gareggiare: Danke für deinen Like. :)
Leon S. Kennedy 1977: Für die Verspätung musst du dich natürlich nicht entschuldigen. Ich war da einfach sehr schnell mit dem Schreiben dran. :) Alex ist ja sozusagen die „Tante" von Jake. Sich mit ihr einzulassen, ist natürlich gewagt, aber Jake weiß, was er tut und sie ist die einzige, die ihm etwas über seinen Vater erzählen kann. Die Chance muss er ja nutzen. Alex wird ihm nichts tun, sie hat natürlich etwas mit Jake und seiner Tochter vor, aber sie würde ihnen nie etwas tun. Bis die Wahrheit rauskommt, wird es noch ein bisschen dauern, aber ich kann schon mal verraten, dass es spannend werden wird. Und ja für Barry wird das Ganze natürlich hart werden, immerhin ist Natalia ja sowas wie seine Tochter.
Der ehemalige Lieutenant William Coen war ein großgewachsener Mann mit schwarzen Haaren. Auf seinem rechten Arm trug er von der Schulter bis zum Handgelenk gehend ein schwarzes Tribal- Tattoo. Er war in T- Shirt und Jeans gekleidet, als er Chris´ Büro betrat. Sein Blick wanderte misstrauisch zwischen den Anwesenden hin und her. Rebecca begleitete ihn und man sah ihr deutlich an, wie unwohl sie sich fühlte.
„Billy Coen?", fragte Chris. „Schön, dass wir uns mal persönlich sehen."
Rebecca lief leicht rosa an und sah verlegen zu Boden.
„Chris Redfield. Schon viel von Ihnen gehört", sagte Billy. Sie schüttelten sich die Hände. „Rebecca hat gesagt, dass Sie meine Hilfe benötigen."
„Ja, es geht um die Ereignisse in Afrika während ihrer Zeit bei den Marines", erklärte Chris.
Billy sah wenig begeistert aus, dass er nach der alten Geschichte gefragt wurde. Er warf Rebecca einen kurzen Blick zu, dem sie auswich. Wahrscheinlich hatte sie ihm nicht genau erzählt, um was es ging.
„Es tut mir Leid", sagte Rebecca. „Aber für unseren momentanen Fall müssen wir alles wissen, was damals passiert ist. Du musst es uns bitte erzählen."
„Der momentane Fall? Der neue Virus in Washington?", fragte Billy erstaunt.
„Ja", erklärte Chris. „Wir haben eine Verbindung zwischen einer Person, die in die Anschläge involviert ist, und dem Angriff auf das Dorf hergestellt. Deswegen müssen wir wissen, was damals wirklich geschehen ist."
„Ich hatte mir geschworen, nie wieder zurückzublicken", sagte Billy ernst.
„Ich weiß, Billy, aber du bist der einzige, der uns weiterhelfen kann!", sagte Rebecca. „Wir müssen wissen, was du erlebt hast. Ich hab ihnen gesagt, dass du unschuldig bist."
„Es geht nicht darum, Sie für die Dinge damals zu verurteilen", stellte O´Brian klar. „Wir glauben Rebeccas Schilderungen, dass Sie nichts damit zu tun hatten. Aber wir müssen wissen, was passiert ist. Ich habe mit Ingrid Hunnigan vom D.S.O. in Washington Rücksprache gehalten. Wenn sich Ihre Geschichte als wahr herausstellt, dann werden Sie von den Anschuldigungen freigesprochen, die Akten, die es über Sie gibt, verschwinden und Sie werden eine Entschädigung bekommen."
„Das hört sich doch gut an, oder?", meinte Rebecca hoffnungsvoll. „Und du kannst uns damit wirklich helfen."
Billy überlegte. Er hatte nach seiner Flucht aus Raccoon City jahrelang unter falschem Namen im Verborgenen gelebt und hatte sich geschworen, die Erlebnisse in Afrika hinter sich zu lassen. Wenn nicht Rebecca ihn darum gebeten hätte, wäre er der Bitte der B.S.A.A. ohnehin nicht nachgekommen. Als er erfuhr, dass Rebecca ihren Kollegen von ihnen erzählt hatte, war er verärgert gewesen. Das Angebot klang aber tatsächlich nicht schlecht. Er hatte es satt, sich verstecken zu müssen.
