Do Over
Kapitel 11
There's Always Tomorrow
Die Sonne ging gerade auf, als Edward erwachte. Er lag in dem stillen Haus auf der Couch und lauschte dem Geräusch, durch das er aufgewacht war. Er war sich sicher, dass er etwas gehört hatte, allerdings war er noch zu schläfrig, um genau zu sagen, was es war.
Dann hörte er es wieder. Ein unterdrücktes Weinen ... oder Schluchzen. Das vom Gang ertönte.
Er dachte, dass vielleicht eines der Kinder einen Alptraum gehabt hatte, also stand er von der Couch auf und folgte dem Geräusch. Als er das Wohnzimmer verließ, fiel ihm ein gedämpftes Licht auf, das aus dem Büro kam, und er merkte, dass die Geräusche aus dieser Richtung kamen.
Er erstarrte. Jemand weinte tatsächlich.
Mit seinen Socken machte er keine Geräusche auf dem Boden, als er sich der angelehnten Tür näherte. Er hörte genau hin und spähte durch den schmalen Spalt, nur um zu sehen, dass Bella am Schreibtisch saß und in Richtung des Bildschirms sah. Sie war von ihm abgewandt, sodass er ihr Gesicht nur von der Seite aus sehen konnte, aber als sie schniefte und mit der Hand über ihre Wange wischte, wusste er, dass sie es war, die weinte.
„Bella?" Er zog die Türe auf und machte ein paar Schritte in das Zimmer hinein. „Was stimmt denn nicht?"
Bella wirbelte überrascht herum und sprang auf die Beine. „Ich habe dich gar nicht gehört."
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken", sagte Edward. Er machte einen Schritt auf sie zu, blieb aber stehen, als er den traurigen Blick auf ihrem Gesicht sah. „Was ist los?"
Bellas Gesicht versteifte sich ein wenig, aber die Tränen rollten weiterhin ihre Tränen hinab. Edward versuchte, um sie herum auf den Computer zu sehen, damit er wusste, was sie tat, aber er konnte es nicht gut erkennen.
„Ich konnte nicht schlafen", sagte sie mit kratziger Stimme. „Ich dachte, ich komme hier herunter, um ein bisschen Arbeit zu erledigen. Ich habe eine Mail von deiner Autoversicherung gefunden. Du weißt, wir haben die Abbuchung von deiner Kreditkarte aus geregelt, und dann wird jedes Monat mit meinem Konto verrechnet?"
Edward spürte, wie sein Bauch sich verkrampfte. Ihm gefiel nicht, welche Richtung das Gespräch einschlug.
„Tja, offenbar wurde die Zahlung dieses Monat rückgebucht", fuhr Bella fort. Ihre Stimme klang nicht anklagend, aber irgendwie leer. „Ich dachte, denen müsste ein Fehler unterlaufen sein, also habe ich mich auf unserem Visa-Konto eingeloggt. Das Limit der Karte ist erreicht, Edward."
Edward musste schwer schlucken. „Das ist doch wirklich keine große Sache ..."
Bella fuhr fort, als ob er nichts gesagt hätte. Ihre Augen waren immer noch voll Tränen. „Also habe ich schnell bei unseren anderen Karten nachgesehen. Rate mal, was ich gefunden habe."
„Bella ..."
„Ein wenig mehr als dreitausend Dollar, Edward", sagte sie. „Dreitausend Dollar in weniger als einer Woche."
Edward räusperte sich. „Tja, ich musste Waylon den Treibstoff zahlen ... und dann noch den Mietwagen ..."
„Wir arbeiten so hart, um alles abzubezahlen, Edward", fuhr Bella fort und schüttelte den Kopf, als ob sie dann klarer sehen könnte. „Nachdem wir das Dach erneuern mussten. Weißt du noch? Wir haben all die Zinsen gezahlt, und sobald wir keine Schulden mehr hatten, haben wir gemeinsam beschlossen, das Limit unserer Konten niedrig zu halten und jeden Monat alles abzubezahlen ... und dass wir gemeinsam entscheiden, bevor wir irgendwelche größeren Käufe tätigen."
„Bella, ich kümmere mich darum."
„Wie, Edward?", fragte sie. Ihre Stimme klang langsam wütend. „Wir verdienen kaum genug, um die Hypothek und unsere üblichen Rechnungen zu zahlen. Wo sollen wir zusätzliche dreitausend Dollar auftreiben?"
