Moment war er, ihr Retter und Gönner, ihr fremd vorgekommen. Sie hatte dieses untrügliche Gefühl, er würde etwas vor ihr verbergen. Aber hatte sie überhaupt das Recht, sein Tun und Lassen zu hinterfragen? Doch dann fühlte sie sich beschwingt in seiner Nähe, sodass sie kaum etwas von dem wahrnahm, was er ihr sagte.
Sie wurde sanft und zärtlich geküsst. Wie ein kostbares Kleinod wurde sie vorsichtig auf die weichen Kissen gebettet. Verlangend streckte sie ihre Hände nach ihm aus, doch er betrachtete sie nur. Als er lächelte, sich endlich doch aus seinem Mantel befreite und sich zu ihr legte, zitterte sie bereits wie Espenlaub. Carissa war sich unsicher, ob vor Kälte oder vor freudiger Erwartung.
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AN 1 – Erklärungen
Kadmos und die Gründung der Stadt Theben
laut griechischer Mythologie, war Kadmos auf der Suche nach seiner Schwester Europa, die Zeus entführt hatte. Das Orakel von Delphi riet ihm, nicht nach seiner Schwester, sondern einer Kuh mit weißer Zeichnung zu suchen. Dieser solle er folgen und dort, wo sie sich niederlasse, solle er eine Stadt gründen. Als Kadmos die Kuh fand, folgte er dieser. Schließlich legte sie sich ins Gras nieder. Kadmos schickte seine Leute aus, um aus einer Quelle Wasser zu schöpfen, damit sie dem Zeus ein Dankesopfer bringen konnten.
Die Quelle wurde von einem Drachen bewacht und dieser tötete alle, die Kadmos zur Quelle geschickt hatte. Schließlich ging Kadmos selbst zur Quelle. Er tötete nach langem Kampf den Drachen. Pallas Athene erschien ihm nach dem Kampf und riet ihm, die Zähne des Drachen herauszubrechen. Von diesen solle er die Hälfte dem Aietes geben und die andere Hälfte in die Erde einpflanzen. Aus den eingepflanzten Zähnen wuchsen Männer, die sich gegenseitig bekämpften und töteten, bis nur noch fünf von ihnen am Leben waren, die sogenannten Sparten. Mit diesen gründete Kadmos (sie waren nun sechst) eine Stadt, wie das Orakel von Delphi bestimmt hatte. Später wurde die Stadt in Theben umbenannt.
Aietes
steht als König von Kolchis in Verbindung zum Goldenen Vlies. Jason muss später, um an dieses zu gelangen, ein Feld pflügen, die Zähne einsäen und sich gegen die aus diesen wachsenden Kämpfern behaupten.
Hydra
eigentlich eine übergroße Wasserschlange, gegen die Herakles sich behaupten muss. Sie besitzt neun Köpfe und hat die schreckliche Eigenschaft, dass, wenn ihr einer dieser Köpfe abgeschlagen wird, zwei aus der Wunde nachwachsen.