„Also schön", sagte er. „Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist."
Tropische Hitze schlug ihm entgegen, als Jake aus dem Flugzeug stieg. Er setzte seine Sonnenbrille auf und schloss sich den anderen Fluggästen an. Sie gingen die Gangway nach unten und wurden mit einem Bus zum Flughafengebäude gefahren. Zahlreiche Geschäftsleute und Touristen begleiteten Jake auf seinem Weg. Er musste nicht zur Gepäckausgabe, da er nur Handgepäck dabei hatte, sondern steuerte gleich den Ausgang an.
Er nahm sich ein Taxi in die Hauptstadt George Town, wo er sich mit Alex´ Finanzverwalter treffen sollte. Glücklicherweise hatte sie vorher angerufen und das Treffen arrangiert, sodass Jake bereits erwartet wurde. Das sollte seinen Auftrag um einiges einfacher machen. Alex hatte ihm am Telefon erzählt, dass ihr Verwalter misstrauisch gewesen war, da sie so verändert klang und nicht persönlich vorbeikam, sie hatte ihm aber versichert, dass Jake vertrauenswürdig war.
Das Taxi brachte Jake zu einem Restaurant. Er bezahlte den Fahrer, stieg aus und sah sich um. Er bestellte sich ein Getränk und wartete.
Nach einiger Zeit betrat ein Mann mittleren Alters in einem schwarzen Anzug und einem Aktenkoffer das Restaurant und kam in Jakes Richtung.
„Mr. Mueller?", fragte er, als er den Tisch erreicht hatte.
„Der bin ich", sagte Jake. „Mr. Watson, nehme ich an?"
Der Mann setzte sich. „Die Hitze macht mich wahnsinnig. Waren Sie schon mal auf den Caymans?", wollte er von Jake wissen.
„Nein", antwortete Jake. „Noch nie." Jake war tatsächlich schon ein bisschen in er Welt herumgekommen, aber die Caymans hatte er noch nie besucht. Vermutlich, weil er kein illegal erworbenes Vermögen, keine paar Millionen wie Alex hatte, dachte er säuerlich.
„Dieses Jahr haben wir einen heißen, trockenen Sommer. Ich muss zugeben, Madame Alex´ Anruf hat mich überrascht. Ich hatte seit Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen und habe mich schon gefragt, wie es ihr geht. Ich bedauere, dass sie nicht persönlich vorbeikommen konnte."
Jake nickte.
„Sie erwähnte, dass sie Ihnen etwas für mich mitgegeben hat."
Jake griff in seine Tasche und holte Alex´ Unterlagen heraus, die sie ihm mit den Flugtickets geschickte hatte, ihren handgeschriebenen Brief und die Nummernpasscodes für ihre Konten.
Mr. Watson las alles genau durch und überprüfte die Daten.
„Madame Alex ist leider verhindert, deshalb hat sie mich geschickt", erklärte Jake. „Ich bin ihr Neffe."
„Ich verstehe. Was wünscht Madame Alex?"
„Sie braucht Zugang zu all ihren Konten und zwar möglichst bald. Sie hält sich momentan in Nordamerika auf und möchte bald ein paar Investitionen tätigen", sagte Jake und wiederholte dabei die Anweisungen, die ihm Alex am Telefon gegeben hatte.
„Wieviel Geld braucht sie?", wollte Mr. Watson wissen.
„Alles."
Mr. Watson sah von den Papieren auf. „Alles? Ist das Ihr Ernst?"
„Das waren Alex´ Worte. Sie braucht ihr ganzes Geld. Sie möchte, dass Sie alles auf neue Konten in den USA übertragen. Sie muss ständigen Zugang darauf haben. Sie hat mir auch den Namen mitgegeben, unter dem Sie die Konten eröffnen sollen. Sie sagt, der Auftrag hat allerhöchste Priorität."
Mr. Watson musterte Jake einen Moment, dann sagte er: „Also gut. Geben Sie mir den Namen, ich werde mich sofort an die Arbeit machen."
„Es war im Sommer 1997", begann Billy. „Ich war ein Second Lieutenant bei den Marines. Unsere Einheit war auf einem Schiff im Indischen Ozean vor der Ostküste Afrikas stationiert."