Edward fuhr sich frustriert mit der Hand durch das Haar. „Ich finde einen Weg. Du musst dir deswegen keine Sorgen machen."
„Sag mir nicht, ich soll mir keine Sorgen machen!", rief Bella, bevor sie Luft holte, um sich zu beruhigen. „Das betrifft uns beide, Edward. Diese Karten gehören uns. Die Schulden gehören uns. Du kannst mir nicht einfach sagen, ich soll mir keine Sorgen machen."
Edward spürte, wie sich seine Augen verengten. „Und ich sage dir, dass ich mich darum kümmern werde. Ich hab das Problem verursacht, und ich werde es wieder hinbekommen."
Bella ließ sich zurück in den Sessel fallen. „Du verstehst es einfach nicht, oder?" Wegen seines ausdruckslosen Gesichts fuhr sie fort. „Wir waren früher immer ein Team. Wir waren Partner. Wir sollten uns solchen Dingen gemeinsam stellen. Ich habe es dir immer und immer wieder gesagt, aber du hörst mir nie zu."
Edward ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Ich wollte nur, dass du eine besondere Nacht erlebst ... dass du hübsche Dinge bekommst."
„Gott, Edward." Bella rieb sich die Augen. „Ich brauche keine hübschen Dinge. Ich brauche nur dich. Ich brauche uns." Sie wandte sich dem Bildschirm zu, schloss alle Fenster und drehte alles ab. „Ich muss zur Bank, sobald sie öffnet", sagte sie. „Ich werde fragen, was ich wegen der Versicherungsprämie machen soll."
„Ich kann helfen", bot Edward an.
„Ich denke, es wäre besser, wenn du hier bleibst", fuhr Bella fort. „Die Kids werden bald wach sein." Sie zögerte und sah ihm nicht in die Augen. „Und ich glaube, es wäre besser, wenn du für eine Weile zu Jasper ziehst."
„Bella, nein", murmelte Edward. Eine Welle der Panik erfasste ihn.
„Ich brauche nur ein wenig Zeit", sagte sie leise. „Wir beide brauchen ein wenig Zeit, glaube ich, um uns abzukühlen und wieder klar denken zu können."
„Bella, tu das nicht."
„Ich tue gar nichts, Edward", sagte sie streng, aber ihre verletzten, braunen Augen trafen seinen Blick. „Ich bitte dich nur um etwas Zeit. Bitte."
Edward starrte sie kurz an, bevor er langsam nickte. „Okay."
Bella nahm ein paar Dokumente an sich und verließ das Büro. Ein paar Minuten später hörte Edward, wie sich die Eingangstüre schloss, gefolgt vom Motorengeräusch des Minivans, als Bella aus der Einfahrt fuhr. Er ging hinüber und setzte sich hin, seinen Kopf hatte er in seine Hände gelegt.
Wie war das alles passiert? Er hatte so tolle Pläne gehabt und nur die allerbesten Absichten, aber – wie ein riesen Idiot – hatte er es nicht ordentlich durchdacht. Er hatte nie überlegt, dass diese Ausgaben vielleicht den finanziellen Rahmen seiner Familie sprengen könnten. Die letzten paar Jahre lang war Geld nie ein Thema für ihn gewesen, aber nun hatte er es vergeigt, weil er nicht an die Konsequenzen seiner Handlungen gedacht hatte.
Er besaß eine kleine, junge Zeitung in einer kleinen Stadt. Seine Frau war Lehrerin. Er hatte zwei Kinder. Und es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass es vielleicht nicht die beste aller Ideen war, tausend Dollar für einen neuen Anzug auszugeben?
So ein Idiot.
Edward zog an seinen Haaren. Er konnte Bella nicht verübeln, dass sie böse auf ihn war und traurig, aber langsam fühlte er sich mehr als nur ein wenig frustriert. Er hatte wirklich keine Ahnung, was hier vor sich ging – obwohl er mit jeder Minute, die verging, eine bessere Vermutung bekam – und langsam war er es leid, für Fehler zu bezahlen, die jemand anders verursacht hatte – der andere Edward. Derjenige, von dem er langsam dachte, dass er Bella gar nicht verdient hatte ... oder dieses Leben.
