Draco lag in seinem Bett in Snape Manor und starrte an die Decke.
Zuviel war in den letzten Tagen passiert. Der Tod von Narcissa – allein die Tatsache schien ihm immer noch unwirklich, und er weigerte sich innerlich, sich damit abzufinden –, die Auseinandersetzungen mit dem Ministerium wegen dem Vermögen, der Papierkram, und nun noch Jelins Auftauchen ...
Ruhelos wälzte er sich von einer Seite auf die andere. Er hatte Kopfschmerzen, die jede Minute schlimmer wurden. Seit Tagen hatte er nicht mehr schlafen können, nicht seit Narcissa...
Der Gedanke an seine Mutter trieben wieder Tränen in seine Augen, aber obwohl er allein war, gestattete er sich nicht, sie fließen zu lassen. Er wusste, dass die anderen sich große Sorgen um ihn machten, gerade weil er alles so in sich hineinfraß und nach außen kühl und unbeteiligt wirkte. Wieder versuchte er sich davon zu überzeugen, dass er das richtige tat, und seine wahren Gefühle meisterhaft versteckt hielt, auch vor sich selbst.
Ginny musste sich inzwischen fast zu Tode sorgen, aber er war einfach unfähig, auf ihre beinahe panischen Briefe zu reagieren. Nichtsdestotrotz sehnte er sich nach ihrer Gegenwart. Die friedlichen Zeiten in Chryois, die sie miteinander verbracht hatten, schienen Lichtjahre entfernt zu sein.
Wieder drehte er sich auf die andere Seite und versuchte, seinen schmerzenden Kopf zu ignorieren.
Es klopfte, und er richtete sich schwerfällig auf.
Es war Snape, der, ohne viel Worte zu machen, auf ihn zukam und ihm dann brüsk eine Phiole zuwarf.
„Austrinken", kommandierte er scharf. „Genug ist genug, Draco. Du wirst jetzt schlafen, und wenn ich dich persönlich dazu zwingen muss!"
„Ich brauche keine Hilfe!" schnappte Draco. „Ich komme allein zurecht!"
Snape ließ sich nicht irritieren.
„Zwing mich nicht dazu, an dir einen Imperio auszuführen", sagte er eisig. „Und ich werde es tun, verlass dich darauf, wenn du nicht sofort diesen Zaubertrank zu dir nimmst! Narcissa ist tot, Draco, aber du lebst. Noch. Durch den Schlafmangel hast du schon Halluzinationen, bildest dir den Dimensionswächter ein, obwohl der Squib und ich bezeugen können, dass du dich mit der leeren Luft unterhalten hast! Wie weit soll das noch gehen?"
„Jelin war da!" brüllte Draco zurück. „Ich habe keine Halluzinationen! Warum lasst ihr mich nicht alle in Ruhe?!"
„Wie du willst." Snape hob seinen Zauberstab.
Das letzte, was Draco hörte, war Dormio, und danach nur noch Schwärze.
Ginny war wirklich kurz vor dem Durchdrehen, obwohl sie es erfolgreich vor ihrer Familie verbergen konnte.
Ein Schock folgte dem nächsten. Nach der Stürmung von Azkaban kam bald die Nachricht vom Tod Narcissa Malfoys. Auch sie verstand nun, was Draco gemeint hatte, als er von der „Liste" gesprochen hatte. Nach seiner Mutter kamen unweigerlich sie oder Blossom – und es war klar, wem Lucius' Prioritäten gelten würden.
Sie weigerte sich jedoch, den Kopf in den Sand zu stecken. Dutzende von Versuchen, Draco zu erreichen, schlugen fehl. Ginny wusste nicht einmal, wo er sich derzeit aufhielt. Aber sie ahnte, dass er schrecklich unter dem Verlust litt, und gerade deshalb unter allen Umständen einen Kontakt mit ihr vermied.
Die Stimmung im Fuchsbau war gedrückt. Arthur Weasley war erst Stunden später nach der Versammlung des Ministeriums zurückgekehrt, und er gab sich sehr wortkarg, obwohl ihn die anderen bestürmten, nähere Einzelheiten bekannt zu geben.
Sirius und Harry waren im Fuchsbau geblieben, und dementsprechend eng war es immer noch. Ginny teilte sich ihr Zimmer nach wie vor mit Hermine, obwohl die beiden Mädchen kaum miteinander sprachen.
Fünf Tage nach den Geschehnissen – einen Tag nach der Beerdigung Mrs Malfoys, wie sie wusste – geschah endlich etwas.
„Ginny!" rief Molly aus dem Wohnzimmer, während die anderen beim Frühstück saßen. „Da ist ein junger Mann für dich im Kamin!"