„Was hat die Marines dahingeführt?", fragte Chris. „Eher ungewöhnlich."
„Amerikanische Handelsschiffe sind davor von afrikanischen Piraten überfallen worden. Wir sollten die anderen Schiffe beschützen und die Banden ausheben", erklärte Billy. „Nach einiger Zeit wurden wir ins Inland beordert, wo sich angeblich Guerilla- Krieger aufhalten sollten, die mit den Piraten in Verbindung standen. Ein Hubschrauber hat uns in ein Gebiet irgendwo in den Ostkongo geflogen. Dann waren wir plötzlich in feindlichem Gebiet."
„Hat euch das nicht misstrauisch gemacht?", fragte Chris.
„Damals nicht", sagte Billy. „Heute würde ich sagen, ja. Irgendwas war komisch. Man sagte uns, dass das Versteck der Rebellen im Dschungel sei und wir uns am Boden nähern sollten. Wir waren zehn Leute, als wir loszogen. Drei starben von der Hitze und drei wurden im dichten Unterholz von den Feinden getötet. Als wir das Dorf erreichten, waren wir nur noch zu viert, mit mir und unserem Anführer, der unsere Einheit geleitet hat."
„Das Dorf war nur kein Versteck von Guerillas, oder?", fragte Jill nach.
„Nein. Das war uns sehr schnell klar", fuhr Billy fort. „Als wir das Dorf erreicht haben, haben wir sofort gesehen, dass es einfache Zivilisten waren, keine… Verbrecher. Unser Leiter befahl uns, die Leute zusammenzutrommeln und niederzuschießen." Er atmete tief durch. „Ich wollte sie aufhalten, aber… Der leitende Lieutenant hat mich niedergeschlagen und ich konnte nichts mehr machen. Ich musste zusehen, wie die anderen drei die Leute abgeschlachtet haben. Ich höre bis heute ihre Schreie."
„Was passierte danach?", fragte O´Brian. „Sie wurden festgenommen, nicht wahr?"
„Ja. Die anderen drei sind getürmt, nur ich wollte zurück und melden, was Sie getan hatten. Ich wurde verhaftet und sofort in die USA zurückgebracht. Man sagte, ich hätte angesichts der Umstände durchgedreht und die Leute getötet. Ich war der Sündenbock, der den Kopf hinhalten musste. Ich wurde in eine Anstalt gesperrt, bekam ein schnelles Gerichtsverfahren, in dessen Verlauf ich zum Tode verurteilt wurde. An diesem Abend in den Arklay Mountains als ich Rebecca traf, haben die mich gerade zu meiner Hinrichtung transportiert. Seltsame Zombiehunde haben uns angegriffen und die Wächter auseinandergerissen. Ich konnte eine Waffe und ein Kampfmesser an mich nehmen und mich befreien. Später traf ich Rebecca im Zug."
„Wer war der Leiter Ihrer Division?", fragte O´Brian.
„Sein Name war James Mitchell", sagte Billy und seine Miene verfinsterte sich. „Ich werde sein Gesicht, diese hellen eisblauen Augen, niemals vergessen."
„O´Brian, geben Sie das an Hunnigan weiter", sagte Leon. „Sie soll das mal überprüfen."
O´Brian nickte und ging hinaus.
Ihr Treffen hatte eine halbe Stunde gedauert, ehe sich Jake und Mr. Watson verabschiedeten. Sein Rückflug ging erst in ein paar Stunden, sodass er beschloss, sich die Stadt anzusehen. Er ging hinunter an den Strand, wo am Pier ein Kreuzfahrtschiff anlegte. Touristen und Reisegruppen tummelten sich auf dem schmalen Steg.
Er zog sein Handy aus der Tasche und rief zuerst Alex an, um das Geschäftliche zu klären.
„Jake, wie ist es gelaufen?", fragte sie.
„Gut. Dieser Watson bringt dir dein Geld in die USA. Er hat gesagt, er kümmert sich sofort darum", sagte Jake. „Ich hab ihm alles gegeben, was du mir geschickt hattest."
„Sehr gut. Er hat dir doch keine unangenehmen Fragen gestellt, Jake? Du musst entschuldigen, aber ich hatte ihm eingebläut, wie wichtig Geheimhaltung ist."