Gleichzeitig fühlte er sich schuldig. Weil es eine Tatsache war, dass er auch gleichzeitig der andere Edward war. Das Ich, zu dem er geworden wäre, wenn er die Entscheidungen dieses Edwards getroffen hätte. Sicher, er konnte diesen Edward von seinem Standpunkt aus als Außenseiter beurteilen, aber in Wirklichkeit wusste er, dass er nur über sich selbst urteilte. Er verstand langsam, zu welchem Menschen er geworden wäre, wenn er in der Vergangenheit andere Entscheidungen getroffen hätte, und um komplett ehrlich zu sein, war er nicht gerade glücklich mit dem, was er sah.
Er hatte aber keine Ahnung, was er jetzt deswegen machen sollte, und langsam dachte er, war es an der Zeit, um Hilfe zu bitten.
Edward stand abrupt auf und ging zurück ins Wohnzimmer. Die Sonne schien bereits und er konnte hören, dass die Kinder oben schon wach waren. Er ging zum Beistelltisch und zog die Schublade auf. Er nahm seine Geldbörse heraus und seine Schlüssel und schob ein paar Papiere herum. Er suchte nach der kleinen, silbernen Glocke.
Sie war verschwunden.
„Oh nein", murmelte er, nahm alles aus der Schublade und legte die Sachen auf den Boden. Er nahm sogar die Lade heraus, drehte sie um und schüttelte sie. Dann ließ er sich auf die Knie nieder und suchte unter dem Tisch und dem Sofa.
Wo war sie?
„Nein ... nein ... nein ...", sang er. Er saß am Boden, hatte den Rücken an das Sofa gelehnt, die Knie angewinkelt und seinen Kopf in seinen Armen verborgen. „Was zur Hölle soll ich jetzt tun?"
„Daddy?" Eine dünne Stimme zog ihn aus seinen quälenden Gedanken. Er blickte hoch und sah, dass Masen vor ihm stand. Sein kleines Gesicht war rot und ihm kullerten die Tränen über die Wangen.
Die Glocke war sofort vergessen und Edward streckte seine Hand nach seinem Sohn aus. „Masen? Was ist denn los, Kumpel?"
Die Lippe des kleinen Jungen zitterte. „Es tut mir Leid, Daddy. Ich hab etwas Schlimmes gemacht."
Edward fuhr mit der Hand durch das verschwitzte Haar des Jungen. „Es kann nicht so schlimm sein, Masen. Warum erzählst du mir nicht einfach, was passiert ist?"
Masens Kopf sank nach unten. „Ich ... äh ... ich hab deine Glocke genommen."
„Du hast sie?"
„Ich hab nach meinem Hot Wheels Feuerwehrauto gesucht und sie in der Lade gefunden", plapperte Masen eilig drauf los. „Es tut mir Leid, Daddy."
Edward war sofort erleichtert. „Tja, dann gib sie einfach zurück, Kumpel. Ist schon okay." Er streckte seine Hand aus und Masen hob seine kleine Faust hoch, damit er die Glocke in Edwards geöffnete Hand legen konnte. Edward kam ein neugieriger Gedanke. „Masen, woher wusstest du, dass das meine war?"
Masen biss sich auf die Lippe, bevor er flüsterte: „Der Engel hat's mir gesagt."
Edward wurde kalt „Der Engel? Meinst du damit ...? Hast du ...? Masen, hast du die Glocke geläutet?"
Masen nickte bloß.
„Und du hast ... Michael gesehen?"
Masen nickte wieder.
„Hast du mit ihm gesprochen?"
Masen lächelte ein kleines Lächeln. „Er sagte, ich hätte die Glocke nicht nehmen sollen, aber er sagte, du würdest mir verzeihen, wenn ich sage, dass es mir Leid tut."
„Was hat er noch gesagt? Hat er dir etwas anderes über mich erzählt?"
Masen biss sich auf die Lippe und dachte nach. „Er hat gesagt, ich soll dir sagen: ‚Das ist Nummer zwei.'"
Das ist Nummer zwei. Edward hatte also eine Gelegenheit verloren, Michael um Hilfe zu bitten. Er war ein wenig frustriert, dass man es ihm zurechnete, wenn doch Masen die Glocke geläutet hatte, aber genauso schnell dachte er daran, dass es ja seine eigene Schuld gewesen war, wenn er die Glocke nicht bei sich behalten hatte. Er merkte, dass sein Sohn ihn vorsichtig beobachtete. Wahrscheinlich fragte er sich immer noch, ob er jetzt in Schwierigkeiten war. Edward lächelte und zog ihn auf seinen Schoß.
