Kapitel 11 – Ein Tag im Leben der Jungfrau von Orleans

Am nächsten Tag traten sie ihre Weiterreise an und landeten mitten in der Nacht in einer dunklen Gasse an einem unbekannten Ort.

„Wer...wer seid ihr?" schreckte eine Stimme die fünf Freunde auf und sie sahen sich einem kleinen Mädchen mit weit aufgerissenen Augen gegenüber, die ganz rot vom weinen waren.„Und wo kommt ihr her?"

„Hab keine Angst, wir werden dir nichts tun", sagte Kwame freundlich.

„Ich habe keine Angst. Ich sehe öfter Menschen, die niemand sonst sehen kann." Die anderen sahen sich verwirrt an.„Ihr glaubt mir auch nicht, oder? Niemand glaubt mir", sagte sie dann und hockte sich auf eine Kiste, um ihr Gesicht in den Händen zu vergraben und begann zu schluchzen.

„Hey Kleine, wir glauben dir, ehrlich", sagte Wheeler, nachdem er sich vor das Mädchen gehockt und ihre Hände von ihrem Gesicht genommen hatte. Er merkte wie sie zögerte.„Hey, es ist alles cool...ich meine gut. Wir sind Freunde und du kannst uns alles erzählen. Wir haben soviel erlebt und gesehen, dass wir wissen, dass so ziemlich alles möglich ist."

„Daran ist nur dieser blöde Krieg schuld", schluchzte das Mädchen, als hätte es Wheelers Worte nicht gehört.

„Welcher Krieg?" fragte Gi.

„Der englische König Edward III hat vor 84 Jahren damit angefangen. Er erhob Anspruch auf den französischen Thron, weil seine Mutter die Tochter unseres Königs war, und bekämpfte König Philipp wo er nur konnte. Jetzt führt König Heinrich V. diesen Krieg weiter."

„Ich glaube, wir sind mitten im hundertjährigen Krieg gelandet", hörte Wheeler Lenka ihren Freunden hinter sich zuraunen.

„Was bereitet dir denn jetzt Kummer, kleines?" fragte er das Mädchen dann sanft.

„Ich habe Visionen." Wheeler riss überrascht die Augen auf, wusste nicht was er erwidern sollte, genau wie seine Freunde, aber die Kleine redete sofort weiter.„Mir erscheinen Heilige. Die heilige Katharina, der Erzengel Michael und die heilige Margareta. Sie haben mir befohlen Frankreich von den Engländern zu befreien. Aber niemand glaubt mir. Sie denken alle ich wäre noch ein Kind und ich würde mir das alles nur ausdenken. Dabei bin ich doch schon 13 Jahre alt."

„Uhm, ja, weißt du...Vielleicht solltest du wirklich noch ein wenig warten, bevor du diese große Aufgabe auf dich nimmst. Wir kämpfen auch dafür die Welt zu einem besseren Ort zu machen, aber in deinem Alter hätte ich das nie gewagt. Ich war 17, als wir damit anfingen und ich hatte damals echt Angst davor. Es ist eine große Verantwortung und manchmal auch eine Last. Aber ich bin mit der Zeit und mit der Hilfe meiner Freunde hineingewachsen, und das wirst du auch, da bin ich sicher. Ich denke nur, dass du noch etwas damit warten solltest."

„Du glaubst mir nicht wahr?" fragte sie glücklich, fast ehrfürchtig und nahm in einer dankbaren Geste Wheelers Hände in ihre, bevor sie zu den anderen aufsah.„Ihr alle glaubt mir, oder?"

„Natürlich glauben wir dir", sagte Wheeler schnell lächelnd, als niemand von seinen Freunden antwortete und das Mädchen fiel ihm dankbar um den Hals.

„Ähh, Wheeler. Wir müssen in ein paar Minuten wieder los", raunte Gi hinter ihm.

„Jetzt schon wieder?"

„Seid ihr auch Heilige, die kommen und verschwinden?"