„Nein, nein. Er hat mir geglaubt. Die Sachen haben ihn überzeugt."
„Sobald das Geld da ist, werde ich dir deine Belohnung überweisen", sagte Alex. „Es wird wohl ein paar Tage dauern. Vorerst danke für deine Mühen. Wenn ich einen neuen Auftrag für dich habe, dann melde ich mich bei dir."
„Kein Thema. Wir hören wieder voneinander."
Nachdem er aufgelegt hatte, wählte er Sherrys Nummer und fragte nach Rachel.
„Der kleinen geht's gut", sagte Sherry. „Aber sie vermisst dich sehr. Wann wirst du wieder da sein?"
„Mein Flug geht in ein paar Stunden", sagte Jake. „Bis dahin werde mir die Gegend ein bisschen ansehen. Vielleicht finde ich ja ein Souvenir für euch. Ich freu mich schon auf euch."
„James Mitchell ist offiziell in Afrika gestorben", sagte Ingrid Hunnigan. „Wir müssen aber davon ausgehen, dass er nach dem Angriff auf das Dorf untergetaucht ist und unter falschem Namen unterwegs ist."
„Hat man denn nicht nach ihm gesucht?", fragte Chris verwundert. „Oder nach den anderen zwei?"
„Nein, offenbar nicht."
„Woher wissen Sie, dass er noch lebt?", fragte Leon.
„Vor ein paar Jahren hat ihn zufällig eine Überwachungskamera auf einem Flughafen aufgenommen. Seitdem läuft eine Fahndung nach ihm. Ich glaube aber nicht, dass wir ihn unbedingt für unsere Ermittlungen brauchen. Als ich seinen Lebenslauf untersucht habe, fiel mir etwas auf. Er war in einer Umweltschutzgruppe engagiert. Und jetzt raten Sie mal, in welcher. In derselben, die die Machenschaften von Pharmatech in Afrika aufgedeckt hat", sagte Hunnigan.
„Was?!" Alle sahen sich entgeistert an.
„Aber Moment mal", warf Claire ein. „Die Umweltschützer haben doch geholfen, die kruden Geschäfte von Pharmatech aufzudecken. Warum sollten die in den Angriff auf das Dorf involviert sein? Der Konzern wollte doch die Dorfbewohner loshaben, nicht diese Gruppe. Das ergibt doch alles keinen Sinn! Warum sollten die die Dorfbewohner töten wollen?"
„Das verstehe ich auch nicht. Das passt doch alles nicht mit dem zusammen, was uns Pascal hinterlassen hat", sagte Chris und strich sich mit der Hand nachdenklich übers Kinn.
„Darüber müsst ihr mich mal aufklären", sagte Billy, der ihre bisherigen Ermittlungsergebnisse natürlich nicht kannte. „Welche Umweltschutzgruppe? Mir war nicht bekannt, dass Mitchell in so einem Verein aktiv war."
„Ich erzähl dir nachher alles und das über den neuen Virus", sagte Rebecca.
„Chris, ich glaube, wir haben nur eine Chance", sagte Claire. „Wir müssen nach Afrika und uns das ansehen!"
„Billy", sagte Rebecca. „Glaubst du, du schaffst es, uns zu dem Dorf zu führen?"
Billy sah seine Freundin an. Auf seinem Gesicht war abzulesen, dass er nein sagen wollte. Er rang mit sich.
„Bitte, es ist sehr wichtig", drängte Rebecca.
Plötzlich grinste Billy. „Ich kann… Dollface eben nichts abschlagen."
Rebecca errötete und lächelte verlegen.
Zufrieden lehnte sich Alex in ihrem Schreibtischstuhl zurück. Es lief alles nach Plan. Wenn sie in Kürze ihr Geld bekommen würde, konnte sie endlich wieder aktiv werden.
Sie hatte sich bereits einen Plan zurechtgelegt, wie sie in den kommenden Wochen und Monaten vorgehen wollte.