„Masen, warum hast du gesagt, Michael wäre ein Engel?"
Masen kuschelte sich an die Brust seines Vaters. „Wegen den Flügeln."
„Er hatte Flügel?"
„Ja", hauchte Masen. „Große, weiße." Er deutete mit seinen Händen einen großen Bogen an, um seine Worte zu untermauern. „Er sagte, die meisten Leute können sie nicht sehen, aber Kinder sehen manchmal besser als Erwachsene."
Edward kicherte. „Ich glaube, das ist wahr. Hat er noch etwas gesagt?"
Masen nickte an Edwards Brust. „Ich hab es aber nicht verstanden."
„Was hat er gesagt?"
Masen setzte sich auf, starrte Edward an und verzog vor lauter Konzentration die Augenbrauen. „Er sagte: ‚Sag deinem Daddy, er soll gut zuhören, aber nicht nur mit seinen Ohren ... er muss mit seinem Herzen hören.' Das macht keinen Sinn, oder, Daddy? Wie kann man mit dem Herzen hören?"
Edward zog seinen Sohn an sich und drückte ihm einen Kuss auf den Kopf. „Darüber muss ich nachdenken, Kumpel", sagte er.
Und das tat er auch. Als die Kids sich anzogen und sich für den Tag fertig machten ... als er ihnen das Frühstück gab ... als er eine Tasche packte, um zu Jasper zu fahren ... und als er Bellas traurige Augen sah, als sie heim kam und er gerade zur Tür hinaus ging. Sie sagte ihm, dass die Versicherung für diesen Monat bezahlt war, aber dass sie sich in den nächsten paar Tagen um das Problem mit den Kreditkarten kümmern müssten.
Edward nickte nur und sagte ihr noch einmal, dass es ihm Leid tat.
Er wusste aber, dass es nicht so einfach war.
Langsam merkte er aber auch, dass es vielleicht nicht gar so kompliziert war, wie er gedacht hätte. Michael hatte ihm gesagt, er solle zuhören. Das hatte er wirklich nicht oft getan, seit er in diesem eher seltsamen Leben gelandet war. Er dachte, er wüsste, was Bella wollte ... was sie brauchte ... aber er hörte nie wirklich zu, wenn sie es ihm selbst sagte.
Was mir wichtig ist, zählt für dich gar nichts.
Wir waren früher immer ein Team. Wir waren Partner.
Wir sollten uns solchen Dingen gemeinsam stellen.
Ich habe es dir immer und immer wieder gesagt, aber du hörst mir nie zu.
Ich brauche keine hübschen Dinge. Ich brauche nur dich. Ich brauche uns.
Könnte es sein, dass alles, was Bella wollte, nur war, dass er bei ihr war? Dass er ihr zuhörte? Sie unterstützte und ermutigte? Könnte es wirklich so einfach sein?
Edward war so sehr damit beschäftigt gewesen, Bella zu zeigen, dass sie ihm wichtig war, indem er ihr Sachen schenkte, sodass er nicht einmal daran dachte, ihr einfach sich selbst zu schenken.
Aber er konnte es schaffen.
Als er zu Jaspers Haus fuhr, machte er sich selbst ein Versprechen. Für den anderen Edward mochten seine Frau und seine Familie selbstverständlich gewesen sein, für ihn aber nicht. Er würde alles machen, das nötig war, damit Bella merkte, dass er sie sehr wohl respektierte und hinter ihr stand. Sie würde ohne den kleinsten Zweifel wissen, dass er sie und die Kids liebte ... und dass sie ihm wichtiger waren als jeder Job und jede verpasste Möglichkeit im Leben.
Er würde einen Weg finden, wie er das Problem mit den Kreditkarten lösen konnte – er kam sich vor, als wäre er das Bella schuldig. Er würde sicher gehen, dass sie den Schreibkurs besuchen konnte, denn er war ihr sehr wichtig ... und er würde kleine Möglichkeiten finden – keine teuren Möglichkeiten – um ihr zu zeigen, wie viel sie ihm bedeutete.
Er hatte es vermasselt, aber Edward Cullen war ein Mann, der aus seinen Fehlern lernte.
Und auf keinen Fall würde er zulassen, Bella noch einmal zu verlieren.