„Wer ist es, Mum?" Ginny erhob sich so eilig, dass sie fast ihren Tee umgestoßen hätte. Draco?
„Sein Name ist Sariel." Molly klang deutlich verwirrt.
Ginny schoss ins Wohnzimmer, und die anderen folgten ihr neugierig.
„Wer ... Sari?"
Der dunkelhaarige Squib sah ziemlich unbehaglich aus.
„Hey. Äh, Ginny, ich muss es kurz machen. Ich hab Grandma dieses Zeug geklaut, und sie wird ziemlich sauer, wenn sie das erfährt. Ich weiß, er wird mich umbringen, aber Dracs ist in Snape Manor, und du tätest gut daran, möglichst bald da aufzutauchen, bevor er noch ganz durchdreht."
„Snape Manor?" wiederholte Ginny. „Bist du dir sicher?"
„Hundert Prozent. Gestern bei der Beerdigung gab es einen Zwischenfall ..."
„Du warst da?" Ginny wurde ganz gegen ihre Absichten wütend. „Warum zum Teufel weiß eigentlich jeder Bescheid und wird mit einbezogen, nur ich nicht?"
„Na, warum wohl, du Schaf? Weil von uns es keiner schafft, ihn endlich dazu zu bringen, mal wie ein normaler Mensch zu reagieren und auch mal offen zu trauern. Nicht, dass wir es nicht alle versucht haben, aber wir haben uns nur blutige Nasen dabei geholt. Er schläft nicht, er isst nicht, und gestern hatte er so etwas wie Halluzinationen ..."
„Halluzinationen? Draco? Das glaube ich nicht."
„Ist aber wahr." Sari wurde ungeduldig. „Die einzige, die ihm einen Tritt in den Hintern geben kann, bist du, deshalb hält er dich ja auch von sich fern. Sieh zu, dass du es bald tust, bevor er auf die Idee kommt, etwas wirklich Dummes zu tun."
„Du meinst, er würde ..." Ginny wurde weiß.
„Wenn er so weitermacht, kann ich für gar nichts garantieren." Sari sah sich um. „Ich muss Schluss machen, sonst nimmt Grandma mich auseinander. Schaff deinen Arsch nach Snape Manor!"
Damit war sein Kopf aus dem Feuer verschwunden.
„Du denkst doch nicht ernsthaft daran, wirklich da hin zu gehen?" platzte Ron heraus. „Das ist Wahnsinn, Snape wird dich killen!"
Ginnys Gesicht hatte einen sturen Ausdruck angenommen, den alle nur zu gut kannten.
„Wer war das überhaupt?" erkundigte sich Arthur stirnrunzelnd.
„Sari ist ... so was wie ein Freund von Draco. Sie sind irgendwie verwandt."
„Wie kommt es, dass er dann nicht nach Hogwarts geht?"
„Weil er ein Squib ist", sagte Ginny, die mit ihren Gedanken schon weit fort war.
Die anderen waren verblüfft. Malfoy – befreundet mit einem Squib?
„Mum, Dad, ich muss nach Snape Manor."
Das Ehepaar Weasley tauschte einen besorgten Blick aus.
„Ginny", sagte Molly dann sanft. „Es könnte sehr gefährlich für dich sein ... außerdem, Ron hat Recht. Professor Snape ist sicher nicht erbaut davon, wenn du einfach vor seiner Haustür auftauchst."
„Na und? Dann versuche ich halt, vorher Kontakt mit ihm aufzunehmen. Wenn Sari sich schon solche Sorgen um Draco macht, glaubst du, Professor Snape geht es anders?"
„Seit wann hat Snape denn Gefühle", murmelte Harry vor sich hin, und Sirius schüttelte den Kopf.
„Ich rede mit Snape", sagte Arthur energisch. „Ihr verschwindet wieder in der Küche, verstanden?"
„Aber, Dad ..." begann Ginny zu protestieren.
„Kein aber und keine Widerreden, Ginevra. Der Zugang zu Snape Manor ist geheim, und wir alle stehen unter einem Eid des Phoenix Ordens, ihn nicht preiszugeben."
Widerwillig verließen die anderen das Wohnzimmer.
Arthur tauchte nur einen Moment später auch in der Küche auf.
„Und?" Ginny war ungeduldig und machte sich noch größere Sorgen um Draco als vorher.
Zum nicht geringen Erstaunen der anderen sagte ihr Vater nur: „Er erwartet dich in einer Viertelstunde. Du wirst per Flohpulver überwechseln."
Snapes Augen musterten sie kalt, als sie in Snape Manor ankam.