Wenn ihr Geld verfügbar war, womit sie in den nächsten Tagen rechnete, dann würde sie unter ihrem Decknahmen Irina Petrowa Büroräume in der Stadt anmieten. Ihrem Finanzverwalter hatte sie angeordnet, eine Scheinfirma zur Tarnung zu gründen. Die Räume konnte sie nutzen, um alles, was sie für ihre Arbeit brauchte zu besorgen, aber jederzeit die Möglichkeit zu haben, nach Hause zu den Burtons zurückzukehren, ohne dass diese Verdacht schöpften.
Früher oder später wollte sie ihre Gastfamilie verlassen und in eines von Spencers Herrenhäusern zurückkehren, wo sie wieder im Labor arbeiten wollte. Bis dahin musste sie sich noch gedulden, doch die Fortschritte, die sie bislang gemacht hatte, stimmten sie zuversichtlich. Es war eine gute Idee gewesen, Alberts Sohn für ihre Zwecke einzuspannen.
Sie musste zugeben, dass es sehr leicht gewesen war, den Jungen für sich zu gewinnen. Dabei schätzte sie Jake als nicht sonderlich leichtgläubig ein. Gelockt und überzeugt hatte ihn wahrscheinlich die Aussicht, etwas über seinen Vater zu erfahren. Alex musste schmunzeln. Es war immer wieder faszinierend, wie schnell sich Leute von etwas ködern ließen, wenn Gefühle und Beziehungen im Spiel waren, seien es nun Partner oder Familie wie in Jakes Fall.
Albert Wesker beschäftigte den Jungen. Alex hatte bislang ja nur einen groben Auszug aus Jakes Lebensgeschichte gehört und schon jetzt wusste sie, dass der Junge viel durchgemacht hatte. Sein ganzes Leben lang hatte er ohne seinen Vater auskommen, sich um seine kranke Mutter kümmern und schließlich mit ansehen müssen, wie sie starb. Dazu kam, dass sein Vater berühmt berüchtigt für seine Taten und ein weltweit gesuchter Verbrecher gewesen war. Jake war wütend, aber auch verletzt und damit leicht zu kontrollieren. Alex wollte sich diesen Umstand so lange es möglich war, zunutze machen. Wenn sie genug Vertrauen von ihm hatte, wollte sie ihn um eine Blutprobe von sich und seiner Tochter bitten, um sie zu untersuchen. Sie wusste, dass es bis dahin ein weiter Weg war und sie sich in Geduld üben musste. Sie sah dem Tag ihrer Freiheit bereits entgegen. Es würde nicht mehr lange dauern. Bald war es soweit.
„Wirst du mit uns fliegen?", fragte Leon. Er hoffte, dass Ada sie nach Afrika begleiten würde.
„Bin ich denn… erwünscht?", fragte Ada am Telefon.
„Ich werde einfach dafür sorgen, dass du mitkommen darfst", sagte Leon entschieden. „Ich vermisse dich. Wenn wir zurück sind, dann will ich endlich deine Wohnung sehen." Er grinste. „Und unseren Nachmittag holen wir nach. Nachdem unsere Zweisamkeit ja so… abrupt unterbrochen wurde."
„Ich freue mich schon drauf", sagte Ada und lächelte.
Leon legte auf. Er hatte nicht bemerkt, dass sich Chris von hinten genähert hatte. Er schrak zusammen, als er Schritte hinter sich hörte.
„Sorry, wollte dich nicht erschrecken", sagte Chris.
Die beiden Männer musterten sich. Chris sagte nichts, aber Leon musste ihm wohl am Gesicht ansehen, was in ihm vorging.
„Sie ist nicht so, wie du denkst", sagte er zu Adas Verteidigung. „Und sie war das in Edonien und China nicht. Das war ihre Doppelgängerin, Carla Radames."
„Ich weiß, ich kenne die Geschichte ja mittlerweile."
„Ada hat in der Vergangenheit vielleicht nicht immer… das Richtige getan, aber ohne sie wäre ich schon lange nicht mehr hier, Chris. Sie hat mir mehr als einmal den Hintern gerettet."
„Das mag sein und ich glaube dir, dass du sie liebst. Das sieht man nämlich", sagte Chris. „Ich meine nur, sie hat 15 Jahre mit dir gespielt und dich benutzt. Und wirklich vertrauenswürdig ist sie auch nicht. Was weißt du denn von ihr? Weißt du, wo sie herkommt, wer sie wirklich ist?"