„Nein sicher nicht. Wir sind nur ein paar Freunde, die eine weite Reise machen", erwiderte Lenka lächelnd.

„Jeanne!" rief plötzlich eine Stimme von weit her.

„Das ist mein Vater. Ich muss nach Hause. Gute Reise euch und danke", rief sie, bevor sie davon rannte.

„Jeanne?!" murmelten Lenka und Gi gleichzeitig überrascht.

„Was geht in euren hübschen Köpfen vor?" fragte Wheeler die beiden.

„Könnte es sein, dass das Jeanne d'Arc war, die Jungfrau von Orleans?" erwiderte Gi dann.

„Wer weiß. Es würde ihre Visionen erklären", sagte Lenka und wandte sich Wheeler zu.„Das war sehr schön, was du zu ihr gesagt hast. Aber mal ehrlich, du hattest Angst?! Den Eindruck hast du überhaupt nicht auf mich gemacht."

„Alles nur Fassade. Ein so cooler New Yorker wie ich, kann doch nicht zugeben, dass er Angst hat. Mal ehrlich, hat uns nicht alle der Gedanke an die Gefahren, die auf uns zukommen würden, erschreckt?" fragte er und sie nickte lächelnd.

„Okay, genug geplaudert, es geht weiter", wandte Gi ein und öffnete wieder das Tor.

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„Was ist denn hier los?" fragte Kwame verwirrt, als sie sich mitten in einer Schlacht wiederfanden. Überall kämpften Männer zu Fuß und zu Pferd. Ein paar in ihrer Näher entdeckten die fünf Freunde und rannten schreiend und mit gezückten Waffen auf sie zu, doch ein Reiter stellte sich ihnen in den Weg.

„Das sind meine Freunde. Widmet euch lieber diesen verfluchten Engländern", sagte eine weibliche Stimme herrisch, bevor sie sich den verwirrten Freunden zuwandte.„Der Moment für ein freudiges Wiedersehen ist denkbar schlecht gewählt", sagte sie lächelnd.

Die fünf schauten immer noch verwirrt zu ihr auf. Die junge Frau vor ihnen im Sattel, bewaffnet und in Kettenhemd gekleidet, kam ihnen seltsam vertraut vor und doch kamen sie nicht drauf, wer sie war.

„Ich bin es, Jeanne. Das Mädchen aus der Gasse. Aber ich muss sagen, in den vier Jahren, die seither vergangen sind habe ich mich wohl mehr verändert als ihr."

„Die Jahre waren gnädig mit uns", wandte Ma-Ti ein.

„Offensichtlich."

„Was ist hier los?" fragte Wheeler dann und deutete auf die kämpfenden Menschenmassen in einiger Entfernung von ihnen.

„Wir vertreiben die Engländer, wie die Heiligen es mir aufgetragen haben. Du hattest recht und dank deiner Worte habe ich den Mut nicht verloren. Ich musste mich zwar einiger Prüfungen unterziehen und den Dauphin an einer meiner Visionen teilhaben lassen, aber es ist mir geglückt und jetzt stehe ich hier und kämpfe mit meinen Männern für den Frieden."

Einige Engländer durchbrachen die Reihen der Franzosen und stürmten auf sie zu.

„Aber ihr solltet verschwinden. Ihr seid denkbar schlecht gewappnet für einen Kampf. Wir reden nachher weiter, so Gott will."

„Und er will nicht. Das Tor öffnet sich wieder in ein paar Minuten", sagte Gi leise zu den anderen, als Jeanne ihr Pferd anspornte.

„Was ist los mit dem Ding?!" erwiderte Wheeler frustriert, der für seinen Geschmack an einem Tag etwas zu viel herumgewirbelt worden war.

Doch als das Tor sich grade öffnete, sahen sie wie Jeanne von einem Pfeil an der Schulter getroffen wurde und vom Pferd fiel. Wheeler, wie er nun mal war, und auch Ma-Ti wollten loslaufen, um ihr zu helfen, doch die anderen hielten sie zurück.