„Folgen sie mir", sagte er kurz, und ohne mehr zu sagen wandte er sich um und ging schnell vor ihr her.
Ginny schluckte. Snape Manor war elegant und hochherrschaftlich, aber unbestreitbar düster. Sie beeilte sich, mit Snape Schritt zu halten.
„Ich erwarte, dass Sie ihn endlich zur Vernunft bringen." Der Zaubertrankprofessor hielt vor einer Tür. „Ich musste ihn gestern dazu zwingen, zu schlafen, und der Schlafzauber hält immer noch an." Er sah ihr scharf ins Gesicht, was Ginny dazu brachte, unwillkürlich einen Schritt zurückzuweichen.
„Ich werde tun, was ich kann", antwortete sie nervös.
„Einer der Hauselfen wird hier warten. Kommen Sie nicht auf den Gedanken, allein durch das Haus zu wandern. Gehen Sie schon." Er machte eine ungeduldige Handbewegung.
„Vielen Dank, Professor Snape", sagte Ginny leise.
Snape wandte sich abrupt ab und verließ den Gang ohne ein weiteres Wort. Ginny sah ihm noch einen Moment nach und schlüpfte dann in das Zimmer.
Graues Dämmerlicht herrschte dort vor. Der Raum war sehr groß – ihr kleines Schlafzimmer hätte sicher mindestens zehnmal hineingepasst – und bis auf einen riesigen Schreibtisch, übersät mit Papieren und dem an der Wand stehenden Bett leer.
Ein freudiges Quietschen erklang, und Blossom kam aus den Schatten auf sie zugesprungen.
„Scrawny! Scrawny – Draco – Hilfe!"
"Psst, nicht so laut, Blossom!" Ginny strich der kleinen Echse über den Kopf.
Blossom senkte die Stimme.
„Draco – Hilfe!"
„Ich werd's versuchen. Lumos." Im Licht ihres Zauberstabes schlich Ginny zu dem Bett hinüber.
Draco lag auf dem Bauch, das Gesicht von ihr abgewandt. Er war nicht zugedeckt, und sie konnte sehen, dass er nass war vor Schweiß und sehr unruhig schlief. Er hatte abgenommen, und Ginny fragte sich unwillkürlich, wie es möglich war, nur innerhalb von fünf Tagen mindestens zehn Pfund Gewicht zu verlieren.
Eben drehte er den Kopf, und sie hielt erschrocken die Luft an. Sein Gesicht wirkte ausgezehrt, und dunkle Ringe lagen unter seinen Augen.
Ginny setzte sich sacht auf das Bett und begann mit den Händen die verkrampften Nackenmuskeln zu massieren. Draco stöhnte leise im Schlaf, wachte jedoch nicht auf.
„Draco." Sie schüttelte ihn leicht. „Draco, aufwachen." Sie wusste nicht, ob der Zauberspruch, den Snape über ihn geworfen hatte, immer noch wirkte, aber ein erholsamer Schlaf war das auf jeden Fall nicht.
Draco begann zu blinzeln und mit einiger Anstrengung gelang es ihm, die Augen zu öffnen.
„Ginny?" murmelte er. „Wo sind wir hier?"
„Du bist in Snape Manor, erinnerst du dich nicht?" fragte sie vorsichtig. Sie hasste es, ihm die Realität wieder so knallhart vor Augen zu führen, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Der desorientierte Blick verschwand nach einem Moment, und mit einem Ruck richtete er sich auf.
„Was machst du hier?" fragte er kühl. „Ich dachte, ich hätte dir gesagt, dass wir uns vor Hogwarts nicht mehr wiedersehen würden. Wer hat dir erzählt, dass ich hier bin? Snape?"
„Das tut gar nichts zur Sache." Ginny behielt den sanften Ton in ihrer Stimme bei. Als sie versuchte, eine Hand auf seinen Arm zu legen, wurde er ihr abrupt wieder entzogen. „Wie geht es dir?"
„Prima", antwortete er sarkastisch. „Wirklich, es könnte mir nicht besser gehen. Und jetzt tu mir einen Gefallen und verschwinde."
„Es tut mir leid wegen deiner Mutter." Ihre Stimme wurde noch leiser. „Warum weichst du mir seit Tagen aus? Ich hätte dich begleitet, damit du das nicht allein durchmachen musst."
„Warum glaubt eigentlich jeder, dass ich Hilfe brauche?" gab Draco zornig zurück. „Ich komme allein zurecht!"
„Ach? Deswegen bist du so dünn geworden? Ich habe gehört, du isst nicht, du schläfst nicht, und wenn ich mir dein Gesicht so ansehe, dann kriege ich Angst. In Chryois hast du mal zu mir gesagt, dass ich dir helfen müsste, dein neues Leben auf die Reihe zu bekommen, also warum lässt du mich nicht?"