Leon wich Chris´ Blick aus. Nein, wenn er ehrlich war, wusste er nichts über Ada Wong, noch nicht einmal, ob das ihr richtiger Name war. Sie war sehr verschwiegen, was ihr Privatleben und ihre Vergangenheit anbelangte.
„Du weißt es nicht", sagte Chris.
„Eigentlich ist es mir auch egal", sagte Leon. „Sie hat sich zur Ruhe gesetzt. Sie arbeitet nicht mehr als Agentin. Ich vertraue ihr… und ich liebe sie."
Chris nickte.
„Was hältst du von diesem Billy? Vertraust du ihm?"
„Ich… weiß nicht. Ich vertraue Rebecca", sagte Chris. „Und ich vertraue ihrem Urteil. Es wird sich zeigen, ob Billy das hält, was er sagt."
Es war in letzter Zeit eine Seltenheit geworden, dass Barry wieder einmal mit seiner Familie gemeinsam am Tisch sitzen und zu Abend essen konnte. Die Anspannung bei seiner Frau Kathy vor seinem erneuten Aufbruch zu einer gefährlichen Mission war deutlich spürbar. Sie sah besorgt aus.
„Musst du wirklich mit nach Afrika fliegen?", fragte sie.
„Ja", sagte Barry entschieden. „Selbst wenn nicht, ich würde trotzdem gehen. Wir müssen diese Leute zur Strecke bringen."
Alex aß stumm ihre Kartoffeln, aber hörte genau zu. Sie war immer interessiert an neuen Informationen zu den Anschlägen in Washington. Barry hatte ihnen bereits eröffnet, dass er mit seinem Team nach Afrika fliegen musste, weil sie einer neuen Spur folgen wollten.
„Wann geht euer Flug?"
„Morgen früh brechen wir auf", erklärte Barry.
„Wie lange werdet ihr denn wegbleiben?", fragte Alex vorsichtig.
„Das wissen wir noch nicht, Sweetheart", sagte Barry. „Das kommt darauf an, ob und was wir dort finden. Ich denke aber, dass wir in spätestens ein paar Tagen wieder da sein werden."
Alex nickte. Wenn Barry nicht da war, hatte sie eine Person weniger, die misstrauisch werden konnte. Sie hatte bereits begonnen, im Internet und in der Zeitung nach passenden Räumen zu suchen. Kathy hatte sie schon gefragt, warum sie jeden Tag die Zeitung haben wollte. Alex gab vor, nach einem Job zum Zeitungsaustragen zu suchen, um ihr Taschengeld aufzubessern. In Wirklichkeit natürlich ging sie keine Stellenanzeigen, sondern Immobiliengesuche durch. Wenn sie ein Büro gefunden und ihre Firma gegründet hatte, dann wollte sie Jake erneut kontaktieren.
„Seid bitte vorsichtig", sagte Kathy.
„Ja, natürlich."
„Kommen denn die Monster aus Washington aus Afrika?", fragte Alex.
„Das wissen wir leider noch nicht. Es könnte sein", sagte Barry.
„Ich habe Claire vor ein paar Tagen im Fernsehen gesehen. Hat das geklappt? Hat sich jemand gemeldet?", wollte sie wissen.
„Gemeldet hat sich leider niemand, aber wir haben zumindest einen Hinweis bekommen", sagte Barry. Er legte sein Besteck zur Seite und erhob sich. „Ich werde noch ein paar Sachen einpacken und bald schlafen gehen. Ich werde euch morgen früh nicht wecken, ich werde leise sein, versprochen."
Barry ging die Treppe nach oben, doch statt in sein und Kathys Schlafzimmer zu gehen, steuerte er zuerst Natalias Zimmer an. Ihm war nicht wohl dabei, denn normalerweise vertraute er seiner Adoptivtochter. Er hatte das Gefühl, sie zu hintergehen, aber seine Sorge der letzten Woche hatte ihn nicht mehr losgelassen. Vielleich war er auch einfach nur verrückt, aber sein Instinkt sagte ihm, dass etwas mit Natalia nicht stimmte.
