Eine der letzten Handlungen der Herren des Westens, bevor sie wieder nach Aman zurückkehrten, war die Warnung, dass Beleriand nachhaltig verändert worden sei. Die Warnung schien beinahe überflüssig, denn schon längst hatte jeder bemerkt, dass die Welt auseinander brach. Viele der Eldar gingen in den Westen, um Endor endgültig den Rücken zuzukehren, doch Gil-galad blieb; noch verband ihn zu viel mit diesen Landen, in denen er geboren worden war. Immer häufiger und vor allem stärker wurden die Beben, die Beleriand zerrütteten, überall taten sich tiefe Erdspalten auf. Es wurde höchste Zeit, erneut ein neues Heim zu suchen.

Círdan ließ alle Schiffe bemannen, die er besaß und baute noch viele zusätzlich, so viele, wie es die knappe Zeit erlaubte. Mit diesen fuhr er mit Gil-galad und ihrem Volk den Sirion hinauf bis zu dessen Pforten, um Zeit zu sparen. Dort ließen sie schweren Herzens ihre wunderschönen Schiffe zurück und zogen nur mit dem Nötigsten beladen nach Osten, immer nur nach Osten. Es war eine gefährliche Reise, lang, schwer und immer wieder bedroht von den schweren Erdbeben. Es dauerte nicht lange, da erreichte sie die Nachricht, dass die Küsten von gewaltigen Flutwellen getroffen worden waren und auf viele Meilen ins Landesinnere alles verwüstet war. Ich weiß, wie es ausgesehen hat, denn wie durch ein Wunder haben mein Bruder und ich auf unserer Suche nach Onkel Maglor eine dieser Wellen aus nächster Nähe überlebt, da wir uns zu dieser Zeit nahe der Küste befunden hatten. Es war einfach grauenvoll!

Größte Eile war nun geboten, denn es war immer offensichtlicher, dass Beleriand nicht mehr lange Bestand haben würde. Gil-galad wusste nicht, wie weit sie gehen mussten, um in Sicherheit zu sein, doch er hoffte auf den Schutz der Ered Luin, dass sie das Schlimmste aus Beleriand abhalten würden. Es war also sein Ziel, die Berge rechtzeitig zu erreichen und zu überwinden. Was ihn dahinter erwartete, wusste er nicht, denn Mittelerde war in jenen Jahren noch ein schier endlos weites, wildes Land, von dem niemand etwas Genaues wusste. Seltsame Geschichten über wilde Elben und primitive Menschenstämme kursierten, Geschichten über gefährliche Kreaturen und ungeahnte Gefahren. Doch es war ihre einzige Hoffnung auf ein Überleben.

Ein immer verzweifelter werdender Wettlauf gegen die Zeit und die Gewalten der Natur begann.

Sie überquerten schließlich den Gelion bei Sarn Athrad und folgten der Zwergenstraße zu den Bergen. Nach wochenlangen Marschieren im strammen Tempo und von früh bis spät erreichten sie schließlich die ersten Ausläufer der Ered Luin. Viele waren schon sehr erschöpft, denn der Marsch zerrte an den Kräften aller, doch es war notwendig. Der mühsamste und gewiss auch gefährlichste Teil ihrer Reise lag erst noch vor ihnen: der Aufstieg in die Berge. Sie kannten die Pässe nicht und konnten sich nur auf das Kartenmaterial stützen, das Círdan besaß. Des Weiteren waren die Pässe auch schon für jene, die ihrer kundig waren, gefährlich, denn sie waren schmal, brüchig und in höheren Lagen unter dem Schnee vereist. Man rutschte schnell aus; die Gefahr, in den Tod zu stürzen, war allgegenwärtig. Manch einer trat fehl und stürzte in die Abgründe jenseits der Pässe und war nur noch selten zu retten …

In diesen Höhen war es schwer, den Zug der Elben zu versorgen. In den Ebenen und Wäldern jenseits der Berge hatten sie tagtäglich Jäger aussenden können, die für sie Beute erlegen konnten, um die eigenen Vorräte zu schonen, doch in den Bergen wurde dieses Unterfangen schwierig. Sie konnten zwar Schnee schmelzen, um daraus Wasser zum Trinken zu gewinnen, doch auch ihr Feuerholz war begrenzt; es hatte bei ihrem Aufbruch jeder nur das mitnehmen können, was er tragen oder notfalls auf ein Pferd laden konnte, wenn er denn eines besaß, was bei den Falathrim eher selten der Fall war und auch bei den Elben Arverniens aufgrund ihrer vorausgehenden überstürzten Fluchten nicht allzu häufig anzutreffen war. Es war ihnen unmöglich, Karren die Gebirgspässe hinauf zu transportieren, diese waren einfach zu unwegsam dafür. Auch die Pferde hatten oftmals Probleme mit den Wegen und der Witterung, manch einer musste sein Tier mit allem, was er entbehren konnte und musste zurücklassen und nun auf den eigenen Schultern sein Hab und Gut schleppen.