„Warum kapiert das keiner?!" Draco brüllte ihr jetzt mitten ins Gesicht. „Wem ist denn geholfen, wenn ich hier rumheule? Niemandem, es ändert nichts, und Mutter ist tot ..." Es war das erste Mal, dass er die Wahrheit aus seinem eigenem Mund hörte, und es traf ihn erneut mit der Wucht eines Schlages. Seine Unterlippe begann zu zittern, er konnte nichts dagegen tun. Draco wandte sich schnell ab, damit Ginny es nicht sah.
„Wem es hilft?" Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Dir, und niemandem sonst. Wovor hast du Angst? Hier sind nur wir beide, und ich werde mit Sicherheit nichts darüber erzählen. Warum redest du nicht mit mir?"
„Ich habe Angst, dass ich nicht mehr aufhören kann, wenn ich einmal angefangen habe." Er stand immer noch mit dem Rücken zu ihr, und ein unterdrücktes Schluchzen klang nun in seiner Stimme mit. „Ich habe Angst davor, dich auch noch zu verlieren. Es ist alles meine Schuld. Wenn ich nicht darauf bestanden hätte, Lucius nach Azkaban zu bringen, und einfach den Spion gespielt hätte, wäre Mutter noch am Leben und du nicht in Gefahr."
Ginny war überrascht. Trauer hatte sie erwartet, aber nicht diese zermarternden Selbstvorwürfe.
„Es ist doch nicht deine Schuld, Draco. Du hast doch auch ein Recht darauf, dein Leben zu leben, wie du es willst."
„Auf Kosten des Lebens meiner Mutter? Deines Lebens? Und wenn er sich nicht gleich dich aussucht, wer dann? Sari? Severus? Was ist mit deinen Eltern?"
Er versuchte wieder, von sich abzulenken.
Ginny hatte das vorausgesehen. Sie griff nach seiner Schulter und drehte ihn zu sich herum, diesmal ohne Widerstand.
Draco hatte die Zähne fest in der Unterlippe vergraben, und gegen seinen Willen standen ihm nun doch Tränen in den Augen.
„Sie kann nicht tot sein, verstehst du? Ich habe ihre Leiche gesehen, und ich habe vor ihrem verdammten Grab gestanden, und trotzdem ist mir so, als müsste ich mich nur umdrehen und sie würde wieder da sein." Die ersten hellen Spuren begannen über seine Wangen zu laufen. „Das ist einfach nicht fair!"
„Ich weiß." Auch Ginny bemühte sich nun, ihre Tränen zurückzuhalten. „Bitte, Draco, hör auf dich selbst kaputtzumachen. Das macht deine Mutter nicht wieder lebendig, und sie hätte es mit Sicherheit nicht gewollt."
Draco presste sie an sich, und sie spürte, wie sein Körper von unterdrückten Schluchzern geschüttelt wurde.
„Es ist nicht fair!" wiederholte er hilflos und fing endlich richtig an zu weinen.
Ginny zog ihn sanft mit sich auf das Bett, und sie hielt seinen Kopf an ihre Schulter gedrückt, während seine heißen Tränen über ihre Haut tropften.
Draco konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben seinen Emotionen in diesem Maße freien Lauf gelassen zu haben. Die ganze Last der Erinnerungen stürmte nun auf ihn ein, und erneut traf ihn der Schmerz mit aller Wucht.
Narcissa war tot, endgültig. Nichts was er tat oder auch in Zukunft tun würde, würde sie wieder zurückbringen. Kein Zaubertrick, kein Gezeitenportal, nichts.
Es war schwer, sich diesen Tatsachen zu stellen, daher hatte er all die Emotionen unterdrückt, war Ginny ausgewichen, die ihn von allen noch lebenden Menschen am besten kannte ... und doch hatten die Tränen etwas heilsames.
Eine lange, lange Zeit später spürte Ginny, wie das schreckliche Weinen weniger wurde.
Dracos Körper entspannte sich zusehends, und bald darauf war er völlig erschöpft an ihrer Schulter eingeschlafen. Diesmal war es ein richtiger, erholsamer Schlaf, und sie strich über die blonden, schweißnassen Haare, bis auch sie langsam eindöste, von der tagelangen Anspannung ermüdet.
Blossom, die sich diskret im Hintergrund gehalten hatte, sprang über den Fußboden, hüpfte auf das Bett und ließ sich bequem zwischen Ginny und Draco nieder. Die klugen Augen der Echse drückten fast so etwas wie Erleichterung aus.