Er tat dies nicht gerne hinter ihrem Rücken, aber es schien ihm die einzige Möglichkeit. Er betrat vorsichtig ihr Zimmer und sah sich um. Wie immer war der Raum fast schon übertrieben ordentlich, sauber und aufgeräumt. Ungewöhnlich für ein junges Mädchen. Moiras und Pollys Zimmer waren in ihrer Teenagerzeit manchmal im Chaos versunken und es hatte Streit mit ihrer Mutter über das Aufräumen gegeben. Bei Natalia jedoch sah stets alles so aus, als wäre das Zimmer unberührt.
Ihr Computer war noch an. Barry bewegte die Maus, um das Desktop aufzurufen. Er sah, dass sie viele Ordner auf ihrem Computer gespeichert hatte, aber alle waren nur mit Nummern und Abkürzungen gekennzeichnet, sodass sie keinen Aufschluss über ihren Inhalt gaben. Er wollte schon ein Ordnersymbol anklicken, um nachzusehen, an was sie ständig arbeitete, doch er besann sich. Das war ein zu starker Eingriff in ihre Privatsphäre. Er sah, dass sie auch einen Stapel Tageszeitungen auf ihrem Schreibtisch liegen hatte und überflog, was sie gelesen hatte. Wie zu erwarten hatte sie sorgfältig die Berichterstattung zu Washington gesammelt. Allerdings hatte sie auch aus jeder Ausgabe den Immobilienteil herausgenommen und Angebote mit einem Textmarker angestrichen. Angebote für Büroräume.
Barry war vollends verwirrt. Was wollte Natalia denn mit Geschäftsräumen?
Er warf kurz einen Blick zur Tür. Natalia und Kathy unterhielten sich unten im Esszimmer. Er hatte nicht viel, aber genug Zeit. Mit einem äußerst schlechten Gefühl im Magen griff er zu ihrem Handy, das neben ihrem Computer lag und öffnete ihre Anrufliste. Tatsächlich fand er die Nummern aus den Zeitungsanzeigen. Sie hatte also tatsächlich angerufen. Eine weitere Nummer, die ihm bekannt vorkam, fand er ganz oben in der Liste. Er notierte sie schnell aus einem Notizzettel und legte das Handy an seinen Platz zurück. Sie hatte einmal ins Ausland telefoniert, aber die Vorwahl war ihm nicht geläufig.
Er wollte schon gehen, als ihm ein Buch ins Auge stieß, das im Regal lag. Es war eine Sammlung von Aphorismen von Franz Kafka. Barry nahm es und schlug es an der Seite auf, die mit einem Lesezeichen markiert war. Natalia hatte etwas handschriftlich eingetragen.
„Ein Käfig ging einen Vogel suchen. Aber der Vogel ist weg. Der Vogel hat sich verändert."
Plötzlich überkam ihn ein mulmiges Gefühl und ein Knoten bildete sich in seinem Magen. Irgendetwas stimmte da nicht.
Alex musste Mr. Watson wirklich Achtung zollen. Sofort nach dem Treffen mit Jake musste er alles in die Wege geleitet haben, denn bereits am nächsten Morgen, als Barry abgereist war, bekam sie einen Anruf von ihm. Offiziell war sie Irina Petrowa, die Petrowa Enterprises leitete. Er hatte ihr mehrere Fonds und Konten eingerichtet, wo sie jederzeit auf ihr Vermögen zugreifen konnte. Ihr gesamter Besitz, den sie von Spencer gestohlen hatte, belief sich auf 275 Millionen Dollar, wobei seine Immobilen noch nicht eingerechnet waren. Sie musste sich zusammenreißen, nicht laut loszulachen. Wahrscheinlich war sie im Moment die reichste 13- Jährige der Welt.
Sie telefonierte sofort mit einem Immobilienmakler, den sie aus der Zeitung ausgesucht hatte, und verabredete eine Besichtigung der Räumlichkeiten. Sie wollte Jake in ihrem Auftrag hinschicken. Danach kontaktierte sie die Bank und leitete die Überweisung für Jake in die Wege.
Sie rief ihn um kurz nach halb neun an und überbrachte ihm die Nachricht persönlich.
„Du bist jetzt offiziell bei Petrowa Enterprises angestellt", verkündete sie ihm. „Dein erstes Gehalt ist unterwegs auf dein Konto. Dein nächster Auftrag wird sein, dich mit dem Makler zu treffen, immerhin braucht unser kleines Geschäft ja auch Räumlichkeiten. Ich schicke dir die Adresse. Der Termin ist am Donnerstag um zehn."