Ja, es war beschwerlich. Elros und ich wären beinahe gestorben bei dem Versuch, die Ered Luin auf uns allein gestellt zu überqueren. Es ist für mich selbst heute noch ein Wunder, dass Elros all die Strapazen mit seiner schweren Krankheit überleben konnte, ich kann es mir nicht einmal mit all dem Heilerwissen erklären, das ich nunmehr besitze.

Gil-galad hatte es in dieser Hinsicht leichter als wir, auch wenn auch sein Weg noch immer aufs Äußerste beschwerlich war. Die Beben hatten noch immer nicht nachgelassen und erreichten nun ihren Höhepunkt. Immer wieder gingen Steinschläge nieder, sie liefen stets Gefahr, von den Felsbrocken mitgerissen zu werden. So manch einen Unglücklichen ereilte dieses Schicksal. Als Gil-galad während der Überquerung des Gebirges, sie hatten noch nicht die höchsten Höhenlagen erreicht, zurückblickte auf Ossiriand, sah er das Meer, wie es bereits fast ganz Beleriand verschlungen hatte. Die Welt war in Begriff, eine neue Ordnung einzunehmen und er war mittendrin. Das erste Mal in seinem Leben begriff er wirklich, welche Gewalt die Natur doch war und wie machtlos sie alle im Vergleich zu ihr waren.

Auch dieser Weg hatte schließlich irgendwann sein Ende, und sie erreichten die östliche Seite der Gebirgskette. Mittelerde lag vor ihnen, weit und wild und ihnen völlig unbekannt. Doch hier waren sie in Sicherheit. Gil-galad hatte gesehen, dass das Meer vorerst vor Ossiriand gehalten hatte, auch wenn er damit nicht ganz Recht hatte. Es sollte nicht mehr lang dauern, bis es sich in Etwa auf Höhe der Rathlóriel seinen Weg zu den Ered Luin suchte und gegen die Gebirgskette anbrandete, um sich schließlich eine Weg mitten durch sie zu bahnen und die Felsmassen zu sprengen. Auf diese Weise wurden die Förde von Lhûn geschaffen, an deren Ursprung Círdan schließlich Mithlond errichtete.

Zunächst jedoch beeilte sich Gil-galad, der noch nichts von den kommenden Ereignissen ahnte, von den Gebirgshöhen herabzusteigen, um die wilden Wiesen und weiten Ebenen Mittelerdes das erste Mal in seinem Leben zu betreten. Alsbald jedoch vernahm er von den Nachkommenden des Zuges vom bedrohlichen Heranrücken des Meeres, denn ihre Wanderung hatte sich während der Überquerung der Pässe weit in die Länge gestreckt. Daraufhin beschloss Gil-galad, sich zunächst nach Süden zu wenden, was Elros' und mein Glück war, da wir die Berge weiter südlich überquert hatten, wenn auch mehr tot als lebendig.

So kamen wir zu Gil-galad. Ich weiß den Tag nicht mehr genau, denn ich befand mich halb im Delirium, auch wenn es mir damit nur unwesentlich besser ging als meinem Bruder. Am Ende unserer Kräfte hatten auch wir schließlich Mittelerde erreicht, auch wenn wir nicht wussten, wie es mit uns weitergehen sollte. Wir wussten nur: Wenn wir nicht bald Hilfe fänden, würden wir sterben, würden wir verhungern in einer fremden, gefährlichen Wildnis. So fand uns Gil-galad: Mehr Gespenster als Halbelben waren wir da, völlig abgemagert und abgerissen. Ich weiß noch, wie Elros zusammenbrach und vor Freude weinte, als wir Gil-galads Banner ausmachten und man uns auch bald darauf entdeckt hatte. Ich weiß noch, wie Gil-galad persönlich besorgt auf uns zugeeilt kam und ich ihn leise und mit rauer Stimme um etwas zu essen und einen ruhigen Platz zum Schlafen bat und er uns so viel mehr als das versprach.