„Sie ist verletzt. Sie werden sie umbringen", sagte Ma-Ti nur arg.

„Werden sie nicht. Siehst du, sie steht schon wieder und kämpft, und ihre Leute kommen ihr zu Hilfe. Wir müssen weiter", sagte Kwame.

„Sie wird das hier überleben, keine Sorge. Jetzt lasst uns gehen", wandte Lenka ein und die beiden gaben nach.

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Kaum an ihrem neuen Ziel angelangt, rappelten sie sich auf und fanden sich erneut in einer schmalen Gasse wieder, diesmal war es jedoch helllichter Tag.

„Okay, wieviel Zeit haben wir diesmal?" knurrte Wheeler missmutig.

„Eine knappe halbe Stunde", antwortete Gi.„Hoffentlich geht das jetzt nicht so weiter. Ich verbringe lieber mehrere Tage in einer Zeit, als mehrere Reisen an einem Tag zu machen."

„Geht mir genauso", erwiderte Kwame.

„Wo wir wohl diesmal gelandet sind?" fragte Ma-Ti.

„Lasst uns mal nachsehen woher der Tumult kommt. Vielleicht finden wir es da raus", sagte Kwame und sie folgten den Rufen, die bis zu ihnen schallten.

Als sie bei der Menge ankamen, suchten sie nach dem Auslöser des Tumults und entdeckten schließlich einen Scheiterhaufen mit einem Pfahl an den gerade eine junge Frau gebunden wurde, doch sie standen zu weit entfernt, um genaueres zu erkennen.

„Was ist hier los?" fragte Wheeler einen jungen Kerl neben ihm.

„Ihr seid wohl grade erst nach Rouen gekommen, wie?! Das da ist Jeanne d'Arc. Sie bezahlt für ihre Sünden."

„Das ist Jeanne?" fragte Ma-Ti verwirrt.„Warum tun sie das?!"

„Die Engländer haben sie in die Hände gekriegt und ihr den Prozess gemacht. Sie wurde von der Kirche verurteilt und sollte auf dem Scheiterhaufen landen, woraufhin sie angeblich abgeschworen hatte und sich für schuldig bekannt, um dem zu entgehen. Aber die Engländer wollten sie tot sehen und haben sie misshandelt und reingelegt, damit sie endlich 1431 auf dem Scheiterhaufen landen konnte...heute", erklärte Lenka ihnen.

„Woher weißt du das alles?" fragte Wheeler sie beeindruckt.

„Wheeler, kaum einer kennt nicht die Geschichte von Jeanne d'Arc. Sie ist die Nationalheldin Frankreichs und eine der bedeutensten Frauen der Geschichte."

Der Scheiterhaufen wurde angezündet und die Menge auf dem Dorfplatz wurde noch lauter. Fassungslos sahen sie einige Minuten zu dem brennenden Mädchen hinüber, bis einer nach dem anderen den Blick abwenden musste. Sie konnten nur erahnen wie grausam es sein musste ihre Schreie zu hören, denn über den Lärm der Menge hinweg drangen sie nicht zu ihnen. Aber nur zu sehen, wie die Flammen ihre spärliche Kleidung ergriffen und ihren Körper lebendig verschlangen, zu sehen wie sie sich wand vor Qual und vergeblich zu befreien versuchte war schockierend bis ins Mark und jeder von ihnen hatte Tränen in den Augen.

„Lasst uns von hier verschwinden. Ich kann das nicht ertragen", seufzte Wheeler und alle stimmten ihm stumm zu, bevor sie sich auf den Weg zurück in die Gasse machten.

„Es ist so grausam. Ich hoffe, dass ich so etwas nie wieder erleben muss", sagte Lenka dann leise und Wheeler legte einen Arm um sie und zog sie tröstend an sich. Sie schmiegte sich an ihn und genoss die Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit, die er ihr schenkte, während sie darauf warteten, dass sich das Tor erneut öffnete und still der Jungfrau von Orleans, ihrem Mut, ihrer Taten und ihrer guten Seele gedachten.