„Werde da sein."
Sie war so vergnügt an diesem Morgen, dass sie sich zu Kathy in den Garten gesellte und ihr bei der Arbeit mit den Beeten half.
„Wieder Afrika, wer hätte das gedacht", murmelte Barry, mehr zu sich selbst, als er nachdenklich aus dem Fenster des Flugzeuges sah.
„Irgendwie scheint uns unser Weg immer wieder da hin zu führen", meinte Chris. „Sheva wird uns übrigens wieder begleiten. Wir treffen uns mit ihr am Flughafen."
„Barry, stimmt was nicht?", fragte Claire. „Du bist so… ernst. Hatten du und Kathy einen Streit? Ich hoffe nicht…"
„Wenn es nur das wäre", meinte Barry. „Dann wäre ich nicht besorgt. Nein, ich mache mir Gedanken um Natalia. Irgendetwas stimmt da nicht. Und ich meine jetzt nicht nur die Geschichte mit dem seltsamen Hackangriff, bei dem sie in meinem Büro saß."
„Es ist doch nichts passiert, oder?", fragte Jill.
„Nein, aber ich habe ein verdammt mieses Gefühl, dass da bald was kommen wird. Ich… Ich habe gestern Abend etwas ziemlich blödes gemacht, für das ich mich echt schäme, aber… Ich wusste mir einfach nicht mehr zu helfen."
„Was hast du denn gemacht?"
„Ich war in ihrem Zimmer, während sie unten war, und habe mich mal ein bisschen umgesehen."
„Barry!" Claire sah ihn tadelnd an.
„Ich weiß, ich weiß", sagte er. „Aber mit ihr zu reden hat mich nicht weitergebracht", meinte er zu seiner Verteidigung. „Ich habe nichts Persönliches von ihr gesehen. Ich habe nur auf ihr Handy gesehen, mit wem sie so telefoniert. Dabei ist mir diese Nummer aufgefallen."
Er reichte Chris den Zettel.
„Mir kommt die sehr bekannt vor…"
„Mir auch, warte mal", sagte Chris und dachte angestrengt nach. „Jetzt habe ich es! Das ist Jakes Handynummer! Ich erkenne sie wieder, ich habe ihn darauf schon mal angerufen."
„Jake? Woher hat Natalia denn Jakes Nummer? Kennt sie ihn denn?", fragte Claire verwirrt.
„Jakes Nummer? Bist du sicher?", fragte Barry nach.
„Ganz sicher. Claire, du hast doch mit Sherry regelmäßig Kontakt, aber du bist auch oft bei Barry Zuhause. Kann es sein, dass du Jake mal vor Natalia erwähnt hast? Vielleicht auch nur aus Versehen?", wollte Chris wissen.
„Nein, nie, das schwöre ich. Jakes Identität ist doch geheim!", sagte Claire empört. „Wir dürfen das nicht einfach rumerzählen. Ich weiß es ja auch nur, weil du mein Bruder bist."
„Und wenn das nicht schon genug wäre, durchsucht sie die Zeitungen nach Immobilienanzeigen", erklärte Barry. „Und sie hat mit diversen Leuten telefoniert! Mit Immobilienmaklern."
„Immobilienanzeigen? Sucht sie eine Wohnung, will sie etwa schon ausziehen?", fragte Jill belustigt.
„Nein", sagte Barry und ihm war überhaupt nicht zum Lachen zumute. „Es sind Geschäftsräume. Sie sucht nach Büros."
„Natalia ist 13", warf Claire ein. Sie konnte nur den Kopf schütteln, aber auch sie hatte keine passende Erklärung für das seltsame Verhalten des Teenagers. „Was soll sie denn damit?"
„Das weiß ich doch auch nicht!", sagte Barry und langsam wuchs sein Ärger. „Ich weiß nur, dass etwas nicht stimmt. Wenn wir zurück sind, muss ich mir was einfallen lassen. Immerhin ist sie noch ein Kind, ich habe die Verantwortung für sie!"
Wenn Barry nur geahnt hätte, was auf ihn zukommen sollte.