Es ist dieser Elb, dem ich mein Leben und das meines geliebten Bruders zu verdanken habe, und dafür werde ich ihm bis ans Ende meiner Tage dankbar sein. Es war die Freundschaft zu Elwing, die ihn uns bei sich aufnehmen ließ, und es war die enge Freundschaft zwischen Fingon und Onkel Maedhros. Doch hauptsächlich war es Gil-galads eigene Freundlichkeit und Güte.

An dem Tag ging Gil-galad nirgends mehr hin. Er ließ Rast machen und das Lager aufschlagen. Dann gab er uns in die Obhut seines Leibarztes, der uns so viel heiße Brühe eintrichterte, wie nur in uns hineinpasse, was zu dem Zeitpunkt eine ganze Menge gewesen war. Dann sah er nach Elros, stellte aber zu meiner allergrößten Erleichterung fest, dass dieser seine eigentlich tödliche Krankheit wie durch ein Wunder überstanden hatte. Danach schliefen wir den ganzen Rest des Tages, die gesamten Nacht hindurch und auch bis weit in den nächsten Morgen hinein. Gil-galad ließ uns gewähren, denn er wusste, dass wir dieser Ruhe bedurften.

Nun, so waren wir also zu Gil-galad gekommen, und anscheinend hatte dieser es sich zum Lebensziel gesetzt, sich persönlich um unser leibliches Wohl zu kümmern. Selbst wenn wir gewollt hätten, hätte er uns nicht mehr gehen lassen, doch wir wollten bleiben. Wohin sonst hätten wir uns wenden können? Abgesehen davon hatte ich mich schon immer viel mehr den Noldor zugehörig gefühlt als den Sindar; es waren ja Noldor, die uns großgezogen hatten. Und Elros blieb freilich bei mir. Ich trat in Gil-galads Dienst, und er nahm mich sofort als seinen Berater, sprach mir sogleich Rang und Adelstitel in seinen Reihen zu und machte nicht groß Federlesen um irgendwelche Formalien. Er sagte einfach jedem, dass es nun so sei, und alle anderen hatten sich damit abzufinden. Eine recht eigenwillige Art, will ich meinen, aber nun gut … Mich hatte es schon damals irritiert und das tut es auch heute noch. Aber wie mit so vielem, was Gil-galad betraf, muss man es einfach hinnehmen. Was Elros betraf, so war seine Rolle in Gil-galads Gesellschaft lange Zeit recht unklar, aber da er mein Bruder war, störte sich niemand daran.

Gil-galad ließ so lange Rast machen, bis wir genügend Kraft gesammelt hatten, um weiterzuziehen. Er gab uns ein kleines Pferd, auf das ich Elros setzte, damit er nicht laufen musste. Es sah recht ulkig aus, da Elros mit den Füßen den Boden streifte, wenn er nicht die Beine einzog. Die meiste Zeit über blieb Gil-galad bei uns und unterhielt sich mit uns. Der erste Eindruck, den er dabei auf mich machte, war recht eigenwillig und zwiegespalten. Bevor ich ihm an jenem schicksalhaften Tag das erste Mal begegnete, kannte ich ihn nur aus Geschichten, in denen er ein kleiner Junge war, der Onkel Maedhros „Geschichtenonkel" nannte. Doch nun sah ich mich einem nur unwesentlich älteren Elb gegenüber, der mein König war und all das ausstrahlte, was einen guten Regenten ausmachte: Stärkte und Durchsetzungsvermögen, Güte und Gerechtigkeit. Gil-galad war hochgewachsen, seine athletische Figur wurde noch untermalt von seiner prächtigen Rüstung. Doch das Beeindruckendsten an ihm waren für mich seine grauen Augen. Sie waren schon für sein junges Alter sehr tiefgründig und zeugten von einer ganz eigenen Weisheit, die man bei jemandem seines Alters nicht vermutet hätte. Stets huschten sie umher, um alles in seiner Umgebung aufzunehmen. Ein sonderbarer, lebhafter Glanz schien aus diesen Augen, der von einem äußerst wachen Geist zeugte.

Mir wurde sehr schnell klar, dass es dieser Elb war, dem ich folgen wollte. Es lag nicht daran, dass wir sonst nirgends hin konnten, es lag vor allem an der charismatischen Führungsfigur Gil-galads. Natürlich, ich kann es nicht oft genug betonen, verdankte ich ihm auch mein Leben, und dafür schuldete ich ihm etwas. Und vielleicht spürte ich ja auch schon da, dass Gil-galad ein sehr guter Freund war.